S.
OL
Meine Damen und Herren! Es ist nicht immer leicht die
Wahrheit zu sagen, besonders wenn man kurz sein muß, und
so bin ich heute genötigt, eine Unrichtigkeit zu korrigieren, die
ich in meinem letzten Vortrag vorgebracht habe. Ich sagte
Ihnen, wenn ich unter Verzicht auf die Hypnose in meine
Kranken drang, mir doch mitzuteilen, was ihnen zu dem eben
behandelten Problem einfiele — sie wüßten ja doch alles angeb-
lich Vergessene, und der auftauchende Einfall werde gewiß das
Gesuchte enthalten —, so machte ich tatsächlich die Erfahrung,
daß der nächste Einfall meines Kranken das richtige brachte und
sich als die vergessene Fortsetzung der Erinnerung erwies.
Nun, das ist nicht allgemein richtig; ich habe es nur der Ab-
kürzung halber so einfach dargestellt. In Wirklichkeit traf
es nur die ersten Male zu, daß sich das richtige Vergessene
durch einfaches Drängen von meiner Seite einstellie. Setzte
man das Verfahren fort, so kamen jedesmal Einfälle, die nicht
die richtigen sein konnten, weil sie nicht passend waren, und
die die Kranken selbst als unrichtig verwarfen. Das Drängen
brachte hier keine weitere Hilfe, und man konnte wieder be-
dauern, die Hypnose aufgegeben zu haben.In diesem Stadium der Ratlosigkeit klammerte ich mich an
ein Vorurteil, dessen wissenschaftliche Berechtigung Jahre später
durch meinen Freund ©. G. Jung in Zürich und seino Schüler
erwiesen wurde. Ich muß behaupten, es ist manchmal rechtS.
28 Die Technik des Erratens
nützlich, Vorurteile zu haben. Ich brachte eine hohe Meinung
von der Strenge der Determinierung seelischer Vorgänge mit
und konnte nicht daran glauben, daß ein Einfall des Kranken,
den er bei gespannter Aufmerksamkeit produzierte, ganz
willkürlich und außer Beziehung zu der von uns gesuchten ver-
gessenen Vorstellung sei; daß er mit dieser nicht identisch war,
ließ sich aus der vorausgesetzten psychologischen Situation be-
friedigend erklären. In dem behandelten Kranken wirkten zwei
Kräfte gegeneinander, einerseits sein bewußtes Bestreben, das
in seinem Unbewußten vorhandene Vergessene ins Bewußtsein
zu ziehen, anderseits der uns bekannte Widerstand, der sich
gegen solches Bewußtwerden des Verdrängten oder seiner Ab-
kömmlinge sträubte. War dieser Widerstand gleich Null oder
sehr gering, so wurde das Vergessene ohne Entstellung bewußt;
ed lag also nahe, anzunehmen, daß die Entstellung des Gesuchten
um so größer ausfallen werde, je größer der Widerstand gegen
das Bewußtwerden des Gesuchten sei. Der Einfall des Kranken,
der anstatt des Gesuchten kam, war also selbst entstanden wie
ein Symptom; er war eine neue, künstliche und ephemere Er-
satzbildung für das Verdrängte, und demselben um so unähn-
licher, eine je größere Entstellung er unter dem Einfluß des
"Widerstandes erfahren hatte. Er mußte aber doch eine gewisse
Ähnlichkeit mit dem Gesuchten aufweisen, kraft seiner Natur
als Symptom, und bei nicht zu intensivem Widerstand mußte
es möglich sein, aus dem Einfall das verborgene Gesuchte zu
erraten. Der Einfall mußte sich zum verdrängten Element ver-
halten wie eine Anspielung, wie eine Darstellung desselben in
indirekter Rede.Wir kennen auf dem Gebiete des normalen Seelenlebens
Fälle,in denen analoge Situationen wie die von uns angenommene
auch ähnliche Ergebnisse liefern. Ein solcher Fall ist der desS.
aus freien Einfällen des Kranken. 29
Witzes. Durch die Probleme der psychoanalytischen Technik
bin ich denn auch genötigt worden, mich mit der Technik der
Witzbildung zu beschäftigen. Ich will Ihnen ein einziges solches
spiel erläutern, übrigens einen Witz in englischer Sprache.
Die/Anekdote erzühlt:") Zwei wenig skrupulösen Geschäfts-
leuten war es gelungen, sich durch eine Reihe recht gewagter
Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben, und nun
ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft aufzu-
drängen. Unter anderem erschien es ihnen als ein zweckmäßiges
Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler der
Stadt, dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen
zu lassen. Auf einer großen Soirce wurden die kostbaren Bilder
zuerst gezeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den
einflußreichsten Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Sa-
Jons, an welcher die beiden Porträts nebeneinander aufgehängt
waren, um ihm sein bewunderndes Urteil zu entlocken. Der
sah die Bilder lange Zeit an, schüttelte dann den Kopf, als ob
er etwas vermissen würde, und fragte bloß, auf den freien
Raum zwischen’ den beiden Bildern deutend: „And where is the
Saviour?“ Ich sehe, Sie lachen alle über diesen guten
Witz, in dessen Verständnis wir nun eindringen wollen. Wir
verstehen, daß der Kunstkenner sagen will: Ihr seid ein Paar
Spitzbuben, wie die, zwischen denen man den Heiland ans Kreuz
hingte. Aber er sagte es nicht; anstatt dessen äußert er etwas,
was zunächst sonderbar unpassend und hicht dazu gehörig scheint,
was wir aber im nächsten Moment als eine Anspielung auf
die von ihm beabsichtigte Beschimplung und als einen voll-
gültigen Ersatz für dieselbe erkennen. Wir können nicht er-
warten, daß sich beim Witz alle die Verhältnisse wiederfinden») Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Fr. Deu-
ticke, Wien 1905, 2, Aufl. 1912, p. 60.S.
30 IIL, Die indirekte Darstellung.
lassen, die wir bei der Entstehung des Einfalles bei unseren
Patienten vermuten, aber auf die Identität in der Motivierung
von Witz und Einfall wollen wir Gewicht legen. Warum sagt
unser Kritiker den beiden Spitzbuben nicht direkt, was er
ihnen sagen möchte? Weil neben seinem Gelüste, es ihnen un-
verhüllt ins Gesicht zu sagen, schr gute Gegenmotive in ihm
wirksam sind. Es ist nicht ungefährlich, Leute zu beleidigen,
bei denen man zu Gaste ist, und die über die kräftigen Fäuste
einer zahlreichen Dienerschaft verfügen. Man kann leicht jenem
Schicksal verfallen, das ich im vorigen Vortrag in eine Analogie
mit der „Verdrängung“ brachte. Aus diesem Grunde bringt der
Kritiker die beabsichtigte Beschimpfung nicht direkt, sondern
in entstellter Form als eine „Anspielung mit Auslassung“ zum
Ausdruck, und dieselbe Konstellation verschuldet es nach unserer
Meinung, daß unser Patient, anstatt des gesuchten Vergessenen,
einen mehr oder minder entstellten Ersatzeinfall produziert.Meine Damen und Herren! Es ist recht zweckmäßig, eine
Gruppe von zusammengehörigen, mit Affekt besetzten Vorstel-
Tungselementen nach dem Vorgange der Züricher Schule
@leuler, Jung u. a.) als einen „Komplex“ zu bezeichnen.
Wir schen also, wenn wir bei einem Kranken von dem letzten,
was er noch erinnert, ausgehen, um einen verdrängten Komplex
zu suchen, so haben wir alle Aussicht, diesen zu erraten, wenn
uns der Kranke eine genügende Anzahl seiner freien Einfälle
zur Verfügung stellt. Wir lassen also den Kranken reden, was
er will, und halten an der Voraussetzung fest, daß ihm nichts
anderes einfallen kann, als was in indirekter"Weise von dem
gesuchten Komplex abhängt. Erscheint Ihnen dieser Weg, das
Verdrängte aufzufinden, allzu umständlich, so kann ich Ihnen
wenigstens die Versicherung geben, daß er der einzig gang-
bare ist.S.
Die psychoanalytische Grundregel. 31
Wenn wir diese Technik ausüben, so werden wir noch durch
die Tatsache gestört, daß der Kranke häufig innehält, in
Stockungen gerät und behauptet, er wisse nichts zu sagen, es
falle ihm überhaupt nichts ein. Träfe dies zu und hätte der
Kranke recht, so wäre unser Verfahren wiederum als unzu-
länglich erwiesen. Allein eine feinere Beobachtung zeigt, daß
ein solches Versagen der Einfälle eigentlich nie eintritt. Dieser
Anschein kommt nur dadurch zu stande, daß der Kranke den
wahrgenommenen Einfall unter dem Einfluß der Widerstände,
die sich in verschiedene kritische Urteile über den Wert des
Einfalls kleiden, zurückhält oder wieder beseitigt. Man schützt
sich dagegen, indem man ihm dieses Verhalten vorhersagt und
von ihm fordert, daß er sich um diese Kritik nicht kümmere.
Er eoll-unter völligem Verzicht auf solche kritische Auswahl
alles sagen, was ihm in den Sinn kommt, auch wenn er es
für unrichtig, für nicht dazu gehörig, für unsinnig hält, vor
allem auch dann, wenn es ihm unangenehm ist, sein Denken
mit dem Einfall zu beschäftigen. Durch die Befolgung dieser
Vorschrift sichern wir uns das Material, welches uns auf die
Spur der verdrängten Komplexe führt.Dies Material von Einfällen, welche der Kranke gering-
schätzenkl von sich weist, wenn er unter dem Einflusse des
Widerstandes anstatt unter dem des Arztes steht, stellt für den
Psychoanalytiker gleichsam das Erz dar, dem er mit Hilfe
von einfachen Deutungskünsten seinen Gehalt an wertvollem
Metall entzieht. Wollen Sie sich bei einem Kranken eine rasche
und vorläufige Kenntnis der verdrängten Komplexe schaffen,
ohne noch auf deren Anordnung und Verknüpfung einzugehen,
so’bedienen Sie sich dazu der Prüfung mit dem Assoziations-
experiment, wie sie Jung?) und seine Schüler ausgebildet4) 0. 6. Jung, Disgnostische Assoziationsstudien, I. Bd., 1906.
S.
32 II. Das Assoziationsexperiment.
haben. Dies Verfahren leistet dem Psychoanalytiker so viel
wie die qualitative Analyse dem Chemiker; es ist in der The-
rapie der neurotisch Kranken entbehrlich, unentbehrlich aber
zur objektiven Demonstration der Komplexe und bei der Unter-
suchung der Psychosen, die von der Züricher Schule so erfolg-
reich in Angriff genommen worden ist.Die Bearbeitung der Einfälle, welche sich dem Patienten
ergeben, wenn er sich der psychoanalytischen Hauptregel unter-
wirft, ist nicht das einzige unserer technischen Mittel zur Er-
schlieBung des Unbewußten. Dem gleichen Zwecke dienen zwei
andere Verfahren, die Deutung seiner Träume und die Verwer-
tung seiner Fehl- und Zufallshandlungen.Ich gestehe Ihnen, meine gechrten Zuhörer, daß ich lange
geschwankt habe, ob ich Ihnen anstatt dieser gedrängten Über-
sicht über das ganze Gobiet der Psychoanalyse nicht lieber eine
ausführliche Darstellung der Traumdeutung bieten soll.)
Ein rein subjektives und anscheinend sekundäres Motiv hat mich
davon zurückgehalten. Es erschien mir fast anstößig, in diesen
praktischen Zielen zugewendeten Lande als „Traumdeuter“ auf-
mutreten, che Sie noch wissen konnten, auf welche Bedeutung
diese veraltete und verspottete Kunst Anspruch erheben kann.
Die, Traumdeutung ist in Wirklichkeit die Via Regia zur Kennt-
nis des Unbewußten, die sicherste Grundlage der Psychoanalyse
und; jenes Gebiet, auf welchem jeder Arbeiter seine Überzeugung
zu gewinnen und seine Ausbildung anzustreben hat. Wenn ich
gefragt werde, wie man Psychosnalytiker werden kann, so ant-
worte ich, durch das Studium seiner eigenen Träume. Mit rich-
tigem Takt sind alle Gegner der Psychoanalyse bisher einer
Würdigung der ‚Lraumdeutung“ ausgewichen oder haben mit
den seichtesten Einwendungen über sie hinwegzukommen ge-4) Die Traumdeutung, Fr. Deuticke, Wien 1900, (4. Aufl. 1914).
S.
Die Traumdeutung. 33
trachtet. Wenn Sie im Gegenteile die Lösungen der Problems
des Traumlebens anzunehmen vermögen, werden Ihnen die Neu-
heiten, welche die Psychoanalyse Ihrem Denken zumutet, keine
Schwierigkeiten mehr bieten.Vergessen Sie nicht daran, daß unsere nächtlichen Traum-
Froduktionen einerseits die größte äußere Ähnlichkeit und innere
Verwandtschaft mit den Schöpfungen der Geisteskrankheit zei-
gen, anderseits aber mit der vollen Gesundheit des Wachlebens
verträglich sind. Es ist keine paradoxe Behauptung, daß,
wer jenen „normalen“ Sinnestäuschungen, Wahnideen und Cha-
rakteränderungen Verwunderung anstatt Verständnis entgegen-
bringt, auch nicht die leiseste Aussicht hat, die abnormen Bil-
dungen krankhafter Seelenzustände anders als im laienhaften
Sinne zu begreifen. Zu diesen Laien dürfen Sie heute getrost
fast alle Psychiater zählen. Folgen Sie mir nun auf einen
flüchtigen Streifzug durch das Gebiet der Traumprobleme.Wir pflegen, wenn wir erwacht sind, die Träume so ver-
ächtlich zu behandeln wie der Patient die Einfälle, die der
Psychoanalytiker von ihm fordert. Wir weisen sie aber auch
vou uns ab, indem wir sie in der Regel rasch und vollständig
vergessen. Unsere Geringschätzung gründet sich auf den fremd-
artigen Charakter selbst jener Träume, die nicht verworren und
unsinnig sind, und auf die evidente Absurdität und Sinnlosig-
keit anderer Träume; unsere Abweisung beruft sich auf die
wngehemmt schamlosen und unmoralischen Strebungen, die in
manchen Träumen offen zu Tage treten. Das Altertum hat
diese Geringschätzung der Träume bekanntlich nicht geteilt.
Die niederen Schichten unseres Volkes lassen sich in der Wert.
schätzung der Träume auch heute nicht irre machen; sie er-
warten von ihnen wie die Alten die Enthüllung der Zukunft.Ich bekenne, daß ich kein Bedürfnis nach mystischen An.
Freud, Über Psychoanalyse, 3. Anl, 3
S.
34 II, Manifester Trauminhalt
nahmen zur Austüllung der Lücken unserer gegenwärtigen Er-
kenntnis habe, und darum habe ich auch nie etwas finden können,
was eine prophetische Natur der Träume bestätigte. Es läßt
sich viel andersartiges, was auch wunderbar genug ist, über die
Träume sagen.Zunächst, nicht alle Träume sind dem Träumer wesensfremd,
unverständlich und verworren. Wenn Sie die Träume jüngster
Kinder, von 14/, Jahren an, Ihrer Betrachtung unterziehen wollen,
so finden sie dieselben ganz simpel und leicht aufzuklären. Das
kleine Kind träumt immer die Erfüllung von Wünschen, die
der Ta, vorher in ihm erweckt und nicht befriedigt hat. Sie
bedürfen keiner Deutungskunst, um diese einfache Lösung zu
finden, sondern nur der Erkundigung nach den Erlebnissen des
Kindes am Vortag (Traumtag). Es wäre nun gewiß die befrie-
digendste Lösung des Traumrätsels, wenn auch die Träume der
Erwachsenen nichts anderes wären als die der Kinder, Erfül-
lungen von Wunschregungen, die ihnen der Traumtag gebracht
hat. So ist es auch in Wirklichkeit; die Schwierigkeiten, welche
dieser Lösung im Wege stehen, lassen sich durch eine eingehen-
dere Analyse der Träume schrittweise beseitigen.Da ist vor allem die erste und gewichtigste Einwendung,
daß die Träume Erwachsener gewöhnlich einen unverständlichen
Inhalt haben, der am wenigsten etwas von Wunscherfüllung
erkennen läßt. Die Antwort lautet hier: Diese Träume haben
eine Entstellung erfahren; der psychische Vorgang, der ihnen
zu Grunde legt, hätte ursprünglich ganz anderen Ausdruck in
Worten finden sollen. Sie müssen den manifesten Traum-
inhalt, wie Sie ihn am Morgen verschwommen erinnern und
mühselig, anscheinend willkürlich, in Worte kleiden, unter-
scheiden von den latenten Traumgedanken, die Sie im
Unbewußten vorhanden anzunehmen haben. Diese Traumentstel-S.
und latente Traumgedanken. 36
lung ist derselbe Vorgang, den Sie bei der Untersuchung der
Bildung hysterischer Symptome kennen gelernt haben; sie weist
auch darauf hin, daß das gleiche Gegenspiel der seelischen
Kräfte bei der Traumbildung wie bei der Symptombildung be-
teiligt ist. Der manifeste Trauminhalt ist der entstellte Ersatz
für die unbewußten Traumgedanken, und diese Entstellung ist
das Werk von abwehrenden Kräften des Ichs, Widerständen,
welche den verdrängten Wünschen des Unbewußten den Zu-
‚gang zum Bewußtsein im Wachleben überhaupt verwehren, in
der Herabsetzung des Schlafzustandes aber wenigstens noch so
stark sind, daß sie ihnen eine verhüllende Vermummung auf-
nötigen. Der Träumer erkennt dann den Sinn seiner Träume
ebenso wenig wie der Hysterische die Beziehung und Bedeu-
tung seiner Symptome.Daß es latente Traumgedanken gibt, und daß zwischen ihnen
und dem manifesten Trauminhalt wirklich die eben beschriebene
Relation besteht, davon überzeugen Sie sich bei der Analyse
der Träume, deren Technik mit der psychoanalytischen zusam-
menfällt. Sie schen von dem scheinbaren Zusammenhang der
Elemente im manifesten Traum ganz ab und suchen sich die
Einfälle zusammen, die sich bei freier Assoziation nach der
psychoanalytischen Arbeitsregel zu jedem ‘einzelnen ‘Traum-
element ergeben. Aus diesem Material erraten Sie die latenten
Traumgedanken ganz so, wie Sie aus den Einfällen der Kranken
zu seinen Symptomen und Erinnerungen seine versteckten Kom-
plexe erraten haben. An den so gefundenen latenten Traum-
‚gedanken ersehen Sie ohne weiteres, wie vollberechtigt die Rück-
führung der Träume Erwachsener auf die Kinderträume ist.
Was sich jetzt als der eigentliche Sinn des Traumes dem mani-
festen Trauminhalt substituiert, das ist immer klar verständlich,
knüpft an die Lebenseindrücke des Vortages an, erweist sich8
S.
36 UL Die Wunscherfiillung im Traume.
als eine Erfüllung unbefriedigier Wünsche. Den manifesten
Traum, den Sie aus der Erinnerung beim Erwachen kennen,
können Sie dann nur beschreiben als eine verkappte Er
füllung verdrängter Wünsche.Sie können durch eine Art von synthetischer Arbeit jetzt
auch Einsicht nehmen in den Prozeß, der die Entstellung der
unbewußten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt her-
beigeführt hat. Wir heißen diesen Prozeß die „Iraumarbeit“.
Derselbe verdient unser vollstes theoretisches Interesse, weil
wir an ihm wie sonst nirgends studieren können, welche un-
geahnten psychischen Vorgänge im Unbewußten, oder genau
ausgedrückt, zwischen zwei gesonderten psychischen Sy-
stemen wie dem Bewußten und dem Unbewußten, möglich sind.
Unter diesen neu erkannten psychischen Vorgängen heben sich
die der Verdichtung und der Verschiebung auffällig
heraus. Die Traumarbeit ist ein Spezialfall der Einwirkungen
verschiedener seelischer Gruppierungen aufeinander, also der
Erfolge der seelischen Spaltung, und sie scheint in allem We-
sentlichen identisch mit jener Entstellungsarbeit, welche die
verdrängten Komplexe bei mißglückender Verdrängung in
Symptome verwandelt.Sie werden f&rner bei der Analyse der Träume, am über-
zeugendsten Ihrer eigenen, mit Verwunderung die ungeahnt
‚große Rolle entdecken, welche Eindrücke und Erlebnisse früher
Jahre der Kindheit auf die Entwicklung des Menschen nehmen.
Im Traumleben setzt das Kind im Menschen gleichsam seine
Existenz mit Erhaltung all seiner Rigentümlichkeiten und
Wunschregungen, auch der im späteren Leben unbrauchbar ge-
wordenen, fort. Mit unabweislicher Macht drängt sich Ihnen
auf, durch welche Entwicklungen, Verdrängungen, Sublimie-
rungen und Reaktionsbildungen aus dem ganz anders beanlagtenS.
S.
38 ILL. Die Fehl-, Symptom-
nährten Komplexe führt, und ich kann zur dritten Gruppe von
seelischen Phänomenen übergehen, deren Studium zum tech-
nischen Mittel für die Psychoanalyse geworden ist.Es sind dies die kleinen Fehlhandlungen normaler wie ner-
vöser Menschen, denen man sonst keine Bedeutung beizulegen
pflegt, das Vergessen von Dingen, die sie wissen könnten und
andere Male auch wirklich wissen (z. B. das zeitweilige Ent-
fallen von Eigennamen), das Versprechen in der Rede, das sich
uns selbst so häufig ereignet, das analoge Verschreiben und
Verlesen, das Vergreifen bei Verrichtungen und das Verlieren
oder Zerbrechen von Gegenständen u. dgl., lauter Dinge, für
die man eine psychologische Determinierung sonst nicht sucht,
und die man als zufällige Ergebnisse, als Erfolge der Zer-
streutheit, Unaufmerksamkeit und ähnlicher Bedingungen unbe-
anständet passieren läßt. Dazu kommen noch die Handlungen
und Gesten, welche die Menschen ausführen, ohne sie überhaupt
zu bemerken, geschweige denn, daß sie ihnen seelisches Gewicht
beilegten, wie das Spielen, Tändeln mit Gegenständen, das
Summen von Melodien, das Hantieren am eigenen Körper und
an dessen Bekleidung und ähnliches.1) Diese kleinen Dinge,
die Fehlhandlungen wie die Symptom- und Zufalls-
handlungen, sind nicht so bedeutungslos, wie man durch
eine Art von stillschweigendem Übereinkommen anzunehmen
bereit ist. Sie sind durchaus sinnvoll, aus der Situation, in der
sie vorfallen, meist leicht und sicher zu deuten, und es stellt
sich heraus, daß sie wiederum Impulsen und Absichten Aus-
druck geben, die zurückgestellt, dem eigenen Bewußtsein ver-
borgen werden sollen, oder daß sie geradezu den nämlichen ver-
drängten Wunschregungen und Komplexen entstammen, die wir%) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 4. Aufl, 1912,
8. Karger, Berlin.S.
und Zufallshandlungen. 39
bereits als die Schöpfer der Symptome und die Bildner der
Träume kennen gelernt haben. Sie verdienen also die Würdi-
gung von Symptomen, und ihre Beachtung kann wie die der
Träume zur Aufdeckung des Verborgenen im Seelenleben führen.
Mit ihrer Hilfe verrät der Mensch in der Regel die intimsten
seiner Geheimnisse. Wenn sie besonders leicht und häufig zu
stande kommen, selbst beim Gesunden, dem die Verdrängung
seiner unbewußten Regungen im ganzen gut gelungen ist, so
haben sie es ihrer Geringfügigkeit und Unscheinbarkeit zu
danken. Aber sie dürfen hohen theoretischen Wert beanspruchen,
da sie uns die Existenz der Verdrängung und Ersatzbildung
auch unter den Bedingungen der Gesundheit erweisen.Sie merken es bereits, daß sich der Psychoanalytiker durch
einen besonders strengen Glauben an die Determinierung des
Seelenlebens auszeichnet. Für ihn gibt es in den psychischen
Äußerungen nichts Kleines, nichts Willkürliches und Zufälliges;
er erwartet überall dort eine ausreichende Motivierung, wo man
gewöhnlich eine solche Forderung nicht erhebt; ja er ist auf
eine mehrfache Motivierung desselben seelischen Ef-
fekts vorbereitet, während unser angeblich eingeborenes Kausal-
bedürfnis sich mit einer einzigen psychischen Ursache für be
friedigt erklärt.Halten Sie nun zusammen, was wir an Mitteln zur Auf-
deckung des Verborgenen, Vergessenen, Verdrängten im Seelen-
leben besitzen, das Studium der hervorgerufenen Einfälle der
Patienten bei freier Assoziation, ihrer Träume und ihrer Fehl-
und Symptomhandlungen; fügen Sie noch hinzu die Verwertung
anderer Phänomene, die sich während der psychoanalytischen
Behandlung ergeben, über die ich später unter dem Schlagwort. der
„Übertragung“ einige Bemerkungen machen werde, so werden
Sie mit mir zu dem Schlusse kommen, daß unsere Technik bereitsS.
40 IIL Einwendungen
wirksam genug ist, um ihre Aufgabe lésen zu kénnen, um das
pathogene psychische Material dem Bewußtsein zuzuführen und
so die durch die Bildung von Ersatzsymptomen hervorgerufenen
Leiden zu beseitigen. Daß wir während der therapeutischen
Bemühungen unsere Kenntnis vom Seelenleben der normalen
und der kranken Menschen bereichern ind vertiefen, kann gewiß
nur als ein besonderer Reiz und Vorzug dieser Arbeit einge-
schätzt werden.Ich weiß nicht, ob Sie den Eindruck gewonnen haben, daß
die Technik, durch deren Arsenal ich Sie eben geführt habe,
eine besonders schwierige ist. Ich meine, sie ist dem Gegen-
stande, den sie bewältigen soll, durchaus angemessen. Aber
so viel ist sicher, daß sie nicht selbstverständlich ist, daß sie
erlernt werden muß wie die histologische oder die chirurgische.
Es wird Sie vielleicht verwundern zu erfahren, daß wir in Eu-
ropa eine Menge von Urteilen über die Psychoanalyse von Per-
sonen gehört haben, die von dieser Technik nichts wissen und sie
nicht anwenden, und dann von uns wie im Hohne verlangten, wir
sollten ihnen die Richtigkeit unserer Resultate beweisen. Es
sind unter diesen Widersachern gewiß auch Personen, denen
wissenschaftliche Denkweise sonst nicht fremd ist, die z. B. ein
Ergebnis mikroskopischer Untersuchung nicht darum verwerfen
würden, weil es am anatomischen Präparat nicht mit freiem
Auge zu bestätigen ist, und nicht eher, als bis sie den Sachverhalt
selbst mit Hilfe des Mikroskops beurteilt haben. Aber in Sachen
der Psychoanalyse liegen die Verhältnisse wirklich ungünstiger
für die Anerkennung. Die Psychoanalyse will das im Seelen-
leben, Verdrängte zur bewußten Anerkennung bringen, und jeder,
der sie beurteilt, ist selbst ein Mensch, der solche Verdrängungen
besitzt, vielleicht sie nur mühsam aufrecht erhält. Sie muß
also bei ihm denselben Widerstand hervorrufen, den sie beiS.
‚gegen die Psychoanalyse. 4
den Kranken weckt, und dieser Widerstand hat es leicht, sich
in intellektuelle Ablehnung zu verkleiden und Argumente her-
beizuziehen, ähnlich wie die, welche wir bei unseren Kranken
mit der psychoanalytischen Grundregel abwehren. Wie bei
unseren Kranken, so können wir auch bei unseren Gegnern häufig
eine schr auffällige affektive Beeinflussung des Urteilsvermö-
gens im Sinne einer Herabsetzung konstatieren. Der Dünkel
des Bewußtseins, der z. B. den Traum so geringschätzig ver-
wirft, gehört zu den stärksten Schutzeinrichtungen, die in uns
ganz allgemein gegen das Durchdringen der unbewußten Kom-
plexe vorgeschen sind, und darum ist es so schwierig, die Men-
schen zur Überzeugung von der Realität des Unbewußten zu
bringen und sie Neues kennen zu lehren, was ihrer bewußten
Kenntnis widerspricht.
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Über Psychoanalyse1910-001/1916