• S.

    26

    26

    gerade jene Eigenschaften Charaktere zu verschaffen,
    die für das Individuum charakteris-
    tisch waren und die bei ihm durch
    die Massenbildung ausgelöscht wurden.
    Denn das Individuum hatte außerhalb
    der primitiven Masse seine Kontinuität,
    sein Selbstbewußtsein, seine Traditionen
    und Gewohnheiten, seine besondere
    Arbeitsleistung und Einreihung und
    hielt sich von anderen gesondert mit denen
    er rivalisierte. Diese Eigenart hatte es
    durch seinen Eintritt in die nicht organ-
    isierte Masse für eine Zeit verloren.
     

    Es kommt also darauf an Die Masse mit diesen Attributen
    des Individuums auszustatten. So wird
    man eine gehaltreiche Bemerkung von
    W. Trotter*) gedenken, der eine Neigung zur
                                               der

    *) Instincts of the herd in peace and war.
       London 1916.

    Massenbildung eine biologische Fortführung
    der Vielzelligkeit aller höheren Organ-
    ismen bekennt erblickt.

    IV
    Suggestion und Libido

    Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen,
    daß ein Einzelner innerhalb einer Masse
    durch den Einfluß derselben eine oft
    tiefgreifende Veränderung seiner seelischen
    Tätigkeit erfährt. Seine Affektivität
    wird außerordentlich gesteigert, seine
    intellektuelle Leistung merklich einge-
    schränkt, beide Vorgänge offenbar
    in der Richtung eines Angleichung
    an die anderen Massenindividuen;
    ein Erfolg der nur durch die Aufhebung
    der jedem Einzelnen eigentümlichen
    Triebhemmungen und Verzicht auf seine
    die für Besonderen Ausgestaltungen seiner
    Neigungen erreicht werden kann.
    Wir haben gehört, daß diese oft uner-
    wünschten Wirkungen durch eine höhere
     

     

     


     

  • S.

    27

    „Organisation“ der Massen wenigstens teil-
    weise hintangehalten werden aber der
    Grundtatsache der Massenpsychologie den
    beiden Sätzen von der Affektsteigerung
    und der Denkhemmung in der Masse
    ist dadurch nicht widersprochen worden.
    Unser Interesse geht nun dahin zu untersuchen für diese
    seelische Wandlung des Einzelnen in
    der Masse die psychologische Erklärung
    zu finden.
    Rationelle Momente wie die vorhin
    erwähnte Einschüchterung des Einzelnen,
    also die Aktion seines Selbsterhaltungstrie-
    bes, decken offenbar die zu beob-
    achtenden Phänomene nicht. Was uns sonst
    als Erklärung von den Autoren über
    Soziologie und Massenpsychologie geboten
    wird ist immer das nämliche wenn auch
    unter wechselnden Namen: das
    Zauberwort der Suggestion. Bei Tarde
    hieß sie Nachahmung, aber wir müssen
    einem Autor Recht geben der uns vor-
    hält die Nachahmung falle unter den
    Begriff der Suggestion sei eben eine
    Folge derselben*. Bei Le Bon wurde alles


    *) Brugeilles, L'essence du phénomène social:
        la suggestion. Revue philosophique XXV. 1913.


    Befremdende der sozialen Erscheinungen
    auf zwei Faktoren zurückgeführt auf
    die gegenseitige Suggestion der Führer
    der Einzelnen und das Prestige der
    Führer. Aber das Prestige äußert sich
    wiederum nur in der Wirkung Sug-
    gestion hervorzurufen. Bei Mc Dougall
    konnten wir einen Moment lang den
    Eindruck empfangen daß sein Prinzip
    der „primären Affektinduktion“ die
    Annahme der Suggestion entbehrlich
    mache. Aber bei näherem Zusehen müssen
    wir doch einsehen daß dies Prinzip nichts
    anderes aussagt als die bekannten Be-
    hauptungen der „Nachahmung“ oder „Anstekk-

  • S.

    28

    ung“ unter entschiedener Betonung des affekt-
    iven Moments. Daß eine derartige
    Tendenz in uns besteht wenn wir die
    Zeichen eines Affektzustandes bei einem
    anderen gewahren in denselben Affekt
    zu verfallen ist unzweifelhaft aber wir
    oft widerstehen wir ihr erfolgreich
    weisen den Affekt ab reagieren oft in
    ganz gegensätzlicher Weise? Warum also
    geben wir dieser Ansteckung in der
    Masse regelmäßig nach? Man wird
    wiederum sagen müssen es sei der
    suggestive Einfluß der Masse der
    uns nötigt dieser Nachahmungstendenz
    zu gehorchen, der den Affekt in uns
    induziert. Übrigens kommen wir auch bei
    Mc Dougall nicht um die Suggestion
    herum; wir hören von ihm wie von
    anderen: die Massen zeichnen sich durch
    besondere Suggestibilität aus.
    Man wird so für die Aussage vorbe-
    reitet, die Suggestion (richtiger die Sug-
    gerierbarkeit) sei eben ein weiter
    nicht reduzierbares Urphänomen eine
    Grundtatsache des menschlichen See-
    lenlebens. So hielt es auch Bernheim von
    dessen erstaunlichen Künsten ich im Jahre
    1889 Zeuge war. Ich weiß mich aber auch
    damals an eine dumpfe Gegnerschaft
    gegen diese Tyrannei der Suggestion
    zu erinnern. Wenn ein Kranker der
    sich nicht fügig zeigte angeschrieen
    wurde: Was tun Sie denn? Vous
    vous contresuggestionnez!, so sagte ich mir
    das sei offenbar Unrecht und Ge-
    walttat. Der Mann habe zu Gegen-
    suggestionen gewiß ein Recht wenn
    man ihn mit Suggestionen sich unter-
    werfen versuchte. Mein Widerstand
    nahm dann später die Richtung einer
    Auflehnung dagegen daß die Suggestion,

  • S.

    29

    die alles erklärte, selbst der Erklärung
    entzogen sein sollte. Ich wiederholte
    mit Bezug auf sie die alte Scherzfrage:
     

        Christoph trug Christum,
         Christus trug die ganze Welt,
         Sag', wo hat Christoph
         Damals hin den Fuß gestellt?
     

    Wenn ich nun nach etwa 30jähriger Fern-
    haltung wieder an das Rätsel der Sug-
    gestion herantrete, finde ich, daß sich nichts
    daran geändert hat. Von einer einzigen
    Ausnahme, die eben den Einfluß der
    Psychoanalyse bezeugt, darf ich ja bei
    dieser Behauptung absehen. Ich sehe, daß
    man sich besonders darum bemüht, den
    Begriff der Suggestion korrekt zu
    formulieren, also den Gebrauch des
    Namens konventionell festzulegen*,
     


    *) So Mc Dougall im „Journal of Neurology
        and Psychopathology“, Vol I, No. 1, May 1920:
        A note on suggestion.


    und dies ist nicht überflüssig, denn das Wort
    geht einer immer weiteren Verwendung
    mit aufgelockerter Bedeutung entgegen
    und wird bald jede beliebige Beein-
    flussung bezeichnen wie im Englischen, wo
    „to suggest, suggestion“ unserem „nahelegen“,
    unserer „Anregung“ entspricht. Aber über
    das Wesen der Suggestion, d. h. über die
    Bedingungen, unter denen sich Beeinfluss-
    ungen ohne zureichende logische Begründung
    herstellen, hat sich eine Aufklärung nicht
    ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht
    entziehen diese Behauptung durch die Analyse der
    Literatur dieser letzten 30 Jahre zu erhärten,
    allein ich unterlasse es, weil mir bekannt ist,
    daß in meiner Nähe eine ausführliche
    Untersuchung vorbereitet wird, welche sich eben diese Aufgabe
    gestellt hat.

  • S.

    √29

     

    (Tipped-in Slip)
    Ich wiederhole mit
    Bezug auf sie die
    alte Scherzfrage:
    Christoph trug Christum,
    Christus trug die ganze
                      Welt,
    Sag' wo hat Christoph
    damals hin den Fuß
                      gestellt?
    (Christophorus Christum, sed
    Christus sustulit orbem:
    Constiterit pedibus dic ubi
    Christophorus?)
    Konrad Richter, der heil.
    S. Christoph, Berlin 1896.
    Acta Germanica V, 1.
     


     


     

  • S.

    30

        Anstatt dessen werde ich den Versuch
    machen, zur Aufklärung der Massenpsychologie
    den Begriff der Libido zu verwenden,
    der uns im Studium der Psychoneurosen
    so gute Dienste geleistet hat.
         Libido ist ein Ausdruck aus der Affek-
    tivitätslehre. Wir heißen so die als quant-
    itative Größe betrachtete — wenn auch
    derzeit nicht meßbare — Energie
    solcher Triebe, welche mit alldem
    zu tun haben, was man als Liebe zusammenfassen kann.
    Den Kern des von uns Liebe Geheißenen
    bildet natürlich,
    was man gemeinhin Liebe nennt und
    was die Dichter besingen, die Ge-
    schlechtsliebe mit dem Ziel der ge-
    schlechtlichen Vereinigung. Aber wir
    trennen davon nicht ab, was auch sonst
    an dem Namen Liebe Anteil
    hat, einerseits die Selbstliebe,
    andererseits die Eltern- und Kindesliebe,
    die Freundschaft und die allgemeine
    Menschenliebe, auch nicht die Hingebung
    an konkrete Gegenstände und an
    abstrakte Ideen. Unsere Rechtfertigung
    liegt darin, daß die psychoanalytische Unter-
    suchung uns gelehrt hat, alle diese
    Strebungen seien der Ausdruck der
    nämlichen Triebregungen, die zwischen
    den Geschlechtern zur geschlechtlichen
    Vereinigung hindeuten, in anderen
    Verhältnissen zwar von diesem Ziel
    abgedrängt oder in der ErreichungVornahme
    desselben aufgehalten werden,
    dabei aber doch immer genug von
    ihrem ursprünglichen Wesen be-
    wahren, um ihre Identität kenntlich
    zu erhalten (Selbstaufopferung,
    Streben nach Annäherung).

  • S.

    31

    Wir meinen also, daß die Sprache
    mit dem Wort „Liebe“ in seinen viel-
    fältigen Anwendungen eine durchaus
    berechtigte Zusammenfassung geschaffen
    hat, und daß wir nichts Besseres tun
    können, als dieselbe auch unseren
    wissenschaftlichen Erörterungen zu Grunde
    zu legen. Durch diesen Entschluß hat die
    Psychoanalyse einen Sturm von
    Entrüstung entfesselt, als ob sie sich einer
    frevelhaften Neuerung schuldig
    gemacht hätte. Und doch hat die
    Psychoanalyse mit dieser „erweiterten“
    Auffassung der Liebe nichts Originelles
    geschaffen. Der „Eros“ des Philosophen
    Plato zeigt in seiner Herkunft,
    Leistung und Beziehung zur Geschlechtsliebe
    eine vollkommene Deckung mit
    der Liebeskraft, der Libido der Psycho-
    analyse wie Nachmansohn und Pfister
    im Einzelnen dargelegt haben*), und
     


    *) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie und die
       Eroslehre Platos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse III, 1915,
       Pfister, ebd. VII, 1921.


    wenn der Apostel Paulus in dem berühm-
    ten Brief an die Korinther die Liebe
    über alles andere preist, hat er sie
    gewiß im nämlichen „erweiterten“ Sinne
    verstanden*). Woraus nur zu lernen
     


    *) „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen
       redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre
       ich ein tönend Erz oder eine klingende
       Schelle.“ u. ff.


    ist, daß die Menschen ihre großen Denker
    nicht immer ernst nehmen auch wenn sie
    sie angeblich sehr bewundern.
         Diese Liebestriebe werden nun in
    der Psychoanalyse a potiori und von
    ihrer Herkunft her Sexualtriebe ge-
    heißen. Die Mehrzahl der Gebildeten...

  • S.

    32

    hat diese Namensg als eine Beleidigung
    empfunden und an der Psychoanalyse durch
    den Vorwurf des „Pansexualismus“ Rache
    genommen. Wer die Sexualität als etwas
    Beschämendes und Erniedrigendes für die
    menschliche Natur ansieht, dem steht es
    frei, sich der vornehmeren Ausdrücke Eros
    und Erotik zu bedienen. Ich hätte es auch
    von Anfang an tun können und mir so viel
    Widerspruch erspart. Aber ich wollte es
    nicht, denn ich vermeide gerne Konzessionen
    an die Gutmütigkeit. Man weiß nie, wohin
    man auf diesem Wege gerät; man gibt
    zuerst in Worten nach und dann allmählich
    auch in der Sache. Ich sehe kein Verdienst
    darin, sich seiner Tatsachen zu schämen;
    der Name Sexualis ist zudem griechisch,
    wenn auch vielleichtder Herkunft nach nur lateinisch, während
    der Eros, der den Vorwurf beschönigen soll,
    doch am Ende nichts anderes als die Über-
    setzung unseres deutschen Wortes Liebe ist;
    schließlich, wer zu warten versteht, braucht
    keine Konzessionen zu machen.
         Wir wollen also an der Voraussetzung
    festhalten, daß Liebesbeziehungen (allgemeiner
    gesagt: Gefühlsbindungen) auch das Wesen
    der Massenseele ausmachen. Erinnern wir
    uns, daß die Autoren von solchen nicht
    sprechen. Was ihnen als Äquivalent
    solcher Beziehungen vorschwebt, ist offenbar
    in der Suggestion enthalten. Unsere Er-
    wartung stützt sich auf zwei PunkteErwägungen. Erstens
    daß die Masse offenbar durch irgendeine
    Macht zusammengehalten wird. Welcher
    Macht aber könnte man diese Leistung eher
    zuschreiben als dem Eros, der alles in der
    Welt zusammenhält? Zweitens...

  • S.

    33

    Fortsetzung

    eher zuzuschreiben als dem Eros der alles in
    der Welt zusammenhält? Zweitens,
    daß man den Eindruck empfängt, wenn
    der Einzelne in der Masse seine Eigen-
    art aufgibt und sich von den Anderen
    suggerieren läßt, er tue es, weil ein
    Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Ein-
    vernehmen mit ihnen als im Gegensatz
    zu ihnen zu sein, also vielleicht doch ihnen
    zu Liebe.

    V
    Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer.
     

    Aus der Morphologie der Massen dürfen
    wir uns ins Gedächtnis, daß eine sehr
    verschiedene Arten von Massen und
    gegensätzliche Richtungen in ihrer Aus-
    bildung unterscheiden kann. Es giebt
    sehr flüchtige Massen und höchst dauer-
    hafte. Homogene, die aus gleichartigen
    Individuen bestehen und nicht homogene,
    natürliche Massen und künstliche, die
    zu ihrem Zusammenhalt auch einen äußeren
    Zwang erfordern; primitive Massen
    und gegliederte, hoch organisierte. Aus
    Gründen aber, auf welche die Einsicht
    noch erfüllt ist, möchten wir auf eine
    Unterscheidung besonderen Wert legen
    die bei den Autoren eher zu wenig
    beachtet wird; ich meine die von führer-
    losen Massen und von solchen mit
    Führern. Und recht im Gegensatz zur
    gewohnten Übung soll unsere Unter-
    suchung nicht eine relativ einfache
    Massenbildung zum Ausgangspunkt
    wählen, sondern wir an so hoch organisier-
    ten, dauerhaften künstliche Massen
    beginnen. Die interessantesten Bei-
    spiele solcher Gebilde sind die Kirche,
    die Gemeinschaft der Gläubigen,
    und die Armee, das Heer.