TEXT 1926-001/1926.01
  • S.

    [1]

    Hemmung, Symptom und Angst.

    von
    Sigm. Freud

    I

    Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreib-
    ung pathologischer Phänomene Symptome 
    und Hemmungen unterscheiden, aber er legt 
    dieserm Unterschied nicht viel Wert bei. Kämen 
    uns nicht Krankheitsfälle vor, von denen 
    wir aussagen müßen, daß sie nur Hem̄ungen 
    und keine Symptome zeigen, und wollten wir nicht wissen, was dafür 
    die Bedingung ist, so brächten 
    wir kaum das Interesse auf, 
    die Begriffe Hemmung und Symptom gegen 
    einander abzugrenzen.

    Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden 
    erwachsen. Hemmung hat eine besondere Beziehung 
    zur Funktion und bedeutet nicht notwendig 
    etwas Pathologisches, man kann auch eine normale 
    Einschränkung einer Funktion eine Hemmung 
    derselben heißen nennen. Symptom hingegen heißt soviel 
    wie an Anzeichen eines krankhaften Vorgangs. Es 
    kann also auch eine Hemmung ein Symptom 
    sein. Der Sprachgebrauch verfährt dann so, daß 
    er von Hemmung spricht, wo eine einfache 
    Herabsetzung der Funktion vorliegt, von 
    Symptom, wo es sich um eine ungewöhnliche 
    Abänderung derselben oder um eine neue 
    Leistung handelt. In vielen Fällen scheint es der 
    Willkür überlassen, ob man die positive 
    oder die negative Seite des pathologischen 
    Vorgangs betonen, seinen Erfolg als 
    Symptom oder als Hemmung bezeichnen 
    will. Das alles ist wirklich nicht interessant 
    und die Fragestellung, von der wir aus-
    gingen, erweist sich als wenig fruchtbar.

    Da die Hemmung begrifflich so innig an die 
    Funktion geknüpft ist, kann man auf die Idee 
    kommen, die verschiedenen Ichfunktionen 
    daraufhin zu untersuchen, in welchen Formen 
    sich deren Störung bei den einzelnen neur-
    otischen Affektionen äußert. Wir wählen für 
    diese vergleichende Studie: die Sexualfunktion, 
    das Eßen, die Lokomotion und die Berufs-
    arbeit.

    a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannig-
    faltigen Störungen, von denen die meisten 
    den Charakter einfacher Hem̄ungen zeigen. 
    Diese werden als psychische Impotenz zusam̄en-
    gefaßt. Das Zustandekom̄en der normalen 
    Sexualleistung setzt einen sehr komplizirten 
    Ablauf voraus, die Störung kann an jeder 
    Stelle desselben eingreifen. Die Hauptstat-
    ionen der Hem̄ung sind beim Manne: die Ab-
    wendung der Libido zur Einleitung des Vorgangs, 

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    (psychische Unlust), das Ausbleiben der physischen Vorbereit-
    ung (Erektionslosigkeit), die Abkürzung des Aktes 
    (Ejaculatio praecox, die ebensowol als positives 
    Symptom beschrieben werden kann), die Auf-
    haltung desselben vor dem natürlichen Ausgang 
    (Ejakulationsmangel), das Nichtzustandekom̄en 
    des psychischen Effekts (der Be Lustempfindung 
    des Orgasmus). Andere Störungen erfolgen 
    durch die Verknüpfung der Funktion mit 
    besonderen Bedingungen, perverser oder 
    fetischistischer Natur.

    Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann 
    uns nicht lange entgehen. Manche Hem̄ungen 
    sind offenbar Verzichte auf Funktion, weil 
    bei deren Ausübung Angst entwickelt 
    werden würde. Direkte Angst vor der 
    Sexualfunktion ist beim Weibe häufig; wir ordnen 
    sie der Hysterie zu, ebenso das Abwehrsymptom 
    des Ekels, das sich ursprünglich als nachträgliche 
    Reaktion auf den passiv erlebten Sexual-
    eint¿ akt einstellt, später bei der Vor-
    stellung desselben auftritt. Auch eine große 
    Anzal von Zwangshandlungen erweisen 
    sich als Vorsichten und Versicherungen 
    gegen sexuelles Erleben, sind also phobischer 
    Natur.

    b). Man kommt da im Verständnis nicht sehr 
    weit; man merkt nur, die Sexualfunktion 
    daß sehr verschiedene Verfahren verwendet 
    werden, um die Funktion zu stören: 1) die 
    bloße Abwendung der Libido, die am ehesten 
    zu ergeben scheint, was wir eine reine Hem̄ung 
    heißen, 2) die Verschlechterung in der Ausführung 
    der Funktion, 3) die Erschwerung derselben 
    durch besondere Bedingungen und ihre Modifik-
    ation durch Ablenkung auf andere Ziele, 4) ihre 
    Vorbeugung durch Angstentwicklung oder 
    durch Sicherungsmaßregeln, 5) ihre Unterbrechung 
    durch Angstentwicklung, sowie sich ihr Ansatz 
    nicht mehr verhindern läßt, endlich 6) eine 
    nachträgliche Reaktion, die dagegen ¿¿ protestirt 
    und das Geschehene rückgängig machen will, 
    wenn die Funktion doch durchgeführt wurde.

    b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist 
    die Eßunlust durch Abziehung der Libido. Auch Steiger-
    ungen der Eßlust sind nicht selten; ein Eßzwang 
    motivirt sich durch Angst vor dem Verhungern, 
    ist wenig untersucht. Als hysterische Abwehr des 
    Eßens kennen wir das Symptom des Erbrechens. 
    Die Nahrungsverweigerung infolge von Angst 
    gehört psychotischen Zuständen an (Vergiftungswahn).

    c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen 
    Zuständen durch Gehunlust und Gehschwäche gehem̄t, 
    die hysterische Behinderung bedient sich der 
    motorischen Lähmung des Bewegungsapparates 

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    oder schafft eine spezialisierte Aufhebung dieser einen 
    Funktion desselben (Abasie). Besonders charakter-
    istisch sind die Erschwerungen der Lokomotion 
    durch Einschaltung bestim̄ter Bedingungen, bei 
    deren Nichterfüllung Angst auftritt (Phobie).

    d) Arb Die Arbeitshem̄ung, die so oft als isolirtes 
    Symptom Gegenstand der Behandlung wird, 
    zeigt uns verminderte Lust oder schlechtere Aus-
    führung oder Reaktionserscheinungen wie 
    Müdigkeit (Schwindel, Erbrechen), wenn die Fort-
    setzung der Arbeit erzwungen :9 wird. Die Hysterie 
    erzwingt die Einstellung der Arbeit durch 
    Erzeugung von Organ‑ und Funktionslähm-
    ungen, deren Bestand mit der Ausführung 
    der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangs-
    neurose stört die Arbeit durch fortgesetzte 
    Ablenkung und durch den Zeitverlust bei 
    eingeschobenen Verweilungen und Wieder-
    holungen.

    Wir könnten diese Übersicht noch auf andere 
    Funktionen ausdehnen, aber wir dürfen nicht 
    erwarten, dabei mehr zu erreichen. Wir kämen 
    nicht über die Oberfläche der Erscheinungen 
    hinaus. Entschließen wir uns darum zu einer 
    Auffassung, die dem Begriff der Hemmung 
    nicht mehr viel Rätselhaftes beläßt. Die Hem̄-
    ung ist der Ausdruck einer Funktionseinschränk-
    ung des Ichs, die selbst sehr verschiedene Ursachen 
    haben kann. Manche der Mechanismen dieses 
    Verzichts auf Funktion und eine allgemeine 
    Tendenz desselben sind uns wolbekannt.

    An den spezialisirten Hemmungen ist die 
    Tendenz leichter zu erkennen. Wenn das 
    Klavierspielen, Schreiben und selbst das Gehen 
    neurotischen Hem̄ungen unterliegen, so zeigt 
    uns die Analyse den Grund hiefür in einer 
    überstarken Erotisierung der bei diesen 
    Funktionen in Anspruch genom̄enen Organe 
    der Finger und der Füße. Wir haben ganz 
    allgemein die Einsicht gewonnen, daß die 
    Ichfunktion eines Organs geschädigt wird, 
    wenn seine Erogenität, seine sexuelle Bedeut-
    ung, zunim̄t. Es benim̄t sich dann, wenn man 
    den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen 
    darf, wie eine Köchin, die nicht mehr am Herd 
    arbeiten will, weil der Herr des Hauses 
    Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft hat. Wenn 
    das Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr 
    Flüssigkeit auf ein Stück weißes Papier fließen 
    zu lassen, die symbolische Bedeutung des 
    Koitus angenom̄en hat, oder wenn das Gehen 
    zum symbolischen Ersatz des Stampfens auf 
    dem Leib der Mutter Erde geworden ist, 
    dann wird beides Schreiben und Gehen unter-
    lassen, weil es so ist, als ob man die verbotene 

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    sexuelle Handlung ausführen würde. Das Ich verzichtet 
    auf diese ihm zustehenden Funktionen, um nicht 
    eine neuerliche Verdrängung vornehmen zu müßen, 
    um einem Konflikt mit dem Es auszuweichen.

    Andere Hem̄ungen erfolgen offenbar im 
    Dienste der Selbstbestrafung, wie nicht selten die 
    der beruflichen Tätigkeiten. Das Ich darf diese 
    Dinge nicht thun, weil sie ihm Nutzen und Erfolg 
    bringen würden, was das gestrenge Überich 
    versagt hat. Dann verzichtet das Ich auch auf 
    diese Leistungen, um nicht in Konflikt mit 
    dem Überich zu geraten.

    Die allgemeineren Hem̄ungen des Ichs folgen einem 
    einfachen anderen Mechanismus. Wenn das 
    Ich durch eine psychische Aufgabe von besonderer 
    Schwere in Anspruch genom̄en ist wie zB 
    durch eine Trauer, eine großartige 
    Affektunterdrückung, durch die Nötigung 
    beständig aufsteigende sexuelle Phantasien 
    niederzuhalten, dann verarmt es so sehr 
    an der ihm verfügbaren Energie, daß 
    es seinen Leistung Aufwand an vielen Stellen zugleich ein-
    schränken muß wie ein Spekulant, der 
    seine Gelder in seinen Unternehmungen 
    immobilisirt hat. Ein lehrreiches Beispiel einer 
    solchen intensiven Allgemeinhem̄ung von 
    kurzer Dauer konnte ich an einem 
    Zwangskranken beobachten, der in eine 
    lähmende Müdigkeit von ein‑ bis mehr-
    tägiger Dauer bei Anlässen verfiel, die 
    offenbar einen Wutausbruch hätten herbei-
    führen sollen. Von hier aus muß auch ein 
    Weg zum Verständnis der Allgemeinhem-
    mung zu finden sein, durch die sich die 
    Depressionszustände und der schwerste derselben, 
    die Melancholie, kennzeichnen.

    Man kann also abschließend über die Hem̄ungen 
    sagen, sie seien Einschränkungen der 
    Ichfunktionen, entweder aus Vorsicht 
    oder infolge von Energieverarmung. Es 
    ist nun leicht zu erkennen, worin sich die Hem-
    mung vom Symbolptom unterscheidet. Das Symptom 
    kann nicht mehr als ein Vorgang in oder 
    am Ich beschrieben werden.

    II

    Die Grundzüge der Symptombildung sind 
    längst studiert und in hoffentlich unanfecht-
    barer Weise ausgesprochen worden. Das 
    Symptom sei Anzeichen und Ersatz einer 
    unterbliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg
    des Verdrängungsvorganges. Die Verdräng-
    ung geht vom Ich aus, das, eventuell im 
    Auftrage des Überichs, eine im Es angeregte 
    Triebbesetzung nicht mitmachen will. Das Ich 

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    erreicht durch die Verdrängung, daß die Vorstellung, 
    welche der Träger der unliebsamen Regung war, 
    vom Bewußtwerden abgehalten wird. Die 
    Analyse weist nach daß sie als unbewußte Formation 
    erhalten geblieben ist. So weit wäre es klar, 
    aber bald beginnen die unerledigten Schwierig-
    keiten.

    Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorgangs 
    bei der Verdrängung haben den Erfolg 
    der Abhaltung vom Bewußtsein nachdrück-
    lich betont, aber in anderen Punkten 
    Zweifel offen gelassen. Es entsteht die Frage, 
    was ist das Schicksal der im Es aktivirten 
    Triebregung, die nach auf Befriedigung abzielt? 
    Die Antwort war eine indirekte, sie lautete,
    durch den Vorgang der Verdrängung werde die 
    zu erwartende Befriedigungslust in Unlust 
    verwandelt, und dann stand man vor dem 
    Problem, wie Unlust das Ergebnis einer Trieb-
    befriedigung sein könne. Wir hoffen den 
    Sachverhalt zu klären, wenn wir die bestim̄te 
    Aussage machen, der im Es beabsichtigte Erreg-
    ungsablauf komme infolge der Verdrängung 
    überhaupt nicht zustande, es gelingt dem Ich, 
    ihn zu inhibiren oder abzulenken. Dann 
    entfällt das Rätsel der „Affektverwandlung“ 
    bei der Verdrängung. Wir haben aber 
    damit dem Ich das Zugeständnis gemacht, daß 
    es einen so weitgehenden Einfluß auf 
    die Vorgänge im Es äußern kann und 
    sollen verstehen lernen, auf welchem Wege 
    ihm diese überraschende Machtentfaltung 
    möglich wird.

    Ich glaube, dieser Einfluß fällt dem Ich zu infolge 
    seiner der innigen Beziehungen zum Wahrnehmungs-
    system, die ja sein Wesen ausmachen und der 
    Grund seiner Differenzierung vom Es geworden 
    sind. Die Funktion dieses Systems, das wir W‑Bw 
    genannt haben, ist mit dem Phänomen des Be-
    wußtseins verbunden; es empfängt Erregungen 
    nicht nur von außen, sondern auch von in̄en 
    her und mittels der Lust‑Unlustempfindungen, 
    die es von daher erreichen, lenkt versucht es, alle 
    Abläufe des seelischen Geschehens im Sinne des 
    Lustprinzips zu lenken. Wir stellen uns das 
    Ich so gerne als ohnmächtig gegen das Es vor, 
    aber wenn es sich gegen einen Triebvor-
    gang im Es sträubt, so braucht es blos 
    ein Unlustsignal zu geben, um seine 
    Absicht durch die Hilfe der beinahe all-
    mächtigen Instanz des Lustprinzips zu 
    erreichen. Wenn wir diese Situation für 
    einen Augenblick isolirt betrachten, können 
    wir sie durch ein Beispiel aus einer anderen 

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    Sphäre isolir illustriren. In einem Staate wehre 
    sich eine gewisse Clique gegen eine Maß-
    regel, deren Beschluß den Neigungen der Maße 
    entsprechen würde. Diese Minderzal bemächtigt 
    sich dann der Presse bearbeitet durch sie 
    die souvereine „öffentliche Meinung“ und 
    setzt es so durch, daß der geplante Beschluß 
    unterbleibt.

    An die eine Beantwortung knüpfen weitere 
    Fragestellungen an. Woher rührt die Energie, 
    die zur Erzeugung des Unlustsignals ver-
    wendet wird? Hier weist uns die Idee den 
    Weg, daß die Abwehr eines unerwünschten 
    Vorganges im Inneren nach dem Muster 
    der Abwehr gegen einen äußeren Reiz 
    geschehen durfte, daß das Ich den gleichen Weg 
    der Verteidigung gegen die innere wie 
    gegen die äußere Gefahr einschlägt. Bei äußerer 
    Gefahr unternim̄t das organische Wesen 
    einen Fluchtversuch, es zieht zunächst die 
    Besetzung von der Wahrnehmung des 
    Gefährlichen ab; später erkennt es als das 
    wirksamere Mittel, solche Muskelaktionen 
    vorzunehmen, daß die Wahrnehmung der 
    Gefahr, auch wenn man sie nicht verhindertweigert, 
    unmöglich wird, also sich dem Wirkungsbe-
    reich der Gefahr zu entziehen. Einem solchen 
    Fluchtversuch gleichwertig ist auch die Verdräng-
    ung. Das Ich zieht die (vorbewußte) Besetzung 
    von der zu verdrängenden Triebreprae-
    sentanz ab und verwendet sie für die 
    Unlust‑(Angst‑)Entbindung. Das Problem, wie bei der 
    Verdrängung die Angst entsteht, mag kein 
    einfaches sein; im̄erhin hat man das Recht 
    an der Idee festzuhalten, daß das Ich die 
    eigentliche Angststätte ist, und die frühere 
    Auffassung zurückzuweisen, die Besetzungs-
    energie der verdrängten Regung werde in 
    automatisch in Angst verwandelt. Wenn ich mich früher 
    einmal so geäußert habe, so gab ich eine phänom-
    enologische Beschreibung, nicht eine metapsycholog-
    ische Darstellung.

    Aus dem Gesagten leitet sich die neue Frage ab, 
    wie es ökonomisch möglich ist, daß ein bloßer 
    Abziehungs‑ und Abfuhrvorgang wie beim 
    ZurRückzug der vorbewußten Ichbesetzung 
    Unlust oder Angst erzeugen könne, die nach 
    unseren Voraussetzungen nur Folge gesteig-
    erter Besetzung sein kann. Ich antworte, 
    diese Verursachung soll nichtoekonomisch 
    erklärt werden, die Angst wird bei der 
    Verdrängung nicht neu erzeugt, sondern 
    als Affektzustand nach einem vorhandenen 

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    Erinnerungsbild reproduzirt. Mit der weiteren Frage 
    nach der Herkunft dieser Angst – wie der Affekte 
    überhaupt – verlassen wir aber den unbestritten 
    psychologischen Boden und betreten das Grenzgebiet 
    der Physiologie. Die Affektzustände sind dem Seel-
    enleben als Niederschläge uralter traumatischer 
    Erlebniße einverleibt und werden in ähnlichen 
    Situationen wie Erinnerungssymbole wachgerufen. 
    Ich meine, ich hatte nicht Unrecht, sie den spät und 
    individuell erworbenen hysterischen Anfällen 
    gleichzusetzen und als deren Normalvorbilder 
    zu betrachten. Beim Menschen und ihm verwandten 
    Geschöpfen scheint der Geburtsakt als das erste indiv-
    uelle Angsterlebnis dem Ausdruck des Angstaffekts 
    charakteristische Züge geliehen zu haben. Wir sollen 
    aber diesen Zusam̄enhang nicht überschätzen 
    und in seiner Anerken̄ung nicht übersehen, 
    daß ein Affektsymbol für die Situation der 
    Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und 
    auf jeden Fall geschaffen worden wäre. Ich 
    halte es auch für unberechtigt anzunehmen 
    daß bei jedem Angstausbruch etwas im Seelen-
    leben vor sich geht, was einer Reproduktion 
    der Geburtssituation gleichkom̄t. Es ist nicht einmal 
    sicher, ob die hysterischen Anfälle, die ursprüng-
    lich solche traumatische Reproduktionen sind, diesen Charakter 
    dauernd bewahren.

    Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß die meisten 
    Verdrängungen, mit denen wir bei der therapeut-
    ischen Arbeit zu thun bekom̄en, Fälle von Nach-
    drängen sind. Sie setzen früher erfolgte Urverdräng-
    ungen voraus, die auf die neuere Situation ihren 
    anziehenden Einfluß ausüben. Von diesen Hinter-
    gründen und Vorstufen der Verdrängung ist 
    noch viel zu wenig bekannt. Man kommt 
    leicht in Gefahr, die Rolle des Überichs bei 
    der Verdrängung zu überschätzen. Man kann es 
    derzeit nicht beurteilen, ob etwa das Auftreten 
    des Überichs die Abgrenzung zwischen Urver-
    drängung und Nachdrängen schafft. Die ersten 
    – sehr intensiven – Angstausbrüche erfolgen jeden-
    falls vor der Differenzierung des Überichs. 
    Es ist durchaus plausibel, daß quantitative Momente 
    wie die übergroße Stärke der Erregung 
    und der Durchbruch des Reizschutzes die nächsten 
    Anläße der Urverdrängungen sind.

    Die Erwähnung des Reizschutzes mahnt uns wie ein 
    Stichwort, daß die Verdrängungen in zwei 
    unterschiedenen Situationen auftreten, näm-
    lich wenn eine unliebsame Triebregung 
    durch eine äußere Wahrnehmung wachgerufen 
    wird, und wenn sie ohne solche Provokation 
    im Inneren auftaucht. Wir werden später 
    auf diese Verschiedenheit zurückkommen. 

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    Reizschutz gibt es aber nur gegen äußere Reize, nicht 
    gegen innere Triebansprüche.

    Solange wir den Fluchtversuch des Ichs studiren, 
    bleiben wir der Symptombildung ferne. Das 
    Symptom entsteht aus der durch die Verdräng-
    ung beeinträchtigten Triebregung. Wenn 
    der das Ich durch die Inanspruchnahme des Unlust-
    signals seine Absicht erreicht, die Trieb-
    regung völlig zu unterdrücken, erfahren 
    wir nichts darüber, wie das geschieht. Wir 
    lernen nur aus den Fällen, die als mehr 
    oder minder misglückte Verdrängungen zu 
    bezeichnen sind.

    Dann stellt es sich im Allgemeinen so dar, daß 
    die Triebregung zwar trotz der Verdrängung 
    einen Ersatz gefunden hat, aber einen 
    stark verküm̄erten, verschobenen, gehem̄ten. 
    Er ist auch als Befriedigung nicht mehr kenntlich. 
    Wenn er vollzogen wird, kom̄t keine Lust-
    empfindung zu Stande, dafür hat dieser 
    Vollzug den Charakter des Zwanges an-
    genom̄en. Aber bei dieser Erniedrigung ders 
    Befriedigungshandlungablaufes zum Symptom zeigt 
    die Verdrängung ihre Macht noch in 
    einem anderen Punkte. Der Ersatzvor-
    gang wird wo möglich, vomn der Abfuhr durch 
    die Motilität ferngehalten; auch wo 
    dies nicht gelingt, muß er sich in der Ver-
    änderung des eigenen Körpers erschöpfen 
    und darf nicht auf die Außenwelt 
    übergreifen; es wird ihm verwehrt, sich 
    in Handlung umzusetzen. Wir verstehen, 
    bei der Verdrängung arbeitet das 
    Ich unter dem Einfluß der äußeren 
    Realität und schließt darum den Erfolg 
    des Ersatzvorganges von dieser Realität 
    ab.

    Das Ich beherrscht den Zugang zum Be-
    wußtsein wie den Übergang zur Handlung 
    gegen die Außenwelt; in der Verdräng-
    ung betätigt es seine Macht nach beiden 
    Richtungen; die Triebrepraesentanz be-
    kom̄t die eine, die Triebregung selbst 
    die andere Seite seiner Kraftäußer-
    ung zu spüren. Da ist es denn am 
    Platze, sich zu fragen, wie diese Aner-
    kennung der Mächtigkeit des Ichs 
    mit der Beschreibung zusam̄enkovt, die 
    wir in der Studie „Das Ich und das 
    Es“ von der Stellung desselben 
    Ichs entworfen haben. Wir haben dort 
    die Abhängigkeit des Ichs vom Es wie 
    vom Übericch geschildert, seine Ohnmacht 

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    und Angstbereitschaft gegen beide, seine 
    mühsam aufrecht erhaltene Überheblichkeit 
    entlarvt. Dieses Bild Urteil hat seither einen starken 
    Widerhall in der psychoanalytischen Literatur 
    gefunden. Zalreiche Stimmen betonen ein-
    dringlich die Schwäche des Ichs gegen das Es, 
    des Rationellen gegen das Daemonische in 
    uns und schicken sich an, diesen Satz zu einem 
    Grundpfeiler einer psychoanalytischen „Welt-
    anschauung“ zu machen. Sollte nicht die Ein-
    sicht in die Wirkungsweise der Verdräng-
    ung gerade den Analytiker von so 
    extremer Parteinahme zurückhalten?

    Ich bin überhaupt nicht für die Fabrik-
    ation von „Weltanschauungen“. Die über-
    lasse man gestrost den Philosophen, die 
    eingestandener Maßen die Lebensreise 
    ohne einen solchen Baedeker, der über 
    alles Auskunft giebt, nicht ausführbar finden. 
    Nehmen wir demütig die Verachtung auf uns, 
    mit der die Philosophen vom Standpunkt 
    ihrer höheren Bedürftigkeit auf uns herab-
    schauen. Da auch wir unseren narzißtischen 
    Stolz nicht verleugnen können, wollen 
    wir unseren Trost in der Erwägung finden suchen, 
    daß alle diese „Lebensführer“ rasch veralten, 
    daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte 
    Kleinarbeit ist, welche deren Neuauflagen 
    notwendig macht, und daß selbst die modern-
    sten dieser Baedeker Versuche sind, den 
    alten, so bequemen und so vollständigen 
    Katechismus zu ersetzen. Wir wissen genau, 
    wie wenig Licht die Wissenschaft bisher 
    über auf die Rätsel dieser Welt verbreiten 
    konnte; alles Poltern der Philosophen 
    kann daran nichts ändern, nur geduldige 
    Fortsetzung der Arbeit, die alles der einen 
    Forderung der nach Gewißheit unterordnet, 
    kann langsam Wandel schaffen. Wenn 
    der Wanderer in der Dunkelheit singt, 
    verleugnet er seine Ängstlichkeit, aber 
    er sieht darum um nichts heller.

    III

    Um zum Problem des Ichs zurückzu-
    kehren: Der Anschein des Widerspruches kom̄t 
    daher, daß wir Abstraktionen zu starr 
    nehmen und aus einem komplizirten 
    Sachverhalt bald die eine, bald die andere 
    Seite allein herausgreifen. Die Scheidung 
    des Ichs vom Es scheint gerechtfertigt, sie wird 
    uns durch bestim̄te Verhältniße aufgedrängt. 

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    Aber anderseits ist das Ich mit dem Es identisch, nur 
    ein besonders differenzirter Anteil desselben. 
    Stellen wir dieses Stück in Gedanken dem 
    Ganzen gegenüber, oder hat sich ein wirklicher 
    Zwiespalt zwischen den beiden ergeben, 
    so wird uns die Schwäche dieses Ichs offenbar. 
    Bleibt das Ich aber mit dem Es verbunden, von 
    ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich seine 
    Stärke. Für den Fall der Ähnlich ist das 
    Verhältnis des Ichs zum Überichs. Für viele 
    Situationen fließen uns die beiden zu-
    sammen; meistens können wir sie nur 
    unterscheiden, wenn sich eine Spannung, 
    ein Konflikt zwischen ihn hergestellt hat. 
    Für den Fall der Verdrängung wird die Tat-
    sache entscheidend, daß das Ich eine Organisation 
    ist, das Es aber keine; das Ich ist eben der 
    organisirte Anteil des Es. Es wäre ganz 
    ungerechtfertigt, wenn man sich vorstellte, Ich 
    und Es seien wie zwei verschiedene Heerlager; 
    durch die Verdrängung suche das Ich ein 
    Stück des Es zu unterdrücken, nun kom̄e 
    das übrige Es dem Angegriffenen zu Hilfe 
    und messe seine Stärke mit der des Ichs. 
    Das mag auch einmal oft genug zustande kom̄en, aber es 
    ist gewiß nicht die Eingangssituation der Ver-
    drängung; ist de in der Regel bleibt die 
    zu verdrängende Triebregung isolirt. 
    Hat der Akt der Verdrängung uns die 
    Stärke des Ichs gezeigt, so legt er doch in einem 
    auch Zeugnis ab für dessen Ohnmacht und für 
    die Unbeeinflußbarkeit der einzelnen Trieb-
    regung des Es. Denn der Vorgang, der durch 
    die Verdrängung zum Symptom geworden 
    ist, behauptet nun seine Existenz außerhalb 
    der Ichorganisation und unabhängig von ihr. 
    Und nicht er allein, auch alle seine Abköm̄-
    linge genießen das selbe Vorrecht, man möchte 
    sagen: der Exterritorialität, und wo sie mit 
    Anteilen der Ichorganisation assoziativ zusam̄en 
    treffen, bleibt wird es fraglich, ob sie diese nicht 
    zu sich herüberziehen und sich mit diesem 
    Gewinn auf Kosten des Ichs ausbreiten 
    werden. Ein uns längst vertrauter Ver-
    gleich betrachtet das Symptom als einen 
    Fremdkörper, der unaufhörlich Reiz‑ und 
    Reaktionserscheinungen in dem Gewebe 
    unterhält, in das er sich eingebettet hat. 
    Der Abwehrkampf des Ichs gegen die unliebsame 
    Triebregung ist darum durch denie Verdräng-
    ungsakt nicht zu Ende gebracht. zumeist 
    schließt sich an diesen ersten Akt 

  • S.

    11

    einn langes und qualvolles Nachspiel. Es kommt zwar 
    vor, daß der Abwehrkampf gegen die unliebsame 
    Triebregung durch die Symptombildung abgeschloßen 
    wird; soweit wir sehen, ist dies am ehesten bei 
    der hysterischen Konversion möglich, aber in 
    der Regel ist der Verlauf ein anderer; 
    nach dem ersten Akt der Verdrängung 
    folgt ein langwieriges oder nie zu beenden-
    des Nachspiel, der Kampf gegen die Triebregung 
    findet seine Fortsetzung in dem Kampf 
    gegen das Symptom.

    Dieser sekundäre Abwehrkampf zeigt uns zwei 
    Gesichter – mit widersprechendem Ausdruck. Einer-
    seits wird das Ich durch seine Natur genötigt etwas 
    zu unternehmen, was wir als Herstellungs‑ oder 
    Versöhnungsversuch beurteilen müßen. Das Ich 
    ist eine Organisation, es beruht auf dem freien 
    Verkehr und der Möglichkeit gegenseitiger 
    Beeinflußung unter all seinen Bestandteilen, 
    seine desexualisirte Energie bekundet ihre 
    Herkunft in dem Streben nach Bindung und 
    Vereinheitlichung und dieser Zwang zur 
    Synthese nim̄t immer mehr zu, je kräftiger 
    sich das Ich entwickelt. So wird es verständlich, 
    daß das Ich auch versucht, die Fremdheit und 
    Isolirung des Symptoms aufzuheben, indem 
    es alle Möglichkeiten ausnützt, es irgendwie 
    an sich zu binden und durch solche Bande 
    seiner Organisation einzuverleiben. Wir 
    wissen, daß ein solches Bestreben bereits 
    den Akt der Symptombildung beeinflußt. 
    Ein klassisches Beispiel dafür sind jene hysterischen Symptome, 
    die deren Natur uns als Kompromiß zwischen 
    Befriedigungsersatz‑ und Strafbedürfnis 
    ve durchsichtig geworden sind. Als Erfüllungen 
    einer Forderung des Überichs haben solche 
    Symptome von vorne herein Anteil am 
    Ich, während sie anderseits Positionen des 
    Verdrängten und Einbruchsstellen des-
    selben in die Ichorganisation bedeuten; 
    sie sind sozusagen Grenzstationen mit 
    gemischter Besetzung. Ob alle primären 
    hysterischen Symptome so gebaut sind, ver-
    diente eine sorgfältige Untersuchung. 
    Im weiteren Verlaufe benim̄t sich das Ich so, 
    als ob es von der Erwägung geleitet würde: 
    das Symptom ist einmal da und kann nicht 
    beseitigt werden; nun heißt es, sich mit 
    dieser Situation befreunden und den 
    größtmöglichen Vorteil aus ihr ziehen. Es 
    findet eine Anpassung an das ichfremde 
    Stück der Innenwelt statt, das durch 

  • S.

    12

    das Symptom repraesentirt wird, wie sie das Ich 
    sonst normaler Weise gegen die reale Außen-
    welt leistet zu Stande bringt. An Anläßen hiezu fehlt es nie. 
    Die Existenz des Symptoms mag eine gewiße Behind-
    erung der Leistung mit sich mitbringen, mit der man eine 
    Anforderung des Überichs beschwichtigen oder 
    einen Anspruch der Außenwelt zurückweisen 
    kann. So wird das Symptom allmälich mit 
    der Vertretung wichtiger Interessen betraut, 
    es erhält einen Wert für die Selbstbehaupt-
    ung, verwächst im̄er inniger mit dem Ich 
    wird immm ihm immer unentbehrlicher. Nur in 
    ganz seltenen Fällen kann der Prozeß der 
    Einheilung eines Fremdkörpers etwas 
    ähnliches wiederholen. Man kann die Bedeut-
    ung dieser sekundären Anpassung an das 
    Symptom auch übertreiben, indem man be-
    aussagt hauptet, das Ich habe sich das Symptom über-
    haupt nur angeschafft, um dessen Vorteile 
    zu genießen. Das ist dann so richtig oder 
    so falsch, wie wenn man die Ansicht ver-
    tritt, der Kriegsverletzte habe sich das 
    Bein nur abschießen lassen, um dann 
    arbeitsfrei von seiner Invalidenrente 
    zu leben.

    Andere Symptomgestaltungen, die der Zwangs-
    neurose und der Paranoia, bekom̄en einen 
    hohen Wert für das Ich, nicht weil sie ihm 
    Vorteile, sondern weil sie ihm eine sonst 
    entbehrte narzißtische Befriedigung bringen. 
    Die Systembildungen der Zwangsneurotiker 
    schmeicheln der ihrer Eigenliebe durch die Vorspiegel-
    ung, sie seien als besonders reinliche 
    oder gewissenhafte Menschen besser als 
    andere; die Wahnbildungen der Paranoia 
    eröffnen dem Scharfsinn und der Phantasie 
    dieser Kranken eine Gelege Feld zur Be-
    tätigung, das ihnen nicht leicht ersetzt werden 
    kann. Aus all den erwähnten Beziehungen 
    resultirt, was uns als der (sekundäre) 
    Krankheitsgewinn der Neurose bekannt 
    ist. Er kom̄t dem Bestreben des Ichs, sich das 
    Symptom einzuverleiben zu Hilfe und ver-
    stärkt die Fixirung des letzteren. Wenn wir 
    dann den Versuch machen, dem Ich in seinem 
    Kampf gegen das Symptom analytischen Bei-
    stand zu leisten, finden wir diese ver-
    söhnlichen Bindungen zwischen Ich und 
    Symptom auf der Seite der Widerstände 
    wirksam. Es wird uns nicht leicht gemacht, sie 
    zu lösen. Die beiden Verfahren, die das Ich 
    gegen das Symptom anwendet, stehen wirk-
    lich in Widerspruch zu einander.

  • S.

    13

    Das andere Verfahren hat weniger freund-
    lichen Charakter, es setzt die Richtung der 
    Verdrängung fort. Aber es scheint, daß wir 
    das Ich nicht mit dem Vorwurf der Inkon-
    sequenz belasten dürfen. Das Ich ist fried-
    fertig und möchte sich das Symptom einver-
    leiben, es in sein Ensemble aufnehmen, 
    die Störung geht vom Symptom aus, das als 
    richtiger Ersatz und Abköm̄ling der ver-
    drängten Regung deren Rolle weiterspielt, 
    deren Befriedigungsanspruch immer wieder 
    erneuert und so das Ich nötigt, wiederum 
    das Unlustsignal zu geben und sich zur 
    Wehre zu setzen.

    Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom 
    ist vielgestaltig, spielt sich auf verschiedenen 
    Schauplätzen ab und bedient sich mannigfaltiger 
    Mittel. Wir werden nicht viel über ihn 
    aussagen können, wenn wir nicht die einzelnen 
    Fälle der Symptombildung zum Gegenstand 
    der Untersuchung nehmen. Dabei werden wir 
    Anlaß finden, auf das Problem der Angst 
    einzugehen, das wir längst wie im Hintergrunde 
    lauernd verspüren. Es empfiehlt sich von den 
    Symptomen, welche die hysterische Neurose 
    schafft, auszugehen; auf die Voraussetzungen 
    der Symptombildung bei der Zwangsneurose, 
    Paranoia und anderen Neurosen sind wir 
    noch nicht vorbereitet.

    IV

    Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer
    infantilen hysterischen Thierphobie, also zB der 
    gewiß in allen Hauptzügen typische Fall 
    der Pferdephobie des „Kleinen Hans“.x) Schon 
    der erste Blick läßt uns erkennen, daß die 
    Verhältnisse eines realen Falles von neur-
    otischer Erkrankung weit komplizirter 
    sind als unsere Erwartung, solange wir mit 
    Abstraktionen arbeiten, sich vorstellt. Es 
    gehört einige Arbeit dazu, sich zu orientiren, 
    welches die verdrängte Regung, was ihr 
    Symptomsatz ist, wo das Motiv der Ver-
    drängung kenntlich wird.

    Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße 
    zu gehen, weil er Angst vor dem Pferd 
    hat. Dies ist der Rohstoff. Was ist nun daran 
    das Symptom: die Angstentwicklung, die 
    Wal des Angstobjekts, oder der Verzicht 
    auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
    davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, 

    x)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Ges.
    Schriften, Bd. VIII.)

  • S.

    14

    die er sich versagt? Warum muß er 
    sich diese versagen?

    Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht 
    so viel rätselhaft. Die unverständliche Angst 
    vor dem Pferd ist das Symptom, die Unfähig-
    keit, auf die Straße zu gehen ist eine Hem̄-
    ungserscheinung, eine Einschränkung die sich 
    das Ich auferlegt, um nicht das Angstsymptom 
    zu wecken. Man sieht ohne weiteres die 
    Richtigungkeit der Erklärung des letzten 
    Punktes ein und wird nun diese Hem̄ung 
    bei der weiteren Diskussion außer Betracht 
    laßen. Aber die erste flüchtige Bekanntschaft 
    mit dem Falle lehrt uns nicht einmal 
    den wirklichen Ausdruck des vermeint-
    lichen Symptoms kennen. Es handelt sich 
    wie wir bei genauerem Verhör erfahren, 
    gar nicht um eine unbestim̄te Angst 
    vor dem Pferd, sondern um die be-
    stimmte ängstliche Erwartung: das Pferd 
    werde ihn beißen. Allerdings sucht sich 
    dieser Inhalt dem Bewußtsein zu ent-
    ziehen und sich durch die unbestim̄te Phobie, 
    in der nur noch die Angst und ihr 
    Objekt vorkom̄en, zu ersetzen. Ist nun 
    etwa dieser Inhalt der Kern des Symptoms?

    Wir kommen keinen Schritt weiter, 
    so lange wir nicht die ganze psychische 
    Situation des Kleinen in Betracht ziehen, 
    wie sie uns während der analytischen 
    Arbeit enthüllt wird. Er befindet sich 
    in der eifersüchtigen und feindseligen 
    Oedipuseinstellung zu seinem Vater, den 
    er doch, so weit die Mutter nicht als Störererin 
    in diese Ursache der Entzweiung in Betracht 
    kom̄t, herzlich liebt. Also ein Ambivalenz-
    konflikt, gut begründete Liebe und nicht 
    minder berechtigter Haß, beide auf die-
    selbe Person gerichtet. Seine Phobie muß 
    ein Versuch zur Lösung dieses Konflikts 
    sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind 
    sehr häufig, wir kennen einen anderen 
    typischen Ausgang derselben. Bei dem 
    wird die eine der beiden mit einander 
    ringenden Regungen, in der Regel 
    die zärtliche, enorm verstärkt, die andere 
    verschwindet. Nur das Übermaß und das 
    Zwangs¿¿mäßige der Zärtlichkeit verrät 
    uns, daß diese Einstellung nicht die 
    einzig vorhandene ist, daß sie ständig 
    auf der Hut ist, ihr Gegenteil in Unter-
    drückung zu halten und läßt uns einen 
    Hergang konstruiren, den wir als 
    Verdrängung durch Reaktionsbildung 
    (im Ich) kons beschreiben. Fälle wie der 

  • S.

    15

    kleine Hans zeigen nichts von solcher Reaktionsbild-
    ung; es giebt offenbar verschiedene Wege, die aus 
    einem Ambivalenzkonflikt herausführen.

    Etwas anderes haben wir unterdeß mit Sicherheit 
    erkannt. Die Triebregung, die der Verdrängung 
    unterliegt, ist ein feindseliger Impuls gegen den 
    Vater. Die Analyse lieferte uns den Beweis 
    hiefür während sie der Herkunft der Idee des 
    beißenden Pferdes nachspürte. Hans hat ein Pferd 
    fallen gesehen, einen Spielkameraden fallen 
    und sich verletzen, mit dem er „Pferdl“ gespielt 
    hatte. Sie hat uns das Recht gegeben, bei Hans 
    einen Wunschregung zu konstruiren, die ge-
    lautet hat, der Vater möge hinfallen, sich 
    beschädigen, wie das Pferd und der Kamerad. 
    Beziehungen zu einer beobachteten Abreise lassen 
    vermuten, daß der Wunsch nach der Beseitigung 
    des Vaters auch minder zaghaften Ausdruck 
    gefunden hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleich-
    wertig mit der Absicht, ihn selbst zu beseitigen, 
    mit der mörderischen Regung des Oedipus-
    komplexes.

    Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt 
    kein Weg zu dem Ersatz für sie, den wir in 
    der Pferdephobie vermuten. Vereinfachen wir 
    nun die psychische Situation des kleinen Hans, indem 
    wir das infantile Moment und die Ambivalenz 
    wegräumen; er sei etwa ein jüngerer Diener 
    in einem Haushalt, der in die Herrin verliebt 
    ist und sich gewißer Gunstbezeugungen von 
    ihrer Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er 
    den stärkeren Hausherrn haßt und ihn beseitigt 
    wissen möchte; dann ist es die natürlichste Folge 
    dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn 
    fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand von Angst 
    vor diesem einstellt – ganz ähnlich wie die 
    Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd. 
    Das heißt, wir können die Angst dieser Phobie 
    nicht als Symptom bezeichnen; wenn der 
    kleine Hans, der in seine Mutter verliebt 
    ist, Angst vor dem Vater ¿¿ zeigen würde, 
    hätten wir kein Recht, ihm eine Neurose, 
    eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten 
    eine durchaus begreifliche affektive Reaktion 
    vor uns. Was diese zur Neurose macht, 
    ist einzig und allein ein anderer Zug, 
    die Ersetzung des Vaters durch das 
    Pferd. Diese Verschiebung stellt also das her, 
    was auf den Namen eines Symptoms 
    Anspruch hat. Sie ist jener andere Mechanis-
    mus, der die Erledigung des Ambivalenz-
    konflikts ohne die Hilfe der Reaktions-
    bildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert 
    wird sie durch den Umstand, daß die 

  • S.

    16

    mitgeborenen Spuren totemistischer Denkweise in 
    diesem zarten Alter noch leicht zu beleben 
    sind. Die Kluft zwischen Mensch und Thier ist noch 
    nicht anerkannt, gewiß nicht so überbetont 
    wie später. Der erwachsene bewunderte aber 
    auch gefürchtete Mann steht noch in einer 
    Reihe mit dem großen Thier, das man um 
    so vielerlei beneidet, vor dem man auch aber 
    gewarnt worden ist, weil es gefährlich werden 
    kann. Der Ambivalenzkonflikt wird also nicht 
    soweit dieser er 
    an derselben Person erledigt, sondern gleich-
    sam umgangen, indem man einer seiner 
    Regungen eine andere Person als Ersatz-
    mann unterschiebt.

    Soweit sehen wir ja klar, aber in einem 
    anderen Punkte hat uns die Analyse der 
    Phobie des kleinen Hans eine volle Ent-
    täuschung gebracht. Die Entstellung, in der 
    die Symptombildung besteht, wird gar nicht 
    an der Repraesentanz (dem Vorstellungsinhalt) 
    der zu verdrängenden Triebregung vorge-
    nom̄en, sondern an einer davon ganz verschiedenen, 
    die nur einer Reaktion auf das eigentlich 
    Unliebsame entspricht. Unsere Erwartung 
    fände eher Befriedigung, wenn der kleine 
    Hans eine an Stelle seiner Angst vor 
    dem Pferd eine Neigung entwickelt hätte, 
    Pferde zu mishandeln, sie zu schlagen, oder 
    deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte zu 
    sehen, wie sie hinfallen, zu Schaden kom̄en 
    eventuell unter Zuckungen verenden (das 
    Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der 
    Art tritt auch wirklich während seiner Analyse 
    auf, aber es steht lange nicht voran in 
    der Neurose, und – sonderbar –, wenn er 
    wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das 
    Pferd, anstatt gegen den Vater gerichtet, 
    als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden 
    wir gar nicht geurteilt haben, er befinde 
    sich in einer Neurose. Etwas ist also da 
    nicht in Ordnung, entweder an unserer 
    Auffassung der Verdrängung oder in 
    unserer Definition eines Symptoms. Eines 
    fällt uns natürlich sofort auf: Wenn der 
    kleine Hans wirklich ein solches B Verhalten 
    gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der 
    Charakter der anstößigen, aggressiven 
    Triebregung durch die Verdrängung gar 
    nicht verändert worden, nur deren 
    Objekt gewandelt worden.

    Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung 
    giebt, die nicht mehr leisten als dies; bei der 
    Genese der Phobie des kleinen Hans ist aber 
    mehr geschehen. Um wieviel mehr, erraten 
    wir aus einem anderen Stück der Analyse.

  • S.

    17

    Wir haben bereits gehört, daß der kleine 
    Hans als den Inhalt seiner Phobie die Vorstellung 
    angab, vom Pferd gebißen zu werden. Nun 
    haben wir später Einblick in die Genese und 
    Bedeutung eines anderen Falles von Thier-
    phobie bekommen, in der der Wolf das Angst-
    tier war, aber gleichfalls die Bedeutung 
    eines Vaterersatzes hatte.x) Im Anschluß an 
    einen Traum, den die Analyse durchsichtig 
    machen konnte, entwickelte sich bei diesem 
    Knaben die Angst, vom Wolf gefreßen 
    zu werden wie eines der sieben Geislein 
    im Märchen. Daß der Vater des kleinen 
    Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm gespielt 
    hatte, war gewiß bestimmend für die Wal 
    des Angsttieres geworden; ebenso ließ sich 
    wenigstens sehr wahrscheinlich machen, daß 
    der Vater meines erst im dritten Jahrzehnt 
    analysirten Russen in den Spielen mit dem 
    Kleinen den Wolf gemimt und scherzend mit 
    dem Auffressen gedroht hatte. Seither habe ich 
    als dritten Fall einen jungen Amerikaner 
    gefunden, bei dem sich zwar keine Thierphobie 
    ausbildete, be der aber gerade durch diesen Aus-
    fall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine 
    sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen 
    Kindergeschichte entzündet, die man ihm vorlas, 
    von einem arabischen Häuptling, der einemr aus 
    eßbarer Substanz bestehenden Person, dem 
    Gingerbreadman nachjagt, um ihn zu verzehren. 
    Mit diesem eßbaren Menschen identifizirte er 
    sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz 
    leicht kenntlich und diese Phantasie wurde 
    die erste Unterlage seiner autoerotischen 
    Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen 
    zu werden ist also typisches uraltes Kinder-
    gut; die Analogien aus der Mythologie 
    (Kronos) und dem Thierleben sind allgemein 
    bekannt.

    Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt 
    uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur 
    ungläubig zugestehen können. Wir wissen auch 
    nicht, ob er wirklich das bedeutet, was er 
    auszusagen scheint, und verstehen nicht, wie 
    er Gegenstand einer Phobie werden kann. 
    Die analytische Erfahrung gibt uns allerdings die 
    erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß 
    die Vorstellung, vom Vater gefressen zu 
    werde der regressiv erniedrigte Ausdruck 
    für eine passive zärtliche Regung ist, die 
    vom Vater als Objekt im ¿¿ Sinne der Genitalerotik 
    geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgung 

    x)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. 
    (Ges. Schriften, Bd. VIII.)

  • S.

    18

    der Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel 
    an der Richtigkeit dieser Deutung aufkom̄en. 
    Die genitale Regung verrät freilich nichts mehr von 
    ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache 
    der überwundenen Übergangsphase von der oralen 
    zur sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird. 
    Handelt es sich übrigens nur um eine Ersetzung 
    der Repraesentanz durch einen regressiven Aus-
    druck oder um eine wirkliche regressive 
    Erniedrigung der genitalgerichteten Regung im 
    Es? Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden. 
    Die Krankengeschichte des russischen „Wolfsman̄es“ 
    spricht ganz entschieden für die letztere, ernstere 
    Möglichkeit, denn er benim̄t sich von dem 
    entscheidenden Traum an „schlim̄“, quälerisch, 
    sadistisch, und entwickelt bald darauf eine 
    richtige Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen 
    wir die Einsicht, daß die Verdrängung nicht 
    das einzige Mittel ist, das dem Ich zur 
    Abwehr einer unliebsamen Triebregung 
    zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den 
    Trieb zur Regression zu bringen, so hat es ihn 
    im Grunde energischer beeinträchtigt, als 
    durch die Verdrängung möglich wäre. Aller-
    dings läßt es manchmal der zunach zuerst 
    erzwungenen Regression die Verdrängung 
    folgen.

    Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas 
    einfachere beim kleinen Hans regen noch manch-
    erlei andere Überlegungen an, aber zwei 
    unerwartete Einsichten gewinnen wir schon jetzt. 
    Kein Zweifel, die bei diesen Phobien verdrängte 
    Triebregung ist eine feindselige gegen den Vater. 
    Man kann sagen, sie wird verdrängt durch den 
    Prozeß der Verwandlung ins Gegenteil; an 
    Stelle der Aggression gegen den Vater tritt 
    die Aggression – die Rache – des Vaters gegen 
    die eigene Person. Da eine solche Aggression 
    ohnedies in der sadistischen Libidophase wurzelt, 
    bedarf sie nur noch einer gewissen Erniedrigung 
    zur oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebißen-
    werden angedeutet, beim Russen aber im 
    Gefressenwerden grell ausgeführt ist. Aber 
    außerdem läßt ja die Analyse über jeden 
    Zweifel gesichert feststellen, daß gleichzeitig noch eine 
    andere Triebregung der Verdrängung erlegen 
    ist, die gegensinnige einer zärtlichen passiven 
    Regung für den Vater, die bereits das 
    Niveau genitalen (phallischen) Libidoorgan-
    isation erreicht hatte. Die letztere scheint 
    sogar die für das Endergebnis des Verdräng-
    ungsvorganges bedeutsamere zu sein, sie 

  • S.

    19

    erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den 
    bestimmenden Einfluß auf den Inhalt der 
    Phobie. Wo wir also nur einer Triebverdrängung 
    nachgespürt haben, müßen wir das Zusam̄entreffen 
    von zwei solchen Vorgängen anerken̄en; die 
    beiden betroffenen Triebregungen – sadistische 
    Aggression gegen den Vater und zärtlich passive 
    Einstellung zu ihm – bilden ein Gegensatzpaar 
    ja, noch mehr: wenn wir die Geschichte des kleinen 
    Hans richtig würdigen, erkennen wir, daß durch 
    die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche Objekt-
    besetzung der Mutter aufgehoben worden ist, 
    wovon der Inhalt der Phobie nichts verrät. 
    Es handelt sich bei Hans – beim Russen ist das weit 
    weniger deutlich – um einen Verdrängungsvorgang, 
    der fast alle Komponenten des Oedipuskom-
    plexes betrifft, die feindliche wie die zärtliche 
    Regung gegen den Vater und die zärtliche 
    für die Mutter.

    Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die 
    wir nur einfache Fälle von Symptombildung infolge 
    von Verdrängung studiren wollten und uns 
    in dieser Absicht an die frühesten und anschein-
    end durchsichtigsten Neurosen der Kindheit 
    gewendet hatten. Anstatt einer einzigen Ver-
    drängung fanden wir eine Häufung von solchen 
    vor und überdieß bekamen wir es mit der Re-
    gression zu thun. Vielleicht haben wir aber die 
    Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die 
    beiden verfügbaren Analysen von Thierphobien 
    – die des kleinen Hans und des Wolfsmannes – 
    durchaus auf denselben Leisten schlagen wollten. 
    Nun fallen uns gewiße Unterschiede der beiden 
    auf. Nur vom kleinen Hans kann man mit 
    Bestim̄theit aussagen, daß er durch seine Phobie 
    die beiden Hauptregungen des Oedipuskom-
    plexes, die aggressive gegen den Vater und 
    die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt; 
    die zärtliche für den Vater ist gewiß auch 
    vorhanden, sie spielt ihre Rolle bei der 
    Verdrängung ihres Gegensatzes, aber es ist weder 
    nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine 
    Verdrängung zu provoziren, noch daß sie 
    nachher aufgehoben ist. Hans scheint eben ein 
    normaler Junge mit sog. „positivem“ Oedip-
    uskomplex gewesen zu sein. Möglich, daß die 
    Momente, die wir vermissen, auch bei ihm 
    mittätig waren, aber wir können sie nicht 
    aufzeigen, das Material selbst unserer 
    eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft, 
    unsere Dokumentirung unvollständig. 
    Beim Russen ist der Defekt an anderer Stelle; 
    seine Beziehung zum weiblichen Objekt ist 

  • S.

    20

    durch eine frühzeitige Verführung gestört worden, 
    die passive, feminine, Seite ist bei ihm stark 
    ausgebildet und die Analyse seines Wolfs-
    traumes enthüllt wenig von beabsichtigter 
    Aggression gegen den Vater, erbringt 
    dafür die unzweideutigsten Beweise, daß 
    die Verdrängung die passive, zärtliche, Ein-
    stellung zum Vater betrifft. Auch hier 
    mögen die anderen Faktoren beteiligt 
    gewesen sein, sie treten aber nicht vor. 
    Wenn trotz dieser Unterschiede der beiden 
    Fälle, die sich fast einer Gegensätzlichkeit 
    nähern, der Enderfolg der Phobie fast der 
    nämliche ist, so muß uns die Erklärung dafür 
    von anderer Seite kommen.  s
    Sie kom̄t von dem zweiten Ergebnis unserer 
    kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir 
    glauben den Motor der Verdrängung 
    in beiden Fällen zu kennen und sehen 
    seine Rolle durch den Verlauf bestätigt, 
    den die Entwicklung der beiden zwei Kinder 
    nim̄t. Er ist in beiden Fällen der nämliche, 
    die Angst vor einer drohenden Kastrations-. 
    Aus Kastrationsangst giebt der kleine 
    Hans die Aggression gegen den Vater auf; 
    seine Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann 
    zwanglos vervollständigt werden, das Pferd 
    werde ihm das Genitale abbeißen, ihn 
    kastriren. Aber aus Kastrationsangst ver-
    zichtet auch der kleine Russe auf den Wunsch, 
    vom Vater als Sexualobjekt geliebt 
    zu werden, denn er hat verstanden, eine 
    solche Beziehung hätte zur Voraussetzung, 
    daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn 
    vom Weib unterscheidet. Beide Gestalt-
    ungen des Oedipuskomplexes, die normale, 
    aktive, wie die invertirte, scheitern ja 
    am Kastrationskomplex. Die Angstidee 
    des Russen, vom Wolf gefressen zu werden, 
    enthält zwar keine Andeutung der Kast-
    ration, sie hat sich durch orale Regression 
    zu weit von der phallischen Phase ent-
    fernt, aber die Analyse seines Traumes 
    macht jeden anderen Beweis überflüßig. 
    Es ist auch ein voller Triumph der Ver-
    drängung, daß im Wortlaut der Phobie 
    nichts mehr auf die Kastration hindeutet.

    Hier nun das unerwartete Ergebnis: 
    In beiden Fällen ist der Motor der 
    Verdrängung der ¿ die Kastrations-
    angst; die Angstinhalte, vom Pferd gebißen 
    und vom Wolf gefressen zu werden, sind 
    Entstellungsersatz für den Inhalt, vom 

  • S.

    21

    Vater kastrirt zu werden. Dieser Inhalt ist es 
    eigentlich, der die Verdrängung an sich erfahren 
    hat. Beim Russen war er Ausdruck eines 
    Wunsches der gegen die Auflehnung der Männ-
    lichkeit nicht bestehen konnte, bei Hans Aus-
    druck einer Reaktion, welche die Aggression in 
    ihr Gegenteil umwandelte. Aber der Angst-
    affekt der Phobie, der ihr Wesen ausmacht, 
    stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang, 
    sondern nicht aus den libidinösen Besetzungen 
    der verdrängten Regungen, sondern aus 
    dem Verdrängenden selbst. Die Angst der 
    Thierphobie ist die unverwandelte Kastrat-
    ionsangst, also eine Realangst, Angst vor einer 
    wirklich drohenden und oder ¿¿¿¿  als real 
    beurteilten Gefahr. Hier macht die Angst 
    die Verdrängung, nicht, wie ich früher 
    gemeint habe, die Verdrängung die Angst.

    Es ist nicht angenehm, daran zu denken, 
    aber es hilft nichts, es zu verleugnen, ich 
    habe oftmals den Satz vertreten, durch 
    die Verdrängung werde die Triebrepraesen-
    tanz entstellt, verschoben udgl, die Libido 
    der Triebregung aber in Angst verwandelt. 
    Die Untersuchung der Phobien, die vor allem be-
    rufen sein sollte, diesen Satz zu erweisen, 
    bestätigt ihn also nicht, sie scheint ihm vielmehr 
    direkt zu widersprechen. Die Angst der Thier-
    phobien ist ¿¿ die Kastrationsangst des Ichs, 
    die der weniger gründlich studirten Agoraphobie 
    scheint Versuchungsangst zu sein, die ja genetisch 
    mit der Kastrationsangst zusam̄enhängen muß. 
    Die meisten Phobien gehen, so weit wir es 
    heute übersehen, auf eine solche Angst des 
    Ichs vor den Ansprüchen der Libido zu-
    rück. Immer ist dabei die Angsteinstellung 
    des Ichs das Primäre und der Antrieb 
    zur Verdrängung. Niemals geht die Angst 
    aus der verdrängten Libido hervor. Wenn 
    ich mich früher begnügt hätte zu sagen, nach 
    der Verdrängung erscheint an Stelle der 
    zu erwartenden Äußerung von Libido ein 
    Maß von Angst, so hätte ich heute nichts 
    zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig 
    und zwischen der Stärke der zu verdräng-
    enden Regung und der Intensität der 
    resultirenden Angst besteht wol die be-
    hauptete Entsprechung. Aber ich gestehe, ich 
    glaubte mehr als eine bloße Beschreibung 
    zu geben – ich nahm an, daß ich den meta-
    psychologischen Vorgang einer direkten Um-
    setzung der Libido in Angst erkannt 
    hatte; das kann ich also heute nicht mehr 
    festhalten. Ich konnte auch früher nicht 

  • S.

    22

    angeben, wie sich eine solche Umwandlung 
    vollzieht.

    Woher schöpfte ich überhaupt die Idee einer solchen 
    dieser Umsetzung? Zur Zeit, als es uns noch sehr 
    ferne lag, zwischen Vorgängen im Ich und Vor-
    gängen im Es zu unterscheiden, aus dem Studium 
    der Aktualneurosen. Ich fand, daß bestim̄te 
    sexuelle Praktiken, wie Coitus interruptus, 
    frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz 
    Angstausbrüche und eine allgemeine Angstbereit-
    schaft erzeugen, also immer wenn die Sexual-
    erregung in ihrem Ablauf zur Befriedigung 
    gehemmt, aufgehalten oder abgelenkt wird. 
    Da die Sexualerregung der Ausdruck libidinöser 
    Triebregungen ist, schien es nicht gewagt, anzu-
    nehmen, daß die Libido sich durch die Einwirkung 
    solcher Störungen in Angst verwandelt. Nun 
    ist auch diese Beobachtung auch heute noch giltig, 
    anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido 
    der Es‑Vorgänge durch die Anregung der 
    Verdrängung eine Störung erfährt; es 
    kann also noch immer richtig sein, daß 
    sich bei der Verdrängung Angst aus 
    der ¿¿¿¿¿ Libidobesetzung der Triebregungen 
    bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis 
    mit dem anderen zusam̄enbringen, daß 
    die Angst der Phobien eine Ich‑Angst ist, 
    im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung 
    hervorgeht, sondern die Verdrängung hervor-
    ruft? Das scheint ein Widerspruch und nicht 
    einfach zu lösen. Die Reduktion der beiden 
    Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt 
    sich nicht durchsetzen. Man kann es mit der An-
    nahme versuchen, daß das Ich in der Situation 
    des gestörten Coitus, der unterbrochenen Erregung, 
    der Abstinenz, eine Gefahren wittert, auf die 
    es mit Angst reagirt, aber es ist nichts damit 
    zu machen. Anderseits scheint die Analyse der 
    Phobien, die wir vorgenom̄en haben, eine 
    Berichtigung nicht zuzulassen. Non liquet!

    V

    Wir wollten die Symptombildung und 
    den sekundären Kampf des Ichs gegen das Symptom 
    studiren, aber wir haben offenbar mit der 
    Wal der Phobien keinen glücklichen Griff 
    gethan. Die Angst, welche im Bild dieser 
    Affektionen vorherrscht, erscheint uns 
    nun als eine den Sachverhalt verhüllende 
    Komplikation. Es giebt reichlich Neurosen, bei 
    denen sich nichts von Angst zeigt. Die echte 
    Konversionshysterie ist von solcher Art, 
    deren schwerste Symptome ohne Beimischung 

  • S.

    23

    von Angst gefunden werden. Schon diese Tatsache 
    müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen 
    Angst und Symptombildung nicht allzu fest zu 
    knüpfen. Den Konversionshysterien stehen 
    die Phobien sonst so nahe, daß ich mich 
    für berechtigt gehalten habe, sie ihnen diese als 
    „Angsthysterie“ anzureihen. Aber niemand hat 
    noch die Bedingung angeben können, die darüber 
    entscheidet, ob ein Fall die Form einer 
    Konversionshysterie oder einer Phobie an-
    nim̄t, niemand also die Bedingung der Angst-
    entwicklung bei der Hysterie ergründet.

    Die häufigsten Symptome der Konversions-
    hysterie, eine motorische Lähmung, Kontraktur 
    oder unwillkürliche Aktion oder Entladung, 
    ein Schmerz, eine Halluzination sind entweder 
    permanent festgehaltene oder intermittirende 
    Besetzungsvorgänge, was der Erklärung neue 
    Schwierigkeiten bereitet. Man weiß eigentlich 
    nicht viel über solche Symptome zu sagen. Durch 
    die Analyse kann man erfahren, welchen gestörten 
    Erregungsablauf sie ersetzen. Zumeist ergiebt sich, 
    daß sie selbst einen Anteil an diesem haben, 
    so als ob sich die gesamte Energie desselben 
    auf dies eine Stück konzentrirt hätte. Der 
    Schmerz war in der Situation, in welcher die 
    Verdrängung vorfiel, vorhanden; die Halluz-
    ination war damals Wahrnehmung, die motor-
    ische Lähmung ist die Abwehr einer Aktion, die 
    in jener Situation hätte ausgeführt werden 
    sollen, aber gehemmt wurde, die Kontraktur 
    gewöhnlich eine Verschiebung für eine damals 
    intendirte Muskelinnervation an anderer 
    Stelle, der Krampfanfall Ausdruck eines 
    Affektausbruchs, der sich der normalen Kontrolle 
    des Ichs entzogen hat. In ganz auffälligem Maße 
    wechselnd ist die Unlustempfindung, die das 
    Auftreten der Symptome begleitet. Bei den 
    permanenten, auf die Motilität verschobenen 
    Symptomen, wie Lähmungen und Kontrakturen, 
    fehlt sie meistens gänzlich das Ich ¿¿ Ich verhält 
    sich gegen sie wie unbeteiligt; bei den 
    intermittirenden und den Symptomen der 
    sensorischen Sphäre werden in der Regel 
    deutliche Unlustempfindungen verspürt, 
    die sich im Falle des Schmerzsymptom zu 
    exzessiver Höhe steigern können. Es ist sehr 
    schwer, in dieser Mannigfaltigkeit das 
    Moment herauszufinden, das solche Differ-
    enzen ermöglicht und sie doch einheitlich er-
    klären läßt. Auch vom Kampf des Ichs gegen 
    das einmal gebildete Symptom ist bei der 
    Konversionshysterie wenig zu merken. Nur wenn 

  • S.

    24

    die Schmerzempfindlichkeit einer Körperstelle zum 
    Symptom geworden ist, wird diese in den Stand 
    gesetzt, eine Doppelrolle zu spielen. Das Schmerz-
    symptom tritt ebenso sicher auf, wenn diese 
    Stelle von außen berührt wird, wie wenn 
    die von ihr vertretene pathogene E Situation 
    von innen her assoziativ aktivirt wird, und 
    das Ich ergreift Vorsichtsmaßregeln, um 
    die Erweckung des Symptoms durch äußere 
    Wahrnehmung hintanzuhalten. Woher die 
    besondere Undurchsichtigkeit der Symptombild-
    ung bei der Konversionshysterie rührt, 
    können wir nicht erraten, aber sie giebt 
    uns ein Motiv, das unfruchtbare Gebiet 
    bald zu verlassen.

    Wir wenden uns zur Zwangsneurose in der 
    Erwartung, hier mehr über die Symptom-
    bildung zu erfahren. Die Symptome der 
    Zwangsneurose sind im Allgemeinen von 
    zweierlei Art und entgegengesetzter Tendenz. 
    Es sind entweder Verbote, Vorsichtsmaßregeln, 
    Bußen, also negativer Natur, oder im Gegenteil 
    Ersatzbefriedigungen, sehr häufig in symbolischer 
    Verkleidung. Von diesen zwei Gruppen ist 
    die negative, abwehrende, strafende die ältere; 
    im mit der Dauer des Krankseins nehmen 
    aber die aller Abwehr spottenden Befriedig-
    ungen überhand. Es ist ein Triumph der Symptom-
    bildung, wenn es gelingt, das Verbot mit 
    der Befriedigung zu verquicken, so daß das 
    ursprünglich abwehrende Gebot oder Verbot 
    auch die Bedeutung einer Befriedigung be-
    kom̄t, wozu oft sehr künstliche Verbindungs-
    wege in Anspruch genom̄en werden. In dieser 
    Leistung zeigt sich die Neigung zur Synthese, 
    die wir dem Ich bereits zuerkannt haben. 
    Im r In extremen Fällen ha bringt es der 
    Kranke zustande, daß die meisten seiner 
    Symptome zu ihrer ursprünglichen Bedeutung 
    auch die des direkten Gegensatzes erworben 
    haben, ein Zeugnis für die Macht der 
    Ambivalenz, die, wir wissen nicht recht, 
    warum, in der Zwangsneurose eine so 
    große Rolle spielt. Im rohesten Fall 
    ist das Symptom zweizeitig, d.h auf die 
    Handlung, die eine gewiße Vorschrift aus-
    führt, folgt unmittelbar eine zweite, 
    die sie aufhebt oder rückgängig macht, 
    wenngleich sie noch nicht wagt, ihr Gegenteil 
    auszuführen.

    Zwei Eindrücke ergeben sich sofort aus dieser 
    flüchtigen Überschau der Zwangssymptome. 
    Der erste, daß hier ein fortgesetzter Kampf 
    gegen das Verdrängte unterhalten wird, 
    der sich immer mehr zu ungunsten der ver-
    drängenden Kräfte wendet, und zweitens 
    daß Ich und Überich hier einen besonders großen 

  • S.

    25

    Anteil an der Symptombildung nehmen.

    Die Zwangsneurose ist wol das interessanteste und dank-
    barste Objekt der analytischen Untersuchung, aber 
    noch immer als Problem unbezwungen. Wollen 
    wir in ihr Wesen tiefer eindringen, so müßen 
    wir eingestehen, daß unsichere Annahmen und 
    unbewiesene Vermutungen noch nicht entbehrt 
    werden können. Die Ausgangssituation der 
    Zwangsneurose ist wol keine andere als die 
    der Hysterie, die notwendige Abwehr der libidin-
    ösen Ansprüche des Oedipuskomplexes. Auch 
    scheint sich bei jeder Zwangsneurose eine unterste 
    Schicht sehr früh gebildeter hysterischer Symptome 
    zu finden. Dann aber wird die Situation 
    weitere Gestaltung durch einen konstitution-
    ellen Faktor entscheidend verändert. Die 
    genitale Organisation der Libido erweist sich 
    als schwächlich und zu wenig resistent. Wenn 
    das Ich sein Abwehrstreben beginnt, so er-
    zielt es den als ersten Erfolg, daß die Genital-
    organisation (der phallischen Phase) ganz oder 
    teilweise auf die frühere sadistisch‑anale 
    Stufe zurückgeworfen wird. Diese Tatsache der 
    Regression bleibt für alles folgende bestim-
    mend.

    Man kann noch eine andere Möglichkeit in 
    Erwägung ziehen. Vielleicht ist die Regression 
    nicht die Folge eines konstitutionellen, 
    sondern eines zeitlichen Faktors. Sie wird 
    nicht darum ermöglicht werden, weil die Genitalorgan-
    isation der Libido zu schwächlich geraten, 
    sondern weil das Sträuben des Ichs zu früh-
    zeitig, noch während der Blüte der sadistischen 
    Phase eingesetzt hat. Einer sicheren Entscheid-
    ung getraue ich mich auch in diesem 
    Punkte nicht, aber die analytische Beob-
    achtung begünstigt diese Annahme nicht. 
    Sie zeigt eher, daß bei der Wendung zur 
    Zwangsneurose die phallische Stufe bereits 
    erreicht ist. Auch ist das Lebensalter für 
    den Ausbruch dieser Neurose ein späteres 
    als das der Hysterie (die zweite Kindheits-
    periode, nach dem Termin der Latenzzeit) 
    und in einem Fall von sehr später Ent-
    wicklung dieser Affektion, den ich studiren 
    konnte, ergab es sich klar, daß ¿ eine reale 
    Entwertung des bis dahin intakten Genital-
    lebens die Bedingung für die Regression 
    und die Entstehung der Zwangsneurose schuf.x)

    Die metapsychologische Erklärung der Regression 
    suche ich in einer „Triebentmischung“, in der 
    Absonderung der erotischen Komponenten, 
    die mit Beginn der genitalen Phase zu den 
    destruktiven Besetzungen der sadistischen 
    Phase hinzugetreten waren.

    x)S. Die Disposition zur Zwangsneurose. Ges. Schriften, 
    Bd. V. 

  • S.

    26

    Die Erzwingung der Regression bedeutet den 
    ersten Erfolg des Ichs im Abwehrkampf gegen 
    den Anspruch der Libido. Wir unterscheiden 
    hier zweckmäßig die allgemeinere Tendenz 
    der „Abwehr“ von der „Verdrängung“, die nur 
    einer der Mechanismen ist, deren sich die 
    Abwehr bedient. Vielleicht noch klarer als bei 
    normalen und hysterischen Fällen erkennt 
    man bei der Zwangsneurose als den Motor 
    der Abwehr den Kastrationskomplex, als 
    das Abgewehrte die Strebungen des Oedipus-
    komplexes. Wir befinden uns nun zu Beginn 
    der Latenzzeit, die durch den Untergang des 
    Oedipuskomplexes, die Schöpfung oder Konsolid-
    irung des Überichs und die Bildung Aufrichtung der 
    ethischen und aesthetischen Schranken im Ich 
    gekennzeichnet ist. Diese Vorgänge gehen bei 
    der Zwangsneurose über das normale 
    Maß hinaus; zur Zerstörung des Oedipuskom-
    plexes tritt die regressive Erniedrigung 
    der Libido hinzu, das Überich wird besonders 
    strenge und lieblos, das Ich entwickelt im 
    Gehorsam gegen das Überich hohe Reaktions-
    bildungen von Gewissenhaftigkeit, Mitleid, 
    Reinlichkeit. Mit unerbittlicher, darum nicht im̄er 
    erfolgreicher, Strenge wird die Versuchung 
    zur Fortsetzung der frühinfantilen Onanie 
    verpönt, die sich nun als an regressive (sadist-
    isch‑anale) Vorstellungen anlehnt, aber doch 
    den unbezwungenen Anteil der phallischen 
    Organisation reprarsentirt. Es liegt ein innerer 
    Widerspruch darin, daß gerade im Interesse 
    der Erhaltung der Männlichkeit (Kastrat-
    ionsangst) jede Betätigung dieser Männlichkeit 
    verhindert wird, aber auch dieser Widerspruch 
    wird bei der Zwangsneurose nur über-
    trieben, er haftet bereits an der normalen 
    Art der Beseitigung des Oedipuskomplexes. 
    Wie jedes Übermaß den Keim zu seiner 
    Selbstaufhebung in sich trägt, wird sich auch 
    an der Zwangsneurose bewähren, indem 
    gerade die unterdrückte Onanie sich 
    in der Form der Zwangshandlungen eine 
    immer weiter gehende Annäherung an 
    die Befriedigung erzwingt.

    Die Reaktionsbildungen im Ich, di der Zwangsneurot-
    iker, die wir als Übertreibungen der normalen 
    Charakterbildung erkennen, dürfen wir als 
    einen neuen Mechanismus der Abwehr 
    neben die Regression und die Verdrängung 
    hinstellen. Sie scheinen bei der Hysterie zu 
    fehlen oder weit schwächer zu sein. Rück-
    schauend gewinnen wir so eine Vermutung, 
    wodurch der Abwehrvorgang der Hysterie 
    ausgezeichnet ist. Es scheint, daß er sich auf 
    die Verdrängung einschränkt, indem das 

  • S.

    27

    Ich sich von der unliebsamen Triebregung abwendet 
    sie dem Ablauf im Unbewußten überläßt und 
    an ihren Schicksalen keinen weiteren Anteil 
    nimmt. So ganz ausschließend richtig kann das zwar 
    nicht sein, denn wir kennen ja den Fall, daß 
    das hysterische Symptom gleichzeitig die Erfüllung 
    einer Strafanforderung des Überichs bedeutet, 
    aber es mag einen allgemeinen Charakter 
    im Verhalten des Ichs bei der Hysterie ¿¿¿¿¿ 
    beschreiben.

    Man kann es einfach als Tatsache hinnehmen, daß 
    sich bei der Zwangsneurose ein so strenges 
    Überich bildet, oder man kann daran denken, daß 
    der fundamentale Zug dieser Affektion die 
    Libidoregression ist, und versuchen, auch den Charakter 
    des Überichs mit ihr zu verknüpfen. In der Tat 
    kann ja das Überich, das aus dem Es stammt, sich der 
    dort eingetretenen Regression und Trieb-
    entmischung nicht entziehen. ziehen. Es wäre nicht zu verwun-
    dern, wenn es seinerseits härter, quälerischer, lieb-
    loser würde als bei normaler Entwicklung.

    Während der Latenzzeit scheint die Abwehr 
    der Onanieversuchung als Hauptaufgabe behandelt 
    zu werden. Dieser Kampf erzeugt eine Reihe von 
    Symptomen, die bei den verschiedensten Personen 
    in typischer Weise wiederkehren und im allge-
    meinen den Charakter des Zeremoniells tragen. 
    Es ist sehr zu bedauern, daß sie noch nicht gesam̄elt 
    und systematisch analysirt worden sind; als früheste 
    ¿¿ Leistungen der Neurose würden sie über 
    den hier verwendeten Mechanismus der Symptombildung am 
    ehesten Licht verbreiten. Sie zeigen bereits die 
    Züge, welche in einer späteren schweren Er-
    krankung so verhängnisvoll hervortreten 
    werden: die Unterbringung an den Verricht-
    ungen, die später wie automatisch ¿¿¿ ausge-
    führt werden sollen, am Schlafengehen 
    Waschen und Ankleiden, an der Lokomotion, 
    die Neigung zur Wiederholung und zum 
    Zeitaufwand. Warum das so geschieht, ist noch 
    keineswegs verständlich; die Sublimirung 
    analerotischer Komponenten spielt dabei eine 
    deutliche Rolle.

    Die Pubertät macht in der Entwicklung der 
    Zwangsneurose einen entscheidenden Abschnitt. 
    Die in der Kindheit abgebrochene Genitalorganis-
    ation setzt nun mit großer Kraft wieder 
    ein. Wir wissen aber, daß die Sexualentwick-
    lung der Kinderzeit auch für den Neubeginn
     der Pubertätsjahre die Richtung vorschreibt. 
    Es werden also einerseits die aggressiven Reg-
    ungen der Frühzeit wieder erwachen, 
    anderseits muß ein mehr oder minder 
    großer Anteil der neuen libidinösen 
    Regungen – in bösen Fällen deren Ganzes – 

  • S.

    28

    die durch die Regression vorgezeichneten Bahnen 
    einschlagen und als aggressive und destruktive 
    Absichten auftreten. Infolge dieser Verkleidung 
    der erotischen Strebungen und der starken 
    Reaktionsbildungen im Ich, wird nun der 
    Kampf gegen die Sexualität unter ethischer 
    Flagge weitergeführt. Das Ich sträubt sich 
    verwundert gegen grausame und gewalt-
    tätige Zumutungen, die ihm vom Es her ins 
    Bewußtsein geschickt werden, und ahnt 
    nicht, daß es dabei erotische Wünsche be-
    kämpft, darunter auch solche, die sonst 
    seinem Einspruch entgangen wären. Das 
    überstrenge Überoch besteht um so energischer 
    auf der Unterdrückung der Sexualität, 
    da sie so abstoßende Formen angenom̄en 
    hat. So zeigt sich der Konflikt bei der Zwangs-
    neurose nach zwei Richtungen verschärft, 
    das Verdrängende Abwehrende ist intoleranter, das 
    zu VerdrängAbzuwehrende unerträglicher geworden; 
    beides durch den Einfluß des einen 
    Moments, der Libidoregression.

    Man könnte einen Widerspruch ¿¿ gegen manche 
    unserer Voraussetzungen darin finden, daß 
    die unliebsame Zwangsvorstellung überhaupt 
    bewußt wird. Allein es ist kein Zweifel, daß 
    sie vorher den Prozeß der Verdrängung durch-
    gemacht hat. In den meisten ist der eigent-
    liche Wortlaut der aggressiven Triebreg-
    ung dem Ich überhaupt nicht bekannt. Es gehört 
    ein gutes Stück analytischer Arbeit dazu, 
    um ihn bewußt zu machen. Was zum Be-
    wußtsein durchdringt, ist in der Regel nur 
    ein entstellter Ersatz entweder von einer 
    verschwom̄enen, traumhaften Unbestim̄t-
    heit, oder unken̄tlich gemacht durch eine 
    absurde Verkleidung. Wenn die Verdräng-
    ung nicht den Inhalt der aggressiven Trieb-
    regung angenagt hat, da hat sie doch gewiß 
    den sie begleitenden Affektcharakter 
    beseitigt. So erscheint die Aggression dem Ich nicht als 
    ein Impuls, sondern, wie die Kranken 
    sagen, als ein bloßer „Gedankeninhalt“, 
    der einen kalt lassen sollte. Das Merk-
    würdige ist, daß dies doch nicht der Fall 
    ist.

    Der bei der Wahrnehmung der Zwangsvorstell-
    ung ersparte Affekt kom̄t nämlich an 
    anderer Stelle zum Vorschein. Das Überich 
    benimmt sich so, als hätte keine Verdräng-
    ung stattgefunden, als wäre ihm die aggress-
    ive Regung in ihrem richtigen Wortlaut 
    und mit ihrem vollen Affektcharakter 
    bekannt, und behandelt das Ich auf Grund 
    dieser Voraussetzung. Das Ich, das sich 

  • S.

    29

    einerseits schuldlos weiß, muß anderseits ein 
    Schuldgefühl verspüren und eine Verantwortlich-
    keit tragen, die es sich nicht zu erklären 
    weiß. Das Rätsel, das uns hiemit aufgegeben wird, 
    ist aber nicht so groß, als es zuerst erscheint. Das 
    Verhalten des Überichs ist durchaus verständlich, 
    der Widerspruch im Ich beweist es uns nur, daß es 
    sich mittels der Verdrängung gegen das Es ver-
    schloßen hat, während es den Einflüßen aus 
    dem Überich voll zugänglich geblieben ist. Der 
    weiteren Frage, warum das Ich sich nicht auch der 
    peinigenden Kritik des Überichs zu entziehen 
    sucht, macht die Nachricht ein Ende, daß dies 
    wirklich in einer großen Reihe von Fällen 
    so geschieht. Es gibt auch Zwangsneurosen ganz 
    ohne Schuldbewußtsein; soweit wir es verstehen, 
    hat sich das Ich die Wahrnehmung desselben 
    durch eine neue Reihe von Symptomen, die 
    Bußhandlungen, Einschränkungen zur Selbstbe-
    strafung, erspart. Diese Symptome bedeuten 
    aber gleichzeitig Befriedigungen masochistischer 
    Triebregungen, die gleichebenfalls aus der Regression 
    eine Verstärkung bezogen haben.

    Die Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen 
    der Zwangsneurose ist eine so großartige, daß 
    es noch keiner Bemühung gelungen ist, eine 
    zusam̄enhängende Synthese aller ihrer Variationen 
    zu geben. Man ist bestrebt, typische Beziehungen 
    herauszuheben und dabei immer in Sorge, 
    andere, nicht minder wichtige, Regelmäßigkeiten 
    zu übersehen.

    Die allgemeine Tendenz der Symptombildung bei der 
    Zwangsneurose habe ich bereits beschrieben. Sie geht 
    dahin der Ersatzbefriedigung immer mehr Raum auf 
    Kosten der Versagung zu schaffen. Dieselben Symptome, 
    die ursprünglich Einschränkungen des Ichs bedeuteten, 
    nehmen dank der Neigung des Ichs zur Synthese, 
    später auch die von Befriedigungen an, und 
    es ist unverkennbar, daß die letztere Be-
    deutung allmälich die wirksamere wird. Ein 
    äußerst eingeschränktes Ich, das darauf angewiesen 
    ist, seine Befriedigungen in den Symptomen 
    zu suchen, wird das Ergebnis dieses Prozesses, 
    der sich immer mehr dem völligen Fehlschlagen des 
    anfänglichen Abwehrstrebens nähert. Die Ver-
    schiebung des Kräfteverhältnißes zu Gunsten 
    der Befriedigung kann zu dem gefürchteten 
    Endausgang der Willenslähmung des Ichs führen, 
    das für jede Entscheidung beinahe ebenso starke 
    Antriebe von der einen wie von der anderen 
    Seite findet. Der überscharfe Konflikt zwischen 
    Es und Überich, der die Affektion von An-
    fang an beherrscht, kann sich so sehr ausbreiten, 
    daß keine der Verrichtungen des zur Ver-
    mittlung unfähigen Ichs der Einbeziehung 
    in diesen Konflikt entziehengehen kann.

  • S.

    30

    VI

    Während dieser Kämpfe kann man zwei 
    symptombildende Tätigkeiten des Ichs beobachten, 
    die ein besonderes Interesse verdienen, 
    weil sie offenbare Surrogate der Verdrängung 
    sind und darum deren Tendenz und Technik schön 
    erläutern können. Vielleicht dürfen wir auch 
    das Hervortreten dieser Hilfs‑ und Ersatztechniken 
    als einen Beweis dafür auffassen, daß die 
    Durchführung der regelrechten Verdrängung 
    auf Schwierigkeiten stößt. Wenn wir er-
    wägen, daß bei der Zwangsneurose das Ich 
    soviel mehr Schauplatz der Symptombildung 
    ist als bei der Hysterie, daß dieses Ich zähe an seiner 
    Beziehung zur Realität und zum Bewußtsein 
    festhält und dabei alle seine intellektuellen 
    Mittel aufbietet, ja, daß die Denktätigkeit 
    überbesetzt, erotisirt, erscheint, werden uns 
    solche Variationen der Verdrängung viel-
    leicht näher gebracht. 

    Die beiden angedeuteten Techniken sind das 
    Ungeschehenmachen und das Isoliren. Die erstere 
    hat ein großes Anwendungsgebiet und reicht 
    weit zurück. Sie ist sozusagen negative Magie, 
    sie will durch motorische Symbolik ¿¿ nicht die 
    Folgen eines Ereignißes ¿¿ (Eindruckes, Erleb-
    nißes), sondern dieses selbst „wegblasen“. 
    Mit der Wal dieses letzten Ausdrucks ist 
    darauf hingewiesen, welche Rolle diese Technik 
    nicht nur in der Neurose, sondern auch 
    in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen 
    und im religiösen Zeremoniell spielt. 
    In der Zwangsneurose begegnet man dem 
    Ungeschehenmachen zuerst bei den zweizeitigen 
    Symptomen, wo der zweite Akt den ersten 
    aufhebt, so, als ob nichts geschehen wäre, 
    wo in Wirklichkeit beides geschehen ist. 
    Das zwangsneurotische Zeremoniell hat in der 
    Absicht des Ungeschehenmachens seine zweite 
    Wurzel. Die erste ist die Verhütung, die Vorsicht, 
    damit etwas Bestim̄tes nicht geschehe, sich nicht 
    wiederhole. Der Unterschied ist leicht zu fassen; 
    die Vorsichtsmaßregeln sind rationell, 
    die „Aufhebungen“ durch Ungeschehenmachen irrat-
    ionell, magischer Natur. Natürlich muß 
    man vermuten, daß diese zweite Wurzel 
    die ältere, aus der animistischen Einstellung 
    zur Umwelt stammende, ist. Seine Abschatt-
    ung zum Normalen findet das Streben zum 
    Ungeschehenmachen in dem Entschluß ein 
    Ereignis als „non arrivé“ zu behandeln, 
    aber dann unternim̄t man nichts dagegen, 
    küm̄ert sich weder um das Ereignis noch 

  • S.

    31

    seine Folgen, während man in der Neurose die 
    Vergangenheit selbst aufzuheben, motorisch zu 
    verdrängen sucht. Dieselbe Tendenz kann auch 
    die Erklärung des in der Neurose so häufigen 
    Zwanges zur Wiederholung geben, bei dessen 
    Ausführung sich dann mancherlei einander 
    widerstreitende Absichten zusam̄enfinden. Was 
    nicht in solcher Weise geschehen ist, wie es dem 
    Wunsch gemäß hätte geschehen sollen, wird durch 
    die Wiederholung in anderer Weise ungeschehen 
    gemacht, wozu nun alle die Motive hinzutreten, 
    bei diesen Wiederholungen zu verweilen. Im 
    weiteren Verlauf der Neurose enthüllt sich oft 
    die Tendenz, ein traumatisches Erlebnis unge-
    schehen zu machen, als ein symptombildendes 
    Motiv vom ersten Range. Wir erhalten so 
    unerwarteten Einblick in eine neue, motorische 
    Technik der Abwehr oder, wie wir hier mit 
    geringerer Ungenauigkeit sagen können, 
    der Verdrängung.

    Die andere der neu zu beschreibenden Techniken 
    ist das der Zwangsneurose eigentümlich zu-
    kommende Isolirungen. Es bezieht sich gleichfalls 
    auf die motorische Sphäre, besteht darin, daß 
    nach einem unliebsamen Ereignis, ebenso 
    nach einer im Sinne der Neurose bedeutsamen 
    eigenen Tätigkeit eine Pause eingeschoben 
    wird, in der sich nichts mehr ereignen darf, 
    keine Wahrnehmung gemacht und keine 
    Aktion ausgeführt wird. Dies zunächst sonderbare 
    Verhalten verrät uns bald seine Beziehung 
    zur Verdrängung. Wir wissen, bei Hysterie 
    ist es möglich, einen traumatischen Eindruck 
    der Amnesie verfallen zu laßen, bei der 
    Zwangsneurose ist dies oft nicht gelungen, das 
    Erlebnis ist nicht vergeßen, aber es ist von 
    seinem Affekt entblößt und seine assoziativen 
    Beziehungen sind unterdrückt oder unter-
    brochen, so daß es wie isolirt dasteht und 
    auch nicht im Verlaufe der Denktätigkeit re-
    produzirt wird. Der Effekt dieser Isolirung 
    ist dann der nämliche wie bei der Ver-
    drängung mit Amnesie. Diese Technik wird 
    also in den Isolirungen der Zwangsneurose 
    reproduzirt, aber dabei auch in magischer 
    Absicht motorisch verstärkt. Was so auseinander-
    gehalten wird, ist gerade das, was assoziativ 
    zusam̄engehört, die motorische Isolirung soll eine 
    Garantie für die Unterbrechung des aff 
    Zusam̄enhanges im Denken geben. Einen Vor-
    wand für dies Verfahren der Neurose gibt 
    der normale Vorgang der Konzentration. 
    Was uns bedeutsam als Eindruck, als Aufgabe erscheint, 
    soll nicht durch die gleichzeitigen Ansprüche 
    anderer Denkverrichtungen oder Tätigkeiten 
    gestört werden. Aber schon im Normalen 

  • S.

    32

    wird die Konzentration dazu verwendet, nicht nur 
    das Gleichgiltige, nicht Dazugehörige, sondern vor allem 
    das unpassende Gegensätzliche fernzuhalten. Als das 
    Störendste wird empfunden, was ursprünglich 
    zusam̄engehört hat und durch den Fortschritt der 
    Entwicklung auseinander gerissen wurde, zB. 
    die Äußerungen der Ambivalenz des Vater-
    komplexes in der Beziehung zu Gott oder 
    die Regungen der Exkretionsorgane in den 
    Liebeserregungen. So hat das Ich normaler Weise 
    eine große Isolirungsarbeit bei der Lenkung 
    des Gedankenablaufes zu leisten, und wir 
    wissen, in der Ausübung der analytischen Technik 
    müßen wir das Ich dazu erziehen, auf diese 
    sonst durchaus gerechtfertigte Funktion zeit-
    weilig zu verzichten.

    Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es dem 
    Zwangsneurotiker besonders schwer wird, die 
    psychoanalytische Grundregel zu befolgen. Wahrscheinlich 
    infolge der hohen Konfliktspan̄ung zwischen seinem 
    Überich und seinem Es ist sein Ich wachsamer, 
    dessen Isolirungen schärfer. Es hat während seiner 
    Denkarbeit zuviel abzuwehren, die Einmengung 
    unbewußter Phantasien, die Äußerung der 
    ambivalenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen 
    lassen, befindet sich fortwährend in Kampfbe-
    reitschaft. Diesen Zwang zur Konzentration und 
    Isolirung unterstützt es dann durch die magischen 
    Isolirungsaktionen, die als Symptome so auffällig 
    und praktisch so bedeutsam werden, an sich 
    natürlich nutzlos sind und den Charakter des 
    Zeremoniells haben.

    Indem es aber Assoziationen, Verbindung in 
    Gedanken, zu verhindern sucht, befolgt es eines 
    der ältesten und fundamentalsten Gebote 
    der Zwangsneurose, das Tabu der Berührung. 
    Wenn man sich die Frage vorlegt, warum die 
    Vermeidung von Berührung, Kontakt, Ansteck-
    ung in der Neurose eine so große Rolle 
    spielt und zum Inhalt so komplizirter Systeme 
    gemacht wird, so findet man die Antwort, 
    daß die Berührung, der körperliche Kontakt, 
    das nächste Ziel sowol der aggressiven sowie 
    der zärtlichen Objektbesetzung ist. Der Eros 
    will die Berührung, denn er strebt nach 
    Vereinigung, Aufhebung der Raumgrenzen 
    zwischen Ich und geliebtem Objekt. Aber auch 
    die Destruktion, die vor der Erfindung der Fern-
    waffe nur aus der Nähe erfolgen konnte, 
    muß die körperliche Berührung, das Handanlegen, 
    voraussetzen. Eine Frau berühren ist im Sprachge-
    brauch ein Euphemismus für ihre Benützung 
    als Sexualobjekt geworden, das Glied nicht 
    berühren, ist der Wortlaut des Verbots 
    der autoerotischen Befriedigung. Da die Zwangs-
    neurose zu Anfang die erotische Berührung, 

  • S.

    33

    dann nach der Regression die als Aggression maskirte 
    Berührung verfolgte, ist nichts anderes für sie in so 
    hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet, 
    zum Mittelpunkt eines Verbotsystems zu werden. 
    Die Isolierung ist aber Aufhebung der Kontaktmöglich-
    keit, Mittel, ein Ding jeder Berührung zu ent-
    ziehen, und wenn der Neurotiker auch einen Eindruck 
    oder eine Tätigkeit durch eine Pause isolirt gibt 
    er uns symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken 
    an sie nicht in assoziative Berührung mit 
    anderen kommen lassen will.

    So weit reichen unsere Untersuchungen über die 
    Symptombildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu 
    resumiren, sie sind ergebnisarm und unvoll-
    ständig geblieben, haben auch wenig gebracht, was 
    nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die 
    Symptombildung bei anderen Affektionen als bei 
    den Phobien, der Konversionshysterie und der 
    Zwangsneurose in Betracht zu ziehen, wäre aussichtslos; 
    es ist zu wenig darüber bekannt. Aber auch schon 
    aus der Zusam̄enstellung dieser drei Neurosen erhebt 
    sich ein schwerwiegendes, nicht mehr aufzuschiebendes 
    Problem. Für alle drei ist die Zerstörung des 
    Oedipuskomplexes der Ausgang, in allen, nehmen 
    wir an, die Kastrationsangst der Motor des 
    Ichsträubens. Aber nur in den Phobien kom̄t solche 
    Angst zum Vorschein, wird sie eingestanden. 
    Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr 
    geworden, wie hat das Ich sich solche Angst erspart? 
    Das Problem verschärft sich noch, wenn wir an die 
    vorhin erwähnte Möglichkeit denken, daß die 
    Angst durch eine Art Vergärung aus der im 
    Ablauf gestörten Libidobesetzung selbst hervor-
    geht, und weiters: steht es fest, daß die Kastrations-
    angst der einzige Motor der Verdrängung 
    (oder Abwehr) ist? Wenn man an die Neurosen 
    der Frauen denkt, muß man das bezweifeln, 
    denn so sicher sich der Kastrationskomplex bei 
    ihnen konstatiren läßt, von einer Kastrations-
    angst im richtigen Sinne kann man bei bereits 
    vollzogener Kastration doch nicht sprechen.

    VII

    Kehren wir zu den infantilen Thierphobien zurück, 
    wir verstehen diese Fülle doch besser als alle anderen. 
    Das Ich muß also hier gegen eine libidinöse Objekt-
    besetzung des Es (die des positiven oder des 
    negativen Oedipuskomplexes) einschreiten, weil 
    es verstanden hat, ihr nachgeben brächte die 
    Gefahr der Kastration mit sich. Wir haben 
    das schon erörtert und finden noch Anlaß, uns 
    einen Zweifel klar zu machen, der von dieser 
    ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen wir 
    beim kl. Hans (also im Falle des positiven 
    Oedipuskomplexes) annehmen, daß es die zärtliche 
    Regung für die Mutter oder die aggressive 

  • S.

    34

    gegen den Vater ist, welche die Abwehr des Ichs 
    herausfordert? Praktisch schiene das gleichgiltig, 
    besonders da die beiden Regungen einander 
    bedingen, aber ein theoretisches Interesse knüpft 
    sich an die Frage, weil nur die zärtliche 
    Strömung für die Mutter als eine rein erotische 
    gelten kann. Die aggressive ist weg wesentlich vom 
    Destruktionstrieb abhängig, und wir haben im̄er 
    geglaubt, bei der Neurose wehre sich das Ich 
    gegen Ansprüche der Libido, nicht der anderen 
    Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der Bildung 
    der Phobie die zärtliche Mutterbindung wie 
    verschwunden ist, sie ist durch die Verdrängung 
    gründlich erledigt worden, an der aggressiven 
    Regung hat sich aber die Symptom‑(Ersatz‑)Bildung 
    vollzogen. Im Falle des Wolfsman̄es 
    liegt es einfacher, die verdrängte Regung 
    ist wirklich eine erotische, die feminine 
    Einstellung zum Vater, und an ihr vollzieht 
    sich auch die Symptombildung.

    Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer 
    Arbeit noch im̄er Schwierigkeiten in 
    der Auffassung der fundamentalsten 
    Verhältniße finden, aber wir haben uns 
    vorgenom̄en, nichts zu vereinfachen und 
    nichts zu verheimlichen. Wenn wir nicht 
    klar sehen können, wollen wir wenig-
    stens die Unklarheiten schart sehen. 
    Was uns hier im Wege steht, ist offenbar 
    eine Unebenheit in der Entwicklung 
    unserer Trieblehre. Wir hatten zuerst 
    die Organisationen der Libido von der 
    oralen über die sadistisch‑anale zur 
    genitalen Stufe verfolgt und dabei alle 
    Komponenten des Sexualtriebs einander 
    gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus 
    als der Vertreter eines anderen, dem 
    Eros gegensätzlichen Triebes. Die neue Auf-
    fassung von den zwei Triebgruppen scheint 
    die frühere Konstruktion von den 
    sukzessiven Phasen der Libidoorganisation 
    zu sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus 
    dieser Schwierigkeit brauchen wir aber 
    nicht neu zu erfinden. Sie hat sich uns 
    längst geboten und lautet, daß wir es 
    kaum jemals mit reinen Triebregungen 
    zu thun haben, sondern durchwegs mit 
    Legierungen beider Triebe in verschied-
    enen Mengenverhältnißen. Die sadistische 
    Objektbesetzung hat also auch ein Anrecht, 
    als eine libidinöse behandelt zu 
    werden, die Organisationen der Libido 
    brauchen nicht revidirt zu werden, 

  • S.

    35

    die aggressive Regung gegen den Vater kann 
    mit demselben Anrecht Objekt der Verdräng-
    ung werden wie die zärtliche für die 
    Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für 
    spätere Überlegung die Möglichkeit bei Seite, 
    daß die Verdrängung ein Prozeß ist, der 
    eine besondere Beziehung zur Genital-
    organisation der Libido hat, daß das Ich 
    zu anderen Methoden der Abwehr greift, 
    wenn es sich der Libido auf anderen Stufen 
    der Organisation zu erwehren hat, und 
    setzen wir fort. Ein Fall wie der des kl. 
    Hans gestattet uns keine Entscheidung; hier 
    wird zwar eine aggressive Regung durch 
    Verdrängung erledigt, aber nachdem die 
    Genitalorganisation bereits erreicht ist.

    Wir wollen diesmal die Beziehung 
    zur Angst nicht aus den Augen lassen. 
    Wir sagten, so wie das Ich die Kastrationsgefahr 
    erkannt hat, gibt es das Angstsignal und 
    inhibirt mittels der Lust‑Unlust‑Instanz 
    auf eine weiter nicht einsichtliche Weise 
    den bedrohlichen Besetzungsvorgang im Es. 
    Gleichzeitig vollzieht sich die Bildung der Phobie. 
    Die Kastrationsangst erhält ein anderes Objekt 
    und einen entstellten Ausdruck: vom Pferd 
    gebissen (vom Wolf gefreßen), anstatt vom 
    Vater kastrirt zu werden. Die Ersatz-
    bildung hat zwei offenkundige Vorteile, erstens 
    daß sie de¿ einem Ambivalenzkonflikt 
    ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig 
    geliebtes Objekt und zweitens, daß sie 
    dem Ich gestattet die Angstentwicklung einzu-
    stellen. Die Angst der Phobie ist nämlich 
    eine fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt 
    Gegenstand der Wahrnehmung wird. Das ist ganz 
    korrekt, nur dann ist nämlich die Gefahr-
    situation vorhanden. Von einem abwesenden 
    Vater braucht man auch die Kastration 
    nicht zu befürchten. Nun kann man den 
    Vater nicht wegschaffen, er zeigt sich immer, 
    wann man er will. Ist er aber durch das Thier 
    ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h. 
    die Gegenwart des Thieres zu vermeiden, um 
    frei von Gefahr und Angst zu sein. Der kl. Hans 
    legt seinem Ich also eine Einschränkung auf, er 
    produzirt die Hem̄ung, nicht auszugehen, um 
    nicht mit Pferden zusam̄enzutreffen. Der kleine 
    Russe hat es noch bequemer, es ist kaum ein 
    Verzicht für ihn, daß er ein gewißes Bilder-
    buch nicht mehr zur Hand nim̄t. Wenn die 
    schlim̄e Schwester ihm nicht immer wieder 
    das Bild des aufrechtstehenden Wolfes 
    in diesem Buch vor Augen halten würde, 
    dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen.

  • S.

    36

    Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter 
    einer Projektion zugeschrieben, indem sie eine 
    innere Triebgefahr durch eine äußere Wahrnehm-
    ungsgefahr ersetzt. Das bringt den Vorteil daß 
    man sich gegen die äußere Gefahr durch 
    Flucht und Vermeidung der Wahrnehmung 
    schützen kann, während gegen die Gefahr 
    von innen keine Flucht nützen kann. 
    Meine Bemerkung ist nicht unrichtig, aber sie 
    bleibt an der Oberfläche. Der Triebanspruch 
    ist ja nicht an sich eine Gefahr, sondern 
    nur darum, weil er eine richtige äußere 
    Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt. 
    So ist im Grunde bei der Phobie doch nur eine äußere 
    Gefahr durch eine andere ersetzt. 
    Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine Ver-
    meidung oder ein Hem̄ungssymptom der 
    Angst entziehen kann, stim̄t sehr gut zur 
    Auffassung, diese Angst sei nur ein Affekt-
    signal und an der oekonomischen Situation 
    kann das Auftreten oder Ausblieben einer 
    Wahnehmung nichts geändert worden.

    Die Angst der Thierphobien ist also eine Affekt-
    reaktion des Ichs auf die Gefahr; die Gefahr, 
    die hier signalisirt wird, die der Kastration. 
    Kein anderer Unterschied von der Realangst, die das 
    Ich normaler Weise in Gefahrsituationen äußert, 
    als daß das Motiv der Inhalt der Angst unbewuft bleibt 
    und nur in einer ¿ Entstellung bewußt wird.

    Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch 
    für die Phobien Erwachsener, giltig erweisen, 
    wenngleich das Material, das die Neurose verar-
    beitet, sehr viel reichhaltiger ist und einige 
    Momente zur Symptombildung hinzukom̄en. Im 
    Grunde ist es das nämliche. Der Agoraphobe legt 
    seinem Ich eine Beschrinkung auf, um einer 
    Triebgefahr zu entgehen. Die Triebgefahr ist 
    die Versuchung, seinen erotischen Gelüsten 
    nachzugeben, wodurch er wieder wie in der 
    Kindheit die Gefahr der Kastration, oder eine 
    ihr analoge heraufbeschwören würde. Als Beispiel 
    führe ich den Fall eines jungen Mannes 
    an, der agoraphob wurde, weil er befürchtete, 
    den Lockungen von Prostituirten nachzugeben 
    und sich zur Strafe Syphilis zu holen. Ich weiß 
    wohl, daß viele Fälle eine komplizirtere 
    Struktur zeigen, und daß viele andere 
    verdrängte Triebregungen in die Phobie 
    einmünden können, aber diese sind nur 
    auxiliär und haben sich meist nachträglich mit 
    dem Fundament Kern der Neurose in Ver-
    bindung gesetzt. Die Symptomatik der Agora-
    phobie wird dadurch komplizirt, daß das Ich 
    sich nicht damit begnügt, auf etwas zu verzichten; 

  • S.

    37

    es thut noch etwas hinzu, um der Situation ihre Gefahr 
    zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhnlich eine zeitliche 
    Regression in die Kinderjahre (im extremen Fall 
    bis in den Mutterleib) in Zeiten, in denen man 
    gegen die heute drohenden Gefahren geschützt war 
    und ersehe tritt als die Bedingung auf, unter der 
    der Verzicht unterbleiben kann. So kann der 
    Agoraphobe auf die Straße gehen, wenn er wie 
    ein kleines Kind von einer Person seines 
    Vertrauens begleitet wird. Das selbe Dieselbe Rücksicht 
    mag ihm auch gestatten, allein auszugehen, wenn 
    er sich nur nicht über eine bestim̄te Strecke 
    von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden 
    geht, die er nicht gut kennt und wo er den 
    Leuten nicht bekannt ist. In der Auswal 
    dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß 
    der infantilen Momente, die ihn durch 
    seine Neurose beherrschen. Ganz eindeutig, auch 
    ohne solche infantile Regression ist die Phobie vor 
    dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung 
    zur einsamen Onanie ausweichen will. Die 
    Bedingung der infantilen Regression ist natürlich die 
    zeitliche Entfernung von der Kindheit.

    Die Phobie stellt sich in der Regel her nachdem unter ge-
    wissen Umständen – auf der Strafte, auf der Eisenbahn, 
    im Alleinsein – ein erster Angstanfall erlebt 
    worden ist. Dann ist die Angst gebannt, tritt aber 
    jedesmal wieder auf, wenn die schützende Beding-
    ung nicht eingehalten werden kann. Der Mechan-
    ismus der Phobie thut als Abwehrmittel gute 
    Dienste und zeigt eine große Neigung zur Stabil-
    ität. Eine Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich 
    jetzt gegen das Symptom richtet, tritt nicht not-
    wendig, ein.

    VIII

    Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren 
    haben, bleibt noch für die Zwangsneurose verwert-
    bar. Es ist nicht schwierig, die Situation der Zwangs-
    neurose auf die der Phobie zu reduziren. Der 
    Motor aller späteren Symptombildung ist hier offenbar 
    die Angst des Ichs vor seinem Überich. Die Feind-
    seligkeit des Überichs ist die Gefahrsituation, der 
    sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt jeder 
    Anschein einer Projektion, die Gefahr ist 
    durchaus verinnerlicht. Aber wenn wir uns 
    fragen, was das Ich von seiten des Überichs 
    befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die 
    Strafe des Überichs eine Fortbildung der Kastrat-
    ionsstrafe ist. Wie das Überich der unpersönlich 
    gewordene Vater ist, so hat sich die Angst vor 
    der durch ihn drohenden Kastration zur unbestim̄-
    ten sozialen oder Gewissensangst umgewandelt. 
    Aber diese Angst ist gedeckt, das Ich entzieht sich ihr, 
    indem es die ihm auferlegten Gebote, Vorsichten 
    und Bußhandlungen gehorsam ausführt. Wenn es 
    daran gehindert wird, dann tritt sofort ein 
    äußerst peinliches Unbehagen auf, in dem wir 

  • S.

    38

    das Aequivalent der Angst erblicken dürfen, 
    das die Kranken selbst der Angst gleichstellen. 
    Unser Ergebnis lautet also: Die Angst ist die Reaktion 
    auf die Gefahrsituation; sie wird dadurch erspart, 
    daß das Ich etwas thut, um die Situation zu 
    vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man 
    könnte nun sagen, die Symptome werden geschaffen, 
    um die Angstentwicklung zu vermeiden, aber 
    das läßt nicht tief blicken. Es ist richtiger zu 
    sagen, die Symptome werden geschaffen, um 
    die Gefahrsituation zu vermeiden, die durch 
    die Angstentwicklung signalisirt wird. Diese 
    Gefahr war aber in den bisher betrachteten 
    Fällen die Kastration oder etwas von ihr 
    Abgeleitetes.

    Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr 
    ist, so liegt es nahe, die traumatische Neurose 
    welche sich so häufig an überstandene Lebensge-
    fahr anschließt, als direkte Folge der Lebens‑ oder 
    ¿a¿esTodesangst mit Beiseitesetzung der 
    Abhängigkeiten des Ichs und der Kastration aufzu-
    fassen. Das ist auch von den meisten Beobachtern 
    der traumatischen Neurosen des letzten Krieges 
    geschehen, und es ist triumphierend verkündet 
    worden, nun sei der Beweis erbracht, daß eine 
    Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes eine 
    Neurose erzeugen könne ohne jede Beteilig-
    ung der Sexualität und ohne Rücksicht auf die die komplizirten 
    Annahmen der Psychoanalyse. Es ist in der Tat 
    außerordentlich zu bedauern, daß nicht eine 
    einzige verwertbare Analyse einer traum-
    atischen Neurose vorliegt. Nicht wegen des 
    Widerspruches gegen die ätiologische Bedeut-
    ung der Sexualität, denn dieser ist längst 
    durch die Einführung des Narzißmus aufge-
    hoben worden, der die libidinöse Besetzung 
    des Ichs in eine Reihe mit den Objektbesetz-
    ungen bringt und die libidinöse Natur des 
    Selbsterhaltungstriebes betont, sondern weil wir 
    durch den Ausfall dieser Analysen die kostbarste 
    Gelegenheit zu entscheidenden Aufschlüßen über 
    das Verhältnis zwischen Angst und Symptom-
    bildung versäumt haben. Es ist nach allem, was 
    wir von der Struktur der simpleren Neurosen 
    des täglichen Lebens wissen, sehr unwahrscheinlich, 
    daß eine Neurose nur durch die objektive 
    Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der 
    tieferen unbewußten Schichten des seelischen 
    Apparats zustande kom̄en sollte. Im Unbewußten 
    ist aber nichts vorhanden, was unserem Begriff 
    der Lebensvernichtung Inhalt geben kann. 
    Die Kastration wird sozusagen vorstellbar durch 
    die tägliche Erfahrung der Trennung vom Darm-
    inhalt und durch den bei der Entwöhnung 
    erlebten Verlust der mütterlichen Brust; etwas 
    dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt worden, 

  • S.

    39

    oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur 
    hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung 
    fest, daß die Todesangst als Analogon der Kastrat-
    ionsangst aufzufassen ist, und daß die Situation 
    auf welche das Ich reagirt, das Verlassensein vom 
    schützenden Überich – den Schicksalsmächten – ist –, 
    womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein 
    Ende hat. Außerdem kom̄t in Betracht, daß 
    bei den Erlebnißen, die zur traumatischen 
    Neurose führen, äußerer Reizschutz durchbrochen 
    wird und übergroße Erregungsmengen an den 
    seelischen Apparat herantreten, so daß hier 
    die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst 
    nicht nur als Affekt signalisirt sondern auch aus den 
    oekonomischen Bedingungen der Situation 
    neu erzeugt wird.

    Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regel-
    mäßig wiederholte Objektverluste auf die Kastrat-
    ion vorbereitet worden, haben wir eine neue 
    Auffassung der Angst gewonnen. Betrachteten 
    wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr, so 
    erscheint sie uns nun, da es sich so oft um die 
    Gefahr der Kastration handelt, als die Reaktion 
    auf einen Verlust, eine Tren̄ung. Mag auch 
    mancherlei, was sich sofort ergiebt, gegen diesen 
    Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr 
    merkwürdige Übereinstim̄ung auffallen. 
    Das erste Angsterlebnis des Menschen wenig-
    stens ist die Geburt und diese bedeutet 
    objektiv die Trennung von der Mutter, kön̄te 
    einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung 
    Kind = Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr 
    befriedigend, wenn die Angst als Symbol einer 
    Trennung bei jeder späteren Tren̄ung wieder-
    holt würde, aber leider steht einer Verwert-
    ung dieses Zusam̄enstim̄ens im Wege, daß ja 
    die Geburt subjektiv nicht als Tren̄ung 
    von der Mutter erlebt wird, da diese 
    als Objekt dem durchaus narzißtischen Foetus 
    völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken 
    wird lauten, daß uns die Affektreaktionen 
    auf eine Tren̄ung bekannt sind und daß 
    wir sie als Schmerz und Trauer, nicht als 
    Angst empfinden. Allerdings erinnern wir 
    uns, wir haben bei der Diskussion der 
    Trauer auch nicht verstehen können, warum 
    sie so schmerzhaft ist.

    VIII

    Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar 
    nach einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst 
    erschließt, nach einem Entweder‑Oder, das die 
    Wahrheit über sie vom Irrtum scheidet. Aber 
    das ist schwer zu haben, die Angst ist nicht einfach 
    zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht 

  • S.

    40

    als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil 
    keine Wal möglich war. Ich schlage jetzt vor, es 
    anders zu machen; wir wollen unparteiisch 
    alles zusam̄entragen, was wir von der Angst 
    aussagen können, und dabei auf die Erwartung einer 
    nahen Synthese verzichten.

    Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes 
    Wir heißen sie einen Affektzustand, obwol wir 
    auch nicht wissen, was ein Affekt ist. Sie hat 
    als Empfindung offenbarsten Unlustcharakter 
    aber das erschöpft nicht ihre Qualität; nicht 
    jede Unlust können wir Angst heißen. Es 
    giebt andere Empfindungen mit Unlustcharakter 
    (Span̄ungen, Schmerz, Trauer) und die Angst 
    muß außer diesemr Unlustqualität andere 
    Besonderheiten haben. Eine Frage: werden 
    wir es dazu bringen, die Unterschiede zwischen 
    diesen verschiedenen Unlustaffekten zu 
    verstehen?

    Aus der Empfindung der Angst können wir 
    immerhin etwas entnehmen. Ihr Unlustchar-
    akter scheint eine besondere Note zu haben, 
    das ist schwer zu beweisen, aber wahrscheinlich, 
    es wäre nichts Auffälliges. Aber außer diesem 
    schwer isolirbaren Eigencharakter nehmen 
    wir an der Angst bestim̄tere körperliche 
    Sensationen wahr, die wir auf bestim̄te 
    Organe beziehen. Da uns die Physiologie 
    der Angst hier nicht interessirt, genügt es 
    uns, einzelne Repräesentanten dieser Sensat-
    ionen hervorzuheben, also die häufigsten 
    und deutlichsten, an den Atmungsorganen 
    und am Herzen. Sie sind uns Beweise dafür, 
    daß motorische Innervationen, also Abfuhr-
    vorgänge an dem Ganzen der Angst Anteil 
    haben. Die Analyse des Angstzustandes 
    ergiebt also 1) einen spezifischen Unlust-
    charakter, 2) Abfuhrreaktionen, 3) die Wahr-
    nehmungen derselben.

    Die Punkte 2) und 3) ergeben uns bereits einen 
    Unterschied gegen die ähnlichen Zustände 
    zB der Trauer und des Schmerzes. Bei diesen 
    gehören die motorischen Äußerungen nicht 
    dazu; wo sie vorhanden sind, sondern sie 
    sich deutlich nicht als Bestandteile des 
    Ganzen, sondern als Konsequenzen oder 
    Reaktionen darauf. Die Angst ist also ein 
    besonderer Unlustzustand mit Abfuhrreaktionen 
    auf bestimmte Bahnen. Nach unseren allge-
    meinen Anschauungen werden wir glauben, 
    daß bei der Angst eine Steigerung der Erreg-
    ung zu Grunde liegt, die einerseits den 
    Unlustcharakter schafft, andererseits sich 
    durch die genannten Abfuhren erleichtert. 

  • S.

    41

    Diese rein physiologische Zusam̄enfassung wird uns 
    aber kaum genügen, wir sind versucht anzunehmen, 
    daß ein historisches Moment da ist welches die 
    Sensationen und Innervationen der Angst 
    fest an einander bindet. Mit anderen Worten, 
    daß der Angstzustand die Reproduktion 
    eines Erlebnißes ist, das die Bedingungen 
    einer solchen Reizsteigerung und der Abfuhr 
    auf bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also 
    die Unlust der Angst ihren spezifischen Charakter 
    erhält. Als solches vorbildliches Erlebnis 
    bietet sich uns für den Menschen die Geburt 
    und darum sind wir geneigt, im Angstzu-
    stand eine Reproduktion des Geburtstrau-
    mas zu sehen.

    Wir haben damit nichts behauptet, was der 
    Angst eine Ausnahmestellung unter den 
    Affektzuständen einräumen würde. Wir 
    meinen, auch die anderen Affekte sind 
    Reproduktionen alter, lebenswichtiger 
    eventuell vorindividueller Ereigniße und 
    bringen sie als allgemeine, typische, mitge-
    borene hysterische Anfälle in Vergleich 
    mit den spät und individuell erworbenen 
    Attaquen der hysterischen Neurose, deren 
    Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole 
    uns durch die Analyse deutlich geworden ist. 
    Natürlich wäre es sehr wünschenswert, diese Auf-
    fassung für eine Reihe anderer Affekte 
    beweisend durchführen zu können, wovon 
    wir heute weit entfernt sind.

    Die Zurückführung der Angst auf das Geburts-
    ereignis hat sich gegen naheliegende Einwände 
    zu verteidigen. Die Angst ist eine wahrscheinlich 
    allen Organismen, jedenfalls allen höheren 
    zukom̄ende Reaktion, die Geburt wird nur 
    von den Säugetieren erlebt, und es ist fraglich, 
    ob sie bei allen diesen die Bedeutung eines 
    Traumas hat. Es gibt also Angst ohne Geburts-
    vorbild. Aber dieser Einwand setzt sich über die 
    Schranken zwischen Biologie und Psychologie 
    hinaus. Gerade weil die Angst eine biologisch 
    unentbehrliche Funktion zu erfüllen hat, als 
    Reaktion auf den Zustand der Gefahr, mag sie 
    bei verschiedenen Lebewesen auf verschiedene 
    Art eingerichtet worden sein. Wir wissen auch 
    nicht, ob sie bei dem Menschen ferner stehenden 
    Lebewesen denselben Inhalt an Sensationen 
    und Innervationen hat wie beim Menschen. 
    Das hindert also nicht, daß die Angst beim 
    Menschen den Geburtsvorgang zum Vorbild 
    nimmt.

  • S.

    42

    Wenn dies die Struktur und die Herkunft der 
    Angst ist, so lautet die weitere Frage: Was ist ihre 
    Funktion? Bei welchen Gelegenheiten wird 
    sie reproduzirt? Die Antwort scheint nahe liegend 
    und zwingend zu sein. Die Angst entstand als 
    Reaktion auf einen Zustand der Gefahr, sie 
    wird nun regelmäßig reproduzirt, wenn sich 
    ein solcher Zustand wieder einstellt.

    Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Innervationen 
    des ursprünglichen Angstzustandes waren wahr-
    scheinlich auch sinnvoll und zweckmäßig, ganz so 
    wie die Muskelaktionen des ersten hysterischen 
    Anfalls. Wenn man den hysterischen Anfall 
    erklären will, braucht man ja nur zu die 
    Situation zu suchen, in der die betreffenden 
    Bewegungen Anteile einer berechtigten Hand-
    lung waren. So hat wahrscheinlich während der 
    Geburt die Richtung der Innervation auf 
    die Atmungsorgane die Tätigkeit der Lungen 
    wachge vorbereitet, die Beschleunigung des 
    Herzschlags gegen die Vergiftung des Blutes 
    arbeiten wollen. Diese Zweckmäßigkeit 
    entfällt natürlich bei der späteren Repro-
    duktion des Angstzustandes als Affekt, wie 
    sie auch beim wiederholten hysterischen Anfall 
    vermißt wird. Wenn also das Individuum in 
    eine neue Gefahrsituation gerät, so kann es 
    leicht unzweckmäßig werden, daß es mit 
    dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere 
    Gefahr antwortet, anstatt die der jetzigen adaeq-
    uaten Reaktion einzuschlagen. Die Zweck-
    mäßigkeit tritt aber wieder hervor, wenn die 
    Gefahrsituation als herannahend erkannt und 
    durch den Angstausbruch signalisirt wird. Die 
    Angst kann dann sofort durch geeignetere 
    Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern sich 
    also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens 
    der Angst die eine, unzweckmäßige, in einer 
    neuen Gefahrsituation, die andere, zweckmäßige 
    zur Signalisierung und Verhütung einer solchen.

    Was aber ist eine „Gefahr“? Im Geburtsakt 
    besteht eine objektive Gefahr für die Erhaltung 
    des Lebens, wir wissen, was das in der Realität 
    bedeutet. Aber psychologisch sagt es uns gar nichts. 
    Die Gefahr der Geburt hat noch keinen psychischen 
    Inhalt. Sicherlich dürfen wir beim Foetus nichts 
    voraussetzen, was sich irgendwie einer Art 
    von Wissen um die Möglichkeit eines Ausgangs 
    in Lebensvernichtung annähert. Der Foetus kann 
    nichts anderes bemerken als eine großartige 
    Störung in der Oekonomie seiner narzißtischen 
    Libido. Große Erregungssum̄en kom dringen zu ihm, 
    erzeugen ung neuartige Unlustempfindungen, manche 
    Organe erzwingen sich erhöhte Besetzungen, was wie 
    ein Vorspiel der bald beginnenden Objektbesetz-
    ung ist; was davon wird als Merkzeichen einer 
    „Gefahrsituation“ Verwertung finden?

  • S.

    43

    Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen 
    Verfassung des Neugeborenen, um diese Frage 
    direkt zu beantworten. Ich kann nicht einmal für 
    die Brauchbarkeit der eben gegebenen Schilderung 
    einstehen. Es ist leicht zu sagen, das Neugeborene werde 
    den Angstaffekt in allen Situationen wiederholen, 
    durch die an es an das Geburtsereignis erinnerte
    wird. Der entscheidende Punkt bleibt aber, wodurch 
    und woran es erinnert wird.

    Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die 
    Anläße zu studiren, bei denen der Säugling 
    oder das ein wenig ältere Kind sich zur Angstent-
    wicklung bereit zeigt. Rank hat in seinem 
    Buch „Das Trauma der Geburt“x) einen sehr energ-
    ischen Versuch gemacht,die Beziehungen der 
    frühesten Phobien des Kindes zum Eindruck 
    des Geburtsereignißes zu erweisen, allein 
    ich kann ihn nicht für geglückt halten. Man 
    kann ihm zweierlei vorwerfen: Erstens, daß 
    er auf der Voraussetzung beruht, das Kind 
    habe bestim̄te Sinneseindrücke, insbesondere 
    visueller Natur, bei seiner Geburt empfangen 
    deren Erneuerung die Erinnerung an das 
    Geburtstrauma und somit die Angstreaktion 
    hervorrufen kann. Diese Annahme ist völlig 
    unbewiesen und sehr unwahrscheinlich; es ist 
    nicht glaubhaft, daß das Kind andere als taktile 
    und Allgemeinsensationen vom Geburtsvorgang 
    bewahrt hat. Wenn es also später Angst vor 
    kleinen Thieren zeigt, die in Löchern ver-
    schwinden oder aus diesen herauskom̄en, 
    so nehmen wir eine Analogie wahr deren 
    Kenntnis wir so erklärt Rank diese Reaktion 
    durch die Wahrnehmung einer Analogie, die 
    aber dem Kinde nicht auffällig werden 
    kann. Zweitens, daß Rank in der Würdigung 
    dieser späteren Angstsituationen je nach 
    Bedürfnis die Erinnerung an die glück-
    liche intrauterine Existenz oder an deren 
    traumatische Störung wirksam werden 
    läßt, womit der Willkür in der Deutung 
    Thür und Thor geöffnet wird. Einzelne 
    Fälle dieser Kinderangst widersetzen sich direkt 
    der Anwendung des Rank’schen Prinzips. Wenn 
    das Kind in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht 
    wird, so sollten wir erwarten, daß es diese 
    Wiederherstellung der intrauterinen Situation 
    mit Befriedigung aufnim̄t, und wenn die 
    Tatsache, daß es gerade dann mit Angst 
    reagirt, auf die Erinnerung an die Störung 
    dieses Glücks durch die Geburt zurückgeführt 
    wird, so kann man das Gezwungene 
    dieses Erklärungsversuches nicht länger 
    verkennen.

    Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten 
    Kindheitsphobien eine direkte Rückführung 
    auf den Eindruck des Geburtsaktes nicht 
    zulassen und sich überhaupt bis jetzt der 
    Erklärung entzogen haben. Eine gewiße 

  • S.

    44

    Angstbereitschaft des Säuglings ist unverkennbar. 
    Sie ist nicht etwa unmittelbar nach der Geburt 
    am stärksten, um dann langsam abzunehmen, 
    sondern tritt erst später mit dem Fort-
    schritt der seelischen Entwicklung hervor, 
    und hält über eine gewiße Periode der 
    Kinderzeit an. Wenn sich solche Frühphobien 
    über diese Zeit hinaus erstrecken, erwecken 
    sie den Verdacht einer neurotischen Störung, 
    wiewol uns ihre Beziehung zu den späteren 
    deutlichen Neurosen der Kindheit keineswegs 
    einsichtlich ist.

    Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung 
    sind uns verständlich; an diese werden 
    wir uns halten müßen. So, wenn das Kind 
    allein, in der Dunkelheit ist und wenn es eine 
    fremde Person an Stelle der ihm vertrauten 
    (der Mutter) findet. Diese drei Fälle reduziren 
    sich auf eine einzige Bedingung, das Vermissen 
    der geliebten (ersehnten) Person. Von da an 
    ist aber der Weg zum Verständnis der Angst 
    und zur Vereinigung der Widersprüche, die sich 
    an sie zu knüpfen scheinen, frei.

    Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird 
    gewiß intensiv, wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch 
    besetzt. Aber das hat keinen Erfolg und nun hat es 
    den Anschein, als ob diese Sehnsucht in Angst 
    umschlüge. Es macht geradezu den Eindruck, als wäre 
    diese Angst ein Ausdruck der Ratlosigkeit, 
    als wüßte das noch sehr unentwickelte Wesen 
    mit dieser sehnsüchtigen Besetzung nichts Besseres 
    anzufangen. Die Angst erscheint so als Reaktion 
    auf das Vermissen des Objekts und es drängen 
    sich uns die Analogien auf daß d auch die 
    Kastrationsangst die Tren̄ung von einem 
    hochgeschätzten Objekt zum Inhalt hat und 
    daß die ursprünglichste Angst (die „Urangst“ 
    der Geburt) bei der Trennung von der 
    Mutter entstand.

    Die nächste Überlegung führt über diese 
    Betonung des Objektverlustes hinaus. 
    Wenn der Säugling nach der Wahrnehmung der 
    Mutter verlangt, so doch nur darum, weil 
    er bereits aus Erfahrung weiß, daß sie 
    alle seine Bedürfniße ohne Verzug 
    befriedigt. Die Situation, die er als 
    „Gefahr" wertet, gegen die er versichert 
    sein will, ist also die der Unbefried-
    igung, des Anwachsens der Bedürfnisspan-
    nung, gegen die er ohnmächtig ist. Ich 
    meine, von diesem Gesichtspunkt aus ordnet 
    sich alles ein, die Situation der Unbefried-
    igung, in der Reizgrößen eine unlustvolle 
    Höhe erreichen, ohne Bewältigung durch 

  • S.

    45

    psychische Verwendung und Abfuhr zu finden, muß 
    für den Säugling die Analogie mit dem Geburts-
    erlebnis, die Wiederholung der Gefahrsituation 
    sein; das beiden Gemeinsame ist die oekonomische 
    Störung durch das Anwachsen der Erledigung 
    heischenden Reizgrößen, dieses Moment also 
    der eigentliche Kern der „Gefahr“. In beiden 
    Fällen tritt die Angstreaktion auf, die sich auch 
    noch beim Säugling als zweckmäßig er-
    weist, indem die Richtung der Abfuhr auf 
    Atem‑ und Stim̄muskulatur nun die 
    Mutter herbeiruft, wie sie früher die 
    Lungentätigkeit zur Wegschaffung der inneren 
    Reize anregte. Mehr als diese Kennzeichnung 
    der Gefahr braucht das Kind von seiner 
    Geburt nicht bewahrt zu haben.

    Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch 
    Wahrnehmung erfaßbares Objekt der an 
    die Geburt mahnenden gefährlichen Situation 
    ein Ende machen kann, verschiebt sich 
    nun der Inhalt der Gefahr von der oekonom-
    ischen Situation auf seine Bedingung, den Objektverlust. Das 
    Vermissen der Mutter wird nun die Gefahr, 
    bei deren Eintritt der Säugling das Angst-
    signal giebt, noch ehe die gefürchtete oekonom-
    ische Situation eingetreten ist. Diese Wandlung 
    bedeutet einen ersten großen Fortschritt 
    in der Fürsorge für die Selbsterhaltung, sie 
    schließt gleichzeitig den Übergang von der 
    automatisch ungewollten Neuentstehung der Angst 
    zu ihrer beabsichtigten Reproduktion als 
    Signal der Gefahr ein.

    In beiden Hinsichten, sowol als automatisches 
    Phänomen wie als rettendes Signal, ist zeigt 
    sich die Angst ein als Produkt der psychischen 
    Hilflosigkeit des Säuglings, welche das selbst-
    verständliche Gegenstück seiner biologischen 
    Hilflosigkeit ist. Das auffällige Zusam̄entreffen, 
    daß sowol die Geburtsangst wie die Säuglings-
    angst die Bedingung der Tren̄ung von 
    der Mutter anerkennt, bedarf keiner psycho-
    logischen Deutung; es erklärt sich biologisch 
    einfach genug daß aus der Tatsache, daß die 
    Mutter, die zuerst alle Bedürfnisse des 
    Foetus durch die Einrichtungen ihres Leibes 
    beschwichtigt hatte, dieselbe Funktion 
    zum Teil mit anderen Mitteln, auch nach 
    der Geburt fortsetzt. Intrauterinleben und 
    erste Kindheit sind weit mehr ein Kontinuum, 
    als uns die auffällige Zensur des Geburtsaktes 
    glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt ersetzt dem 
    Kinde die biologische Foetalsituation. Wir 

  • S.

    46

    dürfen darum nicht vergessen, daß im Intrauterin-
    leben die Mutter kein Objekt war, und daß 
    es damals keine Objekte gab.

    Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusam̄enhange 
    keinen Raum für ein Abreagiren des 
    Geburtstraumas giebt, und daß eine andere 
    Funktion der Angst als die eines Signals 
    zur Vermeidung der Gefahrsituation nicht 
    aufzufinden ist. Die Angstbedingung des Objekt-
    verlustes trägt nun noch ein ganzes Stück 
    weiter. Auch die nächste Wandlung der Angst, 
    die in der phallischen Phase auftretende 
    Kastrationsangst, ist eine Tren̄ungsangst 
    und an dieselbe Bedingung gebunden. Die 
    Gefahr ist hier die Tren̄ung von dem Genitale. 
    Ein vollberechtigt scheinender Gedankengang von 
    Ferenczi läßt uns hier die Linie des Zusam̄en-
    hanges mit den früheren Inhalten der Gefahr-
    situation deutlich erken̄en. Die hohe narzißt-
    ische Einschätzung des Penis kann sich darauf be-
    rufen, daß ¿¿¿¿ der Besitz dieses Organs 
    die Gewähr für eine Wiedervereinigung 
    mit der Mutter (dem Mutterersatz) im 
    Akt des Coitus enthält. Die Beraubung 
    dieses Gliedes ist soviel wie eine neuerliche 
    Trennung von der Mutter, bedeutet also 
    wiederum, einer unlustvollen Bedürfnis-
    spannung (wie bei der Geburt) hilflos ausgeliefert 
    zu sein. Das Bedürfnis, dessen Ansteigen ge-
    fürchtet wird, ist aber nun ein spezialisirtes, 
    das der genitalen Libido, nicht mehr ein 
    beliebiges wie in der Säuglingszeit. Ich 
    füge hier an, daß die Phantasie der Rückkehr 
    in den Mutterleib der Coitusersatz des 
    Impotenten (durch die Kastrationsdrohung Ge-
    hem̄ten) ist. Im Sinne Ferenczi’s kann man 
    sagen, das Individuum, das sich zur Rückkehr 
    in den Mutterleib durch sein Genital-
    organ vertreten lassen wollte, ersetzt 
    nun regressiv dies Organ durch seine ganze 
    Person.

    Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes, 
    die Zunahme seiner Unabhängigkeit, die 
    scharfe Sonderung seines seelischen Apparats 
    in mehrere Instanzen, das Auftreten neuer 
    Bedürfniße, können nicht ohne Einfluß 
    auf den Inhalt der Gefahrsituation bleiben. 
    Wir haben dessen Wandlung vom Verlust des 
    Mutterobjekts zur Kastration verfolgt und sehen 
    den nächsten Schritt durch das die Macht des 
    Überichs erfolgen verursacht. Mit dem Un-
    persönlichwerden der Elterninstanz, von der 
    man die Kastration befürchtete, wird 
    die Gefahr unbestim̄ter. Die Kastrations-
    angst entwickelt sich zur Gewissensangst, zur 

  • S.

    47

    sozialen Angst. Es ist jetzt nicht mehr so leicht anzugeben, 
    was die Angst befürchtet. Die Formel: „Trevung, 
    Ausschluß aus der Horde“, trifft nur jenen 
    späteren Anteil des Überichs, der sich in An-
    lehnung an soziale Vorbilder entwickelt 
    hat, nicht den Kern des Überichs, der der 
    introjizirten Elterninstanz entspricht. 
    Allgemeiner ausgedrückt, ist es der Zorn, die Strafe 
    des Überichs, der Liebesverlust von dessen 
    Seite, den das Ich als Gefahr wertet und mit 
    dem Angstsignal beantwortet. Als letzte Wand-
    lung dieser Angst vor dem Überich ist mir 
    die Todes‑(Lebens‑)Angst, die Angst vor 
    der Projektion des Überichs in den Schicksals-
    mächten erschienen.

    Ich habe früher einmal einen gewissen Wert auf 
    die Darstellung gelegt, daß es die bei der Ver-
    drängung abgezogene Besetzung ist, welche die 
    Verwendung als Angstabfuhr erfährt. Das er-
    scheint mir nun heute kaum wissenswert. 
    Der Unterschied liegt darin, daß ich vormals 
    die Angst in jedem Falle durch einen oekon-
    omischen Vorgang automatisch entstanden glaubte, 
    während die jetzige Auffassung der Angst 
    als eines vom Ich beabsichtigten Falle Signals 
    zum Zweck der Beeinflussung der Lust‑Unlustinstanz 
    uns von diesem oekonomischen Zwange 
    unabhängig macht. Es ist natürlich nichts gegen 
    die Annahme zu sagen, daß das Ich gerade 
    die durch die Abziehung bei der Verdräng-
    ung frei gewordene Energie zur Erweckung 
    des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungs-
    los geworden, mit welchem Anteil Energie 
    dies geschieht.

    Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen, 
    verlangt nun nach Überprüfung im Lichte unserer 
    neuen Auffassung. Es ist die Behauptung, das Ich sei 
    die eigentliche Angststätte; ich meine, sie wird 
    sich als zutreffend erweisen. Wir haben nämlich 
    keinen Anlaß dem Überich irgendeine Angstäußer-
    ung zuzuteilen. Was Wenn aber von einer „Angst des Es“ 
    betrifft die Rede ist, so hat man nicht zu wider-
    sprechen, sondern einen ungeschickten Ausdruck 
    zu korrigiren. Die Angst ist ein Affektzustand, 
    der natürlich nur vom Ich verspürt werden kann. 
    Das Es kann nicht Angst haben wie das Ich, es ist 
    keine Organisation, kann Gefahrsituationen 
    nicht beurteilen. Dagegen ist es ein überaus häufiges 
    Vorkommnis, daß sich im Es Vorgänge vorbereiten 
    oder vollziehen, die dem Ich Anlaß zur Angstent-
    wicklung geben; in der That sind die wahrschein-
    lich frühesten Verdrängungen, wie die Mehr-
    zal aller späteren, durch solche Angst des Ichs 
    vor einzelnen Vorgängen im Es motivirt. Wir 

  • S.

    48

    unterscheiden hier wiederum mit gutem Grund die 
    beiden Fälle, daß sich im Es etwas ereignet, was 
    eine der Gefahrsituationen für’s Ich aktivirt 
    und es somit bewegt, zur Hem̄ung Inhibition das Angstsignal 
    zu geben, und den anderen Fall, daß sich im 
    Es die dem Geburtstrauma analoge Situation 
    herstellt, in der es automatisch zur Angstreaktion 
    kom̄t. Man bringt die beiden Fälle einander 
    näher, wenn man hervorhebt, daß der zweite 
    der ersten und ursprünglichen Gefahrsituation 
    entspricht, der erste aber einer der später aus 
    ihr abgeleiteten Angstbedingungen. Oder auf 
    die wirklich vorkom̄enden Affektionen be-
    zogen, daß der zweite Fall in der Aetiologie 
    der Aktualneurosen verwirklicht ist, der erste 
    für die die Psychoneurosen charakteristisch 
    bleibt.

    Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen 
    nicht zu bezweifeln, sondern blog mit den 
    neueren Einsichten in Verbindung zu bringen 
    brauchen. Es ist nicht abzuzuweisen, daß bei Abstinenz, 
    mißbräuchlicher Störung im Ablauf der Sexual-
    erregung, Ablenkung derselben von ihrer 
    psychischen Verarbeitung, direkt Angst aus 
    Libido entsteht, d. h. jener Zustand von Hilflosig-
    keit des Ichs gegen eine übergroße Be-
    dürfnisspan̄ung hergestellt wird, der wie 
    bei der Geburt in Angstentwicklung ausgeht 
    wobei es wieder eine gleichgiltige, aber nahe 
    liegende Möglichkeit ist, daß gerade der 
    Überschuß an unverwendeter Libido seine 
    Abfuhr in der Angstentwicklung findet. 
    Wir sehen, daß sich auf dem Boden dieser Aktual-
    neurosen besonders leicht Psychoneurosen ent-
    wickeln, das heißt wol, daß das Ich Versuche 
    macht, die Angst, die es eine Weile suspendirt 
    zu erhalten gelernt hat, zu ersparen und 
    durch Symptombildung zu binden. 

    Wahrscheinlich würde die Analyse der traumat-
    ischen Kriegsneurosen, welcher Name allerdings 
    sehr verschiedenartige Affektionen umfaßt, ergeben 
    haben, daß eine Anzal von ihnen an den Char-
    akteren der Aktualneurosen Anteil hat.

    Als wir die Entwicklung der verschiedenen Ge-
    fahrsituationen aus dem ursprünglichen Geburts-
    vorbild darstellten, lag es uns ferne zu behaupten, 
    daß jede spätere Angstbedingung die 
    frühere einfach außer Kraft setzt. Die 
    Fortschritte der Ichentwicklung tragen allerding 
    dazu bei, die frühere Gefahrsituation zu 
    entwerten und bei Seite zu schieben, so 
    daß man sagen kann, einem bestim̄ten 
    Entwicklungsalter sei eine gewiße Angst-
    bedingung wie adaequat zugeteilt. Die 
    Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zur 
    Lebenszeit der Unreife des Ichs, 
    Gefahr des zur Unselbständigkeit der 
    ersten Kinderjahre, wie die Kast-
    rationsgefahr zur phallischen Phase die 
    Überichangst zur Latenzzeit. Aber es kön̄en 

  • S.

    49

    doch alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingungen 
    nebeneinander fortbestehen bleiben und das Ich 
    auch zu späteren als den adäquaten Zeiten 
    zur Angstreaktion veranlassen, oder es können 
    mehrere von ihnen gleichzeitig in Wirksamkeit 
    treten. Möglicherweise bestehen auch engere 
    Beziehungen zwischen der wirksamen Gefahrsit-
    uation und der Form der auf sie folgenden Neurose.xx)

    Als wir in einem früheren Stück dieser Untersuch-
    ungen auf die Bedeutung der Kastrationsgefahr 
    bei mehr als einer neurotischen Affektion 
    stießen, erteilten wir uns die Mahnung, dies 
    Moment doch nicht zu überschätzen, da es bei 
    dem gewiß mehr zur Neurose disponirten weib-
    lichen Geschlecht doch nicht ausschlaggebend sein 
    könnte. Wir sehen jetzt, daß wir nicht in Gefahr 
    sind, die Kastrationsangst für den einzigen 
    Motor der zur ¿¿¿ Neurose führenden 
    Abwehrvorgänge zu erklären. Ich habe an anderer 
    Stelle auseinandergesetzt, wie die Entwicklung 
    des kleinen Mädchens durch den Kastrations-
    komplex zur zärtlichen Objektbe-
    setzung gelenkt we zur zärtlichen Obehktbe-
    beziehung wird. Gerade beim Weibe scheint die 
    Gefahrsituation Angstbedingung des Objektverlustes die wirk-
    samste geblieben zu sein. Wir dürfen an der 
    ihrer Angstbedingung die kleine Modifikation 
    anbringen, daß es sich nicht mehr um das Ver-
    missen oder den realen Verlust des Objekts 
    handelt, sondern um den Liebesverlust von 
    Seiten des Objekts. Da es sicher steht, daß die 
    Hysterie eine größere Affinität zur Weiblichkeit 
    hat ebenso wie die Zwangsneurose zur Männlichkeit, 
    so liegt die Vermutung nahe, die Angstbedingung 
    des Liebesverlustes steht spiele bei Hysterie eine ähnliche 
    Rolle wie die Kastrationsdrohung bei den 
    Phobien, die Überichangst bei der Zwangsneurose.

    √49 gehört in Manus S. 48

    IX

    Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Be-
    ziehungen zwischen Symptombildung und Angst-
    entwicklung.

    Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet 
    zu sein. Die eine nennt die Angst selbst ein 
    Symptom der Neurose, die andere glaubt an 
    ein weit innigeres Verhältnis zwischen beiden. 
    Ihr zufolge würde alle Symptombildung nur 
    unternommen werden, um der Angst zu 
    entgehen; die Symptome binden die psychische 
    Energie, die sonst als Angst abgeführt würde, 
    so daß die Angst das Grundphänomen 
    und Hauptproblem der Neurose wäre.

     

  • S.

    49a

    xx)Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch 
    unser Interesse an den Problemen der Verdrängung 
    eine neue Belebung erfahren. Bisher hatte es uns 
    genügt, die dem Ich zugewendeten Seiten des 
    Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und 
    von der Motilität und die Ersatz‑(Symptom‑)Bildung 
    ins’ Auge zu fassen, von der verdrängten 
    Triebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe 
    im Unbewußten unbestimmt lange unver-
    ändert bestehen. Nun wendet sich das Inter-
    esse den Schicksalen des Verdrängten zu, 
    und wir ahnen, daß ein solcher unveränderter 
    und unveränderlicher Fortbestand nicht selbst-
    verständlich, vielleicht nicht einmal gewöhnlich 
    ist. Die ursprüngliche Triebregung ist jedenfalls 
    durch die Verdrängung gehem̄t und von 
    ihrem Ziel abgelenkt worden. Ist aber ihr 
    Ansatz im Unbewußten erhalten geblieben 
    erhalten geblieben und hat er sich resistent 
    gegen die verändernden und entwertenden 
    Einflüße des Lebens erwiesen? Bestehen also 
    die alten Wünsche noch, von deren früherenm
    Existenz uns die Analyse berichtet? Die Ant-
    wort scheint naheliegend und gesichert: Die ver-
    drängten alten Wünsche müßen im Unbewußten 
    noch fortbestehen, da wir ihre Abköm̄linge, die 
    Symptome, noch wirksam finden. Aber sie ist nicht 
    zureichend, sie läßt für nicht zwischen den beiden 
    Möglichkeiten entscheiden, ob der alte Wunsch 
    jetzt nur durch seine Abköm̄linge wirkt, denen 
    er all seine Besetzungsenergie übertragen 
    hat oder ob er außerdem selbst erhalten 
    geblieben ist. Wenn es sein Schicksal war, sich in 
    der Besetzung seiner Abköm̄linge zu erschöpfen, 
    so bleibt noch die dritte Möglichkeit, daß 
    er im Verlauf der Neurose durch Regression 
    wiederbelebt wurde, so unzeitgemäß er gegen-
    wärtig sein mag. Man braucht diese Erwägungen 
    nicht für müßig zu halten, vieles an den Erschein-
    ungen des krankhaften wie des normalen 
    Seelenlebens scheint diese solche Fragestellungen 
    zu erfordern. In meiner Studie über den 
    Untergang des Oedipuskomplexes bin ich 
    auf den Unterschied zwischen einer der bloßen 
    Verdrängung und einer der wirklichen 
    Aufhebung einer alten Wunschregung auf-
    merksam geworden.

  • S.

    50

    Die zumindest partielle Berechtigung der 
    zweiten Behauptung läßt sich durch schlagende 
    Beispiele erweisen. Wenn man einen Agora-
    phoben, den man auf die Straße begleitet 
    hat, dort sich selbst überläßt, produzirt er 
    einen Angstanfall; wenn man einen Zwangs-
    neurotiker daran hindern läßt, sich nach einer 
    Berührung die Hände zu waschen, wird er 
    die Beute einer fast unerträglichen Angst. Es ist 
    also klar, die Bedingung des Begleitetwerdens 
    und die Zwangshandlung des Waschens hatten 
    die Absicht und auch den Erfolg, solche Angst-
    ausbrüche zu verhüten. In diesem Sinne 
    kann auch jede Hemmung, die sich das Ich aufer-
    legt, Symptom genannt werden.

    Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahrsituation 
    zurückgeführt haben, werden wir es vorziehen zu 
    sagen, die Symptome werden geschaffen, um das Ich 
    der Gefahrsituation zu entziehen. Wird die Symptom-
    bildung verhindert, so tritt die Gefahr wirklich ein, 
    d. h. es stellt sich jene der Geburt analoge Situation 
    her, in der sich das Ich hilflos gegen den stetig 
    wachsenden Triebanspruch findet, also die erste 
    und ursprünglichste Gefahrsituation der Angstbeding-
    ungen. Für unsere Anschauung erweisen sich die 
    Beziehungen zwischen Angst und Symptom weniger 
    eng als angenom̄en wurde, die Folge davon, 
    daß wir zwischen beide das Moment der Gefahr-
    situation eingeschoben haben. Wir können auch 
    ergänzend sagen, die Angstentwicklung leite 
    die Symptombildung ein, ja sie sei eine not-
    wendige Voraussetzung derselben, denn wenn 
    das Ich nicht durch die Angstentwicklung die 
    Lust‑UnlustInstanz wachrütteln würde, bekäme es 
    nicht die Macht, den im Es vorbereiteten, 
    gefahrdrohenden Vorgang aufzuhalten. Dabei 
    ist die Tendenz unverkennbar, sich auf ein Mindest-
    maß von Angstentwicklung zu beschränken, die 
    Angst nur als Signal zu verwenden, denn sonst 
    bekäme man die Unlust, die im durch den Triebvor-
    gang droht, nur an anderer Stelle zu spüren, 
    was kein Erfolg nach der Absicht des Lustprinzips 
    wäre, sich aber doch bei den Neurosen 
    häufig genug ereignet.

    Die Symptombildung hat also den wirklichen 
    Erfolg, die Gefahrsituation aufzuheben. Sie hat 
    zwei Seiten; die eine, die uns verborgen 
    bleibt, stellt im Es jene Abänderung her, 
    mittels deren sich das Es Ich der Gefahr ent-
    zogen wird, die andere uns zugewendete 
    zeigt, was sie an Stelle des beeinflußten 
    Triebvorganges geschaffen hat, die Ersatzbildung.

  • S.

    51

    Wir sollten uns aber korrekter ausdrücken, 
    dem Abwehrvorgang zuschreiben, was wir eben 
    von der Symptombildung ausgesagt haben und 
    den Namen Symptombildung selbst als synonym 
    mit dem ¿ Ersatzbildung gebrauchen. Es wird scheint dann 
    klar, daß der Abwehrvorgang analog der Flucht 
    ist, ¿¿¿¿ durch s¿ die sich das Ich einer von außen 
    drohenden Gefahr entzieht, daß sie er eben einen 
    Fluchtversuch vor einer Triebgefahr darstellt. Die 
    Bedenken gegen diesen Vergleich werden uns 
    zu weiterer Klärung verhelfen. Erstens läßt 
    sich einwenden, daß der Objektverlust (der Verlust 
    der Liebe von Seiten des Objekts) und die 
    Kastrationsdrohung ebensowol Gefahren sind, 
    die von außen drohen, wie etwa ein reißendes 
    Thier, also nicht Triebgefahren. Aber es ist doch nicht 
    derselbe Fall. Der Wolf würde uns wahrschein-
    lich anfallen, gleichgiltig, wie wir uns gegen ihn 
    benehmen; dasie geliebte Person würde uns 
    aber nicht ihre Liebe entziehen, die Kastration 
    uns nicht angedroht werden, wenn wir nicht 
    bestim̄te Gefühle und Absichten in unserem 
    Inneren nähren würden. So werden diese 
    Triebregungen zu Bedingungen der äußeren 
    Gefahr und damit selbst gefährlich, wir können 
    jetzt die äußere Gefahr durch Maßregeln 
    gegen innere Gefahren bekämpfen. Bei den 
    Thierphobien scheint die Gefahr noch durchaus als eine 
    äußerliche empfunden zu werden, wie sie auch 
    im Symptom eine äußerliche Verschiebung erfährt. 
    Bei der Zwangsneurose ist sie weit mehr verinner-
    licht, der Anteil der Angst vor dem Überich, 
    der soziale Angst ist, repraesentirt noch den 
    innerlichen Ersatz einer äußeren Gefahr, der andere 
    Anteil, die Gewissensangst, ist durchaus endopsychisch.

    Ein zweiter Einwand sagt, beim Fluchtversuch 
    vor einer drohenden äußeren Gefahr thun wir 
    ja nichts anderes, als daß wir die Raumdistanz 
    zwischen uns und dem Drohenden vergrößern. 
    Wir setzen uns ja nicht gegen die Gefahr zur 
    Wehr, suchen nichts an ihr selbst zu ändern, 
    wie in dem anderen Falle, daß wir mit 
    einem Knüttel auf den Wolf losgehen oder 
    mit einem Gewehr auf ihn schießen. Der Ab-
    wehrvorgang scheint aber mehr zu thun, als einem 
    Fluchtversuch entspricht. Er greift ja in den 
    drohenden Triebablauf ein, unterdrückt 
    ihn irgendwie, lenkt ihn von seinem Ziel ab, 
    macht ihn dadurch ungefährlich. Dieser Einwand 
    scheint unabweisbar, wir müßen ihm Rechnung 
    tragen. Wir meinen, es wird wol so sein, daß 
    es Abwehrvorgänge giebt, die man mit gutem 
    Recht einem Fluchtversuch vergleichen kann, 
    während sich das Ich bei anderen weit aktiver 
    zur Wehre setzt, energische Gegenaktionen 

  • S.

    52

    vornimmt. Wenn der Vergleich der Abwehr mit 
    der Flucht nicht überhaupt durch den Umstand gestört 
    wird, daß das Ich und der Trieb im Es ja Teile derselben 
    Organisation sind, nicht getrennte Existenzen wie 
    der Wolf und das Kind, so daß jede Art Ver-
    haltens des Ichs auch abändernd auf den Trieb-
    vorgang einwirken muß.

    Durch das Studium der Angstbedingungen haben wir 
    das Verhalten des Ichs bei der Abwehr sozusagen 
    in rationeller Verklärung erblicken müßen. 
    Jede Gefahrsituation entspricht einer gewißen Lebenszeit oder Ent-
    wicklungsphase des seelischen Ap-
    parats und erscheint für diese berechtigt. Das früh-
    kindliche Wesen sch ist wirklich nicht dafür ausgerüstet, große 
    Erregungssum̄en, die von außen oder innen 
    anlangen, psychisch zu bewältigen. Zu einer gewißen 
    Lebenszeit ist es wirklich das wichtigste Interesse, daß 
    die Personen, von denen man abhängt, ihre 
    zärtliche Sorge nicht zurückziehen. Wenn der Knabe 
    den mächtigen Vater als Rivalen bei der Mutter 
    empfindet, seiner aggressiven Neigungen gegen ihn 
    und seiner sexuellen Absichten auf die Mutter 
    inne wird, hat er ein Recht dazu, sich vor ihm 
    zu fürchten und die Angst vor seiner Strafe kann 
    durch phylogenetische Verstärkung sich als Kastrat-
    ionsangst äußern. Mit dem Eintritt in soziale 
    Beziehungen wird die Angst vor dem Überich, 
    das Gewissen, zur Notwendigkeit, der Wegfall 
    dieses Moments die Quelle von schweren Kon-
    flikten und Gefahren, usw. Aber gerade daran 
    knüpft sich ein neues Problem.

    Versuchen wir es, den Angstaffekt für eine Weile 
    durch einen anderen, zB den Schmerzaffekt zu er-
    setzen. Wir halten es für durchaus normal, daß das 
    Mädchen von 4 Jahren schmerzlich weint, wenn 
    ihm eine Puppe zerbricht, mit sechs Jahren, wenn 
    ihm die Lehrerin einen Verweis giebt, mit 
    16 Jahren, wenn der Geliebte sich nicht um sie be-
    küm̄ert, mit 25 Jahren vielleicht, wenn sie 
    ein Kind begräbt. Jede dieser Schmerzbedingungen 
    hat ihre Zeit und erlischt mit deren Ablauf, 
    die letzten, definitiven, erhalten sich dann 
    durchs Leben. Es würde uns aber auffallen, wenn 
    dies Mädchen als Frau und Mutter, über die 
    Beschädigung einer Nippsache weinen würde. 
    So benehmen sich aber die Neurotiker. In ihrem 
    seelischen Apparat sind längst alle Instanzen 
    zur Reizbewältigung innerhalb weiter Grenzen 
    ausgebildet, sie sind erwachsen genug, um die 
    meisten ihrer Bedürfniße selbst zu befriedigen, 
    sie wissen längst, daß die Kastration nicht mehr 
    als Strafe geübt wird, und doch benehmen sie 
    sich, als bestünden die alten Gefahrsituationen 
    noch, sie halten an allen früheren Angst-
    bedingungen fest.

  • S.

    53

    Die Antwort hierauf wird etwas weitläufig aus-
    fallen. Sie wird vor allem den Tatbestand zu sichten 
    haben. In einer großen Anzal von Fällen werden 
    die alten Angstbedingungen wirklich fallen gelassen, 
    nachdem sie bereits neurotische Reaktionen erzeugt 
    haben. Die Phobien der kleinsten Kinder vor Allein-
    sein, Dunkelheit und vor Fremden, die beinahe 
    normal zu nennen sind, vergehen zumeist in 
    etwas späteren Jahren, sie ,,wachsen sich aus", wie 
    man von manchen anderen Kindheitsstörungen 
    sagt. Die so häufigen Tierphobien haben das gleiche 
    Schicksal, viele der Konversionshysterien der 
    Kinderjahre finden später keine Fortsetzung. Zere-
    moniell in der Latenzzeit ist ein ungemein 
    häufiges Vorkom̄nis, nur ein sehr geringer 
    Prozentsatz dieser Fälle entwickelt sich später 
    zur vollen Zwangsneurose. Die Kinderneurosen 
    sind überhaupt – soweit unsere Erfahrungen an 
    den höheren Kulturanforderungen unter-
    worfenen Stadtkindern weißer Rasse reichen – 
    regelmäßige Episoden der Entwicklung, wen̄gleich 
    ihnen noch immer zu wenig Aufmerksamkeit 
    geschenkt wird. Man vermißt die Zeichen der Kindheitsneurose 
    auch nicht bei einem erwachsenen Neurotiker, 
    während lange nicht alle Kinder, die sie zeigen, 
    auch später Neurotiker werden. Es müßen also 
    im Verlaufe der Reifung Angstbedingungen 
    aufgegeben worden sein und Gefahrsituationen 
    ihre Bedeutung verloren haben. Dazu kom̄t, 
    daß einige dieser Gefahrsituationen sich dadurch 
    in späte Zeiten hinüberretten, daß sie ihre 
    Angstbedingung zeitgemäß ¿¿ modifiziren. So erhält 
    sich zB die Kastrationsangst als unter der Maske der Syphiloiphobie, 
    nachdem man erfahren 
    hat, daß zwar die Kastration nicht mehr als Strafe für 
    das Gewährenlassen der sexuellen Gelüste 
    üblich ist, aber daß dafür schwere Erkrankungen 
    der Triebfreiheit drohen. Andere der Angstbe-
    dingungen sind überhaupt nicht zum Untergang 
    bestimmt, sondern sollen den Menschen durch’s 
    Leben begleiten, wie die der Angst vor dem 
    Überich. Der Neurotiker unterscheidet sich dann 
    vor den Normalen dadurch, daß er die 
    Reaktionen auf diese Gefahren übermäßig erhöht. 
    Gegen die Wiederkehr der ursprünglichen traumatischen 
    Angstsituation bietet endlich auch das Erwachsensein 
    keinen zureichenden Schutz; es dürfte für jedermann 
    eine Grenze geben, über die hinaus sein seel-
    ischer Apparat die in der Bewältigung der Erledig-
    ung heischenden Erregungsmengen versagt.

  • S.

    54

    Diese kleinen Berichtigungen können unmög-
    lich die Bestimmung haben, an der Tatsache zu 
    rütteln, die hier erörtert wird, der Tatsache, 
    daß so viele Menschen in ihrem Verhalten zur 
    Gefahr infantil bleiben und verjährte Angst-
    bedingungen nicht überwinden; dies bestreiten, 
    hieße die Tatsache der Neurose leugnen, 
    denn solche Personen heißt man eben Neurot-
    iker. Wie ist das aber möglich? Warum sind 
    nicht alle Neurosen Episoden der Entwicklung, 
    die mit Erreichung der nächsten Phase abgeschloßen 
    werden? Woher das Dauermoment in diesen 
    Reaktionen auf die Gefahr? Woher der Vorzug, 
    den der Angstaffekt vor allen anderen Affekten 
    zu genießen scheint, daß er allein Reaktionen 
    hervorruft, die sich als abnorm von den anderen 
    sondern und sich als unzweckmäßig dem 
    Strom des Lebens entgegenstellen? Mit 
    anderen Worten, wir finden uns unver-
    sehens wieder vor der so oft gestellten Vexir-
    frage, woher kom̄t die Neurose, was ist 
    ihr letztes, das ihr besondere Motiv? Nach 
    jahrzehntelangen analytischen Bemühungen 
    erhebt sich dies Problem vor uns, unangetastet 
    wie zu Anfang. 

    XI

    Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr. Man kann 
    doch die Idee nicht abweisen, daß es mit dem
    Wesen der Gefahr zusam̄enhängt, wenn sich 
    der Angstaffekt eine Ausnahmsstellung in 
    der seelischen Oekonomie erzwingen kann. 
    Aber die Gefahren sind allgemein menschliche, für 
    alle Individuen die nämlichen; was wir 
    brauchen und nicht zur Verfügung haben, ist ein 
    Moment, das uns die Auslese der Individuen 
    verständlich macht, die den Angstaffekt trotz 
    seiner Besonderheit dem normalen seelischen 
    Betrieb unterwerfen können, oder das be-
    stimmt, wer an dieser Aufgabe scheitern muß. 
    Ich sehe zwei Versuche vor mir, ein solches 
    Moment aufzudecken; es ist begreiflich, daß 
    jeder solche Versuch eine sympathische Aufnahme 
    erwarten darf, da er einem quälenden 
    Bedürfnis Abhilfe verspricht. Die beiden 
    Versuche ergänzen einander, indem sie das 
    Problem an entgegengesetzten Enden an-
    greifen. Der erste ist vor mehr als zehn 
    Jahren von Alfred Adler unternommen 
    worden; er behauptet, auf seinen innersten 
    Kern redizirt, daß diejenigen Menschen 
    an der Bewältigung der durch die Gefahr 
    gestellten Aufgaben scheitern, denen die 
    Minderwertigkeit ihrer Organe zu große 
    Schwierigkeiten bereitet. Bestünde der 
    Satz Simplex sigillum veri zurecht, so müßte 

  • S.

    55

    man eine solche Lösung wie eine Erlösung begrüßen. 
    Aber im Gegenteile, die Kritik des abgelaufenen 
    Jahrzehnts hat die volle Unzulänglichkeit dieser 
    Erklärung, die sich überdieß über die Mannig-
    faltigkeit den ganzen Reichtum der von der Psychoanalyse aufge-
    deckten Tatbestände hinaussetzt, beweisend dar-
    getan.

    Den zweiten Versuch hat Otto Rank 1923 in seinem 
    Buch „Das Trauma der Geburt“ unternom̄en. 
    Er steht uns näher, denn er ist auf dem Boden 
    der Psychoanalyse erwachen und setzt deren 
    Gedankengänge fort.  


    In der gegebenen Relation 
    zwischen Individuum und Gefahr lenkt Rank 
    von der Organschwäche des Individuums ab und 
    auf die veränderliche Intensität der Gefahr hin. 
    Die Der Geburtsvorgang ist die erste Gefahrsituation, 
    der von ihm produzirte oekonomische Aufruhr 
    wird das Vorbild der Angstreaktion; wir haben 
    vorhin die Entwicklungslinie verfolgt, welche 
    diese erste Gefahrsituation und Angstbedingung 
    mit allen späteren verbindet, und dabei 
    gesehen, daß sie alle etwas Gemeinsames bewahren, 
    indem sie alle in gewißem Sinne eine Trennung 
    von der Mutter bedeuten, zuerst nur in 
    biologischer Hinsicht, dann im Sinn eines direkten 
    Objektverlusts und später eines durch indir-
    ekte Zusam̄enhänge Wege vermittelten. Die Auf-
    deckung dieses großen Zusam̄enhanges ist ein 
    unbestrittenes Verdienst der Rank’schen 
    Konstruktion. Nun trifft das Trauma der 
    Geburt die einzelnen Individuen in verschiedener 
    Intensität, mit der Stärke des Traumas variirt 
    die Heftigkeit der Angstreaktion, und nun 
    soll es von dieser Anfangsgröße der Angst-
    entwicklung abhängen, ob das Individuum 
    jemals ihre Beherrschung erlernen kann, ob 
    es neurotisch wird oder normal. 

    Die Einzelkritik der Rank’schen Aufstellungen ist 
    nicht unsere Aufgabe, blos deren Prüfung, 
    ob sie zur Lösung unseres Problems brauchbar 
    sind. Die Formel Ranks, Neurotiker werde der, 
    dem es wegen der Stärke des Geburtstraumas 
    niemals gelinge, dieses völlig abzureagiren, ist 
    theoretisch höchst anfechtbar. Man weiß nicht 
    recht, was mit dem Abreagiren des Traumas 
    gemeint ist. Versteht man es wörtlich, so 
    kom̄t man zu dem unhaltbaren Schluß, daß 
    der Neurotiker sich umsomehr der Gesund-
    ung nähert, je häufiger und intensiver 
    er den Angstaffekt reproduzirt. Wegen 
    dieses Widerspruchs mit der Wirklichkeit habe ich 
    ja seinerzeit die Theorie des Abreagierens, 
    aufgegeben, die in der Katharsis eine so 
    große Rolle spielte. Die Betonung der wech-
    selnden Stärke des Geburtstraumas läßt 
    keinen Raum für den berechtigten aetiologischen 
    Anspruch der hereditären Konstitution. 

  • S.

    55a

    Es wäre unbillig, ihn dem Versuch von 
    Adler in einem anderen Punkte als dem 
    einen hier betonten gleichzustellen, denn 
    er bleibt auf dem Boden der Psychoanalyse, 
    deren Gedankengänge er fortsetzt, und ist als 
    eine legitime Bemühung zur Lösung der 
    analytischen Probleme anzuerkennen.

  • S.

    56

    Sie ist ja ein organisches Moment, welches sich gegen 
    die Konstitution wie eine Zufälligkeit verhält 
    und selbst von vielen, zufällig zu nennenden Ein-
    flüßen von zB von der rechtzeitigen Hilfeleistung 
    bei der Geburt abhängig ist. Die Rank’sche 
    Lehre hat konstitutionelle wie phylogenetische 
    Faktoren überhaupt außer Betracht gelassen. 
    Will man aber für die Bedeutung der 
    Konstitution Raum schaffen, etwa durch 
    die Modifikation, es käme viel mehr darauf 
    an, wie s ausgiebig das Individuum auf die 
    variable Intensität des Geburtstraumas reagire, 
    so hat man der Theorie ihre Bedeutung ge-
    raubt und den neu eingeführten Faktor 
    auf eine Nebenrolle eingeschränkt. Die 
    Entscheidung über den Ausgang in Neurose 
    liegt dann doch auf einem anderen, wiederum 
    auf einem unbekannten Gebiet.

    Die Tatsache, daß der Mensch den Geburtsvorgang 
    mit den anderen Säugetieren gemein hat, 
    während ihm eine besondere Disposition zur 
    Neurose als Vorrecht vor den Thieren zukom̄t, 
    wird kaum günstig für die Rank’sche Lehre 
    stimmen. Der Haupteinwand bleibt aber, daß 
    sie in der Luft schwebt, anstatt sich auf gesich-
    erte Beobachtung zu stützen. Es giebt keine 
    Untersuchungen darüber, ob schwere und protrahirte 
    Geburt in unverken̄barer Weise mit Entwick-
    lung von Neurose zusam̄en treffen, ja ob 
    so geborene Kinder nur die Phänomene 
    der frühinfantilen Ängstlichkeit länger oder 
    stärker zeigen als andere. Macht man geltend, 
    daß praezipitirte und für die Mutter leichte Ge-
    burten doch für das Kind möglicher Weise die Bedeut-
    ung von schweren Traumen haben, so bleibt doch 
    die Forderung aufrecht, daß Geburt, die zur 
    Asphyxie führen, die behaupteten Folgen 
    mit Sicherheit erkennen lassen müßten. Es 
    scheint ein Vorteil der Rankschen Aetiologie 
    daß sie ein Moment voranstellt, das 
    der Nachprüfung am Material der Erfahr-
    ung zugänglich ist; solange man eine solche 
    Prüfung nicht wirklich vorgenom̄en hat, 
    ist es unmöglich, ihren Wert zu beurteilen.

    Dagegen kann ich mich der Meinung nicht 
    anschließen, daß die Rank’sche Lehre der bisher 
    in der Psychoanalyse anerkannten aetiologischen Bedeutung 
    der Sexualtriebe widerspricht, denn sie bezieht 
    sich nur auf das Verhältnis des Individuums 
    zur Gefahrsituation und läßt die gute Auskunft 
    offen, daß, wer die anfänglichen Gefahren 
    nicht bewältigen konnte, auch in den später 
    auftauchenden Situationen sexueller Gefahr 
    versagen muß und dadurch in die Neurose 
    gedrängt wird.

  • S.

    57

    Ich glaube also nicht, daß der Rank‘sche Versuch uns die 
    Antwort auf die Frage nach der Begründung der 
    Neurose gebracht hat und ich meine, es läßt sich noch 
    nicht entscheiden, einen wie großen Beitrag 
    zur Lösung der Frage sie er doch enthilt. Wenn 
    die Untersuchungen über den Einfluß schwerer 
    Geburt auf die Disposition zu Neurosen negativ 
    ausfallen, ist dieser Beitrag gering einzuschätzen. 
    Es ist sehr zu besorgen, daß das Bedürfnis nach 
    einer greifbaren und einheitlichen „letzten Ursache" 
    der Nervosität immer unbefriedigt bleiben 
    wird. Der ideale Fall, nach dem sich der Mediziner 
    wahrscheinlich noch heute sehnt, wäre der des Bazillus, 
    der sich isoliren und reinzüchten läßt, und dessen 
    Impfung bei jedem Individuum die nämliche 
    Affektion hervorruft. Oder etwas weniger phantast-
    isch die Darstellung von chemischen Stoffen, deren 
    Verabreichung bestim̄te Neurosen produzirt und aufhebt. 
    Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht für 
    solche Lósungen des Problems.

    Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen, 
    minder befriedigenden Auskünften. Ich habe 
    hier nur längst Bekanntes zu wiederholen, nichts 
    Neues hinzuzufügen. Wenn es dem Ich gelungen 
    ist, sich einer gefährlichen Triebregung zu erwehren, 
    zB durch den Vorgang der Verdrängung, so hat 
    es diesesn Stück Teil des Es zwar gehemmt und geschädigt, 
    aber ihm gleichzeitig auch ein Stück Unabhängig-
    keit gegeben und auf ein Stück seiner eigenen 
    Souveränität verzichtet. Das folgt aus der Natur 
    der Verdrängung, die im Grunde ein Fluchtversuch 
    ist. Das Verdrngte ist nun „vogelfrei“, ausgeschloßen 
    aus der großen Organisation des Ichs, nur den 
    Gesetzen unterworfen, die im Bereich des Unbe-
    wußten herrschen. Ändert sich nun die Gefahr-
    situation, so daß das Ich kein Motiv zur Abwehr 
    einer neuerlichen, der verdrängten analogen Trieb-
    regung hat, so werden die Folgen der Ichein-
    schränkung manifest. Der neuerliche Triebab-
    lauf vollzieht sich unter dem Einfluß des Auto-
    matismus – ich zöge vor zu sagen: des Wieder-
    holungszwanges – er wandelt dieselben Wege 
    wie der früher verdrängte, als ob die über-
    wundene Gefahrsituation noch bestiinde. Das 
    fixirende Moment an der Verdrängung ist also 
    der Wiederholungszwang des unbewußten Es, 
    der normaler Weise nur durch die frei beweg-
    liche Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun 
    mag es dem Ich mitunter gelingen, die Schranken der Ver-
    drängung, die es selbst aufgerichtet, wieder 
    einzureißen, seinen Einfluß auf die Trieb-
    regung wiederzugewinnen und den neuerlichen 

  • S.

    58

    Triebablauf im Sinne der veränderten Gefahrsituation 
    zu lenken. Tatsache ist, daß es ihm so oft mislingt 
    und daß es seine Verdrängungen nicht rück-
    gängig machen kann. Quantitative Relationen 
    mögen für den Ausgang dieses Kampfes maß-
    gebend sein. In manchen Fällen haben wir den 
    Eindruck, daß die Entscheidung eine zwangsläufige 
    ist, die regressive Anziehung der verdrängten 
    Regung und die Stärke der Verdrängung 
    sind so groß, daß die neuerliche Regung 
    nur dem Wiederholungszwange folgen 
    kann. In anderen Fällen nehmen wir den 
    Beitrag eines anderen Kräftespiels wahr, die 
    Anziehung des verdrängten Vorbild wird ver-
    stärkt durch die Abstoßung von Seiten der 
    realen Schwierigkeiten, die sich einem anderen Ab-
    lauf der neuerlichen Triebregung entgegen-
    setzen.

    Daß dies der Hergang der Fixierung an die Verdräng-
    ung d und der Erhaltung der nicht mehr akt-
    uellen Gefahrsituation ist, findet seinen Er-
    weis in der an sich bescheidenen, aber theoret-
    isch kaum überschätzbaren Tatsache der analyt-
    ischen Therapie. Wenn wir dem Ich in der 
    Analyse die Hilfe leisten, die es in den Stand 
    setzen, seine Verdrängungen aufzuheben, 
    bekom̄t es seine Macht über das verdrängte 
    Es wieder und kann die Triebregungen so 
    ablaufen lassen, als ob die alten Gefahrsituat-
    ionen nicht mehr bestünden. Was wir so er-
    reichen, steht in gutem Einklang mit dem 
    sonstigen Machtbereich unserer ärztlichen Leistung. 
    In der Regel muß sich ja unsere Therapie damit 
    begnügen, den guten Ausgang rascher, verläßlicher, 
    mit weniger Aufwand herbeizuführen, der 
    sich unter günstigen Verhältnißen spontan 
    ergeben hätte.

    Die bisherigen Erwägungen lehren uns, es sind 
    quantitative Relationen, nicht direkt faßbar aufzuzeigen 
    nur auf dem Wege des Rückschlußes faßbar 
    die darüber entscheiden, ob die alten Gefahr-
    situationen festgehalten werden, ob die Ver-
    drängungen des Ichs erhalten bleiben, ob die 
    Kinderneurosen ihre Fortsetzung finden 
    oder nicht. Von den Faktoren, die an 
    der Verursachung der Neurosen beteiligt 
    sind, die die Bedingungen geschaffen haben, 
    unter denen sich die psychischen Kräfte mit 
    einander messen, heben sich für unser Ver-
    ständnis drei hervor, ein biologischer, ein 
    phylogenetischer und ein rein psychologischer. Der 
    biologische ist die lang hingezogene Hilflosigkeit 
    und Abhängigkeit des kleinen Menschenkindes. 
    Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint 
    gegen die der meisten Thiere relativ verkürzt, 
    es wird unfertiger als diese in die Welt 
    geschickt. Dadurch wird der Einfluß der realen 
    Außenwelt verstärkt, die Differenzierung 

  • S.

    59

    des Ichs vom Es frühzeitig gefördert, die Gefahren 
    der Außenwelt in ihrer Bedeutung erhöht und 
    der Wert des Objekts, das allein gegen diese 
    Gefahren schützen und das verlorene Intrauterin-
    leben ersetzen kann, enorm gesteigert. Dies 
    biologische Moment stellt also die ersten Gefahr-
    situationen her und schafft das Bedürfnis geliebt 
    zu werden, das den Menschen nicht mehr ver-
    lassen wird.

    Der zweite, phylogenetische, Faktor ist von uns nur 
    erschloßen worden; eine sehr merkwürdige 
    Tatsache der Libidoentwicklung hat uns zu 
    seiner Annahme gedrängt. Wir finden, daß 
    das Sexualleben des Menschen sich nicht wie das 
    der meisten ihm nahestehenden ¿¿¿¿ Thiere vom 
    Anfang bis zur Reifung stetig weiter entwickelt, 
    sondern daß am es nach einer ersten Früh-
    blüte bis zum fünften Jahr eine energische 
    Unterbrechung erfährt, worauf es dann mit 
    der Pubertät von neuem anhebt und an 
    die infantilen Ansätze anknüpft. Wir meinen, 
    es müßte in den Schicksalen der Menschenart 
    etwas Wichtiges vorgefallen sein, was diese 
    Unterbrechung der Sexualentwicklung als 
    historischen Niederschlag hinterlassen hat. Die pathogene 
    Bedeutung dieses Moments ergibt sich daraus, 
    daß die meisten Triebanspriiche dieser kindlichen 
    Sexualität vom Ich als Gefahren behandelt und 
    abgewehrt werden, so daß die späteren sexuellen 
    Regungen der Pubertät, die ichgerecht sein sollten, 
    in Gefahr sind, der Anziehung der infantilen 
    Vorbilder zu unterliegen und ihnen in die 
    Verdrängung zu folgen. Hier stoßen wir auf die 
    direkteste Aetiologie der Neurosen. Es ist merk-
    würdig, daß der frühe Kontakt mit den Ansprüchen 
    der Sexualität auf das Ich ähnlich wirkt wie die 
    vorzeitige Berührung mit der Außenwelt.

    Der dritte oder psychologische Faktor ist in einer 
    Unvollkom̄enheit unseres seelischen Apparates zu 
    finden, die grade mit seiner Differenzirung in 
    ein Ich und ein Es zusam̄enhängt, also in letzter 
    Linie auch über auf den Einfluß der Außen-
    welt zurückgeht. Durch die Rücksicht auf die 
    Gefahren der Realität wird das Ich genötigt, 
    sich gegen gewiße Triebregungen des Es zur 
    Wehre zu setzen, sie als Gefahren zu behandeln. 
    Das Ich kann sich aber gegen innere Triebgefahren 
    nicht in so wirksamer Weise schützen wie gegen 
    ein Stück der ihm fremden Realität. Mit dem 
    Es selbst innig verbunden, kann es die Triebgefahr 
    nur abwehren, indem es seine eigene Organisation 
    einschränkt und sich die Symptombildung als 
    Ersatz für seine Beeinträchtigung des Triebes 
    gefallen läßt. Erneuert sich dann der Andrang 
    des abgewiesenen Triebes, so ergeben sich für 
    das Ich alle die Schwierigkeiten, die wir als das 
    neurotische Leiden kennen.

  • S.

    60

    Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht 
    in das Wesen und die Verursachung der 
    Neurosen vorläufig nicht gekommen.

    XII. Nachträge

    Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene
    Themen berührt worden, die vorzeitig verlassen 
    werden mußten und die jetzt gesammelt werden 
    sollen, um den Anteil Aufmerksamkeit 
    zu erhalten, auf den sie Anspruch haben.

    A. Modifikationen früher geäußerter Ansichten.

    a) Widerstand und Gegenbesetzung.

    Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Ver-
    drängung, daß sie nicht einen einmaligen 
    Vorgang darstellt, sondern einen dauernden 
    Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele, 
    würde der verdrängte Trieb, der kontinuir-
    lich Zuflüße aus seinen Quellen erhält, ein 
    nächstes Mal denselben Weg einschlagen, von 
    dem er abgedrängt wurde, die Verdrängung 
    würde um ihren Erfolg gebracht oder sie 
    müßte unbestimmt oft  wiederholt werden. 
    So folgt aus der kontinuirlichen Natur des 
    Triebes die Anforderung an das Ich, seine 
    Abwehraktion durch einen Daueraufwand 
    zu versichern. Diese Aktion zum Schutz der 
    Verdrängung ist es, die wir bei der therap-
    eutischen Bemühung als Widerstand ver-
    spüren. Widerstand setzt das voraus, was 
    ich als Gegenbesetzung bezeichnet habe. 
    Eine solche Gegenbesetzung wird bei der Zwangs-
    neurose greifbar. Sie erscheint hier als Ichver-
    änderung, als Reaktionsbildung im Ich durch 
    Verstärkung jener Einstellung, welche der 
    zu verdrängenden Triebrichtung gegen-
    sätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit, 
    Reinlichkeit). Diese Reaktionsbildungen 
    der Zwangsneurose sind durchwegs 
    Übertreibungen der normaler, im Verlauf 
    der Latenzzeit gebildeter entwickelter Charakterzüge. 
    Es ist weit schwieriger, die Gegenbesetzung 
    bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie nach 
    der theoretischen Erwartung ebenso un-
    entbehrlich ist. Auch hier ist ein gewißes 
    Maß von Ichveränderung durch Reaktions-
    bildung unverkennbar und wird in 
    manchen Fällen Verhältnißen so auffällig, daß es sich der 
    Aufmerksamkeit als das Hauptsymptom 
    des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise 
    wird zB. der Ambivalenzkonflikt der 
    Hysterie gelöst, der Haß gegen eine ge-
    liebte Person wird durch ein Über-
    maß von Zärtlichkeit für sie und 

  • S.

    61

    Ängstlichkeit um sie niedergehalten. Man muß 
    aber als Unterschiede gegen die Zwangsneurose 
    hervorheben, daß solche Reaktionsbildungen 
    nicht die allgemeine Natur von Charakter-
    zügen zeigen, sondern sich auf ganz spezielle 
    Relationen einschränken. Die Hysterika 
    zB, die ihre im Grunde gehaßten Kinder 
    mit exzessiver Zärtlichkeit behandelt, wird 
    darum nicht im ganzen liebesbereiter als 
    andere Frauen, nicht einmal zärtlicher für 
    andere Kinder. Die Reaktionsbildung der 
    Hysterie hält an einem bestim̄ten Objekt 
    zähe fest und erhebt sich nicht zu einer allge-
    meinen Disposition des Ichs. Für die Zwangs-
    neurose ist gerade diese Verallgemein-
    erung, die Lockerung der Objektbeziehungen, 
    die Erleichterung der Verschiebung in 
    der Objektwahl charakteristisch.

    Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der 
    Eigenart der Hysterie gemäßer zu sein. Die 
    verdrängte Triebregung kann von zwei Seiten 
    her aktivirt (neu besetzt) werden), erstens 
    von innen her durch eine Verstärkung des 
    Triebes aus seinen inneren Erregungsquellen, 
    zweitens von außen her durch die Wahrnehmung 
    eines Objekts, das dem Trieb erwünscht wäre. 
    Die hysterische Gegenbesetzung ist nun vorzugsweise 
    nach außen gegen die gefährliche Wahrnehmung 
    gerichtet, sie nim̄t die Form einer beson-
    deren Wachsamkeit an, die durch Ichein-
    schränkungen Situationen vermeidet, in denen 
    die Wahrnehmung auftreten müßte und 
    die es zustande bringt, dieser Wahrnehmung 
    die Aufmerksamkeit zu entziehen, wenn 
    sie doch aufgetaucht ist. Französische Autoren 
    (Laforgue) haben kürzlich diese Leistung der Hysterie 
    durch den besonderen Namen „Skotomisation“ 
    ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei Hysterie 
    ist diese Technik der Gegenbesetzung bei den 
    Phobien, deren Interesse sich darauf kon-
    zentrirt, sich immer weiter von der 
    Möglichkeit der gefürchteten Wahrnehmung 
    zu entfernen. Der Gegensatz in der Richtung 
    der Gegenbesetzung be zwischen Hysterie und 
    Phobien einerseits und Zwangsneurose ander-
    seits scheint bedeutsam, wenn er auch kein 
    absoluter ist. er legt uns nahe anzunehmen, 
    daß zwischen der Verdrängung und der 
    äußeren Gegenbesetzung, wie zwischen 
    der Regression und der inneren Gegen-
    besetzung (Ichveränderung durch Reaktions-
    bildung) ein innigerer Zusam̄enhang besteht. 
    Die Abwehr der gefährlichen Wahrnehmung 
    ist übrigens eine allgemeine Aufgabe der 
    Neurosen. verschiedene Gebote und Ver-
    bote der Zwangsneurose sollen auf 
    der gleichen dieser Absicht dienen.

  • S.

    62

    Wir haben uns früher einmal klargemacht, 
    daß der Widerstand, den wir in der Analyse 
    zu überwinden haben, vom Ich geleistet 
    wird, das an seinen Gegenbesetzungen festhält. 
    Das Ich hat es schwer, seine Aufmerksamkeit 
    Wahrnehmungen und Vorstellungen zuzu-
    wenden, deren Vermeidung es sich bisher 
    zur Vorschrift gemacht hatte oder Regungen 
    als die seinigen anzuerkennen, die den 
    vollsten Gegensatz zu den ihm als eigen ver-
    trauten bilden. Unsere Bekämpfung des 
    Widerstandes in der Analyse gründet 
    sich auf eine solche Auffassung desselben. 
    Wir machen den Widerstand bewußt, 
    wo er, wie so häufig, infolge des Zusam̄en-
    hangs mit dem Verdringten selbst un-
    bewußt ist; wir setzen ihm logische Argum-
    ente entgegen, wenn oder nachdem er 
    bewußt geworden ist, versprechen dem Ich 
    Nutzen und Praemien, wenn es auf den 
    Widerstand verzichtet. An dem Widerstand 
    des Ichs ist also nichts zu bezweifeln oder zu 
    berichtigen. Dagegen fragt es sich, ob er allein 
    den Sachverhalt deckt, der uns in der 
    Analyse entgegentritt. Wir machen die Erfahr-
    ung daß das Ich noch immer Schwierigkeiten 
    findet, die Verdrängungen an rückgängig 
    zu machen, auch nachdem es den Vorsatz 
    gefaßt hat, seine Widerstände aufzugeben, 
    und haben die Phase mühevoller Arb 
    anstrengender Bemühung, die nach solchem 
    löblichen Vorsatz folgt, als die des „Durch-
    arbeitens“ bezeichnet. Es liegt nun nahe, 
    das dynamische Moment anzuerkennen, das 
    ein solches Durcharbeiten notwendig und 
    verständlich macht. Es kann kaum anders 
    sein, als daß nach Aufhebung des Ichwider-
    standes noch die Macht des Wieder-
    holungszwanges, die Anziehung der unbe-
    wußten Vorbilder auf den verdrängten 
    Triebvorgang, zu überwinden ist, und es 
    ist nichts dagegen zu sagen, wenn man 
    dies Moment als den Widerstand 
    des Unbewußten bezeichnen will. 
    Lassen wir uns solche Korrekturen nicht 
    verdrießen; sie sind erwünscht, wenn 
    sie unser Verständnis um ein Stück 
    fördern, und keine Schande, wenn sie 
    das frühere nicht widerlegen, sondern 
    bereichern, eventuell eine Allgemeinheit 
    einschränken, eine zu enge Auffassung 
    erweitern.

  • S.

    62a

    Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese Korrektur 
    eine vollständige Übersicht über die Arten 
    der uns in der Analyse begegnenden Wider-
    stände gewonnen haben. Bei weiterer Ver-
    tiefung merken wir vielmehr, daß wir fünf 
    Arten des Widerstandes zu bekämpfen haben, 
    die von drei Seiten herstammen, nämlich vom Ich, 
    vom Es und vom Überich, wobei sich das Ich 
    als die Quelle von drei in ihrer Dynamik 
    unterschiedenen Formen erweist. Der erste 
    dieser drei Ichwiderstände ist der vorhin behandelte 
    Verdrängungswiderstand, über den am 
    wenigsten Neues zu sagen ist. Von ihm sondert 
    sich der Übertragungswiderstand, der von 
    der gleichen Natur ist, aber während in der 
    Analyse andere und weit deutlichere 
    Erscheinungen macht, da es ihm gelungen ist, 
    eine Beziehung zur analytischen Situation 
    oder zur Person des Analytikers herzu-
    stellen und somit eine Verdrängung, die 
    blos erinnert werden sollte, wieder 
    wie frisch zu beleben. Auch ein Ichwider-
    stand aber ganz anderer Natur, ist, der 
    vom Krankheitsgewinn ausgeht und sich 
    auf die Einbeziehung des Symptoms in’s 
    Ich gründet. Er entspricht dem Sträuben 
    gegen den Verzicht auf eine Befriedigung 
    oder Erleichterung. Die vierte Art des 
    Widerstandes – den des Es – haben wir eben 
    für die Notwendigkeit des Durcharbeit-
    ens verantwortlich gemacht. Der fünfte 
    Widerstand, der des Überichs, der zuletzt 
    erkannte, dunkelste, aber nicht immmer 
    schwächste, scheint dem Schuldbewußtsein 
    oder Strafbedürfnis zu entstam̄en, 
    er widersetzt sich der Genesung über-
    haupt, jedem Erfolg und demnach auch der 
    Genesung durch die Analyse.

  • S.

    63

    b). Angst aus Umwandlung von Libido

    Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung 
    der Angst entfernt sich ein Stück weit von 
    jener, die mir bisher berechtigt schien. Früher 
    betrachtete ich die Angst als eine allgemeine Reaktion 
    des Ichs unter den Bedingungen der Unlust 
    suchte ihr Auftreten jedesmal oekonomisch 
    zu rechtfertigen und nahm an,daß gestützt auf 
    die Untersuchung der Aktualneurosen, daß 
    Libido (sexuelle Erregung), die vom Ich abgelehnt 
    oder nicht verwendet wird, eine Abfuhr 
    in der Form der Angst findet. Man kann es 
    nicht übersehen, daß diese verschiedenen Bestim-
    mungen nicht gut zusam̄engehen, zum mind-
    esten nicht notwendig aus einander folgen. 
    Überdieß ergab sich der Anschein einer beson-
    ders innigen Beziehung von Angst und Libido, 
    die wiederum mit dem Allgemeincharakter 
    der Angst als Unlustreaktion nicht harmon-
    irte.

    Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von 
    der Tendenz aus, das Ich zur alleinigen Angst-
    stätte zu machen, war also eine der Folgen 
    der im „Ich und Еs“ versuchten Gliederung 
    des seelischen Apparats. Der früheren Auffass-
    ung lag es nahe, die Libido der verdrängten 
    Triebregung als die Quelle der Angst zu 
    betrachten; nach der neueren hatte vielmehr 
    das Ich für diese Angst aufzukommen. Also 
    Ichangst oder Trieb‑(Es‑)Angst. Da das Ich mit 
    desexualisirter Energie arbeitet, wurde in 
    der Neuerung auch der intime Zusam̄en-
    hang von Angst und Libido gelockert. Ich 
    hoffe es ist mir gelungen, wenigstens den 
    Widerspruch klar zu machen, die Umriße 
    der Unsicherheit scharf zu zeichnen.

    Die Rank’sche Mahnung, der Angstaffekt 
    sei, wie ich selbst zuerst behauptete, eine Folge 
    des Geburtsvorganges und eine Wiederholung 
    der damals durchlebten Situation, nötigte 
    zu einer neuerlichen Prüfung des Angstproblems. 
    Mit seiner eigenen Auffassung der Geburt 
    als Trauma, des Angstzustandes als Abfuhrreaktion 
    darauf, jedes neuerlichen Angstaffekts als 
    Versuch, das Trauma immer vollständiger 
    „abzureagiren“, konnte ich nicht weiter kom̄en. 
    Es ergab sich die Nötigung, von der Angstreaktion 
    auf die Gefahrsituation hinter ihr zurückzu-
    gehen. Mit der Einführung dieses Moments 
    ergaben sich neue Gesichtspunkte für die 
    Betrachtung. Die Geburt wurde das Vorbild 

  • S.

    64

    für alle späteren Gefahrsituationen, die sich unter 
    den neuen Bedingungen der veränderten 
    Existenzform und der fortschreitenden psychischen 
    Entwicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung 
    wurde aber auch auf diese vorbildliche Be-
    ziehung zur Gefahr eingeschränkt. Die bei der 
    Geburt empfundene Angst wurde aber nun das 
    Vorbild eines Affektzustandes, der die 
    Schicksale anderer Affekte theilen mußte. 
    Er reproduzirte sich entweder automatisch 
    in Situationen, die seinen Ursprungssituat-
    ionen analog waren, oder als unzweckmäßige 
    Reaktionsform, nachdem er in der ersten 
    Gefahrsituation zweckmäßig gewesen war. Oder 
    das Ich bekam Macht über diesen Affekt 
    und reproduzirte ihn selbst, bediente sich 
    seiner als Warnung vor der Gefahr und 
    als Mittel, das Eingreifen des Lustunlust-
    mechanismus wachzurufen. Die biologische 
    Bedeutung des Angstaffekts kam zu ihrem 
    Recht, indem die Angst als die allgemeine 
    Reaktion auf die Situation der Gefahr 
    anerkannt wurde; die Rolle des Ichs als 
    Angststätte wurde bestätigt, indem dem 
    Ich die Funktion eingeräumt wurde, den 
    Angstaffekt nach seinen Bedürfnißen zu 
    produziren. Der Angst wurden so im späteren 
    Leben zweierlei Ursprungsweisen zuge-
    wiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedes-
    mal oekonomisch gerechtfertigt, wenn sich eine 
    Gefahrsituation analog jener der Geburt 
    hergestellt hatte, die andere, vom Ich produz-
    ierte, wenn eine solche Situation nur drohte, 
    um zu ihrer Vermeidung aufzufordern. In d
    iesem zweiten Fall unterzog sich das Ich der 
    Angst gleichsam wie einer Impfung, um 
    durch einen abgeschwächten Krankheitsausbruch 
    einem ungeschwächten Anfall zu entgehen. 
    Es stellte sich gleichsam die Gefahrsituation 
    lebhaft vor, bei unverkennbarer Tendenz, 
    dies peinliche Erleben auf eine Andeutung, 
    ein Signal, zu beschränken. Wie sich dabei 
    die verschiedenen Gefahrsituationen nach 
    einander entwickeln und doch genetisch 
    mit einander verknüpft bleiben, ist 
    bereits im einzelnen dargestellt worden. 
    Vielleicht gelingt es uns, ein Stück weiter ins 
    Verständnis der Angst einzudringen, wenn 
    wir das Problem des Verhältnißes zwischen 
    neurotischer Angst und Realangst angreifen.

    Die früher behauptete direkte Umsetzung 
    der Libido in Angst ist unserem Interesse 
    nun weniger bedeutsam geworden. Ziehen 
    wir sie doch in Erwägung, so haben wir mehrere 
    Fälle zu unterscheiden. Für die Angst, die 

  • S.

    65

    das Ich als Signal provozirt, kommt sie nicht in Betracht; 
    also auch nicht in all den Gefahrsituationen, die das 
    Ich zur Einleitung einer Verdrängung bewegen. 
    Die libidinöse Besetzung der verdrängten Trieb-
    regung erfährt, wie man es am deutlichsten 
    bei der Konversionshysterie sieht, eine 
    andere Verwendung als die Umsetzung in 
    und Abfuhr als Angst. Hingegen werden wir 
    bei der weiteren Diskussion der Gefahr-
    situation auf den jenen Fall der Angstentwicklung 
    stoßen, der vielleicht wahrscheinlich anders zu beurteilen 
    ist.

    c) Verdrängung und Abwehr

    Im Zusammenhange der Erörterungen über das 
    Angstproblem habe ich einen Begriff – oder bescheid-
    ener ausgedrückt: einen Terminus – wieder aufge-
    nom̄en, dessen ich mich zu Anfang meiner Studien 
    vor dreißig Jahren ausschließend bedient hatte und den ich späterhin 
    fallen gelassen hatte. Ich meine den des Abwehr-
    vorganges.x) Ich ersetzte ihn 
    in der Folge durch den der Verdrångung, das 
    Verhältnis zwischen beiden blieb aber unbe-
    stimmt. Ich meine nun, es bringt einen sicheren 
    Vorteil, auf den alten Begriff der Abwehr 
    zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß 
    er die allgemeine Bezeichnung für alle die 
    Techniken sein soll, deren sich das Ich in seinen 
    eventuell zur Neurose führenden Konflikten 
    bedient, während Verdrängung der Name 
    einer bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt, 
    die uns infolge der Richtung unserer Untersuch-
    ungen zuerst besser bekannt worden ist.

    Auch eine bloß terminologische Neuerung 
    will gerechtfertigt werden, soll der Ausdruck 
    einer neuen Betrachtungsweise oder einer 
    Erweiterung unserer Einsichten sein. Die Wieder-
    aufnahme des Begriffes Abwehr und die Ein-
    schränkung des Begriffes der Verdringung 
    trägt nun einer Tatsache Rechnung, die längst 
    bekannt ist, aber durch einige neuere Funde 
    an Bedeutung gewonnen hat. Unsere ersten 
    Erfahrungen über Verdrängung und Symptom-
    bildung machten wir an der Hysterie; wir sahen, 
    daß der Wahrnehmungsinhalt erregender 
    Erlebniße, der Vorstellungsinhalt pathogener 
    Gedankenbildungen vergessen und von der 
    Reproduktion im Gedächtnis ausgeschloßen wird 
    und haben darum in der Abhaltung vom 
    Bewußtsein einen Hauptcharakter der hyster-
    ischen Verdringung erkannt. Später haben 

    x)Siehe: Die Abwehr‑Neuropsychosen, Ges, Schriften, Bd. I.

  • S.

    66

    wir die Zwangsneurose studirt und gefunden, 
    daß bei dieser Affektion die pathogenen 
    Vorfälle nicht vergessen werden. Sie bleiben 
    bewußt, werden aber auf eine noch nicht 
    vorstellbare Weise „isolirt“, so daß ungefähr 
    derselbe Erfolg erzielt wird wie durch 
    die hysterische Amnesie. Aber die Differenz 
    ist groß genug, um unsere Meinung zu be-
    rechtigen, der Vorgang, mittels dessen die 
    Zwangsneurose einen Triebanspruch beseitigt, 
    könne nicht der nämliche sein wie bei 
    Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns 
    gelehrt, daß bei der Zwangsneurose unter 
    dem Einfluß des Ichsträubens eine Regression 
    der Triebregungen auf eine frühere 
    Libidophase erzielt wird, die zwar eine Ver-
    drängung nicht überflüssig gem macht, aber 
    offenbar in demselben Sinne wirkt wie 
    die Verdrängung. Wir haben ferner gesehen, 
    daß die auch bei Hysterie anzunehmende 
    Gegenbesetzung bei der Zwangsneurose als 
    reaktive Ichveränderung eine besonders große 
    Rolle beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein 
    Verfahren der „Isolirung“ aufmerksam 
    worden, dessen Technik wir noch nicht angeben 
    können, das sich einen direkten symptom-
    atischen Ausdruck schafft, und auf die 
    magisch zu nennende Prozedur des 
    „Ungeschehenmachens“, über deren abweisende 
    Tendenz kein Zweifel sein kann, die aber 
    mit dem Vorgang der „Verdrängung“ 
    keine Ähnlichkeit mehr hat. Diese Erfahr-
    ungen sind Grund genug den alten Begriff 
    der Abwehr wieder einzusetzen, der alle 
    diese Vorgänge mit gleicher Tendenz – 
    Schutz des Ichs gegen Triebansprüche – umfassen 
    kann, und ihm die Verdrängung als einen 
    Spezialfall zu subsum̄ieren. Die Bedeutung 
    einer solchen Namengebung wird erhöht, wenn 
    man die Möglichkeit erwägt, daß eine Vertief-
    ung unserer Studien eine innige Zusam̄en-
    gehörigkeit zwischen besonderen Formen der 
    Abwehr und bestimmten Affektionen er-
    geben könnte, zB. zwischen Verdrängung und 
    Hysterie. Unsere Erwartung richtet sich ferner 
    auf die Möglichkeit einer anderen bedeut-
    samen Abängigkeit. Es kann leicht sein, 
    daß s der seelische Apparat vor der scharfen Sonderung 
    von Ich und Es, vor der Ausbildung eines 
    Überichs, andere Methoden der Abwehr 
    übt als nach der Erreichung dieser Organis-
    ationsstufen.

  • S.

    67

    B. Ergänzung zur Angst. 

    Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Unter-
    suchung weitere Aufklårung verspricht. Die 
    Angst hat eine unverkennbare Beziehung 
    zur Erwartung; sie ist Angst vor etwas. Es 
    haftet ihr ein Charakter von Unbestim̄theit 
    und Objektlosigkeit an; der korrekte Sprach-
    gebrauch ändert selbst ihren Namen, wenn sie 
    ein Objekt gefunden hat, und ersetzt ihn 
    dann durch Furcht. Die Angst hat ferner außer 
    außer ihrer Beziehung zur Gefahr eine andere 
    zur Neurose, um deren Aufklärung wir 
    uns seit langem bemühen. Es entsteht die 
    Frage, warum nicht alle Angstreaktionen 
    neurotisch sind, warum wir so viele als normal 
    anerkennen; endlich verlangt der Unterschied 
    von Realangst und neurotischer Angst nach 
    gründlicher Würdigung.

    Gehen wir von der letzteren Aufgabe aus. Unser 
    Fortschritt bestand in dem Rückgreifen von der 
    Reaktion der Angst auf die Situation der 
    Gefahr. Nehmen wir dieselbe Veränderung an 
    dem Problem der Realangst vor, so wird 
    uns dessen Lösung leicht. Realgefahr ist eine 
    Gefahr, die wir kennen, Realangst die Angst 
    vor einer solchen bekannten Gefahr. Die 
    neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr, 
    die wir nicht kennen. Die neurotische 
    Gefahr muß also erst gesucht werden, die Analyse 
    hat uns gelehrt, sie ist eine Triebgefahr. Indem 
    wir diese dem Ich unbekannte Gefahr zum Be-
    wußtsein bringen, verwischen wir den Unter-
    schied zwischen Realangst und neurotischer Angst, 
    können wir die letztere wie die erstere 
    behandeln.

    In der Realangstgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen, 
    die affektive, den Angstausbruch, und die Schutz-
    handlung. Voraussichtlich wird bei der Triebgefahr 
    dasselbe geschehen. Wir kennen den Fall des 
    zweckmäßigen Zusam̄enwirkens beider Reaktionen, 
    indem die eine das Signal für das Einsetzen 
    der anderen gibt, aber auch den unzweckmäßigen 
    Fall, den der Angstlähmung, daß die eine sich auf 
    Kosten der anderen ausbreitet.

    Es giebt Fälle, in denen sich die Charaktere von 
    Realangst und neurotischer Angst vermengt zeigen. 
    Die Gefahr ist bekannt und real, aber die Angst 
    vor ihr übermäßig groß, größer als sie nach 
    unserem Urteil sein dürfte. In diesem Mehr 
    verrät sich das neurotische Element. Aber diese 
    Fälle bringen nichts prinzipiell neues. Die 
    Analyse zeigt, daß an die bekannte Realgefahr 
    eine unerkannte Triebgefahr geknüpft ist.

  • S.

    68

    Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit 
    der Zurückführung der Angst auf die Gefahr nicht 
    begnügen. Was ist der Kern, die Bedeutung der 
    Gefahrsituation? Offenbar im die Einschätzung 
    unserer Stärke im Vergleich zu ihrer Größe, das 
    Zugeständnis unserer Hilflosigkeit gegen sie, 
    der materiellen Hilflosigkeit im Falle der 
    Realgefahr, der psychischen Hilflosigkeit im 
    Falle der Triebgefahr. Unser Urteil wird 
    dabei von wirklich gemachten Erfahrungen 
    geleitet werden; ob es sich in seiner Schätzung 
    irrt, ist für den Erfolg gleichgiltig. Heißen 
    wir eine solche erlebte Situation von 
    Hilflosigkeit eine traumatische; wir haben
     dann guten Grund, die traumatische Situation 
    von der Gefahrsituation zu trennen.

    Es ist dann nun ein wichtiger Fortschritt in unserer 
    Selbstbewahrung, wenn eine solche traumatische 
    Situation von Hilflosigkeit nicht abgewartet, 
    sondern vorhergesehen, erwartet wird. Die 
    Situation, in der die Bedingung für solche Er-
    wartung gegeben  enthalten ist, heiße die Gefahrsituation, 
    in ihr wird das Angstsignal gegeben. Dies will 
    besagen: ich erwarte, daß sich eine Situation 
    von Hilflosigkeit ergeben wird, oder die gegen-
    wärtige Situation erinnert mich an eines der 
    früher erlebten erfahrenen traumatischen Erlebniße. 
    Daher antizipire ich dieses Trauma, will mich be-
    nehmen, als ob es schon da wäre, solange noch 
    Zeit ist es abzuwenden. Die Angst ist also 
    einerseits Erwartung des Traumas, anderseits eine gemild-
    erte Wiederholung desselben. Die beiden Char-
    aktere, die uns an der Angst aufgefallen sind, 
    haben also verschiedenen Ursprung. Ihre Bezieh-
    ung zur Erwartung gehort zur Gefahrsituation, 
    ihre Unbestim̄theit und Objektlosigkeit zur 
    traumatischen Situation der Hilflosigkeit, die
     in der Gefahrsituation antizipirt wird.

    Nach der Entwicklung der Reihe: Angst‑Gefahr‑Hilflosigkeit 
    (Trauma) können wir zusam̄en-
    fassen: Die Gefahrsituation ist die erkannte, er-
    innerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit. 
    Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die 
    Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in 
    der Gefahrsituation als Hilfssignal reproduzirt 
    wird. Das Ich, welches das Trauma passiv erlebt 
    hat, wiederholt nun aktiv eine abgeschwächte 
    Reproduktion desselben, in der Hoffnung, deren 
    Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir wissen, 
    das Kind beni‑t sich ebenso gegen alle ihm 
    peinlichen Eindrücke, indem es sie im Spiel 
    reproduzirt; durch diese Art von der Passivität 
    zur Aktivität überzugehen, sucht es seine Lebens-
    eindrücke psychisch zu bewältigen. Wenn dies 

  • S.

    69

    der Sinn eines „Abreagirens des Traumas“ sein soll, so 
    kann man nichts mehr dagegen einwenden. Das 
    Entscheidende ist aber die erste Verschiebung der Angst-
    reaktion von ihrem Ursprung in der Situation 
    der Hilflosigkeit auf deren Erwartung, die 
    Gefahrsituation. Dann folgen die weiteren Ver-
    schiebungen von der Gefahr auf die Bedingung 
    der Gefahr, den Objektverlust, und dessen schon 
    erwähnte Modifikationen.

    Die „Verwöhnung“ des kleinen Kindes hat die uner-
    wünschte Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes 
    – das Objekt als Schutz gegen alle Gefahren Situationen der Hilf-
    losigkeit – gegen alle anderen Gefahren über-
    steigert wird. Sie begünstigt also die Zurückhalt-
    ung in der Kindheit, der die motorische wie 
    die psychische Hilflosigkeit eigen ist.

    Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die Realangst 
    anders zu betrachten als die neurotische Angst. Wir 
    kennen den Unterschied; die Realgefahr droht 
    von einem äußeren Objekt, die neurotische von 
    einem Triebanspruch. Insoferne dieser Triebanspruch 
    etwas Reales ist, kann auch durch die neurotische 
    Angst als real begründet anerkannt werden. 
    Wir haben verstanden, daß der Anschein einer 
    besonders intimen Beziehung zwischen Angst 
    und Neurose sich auf die Tatsache zurückführt, 
    daß das Ich sich a¿ mit Hilfe der Angstreaktion 
    der Triebgefahr ebenso erwehrt wie der 
    äußeren Realgefahr, daß aber diese Richtung 
    der Abwehrtätigkeit infolge einer Unvoll-
    kom̄enheit des seelischen Apparats in die 
    Neurose ausläuft. Wir haben auch die Über-
    zeugung gewonnen, daß der Triebanspruch 
    oft nur darum zur (inneren) Gefahr wird, weil 
    seine Befriedigung eine äußere Gefahr herbei-
    führen würde, also weil diese innere Gefahr 
    eine äußere repraesentirt.

    Anderseits muß auch die äußere (Real‑)Gefahr 
    eine Verinnerlichung gefunden haben, wenn 
    sie für das Ich bedeutsam werden soll; sie 
    muß in ihrer Beziehung zu einer erlebten 
    Situation von Hilflosigkeit erkannt werden.x) 
    Eine instinktive Erkenntnis von außen drohender 
    Gefahren scheint dem Menschen nicht oder 
    nur in sehr bescheidenem Ausmaß mitgegeben 
    worden zu sein. Kleine Kinder thun unauf-
    hörlich Dinge, die sie in Lebensgefahr bringen 
    und können gerade darum das schützende 
    Objekt nicht entbehren. In der Beziehung 
    zur traumatischen Situation, gegen die man 
    hilflos ist, treffen äußere und innere Gefahr,

     

  • S.

    69a

    x) Es mag auch oft genug vorkom̄en, daß in einer 
    Gefahrsituation, die als solche richtig erkannt geschätzt 
    wird, zur Realangst ein Stück Triebangst 
    hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen 
    Befriedigung das Ich zurückschreckt, wäre dann 
    der masochistische, der gegen die eigene Person 
    gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht er-
    klärt diese Zutat den Fall, daß die Angst-
    reaktion übermäßig und unzweckmäßig, 
    lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster, 
    Turm, Abgrund) könnten diese Herkunft 
    haben; ihre geheime feminine Bedeutung 
    steht dem Masochismus nahe.

  • S.

    70

    Realgefahr und Triebanspruch zusam̄en. Mag das 
    Ich in dem einen Falle einen Schmerz, der 
    nicht aufhören will, erleben, im anderen Falle 
    eine Bedürfnisstauung, die keine Befriedigung 
    finden kann, die oekonomische Situation 
    ist für beide Fälle die nämliche und die 
    motorische Hilflosigkeit findet in der psychischen 
    Hilflosigkeit ihren Ausdruck.

    Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit 
    verdienen an dieser Stelle nochmalige Erwähn-
    ung. Die einen von ihnen – Alleinsein, Dunkelheit, 
    fremde Personen – konnten wir als Reaktionen 
    auf die Gefahr des Objektverlusts verstehen; 
    für andere – kleine Thiere, Gewitter udgl – bietet 
    sich vielleicht die Auskunft, sie seien die 
    verkümmerten Reste einer kongenitalen 
    Vorbereitung auf die Realgefahren, die bei 
    anderen Thieren so deutlich ausgebildet ist. Für 
    den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil 
    dieser archaischen Erbschaft, der sich auf den 
    Objektverlust bezieht. Wenn solche Kinderphobien 
    sich fixiren, stärker werden und bis in 
    späte Lebensjahre anhalten, weist die Analyse 
    nach, daß ihr Inhalt sich mit Triebansprüchen in 
    Verbindung gesetzt hat, zur Vertretung 
    auch innerer Gefahren geworden ist.

    С. Angst, Schmerz und Trauer.

    Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so 
    wenig vor, daß die nachstehenden schüchternen 
    Bemerkungen auf die nachsichtigste Beurteil-
    ung Anspruch erheben dürfen. 
    An folgender Stelle erhebt sich für uns das 
    Problem. Wir mußten sagen, die Angst 
    werde zur Reaktion auf die Gefahr des 
    Objektverlustes. Nun kennen wir bereits 
    eine solche Reaktion auf den Objektver-
    lust es ist die Trauer. Also wann kom̄t 
    es zur einen, wann zur anderen? An der 
    Trauer, mit der wir uns bereits früher beschäftigt 
    haben,x) blieb ein Zug völlig unverstanden, 
    ihre besondere Schmerzlichkeit. Daß die 
    Trennung vom Objekt schmerzlich ist, erscheint 
    uns trotzdem selbstverständlich. Also kom-
    plizirt sich das Problem weiter: Wann 
    macht die Trennung vom Objekt Angst, 
    wann Trauer und wann vielleicht 
    nur Schmerz?

    x)S. Trauer und Melancholie Ges. Schriften, Bd. V.

  • S.

    71

    Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vor-
    handen, Antworten auf diese Fragen zu 
    geben. Wir werden uns dabei bescheiden, 
    einige Abgrenzungen und einige Andeut-
    ungen zu finden.

    Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine Situation,
    die wir zu verstehen glauben, die des Säuglings, 
    der anstatt seiner Mutter eine fremde Person 
    erblickt. Er zeigt dann die Angst, die wir auf 
    die Gefahr des Objektverlusts gedeutet haben. 
    Aber sie ist wol komplizirter und verdient 
    eine eingehendere Diskussion. An der Angst 
    des Säuglings ist wol kein Zweifel, aber Gesichts-
    ausdruck und die um Reaktion des Weinens 
    lassen annehmen, daß er außerdem noch 
    Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges 
    zusam̄enfließt, was später gesondert werden 
    wird. Er kann das zeitweilige Vermissen und 
    den dauernden Verlust noch nicht unter-
    scheiden; wenn er die Mutter das eine Mal 
    nicht zu Gesicht bekom̄en hat, benim̄t er sich 
    so, als ob er sie nie wieder sehen sollte, 
    und es bedarf wiederholter tröstlicher Erfahr-
    ungen, bis er gelernt hat, daß auf ein solches 
    Verschwinden der Mutter ihr Wiedererscheinen 
    zu folgen pflegt. Die Mutter reift diese 
    für ihn so wichtige Erkenntnis, indem sie 
    das bekannte Spiel mit ihm aufführt, sich 
    vor ihm das Gesicht zu verdecken und zu 
    seiner Freude wieder zu enthüllen. Er 
    kann dann sozusagen Sehnsucht empfinden, 
    die nicht von Verzweiflung begleitet 
    ist.

    Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist 
    infolge seines Mißverständnißes für ihn keine 
    Gefahrsituation, sondern eine traumatische, oder 
    richtiger, sie ist eine traumatische, wenn er 
    in diesem Moment ein Bedürfnis verspürt, 
    das die Mutter befriedigen soll; sie wandelt 
    sich zur Gefahrsituation, wenn dies Bedürf-
    nis nicht aktuell ist. Die erste Angstbedingung, 
    die das Ich selbst einfihrt, ist also die des 
    Wahrnehmungsverlustes, die der des Objekt-
    verlustes gleichgestellt wird. Ein Liebesverlust 
    kom̄t noch nicht in Betracht. Später lehrt 
    die Erfahrung, daß das An Objekt vorhanden 
    bleiben, aber auf das Kind böse geworden 
    sein kann, und nun wird der Verlust 
    der Liebe von seiten des Objekts zur 
    neuen, weit beständigeren, Gefahr und 
    Angstbedingung.

    Die traumatische Situation des Vermissens 
    der Mutter weicht in einem entscheidenden 
    Punkte von der traumatischen Situation 
    der Geburt ab. Damals war kein Objekt 

  • S.

    72

    vorhanden, das vermißt werden konnte. Die 
    Angst blieb die einzige Reaktion, die zu 
    Stande kam. Seither haben wiederholte Befried-
    igungssituationen das Objekt der Mutter 
    geschaffen, das nun im Falle des Bedürf-
    nisses eine intensive, sehnsüchtig zu nen̄-
    ende Besetzung erfährt. Auf diese Neuer-
    ung ist die Reaktion des Schmerzes zu 
    beziehen. Der Schmerz ist also die eigentliche 
    Reaktion auf den Objektverlust, die 
    Angst die auf die Gefahr, welche dieser 
    Verlust mit sich bringt, in weiterer Ver-
    schiebung auf die Gefahr des Objektverlustes 
    selbst.

    Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den 
    einzig sicheren Inhalt gibt die Tatsache, daß 
    der Schmerz – zunächst und in der Regel – 
    entsteht, wenn ein an der Peripherie 
    angreifender Reiz die Vorrichtungen 
    des Reizschutzes durchbricht und nun wie 
    ein kontinuirlicher Triebreiz wirkt, 
    gegen den die sonst wirksamen Muskel-
    aktionen, welche das die gereizte Stelle dem 
    Reiz entziehen, ohnmächtig bleiben. Wenn 
    der Schmerz nicht von einer Hautstelle, sondern 
    von einem inneren Organ ausgeht, so ändert 
    das nichts an der Situation; es ist nur 
    ein Stück der inneren Peripherie 
    an die Stelle der äußeren getreten.
    Das Kind hat 
    offenbar Gelegenheit, solche Schmerzerlebniße 
    zu machen, die unabhängig von seinen 
    Bedürfniserlebnißen sind. 
    Diese Entstehungsbedingung des Schmerzes scheint 
    aber sehr wenig Ähnlichkeit mit einem 
    Objektverlust zu haben, auch ist das für den 
    Schmerz wesentliche Moment der peripher-
    ischen Reizung in der Sehnsuchtssituation des 
    Kindes völlig entfallen. Und doch kann 
    es nicht sinnlos sein, daß die Sprache den 
    Begriff des inneren, des seelischen Schmerzes 
    geschaffen hat und die Empfindungen des 
    Objektverlusts durchaus dem körperlichen 
    Schmerz gleichstellt.

    Beim körperlichen Schmerz entsteht eine 
    hohe, narzißtisch zu nennende Besetzung 
    der schmerzenden Körperstelle, die im̄er 
    mehr zunim̄t und sozusagen entleerend 
    auf das Ich wirkt. Es ist bekannt, daß 
    wir, bei Schmerzen in inneren Organen 
    räumliche und andere Vorstellungen von 
    solchen Körperteilen bekomm̄en, die sonst 
    im bewußten Vorstellen gar nicht ver-
    treten sind. Auch die merkwürdige 
    Tatsache, daß die intensivsten Körperschmerzen 

  • S.

    73

    bei psychischer Ablenkung durch ein anders-
    artiges Interesse nicht zustande kom̄en, (man 
    darf hier nicht sagen; unbewußt bleiben) 
    findet in der Tatsache der Konzentration 
    der Besetzung auf die psychische Repraesentanz 
    der schmerzenden Körperstelle ihre Erklärung. 
    Nun scheint in diesem Punkt die Analogie 
    zu liegen, die die Übertragung der Schmerz-
    empfindung auf das seelische Gebiet gestattet 
    hat. Die intensive, infolge ihrer Unstillbarkeit 
    stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung des 
    vermißten (verlorenen) Objektes schafft die-
    selben oekonomischen Bedingungen wie die 
    Schmerzbesetzung der verletzten 
    Körperstelle und macht es möglich, von der 
    peripherischen Bedingtheit des Körperschmerzes 
    abzusehen! Der Übergang vom Körperschmerz 
    zum Seelenschmerz entspricht dem Wandel 
    von narzißtischer zur Objektbesetzung. Die 
    hochbesetzte vom Bedürfnis hochbesetzte Ob-
    jektvorstellung spielt die Rolle der von 
    dem Reizzuwachs besetzten Körperstelle. Die 
    Kontinuität und Unhem̄barkeit des Besetzungs-
    vorganges bringen den gleichen Zustand der 
    psychischen Hilflosigkeit hervor. Wenn die 
    dann entstehende Unlustempfindung den 
    spezifischen, nicht näher zu beschreibenden 
    Charakter des Schmerzes träg, anstatt sich in 
    der Reaktionsform der Angst zu äußern, 
    so liegt es nahe, dafür ein Moment verant-
    wortlich zu machen, das sonst von der Er-
    klärung noch zu wenig in Anspruch ge-
    nom̄en wurde, das hohe Niveau der Be-
    setzungs‑ und Bindungsverhältniße, auf 
    dem sich diese zur Unlustempfindung 
    führenden Vorgänge vollziehen.

    Wir kennen noch eine andere Gefülsreaktion 
    auf den Objektvorsverlust, die Trauer. Ihre Er-
    klärung bereitet aber keine Schwierigkeiten 
    mehr. Die Trauer entsteht unter dem Einfluß 
    der Realitätsprüfung, die kategorisch verlangt, 
    daß man sich von dem Objekt trennen 
    müße, weil es nicht mehr besteht. Sie hat nun 
    die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Ob-
    jekt in all den Situationen durchzuführen, 
    in denen das Objekt Gegenstand hoher Be-
    setzung war. Der schmerzliche Charakter dieser 
    Trennung fügt sich dann der eben gegebenen 
    Erklärung durch die hohe und unerfüllbare 
    Sehnsuchtsbesetzung des Objekts während 
    der Reproduktion der Situationen, in 
    denen die Bindung an das Objekt 
    gelöst werden soll.