Die Traumdeutung1900-001/1921
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    Traum und Mythus.

    „Der Traum bringt uns in ferne Zustände
    der menschlichen Kultur wieder zurück und gibt
    ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen.“
    Nietzsche.

    Die Bedeutung des Traumes für die Mythen-
    bildung ist von den Forschern seit langem erkannt und anerkannt.
    Namhafte Mythologen wie Laistner, Mannhardt, Roscher und
    neuestens wieder Wundt haben die Bedeutung des Traumlebens,
    namentlich des Angsttraumes, für das Verständnis einzelner Mythen-
    oder wenigstens Motivgruppen eingehend gewürdigt. Insbesondere
    der Alptraum, mit seinen zahlreichen Beziehungen zu mythologischen
    Motiven, bot hiezu am ehesten Anlaß und einzelne seiner Elemente,
    wie die Bewegungshemmung, der Namensanruf (Schrei), die Frage-
    pein u. a. scheinen tatsächlich ihren Niederschlag in den entsprechen-
    den mythischen Erzählungen gefunden zu haben. Anderseits hat die
    Einseitigkeit dieser Betrachtungsweise und ihre Beschränkung auf ein
    einzelnes Traumphänomen spätere Autoren angeregt, dem Einfluß des
    Traumlebens auf die Volksschöpfungen weiter nachzuspüren. Friedrich
    von der Leyen, der bald nach Erscheinen der „Traumdeutung“ die
    Wichtigkeit der psychoanalytischen Ergebnisse für die Märchenfor-
    schung betonte, hat in seiner späteren ausführlichen Publikation wohl
    auch andere Typen von Träumen herangezogen, sich aber leider auf
    die Hervorhebung der im manifesten Inhalt zu Tage liegenden Ana-
    logien beschränkt.

    So interessant diese Parallelisierungen auch sind, vermögen sie
    doch nicht der Bedeutung des Traumlebens für die Mythenbildung
    gerecht zu werden. Die Annahme einer Verwendung einzelner auf-
    fälliger Traumerlebnisse im Zusammenhange märchenhafter Erzählun-
    gen kann unmöglich das Problem erschöpfen. Auch hier hat die
    psychoanalytische Forschung allmählich über die Deskription hinaus
    zu den gemeinsamen unbewußten Triebkräften der Traum- und Mythen-
    produktion geführt.

    An einer Reihe von Beispielen hat Riklin gezeigt, daß
    „Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen“ sich den analytisch
    erkannten Traumgesetzen fügen; Jones vermochte die mythologische
    Alptraumtheorie dadurch zu stützen, aber auch zu vertiefen und zu
    bereichern, daß er den latenten Inhalt dieser sonderbaren nächtlichen
    Erlebnisse zur Aufklärung gewisser Formen des mittelalterlichen
    Aberglaubens verwertete (Hexen- und Teufelsglauben, Wehrwolf,
    Vampyr usw.); Abraham unternahm eine gelungene Deutung der

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    Prometheus-Sage, indem er nachwies, daß die Regeln der analyti-
    schen Traumlehre auf die Gebilde der Völkerphantasie erfolgreich an-
    wendbar seien; und Rank konnte den Wert der psychoanalytischen
    Mythendeutung an der vielumstrittenen Symbolik erproben, die sich
    gerade hier einwandfrei bewährte. Es zeigte sich, daß im „Mythos
    von der Geburt des Helden“ die Aussetzung des Neugeborenen im
    Kästchen und Wasser ein symbolischer und tendenziös entstellter
    Ausdruck des Geburtsvorganges war wie in den bereits besprochenen
    Geburtsträumen. So lag es nahe, viele scheinbar individuelle Traum-
    symbole völkerpsychologisch zu fundieren, wie anderseits die aus dem
    Traume bekannten Bedeutungen zur Aufklärung mythischer Über-
    lieferungen zu verwenden. Zugleich wurde aber auf diesem Wege
    ein vertieftes Verständnis mancher kulturgeschichtlicher Tatsachen
    angebahnt, denn häufig erwies sich das Symbol als Niederschlag einer
    ursprünglich real genommenen Identität.

    Diese mannigfachen Beziehungen der Symbolik zu Traum,
    Mythos und Kulturgeschichte seien an einem Beispiel, das für meh-
    rere stehe, erläutert. Wenn wir heute das Feuer in einem Traume
    als Symbol der Liebe verwendet finden, so lehrt das Studium der
    Kulturgeschichte, daß diesem fast zur Allegorie herabgesunkenen
    Bilde ursprünglich eine reale, für die Entwicklung der Menschheit
    ungeheure Bedeutung zukam. Das Feuererzeugen hat tatsächlich ein-
    mal den Sexualakt selbst vertreten, d. h. es war mit den gleichen
    libidinösen Energien und den zugehörigen Vorstellungen besetzt wie
    dieser. Ein geradezu klassisches Beispiel dafür bietet die Feuer-
    erzeugung in Indien, die dort unter dem Bilde der Begattung vor-
    gestellt wird. Im Rigveda (III 29, 1) heißt es:

    „Dies ist das Quirlholz; das Zeugende (das männliche Reib-
    holz) ist zubereitet! Bring die Stammesherrin (das weibliche Reib-
    holz) herbei; den Agni wollen wir quirln nach alter Art. In den
    beiden Reibhölzern ruht der Wesenkenner (Agni) gleich der Leibes-
    frucht, die schön hineingesetzt ist in die schwangeren Frauen. ...
    In sie, die die Beine ausgespreizt hat, fährt als ein Kundiger ein
    (das männliche Holz)*.“

    Wenn der Inder Feuer entzündet, dann
    spricht er ein heiliges Gebet, welches auf eine Mythe Bezug nimmt.
    Er ergreift ein Stück Holz mit den Worten: „Du bist des Feuers
    Geburtsort“, legt darauf zwei Grashalme. „Ihr seid die beiden
    Hoden“, darauf ergreift er das unten liegende Holz: „Du bist Ur-
    vaci“. Darauf salbt er das Holz mit Butter und sagt dabei: „Du bist
    Kraft“, stellt es dann auf das liegende Holz und sagt dazu: „Du bist
    Pururavas“ usw. Er faßt also das liegende Holz mit seiner kleinen
    Höhlung als die Repräsentantin der empfangenden Göttin und das
    stehende Holz als das Geschlechtsglied des begattenden Gottes auf.
    Über die Verbreitung dieser Vorstellung sagt der bekannte Ethnologe
    Leo Frobenius**: „Das Feuerquirlen, wie es bei den meisten
    Völkern zu finden ist, repräsentiert also bei den alten Indern den
    Geschlechtsakt. Es sei mir erlaubt, gleich darauf hinzuweisen, daß

    *Nach L. v. Schröders Übers. in „Mysterium und Mimus im Rigveda“,
    p. 260.

    **„Das Zeitalter des Sonnengottes“, Berlin 1904, p. 338 f.

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    die alten Inder mit dieser Auffassung nicht allein dastehen. Die
    Südafrikaner haben nämlich dieselbe Anschauung. Das liegende Holz
    heißt bei ihnen ,weibliche Scham‘, das stehende ,das Männliche‘.
    Schinz hat dies seinerzeit für einige Stämme erklärt und seitdem
    ist die weite Verbreitung dieser Anschauung in Südafrika, und zwar
    besonders bei den im Osten wohnenden Stämmen aufgefunden worden.“
    Noch deutliche Hinweise auf die sexualsymbolische Bedeutung
    des Feuerzündens finden wir in dem Feuerraubmythus des Prometheus,
    dessen sexualsymbolische Grundlage der Mythologe Kuhn (1859)
    erkannt hat. Wie die Prometheus-Sage bringen auch andere Über-
    lieferungen die Zeugung mit dem himmlischen Feuer, dem Blitz, in
    Zusammenhang. So äußert O. Gruppe* über die Sage von Semele,
    aus deren brennendem Leib Dionysos geboren wird, sie sei „wahr-
    scheinlich einer der in Griechenland sehr spärlichen Reste des alten
    Legendentypus, der sich auf die Entflammung des Opferfeuers be-
    zog“, und ihr Name habe „vielleicht ursprünglich die ,Tafel‘ oder
    den ,Tisch‘, das untere Reibholz (vgl. Hesych. σεμέλη τράπεζα)
    bezeichnet. . . . In dem weichen Holz des letzteren entzündet sich
    der Funke, bei dessen Geburt die ,Mutter‘ verbrennt“. – Noch in
    der mythisch ausgeschmückten Geburtsgeschichte des Großen Alex-
    ander heißt es, daß seine Mutter Olympias in der Nacht vor der
    Hochzeit träumte, es umtose sie ein mächtiges Gewitter und der
    Blitz fahre flammend in ihren Schoß, daraus dann ein wildes
    Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen ver-
    schwinde**. (Droysen: Gesch. Alex. d. Gr., p. 69.) Hieher gehört
    ferner die berühmte Fabel vom Zauberer Virgil, der sich an einer
    spröden Schönen dadurch rächt, daß er alle Feuer der Stadt ver-
    löschen und die Bürger ihr neues Feuer nur am Genitale der nackt
    zur Schau gestellten Frau entzünden läßt; diesem Gebot der Feuer-
    zündung stehen andere Überlieferungen im Sinne der Prometheus-
    Sage als Verbot derselben gegenüber, wie das Märchen von Amor und
    Psyche, das der neugierigen Gattin verbietet, den nächtlichen Lieb-
    haber durch Lichttanzünden zu verscheuchen, oder die Erzählung
    von Periander, den seine Mutter unter der gleichen Bedingung all-
    nächtlich als unerkannte Geliebte besuchte.

    Entsprechend dem unteren Reibholz gilt dann jede Feuerstätte,
    Altar, Herd, Ofen, Lampe usw., als weibliches Symbol. So diente
    beispielsweise bei der Satansmesse als Altar das Genitale eines ent-
    blößt daliegenden Weibes. Dem griechischen Periander wird nach
    Herodot (V, 92) von seiner verstorbenen Gattin Melissa eine Weis-
    sagung zu teil mit der Bekräftigung, er habe „das Brot in einen kalten
    Ofen geschoben“, was ihm ein sicheres Wahrzeichen war, „da er den
    Leichnam der Melissa beschlafen“.

    Hieher gehören neben den zahlreichen auf das Feuer bezüg-
    lichen Hochzeitsbräuchen auch die im Folk-lore weitverbreiteten
    Schwankerzählungen vom Lebenslicht, welche die gleiche Symbolik


    *Griech. Mythol. u. Relig. Gesch. Bd. II (München 1906), p. 1415 ff.

    **Ähnlich träumt die mit Paris schwangere Hekuba, sie bringe ein bren-
    nendes Scheit zur Welt, das die ganze Stadt in Brand setze. (Vgl. dazu die Legende
    vom Brand des Tempels von Ephesus in der Geburtsnacht Alexanders.)

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    in Form einer Traumeinkleidung offen verwerten. Einem Manne
    träumt, daß ihm der heilige Petrus im Himmel sein und seines Weibes
    Lebenslicht zeige. Da in dem seinen nur noch wenig Öl vorhanden
    ist, versucht er mit dem Finger aus seines Weibes Hängelampe Öl
    in seine einzutröpfeln. So tat er es mehrmals und sobald der heilige
    Petrus nahte, fuhr er zusammen, erschrak und erwachte davon;
    da merkte er, daß er den Finger in den Geschlechtsteil seines Weibes
    gesteckt und leckend in seinen Mund den Finger abgeträufelt habe.
    (Anthropophyteia, Bd. VII, p. 255 f.) Gleiche Kenntnis und Ver-
    wertung dieser Sexualsymbolik verrät die Anekdote, nach der der
    Pfarrer einem Mädchen ihr Genitale als „das Licht des Lebens“ be-
    zeichnet. „Ach, jetzt versteh’ ich,“ sagt sie, „warum mein Schatz heut
    morgen sein’ Docht ’neingesteckt hat.“ (Anthrop. VII, p. 310, und
    eine Variante ebenda, p. 323.) Umgekehrt sagt in den „Contes dro-
    latiques“ Balzacs, die Geliebte des Königs, um den zudringlichen
    Pfaffen zurückzuweisen: „Das Ding, das der König liebt, bedarf
    noch nicht der letzten Ölung.“

    Die sexuelle Bedeutung greift allmählich auf alles über, was
    mit dem ursprünglichen Symbol in Beziehung tritt. Die Esse, durch
    die auch der Storch das Kind fallen läßt, wird zum weiblichen, der
    Schornsteinfeger zum phallischen Symbol*, wie man noch an seiner
    jetzigen Glücksbedeutung erkennt; denn die meisten unserer Glücks-
    symbole waren ursprünglich Fruchtbarkeitssymbole, wie das Huf-
    eisen (Roßtrappe), das Kleeblatt, die Alraune u. a. m. Selbst unsere
    heutige Sprache hat noch vieles von der Feuersymbolik bewahrt: wir
    sprechen vom „Lebenslicht“, vom „Erglühen“ in Liebe, vom „Feuer-
    fangen“ im Sinne von Verlieben und bezeichnen die Geliebte als
    „Flamme“.

    In ähnlicher Weise lassen sich auch andere Symbole durch
    verschiedene Schichten ihrer Verwendung und ihres Verständnisses
    hindurch verfolgen**:

    Ein für das Verständnis der Träume wie der Mythen und Mär-
    chen besonders bedeutsames Symbol ist die Darstellung der Eltern als
    kaiserliche oder sonst hochstehende Personen. Die den ehrgeizigen
    Phantasien des Individuums dienenden Tagträume von einem „Fa-
    milienroman“ haben das Verständnis der gleichlautenden Massen-
    phantasien ganzer Völker ermöglicht und uns gelehrt, in den dem
    Helden feindlich gegenübergestellten Machtpersonen Personifikationen
    des Vaters, in den ihm von diesen vorenthaltenen Frauen Images
    der Mutter zu erkennen. Der König und die Königin, von denen fast
    jedes Märchen zu erzählen weiß, verleugnen ihren elterlichen Cha-
    rakter selten und auch der Heldenmythos bedient sich des gleichen
    Darstellungsmittels, um die den Eltern geltenden ambivalenten Re-
    gungen vorwurfslos ausleben zu können.


    *Der Bergenser Schornsteinfeger singt:
    Morgen, ganz zuerst ich kehre
    Der Priorin die Röhre. (Anthrop. VI.)

    **Vgl. Rank und Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geistes-
    wissenschaften, p. 15 f., über die Symbolik des Ackerns. Dazu das schöne Buch
    von Dieterich „Mutter Erde“ (2. Aufl. 1913).

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    Als Beispiel sei hier ein ungeheuer verbreitetes Märchen an-
    geführt, in dem ein die ganze Geschichte begründen-
    der Traum viel-
    leicht auf die Beziehung dieser Erzählung zu einem typischen Traum-
    stoff hinweist. Das Märchen, dessen Parallelen Th. Benfey (Kl.
    Schr. III) über die ganze Erde verfolgt hat, beginnt damit, daß der
    Sohn träumt, er werde vornehmer werden als sein Vater,
    nämlich Kaiser. Er wird nun hochmütig und widersetzlich, so daß
    der Vater, dem er den Grund (nämlich seinen Traum) nicht verraten
    will, ihn prügelt und aus dem Hause jagt. Er kommt nun an den
    Hof des Kaisers, dem er gleichfalls sein Geheimnis (den Traum) nicht
    verraten will, wofür er eingesperrt und zum Hungertode verurteilt
    wird. Es gelingt ihm aber, ein Loch in die Mauer seines Kerkers zu
    machen und so allnächtlich mit der Königstochter in Verbindung zu
    treten, die sich in ihn verliebt und ihn speist. Durch Erraten schwie-
    riger Rätsel oder durch Lösen schwerer Aufgaben (Speerwerfen usw.)
    vermag er schließlich die Hand der Königstochter wirklich zu ge-
    winnen, ihren Vater zu beseitigen (töten) und dessen Erbe anzutreten.
    Dieser kurze Auszug, der nur die häufigste Variante der weitverzweig-
    ten Fabel wiedergibt, zeigt doch zur Genüge, daß es sich um den
    bekannten Familienroman des Ehrgeizigen handelt, der seinen Vater
    (in der Phantasie) zum Kaiser erhöht und ihn dann beseitigt, um
    seine Stelle einzunehmen. Mit dieser Stelle ist, wie die psycho-
    analytische Untersuchung der individuellen und mythischen Phan-
    tasiebildung ergeben hat, im tiefsten Grunde der Besitz der Mutter
    gemeint*, die hier durch eine Schwesterfigur (die Tochter des Königs)
    ersetzt ist. Ihre mütterliche Bedeutung ist aber noch voll erhalten
    in ihrer Rolle als Ernährerin, die aus dem zum Familienroman ge-
    hörigen Aussetzungsmythus stammt. Das vornehme Milieu ist nichts
    als eine den Größenideen dienende Entstellung der eigenen Familie
    und die Spaltung der Personen, die in manchen Fassungen noch
    weiter geht, dient der vorwurfsfreien Befriedigung aller den Eltern
    geltenden Leidenschaften.

    Daß tatsächlich der in der Sprache des Unbewußten (Kaiser)
    dargestellte Konflikt mit dem Vater um den Besitz der Mutter dieser
    Märchengruppe zu Grunde liegt, zeigt eine von Benfey (p. 188) an-
    geführte griechische Version, welche die Geschichte dem Äsop zu-
    schreibt. Dieser hatte seinen Adoptivsohn Ainos mit dem Tode be-
    droht, da er eine von des Königs (= Vaters) Kebsweibern verführt
    hatte. Um sich zu retten und beim König in Gunst zu setzen, fälscht
    Ainos einen angeblich von Äsop verfaßten hochverräterischen Brief,
    auf Grund dessen Äsop in den Kerker geworfen und von Lycurg zum
    Tode verurteilt wird. Sein Freund, der Henker, rettet ihn aber und
    ernährt ihn heimlich in einem der Gräber. Als aber der König später
    Äsops Fähigkeit, schwere Aufgaben durch List zu lösen, gegen den
    Ägypterkönig ins Treffen führen will, bereut er die rasche Ver-
    urteilung. Äsop wird zur Stelle geschafft, hilft seinem Herrn gegen

    * In einer ausführlichen Analyse dieser Märchengruppe ließe sich leicht
    zeigen, daß die Proben körperlicher Kraft, die der Held ablegt (Speerwerfen, un-
    geheure Mengen essen und trinken, schneller als der Vogel laufen) die eigene
    Potenz gegenüber der väterlichen herausstreichen sollen.

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    den Ägypterkönig und wird wieder in seine frühere Stellung eingesetzt,
    die inzwischen sein Sohn eingenommen hatte. Dieser erhängt
    sich. Hier ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn, den das Mär-
    chen auf Grund des Familienromans in das königliche Milieu verlegt,
    wieder auf den bürgerlichen Boden der eigenen Familie zurückver-
    setzt und direkt ausgesprochen, daß der Sohn eine von des Königs
    Kebsweibern (nicht seine Tochter) erobert.
    Den gleichen Vaterkonflikt innerhalb des königlichen Milieus zeigt
    noch das stofflich nahestehende Drama Calderons: „Das Leben ein
    Traum“. Da träumt die Mutter vor der Geburt des Sohnes, dieser werde
    einst seinen Fuß auf den Nacken des Vaters setzen. Als sie bei der
    Geburt stirbt, wird der Sohn in einen einsamen Turm (Gefängnis)
    gebracht, wo er niemand sieht als Clotald, der ihm Speise und Trank
    bringt (Ernährung). Später bereut der König doch diese strenge Maß-
    regel und will einen Versuch machen, der entscheiden soll, ob sich
    sein Sohn zum Thronerben eigne. Er bekommt einen Schlaftrunk
    und wird so ins Schloß gebracht, wo ihm – als er erwacht ist –
    als Erben von Polens Krone gehuldigt wird. Aber er macht sich durch
    sein rohes, wütendes Benehmen unmöglich und wird – wieder im
    Schlaf – in seinen Turm zurückgebracht. Dort erwacht er aus einem
    Traum, indem er murmelt: Clotald soll sterben und mein Vater vor
    mir knien. Clotald stellt ihm sein ganzes Erlebnis als einen Traum
    dar, worauf er in sich geht, seine wilden Sitten ablegt und vom
    Volk zum König ausgerufen wird. Sein Vater kniet schließlich wirk-
    lich vor ihm, aber der Sohn zeigt sich milde und nachsichtig gegen
    ihn. So zeigen die Träume, welche diese Erzählungen einleiten, schein-
    bar eine ferne unerwartete Zukunft prophetisch an, während sie in
    Wirklichkeit nur symbolische Ausdrücke (Kaiser) jener Regungen des
    Ödipus-Komplexes sind, die auch im realen Leben zu Erfolg, Macht,
    Ansehen und Besitzergreifung eines hochstehenden Sexualobjektes
    führen können. Der Traum aber lehrt uns, daß alle diese Regungen
    und Phantasien eigentlich den Eltern gelten (Vater).
    Auch hier zeigt die Kulturhistorie die ursprünglich reale Be-
    deutung der später nur noch im Symbol fortlebenden Beziehung darin,
    daß der Vater in primitiven Verhältnissen seiner „Familie“ gegenüber
    wirklich mit den höchsten Machtvollkommenheiten ausgestattet war
    und über Leib und Leben der „Untertanen“ verfügen konnte. Über
    den Ursprung des Königtums aus dem Patriarchat in der Familie
    äußert der Sprachforscher Max Müller: „Als die Familie im
    Staate aufzugehen begann, da wurde der König inmitten seines Volkes
    das, was der Gemahl und Vater im Hause gewesen war: der Herr,
    der starke Schützer“.* Unter den mannigfachen Bezeichnungen für
    König und Königin im Sanskrit ist eine einfach: Vater und Mutter.
    Ganaka im Sanskrit bedeutet Vater, von GAN, zeugen; es kommt auch
    als Name eines wohlbekannten Königs im Veda vor. Dies ist das
    altdeutsche chuning, englisch king. Mutter im Sanskrit ist gani

    *Vater ist von einer Wurzel PA abgeleitet, welche nicht zeugen, sondern
    beschützen, unterhalten, ernähren bedeutet. Der Vater als Erzeuger hieß im
    Sanskrit ganitar (genitor). Max Müller: Essays, II. Bd., Leipzig 1869, deutsche
    Ausg., p. 20.

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    oder ganz das griechische γυνή, gotisch quinô, slawisch žena, eng-
    lisch queen. Königin also bedeutet ursprünglich Mutter oder Herrin
    und wir sehen wiederum, wie die Sprache des Familienlebens all-
    mählich zur politischen Sprache des ältesten arischen Staates er-
    wuchs, wie die Brüderschaft der Familie die φρατρία des Staates
    wurde.“ – Auch heute noch ist diese Auffassung des königlichen
    Herrschers und der göttlichen und geistlichen Oberhoheit als Vater im
    Sprachgebrauch lebendig. Kleinere Staaten, in denen die Beziehungen
    des Fürsten zu seinen Untertanen noch engere sind, nennen ihren
    Herrscher „Landesvater“; selbst für die Völker des mächtigen Russen-
    reiches ist ihr Kaiser das „Väterchen“, wie seinerzeit für das gewaltige
    Hunnenvolk ihr Attila (Diminutiv von got. atta = Vater). Das herr-
    schende Oberhaupt der katholischen Kirche wird als Vertreter Gott-
    es auf Erden von den Gläubigen „heiliger Vater“ genannt und
    führt im Lateinischen den Namen „Papa“ (Papst), mit dem auch
    unsere Kinder noch den Vater bezeichnen.

    Aber auch eine weitere kulturgeschichtliche Entwicklungsphase
    des Vaterverhältnisses hat in einer ungeheuer verbreiteten und weit-
    läufigen Märchengruppe Niederschlag gefunden. Wie sich im indi-
    vidueller Seelenleben die dem Vater geltenden, stark verpönten Eifer-
    suchtsregungen bald gegen den Bruder als Konkurrenten um die Liebe
    der Mutter wenden, so zeigen die sogenannten Brüder-
    märchen als deren bekanntesten Typus wir das Grimm’sche Märchen (Nr. 60)
    nennen*), die Ersetzung des Vaters durch den Bruder mit aller Deut-
    lichkeit. Die vergleichende Märchenforschung in Verbindung mit der
    psychoanalytischen Betrachtungsweise ermöglicht es, von den stark
    entstellten Fassungen, in denen der Bruder als Rächer des Bruders
    auftritt, eine geschlossene Kette von Verbindungsgliedern zu weniger
    entstellten Versionen aufzudecken, in denen der Bruder den Bruder
    beseitigt, um dessen Weib zu erringen. Dabei ergibt sich, daß der
    ältere Bruder am jüngeren Vaterstelle vertritt und die sexuelle Natur
    der Rivalität kann über jeden Zweifel sichergestellt werden durch
    eine Gruppe von Überlieferungen**), welche die Kastration des Kon-
    kurrenten (andere Male nur symbolisch angedeutet) unverhüllt schildern.

    Die detaillierte Analyse dieser und ähnlicher Überlieferungen läßt
    erkennen, daß nicht alle Mythen ihre eigentliche Bedeutung so un-
    verhüllt verraten wie die naive Ödipus-Fabel, sondern die ihnen zu
    Grunde liegenden anstößigen Wunschregungen erscheinen in ähnlichen
    Entstellungen und symbolischen Verkleidungen wie die Mehrzahl un-
    serer Träume. Wir finden in der Mythenbildung die uns aus dem
    Traumstudium bekannten Mechanismen der Verdichtung, der Affekt-
    verschiebung, der Personifizierung psychischer Regungen und ihrer
    Spaltung oder Vervielfachung, endlich auch die Schichtenbildung wie-
    der und können, was noch wichtiger ist, die Tendenzen aufzeigen, durch


    *)Die Brüdermärchen sind so weit verbreitet und für die Mythenforschung
    so bedeutsam, daß Georg Hüsing sie für den Urtypus aller Mythenbildung er-
    klärt hat. – Hartland hat in einem dreibändigen Werk (The legend of Perseus)
    die Parallelen des Brüdermärchens zusammengestellt.

    **)Die ägyptischen Sagen von Osiris und Bata. Vgl. Näheres bei Rank und
    Sachs l. c. Cap. II.

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    welche diese Mechanismen in Funktion gesetzt werden. Macht man
    auf Grund dieser Kenntnis alle Entstellungen rückgängig, so stößt
    man am Ende auf jene psychische Realität unbewußter Phan-
    tasien, die in den Träumen der heutigen Kulturmenschen so fortleben,
    wie sie einst in objektiver Realität geherrscht haben.
    Die auf dem Verständnis des Traumlebens fußende psycho-
    analytische Mythenforschung geht also über den bloßen Berührungs-
    punkt einer gemeinsamen Symbolik weit hinaus. Sie setzt an Stelle
    der flächenhaften Vergleichung von Traum und Mythus eine gene-
    tische Betrachtungsweise, welche gestattet, die Mythen als die ent-
    stellten Überreste von Wunschphantasien ganzer Nationen, sozusagen
    als die Säkularräume der jungen Menschheit aufzufassen. Wie der
    Traum in individueller Hinsicht, so repräsentiert der Mythus im
    phylogenetischen Sinne ein Stück des untergegangenen Kinderseelen-
    lebens und es ist eine der glänzendsten Bestätigungen der psycho-
    analytischen Betrachtungsweise, daß sie die aus der individualpsycho-
    logisch geschöpfte Erkenntnis des unbewußten Seelenlebens in den my-
    thischen Überlieferungen der Vorzeit vollinhaltlich wiederfindet. Ins-
    besondere der tragende Konflikt des kindlichen Seelenlebens, das
    ambivalente Verhältnis zu den Eltern und zur Familie mit all seinen
    vielseitigen Beziehungen (sexuelle Wißbegierde usw.), hat sich als
    Hauptmotiv der Mythenbildung und als wesentlicher Inhalt der my-
    thischen Überlieferungen erwiesen. Ja, einer der Hauptvertreter der
    astralen Mythendeutung, Eduard Stucken, geht so weit anzuneh-
    men, alle Mythen wären im letzten Grunde Schöpfungsmythen. Diese
    Auffassung würde sich psychoanalytisch reduzieren auf die infan-
    tile, die Geburtsvorgänge betreffende Sexualneugierde und ihre aufs
    Universum projizierten Versuche, zur Erkenntnis zu gelangen. Ins-
    besondere die sogenannten Welttelternmythen, welche die gewalt-
    same Trennung der Ureltern durch den Sohn zum Inhalt haben, scheinen
    sämtliche Urmotive des infantilen Ödipus-Komplexes im weiteren
    Sinne wiederzuspiegeln*.
    Wie weit das Traumleben die Mythenbildung beeinflußt haben
    mag und in welcher Weise die alten Mythenerzähler ihr Verständnis
    des Traumes zu verwerten wußten, zeigt die Tatsache, daß zahlreiche
    in Mythen, Märchen und alter Überlieferung vorkommenden Träume
    oft detailliert in einer Weise ausgelegt werden, die eine verblüffende
    Kenntnis der Symbolik und der wesentlichen Traumgesetze voraus-
    zusetzen scheint.
    Vom Standpunkte der Psychoanalyse kann es gewiß nicht als
    Zufall betrachtet werden, daß die meisten dieser Träume von der
    Sexualsymbolik ausgiebig Gebrauch machen. So wird in der Kyros-
    Sage der Mutter des Helden während ihrer Schwangerschaft ein Traum
    zugeschrieben, worin soviel Wasser von ihr geht, daß es einem großen
    Strome gleich, ganz Asien überschwemmt. Wenn im weiteren Ver-
    lauf der Erzählung die Traumdeuter dieses Gesicht auf die bevor-
    stehende Geburt eines Kindes (und seine künftige Größe) beziehen,

    *Vgl. Rank, Das Inzestmotiv, 1912, IX, 1 und Lorenz in „Imago“ II,
    1913, p. 22 ff.

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    so scheinen sie damit die Einsicht in die psychoanalytisch festge-
    stellte Symbolschichtung zu verraten, nach der solche ihrem mani-
    festen Inhalt nach vesikale Träume bei Frauen oft die symbolisch
    nahestehende Geburtsbedeutung haben können. Übrigens fügen sich auch
    die Sintflutsagen der Geburtsbedeutung des Wassersymbols, indem sich
    immer an sie eine Regeneration des Menschengeschlechtes anschließt*.

    Ein anderes durch den Hinweis auf die Wunscherfüllung be-
    achtenswertes Beispiel entnehmen wir der „Aithiopika“ des Helio-
    dorus (c. 18).

    Thyamis, der Hauptmann, hat am Tage die Chariklea, nebst
    ihrem Geliebten und anderer Beute geraubt und kämpft mit der Ver-
    suchung, das junge Mädchen mit Gewalt zu der Seinigen zu machen.
    „Nachdem er den größten Teil der Nacht geruht hatte, wurde er
    von umherschweifenden Träumen beunruhigt, plötzlich im Schlafe
    gestört, und verlegen über ihre Deutung, hing er wachend seinen
    Gedanken nach. Denn um die Zeit, wo die Hähne krähen** . . . .
    kam ihm durch göttliche Schickung folgendes Traumgesicht: Indem
    er zu Memphis, seiner Vaterstadt, den Tempel der Isis besuchte, kam
    es ihm vor, als ob dieser ganz von Fackelschein erleuchtet würde.
    Altäre und Herde waren von mannigfaltigen Tieren angefüllt und mit
    Blut benetzt, die Vorhallen und Gänge aber voll Menschen,
    die mit Händeklatschen und gemischtem Getöse alles erfüllten. Nach
    seinem Eintritt in das Heiligtum selbst sei ihm die Göttin entgegen-
    gekommen, habe ihm die Chariklea eingehändigt und gesagt: ,Diese
    Jungfrau, Thyamis, übergebe ich dir. Habend wirst du sie nicht haben,
    sondern wirst ungerecht sein und die Fremde töten; aber sie wird nicht
    getötet werden.‘ Dieses Gesicht setzte ihn in große Verlegenheit. Er
    wendete es nach allen Seiten um und suchte den Sinn aufzufinden, und
    da ihm dieses nicht gelingen wollte, paßte er die Lösung seinen
    Wünschen an. Die Worte: ,Habend wirst du sie nicht haben‘ deutete
    er: ,zur Gattin, und nicht mehr als Jungfrau‘. Den Ausdruck: ,Du
    wirst sie töten‘ bezog er auf die jungfräuliche Verletzung,
    an der Chariklea nicht sterben würde. Auf diese Art erklärte er
    den Traum, indem sein Verlangen den Ausleger machte.“ (Übers.
    v. Fr. Jacobs, Stuttgart 1837***.)

    Wie es sich hier um eine symbolische Darstellung der De-
    floration handelt, die in sadistischer Auffassung als Tötung erscheint,
    wobei auch das Blut nicht fehlt, so zeigt ein in seinen Vorbedingungen
    ähnlicher Traum aus ganz anderer Überlieferung den gleichen Wunsch
    in einer ebenfalls typisch symbolischen Einkleidung. Saxo Gram-


    *Vgl. Rank, Die Symbolschichtung im Wecktraum und ihre mythische Be-
    deutung. Wie unsere Kinder diese Bedeutung aus eigenem wieder beleben, mag der
    Traum eines etwa vierjährigen Mäderls zeigen, den C. G. Jung (Jahrb. f. Ps.-A. II,
    1910) mitgeteilt hat: „Ich habe heute nacht die Arche Noah geträumt und da
    waren viele Tierchen darin und da war unten ein Deckel daran, der ging auf und
    die Tierchen fielen alle heraus.“

    **Träume gegen Morgen gesehen, galten für wahr.

    ***Wenngleich der Inhalt des gegebenen Traumes hier in dieser Weise auf-
    gefaßt wird, so ist doch nicht zu übersehen, daß er, offenbar aus einem anderen
    Zusammenhang stammend (ein altes Orakel scheint zu Grunde zu liegen), ursprüng-
    lich auch eine andere Bedeutung gehabt dürfte.

  • S.

    377

    maticus (ed. Hölder, p. 319) erzählt folgende Geschichte. Thyri
    bittet ihren Gatten Gormo in der Hochzeitsnacht inständig, sich
    während dreier Nächte des Beischlafes zu enthalten; sie werde sich
    ihm nicht zu eigen geben, bevor er im Schlafe ein Zeichen erhalten
    hätte, daß ihre Ehe fruchtbar sein werde. Unter diesen sonderbaren
    Bedingungen träumt ihm folgendes: „Zwei Vögel, der eine größer
    als der andere, fliegen auf den Geschlechtsteil seiner Frau herab
    (prolapsos) und mit schwingenden Körpern erheben sie sich im Fluge
    wieder in die Lüfte. Nach einer Weile kehren sie wieder und setzen
    sich in seine Hände. Ein zweites und drittes Mal fliegen sie, durch
    kurze Rast gestärkt (recreatos), davon, bis endlich der kleinere von
    ihnen seines Genossen ledig mit blutigem Gefieder (pennis cruore
    oblitus) zu ihm zurückkehrt. Durch dieses Gesicht erschreckt, gibt
    er, schlafend wie er war, seinem Entsetzen Ausdruck und erfüllt
    das ganze Haus mit lautem Geschrei. Thyri aber zeigt sich über
    den Traum sehr erfreut und meint, sie wäre niemals seine Gattin
    geworden, wenn sie nicht aus diesen Traumbildern die sichere
    Gewähr ihres Glückes geschöpft hätte.“ Diesen in allen seinen
    Details charakteristischen Deflorationstraum deutet die Frau mit
    leichter Verschiebung ihrer eigenen Wunschregungen als minder
    anstoßiges Zeichen für Kindersegen. Der Vogel erscheint hier deut-
    lich als phallisches Symbol, sogar mit besonderer Darstellung der
    verschiedenen Zustände (groß und klein), die schwingende Bewegung
    wie überhaupt die Rhythmík des ganzen Traumes weisen auf den in-
    tendierten Koitus und charakteristische Details (ein zweites und drittes
    Mal, durch kurze Rast gestärkt) auf die gewünschte Wiederholung;
    daß endlich der kleine allein mit blutigen Federn zurückbleibt, läßt
    wohl in seiner Bedeutung keinen Zweifel zu. Die Angst am Schluß
    des Traumes erklärt sich einwandfrei als Ausdruck der durch die
    Traumsymbolik nicht voll befriedigten Libido, deren Abfuhr ge-
    hemmt ist*). Dieser Mechanismus entspricht vollauf dem aus wieder-
    holter Erfahrung bekannten analogen Fall, wo an Stelle der inten-
    dierten, aber gehemmten Libidobefriedigung (Pollution) Angst auf-
    tritt. Ich kann es mir an dieser Stelle nicht versagen, einen unter
    ganz ähnlichen Umständen geträumten und in seiner Symbolik über-
    raschend analogen Traum einer jungen Frau mitzuteilen**).

    Ein junger Ehemann will in sexueller Erregung den Ge-
    schlechtsakt mit seiner Frau ausführen, muß es aber mit Rücksicht
    auf die unerwartet eingetretene Menstruation der Frau unterlassen.
    Nachdem er den flüchtig aufsteigenden Gedanken, sich auf irgend
    eine andere Weise zu befriedigen, von sich gewiesen und die Frau
    auf eine leise Anspielung eines Fellatiowunsches sich ablehnend ge-
    zeigt hatte, schlafen beide ein. Jeder von ihnen hat nun einen auf
    dieses Erlebnis bezüglichen Traum und diese beiden in einer Nacht
    vorgefallenen Träume gehören inhaltlich so gut zusammen, als wären
    sie von derselben Person geträumt. Ihre Kenntnis verdanke
    ich nicht etwa einer besonderen Offenherzigkeit der Eheleute, son-
    dern

    *)Vgl. die Angst im Traum vom Lebenslicht, oben S. 371.

    **)Vgl. Rank, Aktuelle Sexualregungen als Traumanlässe.

  • S.

    378

    dern ihrer Unkenntnis der Traumsymbolik, und die zum besseren
    Verständnis vorerwähnten sexuellen Vorfälle wurden erst später er-
    mittelt, um die vermutete Deutung zu verifizieren.
    Der Traum, den die, vermutlich gleichfalls erregte, aber von
    einer Fellatio abgestoßene Frau in derselben Nacht hatte, lautet nach
    ihrer Niederschrift, die der Mann auf mein Ersuchen besorgen ließ,
    folgendermaßen:

    „Mein Mann hat aus einer Dachrinne junge Spatzen, die noch
    ganz naß waren, mit der Hand hinausgeworfen und ich habe
    ihm gesagt, er soll das nicht tun. Mit einem von ihnen, der
    schon größer war, habe ich mich gespielt; er ist mir auf die
    Hand geflogen und hat mich mit einem großen Stachel, der
    wie ein Schwanz oder wie ein Schnabel war, in den Finger ge-
    stochen, so daß ich geschrien habe: Au, nicht! Das tut ja weh! –
    Dann hat mein Mann einen von den jungen Spatzen genommen und
    gesagt, man kann sie auch essen. Ich habe mich aber davor
    geekelt und erbrochen.“ Die Deutlichkeit dieser Traumsprache*),
    die durch einen Kommentar nur leiden könnte, gewinnt noch ein be-
    sonderes Interesse durch die Übereinstimmung in manchen Details
    mit dem Traum des Mannes, von denen das Erbrechen auf ein gemein-
    sames peinliches Erlebnis, das Indenfingerstechen aber darauf hin-
    deutet, daß doch gegenseitige oder autoerotische Manipulationen an
    den Genitalien vorgenommen worden sein dürften.

    Die Übereinstimmungen sind so augenfällig und erstrecken sich
    so weit auf die Vorbedingungen und ins Detail, daß ihre besondere
    Hervorhebung und Erörterung sich erübrigt. Dagegen läßt sich ein
    bemerkenswerter Unterschied nicht übergehen: nämlich daß dieser
    dem ersten ganz analoge Traum von der Frau stammt, während ihn
    bei Saxo der Mann träumt. Aber dieser Widerspruch verliert seine
    scheinbare Bedeutung, wenn wir uns aus dem eben mitgeteilten Bei-
    spiel daran erinnern, daß unter den gegebenen Umständen offenbar
    beide beteiligten Personen der Situation entsprechende Traumbilder
    haben und daß es für eine das weibliche Schamgefühl schonende
    Fassung**) sehr nahe lag, einen – quasi gemeinsamen – Traum

    *)In einem anderen Traume stellt dieselbe Frau in Anlehnung an die ihr
    bekannten geflügelten Phalloi der Antike das ganze männliche Genitale (inklusive
    Hoden) in der Vogelsprache dar: „Es haben mich Löwen und Tiger, auch wilde
    Schweine verfolgt, die mich fressen oder mit mir verkehren wollten. Ich flüch-
    tete, um mich zu retten; dann waren auch ein Paar von den Bestien schon ein-
    gesperrt. Dann kam ich über einen Bergesabhang auf einen Hof, wo ich Vögel
    herumfliegen sah. Doch hatte ich schon einen schönen kleinen weißen Vogel
    im Käfig eingesperrt. Ich habe ihn herausgenommen, jedem gezeigt und ge-
    sagt, das ist mein eigener Vogel, den ich schon lange eingesperrt habe. Von
    den herumfliegenden Vögeln sind dann zwei vom Dach heruntergefallen;
    ich habe sie aufgefangen, aber sie waren schon ganz hin; da habe ich sie ge-
    drückt und sie sind wieder lebendig geworden. Sie waren zusammen-
    gewachsen und es sind mir an ihnen eigentlich nur die schön gefärbten
    Flügel aufgefallen.“ Die letzten Details (zusammengewachsen und nur die Flügel
    im Gegensatz zu dem anderen ganzen Vogel) weisen, wenn noch ein Zweifel bleiben
    könnte, unzweideutig auf das sexuelle Vorbild dieses Symbols hin.

    **)Vgl. Thyris’ Wunsch nach Fruchtbarkeit, der ihr Sexualverlangen ersetzt.
    Es sei hier nicht unerwähnt, daß die wirkliche Fruchtbarkeitsbedeutung in einer
    zweiten Version derselben Sage einen ganz anderen, in mehrfacher Hinsicht inter-

  • S.

    379

    dem Manne zuzuschreiben. Für die Einwirkung einer solchen Mil-
    derungstendenz würde auch der Umstand sprechen, daß spätere von
    Saxo zweifellos beeinflußte Fassungen den Traum wieder der Frau zu-
    schreiben, ihn aber dafür von der anstößigen Einkleidung befreien.
    Der Untersuchung von Benezé entnehmen wir, daß ein ähnlicher
    Traum sich in dem mittelhochdeutschen Spielmannsepos „Salman und
    Morolf“ findet, dem man es kaum mehr anmerkt, daß er nach dem
    Vorbild bei Saxo gestaltet ist. Salmans treulose Frau sucht ihren
    Gatten durch Erzählung eines, wie sie glaubt, nachkommenverheißen-
    den Traumes zu versöhnen und wieder zu gewinnen. Sie erzählt ihm,
    ihr habe geträumt, daß sie in seiner süßen Umarmung schlafe, als
    zwei Falken ihr auf die Hand flogen. Von größerem Interesse ist es,
    daß auch Kriemhilds Traum (im Anfang des Nibelungenliedes) in
    diesen Zusammenhang gehört: Ihr träumt von einem starken, schönen,
    wilden Falken, den sie sich gezogen (und den ihr zwei Adler geraubt
    hatten). Dieser noch weiter entstellte und rationalisierte Traum kommt
    merkwürdigerweise in seiner Deutung dem ursprünglichen Sinn in-
    sofern näher, als diese die Fruchtbarkeitsbedeutung ganz außer acht
    läßt und den Vogel direkt mit dem zu erwartenden Mann identifi-
    ziert. Die Bedingung zur Traumentstellung ist hier durch die Sexual-
    ablehnung des Mädchens gegeben, die bewußterweise von Männerliebe
    nichts wissen will. Ähnlich wird in der Volsungasage (c. 25) Gudruns
    Traum, in dem sie einen schönen Habicht mit goldigen Federn auf
    ihrer Hand sah, auf einen Königssohn gedeutet, der um sie werben,
    den sie bekommen und sehr lieb haben werde. „Eine vielfache Anwendung
    finden die Vögel ferner“ nach Mentz in den französischen Volksepen,
    „um bei Frauen die Geburt von Kindern anzuzeigen. Immer sehen
    die Träumenden dann, wie aus dem Munde oder dem Magen Vögel
    herausflattern.“ In der mittelhochdeutschen Epik erscheint der Falke
    endlich sehr häufig als glück-
    und rettungbringender Vogel, ein
    letzter Nachklang seiner symbolisch Geschlechtsgenuß und Kinder-
    segen schaffenden Funktion.

    Schließlich ist noch eine merkwürdige Beziehung des Traumes
    zur Mythentorschung zu erwähnen, die nur auf dem Boden der
    Psychoanalyse erwachsen konnte. Es gibt Träume, die sich zur Dar-
    stellung aktueller psychischer Situationen gewisser aus der Kindheit
    essanten Ausdruck findet. Dort ist Thyri noch unvermählt und stellt ihrem Zu-
    künftigen folgende Bedingung: er möge ein Haus bauen, wo vorher noch keines
    gestanden, dort die drei Nächte schlafen und darauf achten, was ihm träume. Er
    hat dann drei Träume von je drei Ochsen, wodurch Thyri über den Ausfall der
    nächsten drei Jahre unterrichtet, zur Vorsorge mit Getreidevorräten veranlaßt
    wird. Henzen, der hier mit Recht an die biblischen Träume des Pharao von den
    sieben fetten und sieben mageren Kühen erinnert, betont das „Zugrundeliegen
    alter indogermanischer Anschauung, welche die Zeugungskraft der Natur unter
    dem Bilde des Stieres und die Fruchtbarkeit der Erde unter dem der Kuh sich
    vorzustellen liebte“ (vgl. Sanskrit gaus = Kuh und Erde). So könnte auch dem
    Pharaotraum ein Wunsch nach menschlicher Fruchtbarkeit, eine Potenzphantasie
    zu Grunde liegen. Die besonders geforderte Bedingung der Neuheit des Hauses
    und des Bauplatzes, die andere Male zu einem wahren Zeremoniell ausgestaltet
    erscheint (Unberührtheit des Lagers, des Bettzeuges, der Wäsche), könnte hier
    die Unberührtheit des Mädchens ersetzen. Noch heute herrscht übrigens der
    Glaube, daß der erste in einem neuen Milieu geträumte Traum in Erfüllung geht.

  • S.

    380

    bekannter Märchenstoffe bedienen. Die Analyse deckt in diesen Fällen
    zugleich mit dem Grund für die individuelle Verwendung des Motivs
    oft auch dessen allgemeine Bedeutung auf, die sich mythologisch
    wertvoll erweist. Die neurotischen Patienten, die ja viel deutlicher
    als der Normale die primitive Einstellung bewahrt haben, geben oft
    in dieser Weise den Weg an, den die Schöpfer der Massenphantasien
    bei ihren Produktionen gegangen sind. So berichtet Freud* von
    einem jungen Manne, der aus seinem fünften Lebensjahr einen Angst-
    traum von sieben Wölfen erzählte. Die Analyse ergab, daß der
    Traum an das Märchen vom Wolf und den sieben jungen Geißlein
    anknüpft und die Angst vor dem Vater zum Inhalt hat wie der dem
    Märchen selbst zu Grunde liegende Mythus von Kronos, der von
    seinem jüngsten Sohn Zeus entmannt wird.

    Auch hier bewährt sich die psychoanalytische Grundanschauung,
    daß die gleichen unbewußten Triebkräfte an der Produktion der nor-
    malen, pathologischen und sozial hochwertigen seelischen Leistungen
    des einzelnen wie des Volkes entscheidend mitwirken und daß darum
    die Erkenntnis des einen zum Verständnis des anderen so weit beizu-
    tragen vermag, als das Allgemein-Menschliche im Seelenleben reicht.


    *Siehe auch: „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose.“ Sammlung
    kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge, 1918.