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Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift.
Redigiert von
Oberarzt Dr. Joh. Bresler,
Lublinitz (Schlesien).
Verlag: Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S., Reilstraße 80.
Telegr.-Adresse: Marhold Verlag Hallesaale. – Fernspr. Nr. 828.Nr. 52. 21. März 1908.
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Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S., Reilstr. 80.
Charakter und Analerotik.
Von Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien.
Unter den Personen, denen man durch psycho-
analytische Bemühung Hilfe zu leisten sucht,
begegnet man eigentlich recht häufig einem Typus,
der durch das Zusammentreffen bestimmter Charakter-
eigenschaften ausgezeichnet ist, während das Verhalten
einer gewissen Körperfunktion und der an ihr be-
teiligten Organe in der Kindheit dieser Personen die
Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich weiß heute nicht
mehr anzugeben, aus welchen einzelnen Veranlas-
sungen mir der Eindruck erwuchs, daß zwischen
jenem Charakter und diesem Organverhalten ein
organischer Zusammenhang bestehe, aber ich kann
versichern, daß theoretische Erwartung keinen Anteil
an diesem Eindruck hatte.Infolge gehäufter Erfahrung hat sich der Glaube
an solchen Zusammenhang bei mir so sehr verstärkt,
daß ich von ihm Mitteilung zu machen wage.Die Personen, die ich beschreiben will, fallen da-
durch auf, daß sie in regelmäßiger Vereinigung die
nachstehenden drei Eigenschaften zeigen: sie sind
besonders ordentlich, sparsam und eigen-
sinnig. Jedes dieser Worte deckt eigentlich eine
kleine Gruppe oder Reihe von miteinander verwandten
Charakterzügen. „Ordentlich“ begreift sowohl die kör-
perliche Sauberkeit als auch Gewissenhaftigkeit in
kleinen Pflichterfüllungen und Verläßlichkeit; das
Gegenteil davon wäre: unordentlich, nachlässig. Die
Sparsamkeit kann bis zum Geiz gesteigert erscheinen;
der Eigensinn geht in Trotz über, an den sich leicht
Neigung zur Wut und Rachsucht knüpfen. Die beiden
letzteren Eigenschaften – Sparsamkeit und Eigen-
sinn – hängen fester miteinander als mit dem ersten,
dem „ordentlich“ zusammen; sie sind auch das kon-
stantere Stück des ganzen Komplexes, doch erscheint
es mir unabweisbar, daß irgendwie alle drei zusammen-
gehören.Aus der Kleinkindergeschichte dieser Personen
erfährt man leicht, daß sie verhältnismäßig lange dazu
gebraucht haben, bis sie der infantilen incontinentia
alvi Herr geworden sind, und daß sie vereinzeltes
Mißglücken dieser Funktion noch in späteren Kinder-
jahren zu beklagen hatten. Sie scheinen zu jenen
Säuglingen gehört zu haben, die sich weigern, den
Darm zu entleeren, wenn sie auf den Topf gesetzt
werden, weil sie aus der Defäkation einen Lustneben-
gewinn beziehen*); denn sie geben an, daß es ihnen
noch in etwas späteren Jahren Vergnügen bereitet
hat, den Stuhl zurückzuhalten, und erinnern, wenn-
gleich eher und leichter von ihren Geschwistern als
von der eigenen Person, allerlei unziemliche Beschäf-
tigungen mit dem zu Tage geförderten Kot. Wir
schließen aus diesen Anzeichen auf eine überdeutliche*)Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. II, p. 41. 1905.
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erogene Betonung der Afterzone in der von
ihnen mitgebrachten Sexualkonstitution; da sich aber
nach abgelaufener Kindheit bei diesen Personen nichts
mehr von diesen Schwächen und Eigenheiten auf-
finden läßt, müssen wir annehmen, daß die Analzone
ihre erogene Bedeutung im Laufe der Entwicklung
eingebüßt hat, und vermuten dann, daß die Konstanz
jener Trias von Eigenschaften in ihrem Charakter
mit der Aufzehrung der Analerotik in Verbindung
gebracht werden darf.Ich weiß, daß man sich nicht getraut, an einen
Sachverhalt zu glauben, so lange er unbegreiflich er-
scheint, der Erklärung nicht irgendeine Anknüpfung bietet.
Wenigstens das Grundlegende desselben können wir
nun unserem Verständnis mit Hilfe der Vorausset-
zungen näher bringen, die in den „Drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie“ 1905 dargelegt sind. Ich suche
dort zu zeigen, daß der Sexualtrieb des Menschen
hoch zusammengesetzt ist, aus Beiträgen zahlreicher
Komponenten und Partialtriebe entsteht. Wesentliche
Beiträge zur „Sexualerregung“ leisten die peripherischen
Erregungen gewisser ausgezeichneter Körperstellen
(Genitalien, Mund, After, Blasenausgang), welche den
Namen „erogene Zonen“ verdienen. Die von diesen
Stellen her eintreffenden Erregungsgrößen erfahren aber
nicht alle und nicht zu jeder Lebenszeit das gleiche
Schicksal. Allgemein gesprochen kommt nur ein Teil von
ihnen dem Sexualleben zugute; ein anderer Teil
wird von den sexuellen Zielen abgelenkt und auf
andere Ziele gewendet, ein Prozeß, der den Namen
„Sublimierung“ verdient. Um die Lebenszeit, welche
als „sexuelle Latenzperiode“ bezeichnet werden darf,
vom vollendeten vierten Jahr bis zu den ersten
Äußerungen der Pubertät (ums elfte Jahr) werden
sogar auf Kosten dieser von erogenen Zonen ge-
lieferten Erregungen im Seelenleben Reaktionsbildungen,
Gegenmächte, geschaffen wie Scham, Ekel und Moral,
die sich gleichwie Dämme der späteren Betätigung
der Sexualtriebe entgegensetzen. Da nun die Anal-
erotik zu jenen Komponenten des Triebes gehört, die
im Laufe der Entwicklung und im Sinne unserer
heutigen Kulturerziehung für sexuelle Zwecke unver-
wendbar werden, läge es nahe, in den bei ehemaligen
Analerotikern so häufig hervortretenden Charakter-
eigenschaften – Ordentlichkeit, Sparsamkeit und
Eigensinn – die nächsten und konstantesten Ergeb-
nisse der Sublimierung der Analerotik zu erkennen.*)Die innere Notwendigkeit dieses Zusammenhanges
ist mir natürlich selbst nicht durchsichtig, doch kann
ich einiges anführen, was als Hilfe für ein Verständ-
nis desselben verwertet werden kann. Die Sauberkeit,
Ordentlichkeit, Verläßlichkeit macht ganz den Ein-
druck einer Reaktionsbildung gegen das Interesse am
Unsauberen, Störenden, nicht zum Körper gehörigen
(„Dirt is but matter on the wrong place“). Den
Eigensinn mit dem Defäkationsinteresse in Beziehung
zu bringen, scheint keine leichte Aufgabe, doch
mag man sich daran erinnern, daß schon der Säug-
ling sich beim Absetzen des Stuhles eigenwillig be-
nehmen kann (s. o.), und daß schmerzhafte Reize
auf die mit der erogenen Afterzone verknüpfte Gesäßhaut*)Da gerade die Bemerkungen über die Analerotik des
Säuglings in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ bei
unverständigen Lesern besonderen Anstoß erregt haben, gestatte
ich mir an dieser Stelle die Einschaltung einer Beobachtung,
die ich einem sehr intelligenten Patienten verdanke: „Ein Be-
kannter, der die Abhandlung über „Sexualtheorie“ gelesen hat,
spricht über das Buch, erkennt es vollkommen an, nur eine
Stelle darin sei ihm – obwohl er auch diese inhaltlich natür-
lich billige und begreife, so grotesk und komisch vorgekommen,
daß er sich hingesetzt und eine Viertelstunde darüber gelacht habe.
Diese Stelle lautet: „Es ist eines der besten Vorzeichen späterer
Absonderlichkeit oder Nervosität, wenn ein Säugling sich hart-
näckig weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf
gesetzt wird, also wenn es dem Pfleger beliebt, sondern diese
Funktion seinem eigenen Belieben vorbehält. Es kommt ihm
natürlich nicht darauf an, sein Lager schmutzig zu machen; er
sorgt nur, daß ihm der Lustnebengewinn bei der Defäkation
nicht entgehe.“ Die Vorstellung dieses auf dem Topf sitzenden
Säuglings, der überlege, ob er sich eine derartige Einschränkung
seiner persönlichen Willensfreiheit gefallen lasse solle, und der
außerdem sorge, daß ihm der Lustgewinn bei der Detäkation
nicht entgehe, habe seine ausgiebige Heiterkeit erregt. – Etwa
zwanzig Minuten später, bei der Jause, beginnt mein Bekannter
plötzlich gänzlich unvermittelt: „Du, mir fällt da gerade, weil
ich den Kakao vor mir sehe, eine Idee ein, die ich als Kind
immer gehabt habe. Da habe ich mir immer vorgestellt, ich
bin der Kakaofabrikant Van Houten (er sprach „Van Hauten“
aus), und ich habe ein großartiges Geheimnis zur Bereitung
dieses Kakaos, und nun bemühen sich alle Leute, mir dieses
weltbeglückende Geheimnis zu entreißen, das ich sorgsam hüte.
Warum ich gerade auf Van Houten verfallen bin, weiß ich
nicht. Wahrscheinlich hat mir seine Reklame am meisten im-
poniert.“ Lachend, und ohne noch eigentlich so recht eine
tiefere Absicht damit zu verbinden, meinte ich: „Wann haut’n
die Mutter?!“ Erst eine Weile später erkannte ich, daß mein
Wortwitz tatsächlich den Schlüssel zu dieser ganzen, plötzlich
aufgetauchten Kindheitserinnerung enthielt, die ich nun als
glänzendes Beispiel einer Deckphantasie begriff, welche unter
Beibehaltung des eigentlich Tatsächlichen (Nahrungsprozeß) und
auf Grund phonetischer Assoziationen („Kakao“, „Wann
haut’n –“) das Schuldbewußtsein durch eine komplette
Umwertung des Erinnerungsinhalts beruhigt. (Verlegung
von rückwärts nach vorne, Nahrungsabgabe wird zur Nahrungs-
aufnahme, der beschämende und zu verdeckende Inhalt zum
weltbeglückenden Geheimnis.) Interessant war mir, wie hier,
auf eine Abwehr hin, die freilich die mildere Form formaler
Beanstandung annahm, dem Betreffenden ohne seinen Willen
eine Viertelstunde später der schlagendste Beweis aus dem
eigenen Unbewußten heraufgereicht wurde.“S.
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allgemein der Erziehung dazu dienen, den
Eigensinn des Kindes zu brechen, es gefügig zu
machen. Zum Ausdruck des Trotzes und der trotzen-
den Verhöhnung wird bei uns immer noch wie in
alter Zeit eine Aufforderung verwendet, die die
Liebkosung der Afterzone zum Inhalt hat, also eigent-
lich eine von der Verdrängung betroffene Zärtlichkeit
bezeichnet. Die Entblößung des Hintern stellt die
Abschwächung dieser Rede zur Geste dar; in Goethes
Götz von Berlichingen finden sich beide, Rede
wie Geste, an passendster Stelle als Ausdruck des
Trotzes angebracht.Am ausgiebigsten erscheinen die Beziehungen,
welche sich zwischen den anscheinend so disparaten
Komplexen des Geldinteresses und der Defäkation
ergeben. Jedem Arzt, der die Psychoanalyse geübt
hat, ist es wohl bekannt geworden, daß sich auf
diesem Wege die hartnäckigsten und langdauerndsten
sogenannten habituellen Stuhlverstopfungen Nervöser
beseitigen lassen. Das Erstaunen hierüber wird durch
die Erinnerung gemäßigt, daß diese Funktion sich ähnlich
gefügig auch gegen die hypnotische Suggestion erwiesen
hat. In der Psychoanalyse erzielt man diese Wirkung
aber nur dann, wenn man den Geldkomplex der
Betreffenden berührt und sie veranlaßt, denselben mit
all seinen Beziehungen zum Bewußtsein zu bringen.
Man könnte meinen, daß die Neurose hierbei nur
einem Wink des Sprachgebrauchs folgt, der eine Per-
son, die das Geld allzu ängstlich zurückhält,
„schmutzig“ oder „filzig“ (englisch: filthy =
schmutzig) nennt. Allein dieses wäre eine allzu ober-
flächliche Würdigung. In Wahrheit ist überall, wo
die archaische Denkweise herrschend war oder ge-
blieben ist, in den alten Kulturen, im Mythus, Märchen,
Aberglauben, im unbewußten Denken, im Traum und
in der Neurose das Geld in innigste Beziehungen
zum Dreck gebracht. Es ist bekannt, daß das Gold,
welches der Teufel seinen Buhlen schenkt, sich nach
seinem Weggehen in Dreck verwandelt, und der
Teufel ist doch gewiß nichts anderes als die Personi-
fikation des verdrängten unbewußten Trieblebens.*)
Bekannt ist ferner der Aberglaube, der die Auf-
findung von Schätzen mit der Defäkation zusammen-
bringt, und jedermann vertraut ist die Figur des
„Dukatenscheißers“. Ja schon in der altbabylonischen
Lehre ist Gold der Kot der Hölle, Mammon = ilu
manman*). Wenn also die Neurose dem Sprach-
gebrauch folgt, so nimmt sie hier wie anderwärts die
Worte in ihrem ursprünglichen bedeutungsvollen Sinne,
und wo sie ein Wort bildlich darzustellen scheint,
stellt sie in der Regel nur die alte Bedeutung des
Wortes wieder her.Es ist möglich, daß der Gegensatz zwischen dem
Wertvollsten, das der Mensch kennen gelernt hat,
und dem Wertlosesten, das er als Abfall („refuse“)
von sich wirft, zu dieser bedingten Identifizierung von
Gold und Kot geführt hat.Im Denken der Neurose kommt dieser Gleich-
stellung wohl noch ein anderer Umstand zu Hilfe.
Das ursprünglich erotische Interesse an der Defä-
kation ist, wie wir ja wissen, zum Erlöschen in reiferen
Jahren bestimmt; in diesen Jahren tritt das Interesse
am Geld als ein neues auf, welches der Kindheit
noch gefehlt hat, dadurch wird es erleichtert, daß die
frühere Strebung, die ihr Ziel zu verlieren im Begriffe
ist, auf das neu auftauchende Ziel übergeleitet wird.Wenn den hier behaupteten Beziehungen zwischen
der Analerotik und jener Trias von Charaktereigen-
schaften etwas Tatsächliches zugrunde liegt, so wird
man keine besondere Ausprägung des „Analcharak-
ters“ bei Personen erwarten dürfen, die sich die
erogene Eignung der Analzone für das reife Leben
bewahrt haben wie z. B. gewisse Homosexuelle.
Wenn ich nicht sehr irre, befindet sich die Erfahrung
zumeist in guter Übereinstimmung mit diesem Schluß.Man müßte überhaupt in Erwägung ziehen, ob
nicht auch andere Charakterkomplexe ihre Zugehörig-
keit zu den Erregungen von bestimmten erogenen
Zonen erkennen lassen. Ich kenne bis jetzt nur
noch den unmäßigen, „brennenden“ Ehrgeiz der ein-
stigen Enuretiker. Für die Bildung des endgültigen
Charakters aus den konstitutiven Trieben läßt sich
allerdings eine Formel angeben. Die bleibenden
Charakterzüge sind entweder unveränderte Fortset-
zungen der ursprünglichen Triebe, Sublimierungen
derselben oder Reaktionsbildungen gegen dieselben.*)Vergl. die hysterische Besessenheit und die dämono-
logischen Epidemien.*)Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des
alten Orients. 2. Aufl. 1906, p. 216, und Babylonisches im
Neuen Testament 1906, p. 96. „Mamon (Mammon) ist baby-
lonisch man-man, ein Beiname Nergals, des Gottes der Unterwelt.
Das Gold ist nach orientalischem Mythus, der in die Sagen und
Märchen der Völker übergegangen ist, Dreck der Hölle, siehe
Monotheistische Strömungen innerhalb der bab.
Rel., S. 16, Anm. 1.S.
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Charakter und Analerotik
1908-002/1908