S.
„Ein Bekannter, der die Abhandlung über „Sexualtheorie“ gelesen
hat, spricht über das Buch, erkennt es vollkommen an, nur eine
Stelle darin sei ihm – obwohl er auch diese inhaltlich natürlich
billige und begreife, so d grotesk und komisch vorgekommen,
dass er sich hingesetzt und eine Viertelstunde darüber gelacht
habe. Die Stelle lautet: „Es ist eines der besten Vorzeichen späterer
Absonderlichkeit oder Nervosität, wenn ein Säugling sich hartnäckig
weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also
wenn es dem Pfleger beliebt, sondern diese Function seinem
eigenen Belieben vorbehält. Es kommt ihm natürlich nicht darauf an,
sein Lager schmutzig zu machen; er sorgt nur, dass ihm der Lustneben-
gewinn bei der Defäkation nicht entgehe.“ Die Vorstellung dieseshier auf dem Topfe sitzenden Säuglings, der überlege, ob er sich eine
derartige Einschränkung seiner persönlichen Willensfreiheit gefallen
lassen solle und der ausserdem sorge, dass ihm der Lustgewinn bei
der Defäkation nicht entgehe, habe seine ausgiebige Heiterkeit
erregt. – Etwa zwanzig Minuten später, bei der Jause, beginnt
mein Bekannter plötzlich gänzlich unvermittelt: „Du, mir
fällt da gerade, weil ich den Kakao vor mir sehe, eine Idee
ein, die ich in meiner als Kind immer gehabt habe. Da habe
ich mir immer vorgestellt, ich bin der Kakaofabrikant Van Houten
(er sprach „Van Hauten“ aus), und ich habe ein grossartiges Geheimnis
zur Bereitung dieses Kakaos, und nun bemühen sich alle Leute, mir
dieses w weltbeglückende Geheimnis zu entreissen, das ich sorgsam
hüte. Warum ich gerade auf Van Houten verfallen bin, weiss ich
nicht. Wahrscheinlich hat mir seine Reclame am meisten im-
poniert.“ Lachend, und ohne noch eigentlich so recht eine
tiefere Absicht damit zu verbinden, meinte ich: „Wann haut'n
die Mutter?!“ Erst nach einer Weile später erkannte ich, dass mein
Wortwitz tatsächlich den Schlüssel zu dieser ganzen plötzlich auf-
getauchten Kindheitserinnerung enthielt, die ich nun als glän-
zendes Beispiel einer Deckphantasie erkannte begriff, welche unter
Beibehaltung des eigentlich Tatsächlichen (Nahrungsprozess) und
auf Grund phonetischer Assoziationen („Kakao“, „Wann haut'n...“)
das Schuldbewusstsein durch eine complette Umwertung des Er-
innerungsinhalts beruhigt. (Verlegung von rückwärts nach vorne,
Nahrungsabgabe wird zur Nahrungsaufnahme, der beschämende und
zu verdeckende Inhalt zum weltbeglückenden Geheimnis.) In-
teressant war mir, wie hier, auf eine Abwehr hin, die freilich die
mildere Form formaler Beanstandung annahm, dem Betreffenden
ohne seinen Willen eine Viertelstunde später der schlagendste Beweis
aus dem eigenen Unbewussten heraufgereicht wurde.“