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DIE GRENZEN DER DEUTBARKEIT
(1925)
Die Frage, ob man von jedem Produkt des Traumlebens
eine vollständige und gesicherte Übersetzung in die Ausdrucks-
weise des Wachlebens (Deutung) geben kann, soll nicht ab-
strakt behandelt werden, sondern unter Beziehung auf die
Verhältnisse, unter denen man an der Traumdeutung arbeitet.Unsere geistigen Tätigkeiten streben entweder ein nützliches
Ziel an oder unmittelbaren Lustgewinn. Im ersteren Falle
sind es intellektuelle Entscheidungen, Vorbereitungen zu
Handlungen oder Mitteilungen an andere; im anderen Falle
nennen wir sie Spielen und Phantasieren. Bekanntlich ist auch
das Nützliche nur ein Umweg zur lustvollen Befriedigung.
Das Träumen ist nun eine Tätigkeit der zweiten Art, die ja
entwicklungsgeschichtlich die ursprünglichere ist. Es ist irre-
führend, zu sagen, das Träumen bemühe sich um die bevor-
stehenden Aufgaben des Lebens oder suche Probleme der
Tagesarbeit zu Ende zu führen. Darum kümmert sich das vor-
bewußte Denken. Dem Träumen liegt solche nützliche Absicht
ebenso ferne wie die der Vorbereitung einer Mitteilung an
einen anderen. Wenn sich der Traum mit einer Aufgabe des
Lebens beschäftigt, löst er sie so, wie es einem irrationellen
Wunsch, und nicht so, wie es einer verständigen Überlegung
entspricht. Nur eine nützliche Absicht, eine Funktion, muß
man dem Traum zusprechen, er soll die Störung des Schlafes
verhüten. Der Traum kann beschrieben werden als ein Stück
Phantasieren im Dienste der Erhaltung des Schlafes.Es folgt daraus, daß es dem schlafenden Ich im ganzen
gleichgültig ist, was während der Nacht geträumt wird, wenn
der Traum nur leistet, was ihm aufgetragen ist, und daß die-
jenigen Träume ihre Funktion am besten erfüllt haben, vonS.
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denen man nach dem Erwachen nichts zu sagen weiß. Wenn
es so oft anders zugeht, wenn wir Träume erinnern, — auch
über Jahre und Jahrzehnte, — so bedeutet dies jedesmal einen
Einbruch des verdrängten Unbewußten ins normale Ich. Ohne
solche Genugtuung hat das Verdrängte seine Hilfe zur Auf-
hebung der drohenden Schlafstörung nicht leihen wollen. Wir
wissen, es ist die Tatsache dieses Einbruchs, die dem Traum
seine Bedeutung für die Psychopathologie verschafft. Wenn
wir sein treibendes Motiv aufdecken können, erhalten wir un-
vermutete Kunde von den verdrängten Regungen im Un-
bewußten; andererseits, wenn wir seine Entstellungen rück-
gängig machen, belauschen wir das vorbewußte Denken in
Zuständen innerer Sammlung, die tagsüber das Bewußtsein
nicht auf sich gezogen hätten.Niemand kann die Traumdeutung als isolierte Tätigkeit
üben; sie bleibt ein Stück der analytischen Arbeit. In dieser
wenden wir je nach Bedarf unser Interesse bald dem vor-
bewußten Trauminhalt, bald dem unbewußten Beitrag zur
Traumbildung zu, vernachlässigen auch oft das eine Element
zugunsten des anderen. Es nützte auch nichts, wenn jemand
sich vornehmen wollte, Träume außerhalb der Analyse zu
deuten. Er würde den Bedingungen der analytischen Situation
doch nicht entgehen, und wenn er seine eigenen Träume bear-
beitet, unternimmt er seine Selbstanalyse. Diese Bemerkung
gilt nicht für den, der auf die Mitarbeit des Träumers ver-
zichtet und die Deutung von Träumen durch intuitives Er-
fassen erfahren will. Aber solche Traumdeutung ohne Rück-
sicht auf die Assoziationen des Träumers bleibt auch im
günstigsten Falle ein unwissen-
schaftliches Virtuosenstück von sehr zweifelhaftem Wert.Übt man die Traumdeutung nach dem einzigen techni-
schen Verfahren, das sich rechtfertigen läßt, so merkt man bald,
daß der Erfolg durchaus von der Widerstands-
spannungS.
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zwischen dem erwachten Ich und dem verdrängten Unbe-
wußten abhängig ist. Die Arbeit unter „hohem Widerstands-
druck“ erfordert selbst, wie ich an anderer Stelle auseinander-
gesetzt habe, ein anderes Verhalten des Analytikers als bei
geringem Druck. In der Analyse hat man es durch lange Zeiten
mit starken Widerständen zu tun, die noch nicht bekannt sind,
die jedenfalls nicht überwunden werden können, solange sie
unbekannt bleiben. Es ist also nicht zu verwundern, daß man
von den Traumproduktionen des Patienten nur einen ge-
wissen Anteil und auch diesen meist nicht vollständig über-
setzen und verwerten kann. Auch wenn man durch die eigene
Geübtheit in die Lage kommt, viele Träume zu verstehen, zu
deren Deutung der Träumer wenig Beiträge geliefert hat, soll
man gemahnt bleiben, daß die Sicherheit solcher Deutung in
Frage steht, und wird Bedenken tragen, seine Vermutung dem
Patienten aufzudrängen.Kritische Einwendungen werden nun sagen: Wenn man
nicht alle Träume, die man bearbeitet, zur Deutung bringt,
soll man auch nicht mehr behaupten, als man vertreten kann,
und sich mit der Aussage begnügen, einzelne Träume seien
durch Deutung als sinnreich zu erkennen, von anderen wisse
man es nicht. Allein gerade die Abhängigkeit des Deutungs-
erfolges vom Widerstand enthebt den Analytiker einer solchen
Bescheidenheit. Er kann die Erfahrung machen, daß ein
anfangs unverständlicher Traum noch in derselben Stunde
durchsichtig wird, nachdem es gelungen ist, einen Widerstand
des Träumers durch eine glückliche Aussprache zu beseitigen.
Plötzlich fällt ihm dann ein bisher vergessenes Traumstück
ein, das den Schlüssel zur Deutung bringt, oder es stellt sich
eine neue Assoziation ein, mit deren Hilfe das Dunkel sich
lichtet. Es kommt auch vor, daß man nach Monaten und
Jahren analytischer Bemühung auf einen Traum zurückgreift,
der zu Anfang der Behandlung unsinnig und unverständlichS.
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erschien, und der nun durch die seither gewonnenen Einsichten
eine völlige Klärung erfährt. Nimmt man aus der Theorie
des Traumes das Argument hinzu, daß die vorbildlichen
Traumleistungen der Kinder durchwegs sinnvoll und leicht
deutbar sind, so wird man sich zur Behauptung berechtigt
finden, der Traum sei ganz allgemein ein deutbares psychisches
Gebilde, wenngleich die Situation nicht immer die Deutung
zu geben gestattet.Wenn man die Deutung eines Traumes gefunden hat, ist
es nicht immer leicht zu entscheiden, ob sie eine „vollständige“
ist, d. h. ob nicht auch andere vorbewußte Gedanken sich
durch denselben Traum Ausdruck verschafft haben. Als er-
wiesen hat dann jener Sinn zu gelten, der sich auf die Einfälle
des Träumers und die Einschätzung der Situation berufen
kann, ohne daß man darum den anderen Sinn jedesmal ab-
weisen dürfte. Er bleibt möglich, wenn auch unerwiesen; man
muß sich mit der Tatsache einer solchen Vieldeutigkeit der
Träume befreunden. Diese ist übrigens nicht jedesmal einer
Unvollkommenheit der Deutungsarbeit zur Last zu legen,
sie kann ebensowohl an den latenten Traumgedanken selbst
haften. Der Fall, daß wir unsicher bleiben, ob eine Äußerung,
die wir gehört, eine Auskunft, die wir erhalten haben, diese
oder jene Auslegung zulassen, außer ihrem offenbaren Sinn
noch etwas anderes andeuten, ereignet sich ja auch im Wach-
leben und außerhalb der Situation der Traumdeutung.Zu wenig untersucht sind die interessanten Vorkommnisse,
daß derselbe manifeste Trauminhalt gleichzeitig einer kon-
kreten Vorstellungsreihe und einer abstrakten Gedankenfolge,
die an erstere angelehnt ist, Ausdruck gibt. Der Traumarbeit
macht es natürlich Schwierigkeiten, die Vorstellungsmittel für
abstrakte Gedanken zu finden.—————
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Die Grenzen der Deutbarkeit
1900-001/1931.3