S.
II
KRANKENGESCHICHTE UND ANALYSE
„Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein Stückchen
Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Krankengeschichte. Wie sie
daraus lesen, hat sich bei ihm in den letzten Tagen eine nervöse
Störung entwickelt, die mich und meine Frau sehr beunruhigt,
weil wir kein Mittel zu ihrer Beseitigung finden konnten. Ich
erbitte mir die Erlaubnis, Sie morgen . . . . zu besuchen, habe
Ihnen aber . . . . das verfügbare Material schriftlich aufgezeichnet.“„Sexuelle Übererregung durch Zärtlichkeit der Mutter hat wohl
den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich nicht
anzugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein Pferd
beißen werde, scheint irgendwie damit zusammenzuhängen, daß
er durch einen großen Penis geschreckt ist – den großen Penis
des Pferdes hat er, wie Sie aus einer früheren Aufzeichnung wissen,
schon zeitig bemerkt, und er hat damals den Schluß gezogen, daß
die Mama, weil sie so groß ist, einen Wiwimacher haben müsse
wie ein Pferd.“„Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er irgendwo
einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze nur an
die Mutter an? Es ist uns nicht angenehm, daß er schon jetzt
anfängt Rätsel aufzugeben. Abgesehen von der Furcht auf die
Gasse zu gehen und der abendlichen Verstimmung ist er übrigens
ganz der Alte, lustig, heiter.“S.
145
Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die ersten
Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern uns
zunächst das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar nicht unsere
Aufgabe, einen Krankheitsfall gleich zu „verstehen“, dies kann
erst später gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke von ihm
geholt haben. Vorläufig lassen wir unser Urteil in Schwebe und
nehmen alles zu Beobachtende mit gleicher Aufmerksamkeit hin.Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jännertagen
dieses Jahres, 1908, stammen, lauten:„Hans (43/4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt der
Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich geschlafen hab’,
hab’ ich gedacht, du bist fort und ich hab’ keine Mammi zum
Schmeicheln (= liebkosen).“„Also ein Angsttraum.“
„Etwas Ähnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden
bemerkt. Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt
und machte einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber
keine Mammi hab’, wenn du fortgehst, oder ähnlich; ich habe
den Wortlaut nicht in Erinnerung. Wenn er in einer solchen
elegischen Stimmung war, wurde er leider immer von der Mama
ins Bett genommen.“„Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und
sagte bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. gesagt hat:
„Er hat aber ein liebes Pischl!1)“ (Tante M. hatte vor 4 Wochen
bei uns gewohnt; sie sah einmal zu, wie meine Frau den Knaben
badete, und sagte Obiges tatsächlich leise zu meiner Frau. Hans
hat es gehört und suchte es zu verwerten.)“„Am 7. Jänner geht er mit den Kindermädchen wie gewöhnlich
in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinen und verlangt,
daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mit der Mammi1)Pischl = Genitale. Liebkostungen der Kindergenitalien in Worten oder auch
Tätlichkeiten von seiten zärtlicher Verwandter, mitunter auch der Eltern selbst, gehören
zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen, von denen die Psychoanalysen voll sind.
Freud, VIII.S.
146
„schmeicheln“. Zu Hause befragt, weshalb er nicht weiter gehen
wollte und geweint hat, will er es nicht sagen. Bis zum Abend
ist er heiter wie gewöhnlich; abends bekommt er sichtlich Angst,
weint und ist von der Mama nicht fortzubringen; er will wieder
schmeicheln. Dann wird er wieder heiter und schläft gut.“
„Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazieren gehen,
um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schönbrunn,
wohin er sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen, will
nicht weggehen, fürchtet sich. Schließlich geht er doch, hat aber
auf der Straße sichtlich Angst. Auf der Rückfahrt von Schönbrunn
sagt er nach vielem Sträuben zur Mutter: Ich hab’ mich gefürchtet,
daß mich ein Pferd beißen wird. (Tatsächlich wurde er in
Schönbrunn unruhig, als er ein Pferd sah.) Abends soll er wieder
einen ähnlichen Anfall bekommen haben wie tags vorher, mit
Verlangen zu schmeicheln. Man beruhigt ihn. Er sagt weinend:
„Ich weiß, ich werde morgen wieder spazieren gehen müssen,“
und später: „Das Pferd wird ins Zimmer kommen.“
Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du vielleicht die
Hand zum Wiwimacher?“ Darauf sagt er: „Ja jeden Abend, wenn
ich im Bett bin.“ Am nächsten Tage, 9. Jänner, wird er vor dem
Nachmittagsschlaf gewarnt, die Hand zum Wiwimacher zu geben.
Nach dem Aufwachen befragt, sagt er, er hat sie doch für kurze
Zeit hingegeben.“
Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wir
merken ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinander
zu sondern. Das Material erscheint uns übrigens zur Orientierung
vollkommen ausreichend und kein anderer Zeitpunkt ist dem
Verständnisse so günstig wie ein solches, leider meist vernachlässigtes
oder verschwiegenes Anfangsstadium. Die Störung setzt mit ängstlich-
zärtlichen Gedanken und dann mit einem Angsttraum ein. Inhalt
des letzteren: Die Mutter zu verlieren, so daß er mit ihr nicht
schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit für die Mutter muß sich also
enorm gesteigert haben. Dies das Grundphänomen des Zustandes.S.
147
Erinnern wir uns noch zur Bestätigung der beiden Verführungs-
versuche, die er gegen die Mutter unternimmt, von denen der
erste noch in den Sommer fällt, der zweite, knapp vor dem
Ausbruche der Straßenangst, einfach eine Empfehlung seines Genitales
enthält. Diese gesteigerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die
in Angst umschlägt, die, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt.
Wir wissen noch nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt;
vielleicht erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden
Intensität der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir
noch nicht erkennen, dabei mit. Wir werden es weiterhin erfahren.
Diese, verdrängter erotischer Sehnsucht entsprechende, Angst ist
zunächst wie jede Kinderangst objektlos, noch Angst und nicht
Furcht. Das Kind kann nicht wissen, wovor es sich fürchtet, und
wenn Hans auf dem ersten Spaziergange mit dem Mädchen nicht
sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß er es eben noch nicht.
Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama auf der Straße fehlt,
mit der er schmeicheln kann, und daß er nicht von der Mama
weg will. Er verrät da in aller Aufrichtigkeit den ersten Sinn
seiner Abneigung gegen die Straße.Auch seine, an zwei Abenden hintereinander vor dem Schlafen-
gehen wiederholten, ängstlichen und noch deutlich zärtlich getönten
Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung eine Phobie
vor der Straße oder dem Spaziergange oder gar vor den Pferden
noch gar nicht vorhanden ist. Der abendliche Zustand würde
dann unerklärlich; wer denkt vor dem Zubettgehen an Straße
und Spaziergang? Hingegen ist es vollkommen durchsichtig, daß
er abends so ängstlich wird, wenn ihn vor dem Zubettgehen die
Libido, deren Objekt die Mutter ist, und deren Ziel etwa sein
könnte, bei der Mutter zu schlafen, verstärkt überfällt. Er hat
doch die Erfahrung gemacht, daß die Mutter sich durch solche
Stimmungen in Gmunden bewegen ließ, ihn in ihr Bett zu
nehmen, und er möchte dasselbe hier in Wien erreichen. Neben-
bei vergessen wir nicht daran, daß er in Gmunden zeitweise mitS.
148
der Mutter allein war, da der Vater nicht die ganzen Ferien
dort verbringen konnte; ferner daß sich dort seine Zärtlichkeit
auf eine Reihe von Gespielen, Freunde, Freundinnen, verteilt
hatte, die ihm hier abgingen, so daß die Libido wieder un-
geteilt zur Mutter zurückkehren konnte.Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie ist
nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht auch für
etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Befriedigung verwandeln,
wenn man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der Angst nützt
diese Therapie nichts mehr, sie bleibt, auch wenn die Sehnsucht
befriedigt sein könnte, sie ist nicht mehr voll in Libido zurück-
zuverwandeln; die Libido wird durch irgend etwas in der Ver-
drängung zurückgehalten1). Dies zeigt sich bei Hans auf dem
nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm macht. Er ist jetzt
mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte Sehnsucht
nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt sich ja doch zum
Spaziergange bewegen, während er das Dienstmädchen zum Um-
kehren gezwungen hat; auch ist die Straße nicht der richtige Ort
fürs „Schmeicheln“, oder was der kleine Verliebte sonst möchte.
Aber die Angst hat die Probe bestanden und muß jetzt ein Objekt
finden.Auf diesem Spaziergange äußert er zunächst die Furcht, daß
ihn ein Pferd beißen werde. Woher das Material dieser Phobie
stammt? Wahrscheinlich aus jenen noch unbekannten Komplexen,
die zur Verdrängung beigetragen haben und die Libido zur Mutter
im verdrängten Zustand erhalten. Das ist noch ein Rätsel des
Falles, dessen weitere Entwicklung wir nun verfolgen müssen, um
die Lösung zu finden.Gewisse Anhaltspunkte, die wahrscheinlich
verlässlich sind, hat uns der Vater schon gegeben, daß er die
Pferde wegen ihrer großen Wiwimacher immer mit Interesse
beobachtet, daß er angenommen, die Mama müsse einen Wiwi-1)Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstlich-sehnsüchtige Empfindung von
dem Momente an eine pathologische Angst, wenn sie nicht mehr durch die Zu-
führung des ersehnten Objektes aufzuheben ist.S.
149
macher haben wie ein Pferd u. dgl. So könnte man meinen, das
Pferd sei nur ein Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen,
daß Hans am Abend die Furcht äußert, das Pferd werde ins
Zimmer kommen? Eine dumme Angstidee eines kleinen Kindes,
wird man sagen. Aber die Neurose sagt nichts Dummes, so wenig
wie der Traum. Wir schimpfen immer dann, wenn wir nichts
verstehen. Das heißt, sich die Aufgabe leicht machen.Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem andern
Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede Nacht vor
dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis beschäftigt.
Nun, wird der Praktiker gerne sagen, nun ist alles klar. Das
Kind masturbiert, daher also die Angst. Gemach! Daß das Kind
sich masturbatorisch Lustgefühle erzeugt, erklärt uns seine Angst
keineswegs, macht sie vielmehr erst recht rätselhaft. Angst-
zustände werden nicht durch Masturbation, überhaupt nicht durch
Befriedigung hervorgerufen. Nebenbei dürfen wir annehmen, daß
unser Hans, der jetzt 43/4 Jahre alt ist, sich dieses Vergnügen
gewiß schon seit einem Jahre (vgl. p. 151) allabendlich gönnt,
und werden erfahren, daß er sich gerade jetzt im Abge-
wöhnungskampfe befindet, was zur Verdrängung und Angst-
bildung besser paßt.Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen
wir Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen
Schein von Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und all-
zu häufige Bereitwilligkeit, das Kind ins Bett zu nehmen, den
Ausbruch der Neurose herbeigeführt; wir könnten ihr ebensowohl
den Vorwurf machen, daß sie durch ihre energische Abweisung
seiner Werbungen („das ist eine Schweinerei“) den Eintritt der
Verdrängung beschleunigt habe. Aber sie spielt eine Schicksals-
rolle und hat einen schweren Stand.Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen solle,
das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts. Die
Wahrheit sei, daß er die Mama so gern habe und von ihr insS.
150
Bett genommen werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher der
Pferde so sehr interessiert habe, darum fürchte er sich jetzt vor
den Pferden. Er habe gemerkt, es sei unrecht, sich mit dem
Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv zu beschäftigen,
und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner schlug ich dem
Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung zu betreten. Da
wir nach der Vorgeschichte des Kleinen annehmen durften, seine
Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher der Mama zu sehen,
so solle er ihm dieses Ziel durch die Mitteilung entziehen, daß
die Mama und alle anderen weiblichen Wesen, wie er ja von
der Hanna wissen könne, – einen Wiwimacher überhaupt nicht
besitzen. Letztere Aufklärung sei bei passender Gelegenheit im
Anschlusse an irgend eine Frage oder Äußerung von Hans zu
erteilen.Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die
Zeit vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird
bald ihre Erklärung finden.„Der Aufklärung1) folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans ohne
besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den Stadt-
park spazieren zu gehen. Seine Furcht vor Pferden verwandelt
sich mehr und mehr in den Zwang, auf Pferde hinzusehen. Er
sagt: „Ich muß auf die Pferde sehen und dann fürchte ich mich.“
„Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett
fesselt, verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht zu
bewegen ist, auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon.
Sonntags fährt er jede Woche mit mir nach Lainz2), weil an
diesem Tage wenig Wagen auf der Straße zu sehen sind, und
er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg hat. In Lainz weigert
er sich einmal, aus dem Garten heraus spazieren zu gehen, weil
ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren Woche,1)Was seine Angst bedeute; noch nichts über den Wiwimacher der Frauen.
2)Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen.
S.
151
die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten
wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar
auf den Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er
zum Haustor kommt, rasch wieder um.“„Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum
Bahnhofe folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu erklären,
daß Pferde nicht beißen. Er: „Aber weiße Pferde beißen; in
Gmunden ist ein weißes Pferd, das beißt. Wenn man die Finger
hinhält, beißt es.“ (Es fällt mir auf, daß er sagt: die Finger
anstatt: die Hand). Er erzählt dann folgende Geschichte, die ich
hier zusammenhängend wiedergebe: „Wie die Lizzi hat weg-
fahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor
ihrem Hause gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen
sollte. (Lizzi ist, wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem
Nachbarhause wohnte.) Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestanden
und das Pferd hat den Kopf hingewendet (um ihn zu berühren),
und er hat zur Lizzi gesagt: Gib nicht die Finger zum
weißen Pferd, sonst beißt es dich“. Ich sage darauf: „Du,
mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern ein
Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll.“Er: „Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht.“
Ich: „Vielleicht doch,“ worauf er mir lebhaft beweisen will,
daß es wirklich ein weißes Pferd war1).“Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet:
„Weißt du was? Die Dummheit“ – so nennt er seine Phobie –
wird schwächer werden, wenn du öfter spazieren gehst. Jetzt
ist sie so stark, weil du nicht aus dem Hause herausgekommen
bist, weil du krank warst.“Er: „O nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die
Hand zum Wiwimacher gebe jede Nacht.“
1)Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier eine wirkliche Be-
gebenheit erzählt hat. – Die Juckempfindungen an der Eichel, welche die Kinder zur
Berührung veranlassen, werden übrigens in der Regel so beschrieben: Es beißt mich.S.
152
Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin, der
Onanieangewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des
gegenwärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht
an Anzeichen für die Bedeutung anderer Momente.„Am 5. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten, das
sein besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim Zimmer-
reinigen aufsitzen läßt, nennt er sie nur „mein Pferd“ und hält
sie immer am Rock, „Hüoh“ rufend. Am 10. März etwa sagt
er zu diesem Kindermädchen: „Wenn Sie das oder das tun,
müssen Sie sich ganz ausziehen, auch das Hemd.“ (Er meint,
zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter den Wunsch zu erkennen.)
Sie: „No, was ist da dran? So werd’ ich mir denken, ich
hab’ kein Geld auf Kleider.“Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch den
Wiwimacher.“Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und wie
es den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer moralisierenden
Tendenz verdeckt!„Am 13. März früh sage ich zu Hans: „Weißt du, wenn du
nicht mehr die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dumm-
heit schon schwächer werden.“Hans: „Aber ich geb’ die Hand nicht mehr zum Wiwimacher.“
Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben.“
Hans: „Ja, das schon, aber ‚möchten‘ ist nicht ‚tun‘, und ‚tun‘
ist nicht ‚möchten‘.“ (!!)Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute
einen Sack zum Schlafen.“„Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar, sagt
aber, durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes
sichtlich gehoben: „No morgen, wenn ich den Sack haben
werde, wird die Dummheit weg sein.“ Er fürchtet sich tat-
sächlich vor Pferden viel weniger und läßt Wagen ziemlich
ruhig vorüberfahren.“S.
155
„Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen,
mit mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich geht
er doch mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige Wagen
fahren, sichtlich wohl und sagte: „Das ist gescheit, daß der
liebe Gott das Pferd schon ausgelassen hat.“ Auf dem Wege er-
kläre ich ihm, daß seine Schwester keinen Wiwimacher hat wie
er. Mäderl und Frauen haben keinen Wiwimacher. Die Mammi
hat keinen, die Anna nicht usw.“Hans: „Hast du einen Wiwimacher?“
Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?“
Hans: (Nach einer Pause) „Wie machen aber Mäderl Wiwi,
wenn sie keinen Wiwimacher haben?“Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast du
noch nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?“„Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten usw.
Erst gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint sich
vor Pferden zu fürchten.“„Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach
Schmeicheln schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten
Tage wird er von der Mama in der Stadt mitgenommen, hat
auf der Gasse große Furcht. Tags darauf bleibt er zu Hause
und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen kommt er gegen
6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt er:
„Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben.
Da hab’ ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und
sie hat den Wiwimacher sehen lassen. Ich hab’ der Grete1),
meiner Grete, gezeigt, was die Mama macht, und hab’ ihr
meinen Wiwimacher gezeigt. Dann hab’ ich die Hand schnell
vom Wiwimacher weggegeben.“ Auf meinen Einwand, es kann
nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt Hans: „Sie war
1)Grete ist eines der Gmundner Mäderl, von der Hans gerade jetzt phantasiert;
er spricht und spielt mit ihr.S.
154
im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den Wiwi-
macher gesehen hab‘.“Das ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem
Traume äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun
läßt, dient offenbar zu seiner Rechtfertigung: „Wenn die Mammi
den Wiwimacher zeigt, darf ich es auch.“Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens,
daß der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf
ihn geübt hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten
keinen Wiwimacher, von ihm zunächst nicht akzeptiert wird.
Er bedauert es, daß es so sein soll, und hält in der Phantasie
an ihm fest. Vielleicht hat er auch seine Gründe, dem Vater
fürs erste den Glauben zu versagen.Wochenbericht des Vaters: „Geehrter Herr Professor! Anbei
folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein ganz
interessantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie Montag
in der Ordination aufzusuchen und womöglich Hans mitbringen
– vorausgesetzt, daß er geht. Ich hab‘ ihn heute gefragt: „Willst
du Montag mit mir zu dem Professor gehen, der dir die Dumm-
heit wegnehmen kann?“Er: „Nein.“
Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl.“ – Darauf hat
er bereitwillig und freudig zugestimmt.“„Sonntag, 22. März. Um das Sonntagsprogramm zu erweitern,
schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu fahren und erst
mittags von dort nach Lainz. Er hat also nicht bloß den Weg
von der Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt zu Fuß
zurückzulegen, sondern auch von der Station Hietzing nach Schön-
brunn und von dort wieder zur Dampftramwaystation Hietzing,
was er auch absolviert, indem er, wenn Pferde kommen, eiligst
wegschaut, da ihm offenbar ängstlich zu Mute ist. Mit dem
Wegschauen befolgt er einen Rat der Mama.“S.
155
„In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst furcht-
los angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich die
Giraffe befindet, absolut nicht hinein, will auch zum Elefanten
nicht, der ihm sonst viel Spaß gemacht hat. Er fürchtet sich vor
allen großen Tieren, während er sich bei den kleinen sehr unter-
hält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal auch den Pelikan,
was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen seiner Größe.“„Ich sage ihm daraufhin: Weißt du, warum du dich vor den
großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen Wiwi-
macher, und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen Wiwi-
macher.“Hans: „Aber ich habe noch nie von den großen Tieren den
Wiwimacher gesehen1).“Ich: „Aber vom Pferde doch und das Pferd ist auch ein
großes Tier.“Hans: „Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der Wagen
vor dem Hause gestanden ist, einmal vor dem Hauptzollamt.“Ich: „Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in Gmunden
in einen Stall gegangen ……“Hans (unterbrechend): „Ja, jeden Tag, wenn in Gmunden die
Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall gegangen.“Ich: „– und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du
einmal den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber
davor brauchst du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben
große Wiwimacher, kleine Tiere kleine Wiwimacher.“Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der Wiwi-
macher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja an-
gewachsen.“„Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen scheint
die Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors Haustor,
wohin man ihn nach dem Essen führt.“
1)Das ist falsch. Vergleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfig. p. 152. Wahrscheinlich
beginnendes Vergessen infolge der Verdrängung.S.
156
Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht auf die Situation und
gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein wenig zu korrigieren.
Es ist wahr, daß er bei den großen Tieren Angst hat, weil er an
deren großen Wiwimacher denken muß, aber man kann eigentlich
nicht sagen, daß er sich vor dem großen Wiwimacher selbst
fürchtet. Die Vorstellung eines solchen war ihm früher entschieden
lustbetont, und er versuchte mit allem Eifer, sich dessen Anblick
zu verschaffen. Dies Vergnügen ist ihm seither verleidet worden
durch die allgemeine Verkehrung von Lust in Unlust, die – auf
noch nicht aufgeklärte Weise – seine ganze Sexualforschung be-
troffen hat, und was uns deutlicher ist, durch gewisse Erfahrungen
und Erwägungen, die zu peinlichen Ergebnissen führten. Aus
seiner Tröstung: Der Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich
größer werde, läßt sich schließen, daß er bei seinen Beobachtungen
beständig verglichen hat und von der Größe seines eigenen Wiwi-
machers sehr unbefriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern
ihn die großen Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm
sind. Weil aber der ganze Gedankengang wahrscheinlich nicht
klar bewußt werden kann, wandelt sich auch diese peinliche
Empfindung in Angst, so daß seine gegenwärtige Angst sich auf
der ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust aufbaut. Wenn
einmal der Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die Angst alle
anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrängung, je
mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstellungen ins
Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst verwandeln.Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja angewachsen,“
läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten, was er nicht
aussprechen kann, auch in dieser Analyse nicht ausgesprochen hat.
Ich ergänze da ein Stück nach meinen Erfahrungen aus den
Analysen Erwachsener, aber ich hoffe, die Einschaltung wird nicht
als eine gewaltsame und willkürliche beurteilt werden. „Er ist ja
angewachsen“: wenn das zum Trutze und Troste gedacht ist, so
läßt es an die alte Drohung der Mutter denken, sie werde ihmS.
157
den Wiwimacher abschneiden lassen, wenn er fortfahre, sich mit
ihm zu beschäftigen. Diese Drohung blieb damals, als er 31⁄2 Jahre
alt war, wirkungslos. Er antwortete ungerührt, dann werde er
aber mit dem Popo Wiwi machen. Es wäre durchaus das typische
Verhalten, wenn die Drohung mit der Kastration jetzt nach-
träglich zur Wirkung käme, und er jetzt, 11⁄4 Jahre später, unter
der Angst stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man
kann solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen
in der Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo
das Intervall ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich
kenne Fälle, in denen der „nachträgliche Gehorsam“ der
Verdrängung den wesentlichen Anteil an der Determinierung der
Krankheitssymptome hat.Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß Frauen
wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschütternd auf
sein Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastrationskomplex
gewirkt haben. Darum sträubte er sich auch gegen sie, und darum
blieb ein therapeutischer Erfolg dieser Mitteilung aus: Soll es also
wirklich lebende Wesen geben, die keinen Wiwimacher besitzen?
Dann wäre es ja nicht mehr so unglaublich, daß man ihm den Wiwi-
macher wegnehmen, ihn gleichsam zum Weibe machen könnte!1)
„In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans dadurch,
daß er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und zu uns1)Ich kann den Zusammenhang nicht so weit unterbrechen, um darzutun, wieviel
Typisches an diesen unbewußten Gedankengängen ist, die ich hier dem kleinen Hans
zumute. Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus,
denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis –
er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht,
den Juden zu verachten. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere
unbewußte Wurzel. Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte junge
Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Geschlecht und Charakter“ sein
Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem vielbemerken Kapitel den Juden
und das Weib mit der gleichen Feindschaft bedacht und mit den nämlichen Schmähungen
überhäuft. Weininger stand als Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler
Komplexe; die Beziehung zum Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe
dort Gemeinsame.S.
158
ins Bett kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett von unserem
Schlafzimmer getrennt. Wir fragen ihn, weshalb; ob er sich vielleicht
gefürchtet habe. Er sagt: „Nein, ich werde es morgen sagen,“ schläft
in unserem Bette ein und wird dann in seines zurückgetragen.“„Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu erfahren,
weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es entwickelt
sich nach einigem Sträuben folgender Dialog, den ich sofort steno-
graphisch festlege:Er: „In der Nacht war eine große und eine zerwutzelte
Giraffe im Zimmer, und die große hat geschrien, weil
ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab’. Dann hat sie
aufgehört zu schreien, und dann hab’ ich mich auf die
zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie war das?“
Er: „Ja.“ (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen und
sagt mir:) „So war sie zerwutzelt.“Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf-
gesetzt? Wie?“„Er zeigt mir’s wieder, setzt sich auf die Erde.“
Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?“
Er: „Das weiß ich selber nicht.“
Ich: „Hast du dich gefürchtet?“
Er: „Nein, bestimmt nicht.“
Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?“
Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab’ mir’s gedacht – das
Ganze hab’ ich mir gedacht – aufgekommen war ich schon früher.“Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du weißt
ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann wie ein
Stück Papier.“Er: „Ich weiß’ ja. Ich hab’s halt geglaubt. Es gibt’s ja eh
net auf der Welt.1) Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf dem1)Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine Phantasie.
S.
159
Fußboden, und ich hab’ sie weggenommen, mit den Händen
genommen.“Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen
nehmen?“Er: „Die zerwutzelte hab’ ich mit der Hand genommen.“
Ich: „Wo war die große unterdessen?“
Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden.“
Ich: „Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?“
Er: „Ich hab’ sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis die
große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum schreien
aufgehört hat, hab’ ich mich draufgesetzt.“Ich: „Weshalb hat die große geschrien?“
Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab’.“ (Bemerkt,
daß ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du das auf?“)“Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die ,Dumm-
heit‘ wegnehmen kann.“Er: „Aha, da hast du’s doch auch aufgeschrieben, daß sich die
Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem Professor.“Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, daß
man eine Giraffe zerwutzeln kann.“Er: „Sag’ ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird er
nicht fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe ist,
kann er uns ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben
wir gleich, ich weiß es selber nicht.“Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?“
Er: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „Sag’ mir halt schnell, woran du jetzt denkst.“
Seine
WünscheEr (humoristisch): „An einen Himbeersaft.“
Ich: „Was noch?“
Er: „Ein Gewehr zum Totschießen.“
1)Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit, die klassische Technik der
Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber was sie ergibt, kann doch im
Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll werden.S.
160
Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?“
Er: „Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt.“
„Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange gebeten,
ich soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen bin.
Ich hab’s aber nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor der
Mammi geschämt hab’.“
Ich: „Weshalb?“
Er: „Das weiß ich nicht.“
„Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag in-
quiriert, bis er die Giraffengeschichte erzählt hat.“
Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der
Giraffenphantasie.
„Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis (der
lange Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive ihr
Glied, was also der Erfolg der Aufklärung ist.“
„Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er ein
Bild einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette hängen.“
„Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich fast
jeden Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans kommt
in der Früh immer zu uns, und meine Frau kann es dann
nicht unterlassen, ihn für einige Minuten zu sich ins Bett zu
nehmen. Daraufhin fange ich immer an sie zu warnen, sie möge
ihn nicht zu sich nehmen („die große hat geschrien, weil ich
ihr die zerwutzelte weggenommen hab’“), und sie erwidert hie
und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine Minute
sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze Zeit bei
ihr. („Dann hat die große Giraffe aufgehört zu schreien und
dann hab’ ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“)
„Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Eheszene
ist also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama be-
kommen, nach ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist des-
halb ins Schlafzimmer gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung
der Pferdefurcht.“S.
161
Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzu-
zufügen: „Das Draufsetzen“ ist wahrscheinlich Hansens Dar-
stellung des Besitzergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutz-
phantasie, die mit Befriedigung an den Sieg über den väterlichen
Widerstand anknüpft. „Schrei, soviel du willst, die Mammi nimmt
mich doch ins Bett und die Mammi gehört mir.“ Es läßt sich
also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater vermutet: die
Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwi-
macher mit dem des Vaters nicht messen kann.Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung
seiner Deutung.„Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In der
Tür verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft: „Adieu,
große Giraffe.“ Hans fragt: „Warum Giraffe?“ Darauf ich: „Die
Mammi ist die große Giraffe,“ worauf Hans sagt: „Nicht wahr,
und die Hanna ist die zerwutzelte Giraffe?“„Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie, worauf er
sagt: Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich sei die große
Giraffe, der lange Hals habe ihn an einen Wiwimacher erinnert,
sagt er: „Die Mammi hat auch einen Hals wie eine Giraffe, das hab’
ich gesehen, wie sie sich den weißen Hals gewaschen hat.“1)„Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt:
„Du, heut hab’ ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste? Ich
bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und dann
sind wir unter den Stricken durchgekrochen, und das haben wir
dann dem Wachmanne beim Eingang des Gartens gesagt, und
der hat uns zusammengepackt.“ Das zweite hat er vergessen.„Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen
gehen wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt,
1)Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf Vater und Mutter,
nicht die sexuelle Symbolik, die in der Giraffe selbst eine Vertretung des Penis
erblicken will. Wahrscheinlich hat diese Symbolik recht, aber von Hans kann man
wahrlich nicht mehr verlangen.S.
162
so daß wir nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert,
daß man einen Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter
dem man doch leicht durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, an
ständige Menschen kriechen nicht unter den Strick. Er meinte,
es ist ja ganz leicht, worauf ich erwiderte, es kann dann ein
Wachmann kommen, der einen fortführt. Am Eingange von
Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich Hans einmal
gesagt habe, der arretiert schlimme Kinder.“„Nach der Rückkehr von dem Besuche bei Ihnen, der am selben
Tage vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen Gelüste, Verbotenes
zu tun. „Du, heut früh hab' ich mir wieder etwas gedacht.“ „Was?“
„Ich bin mit dir in der Eisenbahn gefahren und wir haben ein
Fenster zerschlagen und der Wachmann hat uns mitgenommen.“Die richtige Fortsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt, daß
es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen; er ist
auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für verboten an
sich. Bei den verbotenen Streichen, die er in der Phantasie aus
führt, ist jedesmal der Vater dabei und wird mit ihm eingesperrt.
Der Vater, meint er, tut doch auch jenes rätselhafte Verbotene
mit der Mutter, das er sich durch etwas Gewaltätiges wie das
Zerschlagen einer Fensterscheibe, durch das Eindringen in einen
abgeschlossenen Raum, ersetzt.An diesem Nachmittage besuchten mich Vater und Sohn in
meiner ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen Knirps
schon und hatte ihn, der in seiner Selbstsicherheit doch so
liebenswürdig war, jedesmal gern gesehen. Ob er sich meiner
erinnerte, weiß ich nicht, aber er benahm sich tadellos, wie ein
ganz vernünftiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Die
Konsultation war kurz. Der Vater knüpfte daran an, daß trotz
aller Aufklärungen die Angst vor den Pferden sich noch nicht
gemindert habe. Wir mußten uns auch eingestehen, daß die
Beziehungen zwischen den Pferden, vor denen er sich ängstigte,
und den aufgedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die MutterS.
163
wenig ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß
ihn besonders geniere, was die Pferde vor den Augen haben,
und das Schwarze um deren Mund, ließen sich von dem aus,
was wir wußten, gewiß nicht erklären. Aber als ich die beiden
so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderung seiner Angst-
pferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung durch
den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater ent-
gehen konnte. Ich fragte Hans scherzend, ob seine Pferde Augen-
gläser tragen, was er verneinte, dann ob sein Vater Augen-
gläser trage, was er gegen alle Evidenz wiederum verneinte, ob
er mit dem Schwarzen um den „Mund“ den Schnurrbart meine,
und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor seinem Vater, eben
weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben, daß ihm
der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr, der Vater
habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos alles bekennen.
Lange, ehe er auf der Welt war, hätte ich schon gewußt, daß
ein kleiner Hans kommen werde, der seine Mutter so lieb hätte,
daß er sich darum vor dem Vater fürchten müßte, und hätte
es seinem Vater erzählt. „Warum glaubst du denn, daß ich böse
auf dich bin,“ unterbrach mich hier der Vater, „habe ich dich
denn je geschimpft oder geschlagen?“ „O ja, du hast mich
geschlagen,“ verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann denn?“
„Heute Vormittag“ mahnte der Kleine, und der Vater erinnerte
sich, daß Hans ihn ganz unerwartet mit dem Kopfe in den Bauch
gestoßen, worauf er ihm wie reflektorisch einen Schlag mit der
Hand gegeben. Es war bemerkenswert, daß er dieses Detail nicht
in den Zusammenhang der Neurose aufgenommen hatte; er ver-
stand es aber jetzt als Ausdruck der feindseligen Disposition des
Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als Äußerung des Bedürfnisses,
sich dafür eine Bestrafung zu holen.1)1)Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater später in deutlicherer
und vollständigerer Weise, indem er dem Vater zuerst einen Schlag auf die Hand
gab und dann dieselbe Hand zärtlich küßte.S.
164
Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht denn
der Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vorher
wissen kann?“ Ich wäre auf diese Anerkennung aus Kindermund
außerordentlich stolz, wenn ich sie nicht durch meine scherz-
haften Prahlereien selbst provoziert hätte. Ich erhielt von dieser
Konsultation an fast täglich Berichte über die Veränderungen
im Befinden des kleinen Patienten. Es stand nicht zu erwarten,
daß er durch meine Mitteilung mit einem Schlage angstfrei
werden könnte, aber es zeigte sich, daß ihm nun die Möglich-
keit gegeben war, seine unbewußten Produktionen vorzubringen
und seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an ein Programm
aus, das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen konnte.„Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung festzu-
stellen. Während er bisher nie zu bewegen war, für längere
Zeit vors Haustor zu gehen, und immer, wenn Pferde kamen,
mit allen Zeichen des Schreckens zurück ins Haus rannte, bleibt
er diesmal eine Stunde vor dem Haustore, auch wenn Wagen
vorüberfahren, was bei uns ziemlich häufig vorkommt. Hie und
da läuft er, wenn er von ferne einen Wagen kommen sieht,
ins Haus, kehrt jedoch sofort um, als ob er sich anders besinnen
würde. Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst vorhanden und
der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu verkennen.“„Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen, werden
wir auch in den Stadtpark gehen.“„Am 3. April kommt er früh zu mir ins Bett, während er die
letzten Tage nicht mehr gekommen war und sogar stolz auf diese Ent-
haltung schien. Ich frage: „Weshalb bist du denn heute gekommen?“
Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht
mehr kommen.“Ich: „Du kommst also zu mir, weil du dich fürchtest?“
Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn
ich nicht bei dir im Bette bin, da fürcht’ ich mich. Bis ich
mich nicht mehr fürchten werde, komme ich nicht mehr.“S.
165
Ich: „Du hast mich also gern und dir ist bange, wenn du
früh in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?“Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab’ die Mammi
gern, und ich fürcht’ mich deshalb, wenn ich dich gern hab?“Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit. Er
gibt zu erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit der
Feindseligkeit gegen den Vater infolge seiner Nebenbuhlerrolle
bei der Mutter ringt, und macht dem Vater den Vorwurf, daß
er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das in Angst auslaufen mußte,
nicht aufmerksam gemacht hat. Der Vater versteht ihn noch
nicht ganz, denn er holt sich erst während dieser Unterhaltung
die Überzeugung von der Feindseligkeit des Kleinen gegen ihn,
die ich bei unserer Konsultation behauptet hatte. Das Folgende,
das ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich bedeutsamer für
die Aufklärung des Vaters als für den kleinen Patienten.„Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner Be-
deutung aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat, will er
mich offenbar weghaben, dann ist er an Vaters Stelle. Dieser
unterdrückte feindliche Wunsch wird zur Angst um den Vater,
und er kommt früh zu mir, um zu sehen, ob ich fort bin. Ich
habe das leider in diesem Momente noch nicht verstanden und
sage ihm:„Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir und du
kommst zu mir.“Hans: „Wenn du weg bist, fürcht’ ich mich, daß du nicht
nach Hause kommst.“Ich: „Hab’ ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach
Hause komme?“Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir gesagt,
daß sie sie nicht mehr kommt.“ (Wahrscheinlich war er schlimm,
und sie hat ihm mit dem Weggehen gedroht.)Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst.“
Hans: „Ja.“
S.
166
Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh’ weg, weil du schlimm
warst, deshalb kommst du zu mir.“„Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf Hans sagt:
Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn“ anstatt „lauf“ sagt,
fällt mir auf und ich repliziere: „Oha, du fürchtest dich, das
Pferd rennt dir davon.“ Wozu er lacht.Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt gefügt
ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater. Die erstere
stammt von der Feindseligkeit gegen den Vater, die andere von
dem Konflikte der Zärtlichkeit, die hier reaktionsweise übertrieben
wird, mit der Feindseligkeit.Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anfang eines wichtigen
Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus traut, vom Hause aber
nicht weggeht, daß er beim ersten Anfalle der Angst auf der Hälfte
des Weges umkehrt, ist motiviert durch die Furcht, die Eltern nicht
zu Hause zu treffen, weil sie weggegangen sind. Er klebt am Hause
aus Liebe zur Mutter, er fürchtet sich, daß ich weggehe, aus feind-
lichen Wünschen gegen mich, dann wäre er der Vater.“„Im Sommer bin ich wiederholt von Gmunden nach Wien
weggefahren, weil es der Beruf erforderte, dann war er der Vater.
Ich erinnere daran, daß die Pferdeangst an das Erlebnis in
Gmunden anknüpft, als ein Pferd das Gepäck der Lizzi auf den
Bahnhof bringen sollte. Der verdrängte Wunsch, ich solle auf
den Bahnhof fahren, dann ist er mit der Mutter allein („das
Pferd soll wegfahren“), wird dann zur Angst vor dem Wegfahren
der Pferde, und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst, als
wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegenden Hofe des Haupt-
zollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in Bewegung setzen.“„Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen den Vater)
konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß ich nicht böse
bin, weil er die Mama so gerne hat.“„Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor; er geht
wieder vors Haus und bleibt auch daselbst, wenn Wagen fahren, nurS.
167
bei einzelnen Wagen hat er Angst und läuft in den Hausflur. Er
erklärt mir auch: „Nicht alle weißen Pferde beißen;“ d. h.: durch die
Analyse sind bereits einige weiße Pferde als ‚Vatti‘ erkannt worden,
die beißen nicht mehr, allein es bleiben noch andere zum Beißen.“
„Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: Gegenüber
ist das Lagerhaus des Verzehrungsteueramtes mit einer Ver-
ladungsrampe, wo den ganzen Tag über Wagen vorfahren, um
Kisten u. dgl. abzuholen. Gegen die Straße sperrt ein Gitter
diesen Hofraum. Vis-à-vis von unserer Wohnung ist das Einfahrtstor
des Hofraumes (Fig. 2). Ich bemerke schon seit einigen Tagen,Fig. 2.
daß Hans sich besonders fürchtet, wenn Wagen aus dem Hofe heraus-
oder hineinfahren, wobei sie eine Schwenkung machen müssen. Ich
habe seinerzeit gefragt, warum er sich so fürchtet, worauf er sagt:
„Ich fürcht’ mich, daß die Pferde umfallen, wenn der
Wagen umwendet (A).“ Ebensosehr fürchtet er sich, wenn Wagen,
die bei der Verladungsrampe stehen, sich plötzlich in Bewegung
setzen, um fortzufahren (B). Er fürchtet sich ferner (C) vor großen
Lastpferden mehr als vor kleinen Pferden, vor bäuerischen Pferden
mehr als vor eleganten (wie z. B. Fiaker-)Pferden. Auch fürchtet
er sich mehr, wenn ein Wagen schnell vorüberfährt (D), als wenn
die Pferde langsam dahertrotten. Diese Differenzierungen sind natür-
lich erst in den letzten Tagen deutlich hervorgetreten.“Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der
Patient, sondern auch seine Phobie mehr Courage bekommen
und wagt es sich zu zeigen.S.
168
„Am 5. April kommt Hans wieder ins Schlafzimmer und wird
in sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „Solange du früh ins
Zimmer kommst, wird die Pferdeangst nicht besser werden.“ Er
trotzt aber und antwortet: „Ich werde doch kommen, auch wenn
ich mich fürchte.“ Er will sich also den Besuch bei der Mama
nicht verbieten lassen.“„Nach dem Frühstück sollen wir hinuntergehen. Hans freut
sich sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich vor dem
Haustore zu bleiben, über die Gasse in den Hofraum zu gehen,
wo er oft genug Gassenbuben spielen sah. Ich sage ihm, es werde
mich freuen, wenn er hinübergehen werde, und benütze die Gelegen-
heit, um zu fragen, weshalb er sich so fürchte, wenn die beladenen
Wagen sich an der Verladungsrampe in Bewegung setzen (B).“Hans: „Ich fürcht’ mich, wenn ich am Wagen steh’ und der
Wagen geschwind wegfährt, und ich steh’ drauf und ich will
dort auf das Brett gehen (die Verladungsrampe) und ich fahre
mit dem Wagen weg.“Ich: „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich
nicht? Weshalb nicht?“Hans: „Wenn der Wagen steht, geh’ ich geschwind auf den
Wagen und geh’ auf das Brett.“„(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungsrampe
zu klettern und fürchtet sich, daß der Wagen davonfährt, wenn
er auf dem Wagen oben ist.)“Fig. 3.
Ich: „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr nach
Hause kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?“S.
169
Hans: „O nein; ich kann ja immer noch zur Mama kommen,
mit dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann ihm ja auch
die Hausnummer sagen.“Ich: „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?“
Hans: „Das weiß ich nicht, der Professor wird’s aber wissen.
Glaubst du, daß er es wissen wird?“Ich: „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?“
Hans: „Weil ich noch nie drüben war, und da hab’ ich so
gern wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab’ wollen
hingehen? Weil ich hab’ wollen Gepäck aufladen und einladen
und auf dem Gepäcke dort hab’ ich wollen herumklettern. Da mag
ich so gerne herumklettern. Weißt du, von wem ich das Herum-
klettern gelernt habe? Buben haben auf dem Gepäcke geklettert
und das hab’ ich auch gesehen und das will ich auch machen.“„Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans sich
auch wieder vors Haustor getraute, die wenigen Schritte über die
Gasse in den Hofraum wecken in ihm zu große Widerstände,
weil im Hofe fortwährend Wagen fahren.“Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte Spiel
Hansens mit den beladenen Wagen in eine symbolische, ersetzende
Beziehung zu einem andern Wunsche geraten sein muß, von dem
er noch nichts geäußert hat. Aber dieser Wunsch ließe sich, wenn
es nicht zu kühn schiene, schon jetzt konstruieren.„Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor und zurückgekehrt
frage ich Hans:„Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am meisten?“
Hans: „Vor allen.“
Ich: „Das ist nicht wahr.“
Hans: „Am meisten fürcht’ ich mich vor den Pferden, die am-
Munde so etwas haben.“Ich: „Was meinst du? Das Eisen, das sie im Munde haben?“
Hans: „Nein, sie haben etwas Schwarzes am Munde (deckt-
seinen Mund mit der Hand zu).“S.
170
Ich: „Was, vielleicht einen Schnurrbart?“
Hans (lacht): „O nein.“
Ich: „Haben das alle?“
Hans: „Nein, nur einige.“
Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?“
Hans: „So etwas Schwarzes.“ –
„Ich glaube, es ist in der Realität das
dicke Riemenzeug der Lastpferde über
der Schnauze.“
„Auch vor einem Möbelwagen fürcht’
ich mich am meisten.“
Ich: „Warum?“Fig. 4.
Hans: „Ich glaub’, wenn die Möbelpferde einen schweren Wagen
ziehen, fallen sie um.“
Ich: „Bei einem kleinen Wagen fürchtest du dich also
nicht?“
Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Postwagen
fürcht’ ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwagen kommt, fürcht’
ich mich am meisten.“
Ich: „Warum, weil er so groß ist?“
Hans: „Nein, weil einmal bei so einem Wagen ein Pferd um-
gefallen ist.“
Ich: „Wann?“
Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin trotz
der „Dummheit“, wie ich die Weste gekauft hab’.“
„(Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.)“
Ich: „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd umgefallen ist?“
Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden beim
Stellwagen umfallen.“
Ich: „Bei jedem Stellwagen?“
Hans: „Ja! Und auch beim Möbelwagen. Beim Möbelwagen
nicht so oft.“
Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?“S.
171
Hans: „Nein, ich hab’ sie erst gekriegt. Wie das Pferd vom
Stellwagen umgefallen ist, hab’ ich mich so sehr erschrocken,
wirklich! Wie ich gegangen bin, hab’ ich sie gekriegt.“
Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast, ein
Pferd wird dich beißen, und jetzt sagst du, du hast dich ge-
fürchtet, daß ein Pferd umfallen wird.“
Hans: „Umfallen und beißen wird.“1)
Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?“
Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat (legt
sich auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor). Ich
hab’ mich erschrocken, weil es einen ‚Krawall‘ gemacht hat
mit den Füßen.“Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?“
Hans: „Zuerst am Eislaufplatze, dann im Kaffeehause, dann
eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der Mammi
und dann nach Hause am Abend; da sind wir durch den Stadt-
park durchgegangen.“„(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß un-
mittelbar nachher die Angst ausgebrochen ist).“
Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Woher weißt du das?“
Hans: „Weil ich’s gesehen hab’ (lacht). Nein, es war gar nicht tot.“
Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist.“
Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab’s nur im Spaße gesagt.“
„(Seine Miene war aber damals ernst).“„Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzählt mir nur
noch, daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann vor allen
anderen und zuletzt erst vor Möbelwagenpferden gefürchtet habe.“Auf dem Rückwege nach Lainz noch einige Fragen:
1)Hans hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch klingt. Der Zu-
sammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß das Pferd (der Vater) ihn beißen
werde wegen seines Wunsches, daß es (der Vater) umfallen möge.S.
S.
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 173
„Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt herum,
fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal bindet er
sich ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt läuft er
auf mich zu und beißt mich.“Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener, als er
es mit Worten kann, natürlich aber mit Rollenvertauschung,
da das Spiel im Dienste einer Wunschphantasie steht. Also er
ist das Pferd, er beißt den Vater, übrigens identifiziert er sich
dabei mit dem Vater.„Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in ent-
schiedenster Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, sondern
ganz lustig. Ist es, weil er sich vor mir, dem Pferde, nicht
mehr fürchtet?“„6. April. Am Nachmittage mit Hans vor dem Hause. Ich
frage ihn bei allen Pferden, ob er bei ihnen das „Schwarze am
Munde“ sieht; er verneint es bei allen. Ich frage ihn, wie das
Schwarze eigentlich ausschaut; er sagt, es ist schwarzes Eisen.
Meine erste Vermutung, er meine die dicken Lederriemen des
Geschirres bei den Lastpferden, bestätigt sich also nicht. Ich frage,
ob das „Schwarze“ an einen Schnurrbart erinnert; er sagt: nur durch
die Farbe. Was es in Wirklichkeit ist, weiß ich bis jetzt also nicht.“„Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bis zum
Nachbarhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der Ferne
Pferdetraben hört. Als ein Wagen bei unserem Haustore vor-
fährt und hält, gerät er in Angst und läuft ins Haus, da das
Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich frage ihn, weshalb er sich
fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil es so gemacht habe
(stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt: „Mach’ doch keinen
solchen Krawall mit den Füßen!“ Vergleiche dazu die Äußerung
über das gefallene Stellwagenpferd.“„Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbelwagens.
Er läuft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleichgültig: „Sieht
so ein Möbelwagen eigentlich nicht wie ein Stellwagen aus?“S.
174 Krankengeschichten
Er sagt nichts. Ich wiederhole die Frage. Er sagt dann: „Na
natürlich, sonst würde ich mich nicht so vor einem Möbel-
wagen fürchten.“»7. April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze am
Munde“ der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maulkorb. Das
Merkwürdige ist, daß seit 5 Tagen kein Pferd vorüberkommt,
an dem er diesen „Maulkorb“ konstatieren kann; ich selbst habe
bei keinem Spaziergange ein solches Pferd gesehen, obzwar Hans
beteuert, daß es solche gebe. Ich vermute, daß ihn wirklich eine
Art von Kopfzäumung der Pferde — das dicke Riemenzeug um
den Mund etwa — an einen Schnurrbart erinnert hat, und daß
mit meiner Andeutung auch diese Furcht verschwunden ist.“„Die Besserung Hansens ist konstant, der Radius seines Aktions-
kreises mit dem Haustore als Zentrum größer; er unternimmt
sogar das für ihn bisher unmögliche Kunststück, aufs Trottoir
vis-à-vis hiniiberzulaufen. Alle Furcht, die übrig ist, hängt mit
der Stellwagenszene zusammen, deren Sinn mir allerdings noch
nicht klar ist.“»9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich mit
entblößtem Oberkörper wasche.“Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!“
Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd.“
Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend). Oder
ist es vielleicht der schwarze Maulkorb?“Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim
Professor war, und sage: „Der will einiges wissen,“ worauf
Hans: „Da bin ich aber neugierig.“Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit den
Füßen Krawall macht. Er unterbricht mich: „Nicht wahr, wenn
ich einen „Zurn“ habe oder wenn ich Lumpf machen soll und
lieber spielen will. (Im Zorne hat er allerdings die Gewohnheit,
mit den Füßen Krawall zu machen, d. h.: aufzustampfen. —
„Lumpf machen“ bedeutet auf die große Seite gehen. Als HansS.
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 175
klein war, sagte er eines Tages, vom Topfe aufstehend: „Schau
den Lumpf%. [Er meinte: Strumpf wegen der Form und der
Farbe]. Diese Bezeichnung ist geblieben bis heute. — In ganz
frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetzt werden sollte und sich
weigerte, das Spiel stehen zu lassen, stampfte er wiitend mit den
Füßen auf, zappelte und warf sich eventuell auch auf den Boden).„Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen
sollst und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest.“Er: „Du, ich muß Wiwi machen — und geht hinaus, wohl
als Bestätigung,“Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage an mich ge-
richtet, woran wohl das Zappeln mit den Füßen beim gefallenen
Pferde Hans erinnert haben möchte, und ich hatte vorgebracht,
daß dies wohl seine eigene Reaktion bei zurückgehaltenem
Harndrange gewesen sein könnte, Das bestätigt nun Hans durch
das Wiederauftreten des Harndranges im Gespräche und fügt
noch andere Bedeutungen des Krawallmachens mit den Füßen
hinzu.„Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein Kohlen-
wagen kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte ich mich
auch stark.“ Ich: „Vielleicht, weil er auch so groß ist wie ein
Stellwagen.“ Hans: „Ja, und weil er so schwer beladen ist und
die Pferde haben soviel zu ziehen und können leicht fallen. Wenn
ein Wagen leer ist, fürcht’ ich mich nicht.“ Tatsächlich versetzt
ihn, wie schon früher konstatiert, nur Schwerfuhrwerk in Angst.“Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die Analyse
macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung fürchte ich, wird
dem Leser bald langweilig werden. Indes, es gibt in jeder Psycho-
analyse solche dunklen Zeiten. Hans begibt sich jetzt bald auf
ein von uns nicht in Erwartung gezogenes Gebiet.„Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau, die
verschiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt. DarunterS.
176 Krankengeschichten
ist eine gelbe Unterhose. Hans sagt einige Male: „Pfui!“, wirft
sich auf die Erde und spuckt aus. Meine Frau sagt, er habe das
schon einige Male getan, sowie er die Hose gesehen habe.“„Ich frage: „Warum sagst du Pfui?“
Hans: „Wegen der Hose.“
Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an Wiwi
oder an Lumpf erinnert?“Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder schwarz.“ —
Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf, wenn man
Käse iBt? (Das hatte ich einmal gesagt, als er mich fragte, wozu
ich Kise esse)"Ich: yla!
Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf machen?
Ich möchte so gerne Kise auf Butterbrot essen.”„Gestern schon fragte er mich, als er auf der Gasse herum-
sprang: „Du, nicht wahr, wenn man soviel herumspringt, macht
man leicht Lumpf?“ — Seit jeher macht sein Stuhlgang Schwierig-
keiten, Kindermeth und Klystiere werden häufig gebraucht. Ein-
mal war seine habituelle Verstopfung so stark, daB meine Frau
Dr. L. um Rat fragte. Dieser meinte, Hans werde überfüttert,
was ja auch stimmte, und empfahl mäßigere Kost, was den Zu-
stand auch sofort behob. In der letzten Zeit trat Verstopfung
wieder häufiger auf.“„Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor
wieder schreiben, und er diktierte mir: , Wie ich die gelbe
Hose gesehen habe, habe ich gesagt: Pfui, da spei ich, hab’
mich niedergeworfen, hab’ die Augen zugemacht und hab’ nicht
geschaut.“Ich: „Warum?“
Hans: „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei der
schwarzen Hose* habe ich auch so etwas gemacht. Die schwarzeı) „Meine Frau ist seit einigen Wochen im Besitze einer schwarzen Reformhose
für Radfahrpartien.“S.
Analyse der Phobie eines fiinfjahrigen Knaben 177
ist auch so eine Hose, nur schwarz war sie.“ (Sich unter-
brechend). „Du, ich bin froh; wenn ich dem Professor schreiben
kann, bin ich immer so froh.“Ich: „Weshalb hast du Pfui gesagt? Hast du dich geekelt?*
Hans: „Ja, weil ich das gesehen hab’. Ich hab’ geglaubt, ich
muB Lumpf machen.“Ich; „Warum?“
Hans: „Ich weiß nicht.“
Ich: „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?“
Hans: „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da war —
bei der Mama — sie hat sie erst vom Kaufen nach Hause ge-
bracht.“ (Diese Angabe wird von meiner Frau bestitigt.)*Ich: „Hast du dich auch geekelt?“
Hans: „Ја.“
Ich: „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?“
Hans: „Nein.“
Ich: „Wenn sie sich angezogen hat?“
Hans: „Die gelbe hab ich’ schon einmal gesehen, wie sie sie
gekauft hat (Widerspruch! Wie die Mama die gelbe gekauft hat,
hat er sie zum erstenmal gesehen). Die schwarze hat sie heute
auch an (richtig!), weil ich gesehen hab’ wie sie in der Früh
sie sich ausgezogen hat,“Ich: „Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose ausgezogen?“
Hans: „In der Früh’, wie sie weggegangen ist, hat sie sich
die schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat
sie sich noch einmal die schwarze angezogen.“„Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt. Sie
sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen natür-
lich nicht die Hose gewechselt.“„Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die Mammi
hat sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie weggegangen
ist, hat sie sie ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sie
noch einmal angezogen. Die Mammi sagt aber, das ist nicht wahr.“Freud, VIII. 12
S.
178 Krankengeschichten
Hans: „Mir scheint, ich hab’ vielleicht vergessen, daß sie
sie nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß’ mich endlich in
Ruh'.“Zur Erliuterung dieser Hosengeschichte bemerke ich nun: Hans
heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt, daB er nun iiber
diese Angelegenheit Rede stehen darf. Am Ende wirft er die
Maske ab und wird grob gegen seinen Vater. Es handelt sich
um Dinge, die ihm friiher viel Lust bereitet haben, und deren
er sich jetzt nach eingetretener Verdrängung sehr schämt, zu
ekeln vorgibt. Er liigt geradezu, um dem beobachteten Hosen-
wechsel der Mama andere Veranlassungen unterzuschieben; in
Wirklichkeit gehört das An- und Ausziehen der Hose in den
»Lumpf"-Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf es hier
ankommt, und was Hans verbergen will.„Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn sie
sich aufs Klosett begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt so lange,
bis sie es ihm erlaubt; das täten alle Kinder.“Wir wollen uns aber die heute bereits verdrångte Lust, die
Mama beim Lumpfmachen zu sehen, gut merken.»Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig, und wie er fort-
wührend gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich: , Du, wer
ist eigentlich ein Stellwagenpferd? Ich, du oder die Mammi?*Hans (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd.“
»Als er in der stürksten Angstzeit Pferde springen sah, Angst
hatte und mich fragte, warum sie das tüten, sagte ich, um ihn
zu beruhigen: „Weißt du, das sind junge Pferde, die springen
halt wie die jungen Buben. Du springst ja auch und bist ein
Bub." Seither, wenn er Pferde springen sieht, sagt er: „Das ist
wahr, das sind junge Pferde!»Auf der Treppe frage ich beim Heraufgehen fast gedanken-
los: „Hast du in Gmunden mit den Kindern Pferdl gespielt?“Er: ,Ja! (Nachdenklich. Mir scheint, da hab' ich die Dumm-
heit gekriegt.“S.
Analyse der Phobie eines fiinfjåhrigen Knaben 179
Ich: „Wer war das Pferd1?“
Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher.“
Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?“
Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich schnell
gelaufen, sogar gerannt.“*Ich: ,Stellwagen habt ihr nie gespielt?“
Hans: ,Nein, gewóhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen.
Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne Wagen
gehen und der Wagen kann ja zu Hause sein.*Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?“
Hans: ,Sehr oft. Der Fritzl (wie bekannt auch ein Hausherrn-
kind) ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzl Kutscher,
und der Fritzl ist so stark gelaufen und auf einmal ist er auf
einen Stein getreten und hat geblutet.*Ich: „Ist er vielleicht gefallen?“
Hans: ,Nein, er hat den FuD in ein Wasser hineingegeben
und dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben. ^Ich: „Warst du oft Pferd?“
Hans: „O ja.“
Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt.“
Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „wegen dem Pferd“ und
„wegen dem Pferd“ (er betont das „wegen“), und so hab’ ich
vielleicht, weil sie so geredet haben „wegen dem Pferd“, hab ich
vielleicht die Dummheit gekriegt.“31) „Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glóckchen.“
2) Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig, daß Fritzl damals ge-
fallen ist.5) Ich erlüutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals die Dummheit
gekriegt hat, sondern im Zusammenhange damit. Es muB ja wohl so zugehen, die
Theorie fordert es, daB dasselbe einmal Gegenstand einer hohen Lust war, was heute
das Objekt der Phobie ist. Und dann ergünze ich für ihn, was das Kind ja nicht zu
sagen weil, daß das Wórtchen , wegen" der Ausbreitung der Phobie vom Pferde
auf die Wagen (oder wie Hans zu hören und zu sprechen gewohnt ist: Wägen)
den Weg eróffnet hat. Man darf nie daran vergessen, um wieviel dinglicher das Kind
die Worte behandelt als der Erwachsene, wie bedeutungsvoll ihm darum Wortgleich-
klünge sind.12"
S.
180 Krankengeschichten
Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen Pfaden.
Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?“
Hans: „Ја!“
Ich: „Was?“
Hans: „Ich hab's vergessen.“
Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?*
Hans: „O nein!“
Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?“
Hans: „O nein, ich hab’ mich gar nicht gefürchtet.“
Ich: „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein
Berd i t iHans: (unterbrechend) „Wiwi macht? Nein!“
„Am 10. April kniipfe ich an das gestrige Gesprich an und
will wissen, was das „wegen dem Pferde“ bedeutet habe. Hans
weiß sich nicht zu erinnern, er weiß nur, daß früh mehrere
Kinder vor dem Haustore gestanden sind und „wegen dem Pferde,
wegen dem Pferde“ gesagt haben. Er selbst war dabei. Wie ich
dringender werde, erklärt er, sie hätten gar nicht „wegen dem
Pferde“ gesagt, er habe sich falsch erinnert.“Ich: „Ihr waret doch auch oft im Stalle, da habt ihr gewiß
vom Pferde gesprochen.“ — „Wir haben nicht gesprochen. —
„Wovon habt ihr gesprochen?“ — „Von nichts.“ — „Soviel Kinder
waret ihr und ihr habt von nichts gesprochen?“ — „Etwas haben
wir schon gesprochen, aber nicht vom Pferde.“ — „Was denn?“ —
„Das weiß ich jetzt nicht mehr.“„Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu groß
sind,* und frage: „Mit der Berta hast du gern gespielt?“Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht; weißt, was die Olga
getan hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papierball
geschenkt und die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta hätt’ı) Es ist da nämlich nichts anderes zu holen als die Wortanknüpfung, die dem
Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den Bedingungen, unter denen die analytische
Bemühung fehlschlägt.S.
181
mir den Ball nie zerrissen. Mit der Berta hab’ ich sehr gern
gespielt.“Ich: „Hast du gesehen, wie der Wiwimacher von der Berta aussieht?“
Er: „Nein vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle war, und
da hab’ ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen.“Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwimacher
von der Berta und von der Mammi aus?“Er: „Ja!“
„Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat, die
Mäderl wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht.“Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus
nicht gekränkt, sondern sehr befriedigt), öfters. Wo der kleine
Garten ist, wo die Rettige sind, hab’ ich Wiwi gemacht, und
sie ist vor dem Haustore gestanden und hat hergeschaut.“Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zugeschaut?“
Er: „Sie ist ja aufs Klosett gegangen.“
Ich: „Und du warst neugierig?“
Er: „Ich war ja im Klosett drinnen, wenn sie drin war.“
„(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt, und
ich erinnere mich, wir haben es Hans verboten.)“Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?“
Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta erlaubt
hat. Es ist ja keine Schande.“Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen.“
Er: „Ja, ich hab’ ihn aber nicht gesehen.“
„Ich erinnere ihn an den Gmundner Traum: Was soll das Pfand
in meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden gewünscht,
daß dich die Berta Wiwi machen lassen soll?“Er: „Gesagt hab’ ich ihr nie.“
Ich: „Warum hast du’s ihr nie gesagt?“
Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab’. (Sich unterbrechend.)
Wenn ich alles dem Professor schreib’, wird die Dummheit sehr
bald vorüber sein, nicht wahr?“S.
182
Ich: „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich Wiwi
machen lassen soll?“Er: „Ich weiß nicht. Weil sie zugeschaut hat.“
Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwimacher
geben?“Er: „Ja. (Ablenkend). In Gmunden war’s sehr lustig. In dem
kleinen Garten, wo die Rettige drin sind, ist ein kleiner Sand-
haufen, dort spiel’ ich mit der Schaufel.“„(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)“
Ich: „Hast du in Gmunden, wenn du im Bette gelegen bist,
die Hand zum Wiwimacher gegeben?“Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab’ ich so gut geschlafen,
daß ich gar nicht daran gedenkt hab’. Nur in der –gasse1) und
jetzt hab ich’s getan.“Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwimacher
gegeben?“Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr’s nie gesagt hab’.“
Ich: „Wann hast du dir’s denn gewünscht?“
Er: „Einen Tag halt in Gmunden.“
Ich: „Nur einmal?“
Er: „Ja, öfters.“
Ich: „Immer wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie herge-
schaut; sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust.“Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher
aussieht.“Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?“
Er: „Auf die Berta, auf die Olga.“
Ich: „Auf wen noch?“
Er: „Auf niemand andern.“
Ich: „Das ist ja nicht wahr. Auf die Mammi auch.“
Er: „Auf die Mammi schon.“
1)In der früheren Wohnung vor dem Umzuge.
S.
183
Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt doch
wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?“Er: „Er wird aber wachsen, nicht?“1)
Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht ausschaun
wie deiner.“Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist], nur
größer.“Ich: „Warst du neugierig in Gmunden, wenn die Mama sich
ausgezogen hat?“Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab ich den Wiwi-
macher gesehen.“Ich: „Bei der Mammi auch?“
Er: „Nein!“
Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der Mammi
gesehen hast.“Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab’, wenn sie
sie gekauft hat, dann spei ich, aber wenn sie sich die Hose
anzieht oder auszieht, dann spei ich nicht. Dann spei ich,
weil die schwarze Hose doch schwarz ist wie ein
Lumpf und die gelbe wie ein Wiwi, und da glaub’
ich, ich muß Wiwi machen. Wenn die Mammi die
Hose trägt, dann seh’ ich sie nicht, dann hat sie doch die
Kleider vor.“Ich: „Und wenn sie sich die Kleider auszieht?“
Er: „Dann spei ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann sieht
sie aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe herunter
und sie wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist sie ganz
rein, zu Hause hat man sie schon schmutzig gemacht. Wenn
sie gekauft ist, ist sie neu, und wenn sie nicht gekauft ist, ist
sie alt.“Ich: „Vor der alten ekelt dich also nicht?“
1)Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher wachsen wird.
S.
184
Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein Lumpf
nicht wahr? Ein bissel schwärzer ist sie.“1)Ich: „Mit der Mammi warst du oft im Klosett?“
Er: „Sehr oft.“
Ich: „Da hast du dich geekelt?“
Er: „Ja . . . Nein!“
Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder Lumpf
macht?“Er: „Sehr gerne.“
Ich: „Warum so gerne?“
Er: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst.“
Er: „Ja das glaub’ ich auch.“
Ich: „Warum willst du aber in Lainz nie ins Klosett gehen?“
„(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Klosett
führen; er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das herab-
stürzende Spülwasser macht.)“Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man
herunterzieht.“Ich: „Da fürchtest du dich.“
Er: „Ja!“
Ich: „Und in unserem Klosett hier?“
Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck ich, wenn du herunterläßt.
Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann erschrecke ich auch.“Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung nicht
fürchte, fordert er mich auf, ins Klosett zu gehen und die Wasser-
spülung in Bewegung zu setzen. Dann erklärt er mir:„Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn das
Wasser herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall macht, bleib’1)Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht darzustellen weiß, und
wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht meint er, daß die Hosen die Ekel-
erinnerung nur dann erwecken, wenn er sie für sich sieht; sobald sie am Leibe der
Mutter sind, bringt er sie nicht mehr mit Lumpf oder Wiwi in Zusammenhang,
dann interessieren sie ihn in anderer Weise.S.
185
ich lieber drin, wenn es einen schwachen macht, geh’ ich lieber
hinaus.“Ich: „Weil du dich fürchtest?“
Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall
sehen (korrigiert sich), hören, und da bleib’ ich lieber drin, daß
ich ihn fest hör’.“Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?“
Er: „Daß ich im Klosett Lumpf machen muß. (Also dasselbe
wie die schwarze Hose.)“Ich: „Warum?“
Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall hört
sich so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Krawall
erinnert am Lumpf, ein kleiner an Wiwi (vgl. die schwarze und
die gelbe Hose).“Ich: „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe gehabt
wie ein Lumpf?“ (Es war nach seiner Angabe schwarz.)Er (sehr betroffen): „Ja!“
Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt zu viel
und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt den Kleinen sich
äußern zu lassen. Dadurch wird die Analyse undurchsichtig und
unsicher. Hans geht seinen eigenen Weg und leistet nichts, wenn
man ihn von diesem ablocken will. Sein Interesse ist jetzt offen-
bar bei Lumpf und Wiwi, wir wissen nicht, weshalb. Die Krawall-
geschichte ist so wenig befriedigend aufgeklärt wie die mit der
gelben und schwarzen Hose. Ich vermute, sein scharfes Ohr hat
die Verschiedenheit der Geräusche, wenn ein Mann oder ein
Weib uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse hat das Material
aber etwas künstlich in den Gegensatz der beiden Bedürfnisse
gepresst. Dem Leser, der noch selbst keine Analyse gemacht hat,
kann ich nur den Rat geben, nicht alles sogleich verstehen zu
wollen, sondern allem, was kommt, eine gewisse unparteiische
Aufmerksamkeit zu schenken und das Weitere abzuwarten.
S.
186
„11. April. Heute früh kommt Hans wieder ins Zimmer und
wird, wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen.“„Später erzählt er: „Du, ich hab mir was gedacht:
„Ich bin in der Badewanne1) da kommt der Schlosser
und schraubt sie los.2) Da nimmt er einen großen Bohrer
und stoßt mich in den Bauch.“Der Vater übersetzt sich diese Phantasie. „Ich bin im Bette
bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich weg. Mit
seinem großen Penis verdrängt er mich von der Mama.“Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten.
„Ferner erzählt er etwas zweites, was er sich ausgedacht: „Wir
fahren im Zuge nach Gmunden. In der Station ziehen wir die
Kleider an, werden damit aber nicht fertig und der Zug fährt
mit uns davon.“„Später frage ich: „Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf
machen gesehen?“Hans: „Ja, sehr oft.“
Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpfmachen?“
Hans: „Ja!“
Ich: „An was erinnert dich der Krawall?“
Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt.“
„Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den Füßen
macht, ist wohl – ein Lumpf, der herabfällt und dabei Geräusch
macht. Die Furcht vor der Defäkation, die Furcht vor schwer
beladenen Wagen ist überhaupt gleich der Furcht vor schwer
beladenem Bauche.“Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige Sach-
verhalt.
„11. April. Hans sagt beim Mittagessen: „Wenn wir nur in
Gmunden eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die Bade-
1)„Hans wird von der Mama gebadet.“
2)„Um sie in Reparatur zu nehmen.“
S.
187
anstalt gehen muß.“ Er wurde in Gmunden nämlich, um ihn
warm zu baden, immer in die nahe gelegene Badeanstalt geführt,
wogegen er mit heftigem Weinen zu protestieren pflegte. Auch
in Wien schreit er immer, wenn er zum Baden in die große
Wanne gesetzt oder gelegt wird. Er muß knieend oder stehend
gebadet werden.“Diese Rede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch
selbständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Verbindung
zwischen seinen beiden letzten Phantasien (vom Schlosser, der die
Badewanne abschraubt, und von der mißglückten Reise nach
Gmunden) her. Der Vater hatte mit Recht aus letzterer eine
Abneigung gegen Gmunden erschlossen. Übrigens wieder eine
gute Mahnung daran, daß man das aus dem Unbewußten Auf-
tauchende nicht mit Hilfe des Vorhergegangenen, sondern des
Nachkommenden zu verstehen hat.„Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet.“
Hans: „Weil ich hineinfall‘.“
Ich: „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du in
der kleinen Badewanne gebadet worden bist?“
Hans: „Da bin ich ja gesessen, da hab‘ ich mich nicht legen
können, die war ja zu klein.“
Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast du
dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?“
Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab‘, und da kann ich
nicht hineinfallen. Ich fürcht‘ mich nur in der großen Badewanne,
daß ich hineinfall.“
Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich, daß
dich die Mammi ins Wasser werfen wird?“
Hans: „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle ins
Wasser mit dem Kopf.“
Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird doch
nicht die Hände weggeben.“
Hans: „Ich hab‘s halt geglaubt.“S.
188
Ich: „Warum?“
Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht.“
Ich: „Vielleicht weil du schlimm warst und du geglaubt hast,
daß sie dich nicht mehr gerne hat?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna ge-
badet hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand loslassen,
damit die Hanna hineinfällt?“
Hans: „Ja.“
Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten.
12. April. „Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten Klasse
sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpolster sieht: „Pfui, da
spei ich, bei den schwarzen Hosen und den schwarzen Pferden
spei ich auch, weil ich muß Lumpf machen.“
Ich: „Hast du vielleicht bei der Mammi etwas Schwarzes
gesehen, was dich erschreckt hat?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Was denn?“
Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze
Strümpfe.“
Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn du
neugierig warst und hingeschaut hast.“
Hans (entschuldigend): „Aber den Wiwimacher hab’ ich nicht
gesehen.“
Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoftor
vis-à-vis ein Wagen fuhr, fragte ich: „Sieht dieses Tor nicht aus
wie ein Podl?“
Er: „Und die Pferde sind die Lumpfe!“ Seitdem sagt er immer,
wenn er einen Wagen herausfahren sieht: „Schau, ein ‚Lumpfi‘
kommt.“ Die Form Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd, sie klingt
wie ein Kosewort. Meine Schwägerin heißt ihr Kind immer
„Wumpfi“.S.
189
„Am 13. April sieht er in der Suppe ein Stück Leber und
sagt: „Pfui, ein Lumpf“. Auch faschiertes Fleisch ißt er sichtlich
ungern wegen der Form und Farbe, die ihn an einen Lumpf
erinnern.“„Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon ge-
wesen und habe dann gesagt: „Ich hab‘ gedacht, die Hanna ist
am Balkon gewesen und ist hinuntergefallen.“ Ich hatte ihm
öfter gesagt, er soll, wenn die Hanna auf dem Balkon ist, acht-
geben, daß sie nicht zu nah ans Geländer kommt, das von einem
sezessionistischen Schlosser höchst ungeschickt – mit großen
Öffnungen, die ich erst mit einem Drahtnetz verkleinern lassen
mußte – konstruiert worden ist. Der verdrängte Wunsch Hansens
ist sehr durchsichtig. Die Mama fragt ihn, ob es ihm lieber wäre,
wenn die Hanna nicht da wäre, was er bejaht.“„14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrund. Er hatte,
wie aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen das neu-
geborene Kind, das ihm einen Teil der Liebe der Eltern raubte,
eine große Aversion, die auch jetzt noch nicht ganz geschwunden
und durch übergroße Zärtlichkeit nur zum Teil überkompensiert
ist.1) Er äußerte sich öfter schon, der Storch solle kein Kind mehr
bringen, wir sollen ihm Geld geben, daß er keines mehr aus
der großen Kiste, worin die Kinder sind, bringe. (Vgl. die
Furcht vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein Stellwagen wie
ein große Kiste aus?) Die Hanna mache soviel Geschrei, das sei
ihm lästig.“„Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie die
Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette gelegen,
so lieb und brav.“ (Dieses Lob hat verdächtig falsch geklungen!)“„Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer
Fortschritt zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm geringere
Furcht ein. Einmal ruft er fast freudig: „Da kommt ein Pferd1)Wenn das Thema „Hanna“ das Thema „Lumpf“ direkt ablöst, so leuchtet uns
der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist selbst ein „Lumpf“, Kinder sind Lumpfe!S.
190
mit was Schwarzem am Munde“ und ich kann endlich konstatieren,
daß es ein Pferd mit einem Maulkorbe aus Leder ist. Hans hat
aber gar keine Angst vor diesem Pferde.“
„Einmal schlägt er mit seinem Stocke auf das Pflaster und
fragt: „Du, ist da ein Mann unten . . . einer, der begraben ist . . . ,
oder gibt’s das nur am Friedhofe?“ Ihn beschäftigt also nicht nur
das Rätsel des Lebens, sondern auch das des Todes.“
„Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen und
Hans sagt: „Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden mit-
gefahren. Immer wenn wir nach Gmunden gefahren sind, ist sie
mitgefahren in der Kiste. Du glaubst mir schon wieder nicht?
Wirklich, Vatti. Glaub’ mir. Wir haben eine große Kiste gekriegt
und da sind lauter Kinder drin, in der Badewanne sitzen sie
drin. (In der Kiste ist eine kleine Badewanne eingepackt wor-
den.) Ich hab’ sie hineingesetzt, wirklich. Ich kann mich gut
erinnern.“1)
Ich: „Was kannst du dich erinnern?“
Hans: „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil ich’s
nicht vergessen hab’. Mein Ehrenwort!“
Ich: „Aber voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupé mitgefahren.“
Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste mit-
gefahren.“
Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt?“
Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt!“
Ich: „Wo denn?“
Hans: „Zu Hause am Boden.“
Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen?“2)
1)Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste und Badewanne ihm
das gleiche bedeuten, Vertretungen des Raumes, in dem sich die Kinder befinden.
Beachten wir seine wiederholten Beteuerungen!2)Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans andeuten, daß er
dies versteht. Auch das Kästchen, in dem die Helden des Mythos ausgesetzt werden,
von König Sargon von Agade an, ist nichts anderes. – [Zusatz 1921:] Vgl. Rank’s
Studie: Der Mythos von der Geburt des Helden 1909 (zweite Auflage 1922).S.
191
Hans: „Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird
die Hanna auch in der Kiste fahren.“
Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?“
Hans: „Man hat sie herausgenommen.“
Ich: „Die Mammi?“
Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen
eingestiegen und die Hanna ist am Pferde geritten und der
Kutscher hat ‚Hüöh‘ gesagt. Der Kutscher war am Bocke. Warst
du mit? Die Mammi weiß es sogar. Die Mammi weiß es nicht,
sie hat es schon wieder vergessen, aber nichts ihr sagen!“
„Ich lasse mir alles wiederholen.“
Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen.“
Ich: „Sie hat noch gar nicht gehen können.“
Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben.“
Ich: „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat ja
voriges Jahr noch gar nicht sitzen können.“
Hans: „O ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen ‚Hüöh‘
und gepeitscht ‚Hüöh, hüöh‘ mit der Peitsche, die ich früher
gehabt hab‘. Das Pferd hat gar keinen Steigbügel gehabt und die
Hanna hat geritten; Vatti, aber nicht im Spaße vielleicht.“
Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es ist
kein Unsinn, es ist Parodie und Hansens Rache an seinem
Vater. Es heißt soviel als: Kannst du mir zumuten, daß ich
glauben soll, der Storch habe die Hanna im Oktober ge-
bracht, wo ich doch den großen Leib der Mutter schon
im Sommer, wie wir nach Gmunden gefahren sind,
bemerkt hab‘, so kann ich verlangen, daß du mir meine
Lügen glaubst. Was kann die Behauptung, daß die Hanna
schon im vorigen Sommer „in der Kiste“ nach Gmunden mit
gefahren ist, anderes bedeuten als sein Wissen um die Gravidität
der Mutter? Daß er die Wiederholung dieser Fahrt in der Kiste
für jedes folgende Jahr in Aussicht stellt, entspricht einer häufigen
Form des Auftauchens eines unbewußten Gedankens aus derS.
192 Krankengeschichten
Vergangenheit, oder es hat spezielle Gründe und drückt seine
Angst aus, eine solche Gravididåt zur nächsten Sommerreise wieder-
holt zu sehen. Wir haben jetzt auch erfahren, durch welchen
Zusammenhang ihm die Reise nach Gmunden verleidet war,
was seine zweite Phantasie andeutete.„Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt
eigentlich ins Bett der Mama gekommen ist.“Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln.“
Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus (die
Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen
können. Aber der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen
hat sie ja nicht können. (In einem Zuge fortfahrend), Der Storch
ist bis im Gang gegangen auf der Stiegen und dann hat er
geklopft und da haben alle geschlafen und er hat den richtigen
Schlüssel gehabt und hat aufgesperrt und hat die Hanna in
dein' Bett gelegt und die Mammi hat geschlafen — nein, der
Storch hat sie in ihr Bett gelegt. Es war schon ganz Nacht, und
dann hat sie der Storch ganz ruhig ins Bett gelegt, hat gar
nicht gestrampelt, und dann hat er sich den Hut genommen, und
dann ist er wieder weggegangen. Nein, Hut hat er nicht gehabt.“Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor
vielleicht?“Hans: „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause ge-
gangen und dann hat er angeläutet und alle Leute im Hause
haben nicht mehr geschlafen. Aber erzähl’ das nicht der Mammi
und der Tinni (der Köchin). Das ist Geheimnis!“Ich: „Hast du die Hanna gerne?“
Hans: „O ja, sehr gerne,“
Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die
Welt gekommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der
Welt ist?“ı) Hohn natürlich! Sowie die spätere Bitte, der Mama nichts von dem Geheimnis
zu verraten.S.
193
Hans: „Mir wär’ lieber, daß sie nicht auf die Welt ge
kommen wär’.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so und ich kann das
Schreien nicht aushalten.“
Ich: „Du schreist ja selbst.“
Hans: „Die Hanna schreit ja auch.“
Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?“
Hans: „Weil sie so stark schreit.“
Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht.“
Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann
schreit sie.“
Ich: „Hast du sie einmal gehaut?“
Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo haut, dann
schreit sie.“
Ich: „Das hast du nicht gerne?“
Hans: „Nein … Warum? Weil sie so einen Krawall macht
mit dem Schreien.“
Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt
wär’, hast du sie ja gar nicht gern.“
Hans: „Hm, hm (zustimmend).“
Ich: „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi badet,
wenn sie die Hände weggeben möcht’, dann möchte sie ins
Wasser fallen …“
Hans (ergänzt): – „und sterben.“
Ich: „Und du wärst dann allein mit der Mammi. Und ein
braver Bub’ wünscht das doch nicht.“
Hans: „Aber denken darf er’s.“
Ich: „Das ist aber nicht gut.“
Hans: „Wenn er’s denken tut, ist es doch gut, damit
man’s dem Professor schreibt.“1)
1)Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Erwachsenen ein besseres
Verständnis der Psychoanalyse.Freud, VIII
S.
194
„Später sag’ ich ihm: „Weißt du, wenn die Hanna größer sein
wird und wird sprechen können, wirst du sie schon lieber haben.“
Hans: „O nein. Ich hab’ sie ja lieb. Wenn sie im Herbst
groß sein wird, werd’ ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark
gehen und werd’ ihr alles erklären.“
„Wie ich mit einer weiteren Aufklärung anfangen will, unter-
bricht er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß es
nicht so schlimm ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht.“
Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch
wie sie noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch
auf der Welt.“
Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht.“
Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie
gehabt.“
Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?“
Hans: „Na, von ihm.“
Ich: „Wo hat er sie denn gehabt?“
Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste.“
Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus?“
Hans: „Rot. Rot angestrichen.“ (Blut?)
Ich: „Wer hat dir’s denn gesagt?“
Hans: „Die Mammi – ich hab’ mir’s gedacht – im Buche
steht’s.“
Ich: „In welchem Buche?“
Hans: „Im Bilderbuche.“ (Ich lasse mir sein erstes Bilderbuch
bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet auf
einem roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist auf
demselben Blatt ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird. In die
Kiste verlegt Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht findet).
Ich: „Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?“
Hans: „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel.
Weißt, der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm
beißt.“ (Reminiszenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn).S.
195
Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanna ge-
bracht hat?“Hans: „Du, da hab’ ich doch noch geschlafen. In der Früh
kann kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen.“Ich: „Warum?“
Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht. Weißt
warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal, wenn
Früh ist, ist ein Mädel da.1)“Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der
Storch gemacht hat?“Hans: „O ja!“
Ich: „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?“
Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig.“
Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie dir
aber nicht gefallen.“Hans: „O sehr!“
Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wie klein war sie?“
Hans: „Wie ein junger Storch.“
Ich: „Wie war’s noch? Wie ein Lumpf vielleicht?“
Hans: „O nein, ein Lumpf ist viel größer . . . bissel kleiner,
wie die Hanna wirklich.“Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des Kleinen
sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der Geburt des
Schwesterchens werde zurückführen lassen, aber ich hatte ver-
säumt, ihn aufmerksam zu machen, daß ein Kind ein „Lumpf“
für die infantile Sexualtheorie sei, so daß Hans den Exkremental-
1)Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im vorigen Gespräch ist
der Unglaube an den Storch aus seinem Unbewußten zum Vorschein gekommen, der
mit seiner Erbitterung gegen den geheimtuerischen Vater verknüpft war. Jetzt ist er
ruhiger geworden und antwortet mit offiziellen Gedanken, in denen er sich für die
vielen mit der Storchhypothese verbundenen Schwierigkeiten Erklärungen zurecht
gemacht hat.S.
196
komplex passieren werde. Aus dieser meiner Nachlässigkeit
entsprang die zeitweise Verdunkelung der Kur. Jetzt nach erfolgter
Klärung versucht der Vater, Hans über diesen wichtigen Punkt
ein zweitesmal zu vernehmen.„Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte Ge-
schichte nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna ist in
der großen Kiste nach Gmunden gefahren, und die Mammi im
Coupé und die Hanna ist im Lastzuge mit der Kiste gefahren,
und dann, wie wir in Gmunden waren, haben ich und die
Mammi die Hanna herausgehoben, haben sie aufs Pferd gesetzt.
Der Kutscher war am Bocke und die Hanna hat die vorige
(vorjährige) Peitsche gehabt und hat das Pferd gepeitscht und
hat immer gesagt: „Hüoh“, und das war immer lustig, und
der Kutscher hat auch gepeitscht. — Der Kutscher hat gar
nicht gepeitscht, weil die Hanna die Peitsche gehabt hat. —
Der Kutscher hat die Zügel gehabt — auch die Zügel hat
die Hanna gehabt (wir sind jedesmal mit einem Wagen von
der Bahn zum Hause gefahren; Hans sucht hier Wirklichkeit
und Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden
haben wir die Hanna vom Pferde heruntergehoben, und
sie ist allein über die Stiege gegangen.“ (Als Hanna voriges
Jahr in Gmunden war, war sie 8 Monate alt. Ein Jahr
früher, worauf sich offenbar Hans’ Phantasie bezieht, waren
bei der Ankunft in Gmunden 5 Monate der Gravidität ver-
strichen.)Ich: „Das vorige Jahr war die Hanna schon da.“
Hans: „Voriges Jahr ist sie im Wagen gefahren, aber ein
Jahr vorher, wie sie bei uns auf der Welt war . . .“Ich: „Bei uns war sie schon?“
Hans: „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir
Schinakel zu fahren, und die Anna hat dich bedient.“Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna
noch gar nicht auf der Welt.“S.
197
Hans: „Ja, da war sie auf der Welt. Wie sie erst in der
Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon ‚Anna‘
sagen.“ (Das kann sie erst seit 4 Monaten).Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns.“
Hans: „O ja, da war sie doch beim Storche.“
Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?“
Hans: „Sie wird im Herbste 2 Jahre. Die Hanna war doch
da, du weißt es doch.“Ich: „Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?“
Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist.
Schon sehr lange.“Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie in
Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können.“Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon.“
Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden.“
Hans: „Nein! Sie war zweimal; ja, das ist richtig. Ich kann mich
sehr gut erinnern. Frag’ nur die Mammi, die wird dir’s schon sagen.“Ich: „Das ist doch nicht wahr.“
Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das erste-
mal war, hat sie gehen und reiten können und später
hat man sie tragen müssen. – Nein, später ist sie erst ge-
ritten und voriges Jahr hat man sie tragen müssen.“Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden
hat sie nicht gehen können.“Hans: „Ja, schreib’s nur auf. Ich kann mich ganz gut er-
innern. – Warum lachst du?“Ich: „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt,
daß die Hanna nur einmal in Gmunden war.“Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf dem
Pferde geritten … und das zweitemal (wird offenbar unsicher).“Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?“
Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner.“
Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner gefahren.“
S.
198
Hans: „So war’s halt ein Fiaker.“
Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?“
Hans: „Man hat ihr ein Butterbrod und Hering und Rettig
(ein Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und daweil die
Hanna gefahren ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert
und hat 5omal gegessen.“
Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?“
Hans: „Nein!“
Ich: „Was hat sie denn gemacht?“
Hans: „Ganz ruhig d’rin gesessen.“
Ich: „Hat sie nicht gestoßen?“
Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich nicht
einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie ausgetrunken
– bis in der Früh war alles weg und den Mist hat sie in der
Kiste gelassen, die Blätter von den zwei Rettigen und ein Messer
zum Rettigschneiden; sie hat alles zusammengeputzt wie ein
Has’, in einer Minute und sie war fertig. Das war eine Hetz’.
Ich und die Hanna bin sogar mitgefahren in der Kiste, ich hab’
in der Kiste geschlafen die ganze Nacht (wir sind vor 2 Jahren
tatsächlich in der Nacht nach Gmunden gefahren) und die
Mammi ist im Coupé gefahren. Immer haben wir gegessen auch
im Wagen, das war eine Gaude. – Sie ist gar nicht am Pferde
geritten (er ist jetzt unsicher geworden, weil er weiß, daß wir
im Zweispänner gefahren sind) . . . sie ist im Wagen gesessen.
Das ist das Richtige, aber ganz allein bin ich und die Hanna
gefahren . . . die Mammi ist auf dem Pferde geritten, die Karolin’
(unser Mädchen vom vorigen Jahre) auf dem andern . . . Du,
was ich dir da erzähl’, ist nicht einmal wahr.“
Ich: „Was ist nicht wahr?“
Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die
Kiste1) und ich werde in die Kiste Wiwi machen. Ich werd’1)Die Kiste für das Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer steht.
S.
199
halt in die Hosen Wiwi machen, liegt mir gar nichts d’ran, ist
gar keine Schand’. Du, das ist aber kein Spaß, aber lustig ist
es schon!“„Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen
ist, wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut
genommen hat.“Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?“
Hans: „In der Tasche.“Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?“
Hans: „Im Schnabel.“Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt! Ich hab’ noch keinen
Storch gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat.“
Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie kommt
denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht wahr,
ich hab’ mich nur geirrt, der Storch läutet an und jemand
macht auf.“Ich: „Wie läutet er denn?“
Hans: „Auf der Glocke.“Ich: „Wie macht er das?“
Hans: „Er nimmt den Schnabel und drückt mit dem
Schnabel an.“Ich: „Und er hat die Tür wieder zugemacht?“
Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht Die war
ja schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht.“Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?“
Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In Schön-
brunn vielleicht.“Ich: „Ich hab’ in Schönbrunn keine Kiste gesehen.“
Hani: „Die wird halt weiter weg sein. – Weißt, wie der
Storch die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel – die
Kiste hat auch einen Schlüssel – er nimmt den Schnabel und eins
(eine Schnabelhälfte) läßt er auf und sperrt so auf (demonstriert
es mir am Schreibtischschlosse). Das ist ja auch ein Henkel.“S.
200
Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Du, sieht ein Storchen-
kiste aus?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Und ein Möbelwagen?“
Hans: „Ein Gsindelwerkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort für
unartige Kinder) auch.“
„17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplanten Vor-
satz ausgeführt und ist in den Hof vis-à-vis hinübergegangen. Heute
wollte er es nicht tun, weil gerade gegenüber dem Einfahrts-
tore ein Wagen an der Ausladerampe stand. Er sagte mir:
„Wenn dort ein Wagen steht, so fürcht’ ich mich, daß ich die
Pferde necken werde und sie fallen um und machen mit
den Füßen Krawall.“
Ich: „Wie neckt man denn Pferde?“
Hans: „Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man sie,
wenn man Hühü schreit.“1)
Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?“
Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich’s tu,
aber wahr ist es nicht.“
Ich: „Hast du schon in Gmunden Pferde geneckt?“
Hans: „Nein!“
Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?“
Hans: „O ja, sehr gerne!“
Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mammi
die Hanna? Das hast du ja auch gerne.“
1)„Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher die Pferde schlugen
und Hühü schrien.“S.
201
Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie
schlägt. (So hab’ ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor
dem Peitschen der Pferde zu mäßigen). Ich hab’s einmal wirk-
lich getan. Ich hab’ einmal die Peitsche gehabt und hab’ das
Pferd gepeitscht und es ist umgefallen und hat mit den Füßen
Krawall gemacht.“Ich: „Wann?“
Hans: „In Gmunden.“
Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wagen angespannt war?“
Hans: „Es war außer’m Wagen.“
Ich: „Wo war’s denn?“
Hans: „Ich hab’s halt gehalten, daß es nicht davonrennen
soll.“ (Das klang natürlich alles unwahrscheinlich).“Ich: „Wo war das?“
Hans: „Beim Brunnen.“
Ich: „Wer hat’s dir erlaubt? Hat’s der Kutscher dort stehen
lassen?“Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle.“
Ich: „Wie ist es zum Brunnen gekommen?“
Hans: „Ich hab’s hingeführt.“
Ich: „Woher? Aus dem Stalle?“
Hans: „Ich hab’s herausgeführt, weil ich es hab’ wollen
peitschen.“Ich: „War im Stalle niemand?“
Hans: „O ja, der Loisl (der Kutscher in Gmunden).“
Ich: „Hat er dir’s erlaubt?“
Hans: „Ich hab’ mit ihm lieb geredet und er hat gesagt, ich
darf es tun.“Ich: „Was hast du ihm gesagt?“
Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und
schreien. Er hat gesagt, ja.“Ich: „Hast du’s viel gepeitscht?“
Hans: „Was ich dir da erzähl’, ist gar nicht wahr.“
S.
202
Ich: „Was ist davon wahr?“
Hans: „Nix ist davon wahr, das hab’ ich dir nur im Spaße
erzählt.“
Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Gewünscht hast du dir’s.“
Hans: „O, gewünscht schon, ge-
dacht hab’ ich mir’s.“
Ich: „In Gmunden?“
Hans: „Nein, erst hier. In der Früh hab’ ich mir’s schon ge-
dacht, wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh im Bette.“
Ich: „Warum hast du mir’s nie erzählt?“
Hans: „Ich hab’ nicht d’ran gedacht.“
Ich: „Du hast dir’s ge-
dacht, weil du auf die Straßen ge-
sehen hast.“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die Mammi,
die Hanna oder mich?“
Hans: „Die Mammi.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Ich möcht’ sie halt schlagen.“
Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi
schlägt?“
Hans: „Ich hab’s noch nie gesehen, in meinem Leben nie.“
Ich: „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest
du das tun?“
Hans: „Mit dem Pracker.“ (Mit dem Pracker droht die
Mama öfter ihn zu schlagen).
„Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen.“
„Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbelwagen,
Kohlenwagen seien Storchkistenwagen.“
Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwandlung
unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang mit unserem
Thema sein.
S.
205
„21. April. Heute Früh erzählt Hans, er habe sich gedacht:
„Ein Zug war in Lainz und ich bin mit der Lainzer Großmama
nach Hauptzollamt gefahren. Du warst noch nicht herunter von der
Brücke und der zweite Zug war schon in St. Veit. Wie du herunter-
gekommen bist, war der Zug schon da und da sind wir eingestiegen.“„(Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteigperron zu
kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von dem Perron
sieht man die Schienen entlang bis zur Station St. Veit. Die
Sache ist etwas undeutlich. Ursprünglich hat sich Hans wohl
gedacht: er ist mit dem ersten Zuge, den ich versäumt habe,
davongefahren, dann ist aus Unter-St. Veit ein zweiter Zug ge-
kommen, mit dem ich nachgefahren bin. Ein Stück dieser
Ausreißerphantasie hat er entstellt, so daß er schließlich sagt:
Wir sind beide erst mit dem zweiten Zuge weggefahren.“„Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten un-
gedeuteten, die davon handelt, wir hätten in Gmunden zuviel
Zeit verbraucht, um die Kleider in der Bahn anzuziehen, und
der Zug wäre davongefahren).“„Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins Haus, als
ein Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich nichts Außer-
gewöhnliches bemerken kann. Ich frage ihn, was er hat. Er
sagt: „Ich fürchte mich, weil die Pferde so stolz sind, daß sie
umfallen.“ (Die Pferde wurden vom Kutscher scharf am Zügel
gehalten, so daß sie in kurzem Schritte gingen, die Köpfe hoch-
haltend – sie hatten wirklich einen stolzen Gang).“„Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei.“
Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm’.“
Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen?“
Er: „Ja, du sollst als Nackter (er meint: barfüßig wie seiner-
zeit Fritzl) auf einen Stein anstoßen und da soll Blut fließen
und wenigstens kann ich mit der Mammi ein bißchen allein
sein. Wenn du in die Wohnung heraufkommst, kann ich
geschwind weglaufen von der Mammi, daß du’s nicht siehst.“S.
204
Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine ange
stoßen hat?“
Er: „Ja, der Fritzl.“
Ich: „Wie der Fritzl hineingefallen ist, was hast du dir
gedacht?“1)
Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst.“
Ich: „Du möchtest also gerne zur Mammi?“
Er: „Ja!“
Ich: „Weshalb schimpf’ ich denn eigentlich?“
Er: „Das weiß ich nicht.“ (!!)
Ich: „Warum?“
Er: „Weil du eifern tust.“
Ich: „Das ist doch nicht wahr!“
Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das muß
wahr sein.“
„Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins
Bett kommen, große in ihrem eigenen Bett schlafen, hat ihm
also nicht sehr imponiert.“
„Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken“ i. e.
schlagen, anschreien, nicht, wie er angab, auf die Mama, sondern
auf mich geht. Er hat die Mama wohl nur vorgeschoben, weil
er mir das andere nicht eingestehen wollte. In den letzten
Tagen ist er von besonderer Zärtlichkeit gegen mich.“
Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich“ so leicht er-
wirbt, wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch
Hansens, das Pferd zu „necken“, doppelt gefügt ist, zusammen-
gesetzt aus einem dunkeln, sadistischen Gelüste auf die Mutter
und einem klaren Rachedrange gegen den Vater. Der letztere
konnte nicht eher reproduziert werden, als bis im Zusammen-
hange des Graviditätskomplexes das erstere an die Reihe ge-
kommen war. Bei der Bildung der Phobie aus den unbewußten1)Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit geleugnet hat.
S.
205
Gedanken findet ja eine Verdichtung statt; darum kann der
Weg der Analyse niemals den Entwicklungsgang der Neurose
wiederholen.
„22. April. Heute Früh hat sich Hans wieder etwas gedacht:
„Ein Gassenbube ist auf dem Wagerl gefahren und der Kondukteur
ist gekommen und hat den Buben ganz nackt ausgezogen und
bis in der Früh dort stehen lassen und in der Früh hat der
Bub dem Kondukteur 50.000 Gulden gegeben, damit er mit
dem Wagerl fahren darf.“„(Vis-à-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stock-
geleise steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen Gassen-
buben fahren sah, was er auch tun wollte. Ich habe ihm ge-
sagt, das dürfe man nicht, sonst käme der Kondukteur. Ein
zweites Element der Phantasie ist der verdrängte Nacktheits-
wunsch).“Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phantasie
„im Zeichen des Verkehres“ schafft und konsequenterweise vom
Pferde, das den Wagen zieht, zur Eisenbahn fortschreitet. So
gesellt sich ja auch zu jeder Straßenphobie mit der Zeit die
Eisenbahnangst hinzu.„Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag mit
einer Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte.
Er hat durch die Öffnung, in der einmal das kleine
Blechpfeifchen befestigt war, ein kleines Taschenmesser
hineingesteckt und ihr dann die Füße voneinander-
gerissen, um das Messer herausfallen zu lassen. Dem
Kindermädchen sagte er, zwischen die Füße der Puppe
zeigend: „Schau, hier ist der Wiwimacher!“Ich: „Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe
gespielt?“Er: „Ich hab’ die Füße auseinandergerissen, weißt warum?
Weil ein Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. DasS.
206
hab’ ich hineingegeben, wo der Kopf quietscht, und dann hab’
ich die Füß’ auseinandergerissen und dort ist es hinausgegangen.“Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinandergerissen? Damit
du den Wiwimacher sehen kannst?“Er: „Er war ja auch zuerst da, da hab’ ich ihn auch sehen
können.“Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben?“
Er: „Ich weiß es nicht.“
Ich: „Wie sieht denn das Messerl aus?“
„Er bringt es mir.“
Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?“
Er: „Nein, ich hab’ mir gar nichts gedacht, aber der Storch
hat, mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt – oder wer.“Ich: „Wann?“
Er: „Einmal. Ich hab’s gehört, oder hab’ ichs gar nicht ge-
hört, oder hab’ ich mich verredet?“Ich: „Was heißt verredet?“
Er: „Es ist nicht wahr.“
Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissel wahr.“
Er: „No ja, ein bißchen.“
Ich (nach einem Übergange): „Wie hast du dir gedacht,
kommen die Hendl auf die Welt?“Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt die
Hendl wachsen, – nein, der liebe Gott.“„Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den
Eiern wieder Hendl kommen.“„Hans lacht.“
Ich: „Warum lachst du?“
Er: „Weil mir’s gefällt, was du mir da erzählst.“
„Er sagt, er habe das bereits gesehen.“
Ich: „Wo denn?“
Hans: „Bei dir!“
Ich: „Wo hab’ ich ein Ei gelegt?“
S.
207
Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt und auf
einmal ist ein Hendl aufgesprungen. Du hast einmal ein Ei
gelegt, das weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir’s
die Mammi gesagt hat.“Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist.“
Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab’ schon einmal
ein Ei gelegt, da ist ein Hendl aufgesprungen.“Ich: „Wo?“
Hans: „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein
gekniet und da haben die Kinder gar nicht hergeschaut und
auf einmal in der Früh hab’ ich gesagt: Suchts, Kinder, gestern
hab’ ich ein Ei gelegt! Und auf einmal haben sie geschaut und
auf einmal haben sie ein Ei gesehen und aus dem ist ein
kleiner Hans gekommen. Was lachst du denn? Die Mammi
weiß es nicht und die Karolin’ weiß es nicht, weil niemand
zugeschaut hat und auf einmal hab’ ich ein Ei gelegt und auf
einmal war’s da. Wirklich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus
dem Ei? Wenn man es stehen läßt? Muß man das essen?“„Ich erkläre ihm das.“
Hans: „No ja, lassen’s wir bei der Henne, dann wächst ein
Hendl. Packen wir’s in die Kiste und lassen wir’s nach Gmunden
fahren.“Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen Griffe
an sich gerissen, da die Eltern mit den längst berechtigten Auf-
klärungen zögerten, und in einer glänzenden Symptomhandlung
mitgeteilt: „Seht ihr, so stelle ich mir eine Geburt vor.“
Was er dem Dienstmädchen über den Sinn seines Spieles mit
der Puppe gesagt, war nicht aufrichtig; dem Vater gegenüber
weist er es direkt ab, daß er nur den Wiwimacher sehen wollte.
Nachdem ihm der Vater gleichsam als Abschlagszahlung die
Entstehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt hat, vereinigen
sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein Besserwissen
zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen letzten WortenS.
208
zu einer deutlichen Anspielung auf die Geburt der Schwester
steigert.Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?“
Hans: „Ich hab’ ihr Grete gesagt.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab’.“
Ich: „Wie hast du dich gespielt?“
Hans: „Ich hab’ sie halt so gepflegt wie ein wirkliches Kind.“
Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?“
Hans: „O ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber die
Mammi darf keines kriegen, ich mag’s nicht.“
„(Er hat sich schon so oft ausgesprochen. Er fürchtet durch
ein drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden).“
Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind.“
Hans: „Ich krieg ein Mäderl.“
Ich: „Wo kriegst du es denn her?“
Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl heraus
und das Mäderl legt auf einmal ein Ei und aus dem Ei kommt
dann noch eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus der Hanna
kommt noch eine Hanna. Nein, es kommt eine Hanna heraus.“
Ich: „Du möchtest gerne ein Mäderl haben.“
Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg’ ich eins, das wird auch
Hanna heißen.“
Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl bekommen?“
Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag.“
Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen.“
Hans: „O ja, ein Bub kriegt ein Mäderl und ein Mäderl
kriegt einen Buben.1)“
Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen nur
Frauen, Mammis.“
Hans: „Warum denn ich nicht?“
1)Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheorie mit ungeahntem Sinne.
S.
209
Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat.“
Hans: „Warum kriegst denn du keines? O ja, du wirst schon
eins kriegen, nur warten.“Ich: „Da kann ich lang warten.“
Hans: „Ich gehör’ doch dir.“Ich: „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht. Du
gehörst dann der Mammi und mir.“Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?“
Ich: „Der Mammi.“Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der
Mammi?“Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir.“
Hans: „Na also!“Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im Ver-
ständnisse der Sexualbeziehungen, solange das weibliche Genitale
unentdeckt ist.
„Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau soweit
aufgeklärt, daß Kinder in der Mammi wachsen und dann, was
große Schmerzen bereite, mittels Drückens wie ein „Lumpf“ in
die Welt gesetzt werden.“„Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm eine
sichtliche Erleichterung eingetreten, er läuft Wagen nach und
nur der Umstand, daß er sich aus der Nähe des Haupttores
nicht wegtraut, respektive zu keinem größeren Spaziergange zu
bewegen ist, verrät den Rest von Angst.“„Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den Bauch,
was er schon früher einmal getan hat. Ich frage ihn, ob er eine
Ziege ist.“Er sagt: „Ja ein Wieder (Widder).“ – „Wo er einen Widder
gesehen hat?“Er: „In Gmunden, der Fritzl hat einen gehabt.“ (Der Fritzl
hat ein kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt.)Freud, VIII.
S.
210
Ich: „Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat es
gemacht?“Hans: „Du weißt, das Fräulein Mizzi (eine Lehrerin, die im
Hause wohnte) hat immer die Hanna auf das Lamperl gesetzt,
da hat es aber nicht aufstehen können, da hat es nicht stoßen
können. Wenn man hingeht, stößt es schon, weil es Hörner hat.
Der Fritzl tut’s halt an der Schnur führen und an einen Baum
anbinden. Er bindet’s immer an einen Baum an.“Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?“
Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat mich
einmal hingegeben … ich bin einmal hingegangen und hab’s
nicht gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinaufgesprungen.
Das war so lustig – erschrocken bin ich nicht.“„Das ist gewiß unwahr.“
Ich: „Hast du den Vatti gern?“
Hans: „O ja.“
Ich: „Vielleicht auch nicht?“
Hans (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem Moment
fällt das Pferdl um. Er schreit:) „Das Pferdl ist umgefallen! Siehst
du, wie’s Krawall macht!“Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mammi
gern hat.“Hans: „Nein.“
Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi mir
einen Kuß gibt? Weil du eifersüchtig bist.“Hans: „Das schon.“
Ich: „Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti wärst.“
Hans: „Und du der Hans? – Da möcht ich dich jeden
Sonntag nach Lainz fahren, nein, auch jeden Wochentag. Wenn
ich der Vatti wär’, wär’ ich gar brav.“Ich: „Was möchtest du mit der Mammi machen?“
Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen.“
Ich: „Was sonst noch?“
S.
211
Hans: „Nix.“
Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig?“
Hans: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?“
Hans: „In Gmunden nicht (das ist nicht wahr). In Gmunden
hab’ ich meine Sachen gehabt, einen Garten hab’ ich in Gmunden
gehabt und auch Kinder.“
Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuh das Kalberl
bekommen hat?“
Hans: „O ja. Es ist mit einem Wagen dahergekommen (– das
hat man ihm wohl damals in Gmunden gesagt; auch ein
Stoß gegen die Storchtheorie –) und eine andere Kuh hat es
aus dem Podl herausgedrückt.“ (Das ist bereits die Frucht der
Aufklärung, die er mit der „Wagerltheorie“ in Einklang bringen
will.)
Ich: „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl
gekommen ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle
war.“
„Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh
gesehen. Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahr-
scheinlich erzählt hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen
sei. Er gibt es schließlich zu: „Es hat mir’s wahrscheinlich die
Berta gesagt oder nein – oder vielleicht der Hausherr. Er war
dabei und es war doch Nacht, deshalb ist es doch wahr, wie
ich’s dir sage, oder mir scheint, es hat mir’s niemand gesagt,
ich hab’ mir’s in der Nacht gedacht.“
„Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weg-
geführt; daher die Verwechslung.“
Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat’s
gebracht?“
Hans: „Das hab’ ich mir nicht denken wollen.“
Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast du
dir gedacht?“S.
212
Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab’ ich mir’s gedacht.
– Du Vatti, war der Herr Reisenbichler (der Hausherr) dabei,
wie das Kalberl von der Kuh gekommen ist?1)“Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?“
Hans: „Ich glaub’ schon . . . Vatti hast du schon öfter gesehen,
wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?“Ich: „Ich hab’s schon öfter gesehen auf der Straße in Gmunden.2)“
Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Und dann hast dir gedacht, du bist der Vatti?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Und dann hast du dich vor dem Vatti gefürchtet?“
Hans: „Du weißt ja alles, ich hab’ nichts gewußt.“
Ich: „Wie der Fritzl gefallen ist, hast du dir gedacht, wenn
der Vatti so fallen möchte, und wie dich das Lamperl gestoßen
hat, wenn es den Vatti stoßen möcht’. Kannst du dich an das
Begräbnis in Gmunden erinnern?“ (Das erste Begräbnis, das Hans
sah. Er erinnert sich öfter daran, eine zweifellose Deckerinnerung.)Hans: „Ja, was war da?“
Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht’, wärst
du der Vatti.“Hans: „Ja.“
Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?“
Hans: „Vor allen.“
Ich: „Das ist doch nicht wahr.“
Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen, vor
Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn sie
aber leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll aufgeladen
1) Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachsenen mißtrauisch
zu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaubwürdiger sei als der Vater.2) Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwarzen am Munde der Pferde
hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen, bis es sich endlich hat verifizieren
lassen.S.
213
hat, da fürcht’ ich mich, und wenn’s zwei Pferde sind und voll
aufgeladen haben, da fürcht’ ich mich nicht.“Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, weil drin soviel
Leute sind?“Hans: „Weil am Dach soviel Gepäck ist.“
Ich: „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat,
nicht auch voll aufgela-
den?“Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgela-
den sein, wenn
sie wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen
wird, bis wieder eins drin sein wird.“Ich: „Das möchtest du halt gern.“
Hans: „Ja.“
Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi noch
ein Kind bekommen soll.“Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgela-
den sein. Die
Mammi hat gesagt, wenn die Mammi keins will, will’s der liebe
Gott auch nicht. Wird die Mammi auch keins wollen, so wird
sie keins bekom-
men.“ (Hans hat natürlich gestern auch gefragt,
ob in der Mammi noch Kinder sind. Ich habe ihm gesagt, nein,
wenn der liebe Gott nicht will, wird’s in ihr auch nicht wachsen).Hans: „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht will,
wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe Gott
nicht will.“„Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe,
worauf er bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß
besser.“ – Er stellte also die Mama zur Rede, und die stellte
die Konkordanz her, indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle,
wolle auch der liebe Gott nicht.1Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll ein
Kind bekommen?“Hans: „Aber haben will ich’s nicht.“
1)Ce que femme veut Dieu veut. Hans hat hier in seinem Scharfsinne wieder ein
sehr ernsthaftes Problem entdeckt.S.
214
Ich: „Aber du wünschest es?“
Hans: „Wünschen schon.“
Ich: „Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern der
Vatti sein möchtest.“
Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschicht’?“
Ich: „Welche Geschicht’?“
Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Geschicht’
dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht’?“
Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi ver-
heiratet sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart
haben und möchtest, daß die Mammi ein Kind bekommen soll.“
Hans: „Vatti, und bis ich verheiratet sein werde, werde ich
nur eines kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi
verheiratet sein werde, und wenn ich kein Kind will, will der
liebe Gott auch nicht, wenn ich geheiratet hab’.“
Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?“
Hans: „O ja.“
Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie noch
durch die Unsicherheit über die Rolle des Vaters und die
Zweifel an der Beherrschung des Kinderkriegens gestört wird.
„Am Abend desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett gelegt
wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach’? Jetzt sprech’
ich noch bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei mir im Bett.
Immer sind meine Kinder bei mir im Bett. Kannst du mir sagen,
wie das ist?“ – Da er schon sehr schläfrig ist, verspreche ich
ihm, wir würden das morgen aufschreiben, und er schläft ein.“
„Aus den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans seit
seiner Rückkehr von Gmunden immer von seinen „Kindern“
phantasiert, er führt mit ihnen Gespräche usw.1)“1)Es ist keine Nötigung, hier bei Hans einen femininen Zug von Sehnsucht
nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseligenden Erlebnisse als Kind bei der
Mutter gehabt hat, wiederholt er diese nun in aktiver Rolle, wobei er selbst die
Mutter spielen muß.S.
215
„Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer
von seinen Kindern spricht.“Hans: „Warum? Weil ich so gerne Kinder haben mag,
aber ich wünsch’ mir’s nie, haben mag ich sie nicht.“1)Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga usw.
sind deine Kinder?“Hans: „Ja, der Franzl, der Fritzl und der Paul (sein Gespiele
in Lainz) auch und die Lodi.“ Ein fingierter Name. Sein Lieblings-
kind, von dem er am öftesten spricht. – Ich betone hier, daß
die Persönlichkeit der Lodi nicht erst seit einigen Tagen, seit
dem Datum der letzten Aufklärung (24. April) besteht.“Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in Gmunden?“
Hans: „Nein.“
Ich: „Gibts eine Lodi?“
Hans: „Ja, ich kenn’ sie schon.“
Ich: „Welche denn?“
Hans: „Die da, die ich hab’.“
Ich: „Wie sieht sie denn aus?“
Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare . . . ich hab’
sie einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie ich in
die Stadt gegangen bin.“„Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies er-
funden ist.“2)Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?“
Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi.“
Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?“
Hans: „Bei mir hab’ ich sie schlafen lassen, Mädeln und Buben.“
Ich: „Jeden Tag?“
1)Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie und Wirklichkeit
wünschen und haben. Er weiß, daß er in Wirklichkeit Kind ist, da würden ihn
andere Kinder nur stören, in der Phantasie ist er Mutter und braucht Kinder, mit
denen er die selbst erlebten Zärtlichkeiten wiederholen kann.2)Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in Gmunden zum Ideal
erhoben hat, das übrigens in der Farbe von Augen und Haaren der Mutter nach-
gebildet ist.S.
216
Hans: „Na freilich.“
Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?“
Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen sind,
habe ich welche Kinder aufs Sofa gelegt und welche in den
Kinderwagen gesetzt, wenn noch übrig geblieben sind, hab’ ich
sie am Boden getragen und in die Kiste gelegt, da waren noch
Kinder und ich hab’ sie in die andere Kiste gelegt.“
Ich: „Also die Storchenkinderkisten sind am Boden gestanden?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Wann hast du die Kinder bekommen? War die Hanna
schon auf der Welt?“
Hans: „Ja, schon lange.“
Ich: „Aber von wem hast du dir gedacht, daß du die Kinder
bekommen hast?“
Hans: „No, von mir.“1)
Ich: „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß die
Kinder von einem kommen.“
Hans: „Ich hab’ mir gedacht, der Storch hat sie gebracht.“
(Offenbar Lüge und Ausflucht).2)
Ich: „Gestern war die Grete bei dir, aber du weißt doch
schon, daß ein Bub keine Kinder haben kann.“
Hans: „No ja, ich glaub’s aber doch.“
Ich: „Wie bist du auf den Namen Lodi gekommen? So heißt
doch kein Mäderl. Vielleicht Lotti?“
Hans: „O nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner Name
ist es doch.“
Ich (scherzend): „Meinst du vielleicht eine Schokolodi?“
Hans (sofort): „Nein, eine Saffalodi3) . . . weil ich so gern
Wurst essen tu, Salami auch.“
1)Hans kann nicht anders als vom Standpunkte des Autoerotismus antworten.
2)Es sind Phantasie-
kinder, d. h. Onaniekinder.3)„Saffaladi = Zervelatwurst. Meine Frau erzählt gern, daß ihre Tante immer
Soffilodi sagt, das mag er gehört haben.“S.
217
Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lump aus?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wie sieht denn ein Lump aus?“
Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen und
Schnurrbart) wie das und das.“
Ich: „Wie noch? Rund wie eine Saffaladi?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lump gekommen
ist, hast du dir gedacht, daß du ein Kind bekommst?“
Hans (lachend): „Ja, in der gasse schon und auch hier.“
Ich: „Weißt du, wie die Stellwagenpferde umgefallen sind? Der
Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und wenn das schwarze
Pferd umgefallen ist, war es so . . .“
Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt.“
Ich: „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen
Krawall gemacht hat?“
Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und
lieber spielen, dann mach’ ich so mit den Füßen Krawall.“ (Er
stampft mit den Füßen auf.)
„Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder ungern
Kinder bekommt.“
„Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf-
und abladen, wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen Kisten als Spielzeug.
Im Hofe des Hauptzollamtes gegenüber interessierte ihn am meisten
das Auf- und Abladen der Wagen. Er erschrak auch am heftigsten,
wenn ein Wagen aufgeladen hatte und fortfahren sollte. „Die
Pferde werden fallen“1). Die Türen des Hauptzollamtsschuppens
nannte er „Loch“ (das erste, zweite, dritte . . . Loch). Jetzt sagt
er „Podlloch“.
„Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er in der
Nähe des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu haben, wenn er1)Heißt man es nicht „niederkommen“, wenn eine Frau gebärt?
S.
218
sich fürchten sollte. Er flüchtet aber nie mehr ins Haus hinein,
bleibt immer auf der Straße. Bekanntlich hat das Kranksein damit
begonnen, daß er auf dem Spaziergange weinend umkehrte, und
als man ihn ein zweites Mal zwang, spazieren zu gehen, nur bis
zur Stadtbahnstation „Hauptzollamt“ ging, von der aus man unsere
Wohnung noch sieht. Bei der Entbindung der Frau war er natürlich
von ihr getrennt, und die jetzige Angst, die ihn hindert, die
Nähe des Hauses aufzugeben, ist noch die damalige Sehnsucht.“
„30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kindern
spielt, sage ich ihm: „Wieso leben denn deine Kinder noch? Du
weißt ja, daß ein Bub keine Kinder bekommen kann.“
Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt bin
ich der Vatti.“
Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?“
Hans: „No, die Mammi, und du bist der Großvatti.“
Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der Mammi
verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen.“
Hans: „Ja, das möcht’ ich und die Lainzerin (meine Mutter)
ist dann die Großmammi.“Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus hat eine glücklichere
Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben ist. Er gönnt
seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück, das er
für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet
auch ihn mit der eigenen Mutter.
„Am 1. Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt
was? Schreiben wir was für den Professor auf.“
Ich: „Was denn?“
Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf dem
Klosett. Zuerst hab’ ich Lumpf gemacht und Wiwi und sie haben
zugeschaut. Dann hab’ ich sie aufs Klosett gesetzt und sie haben
Wiwi und Lumpf gemacht und ich hab’ ihnen den Podl mitS.
219
Papier ausgewischt. Weißt warum? Weil ich so gerne Kinder
haben möcht’, dann möcht’ ich ihnen alles tun, sie aufs Klosett
führen, ihnen den Podl abputzen, halt alles, was man mit Kindern tut.“Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl kaum
angehen, die an die exkrementellen Funktionen geknüpfte Lust
bei Hans in Abrede zu stellen.„Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadtpark.
Da es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als sonst, immerhin
genug, die ihn bisher abgeschreckt haben. Er ist sehr stolz auf
seine Leistung, und ich muß mit ihm nach der Jause noch einmal
in den Stadtpark gehen. Auf dem Wege treffen wir einen Stell-
wagen, den er mir zeigt: „Schau, einen Storchenkistenwagen!“
Wenn er, wie geplant ist, morgen mit mir wieder in den Stadtpark
geht, kann man die Krankheit wohl als geheilt ansehen.“„Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab’ mir heute was
gedacht.“ Zuerst hat er’s vergessen, später erzählt er unter be-
trächtlichen Widerständen: „Es ist der Installateur gekommen
und hat mir mit einer Zange zuerst den Podl weggenommen
und hat mir dann einen andern gegeben und dann den
Wiwimacher. Er hat gesagt: Laß den Podl sehen und ich hab’
mich umdrehen müssen, und er hat ihn weggenommen und dann
hat er gesagt: Laß den Wiwimacher sehen.“Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie und zweifelt
keinen Moment an der einzig gestatteten Deutung.Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimacher und einen
größeren Podl gegeben.“Hans: „Ja.“
Ich: „Wie der Vatti sie hat, weil du gerne der Vatti sein
möchtest?“Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du möcht’ ich auch
haben und solche Haare.“ (Deutet auf die Haare an meiner Brust.)„Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie: Der
Installateur ist gekommen und hat die Badewanne abgeschraubtS.
220
und hat mir dann einen Bohrer in den Bauch eingesetzt, rektifiziert
sich demnach: Die große Badewanne bedeutet den „Podl“, der
Bohrer oder Schraubenzieher, wie damals schon gedeutet, den
Wiwimacher.1) Es sind identische Phantasien. Es eröffnet sich auch
ein neuer Zugang zu Hansens Furcht vor der großen Badewanne,
die übrigens auch bereits abgenommen hat. Es ist ihm unlieb,
daß sein „Podl“ zu klein ist für die große Wanne.“In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das Wort,
um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen Ausdruck zu
geben.
Nachtrag des Vaters eine Woche später:
„Geehrter Herr Professor! Ich möchte die Krankengeschichte
Hansens noch durch folgendes ergänzen:1) Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht so
vollständig, wie ich sie vielleicht dargestellt habe. Hans ging aller-
dings spazieren, aber nur gezwungen und mit großer Angst. Einmal
ging er mit mir bis zur Station „Hauptzollamt“, von wo man
noch die Wohnung sieht, und war nicht weiter zu bringen.“2) Ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft bekommt Hans
bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen ist eine auch ihm
geläufige Wortvertauschung.“3) Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes Zimmer
separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt.“4) Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in Furcht,
sondern in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen beziehen sich
meist darauf, woraus die Dinge verfertigt sind (Tramways, Maschinen
1)Vielleicht darf man hinzusetzen, daß der „Bohrer“ nicht ohne Beziehung auf
das Wort „geboren“, „Geburt“ gewählt worden ist. Das Kind würde so zwischen
„gebohrt“ und „geboren“ keinen Unterschied machen. Ich akzeptiere diese mir von
einem kundigen Kollegen mitgeteilte Vermutung, weiß aber nicht zu sagen, ob hier
ein tieferer allgemeiner Zusammenhang oder die Ausnützung eines dem Deutschen
eigentümlichen Sprachzufalles vorliegt. Auch Prometheus (Pramantha), der Menschen-
schöpfer, ist etymologisch der „Bohrer“. Vgl. Abraham, Traum und Mythus. 4. Heft
der „Schriften zur angewandten Seelenkunde“, 1908.S.
221
usw.), wer die Dinge macht usw. Charakteristisch für die meisten
Fragen ist, daß Hans fragt, obzwar er sich die Antwort bereits
selbst gegeben hat. Er will sich nur vergewissern. Als er mich
einmal mit Fragen zu sehr ermüdet hatte und ich ihm sagte:
„Glaubst du denn, daß ich dir auf alles antworten kann, was du
fragst?“, meinte er: „No, ich hab’ geglaubt, weil du das vom
Pferd gewußt hast, daß du das auch weißt.“
5) Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch: „Damals,
wie ich die Dummheit gehabt hab’.“
6) Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf zerbricht,
was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch die Mutter
das Kind zur Welt bringt. Man kann das aus den Fragen schließen,
wie: „Nicht wahr, ich gehör’ auch dir“ (Er meint, nicht nur
der Mutter.) Das: wieso er mir gehört, ist ihm nicht klar. Da
gegen habe ich keinen direkten Beweis, daß er, wie Sie meinen,
einen Koitus der Eltern belauscht hätte.“
7) Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die Heftigkeit
der Angst aufmerksam gemacht werden, da man sonst sagen würde:
„Hätte man ihn nur ordentlich durchgeprügelt, so wäre er schon
spazieren gegangen.“Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie Hansens
war auch die vom Kastrationskomplex stammende Angst über-
wunden, die peinliche Erwartung ins Beglückende gewendet. Ja,
der Arzt, Installateur usw. kommt, er nimmt den Penis ab, aber
nur um einen größeren dafür zu geben. Im übrigen mag unser
kleiner Forscher nur frühzeitig die Erfahrung machen, daß alles
Wissen Stückwerk ist, und daß auf jeder Stufe ein ungelöster
Rest bleibt.
You are here
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben1909-002/1924