• S.

    II

    KRANKENGESCHICHTE UND ANALYSE

    „Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein Stückchen
    Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Krankengeschichte. Wie sie
    daraus lesen, hat sich bei ihm in den letzten Tagen eine nervöse
    Störung entwickelt, die mich und meine Frau sehr beunruhigt,
    weil wir kein Mittel zu ihrer Beseitigung finden konnten. Ich
    erbitte mir die Erlaubnis, Sie morgen . . . . zu besuchen, habe
    Ihnen aber . . . . das verfügbare Material schriftlich aufgezeichnet.“

    „Sexuelle Übererregung durch Zärtlichkeit der Mutter hat wohl
    den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich nicht
    anzugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein Pferd
    beißen werde, scheint irgendwie damit zusammenzuhängen, daß
    er durch einen großen Penis geschreckt ist – den großen Penis
    des Pferdes hat er, wie Sie aus einer früheren Aufzeichnung wissen,
    schon zeitig bemerkt, und er hat damals den Schluß gezogen, daß
    die Mama, weil sie so groß ist, einen Wiwimacher haben müsse
    wie ein Pferd.“

    „Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er irgendwo
    einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze nur an
    die Mutter an? Es ist uns nicht angenehm, daß er schon jetzt
    anfängt Rätsel aufzugeben. Abgesehen von der Furcht auf die
    Gasse zu gehen und der abendlichen Verstimmung ist er übrigens
    ganz der Alte, lustig, heiter.“

  • S.

    145

    Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die ersten
    Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern uns
    zunächst das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar nicht unsere
    Aufgabe, einen Krankheitsfall gleich zu „verstehen“, dies kann
    erst später gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke von ihm
    geholt haben. Vorläufig lassen wir unser Urteil in Schwebe und
    nehmen alles zu Beobachtende mit gleicher Aufmerksamkeit hin.

    Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jännertagen
    dieses Jahres, 1908, stammen, lauten:

    „Hans (43/4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt der
    Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich geschlafen hab’,
    hab’ ich gedacht, du bist fort und ich hab’ keine Mammi zum
    Schmeicheln (= liebkosen).“

    „Also ein Angsttraum.“

    „Etwas Ähnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden
    bemerkt. Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt
    und machte einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber
    keine Mammi hab’, wenn du fortgehst, oder ähnlich; ich habe
    den Wortlaut nicht in Erinnerung. Wenn er in einer solchen
    elegischen Stimmung war, wurde er leider immer von der Mama
    ins Bett genommen.“

    „Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und
    sagte bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. gesagt hat:
    „Er hat aber ein liebes Pischl!1)“ (Tante M. hatte vor 4 Wochen
    bei uns gewohnt; sie sah einmal zu, wie meine Frau den Knaben
    badete, und sagte Obiges tatsächlich leise zu meiner Frau. Hans
    hat es gehört und suchte es zu verwerten.)“

    „Am 7. Jänner geht er mit den Kindermädchen wie gewöhnlich
    in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinen und verlangt,
    daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mit der Mammi

    1)Pischl = Genitale. Liebkostungen der Kindergenitalien in Worten oder auch
    Tätlichkeiten von seiten zärtlicher Verwandter, mitunter auch der Eltern selbst, gehören
    zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen, von denen die Psychoanalysen voll sind.
    Freud, VIII.

  • S.

    146

    „schmeicheln“. Zu Hause befragt, weshalb er nicht weiter gehen
    wollte und geweint hat, will er es nicht sagen. Bis zum Abend
    ist er heiter wie gewöhnlich; abends bekommt er sichtlich Angst,
    weint und ist von der Mama nicht fortzubringen; er will wieder
    schmeicheln. Dann wird er wieder heiter und schläft gut.“
    „Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazieren gehen,
    um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schönbrunn,
    wohin er sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen, will
    nicht weggehen, fürchtet sich. Schließlich geht er doch, hat aber
    auf der Straße sichtlich Angst. Auf der Rückfahrt von Schönbrunn
    sagt er nach vielem Sträuben zur Mutter: Ich hab’ mich gefürchtet,
    daß mich ein Pferd beißen wird. (Tatsächlich wurde er in
    Schönbrunn unruhig, als er ein Pferd sah.) Abends soll er wieder
    einen ähnlichen Anfall bekommen haben wie tags vorher, mit
    Verlangen zu schmeicheln. Man beruhigt ihn. Er sagt weinend:
    „Ich weiß, ich werde morgen wieder spazieren gehen müssen,“
    und später: „Das Pferd wird ins Zimmer kommen.“
    Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du vielleicht die
    Hand zum Wiwimacher?“ Darauf sagt er: „Ja jeden Abend, wenn
    ich im Bett bin.“ Am nächsten Tage, 9. Jänner, wird er vor dem
    Nachmittagsschlaf gewarnt, die Hand zum Wiwimacher zu geben.
    Nach dem Aufwachen befragt, sagt er, er hat sie doch für kurze
    Zeit hingegeben.“
    Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wir
    merken ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinander
    zu sondern. Das Material erscheint uns übrigens zur Orientierung
    vollkommen ausreichend und kein anderer Zeitpunkt ist dem
    Verständnisse so günstig wie ein solches, leider meist vernachlässigtes
    oder verschwiegenes Anfangsstadium. Die Störung setzt mit ängstlich-
    zärtlichen Gedanken und dann mit einem Angsttraum ein. Inhalt
    des letzteren: Die Mutter zu verlieren, so daß er mit ihr nicht
    schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit für die Mutter muß sich also
    enorm gesteigert haben. Dies das Grundphänomen des Zustandes.

  • S.

    147

    Erinnern wir uns noch zur Bestätigung der beiden Verführungs-
    versuche, die er gegen die Mutter unternimmt, von denen der
    erste noch in den Sommer fällt, der zweite, knapp vor dem
    Ausbruche der Straßenangst, einfach eine Empfehlung seines Genitales
    enthält. Diese gesteigerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die
    in Angst umschlägt, die, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt.
    Wir wissen noch nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt;
    vielleicht erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden
    Intensität der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir
    noch nicht erkennen, dabei mit. Wir werden es weiterhin erfahren.
    Diese, verdrängter erotischer Sehnsucht entsprechende, Angst ist
    zunächst wie jede Kinderangst objektlos, noch Angst und nicht
    Furcht. Das Kind kann nicht wissen, wovor es sich fürchtet, und
    wenn Hans auf dem ersten Spaziergange mit dem Mädchen nicht
    sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß er es eben noch nicht.
    Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama auf der Straße fehlt,
    mit der er schmeicheln kann, und daß er nicht von der Mama
    weg will. Er verrät da in aller Aufrichtigkeit den ersten Sinn
    seiner Abneigung gegen die Straße.

    Auch seine, an zwei Abenden hintereinander vor dem Schlafen-
    gehen wiederholten, ängstlichen und noch deutlich zärtlich getönten
    Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung eine Phobie
    vor der Straße oder dem Spaziergange oder gar vor den Pferden
    noch gar nicht vorhanden ist. Der abendliche Zustand würde
    dann unerklärlich; wer denkt vor dem Zubettgehen an Straße
    und Spaziergang? Hingegen ist es vollkommen durchsichtig, daß
    er abends so ängstlich wird, wenn ihn vor dem Zubettgehen die
    Libido, deren Objekt die Mutter ist, und deren Ziel etwa sein
    könnte, bei der Mutter zu schlafen, verstärkt überfällt. Er hat
    doch die Erfahrung gemacht, daß die Mutter sich durch solche
    Stimmungen in Gmunden bewegen ließ, ihn in ihr Bett zu
    nehmen, und er möchte dasselbe hier in Wien erreichen. Neben-
    bei vergessen wir nicht daran, daß er in Gmunden zeitweise mit

  • S.

    148

    der Mutter allein war, da der Vater nicht die ganzen Ferien
    dort verbringen konnte; ferner daß sich dort seine Zärtlichkeit
    auf eine Reihe von Gespielen, Freunde, Freundinnen, verteilt
    hatte, die ihm hier abgingen, so daß die Libido wieder un-
    geteilt zur Mutter zurückkehren konnte.

    Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie ist
    nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht auch für
    etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Befriedigung verwandeln,
    wenn man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der Angst nützt
    diese Therapie nichts mehr, sie bleibt, auch wenn die Sehnsucht
    befriedigt sein könnte, sie ist nicht mehr voll in Libido zurück-
    zuverwandeln; die Libido wird durch irgend etwas in der Ver-
    drängung zurückgehalten1). Dies zeigt sich bei Hans auf dem
    nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm macht. Er ist jetzt
    mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte Sehnsucht
    nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt sich ja doch zum
    Spaziergange bewegen, während er das Dienstmädchen zum Um-
    kehren gezwungen hat; auch ist die Straße nicht der richtige Ort
    fürs „Schmeicheln“, oder was der kleine Verliebte sonst möchte.
    Aber die Angst hat die Probe bestanden und muß jetzt ein Objekt
    finden.

    Auf diesem Spaziergange äußert er zunächst die Furcht, daß
    ihn ein Pferd beißen werde. Woher das Material dieser Phobie
    stammt? Wahrscheinlich aus jenen noch unbekannten Komplexen,
    die zur Verdrängung beigetragen haben und die Libido zur Mutter
    im verdrängten Zustand erhalten. Das ist noch ein Rätsel des
    Falles, dessen weitere Entwicklung wir nun verfolgen müssen, um
    die Lösung zu finden.

    Gewisse Anhaltspunkte, die wahrscheinlich
    verlässlich sind, hat uns der Vater schon gegeben, daß er die
    Pferde wegen ihrer großen Wiwimacher immer mit Interesse
    beobachtet, daß er angenommen, die Mama müsse einen Wiwi-

    1)Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstlich-sehnsüchtige Empfindung von
    dem Momente an eine pathologische Angst, wenn sie nicht mehr durch die Zu-
    führung des ersehnten Objektes aufzuheben ist.

  • S.

    149

    macher haben wie ein Pferd u. dgl. So könnte man meinen, das
    Pferd sei nur ein Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen,
    daß Hans am Abend die Furcht äußert, das Pferd werde ins
    Zimmer kommen? Eine dumme Angstidee eines kleinen Kindes,
    wird man sagen. Aber die Neurose sagt nichts Dummes, so wenig
    wie der Traum. Wir schimpfen immer dann, wenn wir nichts
    verstehen. Das heißt, sich die Aufgabe leicht machen.

    Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem andern
    Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede Nacht vor
    dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis beschäftigt.
    Nun, wird der Praktiker gerne sagen, nun ist alles klar. Das
    Kind masturbiert, daher also die Angst. Gemach! Daß das Kind
    sich masturbatorisch Lustgefühle erzeugt, erklärt uns seine Angst
    keineswegs, macht sie vielmehr erst recht rätselhaft. Angst-
    zustände werden nicht durch Masturbation, überhaupt nicht durch
    Befriedigung hervorgerufen. Nebenbei dürfen wir annehmen, daß
    unser Hans, der jetzt 43/4 Jahre alt ist, sich dieses Vergnügen
    gewiß schon seit einem Jahre (vgl. p. 151) allabendlich gönnt,
    und werden erfahren, daß er sich gerade jetzt im Abge-
    wöhnungskampfe befindet, was zur Verdrängung und Angst-
    bildung besser paßt.

    Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen
    wir Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen
    Schein von Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und all-
    zu häufige Bereitwilligkeit, das Kind ins Bett zu nehmen, den
    Ausbruch der Neurose herbeigeführt; wir könnten ihr ebensowohl
    den Vorwurf machen, daß sie durch ihre energische Abweisung
    seiner Werbungen („das ist eine Schweinerei“) den Eintritt der
    Verdrängung beschleunigt habe. Aber sie spielt eine Schicksals-
    rolle und hat einen schweren Stand.

    Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen solle,
    das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts. Die
    Wahrheit sei, daß er die Mama so gern habe und von ihr ins

  • S.

    150

    Bett genommen werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher der
    Pferde so sehr interessiert habe, darum fürchte er sich jetzt vor
    den Pferden. Er habe gemerkt, es sei unrecht, sich mit dem
    Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv zu beschäftigen,
    und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner schlug ich dem
    Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung zu betreten. Da
    wir nach der Vorgeschichte des Kleinen annehmen durften, seine
    Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher der Mama zu sehen,
    so solle er ihm dieses Ziel durch die Mitteilung entziehen, daß
    die Mama und alle anderen weiblichen Wesen, wie er ja von
    der Hanna wissen könne, – einen Wiwimacher überhaupt nicht
    besitzen. Letztere Aufklärung sei bei passender Gelegenheit im
    Anschlusse an irgend eine Frage oder Äußerung von Hans zu
    erteilen.

    Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die
    Zeit vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird
    bald ihre Erklärung finden.

    „Der Aufklärung1) folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans ohne
    besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den Stadt-
    park spazieren zu gehen. Seine Furcht vor Pferden verwandelt
    sich mehr und mehr in den Zwang, auf Pferde hinzusehen. Er
    sagt: „Ich muß auf die Pferde sehen und dann fürchte ich mich.“
    „Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett
    fesselt, verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht zu
    bewegen ist, auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon.
    Sonntags fährt er jede Woche mit mir nach Lainz2), weil an
    diesem Tage wenig Wagen auf der Straße zu sehen sind, und
    er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg hat. In Lainz weigert
    er sich einmal, aus dem Garten heraus spazieren zu gehen, weil
    ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren Woche,

    1)Was seine Angst bedeute; noch nichts über den Wiwimacher der Frauen.

    2)Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen.

  • S.

    151

    die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten
    wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar
    auf den Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er
    zum Haustor kommt, rasch wieder um.“

    „Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum
    Bahnhofe folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu erklären,
    daß Pferde nicht beißen. Er: „Aber weiße Pferde beißen; in
    Gmunden ist ein weißes Pferd, das beißt. Wenn man die Finger
    hinhält, beißt es.“ (Es fällt mir auf, daß er sagt: die Finger
    anstatt: die Hand). Er erzählt dann folgende Geschichte, die ich
    hier zusammenhängend wiedergebe: „Wie die Lizzi hat weg-
    fahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor
    ihrem Hause gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen
    sollte. (Lizzi ist, wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem
    Nachbarhause wohnte.) Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestanden
    und das Pferd hat den Kopf hingewendet (um ihn zu berühren),
    und er hat zur Lizzi gesagt: Gib nicht die Finger zum
    weißen Pferd, sonst beißt es dich“. Ich sage darauf: „Du,
    mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern ein
    Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll.“

    Er: „Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht.“

    Ich: „Vielleicht doch,“ worauf er mir lebhaft beweisen will,
    daß es wirklich ein weißes Pferd war1).“

    Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet:
    „Weißt du was? Die Dummheit“ – so nennt er seine Phobie –
    wird schwächer werden, wenn du öfter spazieren gehst. Jetzt
    ist sie so stark, weil du nicht aus dem Hause herausgekommen
    bist, weil du krank warst.“

    Er: „O nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die
    Hand zum Wiwimacher gebe jede Nacht.“


    1)Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier eine wirkliche Be-
    gebenheit erzählt hat. – Die Juckempfindungen an der Eichel, welche die Kinder zur
    Berührung veranlassen, werden übrigens in der Regel so beschrieben: Es beißt mich.

  • S.

    152

    Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin, der
    Onanieangewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des
    gegenwärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht
    an Anzeichen für die Bedeutung anderer Momente.

    „Am 5. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten, das
    sein besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim Zimmer-
    reinigen aufsitzen läßt, nennt er sie nur „mein Pferd“ und hält
    sie immer am Rock, „Hüoh“ rufend. Am 10. März etwa sagt
    er zu diesem Kindermädchen: „Wenn Sie das oder das tun,
    müssen Sie sich ganz ausziehen, auch das Hemd.“ (Er meint,
    zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter den Wunsch zu erkennen.)
    Sie: „No, was ist da dran? So werd’ ich mir denken, ich
    hab’ kein Geld auf Kleider.“

    Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch den
    Wiwimacher.“

    Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und wie
    es den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer moralisierenden
    Tendenz verdeckt!

    „Am 13. März früh sage ich zu Hans: „Weißt du, wenn du
    nicht mehr die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dumm-
    heit schon schwächer werden.“

    Hans: „Aber ich geb’ die Hand nicht mehr zum Wiwimacher.“

    Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben.“

    Hans: „Ja, das schon, aber ‚möchten‘ ist nicht ‚tun‘, und ‚tun‘
    ist nicht ‚möchten‘.“ (!!)

    Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute
    einen Sack zum Schlafen.“

    „Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar, sagt
    aber, durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes
    sichtlich gehoben: „No morgen, wenn ich den Sack haben
    werde, wird die Dummheit weg sein.“ Er fürchtet sich tat-
    sächlich vor Pferden viel weniger und läßt Wagen ziemlich
    ruhig vorüberfahren.“

  • S.

    155

    „Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen,
    mit mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich geht
    er doch mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige Wagen
    fahren, sichtlich wohl und sagte: „Das ist gescheit, daß der
    liebe Gott das Pferd schon ausgelassen hat.“ Auf dem Wege er-
    kläre ich ihm, daß seine Schwester keinen Wiwimacher hat wie
    er. Mäderl und Frauen haben keinen Wiwimacher. Die Mammi
    hat keinen, die Anna nicht usw.“

    Hans: „Hast du einen Wiwimacher?“
    Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?“
    Hans: (Nach einer Pause) „Wie machen aber Mäderl Wiwi,
    wenn sie keinen Wiwimacher haben?“

    Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast du
    noch nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?“

    „Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten usw.
    Erst gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint sich
    vor Pferden zu fürchten.“

    „Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach
    Schmeicheln schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten
    Tage wird er von der Mama in der Stadt mitgenommen, hat
    auf der Gasse große Furcht. Tags darauf bleibt er zu Hause
    und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen kommt er gegen
    6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt er:
    „Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben.
    Da hab’ ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und
    sie hat den Wiwimacher sehen lassen. Ich hab’ der Grete1),
    meiner Grete, gezeigt, was die Mama macht, und hab’ ihr
    meinen Wiwimacher gezeigt. Dann hab’ ich die Hand schnell
    vom Wiwimacher weggegeben.“ Auf meinen Einwand, es kann
    nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt Hans: „Sie war


    1)Grete ist eines der Gmundner Mäderl, von der Hans gerade jetzt phantasiert;
    er spricht und spielt mit ihr.

  • S.

    154

    im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den Wiwi-
    macher gesehen hab‘.“

    Das ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem
    Traume äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun
    läßt, dient offenbar zu seiner Rechtfertigung: „Wenn die Mammi
    den Wiwimacher zeigt, darf ich es auch.“

    Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens,
    daß der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf
    ihn geübt hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten
    keinen Wiwimacher, von ihm zunächst nicht akzeptiert wird.
    Er bedauert es, daß es so sein soll, und hält in der Phantasie
    an ihm fest. Vielleicht hat er auch seine Gründe, dem Vater
    fürs erste den Glauben zu versagen.

    Wochenbericht des Vaters: „Geehrter Herr Professor! Anbei
    folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein ganz
    interessantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie Montag
    in der Ordination aufzusuchen und womöglich Hans mitbringen
    – vorausgesetzt, daß er geht. Ich hab‘ ihn heute gefragt: „Willst
    du Montag mit mir zu dem Professor gehen, der dir die Dumm-
    heit wegnehmen kann?“

    Er: „Nein.“

    Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl.“ – Darauf hat
    er bereitwillig und freudig zugestimmt.“

    „Sonntag, 22. März. Um das Sonntagsprogramm zu erweitern,
    schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu fahren und erst
    mittags von dort nach Lainz. Er hat also nicht bloß den Weg
    von der Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt zu Fuß
    zurückzulegen, sondern auch von der Station Hietzing nach Schön-
    brunn und von dort wieder zur Dampftramwaystation Hietzing,
    was er auch absolviert, indem er, wenn Pferde kommen, eiligst
    wegschaut, da ihm offenbar ängstlich zu Mute ist. Mit dem
    Wegschauen befolgt er einen Rat der Mama.“

  • S.

    155

    „In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst furcht-
    los angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich die
    Giraffe befindet, absolut nicht hinein, will auch zum Elefanten
    nicht, der ihm sonst viel Spaß gemacht hat. Er fürchtet sich vor
    allen großen Tieren, während er sich bei den kleinen sehr unter-
    hält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal auch den Pelikan,
    was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen seiner Größe.“

    „Ich sage ihm daraufhin: Weißt du, warum du dich vor den
    großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen Wiwi-
    macher, und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen Wiwi-
    macher.“

    Hans: „Aber ich habe noch nie von den großen Tieren den
    Wiwimacher gesehen1).“

    Ich: „Aber vom Pferde doch und das Pferd ist auch ein
    großes Tier.“

    Hans: „Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der Wagen
    vor dem Hause gestanden ist, einmal vor dem Hauptzollamt.“

    Ich: „Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in Gmunden
    in einen Stall gegangen ……“

    Hans (unterbrechend): „Ja, jeden Tag, wenn in Gmunden die
    Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall gegangen.“

    Ich: „– und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du
    einmal den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber
    davor brauchst du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben
    große Wiwimacher, kleine Tiere kleine Wiwimacher.“

    Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der Wiwi-
    macher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja an-
    gewachsen.“

    „Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen scheint
    die Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors Haustor,
    wohin man ihn nach dem Essen führt.“


    1)Das ist falsch. Vergleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfig. p. 152. Wahrscheinlich
    beginnendes Vergessen infolge der Verdrängung.

  • S.

    156

    Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht auf die Situation und
    gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein wenig zu korrigieren.
    Es ist wahr, daß er bei den großen Tieren Angst hat, weil er an
    deren großen Wiwimacher denken muß, aber man kann eigentlich
    nicht sagen, daß er sich vor dem großen Wiwimacher selbst
    fürchtet. Die Vorstellung eines solchen war ihm früher entschieden
    lustbetont, und er versuchte mit allem Eifer, sich dessen Anblick
    zu verschaffen. Dies Vergnügen ist ihm seither verleidet worden
    durch die allgemeine Verkehrung von Lust in Unlust, die – auf
    noch nicht aufgeklärte Weise – seine ganze Sexualforschung be-
    troffen hat, und was uns deutlicher ist, durch gewisse Erfahrungen
    und Erwägungen, die zu peinlichen Ergebnissen führten. Aus
    seiner Tröstung: Der Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich
    größer werde, läßt sich schließen, daß er bei seinen Beobachtungen
    beständig verglichen hat und von der Größe seines eigenen Wiwi-
    machers sehr unbefriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern
    ihn die großen Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm
    sind. Weil aber der ganze Gedankengang wahrscheinlich nicht
    klar bewußt werden kann, wandelt sich auch diese peinliche
    Empfindung in Angst, so daß seine gegenwärtige Angst sich auf
    der ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust aufbaut. Wenn
    einmal der Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die Angst alle
    anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrängung, je
    mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstellungen ins
    Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst verwandeln.

    Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja angewachsen,“
    läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten, was er nicht
    aussprechen kann, auch in dieser Analyse nicht ausgesprochen hat.
    Ich ergänze da ein Stück nach meinen Erfahrungen aus den
    Analysen Erwachsener, aber ich hoffe, die Einschaltung wird nicht
    als eine gewaltsame und willkürliche beurteilt werden. „Er ist ja
    angewachsen“: wenn das zum Trutze und Troste gedacht ist, so
    läßt es an die alte Drohung der Mutter denken, sie werde ihm

  • S.

    157

    den Wiwimacher abschneiden lassen, wenn er fortfahre, sich mit
    ihm zu beschäftigen. Diese Drohung blieb damals, als er 31⁄2 Jahre
    alt war, wirkungslos. Er antwortete ungerührt, dann werde er
    aber mit dem Popo Wiwi machen. Es wäre durchaus das typische
    Verhalten, wenn die Drohung mit der Kastration jetzt nach-
    träglich zur Wirkung käme, und er jetzt, 11⁄4 Jahre später, unter
    der Angst stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man
    kann solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen
    in der Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo
    das Intervall ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich
    kenne Fälle, in denen der „nachträgliche Gehorsam“ der
    Verdrängung den wesentlichen Anteil an der Determinierung der
    Krankheitssymptome hat.

    Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß Frauen
    wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschütternd auf
    sein Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastrationskomplex
    gewirkt haben. Darum sträubte er sich auch gegen sie, und darum
    blieb ein therapeutischer Erfolg dieser Mitteilung aus: Soll es also
    wirklich lebende Wesen geben, die keinen Wiwimacher besitzen?
    Dann wäre es ja nicht mehr so unglaublich, daß man ihm den Wiwi-
    macher wegnehmen, ihn gleichsam zum Weibe machen könnte!1)


    „In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans dadurch,
    daß er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und zu uns

    1)Ich kann den Zusammenhang nicht so weit unterbrechen, um darzutun, wieviel
    Typisches an diesen unbewußten Gedankengängen ist, die ich hier dem kleinen Hans
    zumute. Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus,
    denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis –
    er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht,
    den Juden zu verachten. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere
    unbewußte Wurzel. Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte junge
    Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Geschlecht und Charakter“ sein
    Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem vielbemerken Kapitel den Juden
    und das Weib mit der gleichen Feindschaft bedacht und mit den nämlichen Schmähungen
    überhäuft. Weininger stand als Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler
    Komplexe; die Beziehung zum Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe
    dort Gemeinsame.

  • S.

    158

    ins Bett kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett von unserem
    Schlafzimmer getrennt. Wir fragen ihn, weshalb; ob er sich vielleicht
    gefürchtet habe. Er sagt: „Nein, ich werde es morgen sagen,“ schläft
    in unserem Bette ein und wird dann in seines zurückgetragen.“

    „Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu erfahren,
    weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es entwickelt
    sich nach einigem Sträuben folgender Dialog, den ich sofort steno-
    graphisch festlege:

    Er: „In der Nacht war eine große und eine zerwutzelte
    Giraffe im Zimmer, und die große hat geschrien, weil
    ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab’. Dann hat sie
    aufgehört zu schreien, und dann hab’ ich mich auf die
    zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“

    Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie war das?“

    Er: „Ja.“ (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen und
    sagt mir:) „So war sie zerwutzelt.“

    Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf-
    gesetzt? Wie?“

    „Er zeigt mir’s wieder, setzt sich auf die Erde.“

    Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?“

    Er: „Das weiß ich selber nicht.“

    Ich: „Hast du dich gefürchtet?“

    Er: „Nein, bestimmt nicht.“

    Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?“

    Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab’ mir’s gedacht – das
    Ganze hab’ ich mir gedacht – aufgekommen war ich schon früher.“

    Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du weißt
    ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann wie ein
    Stück Papier.“

    Er: „Ich weiß’ ja. Ich hab’s halt geglaubt. Es gibt’s ja eh
    net auf der Welt.1) Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf dem

    1)Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine Phantasie.

  • S.

    159

    Fußboden, und ich hab’ sie weggenommen, mit den Händen
    genommen.“

    Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen
    nehmen?“

    Er: „Die zerwutzelte hab’ ich mit der Hand genommen.“

    Ich: „Wo war die große unterdessen?“

    Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden.“

    Ich: „Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?“

    Er: „Ich hab’ sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis die
    große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum schreien
    aufgehört hat, hab’ ich mich draufgesetzt.“

    Ich: „Weshalb hat die große geschrien?“

    Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab’.“ (Bemerkt,
    daß ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du das auf?“)“

    Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die ,Dumm-
    heit‘ wegnehmen kann.“

    Er: „Aha, da hast du’s doch auch aufgeschrieben, daß sich die
    Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem Professor.“

    Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, daß
    man eine Giraffe zerwutzeln kann.“

    Er: „Sag’ ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird er
    nicht fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe ist,
    kann er uns ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben
    wir gleich, ich weiß es selber nicht.“

    Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?“

    Er: „Das weiß ich nicht.“

    Ich: „Sag’ mir halt schnell, woran du jetzt denkst.“

    Seine
    Wünsche

    Er (humoristisch): „An einen Himbeersaft.“

    Ich: „Was noch?“

    Er: „Ein Gewehr zum Totschießen.“


    1)Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit, die klassische Technik der
    Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber was sie ergibt, kann doch im
    Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll werden.

  • S.

    160

    Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?“
    Er: „Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt.“
    „Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange gebeten,
    ich soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen bin.
    Ich hab’s aber nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor der
    Mammi geschämt hab’.“
    Ich: „Weshalb?“
    Er: „Das weiß ich nicht.“
    „Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag in-
    quiriert, bis er die Giraffengeschichte erzählt hat.“
    Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der
    Giraffenphantasie.
    „Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis (der
    lange Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive ihr
    Glied, was also der Erfolg der Aufklärung ist.“
    „Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er ein
    Bild einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette hängen.“
    „Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich fast
    jeden Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans kommt
    in der Früh immer zu uns, und meine Frau kann es dann
    nicht unterlassen, ihn für einige Minuten zu sich ins Bett zu
    nehmen. Daraufhin fange ich immer an sie zu warnen, sie möge
    ihn nicht zu sich nehmen („die große hat geschrien, weil ich
    ihr die zerwutzelte weggenommen hab’“), und sie erwidert hie
    und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine Minute
    sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze Zeit bei
    ihr. („Dann hat die große Giraffe aufgehört zu schreien und
    dann hab’ ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“)
    „Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Eheszene
    ist also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama be-
    kommen, nach ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist des-
    halb ins Schlafzimmer gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung
    der Pferdefurcht.“

  • S.

    161

    Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzu-
    zufügen: „Das Draufsetzen“ ist wahrscheinlich Hansens Dar-
    stellung des Besitzergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutz-
    phantasie, die mit Befriedigung an den Sieg über den väterlichen
    Widerstand anknüpft. „Schrei, soviel du willst, die Mammi nimmt
    mich doch ins Bett und die Mammi gehört mir.“ Es läßt sich
    also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater vermutet: die
    Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwi-
    macher mit dem des Vaters nicht messen kann.

    Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung
    seiner Deutung.

    „Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In der
    Tür verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft: „Adieu,
    große Giraffe.“ Hans fragt: „Warum Giraffe?“ Darauf ich: „Die
    Mammi ist die große Giraffe,“ worauf Hans sagt: „Nicht wahr,
    und die Hanna ist die zerwutzelte Giraffe?“

    „Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie, worauf er
    sagt: Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich sei die große
    Giraffe, der lange Hals habe ihn an einen Wiwimacher erinnert,
    sagt er: „Die Mammi hat auch einen Hals wie eine Giraffe, das hab’
    ich gesehen, wie sie sich den weißen Hals gewaschen hat.“1)

    „Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt:
    „Du, heut hab’ ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste? Ich
    bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und dann
    sind wir unter den Stricken durchgekrochen, und das haben wir
    dann dem Wachmanne beim Eingang des Gartens gesagt, und
    der hat uns zusammengepackt.“ Das zweite hat er vergessen.

    „Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen
    gehen wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt,


    1)Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf Vater und Mutter,
    nicht die sexuelle Symbolik, die in der Giraffe selbst eine Vertretung des Penis
    erblicken will. Wahrscheinlich hat diese Symbolik recht, aber von Hans kann man
    wahrlich nicht mehr verlangen.

  • S.

    162

    so daß wir nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert,
    daß man einen Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter
    dem man doch leicht durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, an
    ständige Menschen kriechen nicht unter den Strick. Er meinte,
    es ist ja ganz leicht, worauf ich erwiderte, es kann dann ein
    Wachmann kommen, der einen fortführt. Am Eingange von
    Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich Hans einmal
    gesagt habe, der arretiert schlimme Kinder.“

    „Nach der Rückkehr von dem Besuche bei Ihnen, der am selben
    Tage vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen Gelüste, Verbotenes
    zu tun. „Du, heut früh hab' ich mir wieder etwas gedacht.“ „Was?“
    „Ich bin mit dir in der Eisenbahn gefahren und wir haben ein
    Fenster zerschlagen und der Wachmann hat uns mitgenommen.“

    Die richtige Fortsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt, daß
    es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen; er ist
    auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für verboten an
    sich. Bei den verbotenen Streichen, die er in der Phantasie aus
    führt, ist jedesmal der Vater dabei und wird mit ihm eingesperrt.
    Der Vater, meint er, tut doch auch jenes rätselhafte Verbotene
    mit der Mutter, das er sich durch etwas Gewaltätiges wie das
    Zerschlagen einer Fensterscheibe, durch das Eindringen in einen
    abgeschlossenen Raum, ersetzt.

    An diesem Nachmittage besuchten mich Vater und Sohn in
    meiner ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen Knirps
    schon und hatte ihn, der in seiner Selbstsicherheit doch so
    liebenswürdig war, jedesmal gern gesehen. Ob er sich meiner
    erinnerte, weiß ich nicht, aber er benahm sich tadellos, wie ein
    ganz vernünftiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Die
    Konsultation war kurz. Der Vater knüpfte daran an, daß trotz
    aller Aufklärungen die Angst vor den Pferden sich noch nicht
    gemindert habe. Wir mußten uns auch eingestehen, daß die
    Beziehungen zwischen den Pferden, vor denen er sich ängstigte,
    und den aufgedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die Mutter

  • S.

    163

    wenig ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß
    ihn besonders geniere, was die Pferde vor den Augen haben,
    und das Schwarze um deren Mund, ließen sich von dem aus,
    was wir wußten, gewiß nicht erklären. Aber als ich die beiden
    so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderung seiner Angst-
    pferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung durch
    den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater ent-
    gehen konnte. Ich fragte Hans scherzend, ob seine Pferde Augen-
    gläser tragen, was er verneinte, dann ob sein Vater Augen-
    gläser trage, was er gegen alle Evidenz wiederum verneinte, ob
    er mit dem Schwarzen um den „Mund“ den Schnurrbart meine,
    und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor seinem Vater, eben
    weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben, daß ihm
    der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr, der Vater
    habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos alles bekennen.
    Lange, ehe er auf der Welt war, hätte ich schon gewußt, daß
    ein kleiner Hans kommen werde, der seine Mutter so lieb hätte,
    daß er sich darum vor dem Vater fürchten müßte, und hätte
    es seinem Vater erzählt. „Warum glaubst du denn, daß ich böse
    auf dich bin,“ unterbrach mich hier der Vater, „habe ich dich
    denn je geschimpft oder geschlagen?“ „O ja, du hast mich
    geschlagen,“ verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann denn?“
    „Heute Vormittag“ mahnte der Kleine, und der Vater erinnerte
    sich, daß Hans ihn ganz unerwartet mit dem Kopfe in den Bauch
    gestoßen, worauf er ihm wie reflektorisch einen Schlag mit der
    Hand gegeben. Es war bemerkenswert, daß er dieses Detail nicht
    in den Zusammenhang der Neurose aufgenommen hatte; er ver-
    stand es aber jetzt als Ausdruck der feindseligen Disposition des
    Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als Äußerung des Bedürfnisses,
    sich dafür eine Bestrafung zu holen.1)

    1)Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater später in deutlicherer
    und vollständigerer Weise, indem er dem Vater zuerst einen Schlag auf die Hand
    gab und dann dieselbe Hand zärtlich küßte.

  • S.

    164

    Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht denn
    der Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vorher
    wissen kann?“ Ich wäre auf diese Anerkennung aus Kindermund
    außerordentlich stolz, wenn ich sie nicht durch meine scherz-
    haften Prahlereien selbst provoziert hätte. Ich erhielt von dieser
    Konsultation an fast täglich Berichte über die Veränderungen
    im Befinden des kleinen Patienten. Es stand nicht zu erwarten,
    daß er durch meine Mitteilung mit einem Schlage angstfrei
    werden könnte, aber es zeigte sich, daß ihm nun die Möglich-
    keit gegeben war, seine unbewußten Produktionen vorzubringen
    und seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an ein Programm
    aus, das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen konnte.

    „Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung festzu-
    stellen. Während er bisher nie zu bewegen war, für längere
    Zeit vors Haustor zu gehen, und immer, wenn Pferde kamen,
    mit allen Zeichen des Schreckens zurück ins Haus rannte, bleibt
    er diesmal eine Stunde vor dem Haustore, auch wenn Wagen
    vorüberfahren, was bei uns ziemlich häufig vorkommt. Hie und
    da läuft er, wenn er von ferne einen Wagen kommen sieht,
    ins Haus, kehrt jedoch sofort um, als ob er sich anders besinnen
    würde. Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst vorhanden und
    der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu verkennen.“

    „Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen, werden
    wir auch in den Stadtpark gehen.“

    „Am 3. April kommt er früh zu mir ins Bett, während er die
    letzten Tage nicht mehr gekommen war und sogar stolz auf diese Ent-
    haltung schien. Ich frage: „Weshalb bist du denn heute gekommen?“
    Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht
    mehr kommen.“

    Ich: „Du kommst also zu mir, weil du dich fürchtest?“
    Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn
    ich nicht bei dir im Bette bin, da fürcht’ ich mich. Bis ich
    mich nicht mehr fürchten werde, komme ich nicht mehr.“

  • S.

    165

    Ich: „Du hast mich also gern und dir ist bange, wenn du
    früh in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?“

    Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab’ die Mammi
    gern, und ich fürcht’ mich deshalb, wenn ich dich gern hab?“

    Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit. Er
    gibt zu erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit der
    Feindseligkeit gegen den Vater infolge seiner Nebenbuhlerrolle
    bei der Mutter ringt, und macht dem Vater den Vorwurf, daß
    er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das in Angst auslaufen mußte,
    nicht aufmerksam gemacht hat. Der Vater versteht ihn noch
    nicht ganz, denn er holt sich erst während dieser Unterhaltung
    die Überzeugung von der Feindseligkeit des Kleinen gegen ihn,
    die ich bei unserer Konsultation behauptet hatte. Das Folgende,
    das ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich bedeutsamer für
    die Aufklärung des Vaters als für den kleinen Patienten.

    „Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner Be-
    deutung aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat, will er
    mich offenbar weghaben, dann ist er an Vaters Stelle. Dieser
    unterdrückte feindliche Wunsch wird zur Angst um den Vater,
    und er kommt früh zu mir, um zu sehen, ob ich fort bin. Ich
    habe das leider in diesem Momente noch nicht verstanden und
    sage ihm:

    „Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir und du
    kommst zu mir.“

    Hans: „Wenn du weg bist, fürcht’ ich mich, daß du nicht
    nach Hause kommst.“

    Ich: „Hab’ ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach
    Hause komme?“

    Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir gesagt,
    daß sie sie nicht mehr kommt.“ (Wahrscheinlich war er schlimm,
    und sie hat ihm mit dem Weggehen gedroht.)

    Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst.“

    Hans: „Ja.“

  • S.

    166

    Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh’ weg, weil du schlimm
    warst, deshalb kommst du zu mir.“

    „Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf Hans sagt:
    Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn“ anstatt „lauf“ sagt,
    fällt mir auf und ich repliziere: „Oha, du fürchtest dich, das
    Pferd rennt dir davon.“ Wozu er lacht.

    Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt gefügt
    ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater. Die erstere
    stammt von der Feindseligkeit gegen den Vater, die andere von
    dem Konflikte der Zärtlichkeit, die hier reaktionsweise übertrieben
    wird, mit der Feindseligkeit.

    Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anfang eines wichtigen
    Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus traut, vom Hause aber
    nicht weggeht, daß er beim ersten Anfalle der Angst auf der Hälfte
    des Weges umkehrt, ist motiviert durch die Furcht, die Eltern nicht
    zu Hause zu treffen, weil sie weggegangen sind. Er klebt am Hause
    aus Liebe zur Mutter, er fürchtet sich, daß ich weggehe, aus feind-
    lichen Wünschen gegen mich, dann wäre er der Vater.“

    „Im Sommer bin ich wiederholt von Gmunden nach Wien
    weggefahren, weil es der Beruf erforderte, dann war er der Vater.
    Ich erinnere daran, daß die Pferdeangst an das Erlebnis in
    Gmunden anknüpft, als ein Pferd das Gepäck der Lizzi auf den
    Bahnhof bringen sollte. Der verdrängte Wunsch, ich solle auf
    den Bahnhof fahren, dann ist er mit der Mutter allein („das
    Pferd soll wegfahren“), wird dann zur Angst vor dem Wegfahren
    der Pferde, und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst, als
    wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegenden Hofe des Haupt-
    zollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in Bewegung setzen.“

    „Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen den Vater)
    konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß ich nicht böse
    bin, weil er die Mama so gerne hat.“

    „Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor; er geht
    wieder vors Haus und bleibt auch daselbst, wenn Wagen fahren, nur

  • S.

    167

    bei einzelnen Wagen hat er Angst und läuft in den Hausflur. Er
    erklärt mir auch: „Nicht alle weißen Pferde beißen;“ d. h.: durch die
    Analyse sind bereits einige weiße Pferde als ‚Vatti‘ erkannt worden,
    die beißen nicht mehr, allein es bleiben noch andere zum Beißen.“
    „Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: Gegenüber
    ist das Lagerhaus des Verzehrungsteueramtes mit einer Ver-
    ladungsrampe, wo den ganzen Tag über Wagen vorfahren, um
    Kisten u. dgl. abzuholen. Gegen die Straße sperrt ein Gitter
    diesen Hofraum. Vis-à-vis von unserer Wohnung ist das Einfahrtstor
    des Hofraumes (Fig. 2). Ich bemerke schon seit einigen Tagen,

    Fig. 2.

    daß Hans sich besonders fürchtet, wenn Wagen aus dem Hofe heraus-
    oder hineinfahren, wobei sie eine Schwenkung machen müssen. Ich
    habe seinerzeit gefragt, warum er sich so fürchtet, worauf er sagt:
    „Ich fürcht’ mich, daß die Pferde umfallen, wenn der
    Wagen umwendet (A).“ Ebensosehr fürchtet er sich, wenn Wagen,
    die bei der Verladungsrampe stehen, sich plötzlich in Bewegung
    setzen, um fortzufahren (B). Er fürchtet sich ferner (C) vor großen
    Lastpferden mehr als vor kleinen Pferden, vor bäuerischen Pferden
    mehr als vor eleganten (wie z. B. Fiaker-)Pferden. Auch fürchtet
    er sich mehr, wenn ein Wagen schnell vorüberfährt (D), als wenn
    die Pferde langsam dahertrotten. Diese Differenzierungen sind natür-
    lich erst in den letzten Tagen deutlich hervorgetreten.“

    Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der
    Patient, sondern auch seine Phobie mehr Courage bekommen
    und wagt es sich zu zeigen.

  • S.

    168

    „Am 5. April kommt Hans wieder ins Schlafzimmer und wird
    in sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „Solange du früh ins
    Zimmer kommst, wird die Pferdeangst nicht besser werden.“ Er
    trotzt aber und antwortet: „Ich werde doch kommen, auch wenn
    ich mich fürchte.“ Er will sich also den Besuch bei der Mama
    nicht verbieten lassen.“

    „Nach dem Frühstück sollen wir hinuntergehen. Hans freut
    sich sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich vor dem
    Haustore zu bleiben, über die Gasse in den Hofraum zu gehen,
    wo er oft genug Gassenbuben spielen sah. Ich sage ihm, es werde
    mich freuen, wenn er hinübergehen werde, und benütze die Gelegen-
    heit, um zu fragen, weshalb er sich so fürchte, wenn die beladenen
    Wagen sich an der Verladungsrampe in Bewegung setzen (B).“

    Hans: „Ich fürcht’ mich, wenn ich am Wagen steh’ und der
    Wagen geschwind wegfährt, und ich steh’ drauf und ich will
    dort auf das Brett gehen (die Verladungsrampe) und ich fahre
    mit dem Wagen weg.“

    Ich: „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich
    nicht? Weshalb nicht?“

    Hans: „Wenn der Wagen steht, geh’ ich geschwind auf den
    Wagen und geh’ auf das Brett.“

    „(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungsrampe
    zu klettern und fürchtet sich, daß der Wagen davonfährt, wenn
    er auf dem Wagen oben ist.)“

    Fig. 3.

    Ich: „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr nach
    Hause kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?“

  • S.

    169

    Hans: „O nein; ich kann ja immer noch zur Mama kommen,
    mit dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann ihm ja auch
    die Hausnummer sagen.“

    Ich: „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?“

    Hans: „Das weiß ich nicht, der Professor wird’s aber wissen.
    Glaubst du, daß er es wissen wird?“

    Ich: „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?“

    Hans: „Weil ich noch nie drüben war, und da hab’ ich so
    gern wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab’ wollen
    hingehen? Weil ich hab’ wollen Gepäck aufladen und einladen
    und auf dem Gepäcke dort hab’ ich wollen herumklettern. Da mag
    ich so gerne herumklettern. Weißt du, von wem ich das Herum-
    klettern gelernt habe? Buben haben auf dem Gepäcke geklettert
    und das hab’ ich auch gesehen und das will ich auch machen.“

    „Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans sich
    auch wieder vors Haustor getraute, die wenigen Schritte über die
    Gasse in den Hofraum wecken in ihm zu große Widerstände,
    weil im Hofe fortwährend Wagen fahren.“

    Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte Spiel
    Hansens mit den beladenen Wagen in eine symbolische, ersetzende
    Beziehung zu einem andern Wunsche geraten sein muß, von dem
    er noch nichts geäußert hat. Aber dieser Wunsch ließe sich, wenn
    es nicht zu kühn schiene, schon jetzt konstruieren.

    „Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor und zurückgekehrt
    frage ich Hans:

    „Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am meisten?“

    Hans: „Vor allen.“

    Ich: „Das ist nicht wahr.“

    Hans: „Am meisten fürcht’ ich mich vor den Pferden, die am-
    Munde so etwas haben.“

    Ich: „Was meinst du? Das Eisen, das sie im Munde haben?“

    Hans: „Nein, sie haben etwas Schwarzes am Munde (deckt-
    seinen Mund mit der Hand zu).“

  • S.

    170

    Ich: „Was, vielleicht einen Schnurrbart?“
    Hans (lacht): „O nein.“
    Ich: „Haben das alle?“
    Hans: „Nein, nur einige.“
    Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?“
    Hans: „So etwas Schwarzes.“ –
    „Ich glaube, es ist in der Realität das
    dicke Riemenzeug der Lastpferde über
    der Schnauze.“
    „Auch vor einem Möbelwagen fürcht’
    ich mich am meisten.“
    Ich: „Warum?“

    Fig. 4.

    Hans: „Ich glaub’, wenn die Möbelpferde einen schweren Wagen
    ziehen, fallen sie um.“
    Ich: „Bei einem kleinen Wagen fürchtest du dich also
    nicht?“
    Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Postwagen
    fürcht’ ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwagen kommt, fürcht’
    ich mich am meisten.“
    Ich: „Warum, weil er so groß ist?“
    Hans: „Nein, weil einmal bei so einem Wagen ein Pferd um-
    gefallen ist.“
    Ich: „Wann?“
    Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin trotz
    der „Dummheit“, wie ich die Weste gekauft hab’.“
    „(Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.)“
    Ich: „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd umgefallen ist?“
    Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden beim
    Stellwagen umfallen.“
    Ich: „Bei jedem Stellwagen?“
    Hans: „Ja! Und auch beim Möbelwagen. Beim Möbelwagen
    nicht so oft.“
    Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?“

  • S.

    171

    Hans: „Nein, ich hab’ sie erst gekriegt. Wie das Pferd vom
    Stellwagen umgefallen ist, hab’ ich mich so sehr erschrocken,
    wirklich! Wie ich gegangen bin, hab’ ich sie gekriegt.“
    Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast, ein
    Pferd wird dich beißen, und jetzt sagst du, du hast dich ge-
    fürchtet, daß ein Pferd umfallen wird.“
    Hans: „Umfallen und beißen wird.“1)
    Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?“
    Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat (legt
    sich auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor). Ich
    hab’ mich erschrocken, weil es einen ‚Krawall‘ gemacht hat
    mit den Füßen.“

    Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?“
    Hans: „Zuerst am Eislaufplatze, dann im Kaffeehause, dann
    eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der Mammi
    und dann nach Hause am Abend; da sind wir durch den Stadt-
    park durchgegangen.“

    „(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß un-
    mittelbar nachher die Angst ausgebrochen ist).“
    Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Woher weißt du das?“
    Hans: „Weil ich’s gesehen hab’ (lacht). Nein, es war gar nicht tot.“
    Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist.“
    Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab’s nur im Spaße gesagt.“
    „(Seine Miene war aber damals ernst).“

    „Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzählt mir nur
    noch, daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann vor allen
    anderen und zuletzt erst vor Möbelwagenpferden gefürchtet habe.“

    Auf dem Rückwege nach Lainz noch einige Fragen:

    1)Hans hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch klingt. Der Zu-
    sammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß das Pferd (der Vater) ihn beißen
    werde wegen seines Wunsches, daß es (der Vater) umfallen möge.

  • S.

    Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 173

    „Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt herum,
    fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal bindet er
    sich ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt läuft er
    auf mich zu und beißt mich.“

    Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener, als er
    es mit Worten kann, natürlich aber mit Rollenvertauschung,
    da das Spiel im Dienste einer Wunschphantasie steht. Also er
    ist das Pferd, er beißt den Vater, übrigens identifiziert er sich
    dabei mit dem Vater.

    „Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in ent-
    schiedenster Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, sondern
    ganz lustig. Ist es, weil er sich vor mir, dem Pferde, nicht
    mehr fürchtet?“

    „6. April. Am Nachmittage mit Hans vor dem Hause. Ich
    frage ihn bei allen Pferden, ob er bei ihnen das „Schwarze am
    Munde“ sieht; er verneint es bei allen. Ich frage ihn, wie das
    Schwarze eigentlich ausschaut; er sagt, es ist schwarzes Eisen.
    Meine erste Vermutung, er meine die dicken Lederriemen des
    Geschirres bei den Lastpferden, bestätigt sich also nicht. Ich frage,
    ob das „Schwarze“ an einen Schnurrbart erinnert; er sagt: nur durch
    die Farbe. Was es in Wirklichkeit ist, weiß ich bis jetzt also nicht.“

    „Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bis zum
    Nachbarhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der Ferne
    Pferdetraben hört. Als ein Wagen bei unserem Haustore vor-
    fährt und hält, gerät er in Angst und läuft ins Haus, da das
    Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich frage ihn, weshalb er sich
    fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil es so gemacht habe
    (stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt: „Mach’ doch keinen
    solchen Krawall mit den Füßen!“ Vergleiche dazu die Äußerung
    über das gefallene Stellwagenpferd.“

    „Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbelwagens.
    Er läuft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleichgültig: „Sieht
    so ein Möbelwagen eigentlich nicht wie ein Stellwagen aus?“

  • S.

    174 Krankengeschichten

    Er sagt nichts. Ich wiederhole die Frage. Er sagt dann: „Na
    natürlich, sonst würde ich mich nicht so vor einem Möbel-
    wagen fürchten.“

    »7. April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze am
    Munde“ der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maulkorb. Das
    Merkwürdige ist, daß seit 5 Tagen kein Pferd vorüberkommt,
    an dem er diesen „Maulkorb“ konstatieren kann; ich selbst habe
    bei keinem Spaziergange ein solches Pferd gesehen, obzwar Hans
    beteuert, daß es solche gebe. Ich vermute, daß ihn wirklich eine
    Art von Kopfzäumung der Pferde — das dicke Riemenzeug um
    den Mund etwa — an einen Schnurrbart erinnert hat, und daß
    mit meiner Andeutung auch diese Furcht verschwunden ist.“

    „Die Besserung Hansens ist konstant, der Radius seines Aktions-
    kreises mit dem Haustore als Zentrum größer; er unternimmt
    sogar das für ihn bisher unmögliche Kunststück, aufs Trottoir
    vis-à-vis hiniiberzulaufen. Alle Furcht, die übrig ist, hängt mit
    der Stellwagenszene zusammen, deren Sinn mir allerdings noch
    nicht klar ist.“

    »9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich mit
    entblößtem Oberkörper wasche.“

    Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!“

    Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd.“

    Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend). Oder
    ist es vielleicht der schwarze Maulkorb?“

    Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim
    Professor war, und sage: „Der will einiges wissen,“ worauf
    Hans: „Da bin ich aber neugierig.“

    Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit den
    Füßen Krawall macht. Er unterbricht mich: „Nicht wahr, wenn
    ich einen „Zurn“ habe oder wenn ich Lumpf machen soll und
    lieber spielen will. (Im Zorne hat er allerdings die Gewohnheit,
    mit den Füßen Krawall zu machen, d. h.: aufzustampfen. —
    „Lumpf machen“ bedeutet auf die große Seite gehen. Als Hans

  • S.

    Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 175

    klein war, sagte er eines Tages, vom Topfe aufstehend: „Schau
    den Lumpf%. [Er meinte: Strumpf wegen der Form und der
    Farbe]. Diese Bezeichnung ist geblieben bis heute. — In ganz
    frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetzt werden sollte und sich
    weigerte, das Spiel stehen zu lassen, stampfte er wiitend mit den
    Füßen auf, zappelte und warf sich eventuell auch auf den Boden).

    „Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen
    sollst und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest.“

    Er: „Du, ich muß Wiwi machen — und geht hinaus, wohl
    als Bestätigung,“

    Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage an mich ge-
    richtet, woran wohl das Zappeln mit den Füßen beim gefallenen
    Pferde Hans erinnert haben möchte, und ich hatte vorgebracht,
    daß dies wohl seine eigene Reaktion bei zurückgehaltenem
    Harndrange gewesen sein könnte, Das bestätigt nun Hans durch
    das Wiederauftreten des Harndranges im Gespräche und fügt
    noch andere Bedeutungen des Krawallmachens mit den Füßen
    hinzu.

    „Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein Kohlen-
    wagen kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte ich mich
    auch stark.“ Ich: „Vielleicht, weil er auch so groß ist wie ein
    Stellwagen.“ Hans: „Ja, und weil er so schwer beladen ist und
    die Pferde haben soviel zu ziehen und können leicht fallen. Wenn
    ein Wagen leer ist, fürcht’ ich mich nicht.“ Tatsächlich versetzt
    ihn, wie schon früher konstatiert, nur Schwerfuhrwerk in Angst.“

    Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die Analyse
    macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung fürchte ich, wird
    dem Leser bald langweilig werden. Indes, es gibt in jeder Psycho-
    analyse solche dunklen Zeiten. Hans begibt sich jetzt bald auf
    ein von uns nicht in Erwartung gezogenes Gebiet.

    „Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau, die
    verschiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt. Darunter

  • S.

    176 Krankengeschichten

    ist eine gelbe Unterhose. Hans sagt einige Male: „Pfui!“, wirft
    sich auf die Erde und spuckt aus. Meine Frau sagt, er habe das
    schon einige Male getan, sowie er die Hose gesehen habe.“

    „Ich frage: „Warum sagst du Pfui?“

    Hans: „Wegen der Hose.“

    Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an Wiwi
    oder an Lumpf erinnert?“

    Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder schwarz.“ —
    Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf, wenn man
    Käse iBt? (Das hatte ich einmal gesagt, als er mich fragte, wozu
    ich Kise esse)"

    Ich: yla!

    Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf machen?
    Ich möchte so gerne Kise auf Butterbrot essen.”

    „Gestern schon fragte er mich, als er auf der Gasse herum-
    sprang: „Du, nicht wahr, wenn man soviel herumspringt, macht
    man leicht Lumpf?“ — Seit jeher macht sein Stuhlgang Schwierig-
    keiten, Kindermeth und Klystiere werden häufig gebraucht. Ein-
    mal war seine habituelle Verstopfung so stark, daB meine Frau
    Dr. L. um Rat fragte. Dieser meinte, Hans werde überfüttert,
    was ja auch stimmte, und empfahl mäßigere Kost, was den Zu-
    stand auch sofort behob. In der letzten Zeit trat Verstopfung
    wieder häufiger auf.“

    „Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor
    wieder schreiben, und er diktierte mir: , Wie ich die gelbe
    Hose gesehen habe, habe ich gesagt: Pfui, da spei ich, hab’
    mich niedergeworfen, hab’ die Augen zugemacht und hab’ nicht
    geschaut.“

    Ich: „Warum?“

    Hans: „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei der
    schwarzen Hose* habe ich auch so etwas gemacht. Die schwarze

    ı) „Meine Frau ist seit einigen Wochen im Besitze einer schwarzen Reformhose
    für Radfahrpartien.“

  • S.

    Analyse der Phobie eines fiinfjahrigen Knaben 177

    ist auch so eine Hose, nur schwarz war sie.“ (Sich unter-
    brechend). „Du, ich bin froh; wenn ich dem Professor schreiben
    kann, bin ich immer so froh.“

    Ich: „Weshalb hast du Pfui gesagt? Hast du dich geekelt?*

    Hans: „Ja, weil ich das gesehen hab’. Ich hab’ geglaubt, ich
    muB Lumpf machen.“

    Ich; „Warum?“

    Hans: „Ich weiß nicht.“

    Ich: „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?“

    Hans: „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da war —
    bei der Mama — sie hat sie erst vom Kaufen nach Hause ge-
    bracht.“ (Diese Angabe wird von meiner Frau bestitigt.)*

    Ich: „Hast du dich auch geekelt?“

    Hans: „Ја.“

    Ich: „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?“

    Hans: „Nein.“

    Ich: „Wenn sie sich angezogen hat?“

    Hans: „Die gelbe hab ich’ schon einmal gesehen, wie sie sie
    gekauft hat (Widerspruch! Wie die Mama die gelbe gekauft hat,
    hat er sie zum erstenmal gesehen). Die schwarze hat sie heute
    auch an (richtig!), weil ich gesehen hab’ wie sie in der Früh
    sie sich ausgezogen hat,“

    Ich: „Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose ausgezogen?“

    Hans: „In der Früh’, wie sie weggegangen ist, hat sie sich
    die schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat
    sie sich noch einmal die schwarze angezogen.“

    „Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt. Sie
    sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen natür-
    lich nicht die Hose gewechselt.“

    „Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die Mammi
    hat sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie weggegangen
    ist, hat sie sie ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sie
    noch einmal angezogen. Die Mammi sagt aber, das ist nicht wahr.“

    Freud, VIII. 12

  • S.

    178 Krankengeschichten

    Hans: „Mir scheint, ich hab’ vielleicht vergessen, daß sie
    sie nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß’ mich endlich in
    Ruh'.“

    Zur Erliuterung dieser Hosengeschichte bemerke ich nun: Hans
    heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt, daB er nun iiber
    diese Angelegenheit Rede stehen darf. Am Ende wirft er die
    Maske ab und wird grob gegen seinen Vater. Es handelt sich
    um Dinge, die ihm friiher viel Lust bereitet haben, und deren
    er sich jetzt nach eingetretener Verdrängung sehr schämt, zu
    ekeln vorgibt. Er liigt geradezu, um dem beobachteten Hosen-
    wechsel der Mama andere Veranlassungen unterzuschieben; in
    Wirklichkeit gehört das An- und Ausziehen der Hose in den
    »Lumpf"-Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf es hier
    ankommt, und was Hans verbergen will.

    „Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn sie
    sich aufs Klosett begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt so lange,
    bis sie es ihm erlaubt; das täten alle Kinder.“

    Wir wollen uns aber die heute bereits verdrångte Lust, die
    Mama beim Lumpfmachen zu sehen, gut merken.

    »Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig, und wie er fort-
    wührend gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich: , Du, wer
    ist eigentlich ein Stellwagenpferd? Ich, du oder die Mammi?*

    Hans (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd.“

    »Als er in der stürksten Angstzeit Pferde springen sah, Angst
    hatte und mich fragte, warum sie das tüten, sagte ich, um ihn
    zu beruhigen: „Weißt du, das sind junge Pferde, die springen
    halt wie die jungen Buben. Du springst ja auch und bist ein
    Bub." Seither, wenn er Pferde springen sieht, sagt er: „Das ist
    wahr, das sind junge Pferde!

    »Auf der Treppe frage ich beim Heraufgehen fast gedanken-
    los: „Hast du in Gmunden mit den Kindern Pferdl gespielt?“

    Er: ,Ja! (Nachdenklich. Mir scheint, da hab' ich die Dumm-
    heit gekriegt.“

  • S.

    Analyse der Phobie eines fiinfjåhrigen Knaben 179

    Ich: „Wer war das Pferd1?“

    Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher.“

    Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?“

    Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich schnell
    gelaufen, sogar gerannt.“*

    Ich: ,Stellwagen habt ihr nie gespielt?“

    Hans: ,Nein, gewóhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen.
    Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne Wagen
    gehen und der Wagen kann ja zu Hause sein.*

    Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?“

    Hans: ,Sehr oft. Der Fritzl (wie bekannt auch ein Hausherrn-
    kind) ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzl Kutscher,
    und der Fritzl ist so stark gelaufen und auf einmal ist er auf
    einen Stein getreten und hat geblutet.*

    Ich: „Ist er vielleicht gefallen?“

    Hans: ,Nein, er hat den FuD in ein Wasser hineingegeben
    und dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben. ^

    Ich: „Warst du oft Pferd?“

    Hans: „O ja.“

    Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt.“

    Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „wegen dem Pferd“ und
    „wegen dem Pferd“ (er betont das „wegen“), und so hab’ ich
    vielleicht, weil sie so geredet haben „wegen dem Pferd“, hab ich
    vielleicht die Dummheit gekriegt.“3

    1) „Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glóckchen.“

    2) Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig, daß Fritzl damals ge-
    fallen ist.

    5) Ich erlüutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals die Dummheit
    gekriegt hat, sondern im Zusammenhange damit. Es muB ja wohl so zugehen, die
    Theorie fordert es, daB dasselbe einmal Gegenstand einer hohen Lust war, was heute
    das Objekt der Phobie ist. Und dann ergünze ich für ihn, was das Kind ja nicht zu
    sagen weil, daß das Wórtchen , wegen" der Ausbreitung der Phobie vom Pferde
    auf die Wagen (oder wie Hans zu hören und zu sprechen gewohnt ist: Wägen)
    den Weg eróffnet hat. Man darf nie daran vergessen, um wieviel dinglicher das Kind
    die Worte behandelt als der Erwachsene, wie bedeutungsvoll ihm darum Wortgleich-
    klünge sind.

    12"

  • S.

    180 Krankengeschichten

    Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen Pfaden.

    Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?“

    Hans: „Ја!“

    Ich: „Was?“

    Hans: „Ich hab's vergessen.“

    Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?*

    Hans: „O nein!“

    Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?“

    Hans: „O nein, ich hab’ mich gar nicht gefürchtet.“

    Ich: „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein
    Berd i t i

    Hans: (unterbrechend) „Wiwi macht? Nein!“

    „Am 10. April kniipfe ich an das gestrige Gesprich an und
    will wissen, was das „wegen dem Pferde“ bedeutet habe. Hans
    weiß sich nicht zu erinnern, er weiß nur, daß früh mehrere
    Kinder vor dem Haustore gestanden sind und „wegen dem Pferde,
    wegen dem Pferde“ gesagt haben. Er selbst war dabei. Wie ich
    dringender werde, erklärt er, sie hätten gar nicht „wegen dem
    Pferde“ gesagt, er habe sich falsch erinnert.“

    Ich: „Ihr waret doch auch oft im Stalle, da habt ihr gewiß
    vom Pferde gesprochen.“ — „Wir haben nicht gesprochen. —
    „Wovon habt ihr gesprochen?“ — „Von nichts.“ — „Soviel Kinder
    waret ihr und ihr habt von nichts gesprochen?“ — „Etwas haben
    wir schon gesprochen, aber nicht vom Pferde.“ — „Was denn?“ —
    „Das weiß ich jetzt nicht mehr.“

    „Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu groß
    sind,* und frage: „Mit der Berta hast du gern gespielt?“

    Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht; weißt, was die Olga
    getan hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papierball
    geschenkt und die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta hätt’

    ı) Es ist da nämlich nichts anderes zu holen als die Wortanknüpfung, die dem
    Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den Bedingungen, unter denen die analytische
    Bemühung fehlschlägt.

  • S.

    181

    mir den Ball nie zerrissen. Mit der Berta hab’ ich sehr gern
    gespielt.“

    Ich: „Hast du gesehen, wie der Wiwimacher von der Berta aussieht?“

    Er: „Nein vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle war, und
    da hab’ ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen.“

    Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwimacher
    von der Berta und von der Mammi aus?“

    Er: „Ja!“

    „Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat, die
    Mäderl wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht.“

    Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus
    nicht gekränkt, sondern sehr befriedigt), öfters. Wo der kleine
    Garten ist, wo die Rettige sind, hab’ ich Wiwi gemacht, und
    sie ist vor dem Haustore gestanden und hat hergeschaut.“

    Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zugeschaut?“

    Er: „Sie ist ja aufs Klosett gegangen.“

    Ich: „Und du warst neugierig?“

    Er: „Ich war ja im Klosett drinnen, wenn sie drin war.“

    „(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt, und
    ich erinnere mich, wir haben es Hans verboten.)“

    Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?“

    Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta erlaubt
    hat. Es ist ja keine Schande.“

    Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen.“

    Er: „Ja, ich hab’ ihn aber nicht gesehen.“

    „Ich erinnere ihn an den Gmundner Traum: Was soll das Pfand
    in meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden gewünscht,
    daß dich die Berta Wiwi machen lassen soll?“

    Er: „Gesagt hab’ ich ihr nie.“

    Ich: „Warum hast du’s ihr nie gesagt?“

    Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab’. (Sich unterbrechend.)
    Wenn ich alles dem Professor schreib’, wird die Dummheit sehr
    bald vorüber sein, nicht wahr?“

  • S.

    182

    Ich: „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich Wiwi
    machen lassen soll?“

    Er: „Ich weiß nicht. Weil sie zugeschaut hat.“

    Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwimacher
    geben?“

    Er: „Ja. (Ablenkend). In Gmunden war’s sehr lustig. In dem
    kleinen Garten, wo die Rettige drin sind, ist ein kleiner Sand-
    haufen, dort spiel’ ich mit der Schaufel.“

    „(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)“

    Ich: „Hast du in Gmunden, wenn du im Bette gelegen bist,
    die Hand zum Wiwimacher gegeben?“

    Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab’ ich so gut geschlafen,
    daß ich gar nicht daran gedenkt hab’. Nur in der –gasse1) und
    jetzt hab ich’s getan.“

    Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwimacher
    gegeben?“

    Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr’s nie gesagt hab’.“

    Ich: „Wann hast du dir’s denn gewünscht?“

    Er: „Einen Tag halt in Gmunden.“

    Ich: „Nur einmal?“

    Er: „Ja, öfters.“

    Ich: „Immer wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie herge-
    schaut; sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust.“

    Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher
    aussieht.“

    Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?“

    Er: „Auf die Berta, auf die Olga.“

    Ich: „Auf wen noch?“

    Er: „Auf niemand andern.“

    Ich: „Das ist ja nicht wahr. Auf die Mammi auch.“

    Er: „Auf die Mammi schon.“


    1)In der früheren Wohnung vor dem Umzuge.

  • S.

    183

    Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt doch
    wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?“

    Er: „Er wird aber wachsen, nicht?“1)

    Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht ausschaun
    wie deiner.“

    Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist], nur
    größer.“

    Ich: „Warst du neugierig in Gmunden, wenn die Mama sich
    ausgezogen hat?“

    Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab ich den Wiwi-
    macher gesehen.“

    Ich: „Bei der Mammi auch?“

    Er: „Nein!“

    Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der Mammi
    gesehen hast.“

    Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab’, wenn sie
    sie gekauft hat, dann spei ich, aber wenn sie sich die Hose
    anzieht oder auszieht, dann spei ich nicht. Dann spei ich,
    weil die schwarze Hose doch schwarz ist wie ein
    Lumpf und die gelbe wie ein Wiwi, und da glaub’
    ich, ich muß Wiwi machen. Wenn die Mammi die
    Hose trägt, dann seh’ ich sie nicht, dann hat sie doch die
    Kleider vor.“

    Ich: „Und wenn sie sich die Kleider auszieht?“

    Er: „Dann spei ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann sieht
    sie aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe herunter
    und sie wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist sie ganz
    rein, zu Hause hat man sie schon schmutzig gemacht. Wenn
    sie gekauft ist, ist sie neu, und wenn sie nicht gekauft ist, ist
    sie alt.“

    Ich: „Vor der alten ekelt dich also nicht?“


    1)Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher wachsen wird.

  • S.

    184

    Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein Lumpf
    nicht wahr? Ein bissel schwärzer ist sie.“1)

    Ich: „Mit der Mammi warst du oft im Klosett?“

    Er: „Sehr oft.“

    Ich: „Da hast du dich geekelt?“

    Er: „Ja . . . Nein!“

    Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder Lumpf
    macht?“

    Er: „Sehr gerne.“

    Ich: „Warum so gerne?“

    Er: „Das weiß ich nicht.“

    Ich: „Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst.“

    Er: „Ja das glaub’ ich auch.“

    Ich: „Warum willst du aber in Lainz nie ins Klosett gehen?“
    „(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Klosett
    führen; er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das herab-
    stürzende Spülwasser macht.)“

    Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man
    herunterzieht.“

    Ich: „Da fürchtest du dich.“

    Er: „Ja!“

    Ich: „Und in unserem Klosett hier?“

    Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck ich, wenn du herunterläßt.
    Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann erschrecke ich auch.“

    Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung nicht
    fürchte, fordert er mich auf, ins Klosett zu gehen und die Wasser-
    spülung in Bewegung zu setzen. Dann erklärt er mir:

    „Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn das
    Wasser herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall macht, bleib’

    1)Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht darzustellen weiß, und
    wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht meint er, daß die Hosen die Ekel-
    erinnerung nur dann erwecken, wenn er sie für sich sieht; sobald sie am Leibe der
    Mutter sind, bringt er sie nicht mehr mit Lumpf oder Wiwi in Zusammenhang,
    dann interessieren sie ihn in anderer Weise.

  • S.

    185

    ich lieber drin, wenn es einen schwachen macht, geh’ ich lieber
    hinaus.“

    Ich: „Weil du dich fürchtest?“

    Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall
    sehen (korrigiert sich), hören, und da bleib’ ich lieber drin, daß
    ich ihn fest hör’.“

    Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?“

    Er: „Daß ich im Klosett Lumpf machen muß. (Also dasselbe
    wie die schwarze Hose.)“

    Ich: „Warum?“

    Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall hört
    sich so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Krawall
    erinnert am Lumpf, ein kleiner an Wiwi (vgl. die schwarze und
    die gelbe Hose).“

    Ich: „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe gehabt
    wie ein Lumpf?“ (Es war nach seiner Angabe schwarz.)

    Er (sehr betroffen): „Ja!“

    Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt zu viel
    und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt den Kleinen sich
    äußern zu lassen. Dadurch wird die Analyse undurchsichtig und
    unsicher. Hans geht seinen eigenen Weg und leistet nichts, wenn
    man ihn von diesem ablocken will. Sein Interesse ist jetzt offen-
    bar bei Lumpf und Wiwi, wir wissen nicht, weshalb. Die Krawall-
    geschichte ist so wenig befriedigend aufgeklärt wie die mit der
    gelben und schwarzen Hose. Ich vermute, sein scharfes Ohr hat
    die Verschiedenheit der Geräusche, wenn ein Mann oder ein
    Weib uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse hat das Material
    aber etwas künstlich in den Gegensatz der beiden Bedürfnisse
    gepresst. Dem Leser, der noch selbst keine Analyse gemacht hat,
    kann ich nur den Rat geben, nicht alles sogleich verstehen zu
    wollen, sondern allem, was kommt, eine gewisse unparteiische
    Aufmerksamkeit zu schenken und das Weitere abzuwarten.


  • S.

    186

    „11. April. Heute früh kommt Hans wieder ins Zimmer und
    wird, wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen.“

    „Später erzählt er: „Du, ich hab mir was gedacht:
    „Ich bin in der Badewanne1) da kommt der Schlosser
    und schraubt sie los.2) Da nimmt er einen großen Bohrer
    und stoßt mich in den Bauch.“

    Der Vater übersetzt sich diese Phantasie. „Ich bin im Bette
    bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich weg. Mit
    seinem großen Penis verdrängt er mich von der Mama.“

    Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten.

    „Ferner erzählt er etwas zweites, was er sich ausgedacht: „Wir
    fahren im Zuge nach Gmunden. In der Station ziehen wir die
    Kleider an, werden damit aber nicht fertig und der Zug fährt
    mit uns davon.“

    „Später frage ich: „Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf
    machen gesehen?“

    Hans: „Ja, sehr oft.“

    Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpfmachen?“

    Hans: „Ja!“

    Ich: „An was erinnert dich der Krawall?“

    Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt.“

    „Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den Füßen
    macht, ist wohl – ein Lumpf, der herabfällt und dabei Geräusch
    macht. Die Furcht vor der Defäkation, die Furcht vor schwer
    beladenen Wagen ist überhaupt gleich der Furcht vor schwer
    beladenem Bauche.“

    Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige Sach-
    verhalt.


    „11. April. Hans sagt beim Mittagessen: „Wenn wir nur in
    Gmunden eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die Bade-
     

    1)„Hans wird von der Mama gebadet.“

    2)„Um sie in Reparatur zu nehmen.“

  • S.

    187

    anstalt gehen muß.“ Er wurde in Gmunden nämlich, um ihn
    warm zu baden, immer in die nahe gelegene Badeanstalt geführt,
    wogegen er mit heftigem Weinen zu protestieren pflegte. Auch
    in Wien schreit er immer, wenn er zum Baden in die große
    Wanne gesetzt oder gelegt wird. Er muß knieend oder stehend
    gebadet werden.“

    Diese Rede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch
    selbständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Verbindung
    zwischen seinen beiden letzten Phantasien (vom Schlosser, der die
    Badewanne abschraubt, und von der mißglückten Reise nach
    Gmunden) her. Der Vater hatte mit Recht aus letzterer eine
    Abneigung gegen Gmunden erschlossen. Übrigens wieder eine
    gute Mahnung daran, daß man das aus dem Unbewußten Auf-
    tauchende nicht mit Hilfe des Vorhergegangenen, sondern des
    Nachkommenden zu verstehen hat.

    „Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet.“
    Hans: „Weil ich hineinfall‘.“
    Ich: „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du in
    der kleinen Badewanne gebadet worden bist?“
    Hans: „Da bin ich ja gesessen, da hab‘ ich mich nicht legen
    können, die war ja zu klein.“
    Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast du
    dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?“
    Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab‘, und da kann ich
    nicht hineinfallen. Ich fürcht‘ mich nur in der großen Badewanne,
    daß ich hineinfall.“
    Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich, daß
    dich die Mammi ins Wasser werfen wird?“
    Hans: „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle ins
    Wasser mit dem Kopf.“
    Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird doch
    nicht die Hände weggeben.“
    Hans: „Ich hab‘s halt geglaubt.“

  • S.

    188

    Ich: „Warum?“
    Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht.“
    Ich: „Vielleicht weil du schlimm warst und du geglaubt hast,
    daß sie dich nicht mehr gerne hat?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna ge-
    badet hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand loslassen,
    damit die Hanna hineinfällt?“
    Hans: „Ja.“
    Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten.


    12. April. „Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten Klasse
    sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpolster sieht: „Pfui, da
    spei ich, bei den schwarzen Hosen und den schwarzen Pferden
    spei ich auch, weil ich muß Lumpf machen.“
    Ich: „Hast du vielleicht bei der Mammi etwas Schwarzes
    gesehen, was dich erschreckt hat?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Was denn?“
    Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze
    Strümpfe.“
    Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn du
    neugierig warst und hingeschaut hast.“
    Hans (entschuldigend): „Aber den Wiwimacher hab’ ich nicht
    gesehen.“
    Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoftor
    vis-à-vis ein Wagen fuhr, fragte ich: „Sieht dieses Tor nicht aus
    wie ein Podl?“
    Er: „Und die Pferde sind die Lumpfe!“ Seitdem sagt er immer,
    wenn er einen Wagen herausfahren sieht: „Schau, ein ‚Lumpfi‘
    kommt.“ Die Form Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd, sie klingt
    wie ein Kosewort. Meine Schwägerin heißt ihr Kind immer
    „Wumpfi“.

  • S.

    189

    „Am 13. April sieht er in der Suppe ein Stück Leber und
    sagt: „Pfui, ein Lumpf“. Auch faschiertes Fleisch ißt er sichtlich
    ungern wegen der Form und Farbe, die ihn an einen Lumpf
    erinnern.“

    „Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon ge-
    wesen und habe dann gesagt: „Ich hab‘ gedacht, die Hanna ist
    am Balkon gewesen und ist hinuntergefallen.“ Ich hatte ihm
    öfter gesagt, er soll, wenn die Hanna auf dem Balkon ist, acht-
    geben, daß sie nicht zu nah ans Geländer kommt, das von einem
    sezessionistischen Schlosser höchst ungeschickt – mit großen
    Öffnungen, die ich erst mit einem Drahtnetz verkleinern lassen
    mußte – konstruiert worden ist. Der verdrängte Wunsch Hansens
    ist sehr durchsichtig. Die Mama fragt ihn, ob es ihm lieber wäre,
    wenn die Hanna nicht da wäre, was er bejaht.“

    „14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrund. Er hatte,
    wie aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen das neu-
    geborene Kind, das ihm einen Teil der Liebe der Eltern raubte,
    eine große Aversion, die auch jetzt noch nicht ganz geschwunden
    und durch übergroße Zärtlichkeit nur zum Teil überkompensiert
    ist.1) Er äußerte sich öfter schon, der Storch solle kein Kind mehr
    bringen, wir sollen ihm Geld geben, daß er keines mehr aus
    der großen Kiste, worin die Kinder sind, bringe. (Vgl. die
    Furcht vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein Stellwagen wie
    ein große Kiste aus?) Die Hanna mache soviel Geschrei, das sei
    ihm lästig.“

    „Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie die
    Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette gelegen,
    so lieb und brav.“ (Dieses Lob hat verdächtig falsch geklungen!)“

    „Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer
    Fortschritt zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm geringere
    Furcht ein. Einmal ruft er fast freudig: „Da kommt ein Pferd

    1)Wenn das Thema „Hanna“ das Thema „Lumpf“ direkt ablöst, so leuchtet uns
    der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist selbst ein „Lumpf“, Kinder sind Lumpfe!

  • S.

    190

    mit was Schwarzem am Munde“ und ich kann endlich konstatieren,
    daß es ein Pferd mit einem Maulkorbe aus Leder ist. Hans hat
    aber gar keine Angst vor diesem Pferde.“
    „Einmal schlägt er mit seinem Stocke auf das Pflaster und
    fragt: „Du, ist da ein Mann unten . . . einer, der begraben ist . . . ,
    oder gibt’s das nur am Friedhofe?“ Ihn beschäftigt also nicht nur
    das Rätsel des Lebens, sondern auch das des Todes.“
    „Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen und
    Hans sagt: „Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden mit-
    gefahren. Immer wenn wir nach Gmunden gefahren sind, ist sie
    mitgefahren in der Kiste. Du glaubst mir schon wieder nicht?
    Wirklich, Vatti. Glaub’ mir. Wir haben eine große Kiste gekriegt
    und da sind lauter Kinder drin, in der Badewanne sitzen sie
    drin. (In der Kiste ist eine kleine Badewanne eingepackt wor-
    den.) Ich hab’ sie hineingesetzt, wirklich. Ich kann mich gut
    erinnern.“1)
    Ich: „Was kannst du dich erinnern?“
    Hans: „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil ich’s
    nicht vergessen hab’. Mein Ehrenwort!“
    Ich: „Aber voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupé mitgefahren.“
    Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste mit-
    gefahren.“
    Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt?“
    Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt!“
    Ich: „Wo denn?“
    Hans: „Zu Hause am Boden.“
    Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen?“2)


    1)Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste und Badewanne ihm
    das gleiche bedeuten, Vertretungen des Raumes, in dem sich die Kinder befinden.
    Beachten wir seine wiederholten Beteuerungen!

    2)Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans andeuten, daß er
    dies versteht. Auch das Kästchen, in dem die Helden des Mythos ausgesetzt werden,
    von König Sargon von Agade an, ist nichts anderes. – [Zusatz 1921:] Vgl. Rank’s
    Studie: Der Mythos von der Geburt des Helden 1909 (zweite Auflage 1922).

  • S.

    191

    Hans: „Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird
    die Hanna auch in der Kiste fahren.“
    Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?“
    Hans: „Man hat sie herausgenommen.“
    Ich: „Die Mammi?“
    Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen
    eingestiegen und die Hanna ist am Pferde geritten und der
    Kutscher hat ‚Hüöh‘ gesagt. Der Kutscher war am Bocke. Warst
    du mit? Die Mammi weiß es sogar. Die Mammi weiß es nicht,
    sie hat es schon wieder vergessen, aber nichts ihr sagen!“
    „Ich lasse mir alles wiederholen.“
    Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen.“
    Ich: „Sie hat noch gar nicht gehen können.“
    Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben.“
    Ich: „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat ja
    voriges Jahr noch gar nicht sitzen können.“
    Hans: „O ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen ‚Hüöh‘
    und gepeitscht ‚Hüöh, hüöh‘ mit der Peitsche, die ich früher
    gehabt hab‘. Das Pferd hat gar keinen Steigbügel gehabt und die
    Hanna hat geritten; Vatti, aber nicht im Spaße vielleicht.“
    Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es ist
    kein Unsinn, es ist Parodie und Hansens Rache an seinem
    Vater. Es heißt soviel als: Kannst du mir zumuten, daß ich
    glauben soll, der Storch habe die Hanna im Oktober ge-
    bracht, wo ich doch den großen Leib der Mutter schon
    im Sommer, wie wir nach Gmunden gefahren sind,
    bemerkt hab‘, so kann ich verlangen, daß du mir meine
    Lügen glaubst. Was kann die Behauptung, daß die Hanna
    schon im vorigen Sommer „in der Kiste“ nach Gmunden mit
    gefahren ist, anderes bedeuten als sein Wissen um die Gravidität
    der Mutter? Daß er die Wiederholung dieser Fahrt in der Kiste
    für jedes folgende Jahr in Aussicht stellt, entspricht einer häufigen
    Form des Auftauchens eines unbewußten Gedankens aus der

  • S.

    192 Krankengeschichten

    Vergangenheit, oder es hat spezielle Gründe und drückt seine
    Angst aus, eine solche Gravididåt zur nächsten Sommerreise wieder-
    holt zu sehen. Wir haben jetzt auch erfahren, durch welchen
    Zusammenhang ihm die Reise nach Gmunden verleidet war,
    was seine zweite Phantasie andeutete.

    „Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt
    eigentlich ins Bett der Mama gekommen ist.“

    Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln.“

    Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus (die
    Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen
    können. Aber der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen
    hat sie ja nicht können. (In einem Zuge fortfahrend), Der Storch
    ist bis im Gang gegangen auf der Stiegen und dann hat er
    geklopft und da haben alle geschlafen und er hat den richtigen
    Schlüssel gehabt und hat aufgesperrt und hat die Hanna in
    dein' Bett gelegt und die Mammi hat geschlafen — nein, der
    Storch hat sie in ihr Bett gelegt. Es war schon ganz Nacht, und
    dann hat sie der Storch ganz ruhig ins Bett gelegt, hat gar
    nicht gestrampelt, und dann hat er sich den Hut genommen, und
    dann ist er wieder weggegangen. Nein, Hut hat er nicht gehabt.“

    Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor
    vielleicht?“

    Hans: „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause ge-
    gangen und dann hat er angeläutet und alle Leute im Hause
    haben nicht mehr geschlafen. Aber erzähl’ das nicht der Mammi
    und der Tinni (der Köchin). Das ist Geheimnis!“

    Ich: „Hast du die Hanna gerne?“

    Hans: „O ja, sehr gerne,“

    Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die
    Welt gekommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der
    Welt ist?“

    ı) Hohn natürlich! Sowie die spätere Bitte, der Mama nichts von dem Geheimnis
    zu verraten.

  • S.

    193

    Hans: „Mir wär’ lieber, daß sie nicht auf die Welt ge
    kommen wär’.“
    Ich: „Warum?“
    Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so und ich kann das
    Schreien nicht aushalten.“
    Ich: „Du schreist ja selbst.“
    Hans: „Die Hanna schreit ja auch.“
    Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?“
    Hans: „Weil sie so stark schreit.“
    Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht.“
    Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann
    schreit sie.“
    Ich: „Hast du sie einmal gehaut?“
    Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo haut, dann
    schreit sie.“
    Ich: „Das hast du nicht gerne?“
    Hans: „Nein … Warum? Weil sie so einen Krawall macht
    mit dem Schreien.“
    Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt
    wär’, hast du sie ja gar nicht gern.“
    Hans: „Hm, hm (zustimmend).“
    Ich: „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi badet,
    wenn sie die Hände weggeben möcht’, dann möchte sie ins
    Wasser fallen …“
    Hans (ergänzt): – „und sterben.“
    Ich: „Und du wärst dann allein mit der Mammi. Und ein
    braver Bub’ wünscht das doch nicht.“
    Hans: „Aber denken darf er’s.“
    Ich: „Das ist aber nicht gut.“
    Hans: „Wenn er’s denken tut, ist es doch gut, damit
    man’s dem Professor schreibt.“1)


    1)Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Erwachsenen ein besseres
    Verständnis der Psychoanalyse.

    Freud, VIII

  • S.

    194

    „Später sag’ ich ihm: „Weißt du, wenn die Hanna größer sein
    wird und wird sprechen können, wirst du sie schon lieber haben.“
    Hans: „O nein. Ich hab’ sie ja lieb. Wenn sie im Herbst
    groß sein wird, werd’ ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark
    gehen und werd’ ihr alles erklären.“
    „Wie ich mit einer weiteren Aufklärung anfangen will, unter-
    bricht er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß es
    nicht so schlimm ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht.“
    Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch
    wie sie noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch
    auf der Welt.“
    Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht.“
    Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie
    gehabt.“
    Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?“
    Hans: „Na, von ihm.“
    Ich: „Wo hat er sie denn gehabt?“
    Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste.“
    Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus?“
    Hans: „Rot. Rot angestrichen.“ (Blut?)
    Ich: „Wer hat dir’s denn gesagt?“
    Hans: „Die Mammi – ich hab’ mir’s gedacht – im Buche
    steht’s.“
    Ich: „In welchem Buche?“
    Hans: „Im Bilderbuche.“ (Ich lasse mir sein erstes Bilderbuch
    bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet auf
    einem roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist auf
    demselben Blatt ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird. In die
    Kiste verlegt Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht findet).
    Ich: „Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?“
    Hans: „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel.
    Weißt, der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm
    beißt.“ (Reminiszenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn).

  • S.

    195

    Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanna ge-
    bracht hat?“

    Hans: „Du, da hab’ ich doch noch geschlafen. In der Früh
    kann kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen.“

    Ich: „Warum?“

    Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht. Weißt
    warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal, wenn
    Früh ist, ist ein Mädel da.1)“

    Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der
    Storch gemacht hat?“

    Hans: „O ja!“

    Ich: „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?“

    Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig.“

    Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie dir
    aber nicht gefallen.“

    Hans: „O sehr!“

    Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?“

    Hans: „Ja!“

    Ich: „Wie klein war sie?“

    Hans: „Wie ein junger Storch.“

    Ich: „Wie war’s noch? Wie ein Lumpf vielleicht?“

    Hans: „O nein, ein Lumpf ist viel größer . . . bissel kleiner,
    wie die Hanna wirklich.“

    Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des Kleinen
    sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der Geburt des
    Schwesterchens werde zurückführen lassen, aber ich hatte ver-
    säumt, ihn aufmerksam zu machen, daß ein Kind ein „Lumpf“
    für die infantile Sexualtheorie sei, so daß Hans den Exkremental-
     

    1)Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im vorigen Gespräch ist
    der Unglaube an den Storch aus seinem Unbewußten zum Vorschein gekommen, der
    mit seiner Erbitterung gegen den geheimtuerischen Vater verknüpft war. Jetzt ist er
    ruhiger geworden und antwortet mit offiziellen Gedanken, in denen er sich für die
    vielen mit der Storchhypothese verbundenen Schwierigkeiten Erklärungen zurecht
    gemacht hat.

  • S.

    196

    komplex passieren werde. Aus dieser meiner Nachlässigkeit
    entsprang die zeitweise Verdunkelung der Kur. Jetzt nach erfolgter
    Klärung versucht der Vater, Hans über diesen wichtigen Punkt
    ein zweitesmal zu vernehmen.

    „Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte Ge-
    schichte nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna ist in
    der großen Kiste nach Gmunden gefahren, und die Mammi im
    Coupé und die Hanna ist im Lastzuge mit der Kiste gefahren,
    und dann, wie wir in Gmunden waren, haben ich und die
    Mammi die Hanna herausgehoben, haben sie aufs Pferd gesetzt.
    Der Kutscher war am Bocke und die Hanna hat die vorige
    (vorjährige) Peitsche gehabt und hat das Pferd gepeitscht und
    hat immer gesagt: „Hüoh“, und das war immer lustig, und
    der Kutscher hat auch gepeitscht. — Der Kutscher hat gar
    nicht gepeitscht, weil die Hanna die Peitsche gehabt hat. —
    Der Kutscher hat die Zügel gehabt — auch die Zügel hat
    die Hanna gehabt (wir sind jedesmal mit einem Wagen von
    der Bahn zum Hause gefahren; Hans sucht hier Wirklichkeit
    und Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden
    haben wir die Hanna vom Pferde heruntergehoben, und
    sie ist allein über die Stiege gegangen.“ (Als Hanna voriges
    Jahr in Gmunden war, war sie 8 Monate alt. Ein Jahr
    früher, worauf sich offenbar Hans’ Phantasie bezieht, waren
    bei der Ankunft in Gmunden 5 Monate der Gravidität ver-
    strichen.)

    Ich: „Das vorige Jahr war die Hanna schon da.“

    Hans: „Voriges Jahr ist sie im Wagen gefahren, aber ein
    Jahr vorher, wie sie bei uns auf der Welt war . . .“

    Ich: „Bei uns war sie schon?“

    Hans: „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir
    Schinakel zu fahren, und die Anna hat dich bedient.“

    Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna
    noch gar nicht auf der Welt.“

  • S.

    197

    Hans: „Ja, da war sie auf der Welt. Wie sie erst in der
    Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon ‚Anna‘
    sagen.“ (Das kann sie erst seit 4 Monaten).

    Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns.“

    Hans: „O ja, da war sie doch beim Storche.“

    Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?“

    Hans: „Sie wird im Herbste 2 Jahre. Die Hanna war doch
    da, du weißt es doch.“

    Ich: „Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?“

    Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist.
    Schon sehr lange.“

    Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie in
    Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können.“

    Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon.“

    Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden.“

    Hans: „Nein! Sie war zweimal; ja, das ist richtig. Ich kann mich
    sehr gut erinnern. Frag’ nur die Mammi, die wird dir’s schon sagen.“

    Ich: „Das ist doch nicht wahr.“

    Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das erste-
    mal war, hat sie gehen und reiten können und später
    hat man sie tragen müssen. – Nein, später ist sie erst ge-
    ritten und voriges Jahr hat man sie tragen müssen.“

    Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden
    hat sie nicht gehen können.“

    Hans: „Ja, schreib’s nur auf. Ich kann mich ganz gut er-
    innern. – Warum lachst du?“

    Ich: „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt,
    daß die Hanna nur einmal in Gmunden war.“

    Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf dem
    Pferde geritten … und das zweitemal (wird offenbar unsicher).“

    Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?“

    Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner.“

    Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner gefahren.“

  • S.

    198

    Hans: „So war’s halt ein Fiaker.“
    Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?“
    Hans: „Man hat ihr ein Butterbrod und Hering und Rettig
    (ein Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und daweil die
    Hanna gefahren ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert
    und hat 5omal gegessen.“
    Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?“
    Hans: „Nein!“
    Ich: „Was hat sie denn gemacht?“
    Hans: „Ganz ruhig d’rin gesessen.“
    Ich: „Hat sie nicht gestoßen?“
    Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich nicht
    einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie ausgetrunken
    – bis in der Früh war alles weg und den Mist hat sie in der
    Kiste gelassen, die Blätter von den zwei Rettigen und ein Messer
    zum Rettigschneiden; sie hat alles zusammengeputzt wie ein
    Has’, in einer Minute und sie war fertig. Das war eine Hetz’.
    Ich und die Hanna bin sogar mitgefahren in der Kiste, ich hab’
    in der Kiste geschlafen die ganze Nacht (wir sind vor 2 Jahren
    tatsächlich in der Nacht nach Gmunden gefahren) und die
    Mammi ist im Coupé gefahren. Immer haben wir gegessen auch
    im Wagen, das war eine Gaude. – Sie ist gar nicht am Pferde
    geritten (er ist jetzt unsicher geworden, weil er weiß, daß wir
    im Zweispänner gefahren sind) . . . sie ist im Wagen gesessen.
    Das ist das Richtige, aber ganz allein bin ich und die Hanna
    gefahren . . . die Mammi ist auf dem Pferde geritten, die Karolin’
    (unser Mädchen vom vorigen Jahre) auf dem andern . . . Du,
    was ich dir da erzähl’, ist nicht einmal wahr.“
    Ich: „Was ist nicht wahr?“
    Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die
    Kiste1) und ich werde in die Kiste Wiwi machen. Ich werd’

    1)Die Kiste für das Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer steht.

  • S.

    199


    halt in die Hosen Wiwi machen, liegt mir gar nichts d’ran, ist
    gar keine Schand’. Du, das ist aber kein Spaß, aber lustig ist
    es schon!“

    „Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen
    ist, wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut
    genommen hat.“

    Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?“
    Hans: „In der Tasche.“

    Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?“
    Hans: „Im Schnabel.“

    Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt! Ich hab’ noch keinen
    Storch gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat.“
    Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie kommt
    denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht wahr,
    ich hab’ mich nur geirrt, der Storch läutet an und jemand
    macht auf.“

    Ich: „Wie läutet er denn?“
    Hans: „Auf der Glocke.“

    Ich: „Wie macht er das?“
    Hans: „Er nimmt den Schnabel und drückt mit dem
    Schnabel an.“

    Ich: „Und er hat die Tür wieder zugemacht?“
    Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht Die war
    ja schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht.“

    Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?“
    Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In Schön-
    brunn vielleicht.“

    Ich: „Ich hab’ in Schönbrunn keine Kiste gesehen.“
    Hani: „Die wird halt weiter weg sein. – Weißt, wie der
    Storch die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel – die
    Kiste hat auch einen Schlüssel – er nimmt den Schnabel und eins
    (eine Schnabelhälfte) läßt er auf und sperrt so auf (demonstriert
    es mir am Schreibtischschlosse). Das ist ja auch ein Henkel.“

  • S.

    200

    Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?“
    Hans: „O nein!“
    Ich: „Du, sieht ein Storchen-
    kiste aus?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Und ein Möbelwagen?“
    Hans: „Ein Gsindelwerkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort für
    unartige Kinder) auch.“


    „17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplanten Vor-
    satz ausgeführt und ist in den Hof vis-à-vis hinübergegangen. Heute
    wollte er es nicht tun, weil gerade gegenüber dem Einfahrts-
    tore ein Wagen an der Ausladerampe stand. Er sagte mir:
    „Wenn dort ein Wagen steht, so fürcht’ ich mich, daß ich die
    Pferde necken werde und sie fallen um und machen mit
    den Füßen Krawall.“
    Ich: „Wie neckt man denn Pferde?“
    Hans: „Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man sie,
    wenn man Hühü schreit.“1)
    Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?“
    Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich’s tu,
    aber wahr ist es nicht.“
    Ich: „Hast du schon in Gmunden Pferde geneckt?“
    Hans: „Nein!“
    Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?“
    Hans: „O ja, sehr gerne!“
    Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mammi
    die Hanna? Das hast du ja auch gerne.“


    1)„Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher die Pferde schlugen
    und Hühü schrien.“

  • S.

    201


    Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie
    schlägt. (So hab’ ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor
    dem Peitschen der Pferde zu mäßigen). Ich hab’s einmal wirk-
    lich getan. Ich hab’ einmal die Peitsche gehabt und hab’ das
    Pferd gepeitscht und es ist umgefallen und hat mit den Füßen
    Krawall gemacht.“

    Ich: „Wann?“

    Hans: „In Gmunden.“

    Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wagen angespannt war?“

    Hans: „Es war außer’m Wagen.“

    Ich: „Wo war’s denn?“

    Hans: „Ich hab’s halt gehalten, daß es nicht davonrennen
    soll.“ (Das klang natürlich alles unwahrscheinlich).“

    Ich: „Wo war das?“

    Hans: „Beim Brunnen.“

    Ich: „Wer hat’s dir erlaubt? Hat’s der Kutscher dort stehen
    lassen?“

    Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle.“

    Ich: „Wie ist es zum Brunnen gekommen?“

    Hans: „Ich hab’s hingeführt.“

    Ich: „Woher? Aus dem Stalle?“

    Hans: „Ich hab’s herausgeführt, weil ich es hab’ wollen
    peitschen.“

    Ich: „War im Stalle niemand?“

    Hans: „O ja, der Loisl (der Kutscher in Gmunden).“

    Ich: „Hat er dir’s erlaubt?“

    Hans: „Ich hab’ mit ihm lieb geredet und er hat gesagt, ich
    darf es tun.“

    Ich: „Was hast du ihm gesagt?“

    Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und
    schreien. Er hat gesagt, ja.“

    Ich: „Hast du’s viel gepeitscht?“

    Hans: „Was ich dir da erzähl’, ist gar nicht wahr.“

  • S.

    202

    Ich: „Was ist davon wahr?“
    Hans: „Nix ist davon wahr, das hab’ ich dir nur im Spaße
    erzählt.“
    Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?“
    Hans: „O nein!“
    Ich: „Gewünscht hast du dir’s.“
    Hans: „O, gewünscht schon, ge-
    dacht hab’ ich mir’s.“
    Ich: „In Gmunden?“
    Hans: „Nein, erst hier. In der Früh hab’ ich mir’s schon ge-
    dacht, wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh im Bette.“
    Ich: „Warum hast du mir’s nie erzählt?“
    Hans: „Ich hab’ nicht d’ran gedacht.“
    Ich: „Du hast dir’s ge-
    dacht, weil du auf die Straßen ge-
    sehen hast.“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die Mammi,
    die Hanna oder mich?“
    Hans: „Die Mammi.“
    Ich: „Warum?“
    Hans: „Ich möcht’ sie halt schlagen.“
    Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi
    schlägt?“
    Hans: „Ich hab’s noch nie gesehen, in meinem Leben nie.“
    Ich: „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest
    du das tun?“
    Hans: „Mit dem Pracker.“ (Mit dem Pracker droht die
    Mama öfter ihn zu schlagen).
    „Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen.“
    „Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbelwagen,
    Kohlenwagen seien Storchkistenwagen.“
    Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwandlung
    unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang mit unserem
    Thema sein.


  • S.

    205

    „21. April. Heute Früh erzählt Hans, er habe sich gedacht:
    „Ein Zug war in Lainz und ich bin mit der Lainzer Großmama
    nach Hauptzollamt gefahren. Du warst noch nicht herunter von der
    Brücke und der zweite Zug war schon in St. Veit. Wie du herunter-
    gekommen bist, war der Zug schon da und da sind wir eingestiegen.“

    „(Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteigperron zu
    kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von dem Perron
    sieht man die Schienen entlang bis zur Station St. Veit. Die
    Sache ist etwas undeutlich. Ursprünglich hat sich Hans wohl
    gedacht: er ist mit dem ersten Zuge, den ich versäumt habe,
    davongefahren, dann ist aus Unter-St. Veit ein zweiter Zug ge-
    kommen, mit dem ich nachgefahren bin. Ein Stück dieser
    Ausreißerphantasie hat er entstellt, so daß er schließlich sagt:
    Wir sind beide erst mit dem zweiten Zuge weggefahren.“

    „Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten un-
    gedeuteten, die davon handelt, wir hätten in Gmunden zuviel
    Zeit verbraucht, um die Kleider in der Bahn anzuziehen, und
    der Zug wäre davongefahren).“

    „Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins Haus, als
    ein Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich nichts Außer-
    gewöhnliches bemerken kann. Ich frage ihn, was er hat. Er
    sagt: „Ich fürchte mich, weil die Pferde so stolz sind, daß sie
    umfallen.“ (Die Pferde wurden vom Kutscher scharf am Zügel
    gehalten, so daß sie in kurzem Schritte gingen, die Köpfe hoch-
    haltend – sie hatten wirklich einen stolzen Gang).“

    „Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei.“

    Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm’.“

    Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen?“

    Er: „Ja, du sollst als Nackter (er meint: barfüßig wie seiner-
    zeit Fritzl) auf einen Stein anstoßen und da soll Blut fließen
    und wenigstens kann ich mit der Mammi ein bißchen allein
    sein. Wenn du in die Wohnung heraufkommst, kann ich
    geschwind weglaufen von der Mammi, daß du’s nicht siehst.“

  • S.

    204

    Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine ange
    stoßen hat?“
    Er: „Ja, der Fritzl.“
    Ich: „Wie der Fritzl hineingefallen ist, was hast du dir
    gedacht?“1)
    Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst.“
    Ich: „Du möchtest also gerne zur Mammi?“
    Er: „Ja!“
    Ich: „Weshalb schimpf’ ich denn eigentlich?“
    Er: „Das weiß ich nicht.“ (!!)
    Ich: „Warum?“
    Er: „Weil du eifern tust.“
    Ich: „Das ist doch nicht wahr!“
    Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das muß
    wahr sein.“
    „Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins
    Bett kommen, große in ihrem eigenen Bett schlafen, hat ihm
    also nicht sehr imponiert.“
    „Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken“ i. e.
    schlagen, anschreien, nicht, wie er angab, auf die Mama, sondern
    auf mich geht. Er hat die Mama wohl nur vorgeschoben, weil
    er mir das andere nicht eingestehen wollte. In den letzten
    Tagen ist er von besonderer Zärtlichkeit gegen mich.“
    Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich“ so leicht er-
    wirbt, wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch
    Hansens, das Pferd zu „necken“, doppelt gefügt ist, zusammen-
    gesetzt aus einem dunkeln, sadistischen Gelüste auf die Mutter
    und einem klaren Rachedrange gegen den Vater. Der letztere
    konnte nicht eher reproduziert werden, als bis im Zusammen-
    hange des Graviditätskomplexes das erstere an die Reihe ge-
    kommen war. Bei der Bildung der Phobie aus den unbewußten

    1)Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit geleugnet hat.

  • S.

    205

    Gedanken findet ja eine Verdichtung statt; darum kann der
    Weg der Analyse niemals den Entwicklungsgang der Neurose
    wiederholen.


    „22. April. Heute Früh hat sich Hans wieder etwas gedacht:
    „Ein Gassenbube ist auf dem Wagerl gefahren und der Kondukteur
    ist gekommen und hat den Buben ganz nackt ausgezogen und
    bis in der Früh dort stehen lassen und in der Früh hat der
    Bub dem Kondukteur 50.000 Gulden gegeben, damit er mit
    dem Wagerl fahren darf.“

    „(Vis-à-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stock-
    geleise steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen Gassen-
    buben fahren sah, was er auch tun wollte. Ich habe ihm ge-
    sagt, das dürfe man nicht, sonst käme der Kondukteur. Ein
    zweites Element der Phantasie ist der verdrängte Nacktheits-
    wunsch).“

    Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phantasie
    „im Zeichen des Verkehres“ schafft und konsequenterweise vom
    Pferde, das den Wagen zieht, zur Eisenbahn fortschreitet. So
    gesellt sich ja auch zu jeder Straßenphobie mit der Zeit die
    Eisenbahnangst hinzu.

    „Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag mit
    einer Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte.
    Er hat durch die Öffnung, in der einmal das kleine
    Blechpfeifchen befestigt war, ein kleines Taschenmesser
    hineingesteckt und ihr dann die Füße voneinander-
    gerissen, um das Messer herausfallen zu lassen. Dem
    Kindermädchen sagte er, zwischen die Füße der Puppe
    zeigend: „Schau, hier ist der Wiwimacher!“

    Ich: „Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe
    gespielt?“

    Er: „Ich hab’ die Füße auseinandergerissen, weißt warum?
    Weil ein Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. Das

  • S.

    206

    hab’ ich hineingegeben, wo der Kopf quietscht, und dann hab’
    ich die Füß’ auseinandergerissen und dort ist es hinausgegangen.“

    Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinandergerissen? Damit
    du den Wiwimacher sehen kannst?“

    Er: „Er war ja auch zuerst da, da hab’ ich ihn auch sehen
    können.“

    Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben?“

    Er: „Ich weiß es nicht.“

    Ich: „Wie sieht denn das Messerl aus?“

    „Er bringt es mir.“

    Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?“

    Er: „Nein, ich hab’ mir gar nichts gedacht, aber der Storch
    hat, mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt – oder wer.“

    Ich: „Wann?“

    Er: „Einmal. Ich hab’s gehört, oder hab’ ichs gar nicht ge-
    hört, oder hab’ ich mich verredet?“

    Ich: „Was heißt verredet?“

    Er: „Es ist nicht wahr.“

    Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissel wahr.“

    Er: „No ja, ein bißchen.“

    Ich (nach einem Übergange): „Wie hast du dir gedacht,
    kommen die Hendl auf die Welt?“

    Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt die
    Hendl wachsen, – nein, der liebe Gott.“

    „Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den
    Eiern wieder Hendl kommen.“

    „Hans lacht.“

    Ich: „Warum lachst du?“

    Er: „Weil mir’s gefällt, was du mir da erzählst.“

    „Er sagt, er habe das bereits gesehen.“

    Ich: „Wo denn?“

    Hans: „Bei dir!“

    Ich: „Wo hab’ ich ein Ei gelegt?“

  • S.

    207

    Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt und auf
    einmal ist ein Hendl aufgesprungen. Du hast einmal ein Ei
    gelegt, das weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir’s
    die Mammi gesagt hat.“

    Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist.“

    Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab’ schon einmal
    ein Ei gelegt, da ist ein Hendl aufgesprungen.“

    Ich: „Wo?“

    Hans: „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein
    gekniet und da haben die Kinder gar nicht hergeschaut und
    auf einmal in der Früh hab’ ich gesagt: Suchts, Kinder, gestern
    hab’ ich ein Ei gelegt! Und auf einmal haben sie geschaut und
    auf einmal haben sie ein Ei gesehen und aus dem ist ein
    kleiner Hans gekommen. Was lachst du denn? Die Mammi
    weiß es nicht und die Karolin’ weiß es nicht, weil niemand
    zugeschaut hat und auf einmal hab’ ich ein Ei gelegt und auf
    einmal war’s da. Wirklich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus
    dem Ei? Wenn man es stehen läßt? Muß man das essen?“

    „Ich erkläre ihm das.“

    Hans: „No ja, lassen’s wir bei der Henne, dann wächst ein
    Hendl. Packen wir’s in die Kiste und lassen wir’s nach Gmunden
    fahren.“

    Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen Griffe
    an sich gerissen, da die Eltern mit den längst berechtigten Auf-
    klärungen zögerten, und in einer glänzenden Symptomhandlung
    mitgeteilt: „Seht ihr, so stelle ich mir eine Geburt vor.“
    Was er dem Dienstmädchen über den Sinn seines Spieles mit
    der Puppe gesagt, war nicht aufrichtig; dem Vater gegenüber
    weist er es direkt ab, daß er nur den Wiwimacher sehen wollte.
    Nachdem ihm der Vater gleichsam als Abschlagszahlung die
    Entstehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt hat, vereinigen
    sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein Besserwissen
    zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen letzten Worten

  • S.

    208

    zu einer deutlichen Anspielung auf die Geburt der Schwester
    steigert.

    Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?“
    Hans: „Ich hab’ ihr Grete gesagt.“
    Ich: „Warum?“
    Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab’.“
    Ich: „Wie hast du dich gespielt?“
    Hans: „Ich hab’ sie halt so gepflegt wie ein wirkliches Kind.“
    Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?“
    Hans: „O ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber die
    Mammi darf keines kriegen, ich mag’s nicht.“
    „(Er hat sich schon so oft ausgesprochen. Er fürchtet durch
    ein drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden).“
    Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind.“
    Hans: „Ich krieg ein Mäderl.“
    Ich: „Wo kriegst du es denn her?“
    Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl heraus
    und das Mäderl legt auf einmal ein Ei und aus dem Ei kommt
    dann noch eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus der Hanna
    kommt noch eine Hanna. Nein, es kommt eine Hanna heraus.“
    Ich: „Du möchtest gerne ein Mäderl haben.“
    Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg’ ich eins, das wird auch
    Hanna heißen.“
    Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl bekommen?“
    Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag.“
    Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen.“
    Hans: „O ja, ein Bub kriegt ein Mäderl und ein Mäderl
    kriegt einen Buben.1)“
    Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen nur
    Frauen, Mammis.“
    Hans: „Warum denn ich nicht?“


    1)Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheorie mit ungeahntem Sinne.

  • S.

    209

    Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat.“
    Hans: „Warum kriegst denn du keines? O ja, du wirst schon
    eins kriegen, nur warten.“

    Ich: „Da kann ich lang warten.“
    Hans: „Ich gehör’ doch dir.“

    Ich: „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht. Du
    gehörst dann der Mammi und mir.“

    Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?“
    Ich: „Der Mammi.“

    Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der
    Mammi?“

    Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir.“
    Hans: „Na also!“

    Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im Ver-
    ständnisse der Sexualbeziehungen, solange das weibliche Genitale
    unentdeckt ist.


    „Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau soweit
    aufgeklärt, daß Kinder in der Mammi wachsen und dann, was
    große Schmerzen bereite, mittels Drückens wie ein „Lumpf“ in
    die Welt gesetzt werden.“

    „Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm eine
    sichtliche Erleichterung eingetreten, er läuft Wagen nach und
    nur der Umstand, daß er sich aus der Nähe des Haupttores
    nicht wegtraut, respektive zu keinem größeren Spaziergange zu
    bewegen ist, verrät den Rest von Angst.“

    „Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den Bauch,
    was er schon früher einmal getan hat. Ich frage ihn, ob er eine
    Ziege ist.“

    Er sagt: „Ja ein Wieder (Widder).“ – „Wo er einen Widder
    gesehen hat?“

    Er: „In Gmunden, der Fritzl hat einen gehabt.“ (Der Fritzl
    hat ein kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt.)

    Freud, VIII.

  • S.

    210

    Ich: „Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat es
    gemacht?“

    Hans: „Du weißt, das Fräulein Mizzi (eine Lehrerin, die im
    Hause wohnte) hat immer die Hanna auf das Lamperl gesetzt,
    da hat es aber nicht aufstehen können, da hat es nicht stoßen
    können. Wenn man hingeht, stößt es schon, weil es Hörner hat.
    Der Fritzl tut’s halt an der Schnur führen und an einen Baum
    anbinden. Er bindet’s immer an einen Baum an.“

    Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?“

    Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat mich
    einmal hingegeben … ich bin einmal hingegangen und hab’s
    nicht gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinaufgesprungen.
    Das war so lustig – erschrocken bin ich nicht.“

    „Das ist gewiß unwahr.“

    Ich: „Hast du den Vatti gern?“

    Hans: „O ja.“

    Ich: „Vielleicht auch nicht?“

    Hans (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem Moment
    fällt das Pferdl um. Er schreit:) „Das Pferdl ist umgefallen! Siehst
    du, wie’s Krawall macht!“

    Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mammi
    gern hat.“

    Hans: „Nein.“

    Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi mir
    einen Kuß gibt? Weil du eifersüchtig bist.“

    Hans: „Das schon.“

    Ich: „Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti wärst.“

    Hans: „Und du der Hans? – Da möcht ich dich jeden
    Sonntag nach Lainz fahren, nein, auch jeden Wochentag. Wenn
    ich der Vatti wär’, wär’ ich gar brav.“

    Ich: „Was möchtest du mit der Mammi machen?“

    Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen.“

    Ich: „Was sonst noch?“

  • S.

    211

    Hans: „Nix.“
    Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig?“
    Hans: „Das weiß ich nicht.“
    Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?“
    Hans: „In Gmunden nicht (das ist nicht wahr). In Gmunden
    hab’ ich meine Sachen gehabt, einen Garten hab’ ich in Gmunden
    gehabt und auch Kinder.“
    Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuh das Kalberl
    bekommen hat?“
    Hans: „O ja. Es ist mit einem Wagen dahergekommen (– das
    hat man ihm wohl damals in Gmunden gesagt; auch ein
    Stoß gegen die Storchtheorie –) und eine andere Kuh hat es
    aus dem Podl herausgedrückt.“ (Das ist bereits die Frucht der
    Aufklärung, die er mit der „Wagerltheorie“ in Einklang bringen
    will.)
    Ich: „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl
    gekommen ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle
    war.“
    „Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh
    gesehen. Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahr-
    scheinlich erzählt hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen
    sei. Er gibt es schließlich zu: „Es hat mir’s wahrscheinlich die
    Berta gesagt oder nein – oder vielleicht der Hausherr. Er war
    dabei und es war doch Nacht, deshalb ist es doch wahr, wie
    ich’s dir sage, oder mir scheint, es hat mir’s niemand gesagt,
    ich hab’ mir’s in der Nacht gedacht.“
    „Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weg-
    geführt; daher die Verwechslung.“
    Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat’s
    gebracht?“
    Hans: „Das hab’ ich mir nicht denken wollen.“
    Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast du
    dir gedacht?“

  • S.

    212

    Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab’ ich mir’s gedacht.
    – Du Vatti, war der Herr Reisenbichler (der Hausherr) dabei,
    wie das Kalberl von der Kuh gekommen ist?1)“

    Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?“

    Hans: „Ich glaub’ schon . . . Vatti hast du schon öfter gesehen,
    wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?“

    Ich: „Ich hab’s schon öfter gesehen auf der Straße in Gmunden.2)“

    Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Und dann hast dir gedacht, du bist der Vatti?“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Und dann hast du dich vor dem Vatti gefürchtet?“

    Hans: „Du weißt ja alles, ich hab’ nichts gewußt.“

    Ich: „Wie der Fritzl gefallen ist, hast du dir gedacht, wenn
    der Vatti so fallen möchte, und wie dich das Lamperl gestoßen
    hat, wenn es den Vatti stoßen möcht’. Kannst du dich an das
    Begräbnis in Gmunden erinnern?“ (Das erste Begräbnis, das Hans
    sah. Er erinnert sich öfter daran, eine zweifellose Deckerinnerung.)

    Hans: „Ja, was war da?“

    Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht’, wärst
    du der Vatti.“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?“

    Hans: „Vor allen.“

    Ich: „Das ist doch nicht wahr.“

    Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen, vor
    Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn sie
    aber leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll aufgeladen


    1) Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachsenen mißtrauisch
    zu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaubwürdiger sei als der Vater.

    2) Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwarzen am Munde der Pferde
    hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen, bis es sich endlich hat verifizieren
    lassen.

  • S.

    213

    hat, da fürcht’ ich mich, und wenn’s zwei Pferde sind und voll
    aufgeladen haben, da fürcht’ ich mich nicht.“

    Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, weil drin soviel
    Leute sind?“

    Hans: „Weil am Dach soviel Gepäck ist.“

    Ich: „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat,
    nicht auch voll aufgela-
    den?“

    Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgela-
    den sein, wenn
    sie wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen
    wird, bis wieder eins drin sein wird.“

    Ich: „Das möchtest du halt gern.“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi noch
    ein Kind bekommen soll.“

    Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgela-
    den sein. Die
    Mammi hat gesagt, wenn die Mammi keins will, will’s der liebe
    Gott auch nicht. Wird die Mammi auch keins wollen, so wird
    sie keins bekom-
    men.“ (Hans hat natürlich gestern auch gefragt,
    ob in der Mammi noch Kinder sind. Ich habe ihm gesagt, nein,
    wenn der liebe Gott nicht will, wird’s in ihr auch nicht wachsen).

    Hans: „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht will,
    wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe Gott
    nicht will.“

    „Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe,
    worauf er bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß
    besser.“ – Er stellte also die Mama zur Rede, und die stellte
    die Konkordanz her, indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle,
    wolle auch der liebe Gott nicht.1

    Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll ein
    Kind bekommen?“

    Hans: „Aber haben will ich’s nicht.“


    1)Ce que femme veut Dieu veut. Hans hat hier in seinem Scharfsinne wieder ein
    sehr ernsthaftes Problem entdeckt.

  • S.

    214

    Ich: „Aber du wünschest es?“
    Hans: „Wünschen schon.“
    Ich: „Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern der
    Vatti sein möchtest.“
    Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschicht’?“
    Ich: „Welche Geschicht’?“
    Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Geschicht’
    dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht’?“
    Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi ver-
    heiratet sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart
    haben und möchtest, daß die Mammi ein Kind bekommen soll.“
    Hans: „Vatti, und bis ich verheiratet sein werde, werde ich
    nur eines kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi
    verheiratet sein werde, und wenn ich kein Kind will, will der
    liebe Gott auch nicht, wenn ich geheiratet hab’.“
    Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?“
    Hans: „O ja.“
    Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie noch
    durch die Unsicherheit über die Rolle des Vaters und die
    Zweifel an der Beherrschung des Kinderkriegens gestört wird.


    „Am Abend desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett gelegt
    wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach’? Jetzt sprech’
    ich noch bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei mir im Bett.
    Immer sind meine Kinder bei mir im Bett. Kannst du mir sagen,
    wie das ist?“ – Da er schon sehr schläfrig ist, verspreche ich
    ihm, wir würden das morgen aufschreiben, und er schläft ein.“
    „Aus den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans seit
    seiner Rückkehr von Gmunden immer von seinen „Kindern“
    phantasiert, er führt mit ihnen Gespräche usw.1)“

    1)Es ist keine Nötigung, hier bei Hans einen femininen Zug von Sehnsucht
    nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseligenden Erlebnisse als Kind bei der
    Mutter gehabt hat, wiederholt er diese nun in aktiver Rolle, wobei er selbst die
    Mutter spielen muß.

  • S.

    215

    „Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer
    von seinen Kindern spricht.“

    Hans: „Warum? Weil ich so gerne Kinder haben mag,
    aber ich wünsch’ mir’s nie, haben mag ich sie nicht.“1)

    Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga usw.
    sind deine Kinder?“

    Hans: „Ja, der Franzl, der Fritzl und der Paul (sein Gespiele
    in Lainz) auch und die Lodi.“ Ein fingierter Name. Sein Lieblings-
    kind, von dem er am öftesten spricht. – Ich betone hier, daß
    die Persönlichkeit der Lodi nicht erst seit einigen Tagen, seit
    dem Datum der letzten Aufklärung (24. April) besteht.“

    Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in Gmunden?“

    Hans: „Nein.“

    Ich: „Gibts eine Lodi?“

    Hans: „Ja, ich kenn’ sie schon.“

    Ich: „Welche denn?“

    Hans: „Die da, die ich hab’.“

    Ich: „Wie sieht sie denn aus?“

    Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare . . . ich hab’
    sie einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie ich in
    die Stadt gegangen bin.“

    „Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies er-
    funden ist.“2)

    Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?“

    Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi.“

    Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?“

    Hans: „Bei mir hab’ ich sie schlafen lassen, Mädeln und Buben.“

    Ich: „Jeden Tag?“


    1)Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie und Wirklichkeit
    wünschen und haben. Er weiß, daß er in Wirklichkeit Kind ist, da würden ihn
    andere Kinder nur stören, in der Phantasie ist er Mutter und braucht Kinder, mit
    denen er die selbst erlebten Zärtlichkeiten wiederholen kann.

    2)Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in Gmunden zum Ideal
    erhoben hat, das übrigens in der Farbe von Augen und Haaren der Mutter nach-
    gebildet ist.

  • S.

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    Hans: „Na freilich.“
    Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?“
    Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen sind,
    habe ich welche Kinder aufs Sofa gelegt und welche in den
    Kinderwagen gesetzt, wenn noch übrig geblieben sind, hab’ ich
    sie am Boden getragen und in die Kiste gelegt, da waren noch
    Kinder und ich hab’ sie in die andere Kiste gelegt.“
    Ich: „Also die Storchenkinderkisten sind am Boden gestanden?“
    Hans: „Ja.“
    Ich: „Wann hast du die Kinder bekommen? War die Hanna
    schon auf der Welt?“
    Hans: „Ja, schon lange.“
    Ich: „Aber von wem hast du dir gedacht, daß du die Kinder
    bekommen hast?“
    Hans: „No, von mir.“1)
    Ich: „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß die
    Kinder von einem kommen.“
    Hans: „Ich hab’ mir gedacht, der Storch hat sie gebracht.“
    (Offenbar Lüge und Ausflucht).2)
    Ich: „Gestern war die Grete bei dir, aber du weißt doch
    schon, daß ein Bub keine Kinder haben kann.“
    Hans: „No ja, ich glaub’s aber doch.“
    Ich: „Wie bist du auf den Namen Lodi gekommen? So heißt
    doch kein Mäderl. Vielleicht Lotti?“
    Hans: „O nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner Name
    ist es doch.“
    Ich (scherzend): „Meinst du vielleicht eine Schokolodi?“
    Hans (sofort): „Nein, eine Saffalodi3) . . . weil ich so gern
    Wurst essen tu, Salami auch.“


    1)Hans kann nicht anders als vom Standpunkte des Autoerotismus antworten.

    2)Es sind Phantasie-
    kinder, d. h. Onaniekinder.

    3)„Saffaladi = Zervelatwurst. Meine Frau erzählt gern, daß ihre Tante immer
    Soffilodi sagt, das mag er gehört haben.“

  • S.

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    Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lump aus?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Wie sieht denn ein Lump aus?“
    Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen und
    Schnurrbart) wie das und das.“
    Ich: „Wie noch? Rund wie eine Saffaladi?“
    Hans: „Ja.“
    Ich: „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lump gekommen
    ist, hast du dir gedacht, daß du ein Kind bekommst?“
    Hans (lachend): „Ja, in der gasse schon und auch hier.“
    Ich: „Weißt du, wie die Stellwagenpferde umgefallen sind? Der
    Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und wenn das schwarze
    Pferd umgefallen ist, war es so . . .“
    Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt.“
    Ich: „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen
    Krawall gemacht hat?“
    Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und
    lieber spielen, dann mach’ ich so mit den Füßen Krawall.“ (Er
    stampft mit den Füßen auf.)
    „Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder ungern
    Kinder bekommt.“
    „Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf-
    und abladen, wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen Kisten als Spielzeug.
    Im Hofe des Hauptzollamtes gegenüber interessierte ihn am meisten
    das Auf- und Abladen der Wagen. Er erschrak auch am heftigsten,
    wenn ein Wagen aufgeladen hatte und fortfahren sollte. „Die
    Pferde werden fallen“1). Die Türen des Hauptzollamtsschuppens
    nannte er „Loch“ (das erste, zweite, dritte . . . Loch). Jetzt sagt
    er „Podlloch“.
    „Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er in der
    Nähe des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu haben, wenn er

    1)Heißt man es nicht „niederkommen“, wenn eine Frau gebärt?

  • S.

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    sich fürchten sollte. Er flüchtet aber nie mehr ins Haus hinein,
    bleibt immer auf der Straße. Bekanntlich hat das Kranksein damit
    begonnen, daß er auf dem Spaziergange weinend umkehrte, und
    als man ihn ein zweites Mal zwang, spazieren zu gehen, nur bis
    zur Stadtbahnstation „Hauptzollamt“ ging, von der aus man unsere
    Wohnung noch sieht. Bei der Entbindung der Frau war er natürlich
    von ihr getrennt, und die jetzige Angst, die ihn hindert, die
    Nähe des Hauses aufzugeben, ist noch die damalige Sehnsucht.“


    „30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kindern
    spielt, sage ich ihm: „Wieso leben denn deine Kinder noch? Du
    weißt ja, daß ein Bub keine Kinder bekommen kann.“
    Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt bin
    ich der Vatti.“
    Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?“
    Hans: „No, die Mammi, und du bist der Großvatti.“
    Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der Mammi
    verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen.“
    Hans: „Ja, das möcht’ ich und die Lainzerin (meine Mutter)
    ist dann die Großmammi.“

    Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus hat eine glücklichere
    Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben ist. Er gönnt
    seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück, das er
    für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet
    auch ihn mit der eigenen Mutter.


    „Am 1. Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt
    was? Schreiben wir was für den Professor auf.“
    Ich: „Was denn?“
    Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf dem
    Klosett. Zuerst hab’ ich Lumpf gemacht und Wiwi und sie haben
    zugeschaut. Dann hab’ ich sie aufs Klosett gesetzt und sie haben
    Wiwi und Lumpf gemacht und ich hab’ ihnen den Podl mit

  • S.

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    Papier ausgewischt. Weißt warum? Weil ich so gerne Kinder
    haben möcht’, dann möcht’ ich ihnen alles tun, sie aufs Klosett
    führen, ihnen den Podl abputzen, halt alles, was man mit Kindern tut.“

    Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl kaum
    angehen, die an die exkrementellen Funktionen geknüpfte Lust
    bei Hans in Abrede zu stellen.

    „Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadtpark.
    Da es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als sonst, immerhin
    genug, die ihn bisher abgeschreckt haben. Er ist sehr stolz auf
    seine Leistung, und ich muß mit ihm nach der Jause noch einmal
    in den Stadtpark gehen. Auf dem Wege treffen wir einen Stell-
    wagen, den er mir zeigt: „Schau, einen Storchenkistenwagen!“
    Wenn er, wie geplant ist, morgen mit mir wieder in den Stadtpark
    geht, kann man die Krankheit wohl als geheilt ansehen.“

    „Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab’ mir heute was
    gedacht.“ Zuerst hat er’s vergessen, später erzählt er unter be-
    trächtlichen Widerständen: „Es ist der Installateur gekommen
    und hat mir mit einer Zange zuerst den Podl weggenommen
    und hat mir dann einen andern gegeben und dann den
    Wiwimacher. Er hat gesagt: Laß den Podl sehen und ich hab’
    mich umdrehen müssen, und er hat ihn weggenommen und dann
    hat er gesagt: Laß den Wiwimacher sehen.“

    Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie und zweifelt
    keinen Moment an der einzig gestatteten Deutung.

    Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimacher und einen
    größeren Podl gegeben.“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Wie der Vatti sie hat, weil du gerne der Vatti sein
    möchtest?“

    Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du möcht’ ich auch
    haben und solche Haare.“ (Deutet auf die Haare an meiner Brust.)

    „Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie: Der
    Installateur ist gekommen und hat die Badewanne abgeschraubt

  • S.

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    und hat mir dann einen Bohrer in den Bauch eingesetzt, rektifiziert
    sich demnach: Die große Badewanne bedeutet den „Podl“, der
    Bohrer oder Schraubenzieher, wie damals schon gedeutet, den
    Wiwimacher.1) Es sind identische Phantasien. Es eröffnet sich auch
    ein neuer Zugang zu Hansens Furcht vor der großen Badewanne,
    die übrigens auch bereits abgenommen hat. Es ist ihm unlieb,
    daß sein „Podl“ zu klein ist für die große Wanne.“

    In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das Wort,
    um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen Ausdruck zu
    geben.


    Nachtrag des Vaters eine Woche später:
    „Geehrter Herr Professor! Ich möchte die Krankengeschichte
    Hansens noch durch folgendes ergänzen:

    1) Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht so
    vollständig, wie ich sie vielleicht dargestellt habe. Hans ging aller-
    dings spazieren, aber nur gezwungen und mit großer Angst. Einmal
    ging er mit mir bis zur Station „Hauptzollamt“, von wo man
    noch die Wohnung sieht, und war nicht weiter zu bringen.“

    2) Ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft bekommt Hans
    bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen ist eine auch ihm
    geläufige Wortvertauschung.“

    3) Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes Zimmer
    separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt.“

    4) Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in Furcht,
    sondern in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen beziehen sich
    meist darauf, woraus die Dinge verfertigt sind (Tramways, Maschinen


    1)Vielleicht darf man hinzusetzen, daß der „Bohrer“ nicht ohne Beziehung auf
    das Wort „geboren“, „Geburt“ gewählt worden ist. Das Kind würde so zwischen
    „gebohrt“ und „geboren“ keinen Unterschied machen. Ich akzeptiere diese mir von
    einem kundigen Kollegen mitgeteilte Vermutung, weiß aber nicht zu sagen, ob hier
    ein tieferer allgemeiner Zusammenhang oder die Ausnützung eines dem Deutschen
    eigentümlichen Sprachzufalles vorliegt. Auch Prometheus (Pramantha), der Menschen-
    schöpfer, ist etymologisch der „Bohrer“. Vgl. Abraham, Traum und Mythus. 4. Heft
    der „Schriften zur angewandten Seelenkunde“, 1908.

  • S.

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    usw.), wer die Dinge macht usw. Charakteristisch für die meisten
    Fragen ist, daß Hans fragt, obzwar er sich die Antwort bereits
    selbst gegeben hat. Er will sich nur vergewissern. Als er mich
    einmal mit Fragen zu sehr ermüdet hatte und ich ihm sagte:
    „Glaubst du denn, daß ich dir auf alles antworten kann, was du
    fragst?“, meinte er: „No, ich hab’ geglaubt, weil du das vom
    Pferd gewußt hast, daß du das auch weißt.“
    5) Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch: „Damals,
    wie ich die Dummheit gehabt hab’.“
    6) Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf zerbricht,
    was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch die Mutter
    das Kind zur Welt bringt. Man kann das aus den Fragen schließen,
    wie: „Nicht wahr, ich gehör’ auch dir“ (Er meint, nicht nur
    der Mutter.) Das: wieso er mir gehört, ist ihm nicht klar. Da
    gegen habe ich keinen direkten Beweis, daß er, wie Sie meinen,
    einen Koitus der Eltern belauscht hätte.“
    7) Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die Heftigkeit
    der Angst aufmerksam gemacht werden, da man sonst sagen würde:
    „Hätte man ihn nur ordentlich durchgeprügelt, so wäre er schon
    spazieren gegangen.“

    Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie Hansens
    war auch die vom Kastrationskomplex stammende Angst über-
    wunden, die peinliche Erwartung ins Beglückende gewendet. Ja,
    der Arzt, Installateur usw. kommt, er nimmt den Penis ab, aber
    nur um einen größeren dafür zu geben. Im übrigen mag unser
    kleiner Forscher nur frühzeitig die Erfahrung machen, daß alles
    Wissen Stückwerk ist, und daß auf jeder Stufe ein ungelöster
    Rest bleibt.