• S.

    T. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 119

    IX. ZUSAMMENFASSUNGEN UND PROBLEME. ⑤

    Ich weiß nicht, ob es dem Leser des vorstehenden
    Analysenberichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von
    der Entstehung und Entwicklung des Krankseins bei meinem
    Patienten zu machen. Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der
    Fall gewesen. Aber, so wenig ich sonst fiir die Kunst mei-
    ner Darstellung Partei genommen habe, diesmal möchte ich
    doch, auf mildernde Umstände plaidieren. Es ist eine Auf-
    gabe gewesen, die noch niemals zuvor in Angriff genommen
    wurde, in die Beschreibung so frühe Phasen und so tiefe
    Schichten des Seelenlebens einzuführen, und es ist besser,
    man löst sie schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht,
    was ja überdies mit gewissen Gefahren für den Verzagten
    verbunden sein soll. Man zeigt also lieber kühnlich, daß man
    sich durch das Bewußtsein seiner Minderwertigkeiten nicht
    hat abhalten lassen.

    Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den
    Reichtum der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß
    man das Kind durch das Medium des Erwachsenen studieren
    konnte, mußte mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse
    und den entsprechenden Unvollständigkeiten in der Darstel-
    lung erkauft werden, Persönliche Eigentümlichkeiten, ein dem
    unserigen fremder Nationalcharakter, machten die Einfühlung
    miihsam., Der Abstand zwischen der liebenswürdig entgegen-
    kommenden Persönlichkeit des Kranken, seiner scharfen In-
    telligenz, vornehmen Defikungsart und seinem villig unge-
    bändigtem Triebleben machte eine überlange Vorbereitungs-
    und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die Übersicht
    erschwert wurde, An dem Charakter des Falles, welcher der
    Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist der Patient

    selbst. aber völlig unschuldig. Wir haben es in der Psycho-

  • S.

    120 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    logie des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die seelischen
    Vorgänge in bewußte und únbewufte zu scheiden und beide
    in klaren Worten zu beschreiben. Vom Kinde lågt diese Unter-
    Scheidung uns beinahe im Stiche. Man ist oft in Verlegen-
    heit anzugeben, was man als bewußt und was man als unbe-
    wußt bezeichnen möchte. Vorgänge, die die herrschenden ge-
    worden sind, und die nach ihrem späteren Verhalten den be-
    wußten gleichgestellt werden müssen, sind beim Kinde den-
    noch nicht bewußt gewesen. Man kann leicht verstehen,
    warum; das Bewußte hat beim Kinde noch nicht alle seine
    Charaktere gewonnen, es ist noch in der Entwicklung be-
    griffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in Sprach-
    vorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns
    sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen,
    als Wahrnehmung. im Bewußtsein aufzutreten, und der Zu-
    gchôrigkeit zu einem angenommenen psychischen System, das
    wir irgendwie konventionell benennen sollten, das wir aber
    gleichfalls Bewußtsein (System Bw) heißen, diese Ver-
    wechslung ist harmlos bei der psychologischen Beschreibung
    des Erwachsenen, aber irrefithrend für die des kleinen Kin-
    des. Auch die Einführung des ,, VorbewuBten" nützt hier nicht
    viel denn das VorbewuBte des Kindes braucht sich mit dem
    des Erwachsenen ebensowenig zu decken. Man begnügt sich
    also damit, die Dunkelheit klar erkannt zu haben,

    Es ist selbstverstindlich, daß ein Fall wie der hier be-
    Schriebene Anlaß geben könnte, álle Ergebnisse und Pro-
    bleme der Psychoanalyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre
    eine unendliche und eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß
    sich sagen, daß man aus einem einzigen Fall nicht alles er-
    fahren, an ihm nicht alles entscheiden kann, und sich darum
    begnügen, ihn für das zu verwerten, was er am deutlichsten

  • S.

    1. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 121

    zeigt. Die Erklårungsaufgabe in der Psychoanalyse ist über-
    haupt enge begrenzt. Zu erklåren sind die auffålligen Sym-
    ptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese; die psy-
    chischen Mechanismen und Triebvorgànge, zu denen man so
    geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben,
    Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte
    neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut
    und tief analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht
    zu haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der
    Fortschritt in diesen Gebieten kann sich also nur langsam
    vollzichen. Die Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit
    zu begnügen, daß man bei einer Anzahl von Personen die
    psychische Oberfläche „ankratzt“, und das Unterlassene dann
    durch Spekulationen ersetzt, die man unter die Patronanz
    irgend einer philosophischen Richtung stellt. Man kann auch
    praktische Bedürfnisse zu Gunsten dieses Verfahrens geltend
    machen, aber die Bedürfnisse der. Wissenschaft lassen sich
    durch kein Surrogat befriedigen.

    Ich will versuchen, eine synthetische Übersicht der
    Sexualentwicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der
    ich mit den frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste,
    was wir über ihn hören, ist die Störung der Eßlust, die ich
    nach anderen Erfahrungen, aber doch mit aller Zurückhal-
    tung, als den Erfolg eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet
    auffassen will. Als die erste kenntliche Sexualorganisation
    habe ich die sogenannte kannibale oder orale betrachten
    müssen, in welcher die ursprüngliche Anlehnung der Sexual-
    erregung an den EBtricb noch die Szene beherrscht. Direkte
    Äußerungen dieser Phase werden nicht zu erwarten sein, wohl
    aber Anzeichen bei eingetretenen Störungen. Die Beeintrüch-
    tigung des Eftriebs — die natürlich sonst auch andere Ur-

  • S.

    122 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    sachen haben kann — macht uns dann aufmerksam, daß eine
    Bewältigung sexueller Erregung dem Organismus nicht ge-
    lungen ist. Das Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kanni-
    balismus, das Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten
    durch Regression von einer höheren Stufe her in der Angst
    zum Vorschein: vom Wolf gefressen zu werden. Diese Angst
    mußten wir uns ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden.
    Es ist bekannt, daß es in weit vorgeriickteren Jahren, bei Måd-
    chen in den Zeiten der Pubertät oder bald nachher, ein:
    Neurose gibt, welehe die Sexualablehnung durch Anorexie
    ausdrückt; man wird sie in Beziehung zu dieser oralen Phase
    des Sexuallebens bringen dürfen. Auf der Hóhe des verlieb-
    ten Paroxysmus („Ich könnte dich fressen vor Liebe“) und im
    zårtlichen Verkehr mit kleinen Kindern, wobei der Erwach-
    sene sich selbst wie infantil gebårdet, tritt das Liebesziel der
    oralen Organisation wieder auf. Ich habe an anderer Stelle die
    Vermutung ausgesprochen, daß der Vater unseres Patienten
    selbst das ,,zårtliehe Schimpfen* gehabt, mit dem Kleinen
    Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit dem Auf-
    fressen bedroht hat. (S. 609.) Der Patient hat diese Vermutung
    durch sein auffålliges Benehmen in der Übertragung nür be-
    ståtigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die Uber-
    tragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und später
    mit allen anderen móglichen MiBhandlungen, was alles nur
    Ausdruck von Zärtlichkeit war.

    Der Sprachgebrauch hat gewisse Prägungen dieser oralen
    Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem
    „appetitlichen* Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß“. Wir er-
    innern uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen
    wollte. Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume regelmäßig

    Liebkosungen, “sexuelle Befriedigungen.

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 123

    Es scheint, daß zu dieser Phase auch eine Angst gehört
    (im Falle von Störung natürlich), die als Lebensangst auf-
    tritt und sich an alles heften kann, was dem Kinde als ge-
    eignet bezeichnet wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu
    benützt, um ihn zur Überwindung seiner EBunlust, ja zur Uber-
    kompensation derselben anzuleiten. Auf die mögliche Quelle
    seiner Eßstörung werden wir geleitet, wenn wir — auf dem Bo-
    den jener vielberedeten Annahme — daran erinnern, daß die
    Koitusbeobachtung, von welcher so viele nachträgliche Wir-
    kungen ausgingen, in das Alter von 11/,Jahren sicherlich vor
    der Zeit der Efschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir an-
    nehmen, daß sie die Prozesse der Sexualreifung beschleunigt
    und so auch direkte, wenn auch unscheinbare Wirkungen ent-
    faltet hat.

    Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser
    Periode, die Wolfsangst, die EBstorung anders und einfacher
    erklåren kann, ohne Riicksicht auf die Sexualitåt und eine
    prågenitale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen der
    Neurotik und den Zusammenhang der Erscheinungen gern ver-
    nachlåssigt, wird diese andere Erklårung vorziehen und ich
    werde ihn daran nicht hindern können. Es ist schwer, über
    diese Anfänge. des Sexuallebens anders als auf den ange-
    zeigten Umwegen etwas Zwingendes zu eruieren.

    Die Szene mit der Gruscha (um 21/, Jahre) zeigt uns
    unseren Kleinen zu. Beginn einer Entwicklung, welche die
    Anerkennung als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vor-
    zeitigkeit: Identifizierung mit dem Vater, Harnerotik in Ver-
    tretung der Männlichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem
    Einfluß der Urszene. Die Vateridentifizierung haben wir bis-
    her als eine narzißtische aufgefaßt, mit Rücksicht auf den
    Inhalt der Urszene können wir es nicht abweisen, daß sie bereits

  • S.

    124 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    der Stufe der Genitalorganisation entspricht. Das männliche
    Genitale hat seine Rolle zu spielen begonnen und ‚setzt sie
    unter dem Einfluß der Verführung durch die Schwester fort.

    Man bekommt aber den Eindruck, daß die Verführung
    nicht‘ bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in
    höherem Grade stört und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexual-
    ziel, welches mit der Aktion des männlichen Genitales im
    . Grunde unvertråglich ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei
    der Kastrationsandeutung der Nanja, bricht (mit 33/, Jah-
    ren) dic noch æghafte genitale Organisation zusammen und
    regrediert auf die ihr vorhergehende Stufe der sadistisch-
    analen Organisation, welche vielleicht sonst mit ebenso leich-
    ten Anzeichen wie bei anderen Kindern durchlaufen worden
    wäre,

    Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fort-
    bildung der oralen zu erkennen, Die gewaltsame Muskel-
    betåtigung am Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle
    als vorbereitender Akt fiir das Fressen, das dann als Sexual-
    ziel ausfällt. Der vorbereitende Akt wird ein selbständiges
    Ziel. Die Neuheit gegen die vorige Stufe besteht wesentlich
    darin, daß das aufnehmende, passive Organ, von der Mund-
    zone abgesondert, an der Analzone ausgebildet wird, Biolo-
    gische Parallelen oder die Auffassung der prågenitalen mensch-
    lichen Organisationen als Reste von Einrichtungen, die in
    manchen Ticrklassen dauernd festgehalten werden, liegen hier
    sehr nahe, Die Konstituierung des Forschertriebes aus seinen
    Komponenten ist für diese Stufe gleichfalls charakteristisch.

    Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar, Der
    Kot hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zärtliche gegen
    seine offensive Bedeutung vertauscht. An der Verwandlung
    des Sadismus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbe-

  • S.

    - I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 5

    teiligt, welches auf Entwicklungsvorgånge in anderen als den
    sexuellen Sphåren hinweist.

    Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die
    Passivität des Sexualziels aufrechthält. Sie verwandelt jetzt
    den Sadismus zu einem großen Teil in sein passives Gegen-
    stück, den Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Cha-
    rakter der Passivität ganz auf ihre Rechnung setzen darf,
    denn die Reaktion des 1!/,jährigen Kindes auf die Koitus-
    beobachtung war bereits vorwiegend eine passive. Dic sexuelle
    Miterregung åuBerte sich in einer Stuhlentleerung, an der
    allerdings auch ein aktiver Anteil zu unterscheiden ist. Neben

    dem Masochismus, der seine Scxualstrebung beherrscht und
    sich in Phantasien äußert, bleibt auch der Sadismus bestehen
    und betåtigt sich gegen kleine Tiere. Seine Sexualforschung
    hat von der Verführung an eingesetzt, wesentlich zwei Pro-
    bleme in Angriff genommen, woher die Kinder kommen, und
    ob ein Verlust des Genitales möglich ist, und verwebt sich

    mit den AuBerungen seiner Triebregungen. Sie lenkt seine

    sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als Repråsen-
    tanten der kleinen Kinder.

    Wir haben die Schilderung bis in die Nähe des vierten
    Geburtstages geführt, zu welchem Zeitpunkt der Traum die
    Koitusbeobachtung von 11/, Jahren zur nachträglichen Wir-
    kung bringt. Die Vorgänge, die sich nun ‚abspielen, können
    wir weder vollständig erfassen, -noch sie hinreichend be-
    schreiben, Die Aktivierung des Bildes, das nun dank der vor-
    geschrittenen intellektuellen Entwicklung verstanden werden
    kann, wirkt wie ein frisches Ereignis, aber auch wie ein neues
    Trauma, ein fremder Eingriff analog der Verführung. Die ab-
    gebrochene genitale Organisation wird mit einem Schlage wie-
    der eingesetzt, aber der im Traum vollzogene Fortschritt kann

  • S.

    126 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    nicht festgehalten werden. Es kommt vielmehr durch einen

    Vorgang, den man nur einer Verdrängung gleichstellen kann,
    zur Ablehnung des Neuen und dessen Ersetzung durch eine
    Phobie.

    Die sadistisch-anale Organisation bleibt also auch in der
    jetzt einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur sind
    ihr die Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt die
    sadistischen wie die masochistischen Betåtigungen fort, doch
    reagiert es mit Angst gegen einen Teil derselben; die Ver-
    kehrung des Sadismus in sein Gegenteil macht wahrscheinlich
    weitere Fortschritte,

    Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daß
    die Verdrängung sich an die Erkenntnis der Kastration an-
    schließt. Das Neue wird verworfen, weil seine Annahme den
    Penis kosten würde, Eine sorgfaltigere Überlegung läßt etwa
    Folgendes erkennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle Ein-
    stellung im genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der
    Erkenntnis gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbe-
    wufte erhalten, als eine abgesperrte tiefere Schichtung kon-
    stituiert. Der Motor dieser Verdrängung scheint dic narziB-
    tische Männlichkeit des Genitales zu sein, die in einen längst
    vorbereiteten. Konflikt mit der Passivität des homosexuellen
    Sexualzieles geråt. Die Verdrångung ist also ein Erfolg der
    Månnlichkeit.

    Man kåme in Versuchung, von hier aus ein Stiick der
    psychoanalytischen Theorie abzuändern, Man glaubt doch mit
    Hånden zu greifen, daß es der Konflikt zwischen männlichen
    und weiblichen Strebungen, also die Bisexualitåt, ist, aus der
    die Verdrängung und Neurosenbildung hervorgeht. Allein diese
    Auffassung ist lückenhaft. Von den beiden widerstreitenden
    Scxualregungen, ist die cine ichgerecht, die andere beleidigt

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 127

    das narziBtische Interesse; sie verfällt darum der Verdrån-
    gung. Es ist auch in diesem Falle das Ich, von dem die 'Ver-
    drångung ins Werk gesetzt wird, zu Gunsten einer der sexuel-
    len Strebungen. In anderen Fällen existiert ein solcher Kon-
    flikt zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht; es ist
    nur eine Sexualstrebung da, die Annahme heischt, aber gegen
    gewisse Mächte des Ichs verstößt und darum selbst verstoßen
    wird. Weit häufiger als Konflikte innerhalb der Sexualität
    selbst finden sich ja die anderen vor, die sich zwischen der
    Sexualität und den moralischen Ichtendenzen ergeben. Ein
    solcher moralischer Konflikt fehlt in unserem Falle, Die Be-
    tonung der Bisexualität als Motiv der Verdrängung wäre also
    zu enge; die des Konflikts zwischen Ich und Sexualstreben
    (Libido) deckt alle Vorkommnisse,

    Der Lehre vom ,,månnliclien Protest“, wie sie Adler aus-
    gebildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung
    keineswegs immer dic Partei der Månnlichkeit nimmt und die
    Weiblichkeit betrifft; in. ganzen großen Klassen von Fällen
    ist es die Männlichkeit, die sich vom Ich die Verdrängung
    gefallen lassen muß.

    Eine gerechtere Würdigung des Verdrängungsvorganges
    in unserem Falle würde übrigens der narzißtischen Männlich-
    keit die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homo-
    sexuelle Einstellung, die während des Traumes zu stande
    kommt, ist eine so intensive, daf das Ich des kleinen Men-
    schen an ihrer Bewáltigung verzagt und sich durch den Ver-
    drángungsvorgang ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser Ab-
    sicht wird die ihr gegensåtzliche narziBtische Männlichkeit
    des Genitales herangezogen. Daß alle narzibtischen Regun-
    gen vom Ich aus wirken und beim Ich verbleiben, die Ver-"
    drångungen gegen libidinóse Objektbesetzungen gerichtet sind,

  • S.

    198 ・ SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    soll nur zur Vermeidung von MiBverständnissen ausgesprochen
    werden.

    Wenden wir uns von dem Vorgang der Verdrängung, des-

    sen restlose Bewältigung uns vielleicht nicht gegliickt ist,
    zu dem Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum
    ergibt. Wäre es wirklich die Männlichkeit gewesen, die wäh-
    rend des Traumvorganges über die Homosexualität (Weib-
    lichkeit) gesiegt hat, so müßten wir nun eine aktive Sexual-
    strebung von bereits ausgesprochen männlichem Charakter als
    die herrschende finden. Davon ist keine Rede, das Wesent-
    liche der Sexualorganisation hat sich nicht geändert, die
    sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort, sie ist die
    herrschende geblieben. Der Sieg der Männlichkeit zeigt sich
    bloß darin, daß nun auf die passiven Sexualziele der herr-
    schenden Organisation (die masochistisch, aber nicht weib-
    lich sind) mit Angst reagiert wird. Es ist keine sieghafte
    männliche Sexualregung vorhanden, sondern nur eine passive
    und ein Sträuben gegen dieselbe.

    Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die un-
    gewohnte, aber unerläßliche scharfe- Scheidung von aktiv-
    männlich und passiv-weiblich dem Leser bereitet, und will
    darum Wiederholungen nicht vermeiden, Den Zustand nach
    dem Traume kann man also in folgender Art beschreiben:
    Die Sexualstrebungen sind zerspalten worden, im UnbewuB-
    ten ist die Stufe der genitalen Organisation erreicht und eine
    sehr intensive Homosexualität konstituiert, darüber besteht
    (virtuell im Bewubten) die frühere sadistische und über-
    wiegend masochistische Sexualstrómung, das Ich hat seine
    Stellung zur Sexualität im ganzen geändert, es befindet sich
    in Sexualablehnung und weist die herrschenden masochisti-
    schen Ziele mit Angst ab, wie es auf die tieferen homosexuel-

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 129

    len mit der Bildung einer Phobie reagiert hat. Der Erfolg
    des Traumes war also nicht so sehr der Sieg einer månn-
    lichen Strömung, sondern die Reaktion gegen eine feminine
    und eine passive. Es wire gewaltsam, dieser Reaktion den
    Charakter der Månnlichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben
    keine Sexualstrebungen, sondern nur das Interesse an seiner
    Selbstbewahrung und der Erhaltung seines Narziümus.
    Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem
    Niveau der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den
    relativ einfachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich
    schützt sich durch Angstentwicklung vor dem, was es als
    übermächtige Gefahr wertet, vor der homosexuellen Befrie-
    digung. Doch hinterlåBt der Verdrängungsvorgang eine nicht
    zu übersehende Spur. Das Objekt, an das sich das gefürchtete
    Sexualziel geknüpft hat, muß sich vor dem Bewußtsein durch
    ein anderes vertreten lassen. Nicht die Angst vor dem Va-
    ter, sondern die vor. dem Wolf wird bewußt. Es: bleibt auch
    nicht bei der Bildung der Phobie mit dem einen Inhalt. Der
    Wolf ersetzt sich eine ganze Weile später durch den Lö-
    wen. Mit den sadistischen Regungen gegen die kleinen Tiere
    konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter der Neben-
    buhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders interessant
    ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie eine
    Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die Wolfs-
    phobie erzeugt hat. Durch eine zufällige Anregung wird ein
    altes Erlebnis aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren Ka-
    strationsdrohung nachträglich zur Wirkung kommt, während

    sie, als sie vorfiel, ohne Eindruck geblieben war.*) |

    *) Die Gruschaszene war, wie erwähnt; eine spontane Erinnerungs-
    leistung des Patienten, an welcher eine Konstruktion oder Anregung des
    Arztes keinen Anteil hatte; die Lücke in ihr wurde von der Analyse in

    Freud, Neurosenlehre. V. 9

  • S.

    130 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser
    Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthält
    keinen Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei.aus
    der Verdrängung homosexueller Libido hervorgegangen. In bei-
    den Ausdrucksweisen meint man den nåmlichen Vorgang, daß
    das Ich der homosexuellen Wunschregung Libido entzieht,
    welche in freischwebende Angst umgesetzt wird, sich dann
    in Phobien binden läßt. In der ersten Ausdrucksweise hat man
    nur das Motiv, welches das Ich treibt, mitbezeichnet.

    Bei näherem Zusehen findet man nun, daß diese erste Er-
    krankung unseres Patienten (von der Eßstörung abzusehen)
    durch das Ilerausgreifen der Phohie nicht erschöpft wird, son-
    dern als eine echte Hysterie verstanden werden muß, der ne-

    ben Angstsymptomen auch Konversionserscheinungen zukom-
    men. Ein Anteil der homosexuellen Regung wird in dem bei
    ihr beteiligten Organ festgehalten; der Darm benimmt sich
    von da an und ebenso in der Spätzeit wie cin hysterisch affi-

    einer Weise ausgefüllt, die tadellos genannt werden muß, wenn man auf
    die Arbeitsweise der Analyse überhaupt Wert legt. Eine rationalistische
    Aufklärung dieser Phobie könnte nur sagen: Es sei nichts Ungewóhnliches,
    daß ein zur Angstlichkeit disponiertes Kind auch einmal vor einem gelb-
    streifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme, wahrscheinlich in-
    folge einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall, A synthetic genetic
    study of fear. Amer. J. of Psychology XXV, 1914.) In Unwissenheit dieser
    Ursache suche es nun nach einer Kindheitsankniipfung fiir diese Angst und
    beniitze den Zufall der Namensgleichheit und der Wiederkehr der Streifen,
    um sich die Phantasie eines Abenteuers mit dem noch erinnerten Kinder-
    mädchen zu konstruieren. Wenn aber die Nebensachen der an sich harm-
    losen Begebenheit, Aufwaschen, Kiibel, Besen im spåteren Leben die Macht
    zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des Menschen zu bestimmen,
    so fållt der Schmetterlingsphobie eine unbegreifliche Bedeutung zu. Der
    Sachverhalt wird mindestens ebenso merkwiirdig wie der von mir behaup-
    tete, und der Gewinn aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen
    ist zerronnen. Die Gruschaszene wird uns also besonders wertvoll, da wir
    an ihr unser Urteil über die minder gesicherte Urszene vorbereiten können.

  • S.

    1. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 131

    ziertes Organ. Die unbewufte, verdrångte Homosexualität hat

    sich in den Darm zurückgezogen. Gerade dieses Stück ‏-ץ11‎
    ‎“ sterie hat dann bei der Lösung des späteren Krankseins die
    besten Dienste geleistet.

    Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch
    komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff
    zu nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine
    herrschende masochistische und eine verdrångte homosexuelle
    Sexualstrômung, dagegen ein in hysterischer Ablehnung befan-
    genes Ich; welche Vorgänge wandeln diesen Zustand in den
    der Zwangsneurose um?

    Die Verwandlung geschicht nicht spontan, durch innere
    Fortentwicklung, sondern durch fremden Einfluß von außen.
    Ihr sichtbarster Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende
    Verhältnis zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie Aus-
    druck gefunden hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit äußert
    Ich kann es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß der
    Vorgang bei diesem Patienten eine unzweideutige Bestätigung
    einer Behauptung liefert, die ich in „Totem und Tabu“ über
    das Verhältnis des Totemtieres zur Gottheit aufgestellt habe.*)
    Ich entschied mich dort dafür, daß die Gottesvorstellung nicht
    eine Fortentwicklung des Totem sei, sondern sich unabhängig
    von ihm aus der gemeinsamen Wurzel beider zu seiner Ab-
    lösung erhebe. Der Totem sei der erste Vaterersatz, der Gott
    aber ein späterer, in dem der, Vater seine menschliche Ge-
    stalt wiedergewinne. So finden wir es auch bei unserem Pa-
    tienten, Er macht in der Wolfsphobie das Studium des totemi-
    stischen Vaterersatzes durch, welches nun abbricht und in-
    folge neuer Relationen zwischen ihm und dem Vater durch
    eine Phase von religiöser Frömmigkeit ersetzt wird.

    *) Totem und Tabu, p. 137, 1913.

  • S.

    132 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft, ist die
    durch die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren
    der Religion und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis
    wird das von der Erziehung gewünschte. Der sadistisch-
    masochistischen Sexualorganisation wird ein langsames Ende
    bereitet, die Wolfsphobie verschwindet rasch, an Stelle der
    Angstablehnung der Sexualität tritt eine höhere Form der
    Unterdrückung derselben. Die Frömmigkeit wird . zur herr-
    schenden Macht im Leben des Kindes. Allein diese Uber-
    windungen gehen nicht ohne Kämpfe vor sich, als deren Zei-
    chen die blasphemischen Gedanken erscheinen, und als de-
    ren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen Zere-
    moniells sich festsetzt.

    Wenn wir von diesen pathologischen Phänomenen ab-

    - sehen, können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles
    das geleistet, wofür sie in der Erziehung des Individuums ein-
    gesetzt wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebåndigt, in-
    dem sie ihnen eine Sublimierung und feste Verankerung bot,
    seine familiären Beziehungen entwertet und damit einer
    drohenden Isolierung vorgebeugt, dadurch daß sie ihm den
    Anschluß an die große Gemeinschaft der Menschen eröffnete,
    Das wilde, verängstigte Kind wurde sozial, gesittet und er-
    ziehbar.

    Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Iden-
    tifizierung mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zu-
    fälligkeit seines Geburtsdatums besonders nahe gelegt war.
    Hier fand die übergroße Liebe zum Vater, welche die Ver-
    drängung notwendig gemacht hatte, endlich einen Ausweg
    in eine ideale Sublimierung. Als Christus durfte man den Va-
    ter, der nun Gott hieß, mit einer Inbrunst lieben,. die beim
    irdischen Vater vergeblich nach Entladung gesucht hatte. Die

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 133

    Wege, auf denen man diese Liebe bezeugen konnte, waren
    von der Religion angezeigt, an ihnen haftete auch nicht das
    SchuldbewuBtsein, das sich von den individuellen Liebes-
    strebungen nicht ablösen ließ. Wenn so die tiefste, bereits
    als unbewuBte Homosexualität niedergeschlagene Sexual-
    stromung noch drainiert werden konnte, so fand die oberflåch-
    lichere masochistische Strebung eine unvergleichliche Subli-
    mierung ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi,
    der sich im Auftrage und zu Ehren des göttlichen Vaters hatte
    mifhandeln und opfern lassen. So tat die Religion ihr Werk
    bei dem kleinen Entgleisten durch die Mischung von Be-
    friedigung, Sublimierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein
    geistige Prozesse, und die Eröffnung sozialer Beziehungen,
    die sie dem Gläubigen bietet.

    Sein anfängliches Sträuben gegen die Religion hatte drei
    verschiedene Ausgangspunkte, Erstens war es überhaupt, wo-
    von wir schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neu-
    heiten abzuwehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene
    Libidoposition in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Auf-
    geben und im Mißtrauen gegen die Wahrscheinlichkeit eines.
    vollen Ersatzes durch die neu zu beziehende. Es ist das eine
    wichtige und fundamentale psychologische Besonderheit, die
    ich in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie als Fähig-
    keit zur Fixierung aufgestellt habe. Jung hat sie unter

    dem Namen der psychischen „Trägheit“ zur Hauptverursachung
    aller Mißerfolge der Neurotiker machen wollen. Ich glaube,

    mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und spielt auch
    im Leben nicht Nervóser ihre bedeutsame Rolle. Die Leicht-
    beweglichkeit oder Schwerflissigkeit der libidinósen, und
    ebenso der andersartigen Energiebesctzungen ist ein beson-
    derer Oharakter, der vielen Normalen und nicht einmal allen

  • S.

    134 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Nervôsen eignet, und der bisher noch nicht in Zusammenhang
    mit anderem gebracht ist, etwas wie eine Primzahl nicht wei-
    ter zerteilbares. Wir wissen nur das eine, daß die Eigenschaft
    der Beweglichkeit psychischer Besetzungen mit dem Lebens-
    alter auffällig zurückgeht. Sie hat uns eine der Indikationen
    fiir die Grenzen der psychoanalytischen Beeinflussung ge-
    liefert. Es gibt aber Personen, bei denen diese psychische Pla-
    stizität weit über. die gewöhnliche Altersgrenze hinaus be-
    ‚stehen bleibt, und andere, bei denen sie sehr. frühzeitig ver-
    loren geht. Sind es Neurotiker, so macht man mit Unbe-
    hagen die Entdeckung, daB unter scheinbar gleichen Verhålt-
    nissen bei ihnen Veränderungen nicht rückgängig zu machen
    sind, die man bei anderen mit Leichtigkeit bewåltigt hat. Es
    ist also auch bei den Umsetzungen psychischer Vorgänge der
    Begriff einer Entropie in Betracht zu ziehen, deren Maß
    sich einer Riickbildung des Geschelienen widersetzt.

    Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß
    die Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott —
    Vater zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen der
    ambivalenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer
    Entstehung gewaltet hat. Diese Ambivalenz spiirte er mit der
    hochentwickelten eigenen heraus und knüpfte an sie jene
    scharfsinnige Kritik, welche uns von einem Kinde im fiinf-
    ten Lebensjahr so sehr Wunder nehmen mußte. Am bedeut-
    samsten war aber gewiß ein drittes Moment, auf dessen Wir-
    kung wir die pathologischen Ergebnisse seines Kampfes ge-
    gen die Religion zurückführen dürfen, Die zum Manne drån-

    gende Strömung, welche von der Religion sublimiert werden
    sollte, war ja nicht mehr frei, sondern zum Teil durch Ver-
    drängung abgesondert und damit der Sublimierung entzogen,
    an ihr urspriingliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft dieses

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 185

    Zusammenhanges strebte der verdrängte Anteil sich den Weg
    zum sublimierten Anteil zu bahnen oder ihn zu sich herab-
    zuziehen. Die ersten Grübeleien, die die Person Christi um-
    spannen, enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn
    auch das im Unbewußten festgehaltene sexuelle Verhältnis
    zum Vater erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrèbens
    hatten keinen anderen Erfolg, als scheinbar blasphemische
    Zwangsgedanken entstehen zu lassen, in denen sich die kor-
    perliche Zärtlichkeit fiir Gott in der Form seiner Erniedrigung
    durchsetzte. Ein heftiger Abwehrkampf gegen diese Kom-
    promiBbildungen mußte dann zur zwanghaften ‚Übertreibung
    aller der Tätigkeiten. führen, in denen die Frömmigkeit, die
    reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten Ausweg fand. End-
    lich hatte die Religion gesiegt, aber ihre triebhafte Fundierung
    erwies sich unvergleichlich stärker als die Haftbarkeit ihrer
    Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen neuen Vater-
    ersatz brachte, dessen Einflu sich gegen die Religion rich-
    tete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes ersetzt. Ge-
    denken wir noch der interessanten Komplikation, daß die
    Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand (Mut-
    ter und Kinderfrau), während männlicher Einfluß die Be-
    freiung von ihr ermöglichte.

    Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der
    sadistisch-analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen, was
    ich an anderer Stelle „über die Disposition zur Zwangs-
    neurose“*) ausgeführt habe. Aber der vorherige Bestand einer
    starken Hysterie macht unseren Fall in dieser Hinsicht un-
    durchsichtiger. Ich will die Übersicht über die Sexualentwick-
    lung unseres Kranken beschließen, indem ich ein kurzes Streif-

    *) Internat. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Band, 1913,
    S. 525 ff. (Diese Sammlung 111.)

  • S.

    136 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    licht auf deren spåtere Wandlungen werfe, Mit den Pubertåts-
    jahren trat bei ibm die normal zu nennende, stark sinnliche,
    männliche Strömung mit dem Sexualziel der Genitalorgani-
    sation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner Spåt-
    erkrankung füllen, Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene an,
    entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfallsweise
    kommender und schwindender Verliebtheit und hatte mit den
    * Hemmungen zu kämpfen, die von den Resten der infantilen
    Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durchbruch zum
    Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit erkämpft;
    dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten, aber er
    wurde des Besitzes. nicht froh, denn eine starke, nun völlig
    unbewuBte Hinneigung zum Manne, die alle Kräfte der früheren
    Phasen in sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom weib-
    lichen Objekt ab und nôtigte ihn, in den Zwischenzeiten die
    Abhängigkeit vom Weib zu übertreiben. Er legte der Kur die
    Klage vor, daB er es beim Weibe nicht aushalten kønne, und
    alle Arbeit richtete sich darauf, sein ihm unbewuftes Ver-
    háltnis zum Manne aufzudecken, Seine Kindheit war, um es
    formelhaft zusammenzufassen, durch das Schwanken zwischen
    Aktivität und Passivitåt ausgezeichnet gewesen, seine Puber-
    tåtszeit durch das Ringen um die Månnlichkeit, und die Zeit
    von seiner Erkrankung an durch den Kampf um das Objekt
    der månnlichen Strebung. Der AnlaB seiner Erkrankung fållt
    nicht unter die „neurotischen Erkrankungstypen*, die ich als
    Spezialfälle der ,, Versagung" zusammenfassen konnte,*) und
    macht so auf eine Lücke in dieser Reihenbildung aufmerk-
    sam. Er brach zusammen, als eine organische Affektion des
    Genitales seine Kastrationsangst aufleben machte, seinem

    NarziBmus Abbruch tat und ihn zwang, die Erwartung einer

    *) Zentralblatt für Psychoanalyse, 11, 6, 1912.

  • S.

    1. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 137

    persönlichen Bevorzugung durch das Schicksal aufzugeben,
    Er erkrankte also an einer narziBtischen ,,Versagung“, Diese
    Überstärke seines Narzißmus stand in vollem Einklang mit
    den anderen Anzeichen einer gehemmten Sexualentwicklung,
    daß seine heterosexuelle Liebeswahl bei aller Energie so
    wenig psychische Strebungen in sich konzentrierte, und 8
    die homosexuelle Einstellung, die dem NarziBmus um so vieles
    näher liegt, sich als unbewuBte Macht bei ihm mit solcher
    Zähigkeit behauptet hatte, Natürlich kann die psychoanaly-
    tische Kur bei solchen Störungen nicht einen . momentanen
    Umschwung und eine Gleichstellung mit einer normalen Ent-
    wicklung herbeiführen, sondern nur die Hindernisse beseitigen
    und die Wege gangbar machen, damit die Einflüsse des Le-
    bens die Entwicklung nach den besseren Richtungen durch-
    setzen können. ⑧

    Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von
    der psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter auf-
    geklärt und dementsprechend auch nicht unmittelbar be-
    einflußt werden konnten, stelle ich zusammen: die bereits be-
    sprochene Zähigkeit der Fixierung, die außerordentliche Aus-
    bildung der Ambivalenzneigung, und als dritten Zug einer
    archaisch zu nennenden Konstitution die Fähigkeit, die ver-
    schiedenartigsten und widersprechendsten libidinösen Beset-
    zungen alle nebeneinander funktionsfähig. zu erhalten. Das
    beståndige Schwanken zwischen denselben, durch welches Er-
    ledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen erschienen,
    beherrschten das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich ja hier
    nur streifen konnte, Ohne allen Zweifel war dies cin Zug
    aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihm in
    die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber er
    zeigte sich nur an den Ergebnissen affektiver Regungen, auf

  • S.

    138 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    rein logischen Gebieten bewies er vielmehr ein besonderes Ge-
    schick in der Aufspürung von Widersprüchen und Unverträg-
    lichkeiten, So empfing man von seinem Seelenleben einen Ein-
    druck, wie ihn die altägyptische Religion macht, die dadurch
    für uns so unvorstellbar wird, daß sie die Entwicklungsstufen
    neben den Endprodukten konserviert, die ältesten Götter und
    Gottesbedeutungen wie die jüngsten fortsetzt, in eine Fläche
    ausbreitet, was in anderen Entwicklungen zu einem Tiefen-
    gebilde wird.

    Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich über diesen
    Krankheitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahlreichen
    Probleme, die er anregt, scheinen mir einer besonderen Her-
    vorhebung würdig. Das erste betrifft die phylogenetisch mit-
    gebrachten Schemata, die wie philosophische „Kategorien“ die
    Unterbringung der Lebenseindrücke besorgen. Ich möchte dic
    Auffassung vertreten, sie seien Niederschläge der menschlichen
    Kulturgeschichte. Der Ödipuskomplex, der die Beziehung des
    Kindes zu den Eltern umfaßt, gehört zu ihnen, ist vielmehr
    das bestgekannte Beispiel dieser Art. Wo die Erlebnisse sich
    dem hereditären Schema nicht fügen, kommt es zu einer Um-
    arbeitung derselben in der Phantasie, deren Werk im ein-
    zelnen zu verfolgen, gewiß nutzbringend wäre, Gerade diese
    Fülle sind geeignet, uns die selbständige Existenz des Schemas
    zu erweisen, Wir können oft bemerken, daß das Schema über
    das individuelle Erleben siegt, so wenn in unserem Falle der
    Vater zum Kastrator und Bedroher der kindlichen Sexualität
    wird, trotz eines sonst negativen Ödipuskomplexes. Eine an-
    dere Wirkung ist es, wenn die Amme an die Stelle der Mut-
    ter tritt oder mit ihr verschmolzen wird. Die Widersprüche
    des Erlebens gegen das Schema scheinen den infantilen Kon-
    flikten reichlichen Stoff zuzuführen.

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 139

    Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist
    aber ungleich bedeutsamer. Wenn man das Verhalten des vier-
    jährigen Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht
    zieht,*) ja wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen
    des 11/,jährigen Kindes beim Erleben dieser Szene denkt, kann
    man die Auffassung schwer von sich weisen, daß eine Art von
    ‚schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vorbereitung
    zum Verständnis, beim Kinde dabei mitwirkt.**) Worin dies
    bestehen mag, entzieht sich jeder Vorstellung; wir haben nur
    die eine ausgezeichnete Analogie mit dem weitgehenden in-
    stinktiven Wissen der Tiere zur Verfügung. E

    Gåbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim
    Menschen, so ware es nicht zu verwundern, wenn er die Vor-
    gånge des Sexuallebens ganz besonders betråfe, wenngleich
    er auf sie keineswegs beschránkt sein kann, Dieses Instinktive
    würe der Kern des Unbewuften, eine primitive Geistestátig-
    keit, die später durch die zu erwerbende Menschheitsvernunft
    entthront und überlagert wird, aber so oft, vielleicht bei allen,
    die Kraft behált, hóhere seelische Vorgánge zu sich herab-
    zuziehen. Die Verdrängung wäre die Rückkehr zu dieser in-
    stinktiven Stufe, und der Mensch würde so mit seiner Fåhig-
    keit zur Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen und durch
    die Móglichkeit der Neurosen die Existenz der früheren in-
    stinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung der frühen
    Kindheitstraumen lige aber darin, daB sie diesem Unbewufiten

    *) Ich darf davon absehen, daß dies Verhalten erst zwei Dezennien
    später in Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wirkungen, die wir von
    der Szene ableiten, haben sich ja in Form von Symptomen, Zwüngen usw.
    bereits in der Kindheit und lange vor der Analyse geäußert. Dabei ist es
    gleichgültig, ob man sie als Urszene oder als Urphantasie gelten lassen will:

    **) Von neuem muß ich betonen, daß diese Überlegungen mübig wären,
    wenn Traum und Neurose nicht der Kindheitszeit selbst angehórten.

  • S.

    140 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehrung durch die
    nachfolgende Entwicklung schützt.

    Ich weiß, daß Ähnliche Gedanken, die das hereditåre,
    phylogenetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen,
    von verschiedenen Seiten ausgesprochen worden sind, ja ich
    meine, daB man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der
    psychoanalytischen Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen
    mir erst zulässig, wenn die Psychoanalyse in Einhaltung des
    korrekten Instanzenzuges auf die Spuren des Ererbten gerät,
    nachdem sie durch die Schichtung des individuell Erworbenen

    hindurchgedrungen ist.