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    SIGM. FREUD

    JENSEITS DES LUSTPRINZIPS

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    BEIHEFTE
    DER
    INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE
    HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD.
    Nr. II.

    JENSEITS
    DES
    LUSTPRINZIPS

    VON
    SIGM. FREUD

    IVP

    1920
    INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G. M. B. H.
    LEIPZIG WIEN ZÜRICH

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    Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in alle Sprachen vorbehalten.
    Copyright by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag Ges. m. b. H.“ 
    Wien, I.

    Druck- und Verlagshaus Karl Prochaska, Teschen.

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    I.

    In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich
    an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das
    Lustprinzip reguliert wird, das heißt, wir glauben, daß er jedes-
    mal durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird und dann eine
    solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer Herab-
    setzung dieser Spannung, also mit einer Vermeidung von Unlust
    oder Erzeugung von Lust zusammenfällt. Wenn wir die von uns
    studierten seelischen Prozesse mit Rücksicht auf diesen Ablauf be-
    trachten, führen wir den ökonomischen Gesichtspunkt in unsere
    Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die neben dem topi-
    schen
    und dem dynamischen Moment noch dies ökono-
    mische
    zu würdigen versuche, sei die vollständigste, die wir
    uns derzeit vorstellen können, und verdiene es, durch den Namen
    einer metapsychologischen hervorgehoben zu werden.

    Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, inwieweit
    wir uns mit der Aufstellung des Lustprinzips einem bestimmten,
    historisch festgelegten, philosophischen System angenähert oder an-
    geschlossen haben. Wir gelangen zu solchen spekulativen An-
    nahmen bei dem Bemühen, von den Tatsachen der täglichen Beob-
    achtung auf unserem Gebiete Beschreibung und Rechenschaft zu
    geben. Priorität und Originalität gehören nicht zu den Zielen, die
    der psychoanalytischen Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke,
    welche der Aufstellung dieses Prinzips zu Grunde liegen, sind so
    augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen. Dagegen
    würden wir uns gerne zur Dankbarkeit gegen eine philosophische
    oder psychologische Theorie bekennen, die uns zu sagen wüßte,
    was die Bedeutungen der für uns so imperativen Lust‑ und Unlustempfindungen

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    sind. Leider wird uns hier nichts Brauchbares ge-
    boten. Es ist das dunkelste und unzugänglichste Gebiet des Seelen-
    lebens, und wenn wir unmöglich vermeiden können, es zu berühren,
    so wird die lockerste Annahme darüber, meine ich, die beste sein.
    Wir haben uns entschlossen, Lust und Unlust mit der Quantität
    der im Seelenleben vorhandenen – und nicht irgendwie gebundenen
    – Erregung in Beziehung zu bringen, solcher Art, daß Unlust
    einer Steigerung, Lust einer Verringerung dieser Quantität ent-
    spricht. Wir denken dabei nicht an ein einfaches Verhältnis zwi-
    schen der Stärke der Empfindungen und den Veränderungen, auf
    die sie bezogen werden; am wenigsten – nach allen Erfahrungen
    der Psychophysiologie – an direkte Proportionalität; wahrschein-
    lich ist das Maß der Verringerung oder Vermehrung in der Zeit
    das für die Empfindung entscheidende Moment. Das Experiment
    fände hier möglicherweise Zutritt, für uns Analytiker ist weiteres
    Eingehen in diese Probleme nicht geraten, solange nicht ganz be-
    stimmte Beobachtungen uns leiten können.

    Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden,
    daß ein so tiefblickender Forscher wie G. Th. Fechner eine Auf-
    fassung von Lust und Unlust vertreten hat, welche im wesentlichen
    mit der zusammenfällt, die uns von der psychoanalytischen Arbeit
    aufgedrängt wird. Die Äußerung Fechners ist in seiner kleinen
    Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs‑ und Entwicklungsgeschichte
    der Organismen, 1873 (Abschnitt XI, Zusatz, p. 94), enthalten und
    lautet wie folgt: „Insofern bewußte Antriebe immer mit Lust oder
    Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder Unlust mit
    Stabilitäts‑ und Instabilitätsverhältnissen in psychophysischer Be-
    ziehung gedacht werden, und es läßt sich hierauf die anderwärts
    von mir näher zu entwickelnde Hypothese begründen, daß jede, die
    Schwelle des Bewußtseins übersteigende psychophysische Bewegung
    nach Maßgabe mit Lust behaftet sei, als sie sich der vollen Sta-
    bilität über eine gewisse Grenze hinaus nähert, mit Unlust nach
    Maßgabe, als sie über eine gewisse Grenze davon abweicht, indes
    zwischen beiden, als qualitative Schwelle der Lust und Unlust zu
    bezeichnenden Grenzen eine gewisse Breite ästhetischer Indifferenz
    besteht, …
    “

    Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft des

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    Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, finden auch ihren Aus-
    druck in der Annahme, daß es ein Bestreben des seelischen Appa-
    rates sei, die in ihm vorhandene Quantität von Erregung möglichst
    niedrig oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist dasselbe, nur
    in andere Fassung gebracht, denn wenn die Arbeit des seelischen
    Apparates dahin geht, die Erregungsquantität niedrig zu halten,
    so muß alles, was dieselbe zu steigern geeignet ist, als funktions-
    widrig, das heißt als unlustvoll empfunden werden. Das Lustprinzip
    leitet sich aus dem Konstanzprinzip ab; in Wirklichkeit wurde
    das Konstanzprinzip aus den Tatsachen erschlossen, die uns die
    Annahme des Lustprinzips aufnötigten. Bei eingehenderer Diskussion
    werden wir auch finden, daß dies von uns angenommene Bestreben
    des seelischen Apparates sich als spezieller Fall dem Fechnerschen
    Prinzip der Tendenz zur Stabilität unterordnet, zu dem er
    die Lust‑Unlustempfindungen in Beziehung gebracht hat.

    Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, von
    einer Herrschaft des Lustprinzips über den Ablauf der seelischen
    Prozesse zu reden. Wenn eine solche bestände, müßte die über-
    große Mehrheit unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet sein oder
    zur Lust führen, während doch die allgemeinste Erfahrung dieser
    Folgerung energisch widerspricht. Es kann also nur so sein, daß
    eine starke Tendenz zum Lustprinzip in der Seele besteht, der
    sich aber gewisse andere Kräfte oder Verhältnisse widersetzen, so
    daß der Endausgang nicht immer der Lusttendenz entsprechen kann.
    Vgl. die Bemerkung Fechners bei ähnlichem Anlasse (ebenda,
    p. 90): „Damit aber, daß die Tendenz zum Ziele noch nicht die
    Erreichung des Zieles bedeutet und das Ziel überhaupt nur in
    Approximationen erreichbar ist, …
    “ Wenn wir uns nun der
    Frage zuwenden, welche Umstände die Durchsetzung des Lust-
    prinzips zu vereiteln vermögen, dann betreten wir wieder sicheren
    und bekannten Boden und können unsere analytischen Erfahrungen
    in reichem Ausmaße zur Beantwortung heranziehen.

    Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips ist
    uns als ein gesetzmäßiger vertraut. Wir wissen, daß das Lust-
    prinzip einer primären Arbeitsweise des seelischen Apparates eignet,
    und daß es für die Selbstbehauptung des Organismus unter den
    Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von Anfang an unbrauchbar, 

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    ja in hohem Grade gefährlich ist. Unter dem Einflusse der
    Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird es vom Realitätsprinzip
    abgelöst, welches ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung auf-
    zugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf
    mancherlei Möglichkeiten einer solchen, und die zeitweilige Dul-
    dung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und
    durchsetzt. Das Lustprinzip bleibt dann noch lange Zeit die Ar-
    beitsweise der schwerer „erziehbaren“ Sexualtriebe, und es kommt
    immer wieder vor, daß es, sei es von diesen letzteren aus, sei es
    im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum Schaden des ganzen Or-
    ganismus überwältigt.

    Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprinzips
    durch das Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht für
    den intensivsten Teil der Unlusterfahrungen verantwortlich ge-
    macht werden kann. Eine andere, nicht weniger gesetzmäßige Quelle
    der Unlustentbindung ergibt sich aus den Konflikten und Spaltungen
    im seelischen Apparat, während das Ich seine Entwicklung zu
    höher zusammengesetzten Organisationen durchmacht. Fast alle
    Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus den mitgebrachten
    Triebregungen, aber diese werden nicht alle zu den gleichen Ent-
    wicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es immer wieder,
    daß einzelne Triebe oder Triebanteile sich in ihren Zielen oder
    Ansprüchen als unverträglich mit den übrigen erweisen, die sich
    zu der umfassenden Einheit des Ichs zusammenschließen können.
    Sie werden dann von dieser Einheit durch den Prozeß der Verdrän-
    gung abgespalten, auf niedrigeren Stufen der psychischen Entwick-
    lung zurückgehalten und zunächst von der Möglichkeit einer Be-
    friedigung abgeschnitten. Gelingt es ihnen dann, was bei den ver-
    drängten Sexualtrieben so leicht geschieht, sich auf Umwegen zu
    einer direkten oder Ersatzbefriedigung durchzuringen, so wird dieser
    Erfolg, der sonst eine Lustmöglichkeit gewesen wäre, vom Ich als
    Unlust empfunden. Infolge des alten, in die Verdrängung auslau-
    fenden Konfliktes hat das Lustprinzip einen neuerlichen Durch-
    bruch erfahren, gerade während gewisse Triebe am Werke waren,
    in Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen. Die Einzel-
    heiten des Vorganges, durch welchen die Verdrängung eine Lust-
    möglichkeit in eine Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut

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    verstanden oder nicht klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neu-
    rotische Unlust von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche
    empfunden werden kann.

    Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken noch
    lange nicht die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber vom Rest
    wird man mit einem Anschein von gutem Recht behaupten, daß
    sein Vorhandensein der Herrschaft des Lustprinzips nicht wider-
    spricht. Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja Wahrnehmungs-
    unlust, entweder Wahrnehmung des Drängens unbefriedigter Triebe
    oder äußere Wahrnehmung, sei es, daß diese an sich peinlich ist,
    oder daß sie unlustvolle Erwartungen im seelischen Apparat er-
    regt, von ihm als „Gefahr“ erkannt wird. Die Reaktion auf diese
    Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in der sich die eigentliche
    Tätigkeit des seelischen Apparates äußert, kann dann in korrekter
    Weise vom Lustprinzip oder dem es modifizierenden Realitätsprinzip
    geleitet werden. Somit scheint es nicht notwendig, eine weitergehende
    Einschränkung des Lustprinzips anzuerkennen, und doch kann ge-
    rade die Untersuchung der seelischen Reaktion auf die äußerliche
    Gefahr neuen Stoff und neue Fragestellungen zu dem hier behan-
    delten Problem liefern.

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    II.

    Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusam-
    menstößen und anderen, mit Lebensgefahr verbundenen Unfällen
    ist seit langem ein Zustand beschrieben worden, dem dann der
    Name „traumatische Neurose“ verblieben ist. Der schreckliche, eben
    jetzt abgelaufene Krieg hat eine große Anzahl solcher Erkrankungen
    entstehen lassen und wenigstens der Versuchung ein Ende gesetzt,
    sie auf organische Schädigung des Nervensystems durch Einwirkung
    mechanischer Gewalt zurückzuführen1). Das Zustandsbild der trau-
    matischen Neurose nähert sich der Hysterie durch seinen Reichtum
    an ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft diese aber in der
    Regel durch die stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven Leidens,
    etwa wie bei einer Hypochondrie oder Melancholie, und durch die
    Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen Schwächung und Zer-
    rüttung der seelischen Leistungen. Ein Verständnis ist bisher weder
    für die Kriegsneurosen noch für die traumatischen Neurosen des
    Friedens erzielt worden. Bei den Kriegsneurosen wirkte es einer-
    seits aufklärend, aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe Krank-
    heitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben mechanischen Ge-
    walt zu stande kommen konnte; an der gemeinen traumatischen Neu-
    rose heben sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung an-
    knüpfen konnte, erstens daß das Hauptgewicht der Verursachung
    auf das Moment der Überraschung, auf den Schreck, zu fallen
    schien, und zweitens, daß eine gleichzeitig erlittene Verletzung oder
    Wunde zumeist der Entstehung der Neurose entgegenwirkte. Schreck,
    Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Ausdrücke gebraucht; 

    1) Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen, mit Beiträgen von Fe-
    renczi
    , Abraham, Simmel und E. Jones. Band I der Internat. Psycho-
    analytischen Bibliothek, 1919.

  • S.

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    sie lassen sich in ihrer Beziehung zur Gefahr gut aus-
    einanderhalten. Angst bezeichnet einen gewissen Zustand wie Er-
    wartung der Gefahr und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch
    eine unbekannte sein; Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, vor
    dem man sich fürchtet; Schreck aber benennt den Zustand, in den
    man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne auf sie vorbereitet
    zu sein, betont das Moment der Überraschung. Ich glaube nicht,
    daß die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann, an der
    Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also auch gegen die
    Schreckneurose schützt. Wir werden auf diesen Satz später zurück-
    kommen.

    Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten
    Weg zur Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten.
    Nun zeigt das Traumleben der traumatischen Neurose den Cha-
    rakter, daß es den Kranken immer wieder in die Situation seines
    Unfalles zurückführt, aus der er mit neuem Schreck erwacht. Dar-
    über verwundert man sich viel zu wenig. Man meint, es sei eben
    ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, den das traumatische
    Erlebnis gemacht hat, daß es sich dem Kranken, sogar im Schlaf
    immer wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma sozusagen
    psychisch fixiert. Solche Fixierungen an das Erlebnis, welches die
    Erkrankung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei der Hysterie
    bekannt. Breuer und Freud äußerten 1893: die Hysterischen
    leiden großenteils an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegsneurosen
    haben Beobachter, wie Ferenczi und Simmel, manche moto-
    rische Symptome durch Fixierung an den Moment des Traumas er-
    klären können.

    Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neu-
    rose Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinnerung an
    ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht
    an ihn zu denken. Wenn man es als selbstverständlich hinnimmt,
    daß der nächtliche Traum sie wieder in die krankmachende Situation
    versetzt, so verkennt man die Natur des Traumes. Dieser würde
    es eher entsprechen, dem Kranken Bilder aus der Zeit der Gesund-
    heit oder der erhofften Genesung vorzuführen. Sollen wir durch
    die Träume der Unfallsneurotiker nicht an der wunscherfüllenden
    Tendenz des Traumes irre werden, so bleibt uns etwa noch die

  • S.

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    Auskunft, bei diesem Zustand sei wie so vieles andere auch die
    Traumfunktion erschüttert und von ihren Absichten abgelenkt
    worden.

    Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere Thema
    der traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des
    seelischen Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen Be-
    tätigungen zu studieren. Ich meine das Kinderspiel.

    Die verschiedenen Theorien des Kinderspieles sind erst kürz-
    lich von S. Pfeifer in der „Imago“ (V/4) zusammengestellt und
    analytisch gewürdigt worden; ich kann hier auf diese Arbeit ver-
    weisen. Diese Theorien bemühen sich, die Motive des Spielens der
    Kinder zu erraten, ohne daß dabei der ökonomische Gesichtspunkt,
    die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund gerückt würde.
    Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu wollen,
    eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbst-
    geschaffene Spiel eines Knaben im Alter von 1½ Jahren aufzu-
    klären. Es war mehr als eine flüchtige Beobachtung, denn ich
    lebte durch einige Wochen mit dem Kinde und dessen Eltern unter
    einem Dach, und es dauerte ziemlich lange, bis das rätselhafte
    und andauernd wiederholte Tun mir seinen Sinn verriet.

    Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keines-
    wegs voreilig, es sprach mit 1½ Jahren erst wenige verständliche
    Worte und verfügte außerdem über mehrere bedeutungsvolle Laute,
    die von der Umgebung verstanden wurden. Aber es war in gutem
    Rapport mit den Eltern und dem einzigen Dienstmädchen und wurde
    wegen seines „anständigen“ Charakters gelobt. Es störte die Eltern
    nicht zur Nachtzeit, befolgte gewissenhaft die Verbote, manche Ge-
    genstände zu berühren und in gewisse Räume zu gehen, und vor
    allem anderen, es weinte nie, wenn die Mutter es für Stunden ver-
    ließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich anhing, die das Kind nicht
    nur selbst genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe ge-
    pflegt und betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die ge-
    legentlich störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es
    habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein
    Bett usw. zu schleudern, so daß das Zusammensuchen seines Spiel-
    zeugs oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit dem
    Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes

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    o‑o‑o‑o hervor, das nach dem übereinstimmenden Urteil der
    Mutter und des Beobachters keine Interjektion war, sondern „Fort“
    bedeutete. Ich merkte endlich, daß das ein Spiel sei, und daß das
    Kind alle seine Spielsachen nur dazu benütze, mit ihnen „fortsein“
    zu spielen. Eines Tages machte ich dann die Beobachtung, die meine
    Auffassung bestätigte. Das Kind hatte eine Holzspule, die mit
    einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z. B. am
    Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen,
    sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit großem Geschick
    über den Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin ver-
    schwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o‑o‑o‑o und zog dann
    die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte aber
    deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen „Da“. Das war also
    das komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man
    zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde
    für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, obwohl die größere
    Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing1).

    Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammen-
    hang mit der großen kulturellen Leistung des Kindes, mit dem
    von ihm zu stande gebrachten Triebverzicht (Verzicht auf Trieb-
    befriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne Sträuben zu gestatten.
    Es entschädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe Verschwin-
    den und Wiederkommen mit den ihm erreichbaren Gegenständen
    selbst in Szene setzte. Für die affektive Einschätzung dieses Spieles
    ist es natürlich gleichgültig, ob das Kind es selbst erfunden oder
    sich infolge einer Anregung zu eigen gemacht hatte. Unser Inter-
    esse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. Das Fortgehen
    der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur
    gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also zum Lustprinzip,
    daß es dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man
    wird vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte als Vorbedingung 

    1) Diese Deutung wurde dann durch eine weitere Beobachtung völlig ge-
    sichert. Als eines Tages die Mutter über viele Stunden abwesend gewesen war,
    wurde sie beim Wiederkommen mit der Mitteilung begrüßt: Bebi o‑o‑o‑o!,
    die zunächst unverständlich blieb. Es ergab sich aber bald, daß das Kind
    während dieses langen Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, sich selbst ver-
    schwinden zu lassen. Es hatte sein Bild in dem fast bis zum Boden reichenden
    Standspiegel entdeckt und sich dann niedergekauert, so daß das Spiegelbild
    „fort“ war.

  • S.

    14

    des erfreulichen Wiedererscheinens gespielt werden, im
    letzteren sei die eigentliche Spielabsicht gelegen. Dem würde die
    Beobachtung widersprechen, daß der erste Akt, das Fortgehen, für
    sich allein als Spiel inszeniert wurde, und zwar ungleich häufiger
    als das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze.

    Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine sichere
    Entscheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt man den Ein-
    druck, daß das Kind das Erlebnis aus einem anderen Motiv zum
    Spiel gemacht hat. Es war dabei passiv, wurde vom Erlebnis be-
    troffen und bringt sich nun in eine aktive Rolle, indem es dasselbe,
    trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wiederholt. Dieses Bestreben
    könnte man einem Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon
    unabhängig macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll war oder
    nicht. Man kann aber auch eine andere Deutung versuchen. Das
    Wegwerfen des Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte die Befrie-
    digung eines im Leben unterdrückten Racheimpulses gegen die
    Mutter sein, weil sie vom Kinde fortgegangen ist, und dann die
    trotzige Bedeutung haben: Ja, geh nur fort, ich brauch’ dich nicht,
    ich schick’ dich selber weg. Dasselbe Kind, das ich mit 1½ Jahren
    bei seinem ersten Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein
    Spielzeug, über das es sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen
    und dabei zu sagen: Geh in K(r)ieg! Man hatte ihm damals er-
    zählt, der abwesende Vater befinde sich im Krieg, und es ver-
    mißte den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten Anzeichen
    von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden
    wolle1). Wir wissen auch von anderen Kindern, daß sie ähnliche
    feindselige Regungen durch das Wegschleudern von Gegenständen
    an Stelle der Personen auszudrücken vermögen2). Man gerät so
    in Zweifel, ob der Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu ver-
    arbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich primär und unab-
    hängig vom Lustprinzip äußern kann. Im hier diskutierten Falle
    könnte er einen unangenehmen Eindruck doch nur darum im Spiel

    1) Als das Kind 5¾ Jahre alt war, starb die Mutter. Jetzt, da sie wirk-
    lich „fort“ (o‑o‑o) war, zeigte der Knabe keine Trauer um sie. Allerdings
    war inzwischen ein zweites Kind geboren worden, das seine stärkste Eifersucht
    erweckt hatte.

    2) Vgl. Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit“. Imago
    V/4, Sammlg. kl. Schr. zur Neurosenlehre, IV. Folge.

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    wiederholen, weil mit dieser Wiederholung ein andersartiger, aber
    direkter Lustgewinn verbunden ist.

    Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft diesem
    unserem Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man
    sieht, daß die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im
    Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die Stärke des
    Eindruckes abreagieren und sich sozusagen zu Herren der Situation
    machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all ihr Spielen
    unter dem Einflusse des Wunsches steht, der diese ihre Zeit dominiert,
    des Wunsches: groß zu sein und so tun zu können wie die Großen.
    Man macht auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter des
    Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn
    der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder eine kleine Ope-
    ration an ihm ausgeführt hat, so wird dies erschreckende Erlebnis
    ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden, aber der Lust-
    gewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das
    Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spielens
    übergeht, fügt es einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das
    ihm selbst widerfahren war, und rächt sich so an der Person
    dieses Stellvertreters.

    Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die An-
    nahme eines besonderen Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens
    überflüssig ist. Schließen wir noch die Mahnungen an, daß das
    künstlerische Spielen und Nachahmen der Erwachsenen, das zum
    Unterschied vom Verhalten des Kindes auf die Personen des Zu-
    schauers zielt, diesem die schmerzlichsten Eindrücke z. B. in der
    Tragödie nicht erspart, und doch von ihm als hoher Genuß empfun-
    den werden kann. Wir werden so davon überzeugt, daß es auch
    unter der Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug
    gibt, um das an sich Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung
    und seelischen Bearbeitung zu machen. Mag sich mit diesen, in
    endlichen Lustgewinn auslaufenden Fällen und Situationen eine
    ökonomisch gerichtete Ästhetik befassen; für unsere Absichten leisten
    sie nichts, denn sie setzen Existenz und Herrschaft des Lustprinzips
    voraus und zeugen nicht für die Wirksamkeit von Tendenzen jen-
    seits des Lustprinzips, das heißt solcher, die ursprünglicher als
    dies und von ihm unabhängig wären.

  • S.

    16

    III.

    Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich
    gebracht, daß die nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik
    heute ganz andere sind als zu Anfang. Zuerst konnte der ana-
    lysierende Arzt nichts anderes anstreben, als das dem Kranken ver-
    borgene Unbewußte zu erraten, zusammenzusetzen und zur rechten
    Zeit mitzuteilen. Die Psychoanalyse war vor allem eine Deutungs-
    kunst. Da die therapeutische Aufgabe dadurch nicht gelöst war,
    trat sofort die nächste Absicht auf, den Kranken zur Bestätigung
    der Konstruktion durch seine eigene Erinnerung zu nötigen. Bei
    diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die Widerstände des
    Kranken; die Kunst war jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem
    Kranken zu zeigen und ihn durch menschliche Beeinflussung (hier
    die Stelle für die als „Übertragung“ wirkende Suggestion) zum
    Aufgeben der Widerstände zu bewegen.

    Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte Ziel,
    die Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem Wege nicht
    voll erreichbar ist. Der Kranke kann von dem in ihm Verdrängten
    nicht alles erinnern, vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und
    erwirbt so keine Überzeugung von der Richtigkeit der ihm mit-
    geteilten Konstruktion. Er ist vielmehr genötigt, das Verdrängte
    als gegenwärtiges Erlebnis zu wiederholen, anstatt es, wie
    der Arzt es lieber sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu er-
    innern
    . Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduktion
    hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also des Ödipus-
    komplexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt und spielt sich regel-
    mäßig auf dem Gebiete der Übertragung, das heißt der Beziehung
    zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung so weit gebracht,
    so kann man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine frische

  • S.

    17

    Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht, den Be-
    reich dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschränken, mög-
    lichst viel in die Erinnerung zu drängen und möglichst wenig zur
    Wiederholung zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen Er-
    innerung und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein an-
    deres. In der Regel kann der Arzt dem Analysierten diese Phase
    der Kur nicht ersparen; er muß ihn ein gewisses Stück seines ver-
    gessenen Lebens wiedererleben lassen, und hat dafür zu sorgen,
    daß ein Maß von Überlegenheit erhalten bleibt, kraft dessen die
    anscheinende Realität doch immer wieder als Spiegelung einer ver-
    gessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so ist die
    Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige therapeutische
    Erfolg gewonnen.

    Um diesen „Wiederholungszwang“, der sich während
    der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker äußert, begreif-
    licher zu finden, muß man sich vor allem von dem Irrtum frei
    machen, man habe es bei der Bekämpfung der Widerstände mit
    dem Widerstand des Unbewußten zu tun. Das Unbewußte, das heißt
    das „Verdrängte“, leistet den Bemühungen der Kur überhaupt
    keinen Widerstand, es strebt ja selbst nichts anderes an, als gegen
    den auf ihm lastenden Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr
    durch die reale Tat durchzudringen. Der Widerstand in der Kur
    geht von denselben höheren Schichten und Systemen des Seelen-
    lebens aus, die seinerzeit die Verdrängung durchgeführt haben. Da
    aber die Motive der Widerstände, ja diese selbst erfahrungsmäßig
    in der Kur zunächst unbewußt sind, werden wir gemahnt, eine
    Unzweckmäßigkeit unserer Ausdrucksweise zu verbessern. Wir ent-
    gehen der Unklarheit, wenn wir nicht das Bewußte und das Un-
    bewußte, sondern das zusammenhängende Ich und das Verdrängte 
    in Gegensatz zueinander bringen. Vieles am Ich mag selbst unbe-
    wußt sein; wahrscheinlich nur einen Teil davon decken wir mit
    dem Namen des Vorbewußten. Nach dieser Ersetzung einer
    bloß deskriptiven Ausdrucksweise durch eine systematische oder
    dynamische können wir sagen, der Widerstand der Analysierten
    gehe von ihrem Ich aus, und dann erfassen wir sofort, der Wie-
    derholungszwang ist dem unbewußten Verdrängten zuzuschreiben.
    Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis die

  • S.

    18

    entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert
    hatte.

    Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und
    vorbewußten Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja
    die Unlust ersparen, die durch das Freiwerden des Verdrängten
    erregt würde, und unsere Bemühung geht dahin, solcher Unlust
    unter Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken.
    In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber der Wieder-
    holungszwang, die Kraftäußerung des Verdrängten? Es ist klar,
    daß das Meiste, was der Wiederholungszwang wiedererleben läßt,
    dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja Leistungen ver-
    drängter Triebregungen zu Tage, aber das ist Unlust, die wir schon
    gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, Unlust
    für das eine System und gleichzeitig Befriedigung für das andere.
    Die neue und merkwürdige Tatsache aber, die wir jetzt zu be-
    schreiben haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch solche Er-
    lebnisse der Vergangenheit wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit
    enthalten, die auch damals nicht Befriedigungen, selbst nicht von
    seither verdrängten Triebregungen, gewesen sein können.

    Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der Un-
    verträglichkeit ihrer Wünsche mit der Realität und der Unzuläng-
    lichkeit der kindlichen Entwicklungsstufe zum Untergang bestimmt.
    Sie ging bei den peinlichsten Anlässen unter tief schmerzlichen
    Empfindungen zu Grunde. Der Liebesverlust und das Mißlingen
    hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung des Selbstgefühls als
    narzißtische Narbe, nach meinen Erfahrungen wie nach den Aus-
    führungen Marcinowskis1) den stärksten Beitrag zu dem häu-
    figen „Minderwertigkeitsgefühl“ der Neurotiker. Die Sexualfor-
    schung, der durch die körperliche Entwicklung des Kindes Schranken
    gesetzt waren, brachte es zu keinem befriedigenden Abschluß; da-
    her die spätere Klage: Ich kann nichts fertig bringen, mir kann
    nichts gelingen. Die zärtliche Bindung, meist an den gegengeschlecht-
    lichen Elternteil, erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten
    auf Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kin-
    des, die unzweideutig die Untreue des oder der Geliebten erwies;

    1) Marcinowski, Die erotischen Quellen der Minderwertigkeitsgefühle.
    Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV., 1918.

  • S.

    19

    der eigene mit tragischem Ernst unternommene Versuch, selbst ein
    solches Kind zu schaffen, mißlang in beschämender Weise; die Ab-
    nahme der dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte
    Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine gelegentliche Be-
    strafung hatten endlich den ganzen Umfang der ihm zugefallenen
    Verschmähung enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen,
    die regelmäßig wiederkehren, wie der typischen Liebe dieser Kinder-
    zeit ein Ende gesetzt wird.

    Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affekt-
    lagen werden nun vom Neurotiker in der Übertragung wiederholt
    und mit großem Geschick neu belebt. Sie streben den Abbruch
    der unvollendeten Kur an, sie wissen sich den Eindruck der Ver-
    schmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu harten Worten und
    kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie finden die geeigneten
    Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß begehrte Kind
    der Urzeit durch den Vorsatz oder das Versprechen eines großen
    Geschenks, das meist ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von
    alledem konnte damals lustbringend sein; man sollte meinen, es
    müßte heute die geringere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung
    auftauchte, als wenn es sich zum neuen Erlebnis gestaltete. Aber
    ein Zwang drängt zum letzteren.

    Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphäno-
    menen der Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht
    neurotischer Personen wiederfinden. Es macht bei diesen den Ein-
    druck eines sie verfolgenden Schicksals, eines dämonischen Zuges
    in ihrem Erleben, und die Psychoanalyse hat von Anfang an sol-
    ches Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet und durch früh-
    infantile Einflüsse determiniert gehalten. Der Zwang, der sich da-
    bei äußert, ist vom Wiederholungszwang der Neurotiker nicht ver-
    schieden, wenngleich diese Personen niemals die Zeichen eines durch
    Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts geboten haben.
    So kennt man Personen, bei denen jede menschliche Beziehung den
    gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die von jedem ihrer Schütz-
    linge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden
    sie sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, alle Bitter-
    keit des Undanks auszukosten; Männer, bei denen jede Freund-
    schaft den Ausgang nimmt, daß der Freund sie verrät; andere,

  • S.

    20

    die es unbestimmt oft in ihrem Leben wiederholen, eine andere
    Person zur großen Autorität für sich oder auch für die Öffent-
    lichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach abgemessener
    Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen; Liebende,
    bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe dieselben Phasen
    durchmacht und zum gleichen Ende führt usw. Wir verwundern
    uns über diese „ewige Wiederkehr des Gleichen“ nur wenig, wenn
    es sich um ein aktives Verhalten des Betreffenden handelt, und
    wenn wir den sich gleichbleibenden Charakterzug seines Wesens
    auffinden, der sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse
    äußern muß. Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen
    die Person etwas passiv zu erleben scheint, worauf ihr ein Einfluß
    nicht zusteht, während sie doch immer nur die Wiederholung des-
    selben Schicksals erlebt. Man denke z. B. an die Geschichte jener
    Frau, die dreimal nacheinander Männer heiratete, die nach kurzer
    Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden mußten1).
    Die ergreifendste poetische Darstellung eines solchen Schicksalszuges
    hat Tasso im romantischen Epos „Gerusalemme liberata“ gegeben.
    Held Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda ge-
    tötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters mit ihm
    kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den unheimlichen
    Zauberwald ein, der das Heer der Kreuzfahrer schreckt. Dort zer-
    haut er einen hohen Baum mit seinem Schwerte, aber aus der
    Wunde des Baumes strömt Blut, und die Stimme Clorindas, deren
    Seele in diesen Baum gebannt war, klagt ihn an, daß er wiederum
    die Geliebte geschädigt habe.

    Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der
    Übertragung und aus dem Schicksal der Menschen werden wir den
    Mut zur Annahme finden, daß es im Seelenleben wirklich einen
    Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaus-
    setzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein, die Träume der Unfalls-
    neurotiker und den Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang
    zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen, daß wir die Wir-
    kungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen Fällen rein,

    1) Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz von C. G.
    Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. Jahrbuch
    für Psychoanalyse, I, 1909.

  • S.

    21

    ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können. Beim Kinderspiel
    haben wir bereits hervorgehoben, welche andere Deutungen seine
    Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und direkte lustvolle Trieb-
    befriedigung scheinen sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu ver-
    schränken. Die Phänomene der Übertragung stehen offenkundig im
    Dienste des Widerstandes von seiten des auf der Verdrängung be-
    harrenden Ichs; der Wiederholungszwang wird gleichsam von dem
    Ich, das am Lustprinzip festhalten will, zur Hilfe gerufen. An
    dem, was man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns
    vieles durch rationelle Erwägung verständlich, so daß man ein
    Bedürfnis nach der Aufstellung eines neuen geheimnisvollen Motivs
    nicht verspürt. Am unverdächtigsten ist vielleicht der Fall der
    Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung muß man doch zuge-
    stehen, daß auch in den anderen Beispielen der Sachverhalt durch
    die Leistung der uns bekannten Motive nicht gedeckt wird. Es
    bleibt genug übrig, was die Annahme des Wiederholungszwanges
    rechtfertigt, und dieser erscheint uns ursprünglicher, elementarer,
    triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip. Wenn
    es aber einen solchen Wiederholungszwang im Seelischen gibt, so
    möchten wir gerne etwas darüber wissen, welcher Funktion er
    entspricht, unter welchen Bedingungen er hervortreten kann, und
    in welcher Beziehung er zum Lustprinzip steht, dem wir doch
    bisher die Herrschaft über den Ablauf der Erregungsvorgänge im
    Seelenleben zugetraut haben.

  • S.

    22

    IV.

    Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekulation,
    die ein jeder nach seiner besonderen Einstellung würdigen oder ver-
    nachlässigen wird. Im weiteren ein Versuch zur konsequenten Aus-
    beutung einer Idee, aus Neugierde, wohin dies führen wird.

    Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der
    Untersuchung unbewußter Vorgänge empfangenen Eindruck an, daß
    das Bewußtsein nicht der allgemeinste Charakter der seelischen
    Vorgänge, sondern nur eine besondere Funktion derselben sein könne.
    In metapsychologischer Ausdrucksweise behauptet sie, das Bewußt-
    sein sei die Leistung eines besonderen Systems, das sie Bw. benennt.
    Da das Bewußtsein im wesentlichen Wahrnehmungen von Er-
    regungen liefert, die aus der Außenwelt kommen und Empfindungen
    von Lust und Unlust, die nur aus dem Inneren des seelischen Appa-
    rates stammen können, kann dem System W‑Bw. eine räumliche
    Stellung zugewiesen werden. Es muß an der Grenze von außen
    und innen liegen, der Außenwelt zugekehrt sein und die anderen
    psychischen Systeme umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit
    diesen Annahmen nichts Neues gewagt, sondern uns der lokalisie-
    renden Hirnanatomie angeschlossen haben, welche den „Sitz“ des
    Bewußtseins in die Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende Schicht
    des Zentralorgans verlegt. Die Hirnanatomie braucht sich keine
    Gedanken darüber zu machen, warum – anatomisch gesprochen –
    das Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns untergebracht
    ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo im innersten Innern desselben
    zu hausen. Vielleicht bringen wir es in der Ableitung einer solchen
    Lage für unser System W‑Bw. weiter.

    Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die wir
    den Vorgängen in diesem System zuschreiben. Wir stützen uns
    auf die Eindrücke unserer psychoanalytischen Erfahrung, wenn

  • S.

    23

    wir annehmen, daß alle Erregungsvorgänge in den anderen Syste-
    men Dauerspuren als Grundlage des Gedächtnisses in diesen hinter-
    lassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem Bewußtwerden
    zu tun haben. Sie sind oft am stärksten und haltbarsten, wenn
    der sie zurücklassende Vorgang niemals zum Bewußtsein gekommen
    ist. Wir finden es aber beschwerlich zu glauben, daß solche Dauer-
    spuren der Erregung auch im System W‑Bw. zu stande kommen.
    Sie würden die Eignung des Systems zur Aufnahme neuer Erre-
    gungen sehr bald einschränken1), wenn sie immer bewußt blieben;
    im anderen Falle, wenn sie unbewußt würden, stellten sie uns
    vor die Aufgabe, die Existenz unbewußter Vorgänge in einem
    System zu erklären, dessen Funktionieren sonst vom Phänomen des
    Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen durch unsere
    Annahme, welche das Bewußtwerden in ein besonderes System ver-
    weist, nichts verändert und nichts gewonnen. Wenn dies auch keine
    absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann sie uns doch
    zur Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden und Hinterlassung einer
    Gedächtnisspur für dasselbe System miteinander unverträglich sind.
    Wir würden so sagen können, im System Bw. werde der Erregungs-
    vorgang bewußt, hinterlasse aber keine Dauerspur; alle die Spuren
    desselben, auf welche sich die Erinnerung stützt, kämen bei der
    Fortpflanzung der Erregung auf die nächsten inneren Systeme in
    diesen zu stande. In diesem Sinne ist auch das Schema entworfen,
    welches ich dem spekulativen Abschnitt meiner „Traumdeutung“
    1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus an-
    deren Quellen über die Entstehung des Bewußtsein wissen, wird
    man dem Satze, das Bewußtsein entstehe an Stelle der
    Erinnerungsspur
    , wenigstens die Bedeutung einer irgendwie
    bestimmten Behauptung einräumen müssen.

    Das System Bw. wäre also durch die Besonderheit ausgezeichnet,
    daß der Erregungsvorgang in ihm nicht wie in allen anderen psy-
    chischen Systemen eine dauernde Veränderung seiner Elemente hin-
    terläßt, sondern gleichsam im Phänomen des Bewußtwerdens ver-
    pufft. Eine solche Abweichung von der allgemeinen Regel fordert
    eine Erklärung durch ein Moment, welches ausschließlich bei diesem

    1) Dies durchaus nach J. Breuers Auseinandersetzung im theoretischen
    Abschnitt der „Studien über Hysterie“, 1895.

  • S.

    24

    einen System in Betracht kommt, und dies den anderen Systemen
    abzusprechende Moment könnte leicht die exponierte Lage des
    Systems Bw. sein, sein unmittelbares Anstoßen an die Außenwelt.

    Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größtmög-
    lichen Vereinfachung als undifferenziertes Bläschen reizbarer Sub-
    stanz vor; dann ist seine, der Außenwelt zugekehrte Oberfläche
    durch ihre Lage selbst differenziert und dient als reizaufnehmendes
    Organ. Die Embryologie als Wiederholung der Entwicklungs-
    geschichte zeigt auch wirklich, daß das Zentralnervensystem aus
    dem Ektoderm hervorgeht, und die graue Hirnrinde ist noch immer
    ein Abkömmling der primitiven Oberfläche und könnte wesentliche
    Eigenschaften derselben durch Erbschaft übernommen haben. Es
    wäre dann leicht denkbar, daß durch den unausgesetzten Anprall
    der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens dessen Substanz
    bis in eine gewisse Tiefe dauernd verändert wird, so daß ihr Er-
    regungsvorgang anders abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete
    sich so eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so durch-
    gebrannt ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigsten Verhältnisse
    entgegenbringt und einer weiteren Modifikation nicht fähig ist.
    Auf das System Bw. übertragen würde dies meinen, daß dessen
    Elemente keine Dauerveränderung beim Durchgang der Erregung
    mehr annehmen können, weil sie bereits aufs äußerste im Sinne
    dieser Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie aber befähigt, das
    Bewußtsein entstehen zu lassen. Worin diese Modifikation der Sub-
    stanz und des Erregungsvorgangs in ihr besteht, darüber kann
    man sich mancherlei Vorstellungen machen, die sich der Prüfung
    derzeit entziehen. Man kann annehmen, die Erregung habe bei
    ihrem Fortgang von einem Element zum anderen einen Widerstand
    zu überwinden und diese Verringerung des Widerstandes setze eben
    die Dauerspur der Erregung (Bahnung); im System Bw. bestünde
    also ein solcher Übergangswiderstand von einem Element zum an-
    deren nicht mehr. Man kann mit dieser Vorstellung die Breuer-
    sche Unterscheidung von ruhender (gebundener) und frei beweg-
    licher Besetzungsenergie in den Elementen der psychischen Systeme
    zusammenbringen1); die Elemente des Systems Bw. würden dann

    1) Studien über Hysterie von J. Breuer und S. Freud, 3. unveränderte
    Auflage, 1917.

  • S.

    25

    keine gebundene und nur frei abfuhrfähige Energie führen. Aber
    ich meine, vorläufig ist es besser, wenn man sich über diese Ver-
    hältnisse möglichst unbestimmt äußert. Immerhin hätten wir durch
    diese Spekulationen die Entstehung des Bewußtseins in einen ge-
    wissen Zusammenhang mit der Lage des Systems Bw. und dem
    ihm zuzuschreibenden Besonderheiten des Erregungsvorganges ver-
    flochten.

    An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden
    Rindenschichte haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses Stück-
    chen lebender Substanz schwebt inmitten einer mit den stärksten
    Energien geladenen Außenwelt und würde von den Reizwirkungen
    derselben erschlagen werden, wenn es nicht mit einem Reizschutz
    versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, daß seine äußerste Ober-
    fläche die dem Lebenden zukommende Struktur aufgibt, gewisser-
    maßen anorganisch wird und nun als eine besondere Hülle oder
    Membran reizabhaltend wirkt, das heißt veranlaßt, daß die Energien
    der Außenwelt sich nur mit einem Bruchteil ihrer Intensität auf
    die nächsten lebend gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese
    können nun hinter dem Reizschutz sich der Aufnahme der durch-
    gelassenen Reizmengen widmen. Die Außenschicht hat aber durch
    ihr Absterben alle tieferen vor dem gleichen Schicksal bewahrt,
    wenigstens so lange, bis nicht Reize von solcher Stärke heran-
    kommen, daß sie den Reizschutz durchbrechen. Für den lebenden
    Organismus ist der Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als
    die Reizaufnahme; er ist mit einem eigenen Energievorrat aus-
    gestattet, und muß vor allem bestrebt sein, die besonderen Formen
    der Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor dem gleichmachenden,
    also zerstörenden Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden
    Energien zu bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem der Ab-
    sicht, Richtung und Art der äußeren Reize zu erfahren, und dazu
    muß es genügen, der Außenwelt kleine Proben zu entnehmen, sie
    in geringen Quantitäten zu verkosten. Bei den hochentwickelten
    Organismen hat sich die reizaufnehmende Rindenschicht des ein-
    stigen Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern zurückgezogen,
    aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche unmittelbar unter
    dem allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind die Sinnes-
    organe, die im wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahme spezifischer 

  • S.

    26

    Reizeinwirkungen enthalten, aber außerdem besondere Vor-
    richtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße Reizmengen und
    zur Abhaltung unangemessener Reizarten. Es ist für sie charak-
    teristisch, daß sie nur sehr geringe Quantitäten des äußeren Reizes
    verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben der Außenwelt vor, viel-
    leicht darf man sie Fühlern vergleichen, die sich an die Außen-
    welt herantasten und dann immer wieder von ihr zurückziehen.

    Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu be-
    rühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen würde. Der
    Kantsche Satz, daß Zeit und Raum notwendige Formen unseres
    Denkens sind, kann heute infolge gewisser psychoanalytischer Er-
    kenntnisse einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben erfahren,
    daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich „zeitlos“ sind. Das
    heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die
    Zeit nichts an ihnen verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht
    an sie heranbringen kann. Es sind dies negative Charaktere, die
    man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen
    Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung
    scheint vielmehr durchaus von der Arbeitsweise des Systems W‑Bw.
    hergeholt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu ent-
    sprechen. Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer
    Weg des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, daß diese
    Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber auf solche An-
    deutungen beschränken.

    Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen mit
    einem Reizschutz gegen die Außenwelt ausgestattet ist. Vorhin
    hatten wir festgelegt, daß die nächste Rindenschicht desselben als
    Organ zur Reizaufnahme von außen differenziert sein muß. Diese
    empfindliche Rindenschicht, das spätere System Bw., empfängt aber
    auch Erregungen von innen her; die Stellung des Systems zwischen
    außen und innen, und die Verschiedenheit der Bedingungen für
    die Einwirkung von der einen und der anderen Seite werden maß-
    gebend für die Leistung des Systems und des ganzen seelischen
    Apparats. Gegen außen gibt es einen Reizschutz, die ankommen-
    den Erregungsgrößen werden nur in verkleinertem Maßstab wirken;
    nach innen zu ist ein Reizschutz unmöglich, die Erregungen der
    tieferen Schichten setzen sich direkt und in unverringertem Maße

  • S.

    27

    auf das System fort, indem gewisse Charaktere ihres Ablaufes die
    Reihe der Lust‑Unlustempfindungen erzeugen. Allerdings werden
    die von ihnen kommenden Erregungen nach ihrer Intensität und
    nach anderen qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer Am-
    plitude) der Arbeitsweise des Systems adaequater sein als die von
    der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber zweierlei ist durch diese
    Verhältnisse entscheidend bestimmt, erstens die Praevalenz der Lust‑
    und Unlustempfindungen, die ein Index für Vorgänge im Innern
    des Apparates sind, über alle äußeren Reize, und zweitens eine
    Richtung des Verhaltens gegen solche innere Erregungen, welche
    allzu große Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird sich die Nei-
    gung ergeben, sie so zu behandeln, als ob sie nicht von innen,
    sondern von außen her einwirkten, um die Abwehrmittel des Reiz-
    schutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können. Dies ist die
    Herkunft der Projektion, der eine so große Rolle bei der Ver-
    ursachung pathologischer Prozesse vorbehalten ist.

    Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Überlegun-
    gen die Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis ange-
    nähert haben; eine Aufklärung jener Fälle, die sich ihm wider-
    setzen, haben wir aber nicht erreicht. Gehen wir darum einen
    Schritt weiter. Solche Erregungen von außen, die stark genug sind,
    den Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir traumatische. Ich
    glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche Beziehung auf
    eine sonst wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein Vorkommnis wie
    das äußere Trauma wird gewiß eine großartige Störung im Energie-
    betrieb des Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in Be-
    wegung setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst außer
    Kraft gesetzt. Die Überschwemmung des seelischen Apparats mit
    großen Reizmengen ist nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt sich
    vielmehr eine andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die herein-
    gebrochenen Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der
    Erledigung zuzuführen.

    Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen
    Schmerzes der Erfolg davon, daß der Reizschutz in beschränktem
    Umfange durchbrochen wurde. Von dieser Stelle der Peripherie
    strömen dann dem seelischen Zentralapparat kontinuierliche Erre-
    gungen zu, wie sie sonst nur aus dem Innern des Apparates kommen

  • S.

    28

    konnten1). Und was können wir als die Reaktion des Seelenlebens
    auf diesen Einbruch erwarten? Von allen Seiten her wird die
    Besetzungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung der Einbruch-
    stelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird
    eine großartige „Gegenbesetzung“ hergestellt, zu deren Gunsten alle
    anderen psychischen Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte
    Lähmung oder Herabsetzung der sonstigen psychischen Leistung
    erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, unsere meta-
    psychologischen Vermutungen an solche Vorbilder anzulehnen. Wir
    ziehen also aus diesem Verhalten den Schluß, daß ein selbst hoch-
    besetztes System im stande ist, neu hinzukommende strömende
    Energie aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung umzuwandeln, also
    sie psychisch zu „binden“. Je höher die eigene ruhende Besetzung
    ist, desto größer wäre auch ihre bindende Kraft; umgekehrt also
    je niedriger seine Besetzung ist, desto weniger wird das System
    für die Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein, desto ge-
    waltsamer müssen dann die Folgen eines solchen Durchbruchs des
    Reizschutzes sein. Man wird gegen diese Auffassung nicht mit
    Recht einwenden, daß die Erhöhung der Besetzungen um die Ein-
    bruchsstelle sich weit einfacher aus der direkten Fortleitung der
    ankommenden Erregungsmengen erkläre. Wenn dem so wäre, so
    würde der seelische Apparat ja nur eine Vermehrung seiner Energie-
    besetzungen erfahren, und der lähmende Charakter des Schmerzes,
    die Verarmung aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt. Auch
    die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören unsere
    Erklärung nicht, denn sie gehen reflektorisch vor sich, das heißt
    sie erfolgen ohne Vermittlung des seelischen Apparats. Die Un-
    bestimmtheit all unserer Erörterungen, die wir metapsychologische
    heißen, rührt natürlich daher, daß wir nichts über die Natur des
    Erregungsvorganges in den Elementen der psychischen Systeme
    wissen und uns zu keiner Annahme darüber berechtigt fühlen.
    So operieren wir also stets mit einem großen X, welches wir in
    jede neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser Vorgang sich
    mit quantitativ verschiedenen Energien vollzieht, ist eine leicht
    zulässige Forderung, daß er auch mehr als eine Qualität (z. B. in

    1) Vgl. Triebe und Triebschicksale. Sammlg. kl. Schriften zur Neurosen-
    lehre, IV, 1919.

  • S.

    29

    der Art einer Amplitude) hat, mag uns wahrscheinlich sein; als
    neu haben wir die Aufstellung Breuers in Betracht gezogen,
    daß es sich um zweierlei Formen der Energieerfüllung handelt,
    so daß eine freiströmende, nach Abfuhr drängende, und eine ruhende
    Besetzung der psychischen Systeme (oder ihrer Elemente) zu unter-
    scheiden ist. Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, daß die
    „Bindung“ der in den seelischen Apparat einströmenden Energie
    in einer Überführung aus dem frei strömenden in den ruhenden
    Zustand besteht.

    Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine trau-
    matische Neurose als die Folge eines ausgiebigen Durchbruchs des
    Reizschutzes aufzufassen. Damit wäre die alte, naive Lehre vom
    Schock in ihre Rechte eingesetzt, anscheinend im Gegensatz zu
    einer späteren und psychologisch anspruchsvolleren, welche nicht
    der mechanischen Gewalteinwirkung, sondern dem Schreck und der
    Lebensbedrohung die ätiologische Bedeutung zuspricht. Allein diese
    Gegensätze sind nicht unversöhnlich, und die psychoanalytische Auf-
    fassung der traumatischen Neurose ist mit der rohesten Form der
    Schocktheorie nicht identisch. Versetzt letztere das Wesen des
    Schocks in die direkte Schädigung der molekularen Struktur, oder
    selbst der histologischen Struktur der nervösen Elemente, so suchen
    wir dessen Wirkung aus der Durchbrechung des Reizschutzes für
    das Seelenorgan und aus den daraus sich ergebenden Aufgaben zu
    verstehen. Der Schreck behält seine Bedeutung auch für uns.
    Seine Bedingung ist das Fehlen der Angstbereitschaft, welche die
    Überbesetzung der den Reiz zunächst aufnehmenden Systeme ein-
    schließt. Infolge dieser niedrigeren Besetzung sind diese Systeme
    dann nicht gut im stande, die ankommenden Erregungsmengen zu
    binden, die Folgen der Durchbrechung des Reizschutzes stellen
    sich um so vieles leichter ein. Wir finden so, daß die Angstbereit-
    schaft mit der Überbesetzung der aufnehmenden Systeme die letzte
    Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl von Trau-
    men mag der Unterschied zwischen dem unvorbereiteten und den
    durch Überbesetzung vorbereiteten Systemen das für den Ausgang
    entscheidende Moment sein; von einer gewissen Stärke des Trau-
    mas an wird er wohl nicht mehr ins Gewicht fallen. Wenn die
    Träume der Unfallsneurotiker die Kranken so regelmäßig in die

  • S.

    30

    Situation des Unfalles zurückführen, so dienen sie damit allerdings
    nicht der Wunscherfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung
    ihnen unter der Herrschaft des Lustprinzips zur Funktion geworden
    ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich dadurch einer anderen
    Aufgabe zur Verfügung stellen, deren Lösung vorangehen muß,
    ehe das Lustprinzip seine Herrschaft beginnen kann. Diese Träume
    suchen die Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzuholen,
    deren Unterlassung die Ursache der traumatischen Neurose ge-
    worden ist. Sie geben uns so einen Ausblick auf eine Funktion
    des seelischen Apparats, welche, ohne dem Lustprinzip zu wider-
    sprechen, doch unabhängig von ihm ist und ursprünglicher scheint
    als die Absicht des Lustgewinns und der Unlustvermeidung.

    Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem
    Satze, der Traum ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen. Die
    Angstträume sind keine solche Ausnahme, wie ich wiederholt und
    eingehend gezeigt habe, auch die „Strafträume“ nicht, denn diese
    setzen nur an die Stelle der verpönten Wunscherfüllung die dafür
    gebührende Strafe, sind also die Wunscherfüllung des auf den 
    verworfenen Trieb reagierenden Schuldbewußtseins. Aber die oben
    erwähnten Träume der Unfallsneurotiker lassen sich nicht mehr
    unter den Gesichtspunkt der Wunscherfüllung bringen, und eben-
    sowenig die in den Psychoanalysen vorfallenden Träume, die uns
    die Erinnerung der psychischen Traumen der Kindheit wiederbringen.
    Sie gehorchen vielmehr dem Wiederholungszwang, der in der Analyse
    allerdings durch den – nicht unbewußten – Wunsch, das Ver-
    gessene und Verdrängte heraufzubeschwören, unterstützt wird. So
    wäre also auch die Funktion des Traumes, Motive zur Unter-
    brechung des Schlafes durch Wunscherfüllung der störenden Re-
    gungen zu beseitigen, nicht seine ursprüngliche, er konnte sich
    ihrer erst bemächtigen, nachdem das gesamte Seelenleben die Herr-
    schaft des Lustprinzips angenommen hatte. Gibt es ein „Jenseits des
    Lustprinzips“, so ist es folgerichtig, auch für die wunscherfüllende
    Tendenz des Traumes eine Vorzeit zuzulassen. Nun erhebt sich,
    wenn diese Tendenz einmal durchbrochen ist, die weitere Frage: Sind
    solche Träume, welche im Interesse der psychischen Bindung trau-
    matischer Eindrücke dem Wiederholungszwange folgen, nicht auch
    außerhalb der Analyse möglich? Dies ist durchaus zu bejahen.

  • S.

    31

    Von den „Kriegsneurosen“, soweit diese Bezeichnung mehr als
    die Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet, habe ich an
    anderer Stelle ausgeführt, daß sie sehr wohl traumatische Neurosen
    sein könnten, die durch einen Ichkonflikt erleichtert worden sind1).
    Die auf S. 10 erwähnte Tatsache, daß eine gleichzeitige grobe
    Verletzung durch das Trauma die Chance für die Entstehung einer
    Neurose verringert, ist nicht mehr unverständlich, wenn man zweier
    von der psychoanalytischen Forschung betonten Verhältnisse ge-
    denkt. Erstens, daß mechanische Erschütterung als eine der Quellen
    der Sexualerregung anerkannt werden muß (vgl. die Bemerkungen,
    „Die Wirkung des Schaukelns und Eisenbahnfahrens“ in „Drei Ab-
    handlungen zur Sexualtheorie“, 4. Auflage, 1920), und zweitens,
    daß dem schmerzhaften und fieberhaften Kranksein während seiner
    Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung der Libido zu-
    kommt. So würde also die mechanische Gewalt des Traumas das
    Quantum Sexualerregung frei machen, welches infolge der man-
    gelnden Angstvorbereitung traumatisch wirkt, die gleichzeitige
    Körperverletzung würde aber durch die Anspruchnahme einer nar-
    zißtischen Überbesetzung des leidenden Organes den Überschuß an
    Erregung binden (s. „Zur Einführung des Narzißmus“, Kl. Schr.
    zur Neurosenlehre, 4. Folge, 1918). Es ist auch bekannt, aber für
    die Libidotheorie nicht genügend verwertet worden, daß so schwere
    Störungen in der Libidoverteilung, wie die einer Melancholie, durch
    eine interkurrente organische Erkrankung zeitweilig aufgehoben wer-
    den, ja daß sogar der Zustand einer vollentwickelten Dementia
    praecox unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden Rück-
    bildung fähig ist.

    1) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Internat. Psycho-
    analytische Bibliothek, Nr. 1, 1919.

  • S.

    32

    V.

    Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rinden-
    schicht gegen Erregungen von innen her wird die Folge haben
    müssen, daß diese Reizübertragungen die größere ökonomische Be-
    deutung gewinnen und häufig zu ökonomischen Störungen Anlaß
    geben, die den traumatischen Neurosen gleichzustellen sind. Die
    ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung sind die sogenannten
    Triebe des Organismus, die Repräsentanten aller aus dem Körper-
    innern stammenden, auf den seelischen Apparat übertragenen Kraft-
    wirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste Element der
    psychologischen Forschung.

    Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die
    von den Trieben ausgehenden Regungen nicht den Typus des ge-
    bundenen, sondern den des frei beweglichen, nach Abfuhr drän-
    genden Nervenvorganges einhalten. Das Beste, was wir über diese
    Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der Traumarbeit her.
    Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den unbewußten Systemen
    von denen in den (vor‑)bewußten gründlich verschieden sind, daß
    im Unbewußten Besetzungen leicht vollständig übertragen, ver-
    schoben, verdichtet werden können, was nur fehlerhafte Resultate
    ergeben könnte, wenn es an vorbewußtem Material geschähe, und
    was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten des manifesten
    Traumes ergibt, nachdem die vorbewußten Tagesreste die Bear-
    beitung nach den Gesetzen des Unbewußten erfahren haben. Ich
    nannte die Art dieser Prozesse im Unbewußten den psychischen
    „Primärvorgang“ zum Unterschied von dem für unser normales
    Wachleben gültigen Sekundärvorgang. Da die Triebregungen alle
    an den unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum eine Neuerung
    zu sagen, daß sie dem Primärvorgang folgen, und anderseits gehört

  • S.

    33

    wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit der frei be-
    weglichen Besetzung, den Sekundärvorgang mit Veränderungen an
    der gebundenen oder tonischen Besetzung Breuers zu identifi-
    zieren1). Es wäre dann die Aufgabe der höheren Schichten des
    seelischen Apparates, die im Primärvorgang anlangende Erregung
    der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser Bindung würde eine
    der traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach
    erfolgter Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips
    (und seiner Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durch-
    setzen. Bis dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelen-
    apparates, die Erregung zu bewältigen oder zu binden, voranstehen,
    zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip aber unabhängig von
    ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses.

    Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an den
    frühen Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens wie an den Erleb-
    nissen der psychoanalytischen Kur beschrieben haben, zeigen im
    hohen Grade den triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum
    Lustprinzip befinden, den dämonischen Charakter. Beim Kinder-
    spiel glauben wir es zu begreifen, daß das Kind auch das unlust-
    volle Erlebnis darum wiederholt, weil es sich durch seine Aktivität
    eine weit gründlichere Bewältigung des starken Eindruckes erwirbt,
    als beim bloß passiven Erleben möglich war. Jede neuerliche Wie-
    derholung scheint diese angestrebte Beherrschung zu verbessern, und
    auch bei lustvollen Erlebnissen kann sich das Kind an Wieder-
    holungen nicht genug tun und wird unerbittlich auf der Identität
    des Eindruckes bestehen. Dieser Charakterzug ist dazu bestimmt,
    späterhin zu verschwinden. Ein zum zweitenmal angehörter Witz
    wird fast wirkungslos bleiben, eine Theateraufführung wird nie
    mehr zum zweitenmal den Eindruck erreichen, den sie das erstemal
    hinterließ; ja der Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein
    Buch, das ihm sehr gefallen hat, sobald nochmals durchzulesen.
    Immer wird die Neuheit die Bedingung des Genusses sein. Das
    Kind aber wird nicht müde werden, vom Erwachsenen die Wieder-
    holung eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles zu
    verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn man ihm

    1) Vgl. den Abschnitt VII, Psychologie der Traumvorgänge in meiner
    „Traumdeutung“.

  • S.

    34

    eine schöne Geschichte erzählt hat, will es immer wieder die näm-
    liche Geschichte anstatt einer neuen hören, besteht unerbittlich auf
    der Identität der Wiederholung und verbessert jede Abänderung,
    die sich der Erzähler zu Schulden kommen läßt, mit der er sich
    vielleicht sogar ein neues Verdienst erwerben wollte. Dem Lust-
    prinzip wird dabei nicht widersprochen; es ist sinnfällig, daß die
    Wiederholung, das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lust-
    quelle bedeutet. Beim Analysierten hingegen wird es klar, daß der
    Zwang, die Begebenheiten seiner infantilen Lebensperiode in der
    Übertragung zu wiederholen, sich in jeder Weise über das Lust-
    prinzip hinaussetzt. Der Kranke benimmt sich dabei völlig wie
    infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten Erinnerungsspuren
    seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im gebundenen Zustande in ihm
    vorhanden, ja gewissermaßen des Sekundärvorganges nicht fähig
    sind. Dieser Ungebundenheit verdanken sie auch ihr Vermögen,
    durch Anheftung an die Tagesreste eine im Traum darzustellende
    Wunschphantasie zu bilden. Derselbe Wiederholungszwang tritt
    uns so oft als therapeutisches Hindernis entgegen, wenn wir zu
    Ende der Kur die völlige Ablösung vom Arzte durchsetzen wollen,
    und es ist anzunehmen, daß die dunkle Angst der mit der Analyse
    nicht Vertrauten, die sich scheuen, irgend etwas aufzuwecken, was
    man nach ihrer Meinung besser schlafen ließe, im Grunde das Auf-
    treten dieses dämonischen Zwanges fürchtet.

    Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang
    zur Wiederholung zusammen? Hier muß sich uns die Idee auf-
    drängen, daß wir einem allgemeinen, bisher nicht klar erkannten
    Charakter der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens über-
    haupt, auf die Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre also
    ein dem belebten Organischen innewohnender Drang
    zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes
    ,
    welchen dies Belebte unter dem Einflusse äußerer Störungskräfte
    aufgeben mußte, eine Art von organischer Elastizität, oder wenn
    man will, die Äußerung der Trägheit im organischen Leben1).

    Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir
    haben uns daran gewöhnt, im Triebe das zur Veränderung und

    1) Ich bezweifle nicht, daß ähnliche Vermutungen über die Natur der
    „Triebe“ bereits wiederholt geäußert worden sind.

  • S.

    35

    Entwicklung drängende Moment zu sehen, und sollen nun das ge-
    rade Gegenteil in ihm erkennen, den Ausdruck der konservativen
    Natur des Lebenden. Anderseits fallen uns sehr bald jene Beispiele
    aus dem Tierleben ein, welche die historische Bedingtheit der Triebe
    zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse Fische um die Laichzeit be-
    schwerliche Wanderungen unternehmen, um den Laich in bestimmten
    Gewässern, weit entfernt von ihren sonstigen Wohnorten abzulegen,
    so haben sie nach der Deutung vieler Biologen nur die früheren
    Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die sie im Laufe der Zeit gegen
    andere vertauscht hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der
    Zugvögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen enthebt
    uns bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erblichkeit
    und in den Tatsachen der Embryologie die großartigsten Beweise
    für den organischen Wiederholungszwang haben. Wir sehen, der
    Keim eines lebenden Tieres ist genötigt, in seiner Entwicklung die
    Strukturen all der Formen, von denen das Tier abstammt – wenn
    auch in flüchtiger Abkürzung – zu wiederholen, anstatt auf
    dem kürzesten Wege zu seiner definitiven Gestaltung zu eilen,
    und können dies Verhalten nur zum geringsten Teile mechanisch
    erklären, dürfen die historische Erklärung nicht bei Seite lassen.
    Und ebenso erstreckt sich weit in die Tierreihe hinauf ein Repro-
    duktionsvermögen, welches ein verlorenes Organ durch die Neu-
    bildung eines ihm durchaus gleichen ersetzt.

    Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß es
    außer den konservativen Trieben, die zur Wiederholung nötigen,
    auch andere gibt, die zur Neugestaltung und zum Fortschritt drän-
    gen, darf gewiß nicht unberücksichtigt bleiben. Aber vorher mag
    es uns verlocken, die Annahme, daß alle Triebe Früheres wieder-
    herstellen wollen, in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Mag,
    was dabei herauskommt, den Anschein des „Tiefsinnigen“ erwecken
    oder an Mystisches anklingen, so wissen wir uns doch von dem
    Vorwurf frei, etwas derartiges angestrebt zu haben. Wir suchen
    nüchterne Resultate der Forschung oder der auf sie gegründeten
    Überlegung, und unser Wunsch möchte diesen keinen anderen Cha-
    rakter als den der Sicherheit verleihen.

    Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch er-
    worben und auf Regression, Wiederherstellung von Früherem gerichtet 

  • S.

    36

    sind, so müssen wir alle Erfolge der organischen Entwick-
    lung auf die Rechnung äußerer, störender und ablenkender Einflüsse
    setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von seinem Anfang
    an nicht haben ändern wollen, hätte unter sich gleichbleibenden Ver-
    hältnissen stets nur den nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber
    im letzten Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte unserer
    Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne sein, die uns in der Ent-
    wicklung der Organismen ihren Abdruck hinterlassen hat. Die
    konservativen organischen Triebe haben jede dieser aufgezwungenen
    Abänderungen des Lebenslaufes aufgenommen und zur Wiederholung
    aufbewahrt und müssen so den täuschenden Eindruck von Kräften
    machen, die nach Veränderung und Fortschritt streben, während
    sie bloß ein altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen
    trachten. Auch dieses Endziel alles organischen Strebens ließe
    sich angeben. Der konservativen Natur der Triebe widerspräche
    es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter Zu-
    stand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand, sein,
    den das Lebende einmal verlassen hat, und zu dem es über alle
    Umwege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als aus-
    nahmslose Erfahrung annehmen dürfen, daß alles Lebende aus
    inneren Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können
    wir nur sagen: Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und
    zurückgreifend: Das Leblose war früher da als das Le-
    bende
    .

    Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch
    ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Le-
    benden erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang vorbildlich ähn-
    lich jenem anderen, der in einer gewissen Schicht der lebenden
    Materie später das Bewußtsein entstehen ließ. Die damals ent-
    standene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete danach,
    sich abzugleichen, es war der erste Trieb gegeben, der zum Leb-
    losen zurückzukehren. Die damals lebende Substanz hatte das
    Sterben noch leicht, es war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebens-
    weg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur
    des jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag
    so die lebende Substanz immer wieder neu geschaffen worden und
    leicht gestorben sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, 

  • S.

    37

    daß sie die noch überlebende Substanz zu immer größeren
    Ablenkungen vom ursprünglichen Lebensweg und zu immer kom-
    plizierteren Umwegen bis zur Erreichung des Todeszieles nötigten.
    Diese Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben getreu-
    lich festgehalten, bieten uns heute das Bild der Lebenserscheinungen.
    Wenn man an der ausschließlich konservativen Natur der Triebe
    festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und
    Ziel des Lebens nicht gelangen.

    Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was
    sich für die großen Gruppen von Trieben ergibt, die wir hinter
    den Lebenserscheinungen der Organismen statuieren. Die Aufstel-
    lung der Selbsterhaltungstriebe, die wir jedem lebenden Wesen zu-
    gestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur Voraussetzung, daß
    das gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes dient. Die
    theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs‑, Macht‑ und Geltungs-
    triebe schrumpft, in diesem Lichte gesehen, ein; es sind Partial-
    triebe, dazu bestimmt, den eigenen Todesweg des Organismus zu
    sichern und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum Anorganischen
    als die immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinen
    Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus, sich aller
    Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, daß der
    Organismus nur auf seine Weise sterben will; auch diese Lebens-
    wächter sind ursprünglich Trabanten des Todes gewesen. Dabei
    kommt das Paradoxe zu stande, daß der lebende Organismus sich
    auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren) sträubt, die
    ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem Wege
    (durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten
    charakterisiert eben ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem
    intelligenten Streben1).

    Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein ganz
    anderes Licht rücken die Sexualtriebe, für welche die Neurosen-
    lehre eine Sonderstellung in Anspruch genommen hat. Nicht alle
    Organismen sind dem äußeren Zwang unterlegen, der sie zu immer
    weiter gehender Entwicklung antrieb. Vielen ist es gelungen, sich
    auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die Gegenwart zu bewahren; es
    leben ja noch heute, wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die

    1) Vgl. übrigens die später folgende Korrektur dieser extremen Auffas-
    sung der Selbsterhaltungstriebe.

  • S.

    38

    den Vorstufen der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein müssen.
    Und ebenso machen nicht alle Elementarorganismen, welche den
    komplizierten Leib eines höheren Lebewesens zusammensetzen, den
    ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige unter
    ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche
    Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten
    und neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit
    vom ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden
    Eigenschaften, die ihnen ihre selbständige Existenz ermöglichen.
    Unter günstige Bedingungen gebracht, beginnen sie sich zu ent-
    wickeln, das heißt, das Spiel, dem sie ihre Entstehung verdanken,
    zu wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein Anteil ihrer
    Substanz die Entwicklung bis zum Ende fortführt, während ein
    anderer als neuer Keimrest von neuem auf den Anfang der Ent-
    wicklung zurückgreift. So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben
    der lebenden Substanz entgegen und wissen für sie zu erringen,
    was uns als potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, wenngleich
    es vielleicht nur eine Verlängerung des Todesweges bedeutet. Im
    höchsten Grade bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die Keim-
    zelle für diese Leistung durch die Verschmelzung mit einer an-
    deren, ihr ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt
    oder überhaupt erst befähigt wird.

    Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen über-
    lebenden Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre sichere
    Unterbringung sorgen, solange sie wehrlos gegen die Reize der
    Außenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit den anderen Keimzellen
    herbeiführen usw., bilden die Gruppe der Sexualtriebe. Sie sind
    in demselben Sinne konservativ wie die anderen, indem sie frühere
    Zustände der lebenden Substanz wiederbringen, aber sie sind es
    in stärkerem Maße, indem sie sich als besonders resistent gegen
    äußere Einwirkungen erweisen, und dann noch in einem weiteren
    Sinne, da sie das Leben selbst für längere Zeiten erhalten. Sie
    sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie der Absicht
    der anderen Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt,
    entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den
    übrigen an, den die Neurosenlehre als bedeutungsvoll erkannt hat.
    Es ist wie ein Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die

  • S.

    39

    eine Triebgruppe stürmt nach vorwärts, um das Endziel des Lebens
    möglichst bald zu erreichen, die andere schnellt an einer gewissen
    Stelle dieses Weges zurück, um ihn von einem bestimmten Punkt
    an nochmals zu machen und so die Dauer des Weges zu verlän-
    gern. Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der Geschlechter
    zu Beginn des Lebens gewiß nicht vorhanden waren, so bleibt es
    doch möglich, daß die später als sexuell zu bezeichnenden Triebe
    von allem Anfang an in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegen-
    arbeit gegen das Spiel der Ichtriebe nicht erst zu einem späteren
    Zeitpunkte aufgenommen haben.

    Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen,
    ob nicht alle diese Spekulationen der Begründung entbehren. Gibt
    es wirklich, abgesehen von den Sexualtrieben, keine anderen Triebe
    als solche, die einen früheren Zustand wiederherstellen wollen,
    nicht auch andere, die nach einem noch nie erreichten streben?
    Ich weiß in der organischen Welt kein sicheres Beispiel, das unserer
    vorgeschlagenen Charakteristik widerspräche. Ein Trieb zur Höher-
    entwicklung in der Tier‑ und Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht
    feststellen, wenn auch eine solche Entwicklungsrichtung tatsächlich
    unbestritten bleibt. Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer
    Einschätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher als eine
    andere erklären, und anderseits zeigt uns die Wissenschaft des
    Lebenden, daß Höherentwicklung in einem Punkte sehr häufig
    durch Rückbildung in einem anderen erkauft oder wettgemacht
    wird. Auch gibt es Tierformen genug, deren Jugendzustände uns
    erkennen lassen, daß ihre Entwicklung vielmehr einen rückschrei-
    tenden Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie Rück-
    bildung könnten beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren
    Kräfte sein, und die Rolle der Triebe konnte sich für beide Fälle
    darauf beschränken, die aufgezwungene Veränderung als innere
    Lustquelle festzuhalten1).

    Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben

    1) Auf anderem Wege ist Ferenczi zur Möglichkeit derselben Auffassung
    gelangt (Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, Intern. Zeitschr. f. Psycho-
    analyse, I, 1913): „Bei konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß
    man sich mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden Be-
    harrungs‑ resp. Regressionstendenz vertraut machen, während die Tendenz nach
    Fortentwicklung, Anpassung etc. nur auf äußere Reize hin lebendig wird.
    “
    (S. 137.)

  • S.

    40

    zu verzichten, daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkomm-
    nung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung
    und ethischer Sublimierung gebracht hat, und von dem man er-
    warten darf, daß er seine Entwicklung zum Übermenschen besorgen
    wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb und
    sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bis-
    herige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Er-
    klärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an einer
    Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu
    weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen als
    Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wertvollste
    an der menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb
    gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die
    in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses be-
    stünde; alle Ersatz‑, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind
    ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus
    der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Be-
    friedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner
    der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach
    des Dichters Worten „ungebändigt immer vorwärts dringt“ (Me-
    phisto im „Faust“, I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts,
    zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände,
    welche die Verdrängungen aufrechthalten, verlegt, und somit bleibt
    nichts anderes übrig, als in der anderen noch freien Entwicklungs-
    richtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß ab-
    schließen und das Ziel erreichen zu können. Die Vorgänge bei
    der Ausbildung einer neurotischen Phobie, die ja nichts anderes
    als ein Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung ist, geben uns
    das Vorbild für die Entstehung dieses anscheinenden „Vervollkomm-
    nungstriebes“, den wir aber unmöglich allen menschlichen Individuen
    zuschreiben können. Die dynamischen Bedingungen dafür sind zwar
    ganz allgemein vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse
    scheinen das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen.

  • S.

    41

    VI.

    Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz
    zwischen den „Ichtrieben“ und den Sexualtrieben aufstellt, die
    ersteren zum Tode und die letzteren zur Lebenserhaltung drängen
    läßt, wird uns gewiß nach vielen Richtungen selbst nicht befrie-
    digen. Dazu kommt, daß wir eigentlich nur für die ersteren den
    konservativen oder besser regredierenden, einem Wiederholungszwang
    entsprechenden Charakter des Triebes in Anspruch nehmen konnten.
    Denn nach unserer Annahme rühren die Ichtriebe von der Bele-
    bung der unbelebten Materie her und wollen die Unbelebtheit wie-
    der herstellen. Die Sexualtriebe hingegen – es ist augenfällig,
    daß sie primitive Zustände des Lebewesens reproduzieren, aber ihr
    mit allen Mitteln angestrebtes Ziel ist die Verschmelzung zweier
    in bestimmter Weise differenzierter Keimzellen. Wenn diese Ver-
    einigung nicht zu stande kommt, dann stirbt die Keimzelle wie
    alle anderen Elemente des vielzelligen Organismus. Nur unter dieser
    Bedingung kann die Geschlechtsfunktion das Leben verlängern und
    ihm den Schein der Unsterblichkeit verleihen. Welches wichtige
    Ereignis im Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird aber
    durch die geschlechtliche Fortpflanzung oder ihren Vorläufer, die
    Kopulation zweier Individuen unter den Protisten, wiederholt? Das
    wissen wir nicht zu sagen, und darum würden wir es als Erleich-
    terung empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau sich als irr-
    tümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von Ich(Todes‑)trieben und
    Sexual(Lebens‑)trieben würde dann entfallen, damit auch der Wie-
    derholungszwang die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen.

    Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme
    zurück, in der Erwartung, sie werde sich exakt widerlegen lassen.
    Wir haben auf Grund der Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut,

  • S.

    42

    daß alles Lebende aus inneren Ursachen sterben müsse. Wir haben
    diese Annahme so sorglos gemacht, weil sie uns nicht als solche
    erscheint. Wir sind gewohnt so zu denken, unsere Dichter bestärken
    uns darin. Vielleicht haben wir uns dazu entschlossen, weil ein
    Trost in diesem Glauben liegt. Wenn man schon selbst sterben
    und vorher seine Liebsten durch den Tod verlieren soll, so will
    man lieber einem unerbittlichen Naturgesetz, der hehren ‚Ανάγκη‘
    erlegen sein, als einem Zufall, der sich etwa noch hätte vermeiden
    lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere Gesetz-
    mäßigkeit des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns
    geschaffen haben, „um die Schwere des Daseins zu ertragen“. Ur-
    sprünglich ist er sicherlich nicht, den primitiven Völkern ist die
    Idee eines „natürlichen Todes“ fremd; sie führen jedes Sterben
    unter ihnen auf den Einfluß eines Feindes oder bösen Geistes zu-
    rück. Versäumen wir es darum nicht, uns zur Prüfung dieses
    Glaubens an die biologische Wissenschaft zu wenden.

    Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die
    Biologen in der Frage des natürlichen Todes einig sind, ja daß
    ihnen der Begriff des Todes überhaupt unter den Händen zerrinnt.
    Die Tatsache einer bestimmten durchschnittlichen Lebensdauer we-
    nigstens bei höheren Tieren spricht natürlich für den Tod aus
    inneren Ursachen, aber der Umstand, daß einzelne große Tiere und
    riesenhafte Baumgewächse ein sehr hohes und bisher nicht ab-
    schätzbares Alter erreichen, hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach
    der großartigen Konzeption von W. Fließ sind alle Lebenserschei-
    nungen – und gewiß auch der Tod – der Organismen an die Er-
    füllung bestimmter Termine gebunden, in denen die Abhängigkeit
    zweier lebenden Substanzen, einer männlichen und einer weiblichen,
    vom Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die Beobachtungen,
    wie leicht und bis zu welchem Ausmaß es dem Einflusse äußerer
    Kräfte möglich ist, die Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzen-
    welt in ihrem zeitlichen Auftreten zu verändern, sie zu verfrühen
    oder hintanzuhalten, sträuben sich gegen die Starrheit der Fließ-
    schen Formeln und lassen zum mindesten an der Alleinherrschaft
    der von ihm aufgestellten Gesetze zweifeln.

    Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung,
    welche das Thema von der Lebensdauer und vom Tode der Organismen 

  • S.

    43

    in den Arbeiten von A. Weismann gefunden hat1). Von
    diesem Forscher rührt die Unterscheidung der lebenden Substanz
    in eine sterbliche und unsterbliche Hälfte her; die sterbliche ist
    der Körper im engeren Sinne, das Soma, sie allein ist dem
    natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber sind potentia
    unsterblich, insofern sie im stande sind, unter gewissen günstigen
    Bedingungen sich zu einem neuen Individuum zu entwickeln, oder
    anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma zu umgeben2).

    Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit un-
    serer eigenen, auf so verschiedenem Wege entwickelten Auffassung.
    Weismann, der die lebende Substanz morphologisch betrachtet,
    erkennt in ihr einen Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, das
    Soma, den Körper abgesehen vom Geschlechts‑ und Vererbungsstoff,
    und einen unsterblichen, eben dieses Keimplasma, welches der Er-
    haltung der Art, der Fortpflanzung, dient. Wir haben nicht den
    lebenden Stoff, sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, und
    sind dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben zu unterscheiden,
    jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, die anderen, die
    Sexualtriebe, welche immer wieder die Erneuerung des Lebens an-
    streben und durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar
    zu Weismanns morphologischer Theorie.

    Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt
    sich alsbald, wenn wir Weismanns Entscheidung über das Pro-
    blem des Todes vernehmen. Denn Weismann läßt die Sonderung
    vom sterblichen Soma und unsterblichen Keimplasma erst bei den
    vielzelligen Organismen gelten, bei den einzelligen Tieren sind In-
    dividuum und Fortpflanzungszelle noch ein‑ und dasselbe3). Die
    Einzelligen erklärt er also für potentiell unsterblich, der Tod tritt
    erst bei den Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser Tod der höheren
    Lebewesen ist allerdings ein natürlicher, ein Tod aus inneren Ur-
    sachen, aber er beruht nicht auf einer Ureigenschaft der lebenden
    Substanz4), kann nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens

    1) Über die Dauer des Lebens, 1882; Über Leben und Tod, 1892; Das
    Keimplasma, 1892, u. a.

    2) Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20.

    3) Dauer des Lebens, S. 38.

    4) Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67.

  • S.

    44

    begründete Notwendigkeit aufgefaßt werden1). Der Tod ist viel-
    mehr eine Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der An-
    passung an die äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung
    der Körperzellen in Soma und Keimplasmen an die unbegrenzte
    Lebensdauer des Individuums ein ganz unzweckmäßiger Luxus ge-
    worden wäre. Mit dem Eintritt dieser Differenzierung bei den
    Vielzelligen wurde der Tod möglich und zweckmäßig. Seither stirbt
    das Soma der höheren Lebewesen aus inneren Gründen zu bestimmten
    Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich geblieben. Die Fort-
    pflanzung hingegen ist nicht erst mit dem Tod eingeführt worden,
    sie ist vielmehr eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das
    Wachstum, aus welchem sie hervorging, und das Leben ist von
    seinem Beginn auf Erden an kontinuierlich geblieben2).

    Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natür-
    lichen Todes für die höheren Organismen unserer Sache wenig hilft.
    Wenn der Tod eine späte Erwerbung der Lebewesen ist, dann kom-
    men Todestriebe, die sich vom Beginn des Lebens auf Erden ab-
    leiten, weiter nicht in Betracht. Die Vielzelligen mögen dann immer-
    hin aus inneren Gründen sterben, an den Mängeln ihrer Differen-
    zierung oder an den Unvollkommenheiten ihres Stoffwechsels, es
    hat für die Frage, die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine solche
    Auffassung und Ableitung des Todes liegt dem gewohnten Denken
    der Menschen auch sicherlich viel näher als die befremdende An-
    nahme von „Todestrieben“.

    Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von Weis-
    mann
    angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Richtung
    Entscheidendes ergeben3). Manche Autoren sind zum Standpunkt
    von Goette zurückgekehrt (1883), der in dem Tod die direkte
    Folge der Fortpflanzung sah. Hartmann charakterisiert den Tod
    nicht durch Auftreten einer „Leiche“, eines abgestorbenen Anteiles
    der lebenden Substanz, sondern definiert ihn als den „Abschluß
    der individuellen Entwicklung
    “. In diesem Sinne sind auch die
    Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit der Fortpflanzung 

    1) Dauer des Lebens, S. 33.

    2) Über Leben und Tod, Schluß.

    3) Vgl. Max Hartmann, Tod und Fortpflanzung, 1906; Alex. Lipschütz,
    Warum wir sterben, Kosmosbücher, 1914; Franz Doflein, Das Problem des
    Todes und der Unsterblichkeit bei den Pflanzen und Tieren, 1919.

  • S.

    45

    zusammen, aber er wird durch diese gewissermaßen ver-
    schleiert, indem die ganze Substanz des Elterntieres direkt in die
    jungen Kinderindividuen übergeführt werden kann (l. c., S. 29).

    Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet,
    die behauptete Unsterblichkeit der lebenden Substanz an den Ein-
    zelligen experimentell zu erproben. Ein Amerikaner, Woodruff,
    hat ein bewimpertes Infusorium, ein „Pantoffeltierchen“, das sich
    durch Teilung in zwei Individuen fortpflanzt, in Zucht genommen
    und es bis zur 3029sten Generation, wo er den Versuch abbrach,
    verfolgt, indem er jedesmal das eine der Teilprodukte isolierte und
    in frisches Wasser brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten
    Pantoffeltierchens war ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle
    Zeichen des Alterns oder der Degeneration; somit schien, wenn
    solchen Zahlen bereits Beweiskraft zukommt, die Unsterblichkeit
    der Protisten experimentell erweisbar1).

    Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. Mau-
    pas
    , Calkins u. a. haben im Gegensatz zu Woodruff ge-
    funden, daß auch diese Infusorien nach einer gewissen Anzahl von
    Teilungen schwächer werden, an Größe abnehmen, einen Teil ihrer
    Organisation einbüßen und endlich sterben, wenn sie nicht gewisse
    auffrischende Einflüsse erfahren. Demnach stürben die Protozoen
    nach einer Phase des Altersverfalls ganz wie die höheren Tiere,
    so recht im Widerspruch zu den Behauptungen Weismanns, der
    den Tod als eine späte Erwerbung der lebenden Organismen an-
    erkennt.

    Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir
    zwei Tatsachen heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten
    scheinen. Erstens: Wenn die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie
    noch keine Altersveränderung zeigen, miteinander zuzweit ver-
    schmelzen, „kopulieren“ können – worauf sie nach einiger Zeit
    wieder auseinandergehen –, so bleiben sie vom Alter verschont,
    sie sind „verjüngt“ worden. Diese Kopulation ist doch wohl der
    Vorläufer der geschlechtlichen Fortpflanzung höherer Wesen; sie
    hat mit der Vermehrung noch nichts zu tun, beschränkt sich auf
    die Vermischung der Substanzen beider Individuen (Weismanns
    Amphimixis). Der auffrischende Einfluß der Kopulation kann aber

    1) Für dies und das Folgende vgl. Lipschütz l. c., S. 26 und 52 ff.

  • S.

    46

    auch ersetzt werden durch bestimmte Reizmittel, Veränderungen in
    der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit, Temperatursteigerung
    oder Schütteln. Man erinnert sich an das berühmte Experiment
    von J. Loeb, der Seeigeleier durch gewisse chemische Reize zu
    Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur nach der Befruchtung auf-
    treten.

    Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch
    ihren eigenen Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod geführt wer-
    den, denn der Widerspruch zwischen den Ergebnissen von Wood-
    ruff
    und von anderen rührt daher, daß Woodruff jede neue
    Generation in frische Nährflüssigkeit brachte. Unterließ er dies,
    so beobachtete er dieselben Altersveränderungen der Generationen
    wie die anderen Forscher. Er schloß, daß die Tierchen durch die
    Produkte des Stoffwechsels, die sie an die umgebende Flüssigkeit
    abgeben, geschädigt werden, und konnte dann überzeugend nach-
    weisen, daß nur die Produkte des eigenen Stoffwechsels diese
    zum Tod der Generation führende Wirkung haben. Denn in einer
    Lösung, die mit den Abfallsprodukten einer entfernter verwandten
    Art übersättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, die
    in ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft sicher zu Grunde gingen.
    Das Infusor stirbt also, sich selbst überlassen, eines natürlichen
    Todes an der Unvollkommenheit der Beseitigung seiner eigenen Stoff-
    wechselprodukte; aber vielleicht sterben auch alle höheren Tiere
    im Grunde an dem gleichen Unvermögen.

    Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweck-
    dienlich war, die Entscheidung der Frage nach dem natürlichen
    Tod im Studium der Protozoen zu suchen. Die primitive Orga-
    nisation dieser Lebewesen mag uns wichtige Verhältnisse ver-
    schleiern, die auch bei ihnen Statt haben, aber erst bei höheren
    Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen morphologischen
    Ausdruck verschafft haben. Wenn wir den morphologischen Stand-
    punkt verlassen, um den dynamischen einzunehmen, so kann es uns
    überhaupt gleichgültig sein, ob sich der natürliche Tod der Pro-
    tozoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die später
    als sterblich erkannte Substanz von der unsterblichen noch in keiner
    Weise gesondert. Die Triebkräfte, die das Leben in den Tod über-
    führen wollen, könnten auch in ihnen von Anfang an wirksam

  • S.

    47

    sein, und doch könnte ihr Effekt durch den der lebenserhaltenden
    Kräfte so gedeckt werden, daß ihr direkter Nachweis sehr schwierig
    wird. Wir haben allerdings gehört, daß die Beobachtungen der
    Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führenden inneren Vor-
    gänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, wenn die Pro-
    tisten sich als unsterblich im Sinne von Weismann erweisen,
    so gilt seine Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, nur
    für die manifesten Äußerungen des Todes und macht keine Annahme
    über die zum Tode drängenden Prozesse unmöglich. Unsere Erwar-
    tung, die Biologie werde die Anerkennung der Todestriebe glatt
    beseitigen, hat sich nicht erfüllt. Wir können uns mit ihrer Mög-
    lichkeit weiter beschäftigen, wenn wir sonst Gründe dafür haben.
    Die auffällige Ähnlichkeit der Weismannschen Sonderung von
    Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung der Todestriebe von
    den Lebenstrieben bleibt aber bestehen und erhält ihren Wert wieder.

    Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung
    des Trieblebens. Nach der Theorie E. Herings von den Vor-
    gängen in der lebenden Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei
    Prozesse entgegengesetzter Richtung ab, die einen aufbauend –
    assimilatorisch, die anderen abbauend – dissimilatorisch. Sollen
    wir es wagen, in diesen beiden Richtungen der Lebensprozesse die
    Betätigung unserer beiden Triebregungen, der Lebenstriebe und der
    Todestriebe, zu erkennen? Aber etwas anderes können wir uns
    nicht verhehlen, daß wir unversehens in den Hafen der Philosophie
    Schopenhauers eingelaufen sind, für den ja der Tod „das
    eigentliche Resultat
    “ und insofern der Zweck des Lebens ist1), der
    Sexualtrieb aber die Verkörperung des Willens zum Leben.

    Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach all-
    gemeiner Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu einem
    Lebensverband, die Vielzelligkeit der Organismen, ein Mittel zur
    Verlängerung ihrer Lebensdauer geworden. Eine Zelle hilft dazu,
    das Leben der anderen zu erhalten, und der Zellenstaat kann weiter
    leben, auch wenn einzelne Zellen absterben müssen. Wir haben
    bereits gehört, daß auch die Kopulation, die zeitweilige Verschmel-
    zung zweier Einzelligen, lebenserhaltend und verjüngend auf beide

    1) „Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen“,
    Großherzog Wilhelm Ernst‑Ausgabe, IV. Bd., S. 268.

  • S.

    48

    wirkt. Somit könnte man den Versuch machen, die in der Psycho-
    analyse gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen
    zu einander zu übertragen und sich vorzustellen, daß es die in jeder
    Zelle tätigen Lebens‑ oder Sexualtriebe sind, welche die anderen
    Zellen zum Objekt nehmen, deren Todestriebe, d. i. die von
    diesen angeregten Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am
    Leben erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen
    und noch andere in der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich
    selbst aufopfern. Die Keimzellen selbst würden sich absolut „nar-
    zißtisch“ benehmen, wie wir es in der Neurosenlehre zu bezeichnen
    gewohnt sind, wenn ein ganzes Individuum seine Libido im Ich
    behält und nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt. Die
    Keimzellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit ihrer Lebenstriebe,
    für sich selbst als Vorrat für ihre spätere großartig aufbauende
    Tätigkeit. So würde also die Libido unserer Sexualtriebe mit dem
    Eros der Dichter und Philosophen zusammenfallen, der alles Le-
    bende zusammenhält.

    An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Entwick-
    lung unserer Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse der Über-
    tragungsneurosen zwang uns zunächst, den Gegensatz zwischen
    Sexualtrieben, die auf das Objekt gerichtet sind, und anderen Trie-
    ben auf, die wir nur sehr ungenügend erkannten und vorläufig als Ich-
    triebe bezeichneten. Unter ihnen mußten Triebe, die der Selbst-
    erhaltung des Individuums dienen, in erster Linie anerkannt werden.
    Was für andere Unterscheidungen da zu machen waren, konnte man
    nicht wissen. Keine Kenntnis wäre für die Begründung einer rich-
    tigen Psychologie so wichtig gewesen, wie eine ungefähre Einsicht
    in die gemeinsame Natur und die etwaigen Besonderheiten der
    Triebe. Aber auf keinem Gebiete der Psychologie tappte man so
    sehr im Dunkeln. Jedermann stellte so viele Triebe oder „Grund-
    triebe“ auf, als ihm beliebte, und wirtschaftete mit ihnen wie die
    alten griechischen Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem
    Wasser, der Erde, dem Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse,
    die irgendeiner Annahme über die Triebe nicht entraten konnte,
    hielt sich vorerst an die populäre Triebunterscheidung, für die das
    Wort von „Hunger und Liebe“ vorbildlich ist. Es war wenigstens
    kein neuer Willkürakt. Damit reichte man in der Analyse der

  • S.

    49

    Psychoneurosen ein ganzes Stück weit aus. Der Begriff der Sexua-
    lität – und damit der eines Sexualtriebes – mußte freilich er-
    weitert werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht der Fort-
    pflanzungsfunktion einordnete, und darüber gab es Lärm genug in
    der strengen, vornehmen oder bloß heuchlerischen Welt.

    Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse näher
    an das psychologische Ich herantasten konnte, das ihr zunächst
    nur als verdrängende, zensurierende und zu Schutzbauten, Reaktions-
    bildungen befähigte Instanz bekannt geworden war. Kritische und
    andere weitblickende Geister hatten zwar längst gegen die Ein-
    schränkung des Libidobegriffes auf die Energie der dem Objekt
    zugewendeten Sexualtriebe Einspruch erhoben. Aber sie versäumten
    es mitzuteilen, woher ihnen die bessere Einsicht gekommen war,
    und verstanden nicht, etwas für die Analyse Brauchbares aus ihr
    abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiten fiel es nun der psycho-
    analytischen Beobachtung auf, wie regelmäßig Libido vom Objekt
    abgezogen und aufs Ich gerichtet wird (Introversion), und indem
    sie die Libidoentwicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen
    studierte, kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche und
    ursprüngliche Reservoir der Libido sei, die erst von da aus auf
    das Objekt erstreckt werde. Das Ich trat unter die Sexualobjekte
    und wurde gleich als das vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn
    die Libido so im Ich verweilte, wurde sie narzißtisch genannt1).
    Diese narzißtische Libido war natürlich auch die Kraftäußerung
    von Sexualtrieben im analytischen Sinne, die man mit den von
    Anfang an zugestandenen „Selbsterhaltungstrieben“ identifizieren
    mußte. Somit war der ursprüngliche Gegensatz von Ichtrieben und
    Sexualtrieben unzureichend geworden. Ein Teil der Ichtriebe war
    als libidinös erkannt; im Ich waren – neben anderen wahrscheinlich
    – auch Sexualtriebe wirksam, doch ist man berechtigt zu sagen, daß
    die alte Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt zwi-
    schen den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, was
    heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied der beiden Triebarten,
    der ursprünglich irgendwie qualitativ gemeint war, ist jetzt nur
    anders, nämlich topisch zu bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose, 

    1) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI, 1914,
    und Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge, 1918.

  • S.

    50

    das eigentliche Studienobjekt der Psychoanalyse,
    bleibt das Ergebnis eines Konflikts zwischen dem Ich und der
    libidinösen Objektbesetzung.

    Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der Selbst-
    erhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren Schritt wagen,
    den Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros zu erkennen und
    die narzißtische Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten,
    mit denen die Somazellen aneinander haften. Nun aber finden wir
    uns plötzlich folgender Frage gegenüber: Wenn auch die Selbst-
    erhaltungstriebe libidinöser Natur sind, dann haben wir vielleicht
    überhaupt keine anderen Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens
    keine anderen zu sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern
    Recht geben, die von Anfang an geahnt haben, die Psychoanalyse
    erkläre alles aus der Sexualität, oder den Neuerern wie Jung,
    die, kurz entschlossen, Libido für „Triebkraft“ überhaupt gebraucht
    haben. Ist dem nicht so?

    In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir
    sind ja vielmehr von einer scharfen Scheidung zwischen Ichtrieben
    = Todestrieben und Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen.
    Wir waren ja bereit, auch die angeblichen Selbsterhaltungstriebe
    des Ichs zu den Todestrieben zu rechnen, was wir jetzt berichtigend
    zurückziehen müssen. Wir vermuten, daß im Ich noch andere als
    die Selbsterhaltungstriebe tätig sind, wir sollten nur im stande sein,
    sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs
    so wenig fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht schwer
    wird. Die libidinösen Triebe des Ichs mögen allerdings in beson-
    derer Weise mit den anderen, uns noch fremden Ichtrieben ver-
    knüpft, nach dem Ausdruck von Alf. Adler „verschränkt“ sein.
    Noch ehe wir den Narzißmus klar erkannt hatten, bestand bereits
    in der Psychoanalyse die Vermutung, daß die „Ichtriebe“ libidinöse
    Komponenten an sich gezogen haben. Aber das sind recht unsichere
    Möglichkeiten, denen die Gegner kaum Rechnung tragen werden.
    Es bleibt mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den
    Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, daß
    es andere nicht gibt, möchten wir darum doch nicht mitmachen.

    Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl
    nicht gut, irgend einen Einfall, der uns Aufklärung verspricht,

  • S.

    51

    zurückzuweisen. Wir sind von der großen Gegensätzlichkeit von
    Lebens‑ und Todestrieben ausgegangen. Die Objektliebe selbst zeigt
    uns eine zweite solche Polarität, die von Liebe (Zärtlichkeit) und
    Haß (Aggression). Wenn es uns nun gelänge, diese beiden Pola-
    ritäten in Beziehung zu einander zu bringen, die eine auf die an-
    dere zurückzuführen! Wir haben von jeher eine sadistische Kom-
    ponente des Sexualtriebes anerkannt1); sie kann sich, wie wir wissen,
    selbständig machen und als Perversion das gesamte Sexualstreben
    der Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der von mir soge-
    nannten „prägenitalen Organisationen“ als dominierender Partialtrieb
    hervor! Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der auf die
    Schädigung des Objektes zielt, vom lebenserhaltenden Eros ab-
    leiten können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser Sa-
    dismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der
    narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst
    am Objekt zum Vorschein kommt? Er tritt dann in den Dienst
    der Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium der Libido fällt
    die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des Objektes zu-
    sammen, später trennt sich der sadistische Trieb ab und endlich
    übernimmt er auf der Stufe des Genitalprimats zum Zwecke der
    Fortpflanzung die Funktion, das Sexualobjekt so weit zu bewäl-
    tigen, als es die Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert. Ja,
    man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe
    den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt;
    späterhin drängen diese zum Objekt nach. Wo der ursprüngliche
    Sadismus keine Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die
    bekannte Liebe‑Haß‑Ambivalenz des Liebeslebens hergestellt.

    Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so wäre
    die Forderung erfüllt, ein Beispiel eines – allerdings verschobenen
    – Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder
    Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen geradezu mystischen
    Eindruck macht. Wir kommen in den Verdacht, um jeden Preis
    eine Auskunft aus einer großen Verlegenheit gesucht zu haben.
    Dann dürfen wir uns darauf berufen, daß eine solche Annahme
    nicht neu ist, daß wir sie bereits früher einmal gemacht haben,
    als von einer Verlegenheit noch keine Rede war. Klinische Beobachtungen 

    1) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, von der 1. Auflage, 1905, an.

  • S.

    52

    haben uns seinerzeit zur Auffassung genötigt, daß der
    dem Sadismus komplementäre Partialtrieb des Masochismus als eine
    Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich zu verstehen sei1).
    Eine Wendung des Triebes vom Objekt zum Ich ist aber prinzipiell
    nichts anderes als die Wendung vom Ich zum Objekt, die hier
    als neu in Frage steht. Der Masochismus, die Wendung des Triebes
    gegen das eigene Ich, wäre dann in Wirklichkeit eine Rückkehr
    zu einer früheren Phase desselben, eine Regression. In einem Punkte
    bedürfte die damals vom Masochismus gegebene Darstellung einer
    Berichtigung als allzu ausschließlich; der Masochismus könnte
    auch, was ich dort bestreiten wollte, ein primärer sein2).

    Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben zurück.
    Schon aus der Protistenforschung haben wir erfahren, daß die Ver-
    schmelzung zweier Individuen ohne nachfolgende Teilung, die Ko-
    pulation, auf beide Individuen, die sich dann bald voneinander lösen,
    stärkend und verjüngend wirkt. (S. o. Lipschütz.) Sie zeigen
    in weiteren Generationen keine Degenerationserscheinungen und
    scheinen befähigt, den Schädlichkeiten ihres eigenen Stoffwechsels
    länger zu widerstehen. Ich meine, daß diese eine Beobachtung als
    vorbildlich für den Effekt auch der geschlechtlichen Vereinigung
    genommen werden darf. Aber auf welche Weise bringt die Ver-
    schmelzung zweier wenig verschiedener Zellen eine solche Erneue-
    rung des Lebens zu stande? Der Versuch, der die Kopulation
    bei den Protozoen durch die Einwirkung chemischer, ja selbst me-
    chanischer Reize (l. c.) ersetzt, gestattet wohl eine sichere Antwort
    zu geben: Es geschieht durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das
    stimmt nun aber gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des
    Individuums aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer

    1) Vgl. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, und „Triebe und Triebschicksale“ in
    Sammlung kleiner Schriften, IV. Folge.

    2) In einer inhalts‑ und gedankenreichen, für mich leider nicht ganz durch-
    sichtigen Arbeit hat Sabina Spielrein ein ganzes Stück dieser Spekulation
    vorweggenommen. Sie bezeichnet die sadistische Komponente des Sexualtriebes
    als die „destruktive“. (Die Destruktion als Ursache des Werdens. Jahrbuch für
    Psychoanalyse, IV, 1912.) In noch anderer Weise suchte A. Stärcke (In-
    leiding by de vertaling von S. Freud, De sexuele beschavingsmoral etc., 1914)
    den Libidobegriff selbst mit dem theoretisch zu supponierenden biologischen
    Begriff eines Antriebes zum Tode zu identifizieren. (Vgl. auch Rank,
    Der Künstler.) Alle diese Bemühungen zeigen, wie die im Texte, von dem Drang
    nach einer noch nicht erreichten Klärung in der Trieblehre.

  • S.

    53

    Spannungen, das heißt zum Tode führt, während die Vereinigung
    mit einer individuell verschiedenen lebenden Substanz diese Span-
    nungen vergrößert, sozusagen neue Vitaldifferenzen einführt,
    die dann abgelebt werden müssen. Für diese Verschiedenheit
    muß es natürlich ein oder mehrere Optima geben. Daß wir als
    die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens
    überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Auf-
    hebung der inneren Reizspannung erkannten (das Nirwana-
    prinzip
    nach einem Ausdruck von Barbara Low), wie es im Lust-
    prinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten Mo-
    tive, an die Existenz von Todestrieben zu glauben.

    Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren
    wir es aber noch immer, daß wir gerade für den Sexualtrieb jenen
    Charakter eines Wiederholungszwanges nicht nachweisen können,
    der uns zuerst zur Aufspürung der Todestriebe führte. Das Gebiet
    der embryonalen Entwicklungsvorgänge ist zwar überreich an sol-
    chen Wiederholungserscheinungen, die beiden Keimzellen der ge-
    schlechtlichen Fortpflanzung und ihre Lebensgeschichte sind selbst
    nur Wiederholungen der Anfänge des organischen Lebens; aber das
    Wesentliche an dem vom Sexualtrieb intendierten Vorgängen ist
    doch die Verschmelzung zweier Zelleiber. Erst durch diese wird
    bei den höheren Lebewesen die Unsterblichkeit der lebenden Substanz
    gesichert.

    Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die
    Entstehung der geschlechtlichen Fortpflanzung und die Herkunft
    der Sexualtriebe überhaupt, eine Aufgabe, vor der ein Außenstehen-
    der zurückschrecken muß, und die von den Spezialforschern selbst
    bisher noch nicht gelöst werden konnte. In knappster Zusammen-
    drängung sei darum aus all den widerstreitenden Angaben und Mei-
    nungen hervorgehoben, was einen Anschluß an unseren Gedanken-
    gang zuläßt.

    Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung
    seinen geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung als eine
    Teilerscheinung des Wachstums darstellt. (Vermehrung durch Tei-
    lung, Sproßung, Knospung.) Die Entstehung der Fortpflanzung
    durch geschlechtlich differenzierte Keimzellen könnte man sich
    nach nüchterner Darwinscher Denkungsart so vorstellen, daß der

  • S.

    54

    Vorteil der Amphimixis, der sich dereinst bei der zufälligen Kopu-
    lation zweier Protisten ergab, in der ferneren Entwicklung fest-
    gehalten und weiter ausgenützt wurde1). Das „Geschlecht“ wäre
    also nicht sehr alt, und die außerordentlich heftigen Triebe, welche
    die geschlechtliche Vereinigung herbeiführen wollen, wiederholten
    dabei etwas, was sich zufällig einmal ereignet und seither als vor-
    teilhaft befestigt hat.

    Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei
    den Protisten nichts anderes gelten lassen soll, als was sie zeigen,
    und ob man annehmen darf, daß Kräfte und Vorgänge, die erst
    bei höheren Lebewesen sichtbar werden, auch bei diesen zuerst ent-
    standen sind. Für unsere Absichten leistet die erwähnte Auffassung
    der Sexualität sehr wenig. Man wird gegen sie einwenden dürfen,
    daß sie die Existenz von Lebenstrieben, die schon im einfachsten
    Lebewesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die Kopulation,
    die dem Lebensablauf entgegenwirkt und die Aufgabe des Ab-
    lebens erschwert, nicht festgehalten und ausgearbeitet, sondern ver-
    mieden worden. Wenn man also die Annahme von Todestrieben
    nicht fahren lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an
    Lebenstriebe zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir ar-
    beiten da an einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir
    sonst in der Wissenschaft über die Entstehung der Geschlechtlich-
    keit finden, ist so wenig, daß man dies Problem einem Dunkel
    vergleichen kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl einer Hypo-
    these gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen wir aller-
    dings einer solchen Hypothese, die aber von so phantastischer Art
    ist – gewiß eher ein Mythus als eine wissenschaftliche Erklärung
    –, daß ich nicht wagen würde, sie hier anzuführen, wenn sie
    nicht gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach deren Er-
    füllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab von dem
    Bedürfnis nach Wiederherstellung eines früheren
    Zustandes.

    1) Obwohl Weismann (Das Keimplasma, 1892) auch diesen Vorteil leug-
    net: „Die Befruchtung bedeutet keinesfalls eine Verjüngung oder Erneuerung
    des Lebens, sie wäre durchaus nicht notwendig zur Fortdauer des Lebens, sie
    ist nichts als eine Einrichtung, um die Vermischung zweier ver-
    schiedener Vererbungstendenzen
    möglich zu machen.
    “ Als die Wir-
    kung einer solchen Vermischung betrachtet er aber doch eine Steigerung der
    Variabilität der Lebewesen.

  • S.

    55

    Ich meine natürlich die Theorie, die Plato im Symposion
    durch Aristophanes entwickeln läßt, und die nicht nur die
    Herkunft des Geschlechtstriebes, sondern auch seiner wichtigsten
    Variation in bezug auf das Objekt behandelt1):

    „Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprüng-
    lich gab es drei Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben
    dem männlichen und weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, wel-
    ches an den beiden ersten gleichen Anteil hatte, …
    “ Alles an
    diesen Menschen war aber doppelt, sie hatten also vier Hände und
    vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Schamteile usw. Da ließ sich
    Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei Teile zu teilen, „wie man
    Birnen, um sie einzukochen, entzweischneidet. …
    “ „Als nun auf
    diese Weise die ganze Natur entzwei war, kam in jedem Menschen
    die Sehnsucht nach seiner eigenen anderen Hälfte, und die beiden
    Hälften schlugen die Arme umeinander und verflochten ihre Leiber
    und wollten wieder zusammenwachsen …
    “

    Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die An-
    nahme wagen, daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung in
    kleine Partikel zerrissen wurde, die seither durch die Sexualtriebe
    ihre Wiedervereinigung anstreben? Daß diese Triebe, in denen
    sich die chemische Affinität der unbelebten Materie fortsetzt, durch
    das Reich der Protisten hindurch allmählich die Schwierigkeiten
    überwinden, welche eine mit lebensgefährlichen Reizen geladene
    Umgebung diesem Streben entgegensetzt, die sie zur Bildung einer
    schützenden Rindenschicht nötigt? Daß diese zersprengten Teilchen
    lebender Substanz so die Vielzelligkeit erreichen und endlich den
    Keimzellen den Trieb zur Wiedervereinigung in höchster Konzen-
    tration übertragen? Ich glaube, es ist hier die Stelle, abzubrechen.

    Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzu-
    schließen. Man könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst
    von den hier entwickelten Annahmen überzeugt bin. Meine Ant-
    wort würde lauten, daß ich weder selbst überzeugt bin, noch bei
    anderen um Glauben für sie werbe. Richtiger: ich weiß nicht,
    wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das affektive
    Moment der Überzeugung hier gar nicht in Betracht zu kommen
    braucht. Man kann sich doch einem Gedankengang hingeben, ihn

    1) Übersetzung von Rud. Kaßner.

  • S.

    56

    verfolgen, soweit er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde,
    oder wenn man will, als advocatus diaboli, der sich darum doch
    nicht dem Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der
    dritte Schritt in der Trieblehre, den ich hier unternehme, nicht
    die Sicherheit beanspruchen kann, wie die beiden früheren, die Er-
    weiterung des Begriffes der Sexualität und die Aufstellung des
    Narzißmus. Diese Neuerungen waren direkte Übersetzungen der
    Beobachtung in Theorie, mit nicht größeren Fehlerquellen behaftet,
    als in all solchen Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung des
    regressiven Charakters der Triebe ruht allerdings auch auf
    beobachtetem Material, nämlich auf den Tatsachen des Wieder-
    holungszwanges. Allein vielleicht habe ich deren Bedeutung über-
    schätzt. Die Durchführung dieser Idee ist jedenfalls nicht anders
    möglich, als daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit
    bloß Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der Beob-
    achtung entfernt. Man weiß, daß das Endergebnis um so unver-
    läßlicher wird, je öfter man dies während des Aufbaues einer
    Theorie tut, aber der Grad der Unsicherheit ist nicht angebbar.
    Man kann dabei glücklich geraten haben oder schmählich in die
    Irre gegangen sein. Der sogenannten Intuition traue ich bei solchen
    Arbeiten wenig zu; was ich von ihr gesehen habe, schien mir eher
    der Erfolg einer gewissen Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß
    man leider selten unparteiisch ist, wo es sich um die letzten Dinge,
    die großen Probleme der Wissenschaft und des Lebens handelt. Ich
    glaube, ein jeder wird da von innerlich tief begründeten Vorlieben
    beherrscht, denen er mit seiner Spekulation unwissentlich in die
    Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen bleibt wohl
    nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse der
    eigenen Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen,
    daß solche Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen
    abweichende Meinungen verpflichtet. Man darf unerbittlich Theorien
    abweisen, denen schon die ersten Schritte in der Analyse der Beob-
    achtung widersprechen, und kann dabei doch wissen, daß die Rich-
    tigkeit derer, die man vertritt, doch nur eine vorläufige ist. In
    der Beurteilung unserer Spekulation über die Lebens‑ und Todes-
    triebe würde es uns wenig stören, daß so viel befremdende und
    unanschauliche Vorgänge darin vorkommen, wie ein Trieb werde

  • S.

    57

    von anderen herausgedrängt, oder er wende sich vom Ich zum
    Objekt u. dgl. Dies rührt nur daher, daß wir genötigt sind, mit
    den wissenschaftlichen Termini, das heißt mit der eigenen Bilder-
    sprache der Psychologie (richtig: der Tiefenpsychologie) zu ar-
    beiten. Sonst könnten wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt
    nicht beschreiben, ja würden sie gar nicht wahrgenommen haben.
    Die Mängel unserer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwin-
    den, wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon die phy-
    siologischen oder chemischen einsetzen könnten. Diese gehören zwar
    auch nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit längerer Zeit
    vertrauten und vielleicht auch einfacheren.

    Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Unsicher-
    heit unserer Spekulation zu einem hohen Grade durch die Nötigung
    gesteigert wurde, Anleihen bei der biologischen Wissenschaft zu
    machen. Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten
    Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Aufklärungen von
    ihr zu erwarten und können nicht erraten, welche Antworten sie
    auf die von uns an sie gestellten Fragen einige Jahrzehnte später
    geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer
    künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn dem so
    ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt man also solche Ar-
    beiten, wie die in diesem Abschnitt niedergelegte, und warum bringt
    man sie doch zur Mitteilung? Nun, ich kann nicht in Abrede
    stellen, daß einige der Analogien, Verknüpfungen und Zusammen-
    hänge darin mir der Beachtung würdig erschienen sind1).

    1) Anschließend hier einige Worte zur Klärung unserer Namengebung, die
    im Laufe dieser Erörterungen eine gewisse Entwicklung durchgemacht hat.
    Was „Sexualtriebe“ sind, wußten wir aus ihrer Beziehung zu den Geschlechtern
    und zur Fortpflanzungsfunktion. Wir behielten dann diesen Namen bei, als
    wir durch die Ergebnisse der Psychoanalyse genötigt waren, deren Beziehung
    zur Fortpflanzung zu lockern. Mit der Aufstellung der narzißtischen Libido
    und der Ausdehnung des Libidobegriffes auf die einzelne Zelle wandelte sich
    uns der Sexualtrieb zum Eros, der die Teile der lebenden Substanz zu einander
    zu drängen und zusammenzuhalten sucht, und die gemeinhin so genannten
    Sexualtriebe erscheinen als der dem Objekt zugewandte Anteil dieses Eros.
    Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom Anfang des Lebens an wirken und
    als „Lebenstrieb“ im Gegensatz zum „Todestrieb“ treten, der durch die Be-
    lebung des Anorganischen entstanden ist. Sie versucht das Rätsel des Lebens
    durch die Annahme dieser beiden von Uranfang an miteinander ringenden
    Triebe zu lösen.

  • S.

    58

    VII.

    Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter der Triebe ist,
    daß sie einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, so dürfen
    wir uns nicht darüber verwundern, daß im Seelenleben so viele
    Vorgänge sich unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. Dieser Cha-
    rakter würde sich jedem Partialtrieb mitteilen und sich in seinem
    Falle auf die Wiedererreichung einer bestimmten Station des Ent-
    wicklungsweges beziehen. Aber all dies, worüber das Lustprinzip
    noch keine Macht bekommen hat, brauchte darum noch nicht im
    Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch ungelöst,
    das Verhältnis der triebhaften Wiederholungsvorgänge zur Herr-
    schaft des Lustprinzips zu bestimmen.

    Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten Funk-
    tionen des seelischen Apparates erkannt, die anlangenden Trieb-
    regungen zu „binden“, den in ihnen herrschenden Primärvorgang
    durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre frei bewegliche Be-
    setzungsenergie in vorwiegend ruhende (tonische) Besetzung umzu-
    wandeln. Während dieser Umsetzung kann auf die Entwicklung
    von Unlust nicht Rücksicht genommen werden, allein das Lust-
    prinzip wird dadurch nicht aufgehoben. Die Umsetzung geschieht
    vielmehr im Dienste des Lustprinzips; die Bindung ist ein vor-
    bereitender Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet und
    sichert.

    Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer voneinander, als
    wir es bisher getan haben. Das Lustprinzip ist dann eine Tendenz,
    welche im Dienste einer Funktion steht, der es zufällt, den seeli-
    schen Apparat überhaupt erregungslos zu machen, oder den Betrag
    der Erregung in ihm konstant oder möglichst niedrig zu erhalten.
    Wir können uns noch für keine dieser Fassungen sicher entscheiden,

  • S.

    59

    aber wir merken, daß die so bestimmte Funktion Anteil hätte an
    dem allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur Ruhe der anorga-
    nischen Welt zurückzukehren. Wir haben alle erfahren, daß die
    größte uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit dem momen-
    tanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung verbunden ist.
    Die Bindung der Triebregung wäre aber eine vorbereitende Funk-
    tion, welche die Erregung für ihre endgültige Erledigung in der
    Abfuhrlust zurichten soll.

    Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob die
    Lust‑ und Unlustempfindungen von den gebundenen wie von den
    ungebundenen Erregungsvorgängen in gleicher Weise erzeugt wer-
    den können. Da erscheint es denn ganz unzweifelhaft, daß die un-
    gebundenen, die Primärvorgänge weit intensivere Empfindungen
    nach beiden Richtungen ergeben als die gebundenen, die des Se-
    kundärvorganges. Die Primärvorgänge sind auch die zeitlich frü-
    heren, zu Anfang des Seelenlebens gibt es keinen anderen, und wir
    können schließen, wenn das Lustprinzip nicht schon bei ihnen in
    Wirksamkeit wäre, könnte es sich überhaupt für die späteren nicht
    herstellen. Wir kommen so zu dem im Grunde nicht einfachen
    Ergebnis, daß das Luststreben zu Anfang des seelischen Lebens
    sich weit intensiver äußert als späterhin, aber nicht so unein-
    geschränkt; es muß sich häufige Durchbrüche gefallen lassen. In
    reiferen Zeiten ist die Herrschaft des Lustprinzips sehr viel mehr
    gesichert, aber dieses selbst ist der Bändigung so wenig entgangen
    wie die anderen Triebe überhaupt. Jedenfalls muß das, was am
    Erregungsvorgange die Empfindungen von Lust und Unlust ent-
    stehen läßt, beim Sekundärvorgang ebenso vorhanden sein wie beim
    Primärvorgang.

    Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien einzusetzen. Unser
    Bewußtsein vermittelt uns von innen her nicht nur die Empfin-
    dungen von Lust und Unlust, sondern auch von einer eigentümlichen
    Spannung, die selbst wieder eine lustvolle oder unlustvolle sein
    kann. Sind es nun die gebundenen und die ungebundenen Energie-
    vorgänge, die wir mittels dieser Empfindungen voneinander unter-
    scheiden sollen, oder ist die Spannungsempfindung auf die absolute
    Größe, eventuell das Niveau der Besetzung zu beziehen, während
    die Lust‑Unlustreihe auf die Änderung der Besetzungsgröße in der

  • S.

    60

    Zeiteinheit hindeutet? Es muß uns auch auffallen, daß die Lebens-
    triebe so viel mehr mit unserer inneren Wahrnehmung zu tun
    haben, da sie als Störenfriede auftreten, unausgesetzt Spannungen
    mit sich bringen, deren Erledigung als Lust empfunden wird, wäh-
    rend die Todestriebe ihre Arbeit unauffällig zu leisten scheinen.
    Das Lustprinzip scheint geradezu im Dienste der Todestriebe zu
    stehen; es wacht allerdings auch über die Reize von außen, die
    von beiderlei Triebarten als Gefahren eingeschätzt werden, aber ganz 
    besonders über die Reizsteigerungen von innen her, die eine Er-
    schwerung der Lebensaufgabe erzielen. Hieran knüpfen sich un-
    gezählte andere Fragen, deren Beantwortung jetzt nicht möglich
    ist. Man muß geduldig sein und auf weitere Mittel und Anlässe
    zur Forschung warten. Auch bereit bleiben, einen Weg wieder
    zu verlassen, den man eine Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts
    Gutem zu führen scheint. Nur solche Gläubige, die von der Wissen-
    schaft einen Ersatz für den aufgegebenen Katechismus fordern, wer-
    den dem Forscher die Fortbildung oder selbst die Umbildung seiner
    Ansichten verübeln dürfen. Im übrigen mag uns ein Dichter über
    die langsamen Fortschritte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis
    trösten:

    „Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken.
    …
    Die Schrift sagt, es ist keine Sünde zu hinken“1).

    1) Rückert in den Makamen des Hariri.