S.
[393]
V
DIE ABHÄNGIGKEITEN DES ICHSDie Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen, daß sich
keine der Überschriften ganz mit dem Inhalt der Kapitel deckt,
und daß wir immer wieder auf bereits Erledigtes zurückgreifen,
wenn wir neue Beziehungen studieren wollen.So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich zum guten
Teil aus Identifizierungen bildet, welche aufgelassene Besetzungen
des Es ablösen, daß die ersten dieser Identifizierungen sich regel-
mäßig als besondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über‑Ich
dem Ich entgegenstellen, während das erstarkte Ich sich später-
hin gegen solche Identifizierungseinflüsse resistenter verhalten
mag. Das Über‑Ich verdankt seine besondere Stellung im Ich
oder zum Ich einem Moment, das von zwei Seiten her ein-
geschätzt werden soll, erstens, daß es die erste Identifizierung ist,
die vorfiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens, daß
es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten
Objekte ins Ich einführte. Es verhält sich gewissermaßen zu den
späteren Ichveränderungen wie die primäre Sexualphase der Kind-
heit zum späteren Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen
späteren Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem Vater-
komplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich dem Ich ent-
gegenzustellen und es zu meistern. Es ist das Denkmal der
einstigen Schwäche und Abhängigkeit des Ichs und setzt seine
Herrschaft auch über das reife Ich fort. Wie das Kind unterS.
394
dem Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unterwirft
sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines Über‑Ichs.Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen des Es, also
vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für das Über-Ich noch mehr.
Sie bringt es, wie wir bereits ausgeführt haben, in Beziehung zu
den phylogenetischen Erwerbungen des Es und macht es zur
Reinkarnation früherer Ichbildungen, die ihre Niederschläge im
Es hinterlassen haben. Somit steht das Über-Ich dem Es dauernd
nahe und kann dem Ich gegenüber dessen Vertretung führen.
Es taucht tief ins Es ein, ist dafür entfernter vom Bewußtsein
als das Ich.1Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn wir uns
gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die längst keine Neuheit
sind, aber ihrer theoretischen Verarbeitung noch warten.Es gibt Personen, die sich in der analytischen Arbeit ganz
sonderbar benehmen. Wenn man ihnen Hoffnung gibt und
ihnen Zufriedenheit mit dem Stand der Behandlung zeigt, scheinen
sie unbefriedigt und verschlechtern regelmäßig ihr Befinden. Man
hält das anfangs für Trotz und Bemühen, dem Arzt ihre Über-
legenheit zu bezeugen. Später kommt man zu einer tieferen und
gerechteren Auffassung. Man überzeugt sich nicht nur, daß diese
Personen kein Lob und keine Anerkennung vertragen, sondern,
daß sie auf die Fortschritte der Kur in verkehrter Weise
reagieren. Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges
Aussetzen der Symptome zur Folge haben sollte und bei anderen
auch hat, ruft bei ihnen eine momentane Verstärkung ihres
Leidens hervor, sie verschlimmern sich während der Behandlung,
anstatt sich zu bessern. Sie zeigen die sogenannte negative
therapeutische Reaktion.Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung wider-
setzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr gefürchtet wird.1)Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder metapsychologische Ich
steht auf dem Kopf wie das anatomische, das Gehirnmännchen.S.
395
Man sagt, bei diesen Personen hat nicht der Genesungswille,
sondern das Krankheitsbedürfnis die Oberhand. Analysiert man
diesen Widerstand in gewohnter Weise, zieht die Trotzeinstellung
gegen den Arzt, die Fixierung an die Formen des Krankheits-
gewinnes von ihm ab, so bleibt doch das meiste noch bestehen
und dies erweist sich als das stärkste Hindernis der Wieder-
herstellung, stärker als die uns bereits bekannten der narzißtischen
Unzugänglichkeit, der negativen Einstellung gegen den Arzt und
des Haftens am Krankheitsgewinne.Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um einen
sozusagen „moralischen“ Faktor handelt, um ein Schuldgefühl,
welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die
Strafe des Leidens nicht verzichten will. An dieser wenig tröst-
lichen Aufklärung darf man endgültig festhalten. Aber dies
Schuldgefühl ist für den Kranken stumm, es sagt ihm nicht, daß
er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig, sondern krank. Dies
Schuldgefühl äußert sich nur als schwer reduzierbarer Widerstand
gegen die Herstellung. Es ist auch besonders schwierig, den Kranken
von diesem Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich
an die näher liegende Erklärung halten, daß die analytische Kur
nicht das richtige Mittel ist, ihm zu helfen.11)Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuldgefühls wird dem
Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts
anderes, als daß man langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt,
wobei es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine besondere
Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies ubw Schuldgefühl ein entlehntes
ist, das heißt das Ergebnis der Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal
Objekt einer erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuldgefühls ist
oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufgegebenen Liebesbeziehung. Die
Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei Melancholie ist dabei unverkennbar. Kann man
diese einstige Objektbesetzung hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist die
therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der Ausgang der therapeutischen
Bemühung keineswegs gesichert. Er hängt in erster Linie von der Intensität des
Schuldgefühls ab, welcher die Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größen-
ordnung entgegenstellen kann. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analytikers
es zuläßt, daß sie vom Kranken an die Stelle seines Ichideals gesetzt werde, womit
die Versuchung verbunden ist, gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seelen-
retters, Heilands zu spielen. Da die Regeln der Analyse einer solchen VerwendungS.
396
Was hier beschrieben wurde, entspricht den extremsten Vor-
kommnissen, dürfte aber in geringerem Ausmaß für sehr viele,
vielleicht für alle schwereren Fälle von Neurose in Betracht
kommen. Ja, noch mehr, vielleicht ist es gerade dieser Faktor,
das Verhalten des Ichideals, der die Schwere einer neurotischen
Erkrankung maßgebend bestimmt. Wir wollen darum einigen
weiteren Bemerkungen über die Äußerung des Schuldgefühls
unter verschiedenen Bedingungen nicht aus dem Wege gehen.Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet der
Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der Spannung
zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer
Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz. Die bekannten
Minderwertigkeitsgefühle der Neurotiker dürften nicht weit davon
abliegen. In zwei uns wohlvertrauten Affektionen ist das Schuld-
gefühl überstark bewußt; das Ichideal zeigt dann eine besondere
Strenge und wütet gegen das Ich oft in grausamer Weise. Neben
dieser Übereinstimmung ergeben sich bei den beiden Zuständen,
Zwangsneurose und Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten
des Ichideals, die nicht minder bedeutungsvoll sind.Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen derselben) ist das
Schuldgefühl überlaut, kann sich aber vor dem Ich nicht recht-
fertigen. Das Ich des Kranken sträubt sich daher gegen die Zu-
mutung, schuldig zu sein, und verlangt vom Arzt, in seiner
Ablehnung dieser Schuldgefühle bestärkt zu werden. Es wäre
töricht, ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. Die Analyse
zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge beeinflußt wird,
welche dem Ich unbekannt geblieben sind. Es lassen sich wirklich
die verdrängten Impulse auffinden, welche das Schuldgefühl
begründen. Das Über-Ich hat hier mehr vom unbewußten Es
gewußt als das Ich.der ärztlichen Persönlichkeit entschieden widerstreben, ist ehrlich zuzugeben, daß
hier eine neue Schranke für die Wirkung der Analyse gegeben ist, die ja die
krankhaften Reaktionen nicht unmöglich machen, sondern dem Ich des Kranken die
Freiheit schaffen soll, sich so oder anders zu entscheiden.S.
397
Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich das Bewußtsein
an sich gerissen hat, bei der Melancholie. Aber hier wagt das
Ich keinen Einspruch, es bekennt sich schuldig und unterwirft
sich den Strafen. Wir verstehen diesen Unterschied. Bei der
Zwangsneurose handelte es sich um anstößige Regungen, die
außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der Melancholie aber ist
das Objekt, dem der Zorn des Über-Ichs gilt, durch Identifizierung
ins Ich aufgenommen worden.Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen beiden
neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine so außerordent-
liche Stärke erreicht, aber das Hauptproblem der Situation liegt
doch an anderer Stelle. Wir schieben seine Erörterung auf, bis
wir die anderen Fälle behandelt haben, in denen das Schuldgefühl
unbewußt bleibt.Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zuständen vom
hysterischen Typus zu finden. Der Mechanismus des Unbewußt-
bleibens ist hier leicht zu erraten. Das hysterische Ich erwehrt
sich der peinlichen Wahrnehmung, die ihm von Seiten der
Kritik seines Über-Ichs droht, in derselben Weise, wie es sich
sonst einer unerträglichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt,
durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt also am Ich, wenn
das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir wissen, daß sonst das Ich
die Verdrängungen im Dienst und Auftrag seines Über‑Ichs
vornimmt; hier ist aber ein Fall, wo es sich derselben Waffe
gegen seinen gestrengen Herrn bedient. Bei der Zwangsneurose
überwiegen bekanntlich die Phänomene der Reaktionsbildung;
hier gelingt dem Ich nur die Fernhaltung des Materials, auf
welches sich das Schuldgefühl bezieht.Man kann weiter gehen und die Voraussetzung wagen, daß
ein großes Stück des Schuldgefühls normalerweise unbewußt
sein müsse, weil die Entstehung des Gewissens innig an den
Ödipuskomplex geknüpft ist, welcher dem Unbewußten angehört.
Würde jemand den paradoxen Satz vertreten wollen, daß derS.
398
normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist, als er glaubt,
sondern auch viel moralischer, als er weiß, so hätte die Psycho-
analyse, auf deren Befunden die erste Hälfte der Behauptung ruht,
auch gegen die zweite Hälfte nichts einzuwenden.1Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine Steigerung
dieses ubw Schuldgefühls den Menschen zum Verbrecher machen
kann. Aber es ist unzweifelhaft so. Es läßt sich bei vielen,
besonders jugendlichen Verbrechern, ein mächtiges Schuldgefühl
nachweisen, welches vor der Tat bestand, also nicht deren Folge,
sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung empfunden
würde, dies unbewußte Schuldgefühl an etwas Reales und Aktuelles
knüpfen zu können.In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich seine Unab-
hängigkeit vom bewußten Ich und seine innigen Beziehungen
zum unbewußten Es. Nun erhebt sich mit Rücksicht auf die
Bedeutung, die wir den vorbewußten Wortresten im Ich
zugeschrieben haben, die Frage, ob das Über-Ich, wenn es ubw
ist, nicht aus solchen Wortvorstellungen, oder aus was sonst es
besteht. Die bescheidene Antwort wird lauten, daß das Über-Ich
auch seine Herkunft aus Gehörtem unmöglich verleugnen kann,
es ist ja ein Teil des Ichs und bleibt von diesen Wortvorstellungen
(Begriffen, Abstraktionen) her dem Bewußtsein zugänglich, aber
die Besetzungsenergie wird diesen Inhalten des Über-Ichs nicht
von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht, der Lektüre, sondern
von den Quellen im Es zugeführt.Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt hatten,
lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich wesentlich als
Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuldgefühl ist die dieser
Kritik entsprechende Wahrnehmung im Ich) äußert und dabei
eine so außerordentliche Härte und Strenge gegen das Ich entfaltet.1)Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt einfach, daß die Natur
des Menschen im Guten wie im Bösen weit über das hinausgeht, was er von sich
glaubt, das heißt was seinem Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist.S.
399
Wenden wir uns zunächst zur Melancholie, so finden wir, daß
das überstarke Über‑Ich, welches das Bewußtsein an sich gerissen
hat, gegen das Ich mit schonungsloser Heftigkeit wütet, als ob
es sich des ganzen im Individuum verfügbaren Sadismus bemächtigt
hätte. Nach unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen,
die destruktive Komponente habe sich im Über-Ich abgelagert
und gegen das Ich gewendet. Was nun im Über-Ich herrscht,
ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich gelingt
es diesem oft genug, das Ich in den Tod zu treiben, wenn das
Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in Manie seines
Tyrannen erwehrt.Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissensvorwürfe
bei bestimmten Formen der Zwangsneurose, aber die Situation
ist hier weniger durchsichtig. Es ist im Gegensatz zur Melancholie
bemerkenswert, daß der Zwangskranke eigentlich niemals den
Schritt der Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen die
Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt als der Hysteriker.
Wir verstehen, es ist die Erhaltung des Objekts, die die Sicher-
heit des Ichs verbürgt. Bei der Zwangsneurose ist es durch eine
Regression zur prägenitalen Organisation möglich geworden, daß
die Liebesimpulse sich in Aggressionsimpulse gegen das Objekt
umsetzen. Wiederum ist der Destruktionstrieb frei geworden und
will das Objekt vernichten, oder es hat wenigstens den Anschein,
als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Tendenzen nicht
aufgenommen, es sträubt sich gegen sie mit Reaktionsbildungen
und Vorsichtsmaßregeln; sie verbleiben im Es. Das Über‑Ich aber
benimmt sich, als wäre das Ich für sie verantwortlich, und zeigt
uns gleichzeitig durch den Ernst, mit dem es diese Vernichtungs-
absichten verfolgt, daß es sich nicht um einen durch die
Regression hervorgerufenen Anschein, sondern um wirklichen
Ersatz von Liebe durch Haß handelt. Nach beiden Seiten hilflos,
wehrt sich das Ich vergeblich gegen die Zumutungen des
mörderischen Es wie gegen die Vorwürfe des strafenden Gewissens.S.
400
Es gelingt ihm, gerade die gröbsten Aktionen beider zu hemmen,
das Ergebnis ist zunächst eine endlose Selbstqual und in der
weiteren Entwicklung eine systematische Quälerei des Objekts,
wo dies zugänglich ist.Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum auf ver-
schiedene Weise behandelt, teils durch Mischung mit erotischen
Komponenten unschädlich gemacht, teils als Aggression nach
außen abgelenkt, zum großen Teil setzen sie gewiß unbehindert
ihre innere Arbeit fort. Wie kommt es nun, daß bei der
Melancholie das Über-Ich zu einer Art Sammelstätte der Todes-
triebe werden kann?Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität, kann
man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, das Ich ist bemüht,
moralisch zu sein, das Über‑Ich kann hypermoralisch und dann
so grausam werden wie nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der
Mensch, je mehr er seine Aggression nach außen einschränkt,
desto strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird.
Der gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie
sieht in der Forderung des Ichideals das Motiv für die
Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache bleibt aber, wie
wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein Mensch seine Aggression
meistert, desto mehr steigert sich die Aggressionsneigung seines
Ideals gegen sein Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine
Wendung gegen das eigene Ich. Schon die gemeine, normale
Moral hat den Charakter des hart Einschränkenden, grausam
Verbietenden. Daher stammt ja die Konzeption des unerbittlich
strafenden höheren Wesens.Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern, ohne
eine neue Annahme einzuführen. Das Über‑Ich ist ja durch eine
Identifizierung mit dem Vatervorbild entstanden. Jede solche
Identifizierung hat den Charakter einer Desexualisierung oder
selbst Sublimierung. Es scheint nun, daß bei einer solchen Um-
setzung auch eine Triebentmischung stattfindet. Die erotischeS.
401
Komponente hat nach der Sublimierung nicht mehr die Kraft,
die ganze hinzugesetzte Destruktion zu binden, und diese wird
als Aggressions‑ und Destruktionsneigung frei. Aus dieser Ent-
mischung würde das Ideal überhaupt den harten, grausamen Zug
des gebieterischen Sollens beziehen.Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose. Hier liegen
die Verhältnisse anders. Die Entmischung der Liebe zur Aggression
ist nicht durch eine Leistung des Ichs zustande gekommen,
sondern die Folge einer Regression, die sich im Es vollzogen
hat. Aber dieser Vorgang hat vom Es auf das Über‑Ich über-
gegriffen, welches nun seine Strenge gegen das unschuldige Ich
verschärft. In beiden Fällen würde aber das Ich, welches die
Libido durch Identifizierung bewältigt hat, dafür die Strafe durch
die der Libido beigemengte Aggression vom Über‑Ich her erleiden.Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu klären, seine
verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit zu gewinnen. Wir
sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und in seinen Schwächen.
Es ist mit wichtigen Funktionen betraut, kraft seiner Beziehung
zum Wahrnehmungssystem stellt es die zeitliche Anordnung der
seelischen Vorgänge her und unterzieht dieselben der Realitäts-
prüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge erzielt es
einen Aufschub der motorischen Entladungen und beherrscht die
Zugänge zur Motilität. Letztere Herrschaft ist allerdings mehr
formal als faktisch, das Ich hat in der Beziehung zur Handlung
etwa die Stellung eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen
Sanktion nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über-
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments sein Veto
einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen Lebenserfahrungen von
außen; das Es aber ist seine andere Außenwelt, die es sich zu
unterwerfen strebt. Es entzieht dem Es Libido, bildet die Objekt-
besetzungen des Es zu Ichgestaltungen um. Mit Hilfe des Über-Ichs
schöpft es in einer für uns noch dunklen Weise aus den im
Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit.S.
402
Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es ins Ich
eindringen kann. Der eine ist der direkte, der andere führt über
das Ichideal, und es mag für manche seelische Tätigkeiten
entscheidend sein, auf welchem der beiden Wege sie erfolgen.
Das Ich entwickelt sich von der Triebwahrnehmung zur Trieb-
beherrschung, vom Triebgehorsam zur Triebhemmung. An dieser
Leistung hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung
gegen die Triebvorgänge des Es ist, seinen starken Anteil. Die
Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches dem Ich die fortschreitende
Eroberung des Es ermöglichen soll.Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding,
welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und demzufolge
unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der
Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge
des Über‑Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechen diesen drei
Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzuges vor der
Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt und
dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig machen und die
Welt mittels seiner Muskelaktionen dem Es-Wunsch gerecht
machen. Es benimmt sich eigentlich wie der Arzt in einer ana-
lytischen Kur, indem es sich selbst mit seiner Rücksichtnahme
auf die reale Welt dem Es als Libidoobjekt empfiehlt und dessen
Libido auf sich lenken will. Es ist nicht nur der Helfer des Es,
auch sein unterwürfiger Knecht, der um die Liebe seines Herrn
wirbt. Es sucht, wo möglich, im Einvernehmen mit dem Es zu
bleiben, überzieht dessen ubw Gebote mit seinen vbw Rationali-
sierungen, spiegelt den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen
der Realität vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig
geblieben ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität
und wo möglich auch die mit dem Über‑Ich. In seiner Mittel-
stellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur zu oft
der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch und lügnerisch
zu werden, etwa wie ein Staatsmann, der bei guter EinsichtS.
403
sich doch in der Gunst der öffentlichen Meinung be-
haupten will.Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht unparteiisch.
Durch seine Identifizierungs‑ und Sublimierungsarbeit leistet es
den Todestrieben im Es Beistand zur Bewältigung der Libido,
gerät aber dabei in Gefahr, zum Objekt der Todestriebe zu
werden und selbst umzukommen. Es hat sich zu Zwecken der
Hilfeleistung selbst mit Libido erfüllen müssen, wird dadurch
selbst Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt
werden.Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebentmischung und
Freiwerden der Aggressionstriebe im Über‑Ich zur Folge hat,
liefert es sich durch seinen Kampf gegen die Libido der Gefahr
der Mißhandlung und des Todes aus. Wenn das Ich unter der
Aggression des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt, so ist sein
Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, die an den
Zersetzungsprodukten zugrunde gehen, die sie selbst geschaffen
haben. Als solches Zersetzungsprodukt im ökonomischen Sinne
erscheint uns die im Über-Ich wirkende Moral.Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die vom Über‑Ich
die interessanteste.Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den dreierlei
Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den Fluchtreflex, indem
es seine eigene Besetzung von der bedrohlichen Wahrnehmung
oder dem ebenso eingeschätzten Vorgang im Es zurückzieht und
als Angst ausgibt. Diese primitive Reaktion wird später durch
Aufführung von Schutzbesetzungen abgelöst (Mechanismus der
Phobien). Was das Ich von der äußeren und von der Libidogefahr
im Es befürchtet, läßt sich nicht angeben; wir wissen, es ist
Überwältigung oder Vernichtung, aber es ist analytisch nicht zu
fassen. Das Ich folgt einfach der Warnung des Lustprinzips. Hin-
gegen läßt sich sagen, was sich hinter der Angst des Ichs vor
dem Über‑Ich, der Gewissensangst, verbirgt. Vom höheren Wesen,S.
404
welches zum Ichideal wurde, drohte einst die Kastration und
diese Kastrationsangst ist wahrscheinlich der Kern, um den sich
die spätere Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als
Gewissensangst fortsetzt.Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich Todesangst,
schließt kaum einen Sinn ein, ist jedenfalls nicht zu rechtfertigen.
Es scheint mir vielmehr durchaus richtig, die Todesangst von
der Objekt-(Real‑)Angst und von der neurotischen Libidoangst
zu sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein schweres Problem
auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff von negativem Inhalt,
für den eine unbewußte Entsprechung nicht zu finden ist. Der
Mechanismus der Todesangst könnte nur sein, daß das Ich seine
narzißtische Libidobesetzung in reichlichem Ausmaß entläßt, also
sich selbst aufgibt, wie sonst im Angstfalle ein anderes Objekt.
Ich meine, daß die Todesangst sich zwischen Ich und Über-Ich
abspielt.Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter zwei Bedin-
gungen, die übrigens denen der sonstigen Angstentwicklung
durchaus analog sind, als Reaktion auf eine äußere Gefahr und
als inneren Vorgang, zum Beispiel bei Melancholie. Der
neurotische Fall mag uns wieder einmal zum Verständnis des
realen verhelfen.Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Erklärung
zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich vom Über-Ich gehaßt
und verfolgt anstatt geliebt fühlt. Leben ist also für das Ich
gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden,
das auch hier als Vertreter des Es auftritt. Das ÜberIch vertritt
dieselbe schützende und rettende Funktion wie früher der Vater,
später die Vorsehung oder das Schicksal. Denselben Schluß muß
das Ich aber auch ziehen, wenn es sich in einer übergroßen
realen Gefahr befindet, die es aus eigenen Kräften nicht glaubt
überwinden zu können. Es sieht sich von allen schützenden
Mächten verlassen und läßt sich sterben. Es ist übrigens immerS.
405
noch dieselbe Situation, die dem ersten großen Angstzustand der
Geburt und der infantilen Sehnsucht-Angst zugrunde lag, die der
Trennung von der schützenden Mutter.Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todesangst wie
die Gewissensangst als Verarbeitung der Kastrationsangst aufgefaßt
werden. Bei der großen Bedeutung des Schuldgefühls für die
Neurosen ist es auch nicht von der Hand zu weisen, daß die
gemeine neurotische Angst in schweren Fällen eine Verstärkung
durch die Angstentwicklung zwischen Ich und Über‑Ich (Kastrations‑,
Gewissens‑, Todesangst) erfährt.Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat keine Mittel,
dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen. Es kann nicht sagen, was
es will; es hat keinen einheitlichen Willen zustande gebracht.
Eros und Todestrieb kämpfen in ihm; wir haben gehört, mit
welchen Mitteln sich die einen Triebe gegen die anderen zur
Wehre setzen. Wir könnten es so darstellen, als ob das Es unter
der Herrschaft der stummen, aber mächtigen Todestriebe stünde,
die Ruhe haben und den Störenfried Eros nach den Winken
des Lustprinzips zur Ruhe bringen wollen, aber wir besorgen,
doch dabei die Rolle des Eros zu unterschätzen.
You are here
Das Ich und das Es1923-003/1925
1923-003/1925/5