Das Ich und das Es1923-003/1923
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    V 
    DIE ABHÄNGIGKEITEN DES ICHS

    Die Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen,
    daß sich keine der Überschriften ganz mit dem In-
    halt der Kapitel deckt, und daß wir immer wieder auf
    bereits Erledigtes zurückgreifen, wenn wir neue Be-
    ziehungen studieren wollen.

    So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich
    zum guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche
    aufgelassene Besetzungen des Es ablösen, daß die
    ersten dieser Identifizierungen sich regelmäßig als be-
    sondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über‑Ich
    dem Ich entgegenstellen, während das erstarkte Ich
    sich späterhin gegen solche Identifizierungseinflüsse
    resistenter verhalten mag. Das Über‑Ich verdankt seine
    besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment,
    das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll,
    erstens, daß es die erste Identifizierung ist, die vor-
    fiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens,
    daß es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die
    großartigsten Objekte ins Ich einführte. Es verhält

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    sich gewissermaßen zu den späteren Ichveränderungen
    wie die primäre Sexualphase der Kindheit zum späteren
    Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen späteren
    Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den
    Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem
    Vaterkomplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich
    dem Ich entgegenzustellen und es zu meistern. Es
    ist das Denkmal der einstigen Schwäche und Ab-
    hängigkeit des Ichs und setzt seine Herrschaft auch
    über das reife Ich fort. Wie das Kind unter dem
    Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unter-
    wirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines
    Über‑Ichs.

    Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen
    des Es, also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für
    das Über-Ich noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits
    ausgeführt haben, in Beziehung zu den phylogenetischen
    Erwerbungen des Es und macht es zur Reinkarnation
    früherer Ichbildungen, die ihre Niederschläge im Es
    hinterlassen haben. Somit steht das Über-Ich dem Es
    dauernd nahe und kann dem Ich gegenüber dessen
    Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür
    entfernter vom Bewußtsein als das Ich.1

    Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn
    wir uns gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die

    1)Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder meta-
    psychologische Ich steht auf dem Kopf wie das anatomische, das
    Gehirnmännchen.

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    längst keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen
    Verarbeitung noch warten.

    Es gibt Personen, die sich in der analytischen
    Arbeit ganz sonderbar benehmen. Wenn man ihnen
    Hoffnung gibt und ihnen Zufriedenheit mit dem Stand
    der Behandlung zeigt, scheinen sie unbefriedigt und
    verschlechtern regelmäßig ihr Befinden. Man hält das
    anfangs für Trotz und Bemühen, dem Arzt ihre Über-
    legenheit zu bezeugen. Später kommt man zu einer
    tieferen und gerechteren Auffassung. Man überzeugt
    sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine
    Anerkennung vertragen, sondern, daß sie auf die
    Fortschritte der Kur in verkehrter Weise reagieren.
    Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges
    Aussetzen der Symptome zur Folge haben sollte und
    bei anderen auch hat, ruft bei ihnen eine momentane
    Verstärkung ihres Leidens hervor, sie verschlimmern
    sich während der Behandlung anstatt sich zu bessern.
    Sie zeigen die sogenannte negative therapeutische
    Reaktion.

    Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung
    widersetzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr
    gefürchtet wird. Man sagt, bei diesen Personen hat
    nicht der Genesungswille, sondern das Krankheits-
    bedürfnis die Oberhand. Analysiert man diesen Wider-
    stand in gewohnter Weise, zieht die Trotzeinstellung
    gegen den Arzt, die Fixierung an die Formen des
    Krankheitsgewinnes von ihm ab, so bleibt doch das

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    meiste noch bestehen und dies erweist sich als das
    stärkste Hindernis der Wiederherstellung, stärker als
    die uns bereits bekannten der narzißtischen Unzugäng-
    lichkeit, der negativen Einstellung gegen den Arzt und
    des Haftens am Krankheitsgewinne.

    Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um
    einen sozusagen „moralischen“ Faktor handelt, um
    ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Be-
    friedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht
    verzichten will. An dieser wenig tröstlichen Aufklärung
    darf man endgiltig festhalten. Aber dies Schuldgefühl
    ist für den Kranken stumm, es sagt ihm nicht, daß
    er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig, sondern
    krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer
    reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es
    ist auch besonders schwierig, den Kranken von diesem
    Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich
    an die näher liegende Erklärung halten, daß die ana-
    lytische Kur nicht das richtige Mittel ist, ihm zu helfen.1

    1)Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuldgefühls 
    wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann
    direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man
    langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, wobei 
    es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine
    besondere Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies
    ubw Schuldgefühl ein entlehntes ist, d. h. das Ergebnis der
    Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal Objekt einer
    erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuldgefühls 
    ist oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufgegebenen

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    Was hier beschrieben wurde, entspricht den ex-
    tremsten Vorkommnissen, dürfte aber in geringerem
    Ausmaß für sehr viele, vielleicht für alle schwereren
    Fälle von Neurose in Betracht kommen. Ja noch mehr,
    vielleicht ist es gerade dieser Faktor, das Verhalten
    des Ichideals, der die Schwere einer neurotischen Er-
    krankung maßgebend bestimmt. Wir wollen darum
    einigen weiteren Bemerkungen über die Äußerung des
    Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen nicht
    aus dem Wege gehen.

    Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet
    der Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der
    Spannung zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der
    Ausdruck einer Verurteilung des Ichs durch seine

    Liebesbeziehung. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei Melancholie 
    ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige Objektbesetzung 
    hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist die
    therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der Ausgang
    der therapeutischen Bemühung keineswegs gesichert. Er hängt in
    erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab, welcher die
    Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größenordnung entgegenstellen 
    kann. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analytikers 
    es zuläßt, daß sie vom Kranken an die Stelle seines Ichideals
    gesetzt werde, womit die Versuchung verbunden ist, gegen den
    Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands zu spielen.
    Da die Regeln der Analyse einer solchen Verwendung der ärztlichen 
    Persönlichkeit entschieden widerstreben, ist ehrlich zuzugeben, 
    daß hier eine neue Schranke für die Wirkung der Analyse
    gegeben ist, die ja die krankhaften Reaktionen nicht unmöglich
    machen, sondern dem Ich des Kranken die Freiheit schaffen soll,
    sich so oder anders zu entscheiden.

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    kritische Instanz. Die bekannten Minderwertigkeits-
    gefühle der Neurotiker dürften nicht weit davon ab-
    liegen. In zwei uns wohlvertrauten Affektionen ist das
    Schuldgefühl überstark bewußt; das Ichideal zeigt dann
    eine besondere Strenge und wütet gegen das Ich oft
    in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung
    ergeben sich bei den beiden Zuständen, Zwangsneu-
    rose und Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten
    des Ichideals, die nicht minder bedeutungsvoll sind.

    Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen der-
    selben) ist das Schuldgefühl überlaut, kann sich aber
    vor dem Ich nicht rechtfertigen. Das Ich des Kranken
    sträubt sich daher gegen die Zumutung, schuldig zu
    sein, und verlangt vom Arzt, in seiner Ablehnung dieser
    Schuldgefühle bestärkt zu werden. Es wäre töricht,
    ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. Die Analyse
    zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge beein-
    flußt wird, welche dem Ich unbekannt geblieben sind.
    Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auf-
    finden, welche das Schuldgefühl begründen. Das Über-Ich 
    hat hier mehr vom unbewußten Es gewußt als
    das Ich.

    Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich
    das Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der Melan-
    cholie. Aber hier wagt das Ich keinen Einspruch, es
    bekennt sich schuldig und unterwirft sich den Strafen.
    Wir verstehen diesen Unterschied. Bei der Zwangs-
    neurose handelte es sich um anstößige Regungen, die

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    außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der Melan-
    cholie aber ist das Objekt, dem der Zorn des Über-Ichs 
    gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen
    worden.

    Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen
    beiden neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine
    so außerordentliche Stärke erreicht, aber das Haupt-
    problem der Situation liegt doch an anderer Stelle.
    Wir schieben seine Erörterung auf, bis wir die anderen
    Fälle behandelt haben, in denen das Schuldgefühl un-
    bewußt bleibt.

    Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zu-
    ständen vom hysterischen Typus zu finden. Der Mecha-
    nismus des Unbewußtbleibens ist hier leicht zu erraten.
    Das hysterische Ich erwehrt sich der peinlichen Wahr-
    nehmung, die ihm von Seiten der Kritik seines Über-Ichs 
    droht, in derselben Weise, wie es sich sonst einer
    unerträglichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt,
    durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt also am
    Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir
    wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst
    und Auftrag seines Über‑Ichs vornimmt; hier ist
    aber ein Fall, wo es sich derselben Waffe gegen
    seinen gestrengen Herrn bedient. Bei der Zwangs-
    neurose überwiegen bekanntlich die Phänomene der
    Reaktionsbildung; hier gelingt dem Ich nur die Fern-
    haltung des Materials, auf welches sich das Schuldgefühl
    bezieht.

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    Man kann weiter gehen und die Voraussetzung
    wagen, daß ein großes Stück des Schuldgefühls nor-
    maler Weise unbewußt sein müsse, weil die Ent-
    stehung des Gewissens innig an den Ödipuskomplex
    geknüpft ist, welcher dem Unbewußten angehört. Würde
    jemand den paradoxen Satz vertreten wollen, daß der
    normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist als
    er glaubt, sondern auch viel moralischer als er weiß,
    so hätte die Psychoanalyse, auf deren Befunden die
    erste Hälfte der Behauptung ruht, auch gegen die
    zweite Hälfte nichts einzuwenden.1

    Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine
    Steigerung dieses ubw Schuldgefühls den Menschen
    zum Verbrecher machen kann. Aber es ist unzweifel-
    haft so. Es läßt sich bei vielen, besonders jugendlichen
    Verbrechern ein mächtiges Schuldgefühl nachweisen,
    welches vor der Tat bestand, also nicht deren Folge,
    sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung
    empfunden würde, dies unbewußte Schuldgefühl an
    etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können.

    In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich
    seine Unabhängigkeit vom bewußten Ich und seine
    innigen Beziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt
    sich mit Rücksicht auf die Bedeutung, die wir den

    1)Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt
    einfach, daß die Natur des Menschen im Guten wie im Bösen
    weit über das hinausgeht, was er von sich glaubt, d. h. was seinem
    Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist.

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    vorbewußten Wortresten im Ich zugeschrieben haben, 
    die Frage, ob das ÜberIch, wenn es ubw ist, nicht
    aus solchen Wortvorstellungen, oder aus was sonst
    es besteht. Die bescheidene Antwort wird lauten, daß
    das Über-Ich auch seine Herkunft aus Gehörtem un-
    möglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs
    und bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen,
    Abstraktionen) eher dem Bewußtsein zugänglich, aber
    die Besetzungsenergie wird diesen Inhalten des Über-Ichs 
    nicht von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht,
    der Lektüre, sondern von den Quellen im Es zu-
    geführt.

    Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt
    hatten, lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich
    wesentlich als Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuld-
    gefühl ist die dieser Kritik entsprechende Wahrneh-
    mung im Ich) äußert und dabei eine so außerordent-
    liche Härte und Strenge gegen das Ich entfaltet. Wenden
    wir uns zunächst zur Melancholie, so finden wir, daß
    das überstarke Über‑Ich, welches das Bewußtsein an
    sich gerissen hat, gegen das Ich mit schonungsloser
    Heftigkeit wütet, als ob es sich des ganzen im Indi-
    viduum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach
    unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen,
    die destruktive Komponente habe sich im Über-Ich
    abgelagert und gegen das Ich gewendet. Was nun im
    Über‑Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todes-
    triebes, und wirklich gelingt es diesem oft genug, das

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    Ich in den Tod zu treiben, wenn das Ich sich nicht
    vorher durch den Umschlag in Manie seines Tyrannen
    erwehrt.

    Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissens-
    vorwürfe bei bestimmten Formen der Zwangsneurose,
    aber die Situation ist hier weniger durchsichtig. Es
    ist im Gegensatz zur Melancholie bemerkenswert,
    daß der Zwangskranke eigentlich niemals den Schritt
    der Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen
    die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt
    als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhal-
    tung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs ver-
    bürgt. Bei der Zwangsneurose ist es durch eine
    Regression zur prägenitalen Organisation möglich ge-
    worden, daß die Liebesimpulse sich in Aggressions-
    impulse gegen das Objekt umsetzen. Wiederum ist
    der Destruktionstrieb frei geworden und will das Ob-
    jekt vernichten, oder es hat wenigstens den Anschein,
    als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Ten-
    denzen nicht aufgenommen, es sträubt sich gegen sie
    mit Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln, sie
    verbleiben im Es. Das Über‑Ich aber benimmt sich,
    als wäre das Ich für sie verantwortlich, und zeigt uns
    gleichzeitig durch den Ernst, mit dem es diese Ver-
    nichtungsabsichten verfolgt, daß es sich nicht um einen
    durch die Regression hervorgerufenen Anschein, sondern
    um wirklichen Ersatz von Liebe durch Haß handelt.
    Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich vergeblich

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    gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie
    gegen die Vorwürfe des strafenden Gewissens. Es ge-
    lingt ihm, gerade die gröbsten Aktionen beider zu
    hemmen, das Ergebnis ist zunächst eine endlose Selbst-
    qual und in der weiteren Entwicklung eine systema-
    tische Quälerei des Objekts, wo dies zugänglich ist.

    Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum
    auf verschiedene Weise behandelt, teils durch Mischung
    mit erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils
    als Aggression nach außen abgelenkt, zum großen Teil
    setzen sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort.
    Wie kommt es nun, daß bei der Melancholie das Über-Ich 
    zu einer Art Sammelstätte der Todestriebe werden
    kann?

    Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der
    Moralität, kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch,
    das Ich ist bemüht moralisch zu sein, das Über‑Ich
    kann hypermoralisch und dann so grausam werden wie
    nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je
    mehr er seine Aggression nach außen einschränkt, desto
    strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird. Der
    gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie
    sieht in der Forderung des Ichideals das Motiv für die
    Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache bleibt
    aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein
    Mensch seine Aggression meistert, desto mehr steigert
    sich die Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein
    Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine Wendung gegen

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    das eigene Ich. Schon die gemeine, normale Moral
    hat den Charakter des hart Einschränkenden, grausam
    Verbietenden. Daher stammt ja die Konzeption des
    unerbittlich strafenden höheren Wesens.

    Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern,
    ohne eine neue Annahme einzuführen. Das Über‑Ich
    ist ja durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild
    entstanden. Jede solche Identifizierung hat den Charakter
    einer Desexualisierung oder selbst Sublimierung. Es
    scheint nun, daß bei einer solchen Umsetzung auch
    eine Triebentmischung stattfindet. Die erotische Kom-
    ponente hat nach der Sublimierung nicht mehr die Kraft,
    die ganze hinzugesetzte Destruktion zu binden, und diese
    wird als Aggressions‑ und Destruktionsneigung frei. Aus
    dieser Entmischung würde das Ideal überhaupt den
    harten, grausamen Zug des gebieterischen Sollens
    beziehen.

    Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose.
    Hier liegen die Verhältnisse anders. Die Entmischung der
    Liebe zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des
    Ichs zu Stande gekommen, sondern die Folge einer
    Regression, die sich im Es vollzogen hat. Aber dieser
    Vorgang hat vom Es auf das Über‑Ich übergegriffen,
    welches nun seine Strenge gegen das unschuldige Ich
    verschärft. In beiden Fällen würde aber das Ich, welches
    die Libido durch Identifizierung bewältigt hat, dafür
    die Strafe durch die der Libido beigemengte Aggression
    vom Über‑Ich her erleiden.

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    Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu
    klären, seine verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit
    zu gewinnen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und
    in seinen Schwächen. Es ist mit wichtigen Funktionen
    betraut, kraft seiner Beziehung zum Wahrnehmungs-
    system stellt es die zeitliche Anordnung der seelischen
    Vorgänge her und unterzieht dieselben der Realitäts-
    prüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge
    erzielt es einen Aufschub der motorischen Entladungen
    und beherrscht die Zugänge zur Motilität. Letztere
    Herrschaft ist allerdings mehr formal als faktisch, das
    Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stellung
    eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sanktion
    nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über-
    legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments
    sein Veto einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen
    Lebenserfahrungen von außen; das Es aber ist seine
    andere Außenwelt, die es sich zu unterwerfen strebt.
    Es entzieht dem Es Libido, bildet die Objektbesetzungen
    des Es zu Ichgestaltungen um. Mit Hilfe des Über-Ichs 
    schöpft es in einer für uns noch dunklen Weise aus
    den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit.

    Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es
    ins Ich eindringen kann. Der eine ist der direkte, der
    andere führt über das Ichideal, und es mag für manche
    seelische Tätigkeiten entscheidend sein, auf welchem der
    beiden Wege sie erfolgen. Das Ich entwickelt sich von
    der Triebwahrnehmung zur Triebbeherrschung, vom

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    Triebgehorsam zur Triebhemmung. An dieser Leistung
    hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung
    gegen die Triebvorgänge des Es ist, seinen starken
    Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches
    dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermög-
    lichen soll.

    Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes
    Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und
    demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Ge-
    fahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido
    des Es und von der Strenge des Über‑Ichs. Dreierlei
    Arten von Angst entsprechen diesen drei Gefahren,
    denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzugs vor der
    Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt
    und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig
    machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen
    dem Es-Wunsch gerecht machen. Es benimmt sich
    eigentlich wie der Arzt in einer analytischen Kur, in-
    dem es sich selbst mit seiner Rücksichtnahme auf die
    reale Welt dem Es als Libidoobjekt empfiehlt und dessen
    Libido auf sich lenken will. Es ist nicht nur der Helfer
    des Es, auch sein unterwürfiger Knecht, der um die
    Liebe seines Herrn wirbt. Es sucht, wo möglich, im
    Einvernehmen mit dem Es zu bleiben, überzieht dessen
    ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisierungen, spiegelt
    den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen der Realität
    vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig geblieben
    ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität und

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    wo möglich auch die mit dem Über‑Ich. In seiner
    Mittelstellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur
    zu oft der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch
    und lügnerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann,
    der bei guter Einsicht sich doch in der Gunst der
    öffentlichen Meinung behaupten will.

    Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht un-
    parteiisch. Durch seine Identifizierungs‑ und Sublimie-
    rungsarbeit leistet es den Todestrieben im Es Beistand
    zur Bewältigung der Libido, gerät aber dabei in Gefahr,
    zum Objekt der Todestriebe zu werden und selbst um-
    zukommen. Es hat sich zu Zwecken der Hilfeleistung
    selbst mit Libido erfüllen müssen, wird dadurch selbst
    Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt
    werden.

    Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebent-
    mischung und Freiwerden der Aggressionstriebe im
    Über‑Ich zur Folge hat, liefert es sich durch seinen
    Kampf gegen die Libido der Gefahr der Mißhandlung
    und des Todes aus. Wenn das Ich unter der Aggres-
    sion des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt, so ist
    sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten,
    die an den Zersetzungsprodukten zu Grunde gehen,
    die sie selbst geschaffen haben. Als solches Zersetzungs-
    produkt im ökonomischen Sinne erscheint uns die im
    Über-Ich wirkende Moral.

    Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die
    vom Über‑Ich die interessanteste.

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    Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den
    dreierlei Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den
    Fluchtreflex, indem es seine eigene Besetzung von der
    bedrohlichen Wahrnehmung oder dem ebenso einge-
    schätzten Vorgang im Es zurückzieht und als Angst
    ausgibt. Diese primitive Reaktion wird später durch
    Aufführung von Schutzbesetzungen abgelöst (Mechanis-
    mus der Phobien). Was das Ich von der äußeren und
    von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht
    angeben; wir wissen, es ist Überwältigung oder Ver-
    nichtung, aber es ist analytisch nicht zu fassen. Das
    Ich folgt einfach der Warnung des Lustprinzips. Hin-
    gegen läßt sich sagen, was sich hinter der Angst des
    Ichs vor dem Über‑Ich, der Gewissensangst, verbirgt.
    Vom höheren Wesen, welches zum Ichideal wurde,
    drohte einst die Kastration und diese Kastrationsangst
    ist wahrscheinlich der Kern, um den sich die spätere
    Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als Ge-
    wissensangst fortsetzt.

    Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich
    Todesangst, schließt kaum einen Sinn ein, ist jeden-
    falls nicht zu rechtfertigen. Es scheint mir vielmehr
    durchaus richtig, die Todesangst von der 
    Objekt-(Real‑)Angst und von der neurotischen Libidoangst zu
    sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein schweres
    Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff von
    negativem Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung
    nicht zu finden ist. Der Mechanismus der Todesangst

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    könnte nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libido-
    besetzung in reichlichem Ausmaß entläßt, also sich
    selbst aufgibt, wie sonst im Angstfalle ein anderes
    Objekt. Ich meine, daß die Todesangst sich zwischen
    Ich und Über-Ich abspielt.

    Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter
    zwei Bedingungen, die übrigens denen der sonstigen
    Angstentwicklung durchaus analog sind, als Reaktion
    auf eine äußere Gefahr und als inneren Vorgang, z. B.
    bei Melancholie. Der neurotische Fall mag uns wieder
    einmal zum Verständnis des realen verhelfen.

    Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine
    Erklärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich
    vom Über-Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt.
    Leben ist also für das Ich gleichbedeutend mit Ge-
    liebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden, das auch
    hier als Vertreter des Es auftritt. Das ÜberIch ver-
    tritt dieselbe schützende und rettende Funktion wie
    früher der Vater, später die Vorsehung oder das Schick-
    sal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen,
    wenn es sich in einer übergroßen realen Gefahr be-
    findet, die es aus eigenen Kräften nicht glaubt über-
    winden zu können. Es sieht sich von allen schützenden
    Mächten verlassen und läßt sich sterben. Es ist übrigens
    immer noch dieselbe Situation, die dem ersten großen
    Angstzustand der Geburt und der infantilen Sehnsucht-Angst 
    zu Grunde lag, die der Trennung von der
    schützenden Mutter.

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    Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todes-
    angst wie die Gewissensangst als Verarbeitung der
    Kastrationsangst aufgefaßt werden. Bei der großen Be-
    deutung des Schuldgefühls für die Neurosen ist es auch
    nicht von der Hand zu weisen, daß die gemeine neu-
    rotische Angst in schweren Fällen eine Verstärkung
    durch die Angstentwicklung zwischen Ich und Über‑Ich
    (Kastrations‑, Gewissens‑, Todesangst) erfährt.

    Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat
    keine Mittel, dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen.
    Es kann nicht sagen, was es will; es hat keinen ein-
    heitlichen Willen zu Stande gebracht. Eros und Todes-
    trieb kämpfen in ihm; wir haben gehört, mit welchen
    Mitteln sich die einen Triebe gegen die anderen zur
    Wehre setzen. Wir könnten es so darstellen, als ob
    das Es unter der Herrschaft der stummen, aber mäch-
    tigen Todestriebe stünde, die Ruhe haben und den
    Störenfried Eros nach den Winken des Lustprinzips zur
    Ruhe bringen wollen, aber wir besorgen, doch dabei
    die Rolle des Eros zu unterschätzen.