S.
V. Die Motive des Witzes. — Der Witz als sozialer
Vorgang.Von Motiven des Witzes zu reden, schiene überflüssig, da
die Absicht Lust zu gewinnen als genügendes Motiv der Witz-
arbeit anerkannt werden muß. Es ist aber einerseits nicht aus-
geschlossen, daß nicht noch andere Motive sich an der Produk-
tion des Witzes beteiligen, und anderseits muß mit Hinblick auf
gewisse bekannte Erfahrungen das Thema der subjektiven Be-
dingtheit des Witzes überhaupt aufgestellt werden.Zwei Tatsachen fordern vor allem dazu auf. Obwohl die
Witzarbeit ein vortrefflicher Weg ist, um aus den psychischen
Vorgängen Lust zu gewinnen, so sieht man doch, daß nicht alle
Menschen in gleicher Weise fähig sind, sich dieses Mittels zu
bedienen. Die Witzarbeit steht nicht allen zu Gebote, und in
ausgiebigem Maße überhaupt nur wenigen Personen, von denen
man in auszeichnender Weise aussagt, sie haben Witz. „Witz“
erscheint hier als eine besondere Fähigkeit etwa im Range der
alten „Seelenvermögen“, und diese erweist sich in ihrem Auf-
treten als ziemlich unabhängig von den anderen: Intelligenz,
Phantasie, Gedächtnis usw. Bei den witzigen Köpfen sind also
besondere Anlagen oder psychische Bedingungen vorauszusetzen,
welche die Witzarbeit gestatten oder begünstigen.Ich fürchte, daß wir es in der Ergründung dieses Themas
nicht besonders weit bringen werden. Es gelingt uns nur hie
und da, von dem Verständnis eines einzelnen Witzes aus zur
Kenntnis der subjektiven Bedingungen in der Seele dessen, der
den Witz gemacht hat, vorzudringen. Ganz zufällig trifft es sich, daß
gerade das Beispiel von Witz, an welchem wir unsere Unter-
suchungen über die Witztechnik begonnen haben, uns auch einen
Einblick in die subjektive Bedingtheit des Witzes gestattet. Ich
meine den Witz von Heine, der auch bei Heymans und
Lipps Aufmerksamkeit gefunden hat:,, . . . Ich saß neben Salomon Rothschild, und er behandelte
mich ganz wie seines Gleichen, ganz famillionär.“ (Bäder von Lucca.)S.
Die subjektive Bedingung des Witzes , famillionár". 121
Dieses Wort hat Heine einer komischen Person in den
Mund gelegt, dem Hirsch-Hyacinth, Kollekteur, Operateur und
Taxator aus Hamburg, Kammerdiener bei dem vornehmen
Baron Cristoforo Gumpelino (vormals Gumpel). Der Dichter emp-
findet offenbar großes Woblgefallen an diesem seinem Geschöpf,
denn er lågt Hirsch-Hyacinth das große Wort führen und ihn
die amiisantesten und freimiitigsten Äußerungen vorbringen; er
leiht ihm geradezu die praktische Weisheit eines Sancho Pansa.
Man muß bedauern, daß Heine, der dramatischer Gestaltung,
wie es scheint, nicht zuneigte, die kostliche Figur so bald wieder
fallen läft. An nicht wenigen Stellen will es uns scheinen, als
språche aus Hirsch-Hyacinth der Dichter selbst hinter einer
dünnen Maske, und bald erlangen wir die GewiBheit, daß diese
Person nur eine Selbstparodie des Dichters ist. Hirsch berichtet
über die Gründe, weshalb er seinen früheren Namen abgelegt
und sich jetzt Hyacinth heiße. „Dazu habe ich noch den Vorteil,‘
setzt er fort, „daß schon ein H. auf meinem Petschaft steht, und
ich mir kein neues stechen zu lassen brauche.“ Dieselbe Er-
sparnis hatte aber Heine selbst, als er bei seiner Taufe seinen
Vornamen „Harry“ gegen „Heinrich“ eintauschte. Nun muß
jeder, dem des Dichters Lebensgeschichte bekannt ist, sich er-
innern, daß Heine in Hamburg, wohin auch die Person des
Hirsch-Hyacinth weist, einen Onkel des gleichen. Namens besaß,
der als der reiche Mann in der Familie die größte Rolle in
seinem Leben spielte. Der Onkel hieß auch — Salomon, ganz
wie der alte Rothschild, der den armen Hirsch so famillionär
aufgenommen. Was im Munde des Hirsch-Hyacinth ein bloBer
Scherz schien, zeigt bald einen Hintergrund ernsthafter Bitterkeit,
wenn wir es dem Neffen Harry-Heinrich zuschieben. Er gehörte
doch zur Familie, ja wir wissen, es war sein heißer Wunsch,
eine Tochter dieses Onkels zu heiraten, aber die Cousine wies
ihn ab, und der Onkel behandelte ihn immer etwas „famillionär“,
als armen Verwandten. Die reichen Vettern in Hamburg nahmen
ihn nie als voll; ich erinnere mich der Erzählung einer eigenen
alten Tante, die durch Heirat in die Familie Heine gekommen
war, daß sie eines Tages als schöne junge Frau einen Sitznachbar
an der Familientafel fand, der ihr unappetitlich schien, und gegen
den die anderen sich geringschitzig benahmen. Sie fühlte sich
nicht veranlaBt, herablassender gegen ihn zu sein; erst viele
Jahre spiter erkannte sie, daB der nachlissige und vernachlissigte
Vetter der Dichter Heinrich Heine gewesen war. Wie sehr
Heine unter dieser Ablehnung seiner reichen Verwandten inS.
122 V. Die Motive des Witzes.
seiner Jugendzeit und später gelitten, dürfte aus manchen Zeug-
nissen bekannt sein. Auf dem Boden solcher subjektiven Er-
griffenheit ist dann der Witz „famillionär“ erwachsen.Auch bei manchen anderen Witzen des großen Spötters könnte
man ähnliche subjektive Bedingungen vermuten, aber ich weiß
kein Beispiel mehr, an dem man solche in ähnlich überzeugender
Weise klar legen könnte; und es ist darum mißlich, über die
Natur dieser persönlichen Bedingungen etwas Genaueres aussagen
zu wollen; auch wird man ja von vorne herein nicht geneigt sein,
für jeden Witz ähnlich komplizierte Entstehungsbedingungen in
Anspruch zu nehmen. An den witzigen Produktionen anderer
berühmter Männer wird uns die gesuchte Einsicht eben nicht
leichter zugänglich; man bekommt etwa den Eindruck, daß die
subjektiven Bedingungen der Witzarbeit denen der neurotischen
Erkrankung oft nicht ferne liegen, wenn man z. B. über L i c h t e n -
b e r g erfährt, daß er ein schwer hypochondrischer, mit allerlei
Sonderbarkeiten behafteter Mensch war. Die größte Mehrzahl der
Witze, besonders der immer neu bei den Anlässen des Tages
produzierten, ist anonym im Umlaufe; man könnte neugierig
fragen, was für Leute es sind, auf die solche Produktion sich
zurückführt. Hat man als Arzt die Gelegenheit, eine der Per-
sonen kennen zu lernen, die, obwohl sonst nicht hervorragend,
doch in ihrem Kreise als Witzbolde und Urheber vieler gangbarer
Witze bekannt sind, so kann man von der Entdeckung überrascht
werden, daß dieser witzige Kopf eine zwiespältige und zu nervösen
Erkrankungen disponierte Persönlichkeit ist. Die Unzulänglichkeit
der Dokumente wird uns aber sicherlich abhalten, eine solche
psychoneurotische Konstitution als regelmäßige oder notwendige
subjektive Bedingung der Witzbildung aufzustellen.Einen durchsichtigeren Fall ergeben wiederum die Judenwitze,
die, wie schon erwähnt, durchwegs von Juden selbst gemacht
worden sind, während die Judengeschichten anderer Herkunft
sich fast nie über das Niveau des komischen Schwankes oder der
brutalen Verhöhnung erheben (S. 95). Die Bedingung der Selbst-
beteiligung scheint sich hier wie bei H e i n e s Witz „famillionär“
herauszustellen und deren Bedeutung darin zu liegen, daß der
Person die Kritik oder Aggression direkt erschwert und nur auf
Umwegen ermöglicht wird.Andere subjektive Bedingungen oder Begünstigungen der
Witzarbeit sind weniger in Dunkel gehüllt. Die Triebfeder der
Produktion harmloser Witze ist nicht selten der ehrgeizige Drang,
seinen Geist zu zeigen, sich darzustellen, ein der Exhibition aufS.
Der Drang zur Mitteilung des Witzes.
123
sexuellem Gebiete gleichzusetzender Trieb. Das Vorhandensein
zahlreicher gehemmter Triebe, deren Unterdrückung einen gewissen
Grad von Labilität bewahrt hat, wird für die Produktion des ten-
denziösen Witzes die günstigste Disposition ergeben. So können
insbesondere einzelne Komponenten der sexuellen Konstitution eines
Menschen als Motive der Witzbildung auftreten. Eine ganze
Reihe von obszönen Witzen läßt den Schluß auf eine versteckte
Exhibitionsneigung ihrer Urheber zu; die tendenziösen Witze der
Aggression gelingen denen am besten, in deren Sexualität eine
mächtige sadistische Komponente, im Leben mehr oder weniger
gehemmt, nachweisbar ist.Die zweite Tatsache, die zur Untersuchung der subjektiven
Bedingtheit des Witzes auffordert, ist die allgemeine bekannte
Erfahrung, daß niemand sich begnügen kann, einen Witz für sich
allein gemacht zu haben. Mit der Witzarbeit ist der Drang zur
Mitteilung des Witzes unabtrennbar verbunden; ja dieser Drang
ist so stark, daß er sich oft genug mit Hinwegsetzung über wichtige
Bedenken verwirklicht. Auch beim Komischen gewährt die Mit-
teilung an eine andere Person Genuß; aber sie ist nicht gebieterisch,
man kann das Komische, wo man darauf stößt, allein genießen.
Den Witz hingegen ist man genötigt mitzuteilen; der psychische
Vorgang der Witzbildung scheint mit dem Einfallen des Witzes
nicht abgeschlossen, es bleibt etwas übrig, das durch die Mit-
teilung des Einfalls den unbekannten Vorgang der Witzbildung
zum Abschlusse bringen will.Wir können zunächst nicht erraten, wodurch der Trieb zur
Mitteilung des Witzes begründet sein mag. Aber wir bemerken
am Witz eine andere Eigentümlichkeit, die ihn wiederum vom
Komischen unterscheidet. Wenn mir das Komische begegnet, so
kann ich selbst herzlich darüber lachen; es freut mich allerdings
auch, wenn ich durch die Mitteilung desselben einen anderen
zum Lachen bringe. Über den Witz, der mir eingefallen ist, den
ich gemacht habe, kann ich nicht selbst lachen, trotz des unver-
kennbaren Wohlgefallens, das ich am Witz empfinde. Es ist
möglich, daß mein Bedürfnis nach Mitteilung des Witzes an einen
anderen mit diesem mir selbst versagten, beim anderen aber
manifesten Lacheffekt des Witzes irgendwie zusammenhängt.Warum lache ich nun nicht über meinen eigenen Witz? Und
welches ist dabei die Rolle des anderen?Wenden wir uns zuerst der letzteren Frage zu. Beim
Komischen kommen im allgemeinen zwei Personen in Betracht
außer meinem Ich die Person, an der ich das Komische finde; wennS.
124 V. Die Motive des Witzes.
mir Gegenstände komisch erscheinen, geschieht dies durch eine
in unserem Vorstellungsleben nicht seltene Art von Personifizie-
rung. Mit diesen beiden Personen, dem Ich und der Objektperson
begnügt sich der komische Vorgang; eine dritte Person kann hin-
zukommen, wird aber nicht erfordert. Der Witz als ein Spiel
mit den eigenen Worten und Gedanken entbehrt zunächst einer
Objektperson, aber schon auf der Vorstufe des Scherzes verlangt
er, wenn es ihm gelungen ist, Spiel und Unsinn gegen die Ein-
rede der Vernunft sicherzustellen, nach einer anderen Person,
welcher er sein Ergebnis mitteilen kann. Diese zweite Person
beim Witze entspricht aber nicht der Objektperson, sondern der
dritten Person, dem anderen bei der Komik. Es scheint, daß
beim Scherz der anderen Person die Entscheidung übertragen
wird, ob die Witzarbeit ihre Aufgabe erfüllt hat, als ob das Ich
sich seines Urteils darüber nicht sicher wüßte. Auch der harm-
lose, den Gedanken verstärkende Witz bedarf des anderen, um
zu erproben, ob er seine Absicht erreicht hat. Begibt sich der
Witz in den Dienst entblößender oder feindseliger Tendenzen, so
kann er als psychischer Vorgang zwischen drei Personen be-
schrieben werden, welche die nämlichen sind wie bei der Komik,
aber die Rolle der dritten Person ist eine andere dabei; der psy-
chische Vorgang des Witzes vollendet sich zwischen der ersten,
dem Ich, und der dritten, der fremden Person, nicht wie beim
Komischen zwischen dem Ich und der Objektperson.Auch bei der dritten Person des Witzes stößt der Witz auf
subjektive Bedingungen, die das Ziel der Lusterregung unerreich-
bar machen können. Wie Shakespeare mahnt (Love’s
Labour’s lost, V, 2):„A jest’s prosperity lies in the ear
of him that hears it, never in the tongue
of him that makes it ...“Wenn eine an ernste Gedanken geknüpfte Stimmung beherrscht,
der ist ungeeignet, dem Scherz zu bestätigen, daß es ihm geglückt
ist, die Wortlust zu retten. Er muß selbst in heiterer oder wenig-
stens in indifferenter Stimmungslage sein, um für den Scherz die
dritte Person abzugeben. Dasselbe Hindernis setzt sich für den
harmlosen und für den tendenziösen Witz fort; bei letzterem tritt
aber als neues Hindernis der Gegensatz zur Tendenz auf, welcher
der Witz dienen will. Die Bereitschaft über einen ausgezeichneten
obszönen Witz zu lachen, kann sich nicht einstellen, wenn die
Entblößung eine hoch gehaltene Angehörige der dritten PersonS.
Die dritte Person des Witzes. 125
betrifft; ın einer Versammlung von Pfarrern und Pastoren dürfte
niemand wagen, die Heineschen Vergleiche katholischer und
protestantischer Pfaffen mit Kleinhändlern und Angestellten einer |
Großhandlung vorzubringen, und vor einem Parterre von ergebenen
Freunden meines Gegners würden die witzigsten Invektiven, die
ich gegen ihn vorbringen kann, nicht als Witze, sondern als
Invektiven zur Geltung kommen, Entrüstung und nicht Lust bei
den Hörern erzeugen. Ein Grad von Geneigtheit oder eine ge-
wisse Indifferenz, die Abwesenheit aller Momente, welche starke,
der Tendenz gegnerische Gefühle hervorrufen können, ist unerlā8-
liche Bedingung, wenn die dritte Person zur Vollendung des Wilz-
vorganges mitwirken soll.
Wo solche Hindernisse fiir die Wirkung des Witzes entfallen,
da tritt das Phänomen auf, dem nun unsere Untersuchung gilt, |
daß die Lust, welche der Witz bereitet hat, sich an der dritten
Person deutlicher erweist als an dem Urheber des Witzes. Wir
müssen uns begnügen zu sagen: deutlicher, wo wir geneigt wären
zu fragen, ob die Lust des Hörers nicht intensiver ist als die
des Witzbildners, weil uns, wie begreiflich, die Mittel zur Ab-
messung und Vergleichung fehlen. Wir sehen aber, daß der
Hörer seine Lust durch explosives Lachen bezeugt, nachdem die
erste Person den Witz meist mit ernsthaft gespannter Miene vor-
gebracht hat. Wenn ich einen Witz weiter erziihle, den ich selbst
gehört habe, muß ich, um seine Wirkung nicht zu verderben,
mich bei der Ergänzung genau so benehmen wie jener, der ihn
gemacht hat. Es ist nun die Frage, ob wir aus dieser Bedingtheit
des Lachens über den Witz Rückschlüsse auf den psychischen
Vorgang bei der Witzbildung ziehen können,
Es kann nun nicht unsere Absicht sein, hier alles in Betracht
zu ziehen, was über die Natur des Lachens behauptet und ver-
offentlicht worden ist. Von solchem Vorhaben mag uns der Satz
abschrecken, den Dugas, ein Schüler Ribot's, an die Spitze
seines Buches „Psychologie du rire“ (1902) gestellt hat. „II n'est
pas de fait plus banal et plus étudié que le rire; il n’en est
pas qui ait eu le don d'exciter davantage la curiosité du vulgaire
et celle des philosophes, il n'en est pas sur lequel on ait recueilli
plus d'observations et båti plus de théories, et avec cela il n'en
est pas qui demeure plus inexpliqué, on serait tenté de dire avec
les sceptiques qu'il faut être content de rire et de ne pas chercher
a savoir pourquoi on rit, d'autant que peut-être le réflexion tue
le rire, et qu'il serait alors contradictoire qu'elle en découvrit
les causes” (S. 1). 7
S.
126 V. Der Witz als sozialer Vorgang.
Hingegen werden wir es uns nicht entgehen lassen, eine An-
sicht über den Mechanismus des Lachens für unsere Zwecke zu
verwerten, die sich in unseren eigenen Gedankenkreis vortrefflich
einfügt. Ich meine den Erklärungsversuch von H. Spencer in
seinem Aufsatze „Physiology of Laughter“.*)Nach Spencer ist das Lachen ein Phänomen der Abfuhr
seelischer Erregung und ein Beweis dafür, daß die psychische
Verwendung dieser Erregung plötzlich auf ein Hindernis ge-
stoßen ist. Die psychologische Situation, die in Lachen ausläuft,
schildert er in den folgenden Worten „Laughter naturally results
only when consciousness is unawares transferred from great things
to small — only when there is what we may call a descending
incongruity.“**)In ganz ähnlichem Sinne bezeichnen französische Autoren
(Dugas) das Lachen als eine „détente“, eine Erscheinung der
Entspannung, und auch die Formel A. Bains: „Laughter a relief
from restraint“ scheint mir von der Auffassung Spencers weit
weniger abzustehen, als manche Autoren uns glauben machen
wollen.Wir empfanden allerdings das Bedürfnis, den Gedanken
Spencers zu modifizieren und die in ihm enthaltenen Vorstel-
lungen zum Teil bestimmter zu fassen, zum Teil abzuändern.
Wir würden sagen, das Lachen entstehe, wenn ein früher zur
Besetzung gewisser psychischer Wege verwendeter Betrag von
psychischer Energie unverwendbar geworden ist, so daß er freie*) H. Spencer, The physiology of laughter (first published in Mac-
millans Magazine for March 1860), Essays II. Bd., 1901.
**) Verschiedene Punkte dieser Bestimmung würden bei einer Unter-
suchung über die komische Lust eine eingehende Prüfung verlangen, die
bereits von anderen Autoren vorgenommen worden ist und jedenfalls
nicht auf unserem Wege liegt. — In der Erklärung, warum die Abfuhr
gerade jene Wege findet, deren Erregung das somatische Bild des
Lachens ergibt, scheint mir Spencer nicht glücklich gewesen zu sein.
Zu dem vor und seit Darwin ausführlich behandelten aber immer noch
nicht endgültig erledigten Thema der physiologischen Aufklärung des
Lachens, also der Ableitung oder Deutung der für das Lachen charakteri-
stischen Muskelaktionen, möchte ich einen einzigen Beitrag liefern. Meines
Wissens tritt die für das Lächeln bezeichnende Grimasse der Mund-
winkelverziehung zuerst beim befriedigten und übersättigten Säugling auf,
wenn er eingeschläfert die Brust fahren läßt. Sie ist dort eine richtige
Ausdrucksbewegung, da sie dem Entschluß keine Nahrung mehr aufzunehmen
entspricht, gleichsam ein „Genug“ oder vielmehr „Übergenug“ darstellt.
Dieser ursprüngliche Sinn der lustvollen Übersättigung mag dem Lächeln,
welches ja das Grundphänomen des Lachens bleibt, die spätere Beziehung
zu den lustvollen Abfuhrvorgängen verschafft haben.S.
Das Lachen und die Abfuhr.
127
Abfuhr erfahren kann. Wir sind uns klar darüber, welchen „übeln
Schein“ wir bei solcher Aufstellung auf uns laden, aber wir wagen
es aus der Schrift von Lipps über Komik und Humor, aus
welcher Aufklärung über mehr als nur über Komik und Humor
zu holen ist, zu unserer Deckung den trefflichen Satz zu zitieren:
„Schließlich führen psychologische Einzelprobleme immer ziemlich
tief in die Psychologie hinein, so daß im Grunde kein psycho-
logisches Problem isoliert sich behandeln läßt“ (S. 71). Die
Begriffe „psychische Energie“, „Abfuhr“ und die Behandlung der
psychischen Energie als einer Quantität sind mir zur Denkgewohn-
heit geworden, seitdem ich begonnen habe, mir die Tatsachen der
Psychopathologie philosophisch zurechtzulegen, und bereits in
meiner „Traumdeutung“ (1900) habe ich gleichsinnig mit Lipps
die an sich unbewußten psychischen Vorgänge, und nicht die
Bewußtseinsinhalte als das „eigentlich psychisch Wirkungsfähige“
hinzustellen versucht.*) Nur wenn ich von der „Besetzung psychi-
scher Wege“ rede, scheine ich mich von den bei Lipps gebräuch-
lichen Gleichnissen zu entfernen. Die Erfahrungen über die Ver-
schiebbarkeit der psychischen Energie längs gewisser Assoziations-
bahnen und über die fast unverwüstliche Erhaltung der Spuren
psychischer Vorgänge haben es mir in der Tat nahe gelegt, eine
solche Verbildlichung für das Unbekannte zu versuchen. Um dem
Mißverständnis auszuweichen, muß ich hinzufügen, daß ich keinen
Versuch mache, Zellen und Fasern oder die heute ihre Stelle
einnehmenden Neuronsysteme als diese psychischen Wege zu
proklamieren, wenngleich solche Wege in noch nicht angebbarer
Weise durch organische Elemente des Nervensystems darstellbar
sein müßten.Beim Lachen sind also nach unserer Annahme die Bedingungen
dafür gegeben, daß eine bisher zur Besetzung verwendete Summe
psychischer Energie der freien Abfuhr unterliege, und da zwar*) Vgl. die Abschnitte in dem zitierten Buch von Lipps, Kap. VIII.
„Über die psychische Kraft“ usf. (Dazu „Traumdeutung“, VIII.) —
„Es gilt also der allgemeine Satz: Die Faktoren des psychischen Lebens
sind nicht die Bewußtseinsinhalte, sondern die an sich unbewußten psychi-
schen Vorgänge. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloß Bewußt-
seinsinhalte beschreiben will, muß dann darin bestehen, aus der Be-
schaffenheit der Bewußtseinsinhalte und ihres zeitlichen Zusammenhanges
die Natur dieser unbewußten Vorgänge zu erschließen. Die Psychologie
muß sein eine Theorie dieser Vorgänge. Eine solche Psychologie wird aber
sehr bald finden, daß es gar mancherlei Eigenschaften dieser Vorgänge
gibt, die in den entsprechenden Bewußtseinsinhalten nicht repräsentiert
sind.“ (Lipps, l. c. S. 123.)S.
128 V. Der Witz als sozialer Vorgang.
nicht jedes Lachen, aber doch gewiß das Lachen über den Witz
ein Anzeichen von Lust ist, werden wir geneigt sein, diese Lust
auf die Aufhebung der bisherigen Besetzung zu beziehen. Wenn
wir sehen, daß der Hörer des Witzes lacht, der Schöpfer desselben
nicht lachen kann, darf uns dies soviel besagen als, daß beim
Hörer ein Besetzungsaufwand aufgehoben und abgeführt wird,
während sich bei der Witzbildung entweder in der Aufhebung
oder in der Abfuhrmöglichkeit Hemmnisse ergeben. Den psychi-
schen Vorgang beim Hörer, bei der dritten Person des Witzes,
kann man kaum treffender charakterisieren, als wenn man hervor-
hebt, daß er die Lust des Witzes mit sehr geringem eigenem
Aufwand erkauft. Sie wird ihm sozusagen geschenkt. Die Worte
des Witzes, die er hört, lassen in ihm notwendig jene Vorstellung
oder Gedankenverbindung entstehen, deren Bildung auch bei ihm
so große innere Hindernisse entgegenstanden. Er hätte eigene Be-
mühung anwenden müssen, um sie spontan als erste Person zu-
stande zu bringen, mindestens soviel psychischen Aufwand daran
setzen müssen, als der Stärke der Hemmung, Unterdrückung oder
Verdrängung derselben entspricht. Diesen psychischen Aufwand
hat er sich erspart; nach unseren früheren Erörterungen (v. S. 101)
würden wir sagen, seine Lust entspreche dieser Ersparung. Nach
unserer Einsicht in den Mechanismus des Lachens werden wir
vielmehr sagen, die zur Hemmung verwendete Besetzungsenergie
sei nun durch die Herstellung der verpönten Vorstellung auf dem
Wege der Gehörswahrnehmung plötzlich überflüssig geworden,
aufgehoben und darum zur Abfuhr durch das Lachen bereit. Im
wesentlichen laufen beide Darstellungen auf das gleiche hinaus,
denn der ersparte Aufwand entspricht genau der überflüssig ge-
wordenen Hemmung. Anschaulicher ist aber die letztere Dar-
stellung, denn sie gestattet uns zu sagen, der Hörer des Witzes
lache mit dem Betrag von psychischer Energie, der durch die
Aufhebung der Hemmungsbesetzung frei geworden ist; er lache
diesen Betrag gleichsam ab.Wenn die Person, bei der der Witz sich bildet, nicht lachen
kann, so deute dies, sagten wir eben, auf eine Abweichung vom
Vorgang bei der dritten Person, der entweder die Aufhebung der
Hemmungsbesetzung oder die Abfuhrmöglichkeit derselben be-
trifft. Aber der erstere der beiden Fälle ist unzutreffend, wie
wir sofort einsehen müssen. Die Hemmungsbesetzung muß auch
bei der ersten Person aufgehoben worden sein, sonst wäre ja kein
Witz geworden, dessen Bildung ja einen solchen Widerstand zu
überwinden hatte. Auch wäre es unmöglich, daß die erste PersonS.
Warum die erste Person des Witzes nicht lacht. 129
die Witzeslust empfände, die wir ja von der Aufhebung der
Hemmung ableiten mußten. Es erübrigt also nur der andere Fall,
daß die erste Person nicht lachen kann, obwohl sie Lust empfindet,
weil die Abfuhrmöglichkeit gestört ist. Eine solche Störung in
der Ermöglichung der Abfuhr, welche fürs Lachen Bedingung
ist, kann sich daraus ergeben, daß die frei gewordene Besetzungs-
energie sofort einer anderen endopsychischen Verwendung zu-
geführt wird. Es ist gut, daß wir auf diese Möglichkeit auf-
merksam geworden sind; wir werden ihr alsbald weiteres Interesse
zuwenden. Bei der ersten Person des Witzes kann aber eine
andere Bedingung, die zum gleichen Ergebnis führt, verwirklicht
sein. Es ist vielleicht überhaupt kein äußerungsfähiger Betrag
von Energie frei geworden, trotz der erfolgten Aufhebung der
Hemmungsbesetzung. Bei der ersten Person des Witzes geht ja die
Witzarbeit vor sich, die einem gewissen Betrag von neuem psy-
chischem Aufwand entsprechen muß. Die erste Person bringt also
die Kraft selbst auf, welche die Hemmung aufhebt; daraus resul-
tiert für sie sicherlich ein Lustgewinn, im Falle des tendenziösen
Witzes sogar ein sehr erheblicher, da die durch die Witzarbeit
gewonnene Vorlust selbst die weitere Hemmungsaufhebung über-
nimmt, aber der Aufwand der Witzarbeit zieht sich in jedem Falle
von dem Gewinn bei der Aufhebung der Hemmung ab, der
nämlich Aufwand, welcher beim Hörer des Witzes entfällt. Zur
Unterstützung des obenstehenden kann man noch anführen, daß
der Witz auch bei der dritten Person seinen Lacheffekt einbüßt,
sobald derselben ein Aufwand von Denkarbeit zugemutet wird.
Die Anspielungen des Witzes müssen augenfällige sein, die Aus-
lassungen sich leicht ergänzen; mit der Erweckung des bewußten
Denkinteresses ist in der Regel die Wirkung des Witzes unmöglich
gemacht. Hierin liegt ein wichtiger Unterschied von Witz und
Rätsel. Vielleicht, daß die psychische Konstellation während der
Witzarbeit der freien Abfuhr des Gewonnenen überhaupt nicht
günstig ist. Wir sind hier wohl nicht in der Lage, tiefere Einsicht
zu gewinnen; wir haben den einen Teil unseres Problems, warum
die dritte Person lacht, besser aufklären können als dessen anderen
Teil, warum die erste Person nicht lacht.Immerhin sind wir nun, wenn wir diese Anschauungen über
die Bedingungen des Lachens und über den psychischen Vorgang
bei der dritten Person festhalten, in die Lage versetzt, uns eine
ganze Reihe von Eigentümlichkeiten, die vom Witze bekannt, aber
nicht verstanden worden sind, befriedigend aufzuklären. Wenn
bei der dritten Person ein der Abfuhr fähiger Betrag von Be-Freud, Der Witz. 4. Aufl.
9
S.
130 V. Der Witz als sozialer Vorgang.
setzungsenergie frei gemacht werden soll, so sind mehrere Be-
dingungen zu erfüllen oder als Begünstigungen erwünscht. 1. Es
muß gesichert sein, daß die dritte Person diesen Besetzungs-
aufwand wirklich macht. 2. Es muß verhütet werden, daß der-
selbe, wenn frei geworden, eine andere psychische Verwendung
finde, anstatt sich zur motorischen Abfuhr zu bieten. 3. Es kann
nur von Vorteil sein, wenn die freizumachende Besetzung bei
der dritten Person zuvor noch verstärkt, in die Höhe getrieben
wird. Allen diesen Absichten dienen gewisse Mittel der Witzarbeit,
die wir etwa als sekundäre oder Hilfstechniken zusammenfassen
können.Die erste dieser Bedingungen legt eine der Eignungen der
dritten Person als Hörer des Witzes fest. Sie muß durchaus
soviel psychische Übereinstimmung mit der ersten Person besitzen,
daß sie über die nämlichen inneren Hemmungen verfügt, welche
die Witzarbeit bei der ersten überwunden hat. Wer auf Zoten ein-
gestellt ist, der wird von geistreichen entblößenden Witzen keine
Lust ableiten können; die Aggressionen des Herrn N. werden
bei Ungebildeten, die gewohnt sind, ihrer Schimpflust freien Lauf
zu lassen, kein Verständnis finden. Jeder Witz verlangt so sein
eigenes Publikum, und über die gleichen Witze zu lachen ist ein
Beweis weitgehender psychischer Übereinstimmung. Wir sind hier
übrigens an einem Punkte angelangt, der uns gestattet, den Vor-
gang bei der dritten Person noch genauer zu erraten. Dieselbe
muß die nämliche Hemmung, welche der Witz bei der ersten
Person überwunden hat, gewohnheitsmäßig in sich herstellen
können, so daß in ihr, sobald sie den Witz hört, die Bereitschaft
zu dieser Hemmung zwangsartig oder automatisch erwacht. Diese
Hemmungsbereitschaft, die ich als einen wirklichen Aufwand
analog einer Mobilmachung im Armeewesen fassen muß, wird
gleichzeitig als überflüssig oder als verspätet erkannt und somit
in statu nascendi durch Lachen abgeführt.*)Die zweite Bedingung für die Herstellung der freien Abfuhr,
daß eine andersartige Verwendung der frei gewordenen Energie
hintangehalten werde, erscheint als die weitaus wichtigere. Sie
gibt die theoretische Aufklärung für die Unsicherheit der Witz-
wirkung, wenn bei dem Hörer durch den im Witze ausgedrückten
Gedanken stark erregende Vorstellungen wachgerufen werden,
wobei es dann von der Übereinstimmung oder dem Widerspruch*) Der Gesichtspunkt des Status nascendi ist von Heymans (Zeit-
schrift für Psychol., XI) in etwas anderem Zusammenhange geltend ge-
macht worden.S.
Automatismus des Witzvorganges. 131
zwischen den Tendenzen des Wifzes und der den Hörer be
herrschenden Gedankenreihe abhängt, ob dem Witzvorgang die
Aufmerksamkeit belassen oder entzogen wird. Von noch größerem
theoretischem Interesse sind aber eine Reihe von Hilfstechniken
des Witzes, welche offenbar der Absicht dienen, die Aufmerksamkeit
des HOrers überhaupt vom Witzvorgang abzuziehen, den letzteren
automatisch verlaufen zu lassen. Ich sage absichtlich: automa-
tisch und nicht: unbewuBt, weil letztere Bezeichnung irreführend
wäre. Es handelt sich hier nur darum, die Mehrbesetzung der
Aufmerksamkeit von dem psychischen Vorgang beim Anhören des
Witzes fern zu halten, und die Brauchbarkeit dieser Hilfstechniken
1886 uns mit Recht vermuten, daß gerade die Aufmerksamkeits-
besetzung an der Überwachung und Neuverwendung von frei ge-
wordener Besetzungsenergie einen großen Anteil hat.Es scheint iiberhaupt nicht leicht zu sein, die endopsychische
Verwendung entbehrlich gewordener Besetzungen zu vermeiden,
denn wir sind ja bei unseren Denkvorgiingen beständig in der Übung,
solche Besetzungen von einem Weg auf den anderen zu verschieben,
ohne von deren Energie etwas durch Abfuhr zu verlieren. Der
Witz bedient sich hiezu folgender Mittel. " Erstens strebt er einen
möglichst kurzen Ausdruck an, um der Aufmerksamkeit weniger
Angriffspunkte zu bieten. Zweitens hålt er die Bedingung der
leichten Verständlichkeit ein (vgl. oben); sowie er Denkarbeit in
Anspruch nehmen, eine Auswahl unter verschiedenen Gedanken-
wegen erfordern würde, müßte er die Wirkung nicht nur durch
den unvermeidlichen Denkaufwand, sondern auch durch die Er-
weckung der Aufmerksamkeit gefåhrden. Auferdem aber bedient
er sich des Kunstgriffs, die Aufmerksamkeit abzulenken, indem
er ihr im Ausdruck des Witzes etwas darbietet, was sie fesselt,
so daß sich unterdes die Befreiung der Hemmungsbesetzung und
deren Abfuhr ungestört durch sie vollziehen kann. Bereits die
Auslassungen im Wortlaut des Witzes erfiillen diese Absicht; sie
regen zur Ausfüllung der Lücken an und bringen es auf diese
Weise zustande, den Witzvorgang von der Aufmerksamkeit zu
befreien. Hier wird gleichsam die Technik des Rätsels, welches
die Aufmerksamkeit anzieht, in den Dienst der Witzarbeit gestellt.
Noch viel wirksamer sind die Fassadenbildungen, die wir zumal
bei manchen Gruppen von tendenziôsen Witzen gefunden haben
(vgl. S. 89). Die syllogistischen Fassaden erfüllen den Zweck,
die Aufmerksamkeit durch eine ihr gestellte Aufgabe festzuhalten,
in dusgezeichneter Weise. Während wir nachzudenken beginnen,
worin wohl diese Antwort gefehlt haben mag, lachen wir bereits;⑨+
S.
132 V. Der Witz als sozialer Vorgang.
unsere Aufmerksamkeit ist überrumpelt worden, die Abfuhr der frei
gewordenen Hemmungsbesetzung ist vollzogen. Das nämliche gilt
für die Witze mit komischer Fassade, bei denen die Komik der Witz-
technik Hilfsdienste leistet. Eine komische Fassade fördert die
Wirkung des Witzes auf mehr als eine Weise, sie ermöglicht nicht
nur den Automatismus des Witzvorganges durch die Fessclung der
Aufmerksamkeit, sondern erleichtert auch die Abfuhr vom Witz
her, indem sie eine Abfuhr vom Komischen her vorausschickt.
Die Komik wirkt hier ganz wie eine bestechende Vorlust, und
so mögen wir es verstehen, daß manche Witze auf die durch
die sonstigen Mittel des Witzes hergestellte Vorlust ganz zu ver-
zichten vermögen und sich nur des Komischen als Vorlust be-
dienen. Unter den eigentlichen Techniken des Witzes sind es
insbesondere die Verschiebung und die Darstellung durch Absurdes,
welche außer ihrer sonstigen Eignung auch die für den auto-
matischen Ablauf des Witzvorganges wünschenswerte Ablenkung derAufmerksamkeit entfalten.*)
Wir ahnen bereits und werden es spiiterhin noch besser ein-sehen kónnen, daB wir mit der Bedingung der Ablenkung der
*) An einem Beispiel von Verschiebungswitz möchte ich noch einen
anderen interessanten Charakter der Witztechnik erörtern, Die geniale
Schauspielerin Gallmeyer soll einmal auf die unerwünschte Frage , Wie
alt?", „im Gretchenton und mit verschämtem Augenniedersehlag“ geant-
wortet haben: ,In Brünn“. Das ist nun das Muster einer Verschiebung;
nach dem Alter gefragt, antwortet sie mit der Angabe ihres Geburtsortes,
antizipiert also die nächste Frage und gibt zu verstehen: Diese eine
Frage möchte ich übergangen wissen. Und doch fühlen wir, daB der
Charakter des Witzes hier nicht ungetrübt zum Ausdruck kommt. Das
Abspringen von der Frage ist zu klar, die Verschiebung allzu augenfällig.
Unsere Aufmerksamkeit versteht sofort, daB es sich um eine beabsichtigte
Verschiebung handelt. Dei den anderen Verschiebungswitzen ist die Ver-
schiebung verhüllt, unsere Aufmerksamkeit wird durch das Bemühen sie
festzustellen gefesselt. In einem der Verschiebungswitze (S. 42) , Was
mache ich um 1/,7 Uhr in Prefiburg?* als Antwort auf die Empfehlung
des Reitpferdes ist die Versehiebung gleichfalls eine vordringliche, aber
zum Ersatz dafür wirkt sie als unsinnig verwirrend auf die Aufmerksamkeit,
während wir beim Verhór der Schauspielerin ihre Verschiebungsantwort
sofort unterzubringen wissen. — In anderer Richtung weichen vom Witz
die sogenannten ,Scherzfragen“ ab, die sich sonst der besten Techniken
bedienen mögen. Ein Beispiel einer Scherzirage mit Verschiebungstechnik
ist folgendes: Was ist ein Kannibale, der seinen Vater und seine Mutteraufgefressen hat? — Antwort: Waise. — Und wenn er alle seine anderen
Verwandten mit dazu gefressen hat? — Universalerbe. — Und wo
findet solch ein Scheusal noch Sympathie? — Im Konversations-lexikon unter 8. Die Scherzfragen sind darum keine vollen Witze, weil
die geforderten witzigen Antworten nicht wie die Anspielungen, Aus-
lassungen usw. des Witzes erraten werden können,S.
Begünstigungen des Witzvorganges.
133
Aufmerksamkeit keinen unwesentlichen Zug des psychischen Vor-
ganges beim Hörer des Witzes aufgedeckt haben. Im Zusammen-
hange mit diesem können wir noch anderes verstehen. Erstens,
wie es kommt, daß wir beim Witz fast niemals wissen, worüber
wir lachen, obwohl wir es durch eine analytische Untersuchung
feststellen können. Dieses Lachen ist eben das Ergebnis eines
automatischen Vorganges, der erst durch die Fernhaltung unserer
bewußten Aufmerksamkeit ermöglicht wurde. Zweitens gewinnen
wir das Verständnis für die Eigentümlichkeit des Witzes, seine
volle Wirkung auf den Hörer nur zu äußern, wenn er ihm neu
ist, ihm als Überraschung entgegentritt. Diese Eigenschaft des
Witzes, die seine Kurzlebigkeit bedingt und zur Produktion immer
neuer Witze auffordert, leitet sich offenbar davon ab, daß es im
Wesen einer Überraschung oder Überrumpelung liegt, kein zweites
Mal zu gelingen. Bei einer Wiederholung des Witzes wird die
Aufmerksamkeit durch die aufsteigende Erinnerung an das erste
Mal geleitet. Von hier aus eröffnet sich dann das Verständnis
für den Drang, den gehörten Witz anderen, die ihn noch nicht
kennen, zu erzählen. Wahrscheinlich holt man sich ein Stück der
infolge mangelnder Neuheit entfallenden Genußmöglichkeit aus
dem Eindruck wieder, den der Witz auf den Neuling macht. Und
ein analoges Motiv mag den Schöpfer des Witzes getrieben
haben, ihn überhaupt dem anderen mitzuteilen.Als Begünstigungen, wenn auch nicht mehr als Bedingungen,
des Witzvorganges führe ich zu dritt jene technischen Hilfsmittel
der Witzarbeit an, welche dazu bestimmt sind, den zur Abfuhr
gelangenden Betrag zu erhöhen, und die auf solche Art die Wir-
kung des Witzes steigern. Dieselben steigern zwar zumeist auch die
dem Witz zugewandte Aufmerksamkeit, machen aber deren Ein-
fluß wieder unschädlich, indem sie die Aufmerksamkeit gleich-
zeitig fesseln und in ihrer Beweglichkeit hemmen. Alles, was
Interesse und Verblüffung hervorruft, wirkt nach diesen beiden
Richtungen, also vor allem das Unsinnige, der Gegensatz vor allem,
der „Vorstellungskontrast“, den manche Autoren zum wesentlichen
Charakter des Witzes machen wollten, in dem ich aber nichts
anderes als ein Verstärkungsmittel zur Wirkung desselben erblicken
kann. Alles Verblüffende ruft beim Hörer jenen Zustand der
Energieverteilung hervor, den Lipps als „psychische Stauung“
bezeichnet hat, und er hat wohl auch Recht anzunehmen, daß
die „Entladung“ um so stärker ausfällt, je höher die vorherige
Stauung war. Die Darstellung von Lipps bezieht sich zwar nicht
ausdrücklich auf den Witz, sondern auf das Komische überhaupt;S.
134
V. Der Witz als sozialer Vorgang.
aber es kann uns sehr wahrscheinlich vorkommen, daß die Abfuhr
beim Witze, welche eine Hemmungsbesetzung entladet, in gleicher
Weise durch die Stauung in die Höhe gebracht wird.Es leuchtet uns nun ein, daß die Technik des Witzes über-
haupt von zweierlei Tendenzen bestimmt wird, solchen, welche die
Bildung des Witzes bei der ersten Person ermöglichen, und an-
deren, welche dem Witz eine möglichst große Lustwirkung bei
der dritten Person gewährleisten sollen. Die Janus-artige Doppel-
gesichtigkeit des Witzes, welche dessen ursprünglichen Lustgewinn
gegen die Anfechtung der kritischen Vernünftigkeit sicher stellt,
und der Verlustmechanismus gehören der ersteren Tendenz an;
die weitere Komplikation der Technik durch die in diesem Ab-
schnitt ausgeführten Bedingungen ergeben sich aus der Rücksicht
auf die dritte Person des Witzes. Der Witz ist so ein an sich
doppelzüngiger Schelm, der gleichzeitig zweien Herren dient. Alles,
was auf Lustgewinnung abzielt, ist beim Witz auf die dritte Person
berechnet, als ob innere, nicht zu überwindende Hindernisse bei
der ersten Person einer solchen im Wege stünden. Man bekommt
so den vollen Eindruck von der Unentbehrlichkeit dieser dritten
Person für die Vollendung des Witzvorganges. Während wir aber
ziemlich guten Einblick in die Natur dieses Vorganges bei der
dritten Person gewinnen konnten, verspüren wir, daß der ent-
sprechende Vorgang bei der ersten Person uns noch durch ein
Dunkel verhüllt wird. Von den beiden Fragen: Warum können
wir über den selbstgemachten Witz nicht lachen? und: Warum
sind wir getrieben, den eigenen Witz dem anderen zu erzählen?
hat sich die erste bisher unserer Beantwortung entzogen. Wir
können nur vermuten, daß zwischen den beiden aufzuklärenden
Tatsachen ein inniger Zusammenhang besteht, daß wir darum
unseren Witz dem anderen mitzuteilen, weil wir
selbst über ihn nicht zu lachen vermögen. Aus unseren Einsichten
in die Bedingungen der Lustgewinnung und -abfuhr bei der dritten
Person können wir für die erste den Rückschluß ziehen, daß
bei ihr die Bedingungen für die Abfuhr fehlen, die für die Lust-
gewinnung etwa erst unvollständig erfüllt sind. Es ist dann nicht
abzuweisen, daß wir unsere Lust ergänzen, indem wir das uns
unmögliche Lachen auf dem Umweg über den Eindruck der zum
Lachen gebrachten Person erreichen. Wir lachen so gleichsam
„par ricochet“, wie Dugas es ausdrückt. Das Lachen gehört
zu den im hohen Grade ansteckenden Äußerungen psychischer
Zustände; wenn ich den anderen durch die Mitteilung meines
Witzes zum Lachen bringe, bediene ich mich seiner eigentlich,S.
Ersparung und Gesamtaufwand. 135
um mein eigenes Lachen zu erwecken, und man kann wirklich
beobachten, daß, wer zuerst mit ernster Miene den Witz erzählt
hat, dann in das Gelächter des anderen mit einer gemäßigten
Lache einstimmt. Die Mitteilung meines Witzes an den anderen
dürfte also mehreren Absichten dienen, erstens mir die objektive
Gewißheit von dem Gelingen der Witzarbeit zu geben, zweitens
meine eigene Lust durch die Rückwirkung von diesem anderen
auf mich zu ergänzen, drittens — bei der Wiederholung eines
nicht selbstproduzierten Witzes — der Lusteinbuße durch Weg-
fall der Neuheit abzuhelfen.Am Ende dieser Erörterungen über die psychischen Vorgänge
des Witzes, insofern sie sich zwischen zwei Personen abspielen,
können wir einen Rückblick auf das Moment der Ersparung werfen,
welches uns für bedeutsam für die psychologische Auffassung des
Witzes seit der ersten Aufklärung über die Technik desselben
vorschwebt. Von der nächstliegenden, aber auch einfältigsten
Auffassung dieser Ersparung, es handle sich bei ihr um die Ver-
meidung von psychischem Aufwand überhaupt, wie ihn die mög-
lichste Einschränkung im Gebrauche von Worten und in der Her-
stellung von Gedankenzusammenhängen mit sich brächte, sind
wir längst abgekommen. Wir sagten uns schon damals: Knapp,
lakonisch, ist noch nicht witzig. Die Kürze des Witzes ist eine
besondere, eben die „witzige“ Kürze. Der ursprüngliche Lust-
gewinn, den das Spiel mit Worten und Gedanken brachte, rührte
allerdings von bloßer Ersparnis an Aufwand her, aber mit der
Entwicklung des Spieles zum Witze mußte auch die Spartendenz
ihre Ziele verlegen, denn gegen den riesigen Aufwand unserer
Denktätigkeit käme, was durch Gebrauch der nämlichen Worte oder
Vermeidung einer neuen Gedankenfügung erspart würde, sicher-
lich nicht in Betracht. Wir dürfen uns wohl den Vergleich der
psychischen Ökonomie mit einem Geschäftsbetrieb gestatten. So-
lange in diesem der Umsatz sehr klein ist, kommt es allerdings
darauf an, daß im ganzen wenig verbraucht, die Kosten der Regie
aufs äußerste eingeschränkt werden. Die Sparsamkeit geht noch
auf die absolute Höhe des Aufwandes. Späterhin, wenn sich der
Betrieb vergrößert hat, tritt die Bedeutung der Regiekosten zurück;
es liegt nichts mehr daran, zu welcher Höhe sich der Betrag
des Aufwandes erhebt, wenn nur Umsatz und Ertrag groß genug
gesteigert werden können. Zurückhaltung im Aufwande für den
Geschäftsbetrieb wäre kleinlich, ja direkt verlustbringend. Den-
noch wäre es unrichtig anzunehmen, bei dem absolut großen Auf-
wande gäbe es keinen Raum mehr für die Spartendenz. Der zurS.
136 V. Der Witz als sozialer Vorgang.
Ersparung neigende Sinn des Chefs wird sich nun der Sparsam-
keit im einzelnen zuwenden und sich befriedigt fühlen, wenn die-
selbe Veranstaltung nun mit geringeren Kosten besorgt werden
kann, die vorher größere Kosten zu verursachen pflegte, so gering
auch die Ersparnis zur Höhe des Gesamtaufwandes erscheinen
mag. In ganz analoger Weise bleibt auch in unserem komplizierten
psychischen Betrieb die detaillierte Ersparung eine Quelle der
Lust, wie alltägliche Vorkommnisse uns zeigen können. Wer
früher in seinem Zimmer eine Gaslampe brennen hatte und sich
nun auf elektrisches Licht eingerichtet hat, der wird eine ganze
Zeitlang ein deutliches Lustgefühl verspüren, wenn er den elek-
trischen Hahn umlegt, so lange nämlich, als in jenem Moment die
Erinnerung in ihm lebendig wird an die komplizierten Verricch-
tungen, die zur Entzündung der Gaslampe erforderlich waren.
Ebenso werden die im Vergleich zum psychischen Gesamtaufwand
geringfügigen Ersparungen an psychischem Hemmungsaufwand,
die der Witz zustande bringt, eine Quelle der Lust für uns bleiben,
weil durch sie ein einzelner Aufwand erspart wird, den wir zu
machen gewohnt sind, und den wir auch diesmal zu machen schon
in Bereitschaft waren. Das Moment, daß der Aufwand ein er-
warteter, vorbereiteter ist, tritt unverkennbar in den Vordergrund.
Eine lokalisierte Ersparung, wie die eben betrachtete, wird
nicht verfehlen uns momentane Lust zu bereiten, aber eine
dauernde Erleichterung wird durch sie nicht herbeigeführt, solange
das hier Ersparte an anderer Stelle zur Verwendung kommen kann.
Erst wenn diese anderweitige Verfügung vermieden werden kann,
wandelt sich die spezielle Ersparung wieder in eine allgemeine
Erleichterung des psychischen Aufwandes um. So tritt für uns
mit besserer Einsicht in die psychischen Vorgänge des Witzes
das Moment der Erleichterung an die Stelle der Ersparung.
Erstere ergibt offenbar das größere Lustgefühl. Der Vorgang
bei der ersten Person des Witzes erzeugt Lust durch Aufhebung
von Hemmung, Verringerung des lokalen Aufwandes; er scheint
nun nicht eher zur Ruhe zu kommen, als bis er durch die Ver-
mittlung der eingeschobenen dritten Person die allgemeine Er-
leichterung durch die Abfuhr erzielt hat.
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B. Synthetischer Teil1905-003/1925/M2
1905-003/1925/5