Totem und Tabu1913-001/1924
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    VORWORT

    Die nachstehenden vier Aufsitze, die unter dem Untertitel dieses Buches
    in den beiden ersten Jahrgången der von mir herausgegebenen Zeitschrift
    „Imago“ erschienen sind, entsprechen einem ersten Versuch von meiner Seite,
    Gesichtspunkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklirte Probleme
    der Vlkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen methodischen
    Gegensatz einerseits zu dem groB angelegten Werke von W. Wundt, welches
    die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht analytischen Psychologie der-
    selben Absicht dienstbar macht, und anderseits zu den Arbeiten der Züricher
    psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme der Individualpsychologie
    durch Heranziehung von vólkerpsychologischem Material zu erledigen streben,*
    Es sei gern zugestanden, daß von diesen beiden Seiten die nächste Anregung
    zu meinen eigenen Arbeiten ausgegangen ist.

    Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will diejenigen
    nicht beriihren, die von dem Erstlingscharakter dieser Untersuchungen ab-
    hängen. Andere aber erfordern ein Wort der Einführung. Die vier hier
    vereinigten Aufsätze machen auf das Interesse eines größeren Kreises von
    Gebildeten Anspruch und können eigentlich doch nur von den wenigen
    verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer Eigen-
    art nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, Sprachforschern,
    Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern anderseits vermitteln und
    konnen doch beiden nicht geben, was ihnen abgeht: den ersteren eine ge-
    niigende Einführung in die neue psychologische Technik, den letzteren
    eine zureichende Beherrschung des der Verarbeitung harrenden Materials.
    So werden sie sich wohl damit begniigen miissen, hier wie dort Aufmerk-

    1) Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch fiir psychoanalytische
    und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; derselbe Autor, Versuch einer
    Darstellung der psychoanalytischen Theorie, ibid. Bd. V, 1915.

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    samkeit zu erregen und die Erwartung hervorzurufen, daß ein öfteres Zu-
    sammentreffen von beiden Seiten nicht ertraglos für die Forschung bleiben
    kann.

    Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen
    geben, der Totem und das Tabu, werden darin nicht in gleichartiger Weise
    abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt als durchaus gesicherter, das Problem
    erschöpfender Lösungsversuch auf. Die Untersuchung über den Totemismus
    bescheidet sich zu erklären: Dies ist, was die psychoanalytische Betrachtung
    zur Klärung der Totemprobleme derzeit beibringen kann. Dieser Unterschied
    hängt damit zusammen, daß das Tabu eigentlich noch in unserer Mitte
    fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und auf andere Inhalte gerichtet, ist es
    seiner psychologischen Natur nach doch nichts anderes als der „kategorische
    Imperativ“ Kants, der zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivierung
    ablehnt. Der Totemismus hingegen ist eine unserem heutigen Fühlen ent-
    fremdete, in Wirklichkeit längst aufgegebene und durch neuere Formen
    ersetzte religiös-soziale Institution, welche nur geringfügige Spuren in Reli-
    gion, Sitte und Gebrauch des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker hinter-
    lassen hat, und selbst bei jenen Völkern große Verwandlung erfahren mußte,
    welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und technische Fortschritt
    der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit weniger anhaben können
    als dem Totem. In diesem Buche ist der Versuch gewagt worden, den ur-
    sprünglichen Sinn des Totemismus aus seinen infantilen Spuren zu erraten,
    aus den Andeutungen, in denen er in der Entwicklung unserer eigenen
    Kinder wieder auftaucht. Die enge Verbindung zwischen Totem und Tabu
    weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, und wenn diese
    am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so ergibt dieser Charakter
    nicht einmal einen Einwand gegen die Möglichkeit, daß sie mehr oder
    weniger nahe an die schwierig zu rekonstruierende Wirklichkeit heran-
    gerückt sein könnte.

    Rom, im September 1913.