S.
60
Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht
in das Wesen und die Verursachung der
Neurosen vorläufig nicht gekommen.XII. Nachträge
Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene
Themen berührt worden, die vorzeitig verlassen
werden mußten und die jetzt gesammelt werden
sollen, um den Anteil Aufmerksamkeit
zu erhalten, auf den sie Anspruch haben.A. Modifikationen früher geäußerter Ansichten.
a) Widerstand und Gegenbesetzung.
Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Ver-
drängung, daß sie nicht einen einmaligen
Vorgang darstellt, sondern einen dauernden
Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele,
würde der verdrängte Trieb, der kontinuir-
lich Zuflüße aus seinen Quellen erhält, ein
nächstes Mal denselben Weg einschlagen, von
dem er abgedrängt wurde, die Verdrängung
würde um ihren Erfolg gebracht oder sie
müßte unbestimmt oft wiederholt werden.
So folgt aus der kontinuirlichen Natur des
Triebes die Anforderung an das Ich, seine
Abwehraktion durch einen Daueraufwand
zu versichern. Diese Aktion zum Schutz der
Verdrängung ist es, die wir bei der therap-
eutischen Bemühung als Widerstand ver-
spüren. Widerstand setzt das voraus, was
ich als Gegenbesetzung bezeichnet habe.
Eine solche Gegenbesetzung wird bei der Zwangs-
neurose greifbar. Sie erscheint hier als Ichver-
änderung, als Reaktionsbildung im Ich durch
Verstärkung jener Einstellung, welche der
zu verdrängenden Triebrichtung gegen-
sätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit,
Reinlichkeit). Diese Reaktionsbildungen
der Zwangsneurose sind durchwegs
Übertreibungendernormaler, im Verlauf
der Latenzzeitentwickelter Charakterzüge.gebildeter
Es ist weit schwieriger, die Gegenbesetzung
bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie nach
der theoretischen Erwartung ebenso un-
entbehrlich ist. Auch hier ist ein gewißes
Maß von Ichveränderung durch Reaktions-
bildung unverkennbar und wird in
manchenFällenVerhältnißen so auffällig, daß es sich der
Aufmerksamkeit als das Hauptsymptom
des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise
wird zB. der Ambivalenzkonflikt der
Hysterie gelöst, der Haß gegen eine ge-
liebte Person wird durch ein Über-
maß von Zärtlichkeit für sie undS.
61
Ängstlichkeit um sie niedergehalten. Man muß
aber als Unterschiede gegen die Zwangsneurose
hervorheben, daß solche Reaktionsbildungen
nicht die allgemeine Natur von Charakter-
zügen zeigen, sondern sich auf ganz spezielle
Relationen einschränken. Die Hysterika
zB, die ihre im Grunde gehaßten Kinder
mit exzessiver Zärtlichkeit behandelt, wird
darum nicht im ganzen liebesbereiter als
andere Frauen, nicht einmal zärtlicher für
andere Kinder. Die Reaktionsbildung der
Hysterie hält an einem bestim̄ten Objekt
zähe fest und erhebt sich nicht zu einer allge-
meinen Disposition des Ichs. Für die Zwangs-
neurose ist gerade diese Verallgemein-
erung, die Lockerung der Objektbeziehungen,
die Erleichterung der Verschiebung in
der Objektwahl charakteristisch.Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der
Eigenart der Hysterie gemäßer zu sein. Die
verdrängte Triebregung kann von zwei Seiten
her aktivirt (neu besetzt) werden), erstens
von innen her durch eine Verstärkung des
Triebes aus seinen inneren Erregungsquellen,
zweitens von außen her durch die Wahrnehmung
eines Objekts, das dem Trieb erwünscht wäre.
Die hysterische Gegenbesetzung ist nun vorzugsweise
nach außen gegen die gefährliche Wahrnehmung
gerichtet, sie nim̄t die Form einer beson-
deren Wachsamkeit an, die durch Ichein-
schränkungen Situationen vermeidet, in denen
die Wahrnehmung auftreten müßte und
die es zustande bringt, dieser Wahrnehmung
die Aufmerksamkeit zu entziehen, wenn
sie doch aufgetaucht ist. Französische Autoren
(Laforgue) haben kürzlich diese Leistung der Hysterie
durch den besonderen Namen „Skotomisation“
ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei Hysterie
ist diese Technik der Gegenbesetzung bei den
Phobien, deren Interesse sich darauf kon-
zentrirt, sich immer weiter von der
Möglichkeit der gefürchteten Wahrnehmung
zu entfernen. Der Gegensatz in der Richtung
der Gegenbesetzungbezwischen Hysterie und
Phobien einerseits und Zwangsneurose ander-
seits scheint bedeutsam, wenn er auch kein
absoluter ist. er legt uns nahe anzunehmen,
daß zwischen der Verdrängung und der
äußeren Gegenbesetzung, wie zwischen
der Regression und der inneren Gegen-
besetzung (Ichveränderung durch Reaktions-
bildung) ein innigerer Zusam̄enhang besteht.
Die Abwehr der gefährlichen Wahrnehmung
ist übrigens eine allgemeine Aufgabe der
Neurosen. verschiedene Gebote und Ver-
bote der Zwangsneurose sollenauf
der gleichendieserAbsicht dienen.S.
62
Wir haben uns früher einmal klargemacht,
daß der Widerstand, den wir in der Analyse
zu überwinden haben, vom Ich geleistet
wird, das an seinen Gegenbesetzungen festhält.
Das Ich hat es schwer, seine Aufmerksamkeit
Wahrnehmungen und Vorstellungen zuzu-
wenden, deren Vermeidung es sich bisher
zur Vorschrift gemacht hatte oder Regungen
als die seinigen anzuerkennen, die den
vollsten Gegensatz zu den ihm als eigen ver-
trauten bilden. Unsere Bekämpfung des
Widerstandes in der Analyse gründet
sich auf eine solche Auffassung desselben.
Wir machen den Widerstand bewußt,
wo er, wie so häufig, infolge des Zusam̄en-
hangs mit dem Verdringten selbst un-
bewußt ist; wir setzen ihm logische Argum-
ente entgegen, wenn oder nachdem er
bewußt geworden ist, versprechen dem Ich
Nutzen und Praemien, wenn es auf den
Widerstand verzichtet. An dem Widerstand
des Ichs ist also nichts zu bezweifeln oder zu
berichtigen. Dagegen fragt es sich, ob er allein
den Sachverhalt deckt, der uns in der
Analyse entgegentritt. Wir machen die Erfahr-
ung daß das Ich noch immer Schwierigkeiten
findet, die Verdrängungenanrückgängig
zu machen, auch nachdem es den Vorsatz
gefaßt hat, seine Widerstände aufzugeben,
und haben die Phasemühevoller Arb
anstrengender Bemühung, die nach solchem
löblichen Vorsatz folgt, als die des „Durch-
arbeitens“ bezeichnet. Es liegt nun nahe,
das dynamische Moment anzuerkennen, das
ein solches Durcharbeiten notwendig und
verständlich macht. Es kann kaum anders
sein, als daß nach Aufhebung des Ichwider-
standes noch die Macht des Wieder-
holungszwanges, die Anziehung der unbe-
wußten Vorbilder auf den verdrängten
Triebvorgang, zu überwinden ist, und es
ist nichts dagegen zu sagen, wenn man
dies Moment als den Widerstand
des Unbewußten bezeichnen will.
Lassen wir uns solche Korrekturen nicht
verdrießen; sie sind erwünscht, wenn
sie unser Verständnis um ein Stück
fördern, und keine Schande, wenn sie
das frühere nicht widerlegen, sondern
bereichern, eventuell eine Allgemeinheit
einschränken, eine zu enge Auffassung
erweitern.S.
62a
Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese Korrektur
eine vollständige Übersicht über die Arten
der uns in der Analyse begegnenden Wider-
stände gewonnen haben. Bei weiterer Ver-
tiefung merken wir vielmehr, daß wir fünf
Arten des Widerstandes zu bekämpfen haben,
die von drei Seiten herstammen, nämlich vom Ich,
vom Es und vom Überich, wobei sich das Ich
als die Quelle von drei in ihrer Dynamik
unterschiedenen Formen erweist. Der erste
dieser drei Ichwiderstände ist der vorhin behandelte
Verdrängungswiderstand, über den am
wenigsten Neues zu sagen ist. Von ihm sondert
sich der Übertragungswiderstand, der von
der gleichen Natur ist, aberwährendin der
Analyse andere und weit deutlichere
Erscheinungen macht, da es ihm gelungen ist,
eine Beziehung zur analytischen Situation
oder zur Person des Analytikers herzu-
stellen und somit eine Verdrängung, die
blos erinnert werden sollte, wieder
wie frisch zu beleben. Auch ein Ichwider-
stand aber ganz anderer Natur, ist, der
vom Krankheitsgewinn ausgeht und sich
auf die Einbeziehung des Symptoms in’s
Ich gründet. Er entspricht dem Sträuben
gegen den Verzicht auf eine Befriedigung
oder Erleichterung. Die vierte Art des
Widerstandes – den des Es – haben wir eben
für die Notwendigkeit des Durcharbeit-
ens verantwortlich gemacht. Der fünfte
Widerstand, der des Überichs, der zuletzt
erkannte, dunkelste, aber nicht immmer
schwächste, scheint dem Schuldbewußtsein
oder Strafbedürfnis zu entstam̄en,
er widersetzt sich der Genesung über-
haupt, jedem Erfolg und demnach auch der
Genesung durch die Analyse.S.
63
b). Angst aus Umwandlung von Libido
Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung
der Angst entfernt sich ein Stück weit von
jener, die mir bisher berechtigt schien. Früher
betrachtete ich die Angst als eine allgemeine Reaktion
des Ichs unter den Bedingungen der Unlust
suchte ihr Auftreten jedesmal oekonomisch
zu rechtfertigen und nahm an,daßgestützt auf
die Untersuchung der Aktualneurosen, daß
Libido (sexuelle Erregung), die vom Ich abgelehnt
oder nicht verwendet wird, eine Abfuhr
in der Form der Angst findet. Man kann es
nicht übersehen, daß diese verschiedenen Bestim-
mungen nicht gut zusam̄engehen, zum mind-
esten nicht notwendig aus einander folgen.
Überdieß ergab sich der Anschein einer beson-
ders innigen Beziehung von Angst und Libido,
die wiederum mit dem Allgemeincharakter
der Angst als Unlustreaktion nicht harmon-
irte.Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von
der Tendenz aus, das Ich zur alleinigen Angst-
stätte zu machen, war also eine der Folgen
der im „Ich und Еs“ versuchten Gliederung
des seelischen Apparats. Der früheren Auffass-
ung lag es nahe, die Libido der verdrängten
Triebregung als die Quelle der Angst zu
betrachten; nach der neueren hatte vielmehr
das Ich für diese Angst aufzukommen. Also
Ichangst oder Trieb‑(Es‑)Angst. Da das Ich mit
desexualisirter Energie arbeitet, wurde in
der Neuerung auch der intime Zusam̄en-
hang von Angst und Libido gelockert. Ich
hoffe es ist mir gelungen, wenigstens den
Widerspruch klar zu machen, die Umriße
der Unsicherheit scharf zu zeichnen.Die Rank’sche Mahnung, der Angstaffekt
sei, wie ich selbst zuerst behauptete, eine Folge
des Geburtsvorganges und eine Wiederholung
der damals durchlebten Situation, nötigte
zu einer neuerlichen Prüfung des Angstproblems.
Mit seiner eigenen Auffassung der Geburt
als Trauma, des Angstzustandes als Abfuhrreaktion
darauf, jedes neuerlichen Angstaffekts als
Versuch, das Trauma immer vollständiger
„abzureagiren“, konnte ich nicht weiter kom̄en.
Es ergab sich die Nötigung, von der Angstreaktion
auf die Gefahrsituation hinter ihr zurückzu-
gehen. Mit der Einführung dieses Moments
ergaben sich neue Gesichtspunkte für die
Betrachtung. Die Geburt wurde das VorbildS.
64
für alle späteren Gefahrsituationen, die sich unter
den neuen Bedingungen der veränderten
Existenzform und der fortschreitenden psychischen
Entwicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung
wurde aber auch auf diese vorbildliche Be-
ziehung zur Gefahr eingeschränkt. Die bei der
Geburt empfundene Angst wurdeabernun das
Vorbild eines Affektzustandes, der die
Schicksale anderer Affekte theilen mußte.
Er reproduzirte sich entweder automatisch
in Situationen, die seinen Ursprungssituat-
ionen analog waren, oder als unzweckmäßige
Reaktionsform, nachdem er in der ersten
Gefahrsituation zweckmäßig gewesen war. Oder
das Ich bekam Macht über diesen Affekt
und reproduzirte ihn selbst, bediente sich
seiner als Warnung vor der Gefahr und
als Mittel, das Eingreifen des Lustunlust-
mechanismus wachzurufen. Die biologische
Bedeutung des Angstaffekts kam zu ihrem
Recht, indem die Angst als die allgemeine
Reaktion auf die Situation der Gefahr
anerkannt wurde; die Rolle des Ichs als
Angststätte wurde bestätigt, indem dem
Ich die Funktion eingeräumt wurde, den
Angstaffekt nach seinen Bedürfnißen zu
produziren. Der Angst wurden so im späteren
Leben zweierlei Ursprungsweisen zuge-
wiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedes-
mal oekonomisch gerechtfertigt, wenn sich eine
Gefahrsituation analog jener der Geburt
hergestellt hatte, die andere, vom Ich produz-
ierte, wenn eine solche Situation nur drohte,
um zu ihrer Vermeidung aufzufordern. In d
iesem zweiten Fall unterzog sich das Ich der
Angst gleichsam wie einer Impfung, um
durch einen abgeschwächten Krankheitsausbruch
einem ungeschwächten Anfall zu entgehen.
Es stellte sich gleichsam die Gefahrsituation
lebhaft vor, bei unverkennbarer Tendenz,
dies peinliche Erleben auf eine Andeutung,
ein Signal, zu beschränken. Wie sich dabei
die verschiedenen Gefahrsituationen nach
einander entwickeln und doch genetisch
mit einander verknüpft bleiben, ist
bereits im einzelnen dargestellt worden.
Vielleicht gelingt es uns, ein Stück weiter ins
Verständnis der Angst einzudringen, wenn
wir das Problem des Verhältnißes zwischen
neurotischer Angst und Realangst angreifen.Die früher behauptete direkte Umsetzung
der Libido in Angst ist unserem Interesse
nun weniger bedeutsam geworden. Ziehen
wir sie doch in Erwägung, so haben wir mehrere
Fälle zu unterscheiden. Für die Angst, dieS.
65
das Ich als Signal provozirt, kommt sie nicht in Betracht;
also auch nicht in all den Gefahrsituationen, die das
Ich zur Einleitung einer Verdrängung bewegen.
Die libidinöse Besetzung der verdrängten Trieb-
regung erfährt, wie man es am deutlichsten
bei der Konversionshysterie sieht, eine
andere Verwendung als die Umsetzung in
und Abfuhr als Angst. Hingegen werden wir
bei der weiteren Diskussion der Gefahr-
situation aufdenjenen Fall der Angstentwicklung
stoßen, der vielleicht wahrscheinlich anders zu beurteilen
ist.c) Verdrängung und Abwehr
Im Zusammenhange der Erörterungen über das
Angstproblem habe ich einen Begriff – oder bescheid-
ener ausgedrückt: einen Terminus – wieder aufge-
nom̄en, dessen ich mich zu Anfang meiner Studien
vor dreißig Jahren ausschließend bedienthatteund den ich späterhin
fallen gelassen hatte. Ich meine den des Abwehr-
vorganges.x) Ich ersetzte ihn
in der Folge durch den der Verdrångung, das
Verhältnis zwischen beiden blieb aber unbe-
stimmt. Ich meine nun, es bringt einen sicheren
Vorteil, auf den alten Begriff der Abwehr
zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß
er die allgemeine Bezeichnung für alle die
Techniken sein soll, deren sich das Ich in seinen
eventuell zur Neurose führenden Konflikten
bedient, während Verdrängung der Name
einer bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt,
die uns infolge der Richtung unserer Untersuch-
ungen zuerst besser bekannt worden ist.Auch eine bloß terminologische Neuerung
will gerechtfertigt werden, soll der Ausdruck
einer neuen Betrachtungsweise oder einer
Erweiterung unserer Einsichten sein. Die Wieder-
aufnahme des Begriffes Abwehr und die Ein-
schränkung des Begriffes der Verdringung
trägt nun einer Tatsache Rechnung, die längst
bekannt ist, aber durch einige neuere Funde
an Bedeutung gewonnen hat. Unsere ersten
Erfahrungen über Verdrängung und Symptom-
bildung machten wir an der Hysterie; wir sahen,
daß der Wahrnehmungsinhalt erregender
Erlebniße, der Vorstellungsinhalt pathogener
Gedankenbildungen vergessen und von der
Reproduktion im Gedächtnis ausgeschloßen wird
und haben darum in der Abhaltung vom
Bewußtsein einen Hauptcharakter der hyster-
ischen Verdringung erkannt. Später habenx)Siehe: Die Abwehr‑Neuropsychosen, Ges, Schriften, Bd. I.
S.
66
wir die Zwangsneurose studirt und gefunden,
daß bei dieser Affektion die pathogenen
Vorfälle nicht vergessen werden. Sie bleiben
bewußt, werden aber auf eine noch nicht
vorstellbare Weise „isolirt“, so daß ungefähr
derselbe Erfolg erzielt wird wie durch
die hysterische Amnesie. Aber die Differenz
ist groß genug, um unsere Meinung zu be-
rechtigen, der Vorgang, mittels dessen die
Zwangsneurose einen Triebanspruch beseitigt,
könne nicht der nämliche sein wie bei
Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns
gelehrt, daß bei der Zwangsneurose unter
dem Einfluß des Ichsträubens eine Regression
der Triebregungen auf eine frühere
Libidophase erzielt wird, die zwar eine Ver-
drängung nicht überflüssiggemmacht, aber
offenbar in demselben Sinne wirkt wie
die Verdrängung. Wir haben ferner gesehen,
daß die auch bei Hysterie anzunehmende
Gegenbesetzung bei der Zwangsneurose als
reaktive Ichveränderung eine besonders große
Rolle beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein
Verfahren der „Isolirung“ aufmerksam
worden, dessen Technik wir noch nicht angeben
können, das sich einen direkten symptom-
atischen Ausdruck schafft, und auf die
magisch zu nennende Prozedur des
„Ungeschehenmachens“, über deren abweisende
Tendenz kein Zweifel sein kann, die aber
mit dem Vorgang der „Verdrängung“
keine Ähnlichkeit mehr hat. Diese Erfahr-
ungen sind Grund genug den alten Begriff
der Abwehr wieder einzusetzen, der alle
diese Vorgänge mit gleicher Tendenz –
Schutz des Ichs gegen Triebansprüche – umfassen
kann, und ihm die Verdrängung als einen
Spezialfall zu subsum̄ieren. Die Bedeutung
einer solchen Namengebung wird erhöht, wenn
man die Möglichkeit erwägt, daß eine Vertief-
ung unserer Studien eine innige Zusam̄en-
gehörigkeit zwischen besonderen Formen der
Abwehr und bestimmten Affektionen er-
geben könnte, zB. zwischen Verdrängung und
Hysterie. Unsere Erwartung richtet sich ferner
auf die Möglichkeit einer anderen bedeut-
samen Abängigkeit. Es kann leicht sein,
daßsder seelische Apparat vor der scharfen Sonderung
von Ich und Es, vor der Ausbildung eines
Überichs, andere Methoden der Abwehr
übt als nach der Erreichung dieser Organis-
ationsstufen.S.
67
B. Ergänzung zur Angst.
Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Unter-
suchung weitere Aufklårung verspricht. Die
Angst hat eine unverkennbare Beziehung
zur Erwartung; sie ist Angst vor etwas. Es
haftet ihr ein Charakter von Unbestim̄theit
und Objektlosigkeit an; der korrekte Sprach-
gebrauch ändert selbst ihren Namen, wenn sie
ein Objekt gefunden hat, und ersetzt ihn
dann durch Furcht. Die Angst hat ferner außeraußerihrer Beziehung zur Gefahr eine andere
zur Neurose, um deren Aufklärung wir
uns seit langem bemühen. Es entsteht die
Frage, warum nicht alle Angstreaktionen
neurotisch sind, warum wir so viele als normal
anerkennen; endlich verlangt der Unterschied
von Realangst und neurotischer Angst nach
gründlicher Würdigung.Gehen wir von der letzteren Aufgabe aus. Unser
Fortschritt bestand in dem Rückgreifen von der
Reaktion der Angst auf die Situation der
Gefahr. Nehmen wir dieselbe Veränderung an
dem Problem der Realangst vor, so wird
uns dessen Lösung leicht. Realgefahr ist eine
Gefahr, die wir kennen, Realangst die Angst
vor einer solchen bekannten Gefahr. Die
neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr,
die wir nicht kennen. Die neurotische
Gefahr muß also erst gesucht werden, die Analyse
hat uns gelehrt, sie ist eine Triebgefahr. Indem
wir diese dem Ich unbekannte Gefahr zum Be-
wußtsein bringen, verwischen wir den Unter-
schied zwischen Realangst und neurotischer Angst,
können wir die letztere wie die erstere
behandeln.In der Real
angstgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen,
die affektive, den Angstausbruch, und die Schutz-
handlung. Voraussichtlich wird bei der Triebgefahr
dasselbe geschehen. Wir kennen den Fall des
zweckmäßigen Zusam̄enwirkens beider Reaktionen,
indem die eine das Signal für das Einsetzen
der anderen gibt, aber auch den unzweckmäßigen
Fall, den der Angstlähmung, daß die eine sich auf
Kosten der anderen ausbreitet.Es giebt Fälle, in denen sich die Charaktere von
Realangst und neurotischer Angst vermengt zeigen.
Die Gefahr ist bekannt und real, aber die Angst
vor ihr übermäßig groß, größer als sie nach
unserem Urteil sein dürfte. In diesem Mehr
verrät sich das neurotische Element. Aber diese
Fälle bringen nichts prinzipiell neues. Die
Analyse zeigt, daß an die bekannte Realgefahr
eine unerkannte Triebgefahr geknüpft ist.S.
68
Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit
der Zurückführung der Angst auf die Gefahr nicht
begnügen. Was ist der Kern, die Bedeutung der
Gefahrsituation? Offenbarimdie Einschätzung
unserer Stärke im Vergleich zu ihrer Größe, das
Zugeständnis unserer Hilflosigkeit gegen sie,
der materiellen Hilflosigkeit im Falle der
Realgefahr, der psychischen Hilflosigkeit im
Falle der Triebgefahr. Unser Urteil wird
dabei von wirklich gemachten Erfahrungen
geleitet werden; ob es sich in seiner Schätzung
irrt, ist für den Erfolg gleichgiltig. Heißen
wir eine solche erlebte Situation von
Hilflosigkeit eine traumatische; wir haben
dann guten Grund, die traumatische Situation
von der Gefahrsituation zu trennen.Es ist
dannnun ein wichtiger Fortschritt in unserer
Selbstbewahrung, wenn eine solche traumatische
Situation von Hilflosigkeit nicht abgewartet,
sondern vorhergesehen, erwartet wird. Die
Situation, in der die Bedingung für solche Er-
wartungenthalten ist, heiße die Gefahrsituation,gegeben
in ihr wird das Angstsignal gegeben. Dies will
besagen: ich erwarte, daß sich eine Situation
von Hilflosigkeit ergeben wird, oder die gegen-
wärtige Situation erinnert mich an eines der
frühererlebtenerfahrenen traumatischen Erlebniße.
Daher antizipire ich dieses Trauma, will mich be-
nehmen, als ob es schon da wäre, solange noch
Zeit ist es abzuwenden. Die Angst ist also
einerseits Erwartung des Traumas, anderseits eine gemild-
erte Wiederholung desselben. Die beiden Char-
aktere, die uns an der Angst aufgefallen sind,
haben also verschiedenen Ursprung. Ihre Bezieh-
ung zur Erwartung gehort zur Gefahrsituation,
ihre Unbestim̄theit und Objektlosigkeit zur
traumatischen Situation der Hilflosigkeit, die
in der Gefahrsituation antizipirt wird.Nach der Entwicklung der Reihe: Angst‑Gefahr‑Hilflosigkeit
(Trauma) können wir zusam̄en-
fassen: Die Gefahrsituation ist die erkannte, er-
innerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit.
Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die
Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in
der Gefahrsituation als Hilfssignal reproduzirt
wird. Das Ich, welches das Trauma passiv erlebt
hat, wiederholt nun aktiv eine abgeschwächte
Reproduktion desselben, in der Hoffnung, deren
Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir wissen,
das Kind beni‑t sich ebenso gegen alle ihm
peinlichen Eindrücke, indem es sie im Spiel
reproduzirt; durch diese Art von der Passivität
zur Aktivität überzugehen, sucht es seine Lebens-
eindrücke psychisch zu bewältigen. Wenn diesS.
69a
x) Es mag auch oft genug vorkom̄en, daß in einer
Gefahrsituation, die als solche richtigerkanntgeschätzt
wird, zur Realangst ein Stück Triebangst
hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen
Befriedigung das Ich zurückschreckt, wäre dann
der masochistische, der gegen die eigene Person
gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht er-
klärt diese Zutat den Fall, daß die Angst-
reaktion übermäßig und unzweckmäßig,
lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster,
Turm, Abgrund) könnten diese Herkunft
haben; ihre geheime feminine Bedeutung
steht dem Masochismus nahe.S.
69
der Sinn eines „Abreagirens des Traumas“ sein soll, so
kann man nichts mehr dagegen einwenden. Das
Entscheidende ist aber die erste Verschiebung der Angst-
reaktion von ihrem Ursprung in der Situation
der Hilflosigkeit auf deren Erwartung, die
Gefahrsituation. Dann folgen die weiteren Ver-
schiebungen von der Gefahr auf die Bedingung
der Gefahr, den Objektverlust, und dessen schon
erwähnte Modifikationen.Die „Verwöhnung“ des kleinen Kindes hat die uner-
wünschte Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes
– das Objekt als Schutz gegen alleGefahrenSituationen der Hilf-
losigkeit – gegen alle anderen Gefahren über-
steigert wird. Sie begünstigt also die Zurückhalt-
ung in der Kindheit, der die motorische wie
die psychische Hilflosigkeit eigen ist.Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die Realangst
anders zu betrachten als die neurotische Angst. Wir
kennen den Unterschied; die Realgefahr droht
von einem äußeren Objekt, die neurotische von
einem Triebanspruch. Insoferne dieser Triebanspruch
etwas Reales ist, kann auchdurchdie neurotische
Angst als real begründet anerkannt werden.
Wir haben verstanden, daß der Anschein einer
besonders intimen Beziehung zwischen Angst
und Neurose sich auf die Tatsache zurückführt,
daß das Ich sichmit Hilfe der Angstreaktiona¿
der Triebgefahr ebenso erwehrt wie der
äußeren Realgefahr, daß aber diese Richtung
der Abwehrtätigkeit infolge einer Unvoll-
kom̄enheit des seelischen Apparats in die
Neurose ausläuft. Wir haben auch die Über-
zeugung gewonnen, daß der Triebanspruch
oft nur darum zur (inneren) Gefahr wird, weil
seine Befriedigung eine äußere Gefahr herbei-
führen würde, also weil diese innere Gefahr
eine äußere repraesentirt.Anderseits muß auch die äußere (Real‑)Gefahr
eine Verinnerlichung gefunden haben, wenn
sie für das Ich bedeutsam werden soll; sie
muß in ihrer Beziehung zu einer erlebten
Situation von Hilflosigkeit erkannt werden.x)
Eine instinktive Erkenntnis von außen drohender
Gefahren scheint dem Menschen nicht oder
nur in sehr bescheidenem Ausmaß mitgegeben
worden zu sein. Kleine Kinder thun unauf-
hörlich Dinge, die sie in Lebensgefahr bringen
und können gerade darum das schützende
Objekt nicht entbehren. In der Beziehung
zur traumatischen Situation, gegen die man
hilflos ist, treffen äußere und innere Gefahr,S.
70
Realgefahr und Triebanspruch zusam̄en. Mag das
Ich in dem einen Falle einen Schmerz, der
nicht aufhören will, erleben, im anderen Falle
eine Bedürfnisstauung, die keine Befriedigung
finden kann, die oekonomische Situation
ist für beide Fälle die nämliche und die
motorische Hilflosigkeit findet in der psychischen
Hilflosigkeit ihren Ausdruck.Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit
verdienen an dieser Stelle nochmalige Erwähn-
ung. Die einen von ihnen – Alleinsein, Dunkelheit,
fremde Personen – konnten wir als Reaktionen
auf die Gefahr des Objektverlusts verstehen;
für andere – kleine Thiere, Gewitter udgl – bietet
sich vielleicht die Auskunft, sie seien die
verkümmerten Reste einer kongenitalen
Vorbereitung auf die Realgefahren, die bei
anderen Thieren so deutlich ausgebildet ist. Für
den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil
dieser archaischen Erbschaft, der sich auf den
Objektverlust bezieht. Wenn solche Kinderphobien
sich fixiren, stärker werden und bis in
späte Lebensjahre anhalten, weist die Analyse
nach, daß ihr Inhalt sich mit Triebansprüchen in
Verbindung gesetzt hat, zur Vertretung
auch innerer Gefahren geworden ist.С. Angst, Schmerz und Trauer.
Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so
wenig vor, daß die nachstehenden schüchternen
Bemerkungen auf die nachsichtigste Beurteil-
ung Anspruch erheben dürfen.
An folgender Stelle erhebt sich für uns das
Problem. Wir mußten sagen, die Angst
werde zur Reaktion auf die Gefahr des
Objektverlustes. Nun kennen wir bereits
eine solche Reaktion auf den Objektver-
lust es ist die Trauer. Also wann kom̄t
es zur einen, wann zur anderen? An der
Trauer, mit der wir uns bereits früher beschäftigt
haben,x) blieb ein Zug völlig unverstanden,
ihre besondere Schmerzlichkeit. Daß die
Trennung vom Objekt schmerzlich ist, erscheint
uns trotzdem selbstverständlich. Also kom-
plizirt sich das Problem weiter: Wann
macht die Trennung vom Objekt Angst,
wann Trauer und wann vielleicht
nur Schmerz?x)S. Trauer und Melancholie Ges. Schriften, Bd. V.
S.
71
Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vor-
handen, Antworten auf diese Fragen zu
geben. Wir werden uns dabei bescheiden,
einige Abgrenzungen und einige Andeut-
ungen zu finden.Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine Situation,
die wir zu verstehen glauben, die des Säuglings,
der anstatt seiner Mutter eine fremde Person
erblickt. Er zeigt dann die Angst, die wir auf
die Gefahr des Objektverlusts gedeutet haben.
Aber sie ist wol komplizirter und verdient
eine eingehendere Diskussion. An der Angst
des Säuglings ist wol kein Zweifel, aber Gesichts-
ausdruck und dieumReaktion des Weinens
lassen annehmen, daß er außerdem noch
Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges
zusam̄enfließt, was später gesondert werden
wird. Er kann das zeitweilige Vermissen und
den dauernden Verlust noch nicht unter-
scheiden; wenn er die Mutter das eine Mal
nicht zu Gesicht bekom̄en hat, benim̄t er sich
so, als ob er sie nie wieder sehen sollte,
und es bedarf wiederholter tröstlicher Erfahr-
ungen, bis er gelernt hat, daß auf ein solches
Verschwinden der Mutter ihr Wiedererscheinen
zu folgen pflegt. Die Mutter reift diese
für ihn so wichtige Erkenntnis, indem sie
das bekannte Spiel mit ihm aufführt, sich
vor ihm das Gesicht zu verdecken und zu
seiner Freude wieder zu enthüllen. Er
kann dann sozusagen Sehnsucht empfinden,
die nicht von Verzweiflung begleitet
ist.Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist
infolge seines Mißverständnißes für ihn keine
Gefahrsituation, sondern eine traumatische, oder
richtiger, sie ist eine traumatische, wenn er
in diesem Moment ein Bedürfnis verspürt,
das die Mutter befriedigen soll; sie wandelt
sich zur Gefahrsituation, wenn dies Bedürf-
nis nicht aktuell ist. Die erste Angstbedingung,
die das Ich selbst einfihrt, ist also die des
Wahrnehmungsverlustes, die der des Objekt-
verlustes gleichgestellt wird. Ein Liebesverlust
kom̄t noch nicht in Betracht. Später lehrt
die Erfahrung, daß dasAnObjekt vorhanden
bleiben, aber auf das Kind böse geworden
sein kann, und nun wird der Verlust
der Liebe von seiten des Objekts zur
neuen, weit beständigeren, Gefahr und
Angstbedingung.Die traumatische Situation des Vermissens
der Mutter weicht in einem entscheidenden
Punkte von der traumatischen Situation
der Geburt ab. Damals war kein ObjektS.
72
vorhanden, das vermißt werden konnte. Die
Angst blieb die einzige Reaktion, die zu
Stande kam. Seither haben wiederholte Befried-
igungssituationen das Objekt der Mutter
geschaffen, das nun im Falle des Bedürf-
nisses eine intensive, sehnsüchtig zu nen̄-
ende Besetzung erfährt. Auf diese Neuer-
ung ist die Reaktion des Schmerzes zu
beziehen. Der Schmerz ist also die eigentliche
Reaktion auf den Objektverlust, die
Angst die auf die Gefahr, welche dieser
Verlust mit sich bringt, in weiterer Ver-
schiebung auf die Gefahr des Objektverlustes
selbst.Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den
einzig sicheren Inhalt gibt die Tatsache, daß
der Schmerz – zunächst und in der Regel –
entsteht, wenn ein an der Peripherie
angreifender Reiz die Vorrichtungen
des Reizschutzes durchbricht und nun wie
ein kontinuirlicher Triebreiz wirkt,
gegen den die sonst wirksamen Muskel-
aktionen, welchedasdie gereizte Stelle dem
Reiz entziehen, ohnmächtig bleiben. Wenn
der Schmerz nicht von einer Hautstelle, sondern
von einem inneren Organ ausgeht, so ändert
das nichts an der Situation; es ist nur
ein Stück der inneren Peripherie
an die Stelle der äußeren getreten.
Das Kind hat
offenbar Gelegenheit, solche Schmerzerlebniße
zu machen, die unabhängig von seinen
Bedürfniserlebnißen sind.
Diese Entstehungsbedingung des Schmerzes scheint
aber sehr wenig Ähnlichkeit mit einem
Objektverlust zu haben, auch ist das für den
Schmerz wesentliche Moment der peripher-
ischen Reizung in der Sehnsuchtssituation des
Kindes völlig entfallen. Und doch kann
es nicht sinnlos sein, daß die Sprache den
Begriff des inneren, des seelischen Schmerzes
geschaffen hat und die Empfindungen des
Objektverlusts durchaus dem körperlichen
Schmerz gleichstellt.Beim körperlichen Schmerz entsteht eine
hohe, narzißtisch zu nennende Besetzung
der schmerzenden Körperstelle, die im̄er
mehr zunim̄t und sozusagen entleerend
auf das Ich wirkt. Es ist bekannt, daß
wir, bei Schmerzen in inneren Organen
räumliche und andere Vorstellungen von
solchen Körperteilen bekomm̄en, die sonst
im bewußten Vorstellen gar nicht ver-
treten sind. Auch die merkwürdige
Tatsache, daß die intensivsten KörperschmerzenS.
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bei psychischer Ablenkung durch ein anders-
artiges Interesse nicht zustande kom̄en, (man
darf hier nicht sagen; unbewußt bleiben)
findet in der Tatsache der Konzentration
der Besetzung auf die psychische Repraesentanz
der schmerzenden Körperstelle ihre Erklärung.
Nun scheint in diesem Punkt die Analogie
zu liegen, die die Übertragung der Schmerz-
empfindung auf das seelische Gebiet gestattet
hat. Die intensive, infolge ihrer Unstillbarkeit
stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung des
vermißten (verlorenen) Objektes schafft die-
selben oekonomischen Bedingungen wie die
Schmerzbesetzung der verletzten
Körperstelle und macht es möglich, von der
peripherischen Bedingtheit des Körperschmerzes
abzusehen! Der Übergang vom Körperschmerz
zum Seelenschmerz entspricht dem Wandel
von narzißtischer zur Objektbesetzung. Diehochbesetztevom Bedürfnis hochbesetzte Ob-
jektvorstellung spielt die Rolle der von
dem Reizzuwachs besetzten Körperstelle. Die
Kontinuität und Unhem̄barkeit des Besetzungs-
vorganges bringen den gleichen Zustand der
psychischen Hilflosigkeit hervor. Wenn die
dann entstehende Unlustempfindung den
spezifischen, nicht näher zu beschreibenden
Charakter des Schmerzes träg, anstatt sich in
der Reaktionsform der Angst zu äußern,
so liegt es nahe, dafür ein Moment verant-
wortlich zu machen, das sonst von der Er-
klärung noch zu wenig in Anspruch ge-
nom̄en wurde, das hohe Niveau der Be-
setzungs‑ und Bindungsverhältniße, auf
dem sich diese zur Unlustempfindung
führenden Vorgänge vollziehen.Wir kennen noch eine andere Gefülsreaktion
auf den Objektvorsverlust, die Trauer. Ihre Er-
klärung bereitet aber keine Schwierigkeiten
mehr. Die Trauer entsteht unter dem Einfluß
der Realitätsprüfung, die kategorisch verlangt,
daß man sich von dem Objekt trennen
müße, weil es nicht mehr besteht. Sie hat nun
die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Ob-
jekt in all den Situationen durchzuführen,
in denen das Objekt Gegenstand hoher Be-
setzung war. Der schmerzliche Charakter dieser
Trennung fügt sich dann der eben gegebenen
Erklärung durch die hohe und unerfüllbare
Sehnsuchtsbesetzung des Objekts während
der Reproduktion der Situationen, in
denen die Bindung an das Objekt
gelöst werden soll.
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
1926-001/1926.01/11