Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
  • S.

    60

    Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht 
    in das Wesen und die Verursachung der 
    Neurosen vorläufig nicht gekommen.

    XII. Nachträge

    Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene
    Themen berührt worden, die vorzeitig verlassen 
    werden mußten und die jetzt gesammelt werden 
    sollen, um den Anteil Aufmerksamkeit 
    zu erhalten, auf den sie Anspruch haben.

    A. Modifikationen früher geäußerter Ansichten.

    a) Widerstand und Gegenbesetzung.

    Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Ver-
    drängung, daß sie nicht einen einmaligen 
    Vorgang darstellt, sondern einen dauernden 
    Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele, 
    würde der verdrängte Trieb, der kontinuir-
    lich Zuflüße aus seinen Quellen erhält, ein 
    nächstes Mal denselben Weg einschlagen, von 
    dem er abgedrängt wurde, die Verdrängung 
    würde um ihren Erfolg gebracht oder sie 
    müßte unbestimmt oft  wiederholt werden. 
    So folgt aus der kontinuirlichen Natur des 
    Triebes die Anforderung an das Ich, seine 
    Abwehraktion durch einen Daueraufwand 
    zu versichern. Diese Aktion zum Schutz der 
    Verdrängung ist es, die wir bei der therap-
    eutischen Bemühung als Widerstand ver-
    spüren. Widerstand setzt das voraus, was 
    ich als Gegenbesetzung bezeichnet habe. 
    Eine solche Gegenbesetzung wird bei der Zwangs-
    neurose greifbar. Sie erscheint hier als Ichver-
    änderung, als Reaktionsbildung im Ich durch 
    Verstärkung jener Einstellung, welche der 
    zu verdrängenden Triebrichtung gegen-
    sätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit, 
    Reinlichkeit). Diese Reaktionsbildungen 
    der Zwangsneurose sind durchwegs 
    Übertreibungen der normaler, im Verlauf 
    der Latenzzeit gebildeter entwickelter Charakterzüge. 
    Es ist weit schwieriger, die Gegenbesetzung 
    bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie nach 
    der theoretischen Erwartung ebenso un-
    entbehrlich ist. Auch hier ist ein gewißes 
    Maß von Ichveränderung durch Reaktions-
    bildung unverkennbar und wird in 
    manchen Fällen Verhältnißen so auffällig, daß es sich der 
    Aufmerksamkeit als das Hauptsymptom 
    des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise 
    wird zB. der Ambivalenzkonflikt der 
    Hysterie gelöst, der Haß gegen eine ge-
    liebte Person wird durch ein Über-
    maß von Zärtlichkeit für sie und 

  • S.

    61

    Ängstlichkeit um sie niedergehalten. Man muß 
    aber als Unterschiede gegen die Zwangsneurose 
    hervorheben, daß solche Reaktionsbildungen 
    nicht die allgemeine Natur von Charakter-
    zügen zeigen, sondern sich auf ganz spezielle 
    Relationen einschränken. Die Hysterika 
    zB, die ihre im Grunde gehaßten Kinder 
    mit exzessiver Zärtlichkeit behandelt, wird 
    darum nicht im ganzen liebesbereiter als 
    andere Frauen, nicht einmal zärtlicher für 
    andere Kinder. Die Reaktionsbildung der 
    Hysterie hält an einem bestim̄ten Objekt 
    zähe fest und erhebt sich nicht zu einer allge-
    meinen Disposition des Ichs. Für die Zwangs-
    neurose ist gerade diese Verallgemein-
    erung, die Lockerung der Objektbeziehungen, 
    die Erleichterung der Verschiebung in 
    der Objektwahl charakteristisch.

    Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der 
    Eigenart der Hysterie gemäßer zu sein. Die 
    verdrängte Triebregung kann von zwei Seiten 
    her aktivirt (neu besetzt) werden), erstens 
    von innen her durch eine Verstärkung des 
    Triebes aus seinen inneren Erregungsquellen, 
    zweitens von außen her durch die Wahrnehmung 
    eines Objekts, das dem Trieb erwünscht wäre. 
    Die hysterische Gegenbesetzung ist nun vorzugsweise 
    nach außen gegen die gefährliche Wahrnehmung 
    gerichtet, sie nim̄t die Form einer beson-
    deren Wachsamkeit an, die durch Ichein-
    schränkungen Situationen vermeidet, in denen 
    die Wahrnehmung auftreten müßte und 
    die es zustande bringt, dieser Wahrnehmung 
    die Aufmerksamkeit zu entziehen, wenn 
    sie doch aufgetaucht ist. Französische Autoren 
    (Laforgue) haben kürzlich diese Leistung der Hysterie 
    durch den besonderen Namen „Skotomisation“ 
    ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei Hysterie 
    ist diese Technik der Gegenbesetzung bei den 
    Phobien, deren Interesse sich darauf kon-
    zentrirt, sich immer weiter von der 
    Möglichkeit der gefürchteten Wahrnehmung 
    zu entfernen. Der Gegensatz in der Richtung 
    der Gegenbesetzung be zwischen Hysterie und 
    Phobien einerseits und Zwangsneurose ander-
    seits scheint bedeutsam, wenn er auch kein 
    absoluter ist. er legt uns nahe anzunehmen, 
    daß zwischen der Verdrängung und der 
    äußeren Gegenbesetzung, wie zwischen 
    der Regression und der inneren Gegen-
    besetzung (Ichveränderung durch Reaktions-
    bildung) ein innigerer Zusam̄enhang besteht. 
    Die Abwehr der gefährlichen Wahrnehmung 
    ist übrigens eine allgemeine Aufgabe der 
    Neurosen. verschiedene Gebote und Ver-
    bote der Zwangsneurose sollen auf 
    der gleichen dieser Absicht dienen.

  • S.

    62

    Wir haben uns früher einmal klargemacht, 
    daß der Widerstand, den wir in der Analyse 
    zu überwinden haben, vom Ich geleistet 
    wird, das an seinen Gegenbesetzungen festhält. 
    Das Ich hat es schwer, seine Aufmerksamkeit 
    Wahrnehmungen und Vorstellungen zuzu-
    wenden, deren Vermeidung es sich bisher 
    zur Vorschrift gemacht hatte oder Regungen 
    als die seinigen anzuerkennen, die den 
    vollsten Gegensatz zu den ihm als eigen ver-
    trauten bilden. Unsere Bekämpfung des 
    Widerstandes in der Analyse gründet 
    sich auf eine solche Auffassung desselben. 
    Wir machen den Widerstand bewußt, 
    wo er, wie so häufig, infolge des Zusam̄en-
    hangs mit dem Verdringten selbst un-
    bewußt ist; wir setzen ihm logische Argum-
    ente entgegen, wenn oder nachdem er 
    bewußt geworden ist, versprechen dem Ich 
    Nutzen und Praemien, wenn es auf den 
    Widerstand verzichtet. An dem Widerstand 
    des Ichs ist also nichts zu bezweifeln oder zu 
    berichtigen. Dagegen fragt es sich, ob er allein 
    den Sachverhalt deckt, der uns in der 
    Analyse entgegentritt. Wir machen die Erfahr-
    ung daß das Ich noch immer Schwierigkeiten 
    findet, die Verdrängungen an rückgängig 
    zu machen, auch nachdem es den Vorsatz 
    gefaßt hat, seine Widerstände aufzugeben, 
    und haben die Phase mühevoller Arb 
    anstrengender Bemühung, die nach solchem 
    löblichen Vorsatz folgt, als die des „Durch-
    arbeitens“ bezeichnet. Es liegt nun nahe, 
    das dynamische Moment anzuerkennen, das 
    ein solches Durcharbeiten notwendig und 
    verständlich macht. Es kann kaum anders 
    sein, als daß nach Aufhebung des Ichwider-
    standes noch die Macht des Wieder-
    holungszwanges, die Anziehung der unbe-
    wußten Vorbilder auf den verdrängten 
    Triebvorgang, zu überwinden ist, und es 
    ist nichts dagegen zu sagen, wenn man 
    dies Moment als den Widerstand 
    des Unbewußten bezeichnen will. 
    Lassen wir uns solche Korrekturen nicht 
    verdrießen; sie sind erwünscht, wenn 
    sie unser Verständnis um ein Stück 
    fördern, und keine Schande, wenn sie 
    das frühere nicht widerlegen, sondern 
    bereichern, eventuell eine Allgemeinheit 
    einschränken, eine zu enge Auffassung 
    erweitern.

  • S.

    62a

    Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese Korrektur 
    eine vollständige Übersicht über die Arten 
    der uns in der Analyse begegnenden Wider-
    stände gewonnen haben. Bei weiterer Ver-
    tiefung merken wir vielmehr, daß wir fünf 
    Arten des Widerstandes zu bekämpfen haben, 
    die von drei Seiten herstammen, nämlich vom Ich, 
    vom Es und vom Überich, wobei sich das Ich 
    als die Quelle von drei in ihrer Dynamik 
    unterschiedenen Formen erweist. Der erste 
    dieser drei Ichwiderstände ist der vorhin behandelte 
    Verdrängungswiderstand, über den am 
    wenigsten Neues zu sagen ist. Von ihm sondert 
    sich der Übertragungswiderstand, der von 
    der gleichen Natur ist, aber während in der 
    Analyse andere und weit deutlichere 
    Erscheinungen macht, da es ihm gelungen ist, 
    eine Beziehung zur analytischen Situation 
    oder zur Person des Analytikers herzu-
    stellen und somit eine Verdrängung, die 
    blos erinnert werden sollte, wieder 
    wie frisch zu beleben. Auch ein Ichwider-
    stand aber ganz anderer Natur, ist, der 
    vom Krankheitsgewinn ausgeht und sich 
    auf die Einbeziehung des Symptoms in’s 
    Ich gründet. Er entspricht dem Sträuben 
    gegen den Verzicht auf eine Befriedigung 
    oder Erleichterung. Die vierte Art des 
    Widerstandes – den des Es – haben wir eben 
    für die Notwendigkeit des Durcharbeit-
    ens verantwortlich gemacht. Der fünfte 
    Widerstand, der des Überichs, der zuletzt 
    erkannte, dunkelste, aber nicht immmer 
    schwächste, scheint dem Schuldbewußtsein 
    oder Strafbedürfnis zu entstam̄en, 
    er widersetzt sich der Genesung über-
    haupt, jedem Erfolg und demnach auch der 
    Genesung durch die Analyse.

  • S.

    63

    b). Angst aus Umwandlung von Libido

    Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung 
    der Angst entfernt sich ein Stück weit von 
    jener, die mir bisher berechtigt schien. Früher 
    betrachtete ich die Angst als eine allgemeine Reaktion 
    des Ichs unter den Bedingungen der Unlust 
    suchte ihr Auftreten jedesmal oekonomisch 
    zu rechtfertigen und nahm an,daß gestützt auf 
    die Untersuchung der Aktualneurosen, daß 
    Libido (sexuelle Erregung), die vom Ich abgelehnt 
    oder nicht verwendet wird, eine Abfuhr 
    in der Form der Angst findet. Man kann es 
    nicht übersehen, daß diese verschiedenen Bestim-
    mungen nicht gut zusam̄engehen, zum mind-
    esten nicht notwendig aus einander folgen. 
    Überdieß ergab sich der Anschein einer beson-
    ders innigen Beziehung von Angst und Libido, 
    die wiederum mit dem Allgemeincharakter 
    der Angst als Unlustreaktion nicht harmon-
    irte.

    Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von 
    der Tendenz aus, das Ich zur alleinigen Angst-
    stätte zu machen, war also eine der Folgen 
    der im „Ich und Еs“ versuchten Gliederung 
    des seelischen Apparats. Der früheren Auffass-
    ung lag es nahe, die Libido der verdrängten 
    Triebregung als die Quelle der Angst zu 
    betrachten; nach der neueren hatte vielmehr 
    das Ich für diese Angst aufzukommen. Also 
    Ichangst oder Trieb‑(Es‑)Angst. Da das Ich mit 
    desexualisirter Energie arbeitet, wurde in 
    der Neuerung auch der intime Zusam̄en-
    hang von Angst und Libido gelockert. Ich 
    hoffe es ist mir gelungen, wenigstens den 
    Widerspruch klar zu machen, die Umriße 
    der Unsicherheit scharf zu zeichnen.

    Die Rank’sche Mahnung, der Angstaffekt 
    sei, wie ich selbst zuerst behauptete, eine Folge 
    des Geburtsvorganges und eine Wiederholung 
    der damals durchlebten Situation, nötigte 
    zu einer neuerlichen Prüfung des Angstproblems. 
    Mit seiner eigenen Auffassung der Geburt 
    als Trauma, des Angstzustandes als Abfuhrreaktion 
    darauf, jedes neuerlichen Angstaffekts als 
    Versuch, das Trauma immer vollständiger 
    „abzureagiren“, konnte ich nicht weiter kom̄en. 
    Es ergab sich die Nötigung, von der Angstreaktion 
    auf die Gefahrsituation hinter ihr zurückzu-
    gehen. Mit der Einführung dieses Moments 
    ergaben sich neue Gesichtspunkte für die 
    Betrachtung. Die Geburt wurde das Vorbild 

  • S.

    64

    für alle späteren Gefahrsituationen, die sich unter 
    den neuen Bedingungen der veränderten 
    Existenzform und der fortschreitenden psychischen 
    Entwicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung 
    wurde aber auch auf diese vorbildliche Be-
    ziehung zur Gefahr eingeschränkt. Die bei der 
    Geburt empfundene Angst wurde aber nun das 
    Vorbild eines Affektzustandes, der die 
    Schicksale anderer Affekte theilen mußte. 
    Er reproduzirte sich entweder automatisch 
    in Situationen, die seinen Ursprungssituat-
    ionen analog waren, oder als unzweckmäßige 
    Reaktionsform, nachdem er in der ersten 
    Gefahrsituation zweckmäßig gewesen war. Oder 
    das Ich bekam Macht über diesen Affekt 
    und reproduzirte ihn selbst, bediente sich 
    seiner als Warnung vor der Gefahr und 
    als Mittel, das Eingreifen des Lustunlust-
    mechanismus wachzurufen. Die biologische 
    Bedeutung des Angstaffekts kam zu ihrem 
    Recht, indem die Angst als die allgemeine 
    Reaktion auf die Situation der Gefahr 
    anerkannt wurde; die Rolle des Ichs als 
    Angststätte wurde bestätigt, indem dem 
    Ich die Funktion eingeräumt wurde, den 
    Angstaffekt nach seinen Bedürfnißen zu 
    produziren. Der Angst wurden so im späteren 
    Leben zweierlei Ursprungsweisen zuge-
    wiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedes-
    mal oekonomisch gerechtfertigt, wenn sich eine 
    Gefahrsituation analog jener der Geburt 
    hergestellt hatte, die andere, vom Ich produz-
    ierte, wenn eine solche Situation nur drohte, 
    um zu ihrer Vermeidung aufzufordern. In d
    iesem zweiten Fall unterzog sich das Ich der 
    Angst gleichsam wie einer Impfung, um 
    durch einen abgeschwächten Krankheitsausbruch 
    einem ungeschwächten Anfall zu entgehen. 
    Es stellte sich gleichsam die Gefahrsituation 
    lebhaft vor, bei unverkennbarer Tendenz, 
    dies peinliche Erleben auf eine Andeutung, 
    ein Signal, zu beschränken. Wie sich dabei 
    die verschiedenen Gefahrsituationen nach 
    einander entwickeln und doch genetisch 
    mit einander verknüpft bleiben, ist 
    bereits im einzelnen dargestellt worden. 
    Vielleicht gelingt es uns, ein Stück weiter ins 
    Verständnis der Angst einzudringen, wenn 
    wir das Problem des Verhältnißes zwischen 
    neurotischer Angst und Realangst angreifen.

    Die früher behauptete direkte Umsetzung 
    der Libido in Angst ist unserem Interesse 
    nun weniger bedeutsam geworden. Ziehen 
    wir sie doch in Erwägung, so haben wir mehrere 
    Fälle zu unterscheiden. Für die Angst, die 

  • S.

    65

    das Ich als Signal provozirt, kommt sie nicht in Betracht; 
    also auch nicht in all den Gefahrsituationen, die das 
    Ich zur Einleitung einer Verdrängung bewegen. 
    Die libidinöse Besetzung der verdrängten Trieb-
    regung erfährt, wie man es am deutlichsten 
    bei der Konversionshysterie sieht, eine 
    andere Verwendung als die Umsetzung in 
    und Abfuhr als Angst. Hingegen werden wir 
    bei der weiteren Diskussion der Gefahr-
    situation auf den jenen Fall der Angstentwicklung 
    stoßen, der vielleicht wahrscheinlich anders zu beurteilen 
    ist.

    c) Verdrängung und Abwehr

    Im Zusammenhange der Erörterungen über das 
    Angstproblem habe ich einen Begriff – oder bescheid-
    ener ausgedrückt: einen Terminus – wieder aufge-
    nom̄en, dessen ich mich zu Anfang meiner Studien 
    vor dreißig Jahren ausschließend bedient hatte und den ich späterhin 
    fallen gelassen hatte. Ich meine den des Abwehr-
    vorganges.x) Ich ersetzte ihn 
    in der Folge durch den der Verdrångung, das 
    Verhältnis zwischen beiden blieb aber unbe-
    stimmt. Ich meine nun, es bringt einen sicheren 
    Vorteil, auf den alten Begriff der Abwehr 
    zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß 
    er die allgemeine Bezeichnung für alle die 
    Techniken sein soll, deren sich das Ich in seinen 
    eventuell zur Neurose führenden Konflikten 
    bedient, während Verdrängung der Name 
    einer bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt, 
    die uns infolge der Richtung unserer Untersuch-
    ungen zuerst besser bekannt worden ist.

    Auch eine bloß terminologische Neuerung 
    will gerechtfertigt werden, soll der Ausdruck 
    einer neuen Betrachtungsweise oder einer 
    Erweiterung unserer Einsichten sein. Die Wieder-
    aufnahme des Begriffes Abwehr und die Ein-
    schränkung des Begriffes der Verdringung 
    trägt nun einer Tatsache Rechnung, die längst 
    bekannt ist, aber durch einige neuere Funde 
    an Bedeutung gewonnen hat. Unsere ersten 
    Erfahrungen über Verdrängung und Symptom-
    bildung machten wir an der Hysterie; wir sahen, 
    daß der Wahrnehmungsinhalt erregender 
    Erlebniße, der Vorstellungsinhalt pathogener 
    Gedankenbildungen vergessen und von der 
    Reproduktion im Gedächtnis ausgeschloßen wird 
    und haben darum in der Abhaltung vom 
    Bewußtsein einen Hauptcharakter der hyster-
    ischen Verdringung erkannt. Später haben 

    x)Siehe: Die Abwehr‑Neuropsychosen, Ges, Schriften, Bd. I.

  • S.

    66

    wir die Zwangsneurose studirt und gefunden, 
    daß bei dieser Affektion die pathogenen 
    Vorfälle nicht vergessen werden. Sie bleiben 
    bewußt, werden aber auf eine noch nicht 
    vorstellbare Weise „isolirt“, so daß ungefähr 
    derselbe Erfolg erzielt wird wie durch 
    die hysterische Amnesie. Aber die Differenz 
    ist groß genug, um unsere Meinung zu be-
    rechtigen, der Vorgang, mittels dessen die 
    Zwangsneurose einen Triebanspruch beseitigt, 
    könne nicht der nämliche sein wie bei 
    Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns 
    gelehrt, daß bei der Zwangsneurose unter 
    dem Einfluß des Ichsträubens eine Regression 
    der Triebregungen auf eine frühere 
    Libidophase erzielt wird, die zwar eine Ver-
    drängung nicht überflüssig gem macht, aber 
    offenbar in demselben Sinne wirkt wie 
    die Verdrängung. Wir haben ferner gesehen, 
    daß die auch bei Hysterie anzunehmende 
    Gegenbesetzung bei der Zwangsneurose als 
    reaktive Ichveränderung eine besonders große 
    Rolle beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein 
    Verfahren der „Isolirung“ aufmerksam 
    worden, dessen Technik wir noch nicht angeben 
    können, das sich einen direkten symptom-
    atischen Ausdruck schafft, und auf die 
    magisch zu nennende Prozedur des 
    „Ungeschehenmachens“, über deren abweisende 
    Tendenz kein Zweifel sein kann, die aber 
    mit dem Vorgang der „Verdrängung“ 
    keine Ähnlichkeit mehr hat. Diese Erfahr-
    ungen sind Grund genug den alten Begriff 
    der Abwehr wieder einzusetzen, der alle 
    diese Vorgänge mit gleicher Tendenz – 
    Schutz des Ichs gegen Triebansprüche – umfassen 
    kann, und ihm die Verdrängung als einen 
    Spezialfall zu subsum̄ieren. Die Bedeutung 
    einer solchen Namengebung wird erhöht, wenn 
    man die Möglichkeit erwägt, daß eine Vertief-
    ung unserer Studien eine innige Zusam̄en-
    gehörigkeit zwischen besonderen Formen der 
    Abwehr und bestimmten Affektionen er-
    geben könnte, zB. zwischen Verdrängung und 
    Hysterie. Unsere Erwartung richtet sich ferner 
    auf die Möglichkeit einer anderen bedeut-
    samen Abängigkeit. Es kann leicht sein, 
    daß s der seelische Apparat vor der scharfen Sonderung 
    von Ich und Es, vor der Ausbildung eines 
    Überichs, andere Methoden der Abwehr 
    übt als nach der Erreichung dieser Organis-
    ationsstufen.

  • S.

    67

    B. Ergänzung zur Angst. 

    Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Unter-
    suchung weitere Aufklårung verspricht. Die 
    Angst hat eine unverkennbare Beziehung 
    zur Erwartung; sie ist Angst vor etwas. Es 
    haftet ihr ein Charakter von Unbestim̄theit 
    und Objektlosigkeit an; der korrekte Sprach-
    gebrauch ändert selbst ihren Namen, wenn sie 
    ein Objekt gefunden hat, und ersetzt ihn 
    dann durch Furcht. Die Angst hat ferner außer 
    außer ihrer Beziehung zur Gefahr eine andere 
    zur Neurose, um deren Aufklärung wir 
    uns seit langem bemühen. Es entsteht die 
    Frage, warum nicht alle Angstreaktionen 
    neurotisch sind, warum wir so viele als normal 
    anerkennen; endlich verlangt der Unterschied 
    von Realangst und neurotischer Angst nach 
    gründlicher Würdigung.

    Gehen wir von der letzteren Aufgabe aus. Unser 
    Fortschritt bestand in dem Rückgreifen von der 
    Reaktion der Angst auf die Situation der 
    Gefahr. Nehmen wir dieselbe Veränderung an 
    dem Problem der Realangst vor, so wird 
    uns dessen Lösung leicht. Realgefahr ist eine 
    Gefahr, die wir kennen, Realangst die Angst 
    vor einer solchen bekannten Gefahr. Die 
    neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr, 
    die wir nicht kennen. Die neurotische 
    Gefahr muß also erst gesucht werden, die Analyse 
    hat uns gelehrt, sie ist eine Triebgefahr. Indem 
    wir diese dem Ich unbekannte Gefahr zum Be-
    wußtsein bringen, verwischen wir den Unter-
    schied zwischen Realangst und neurotischer Angst, 
    können wir die letztere wie die erstere 
    behandeln.

    In der Realangstgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen, 
    die affektive, den Angstausbruch, und die Schutz-
    handlung. Voraussichtlich wird bei der Triebgefahr 
    dasselbe geschehen. Wir kennen den Fall des 
    zweckmäßigen Zusam̄enwirkens beider Reaktionen, 
    indem die eine das Signal für das Einsetzen 
    der anderen gibt, aber auch den unzweckmäßigen 
    Fall, den der Angstlähmung, daß die eine sich auf 
    Kosten der anderen ausbreitet.

    Es giebt Fälle, in denen sich die Charaktere von 
    Realangst und neurotischer Angst vermengt zeigen. 
    Die Gefahr ist bekannt und real, aber die Angst 
    vor ihr übermäßig groß, größer als sie nach 
    unserem Urteil sein dürfte. In diesem Mehr 
    verrät sich das neurotische Element. Aber diese 
    Fälle bringen nichts prinzipiell neues. Die 
    Analyse zeigt, daß an die bekannte Realgefahr 
    eine unerkannte Triebgefahr geknüpft ist.

  • S.

    68

    Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit 
    der Zurückführung der Angst auf die Gefahr nicht 
    begnügen. Was ist der Kern, die Bedeutung der 
    Gefahrsituation? Offenbar im die Einschätzung 
    unserer Stärke im Vergleich zu ihrer Größe, das 
    Zugeständnis unserer Hilflosigkeit gegen sie, 
    der materiellen Hilflosigkeit im Falle der 
    Realgefahr, der psychischen Hilflosigkeit im 
    Falle der Triebgefahr. Unser Urteil wird 
    dabei von wirklich gemachten Erfahrungen 
    geleitet werden; ob es sich in seiner Schätzung 
    irrt, ist für den Erfolg gleichgiltig. Heißen 
    wir eine solche erlebte Situation von 
    Hilflosigkeit eine traumatische; wir haben
     dann guten Grund, die traumatische Situation 
    von der Gefahrsituation zu trennen.

    Es ist dann nun ein wichtiger Fortschritt in unserer 
    Selbstbewahrung, wenn eine solche traumatische 
    Situation von Hilflosigkeit nicht abgewartet, 
    sondern vorhergesehen, erwartet wird. Die 
    Situation, in der die Bedingung für solche Er-
    wartung gegeben  enthalten ist, heiße die Gefahrsituation, 
    in ihr wird das Angstsignal gegeben. Dies will 
    besagen: ich erwarte, daß sich eine Situation 
    von Hilflosigkeit ergeben wird, oder die gegen-
    wärtige Situation erinnert mich an eines der 
    früher erlebten erfahrenen traumatischen Erlebniße. 
    Daher antizipire ich dieses Trauma, will mich be-
    nehmen, als ob es schon da wäre, solange noch 
    Zeit ist es abzuwenden. Die Angst ist also 
    einerseits Erwartung des Traumas, anderseits eine gemild-
    erte Wiederholung desselben. Die beiden Char-
    aktere, die uns an der Angst aufgefallen sind, 
    haben also verschiedenen Ursprung. Ihre Bezieh-
    ung zur Erwartung gehort zur Gefahrsituation, 
    ihre Unbestim̄theit und Objektlosigkeit zur 
    traumatischen Situation der Hilflosigkeit, die
     in der Gefahrsituation antizipirt wird.

    Nach der Entwicklung der Reihe: Angst‑Gefahr‑Hilflosigkeit 
    (Trauma) können wir zusam̄en-
    fassen: Die Gefahrsituation ist die erkannte, er-
    innerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit. 
    Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die 
    Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in 
    der Gefahrsituation als Hilfssignal reproduzirt 
    wird. Das Ich, welches das Trauma passiv erlebt 
    hat, wiederholt nun aktiv eine abgeschwächte 
    Reproduktion desselben, in der Hoffnung, deren 
    Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir wissen, 
    das Kind beni‑t sich ebenso gegen alle ihm 
    peinlichen Eindrücke, indem es sie im Spiel 
    reproduzirt; durch diese Art von der Passivität 
    zur Aktivität überzugehen, sucht es seine Lebens-
    eindrücke psychisch zu bewältigen. Wenn dies 

  • S.

    69a

    x) Es mag auch oft genug vorkom̄en, daß in einer 
    Gefahrsituation, die als solche richtig erkannt geschätzt 
    wird, zur Realangst ein Stück Triebangst 
    hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen 
    Befriedigung das Ich zurückschreckt, wäre dann 
    der masochistische, der gegen die eigene Person 
    gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht er-
    klärt diese Zutat den Fall, daß die Angst-
    reaktion übermäßig und unzweckmäßig, 
    lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster, 
    Turm, Abgrund) könnten diese Herkunft 
    haben; ihre geheime feminine Bedeutung 
    steht dem Masochismus nahe.

  • S.

    69

    der Sinn eines „Abreagirens des Traumas“ sein soll, so 
    kann man nichts mehr dagegen einwenden. Das 
    Entscheidende ist aber die erste Verschiebung der Angst-
    reaktion von ihrem Ursprung in der Situation 
    der Hilflosigkeit auf deren Erwartung, die 
    Gefahrsituation. Dann folgen die weiteren Ver-
    schiebungen von der Gefahr auf die Bedingung 
    der Gefahr, den Objektverlust, und dessen schon 
    erwähnte Modifikationen.

    Die „Verwöhnung“ des kleinen Kindes hat die uner-
    wünschte Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes 
    – das Objekt als Schutz gegen alle Gefahren Situationen der Hilf-
    losigkeit – gegen alle anderen Gefahren über-
    steigert wird. Sie begünstigt also die Zurückhalt-
    ung in der Kindheit, der die motorische wie 
    die psychische Hilflosigkeit eigen ist.

    Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die Realangst 
    anders zu betrachten als die neurotische Angst. Wir 
    kennen den Unterschied; die Realgefahr droht 
    von einem äußeren Objekt, die neurotische von 
    einem Triebanspruch. Insoferne dieser Triebanspruch 
    etwas Reales ist, kann auch durch die neurotische 
    Angst als real begründet anerkannt werden. 
    Wir haben verstanden, daß der Anschein einer 
    besonders intimen Beziehung zwischen Angst 
    und Neurose sich auf die Tatsache zurückführt, 
    daß das Ich sich a¿ mit Hilfe der Angstreaktion 
    der Triebgefahr ebenso erwehrt wie der 
    äußeren Realgefahr, daß aber diese Richtung 
    der Abwehrtätigkeit infolge einer Unvoll-
    kom̄enheit des seelischen Apparats in die 
    Neurose ausläuft. Wir haben auch die Über-
    zeugung gewonnen, daß der Triebanspruch 
    oft nur darum zur (inneren) Gefahr wird, weil 
    seine Befriedigung eine äußere Gefahr herbei-
    führen würde, also weil diese innere Gefahr 
    eine äußere repraesentirt.

    Anderseits muß auch die äußere (Real‑)Gefahr 
    eine Verinnerlichung gefunden haben, wenn 
    sie für das Ich bedeutsam werden soll; sie 
    muß in ihrer Beziehung zu einer erlebten 
    Situation von Hilflosigkeit erkannt werden.x) 
    Eine instinktive Erkenntnis von außen drohender 
    Gefahren scheint dem Menschen nicht oder 
    nur in sehr bescheidenem Ausmaß mitgegeben 
    worden zu sein. Kleine Kinder thun unauf-
    hörlich Dinge, die sie in Lebensgefahr bringen 
    und können gerade darum das schützende 
    Objekt nicht entbehren. In der Beziehung 
    zur traumatischen Situation, gegen die man 
    hilflos ist, treffen äußere und innere Gefahr,

     

  • S.

    70

    Realgefahr und Triebanspruch zusam̄en. Mag das 
    Ich in dem einen Falle einen Schmerz, der 
    nicht aufhören will, erleben, im anderen Falle 
    eine Bedürfnisstauung, die keine Befriedigung 
    finden kann, die oekonomische Situation 
    ist für beide Fälle die nämliche und die 
    motorische Hilflosigkeit findet in der psychischen 
    Hilflosigkeit ihren Ausdruck.

    Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit 
    verdienen an dieser Stelle nochmalige Erwähn-
    ung. Die einen von ihnen – Alleinsein, Dunkelheit, 
    fremde Personen – konnten wir als Reaktionen 
    auf die Gefahr des Objektverlusts verstehen; 
    für andere – kleine Thiere, Gewitter udgl – bietet 
    sich vielleicht die Auskunft, sie seien die 
    verkümmerten Reste einer kongenitalen 
    Vorbereitung auf die Realgefahren, die bei 
    anderen Thieren so deutlich ausgebildet ist. Für 
    den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil 
    dieser archaischen Erbschaft, der sich auf den 
    Objektverlust bezieht. Wenn solche Kinderphobien 
    sich fixiren, stärker werden und bis in 
    späte Lebensjahre anhalten, weist die Analyse 
    nach, daß ihr Inhalt sich mit Triebansprüchen in 
    Verbindung gesetzt hat, zur Vertretung 
    auch innerer Gefahren geworden ist.

    С. Angst, Schmerz und Trauer.

    Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so 
    wenig vor, daß die nachstehenden schüchternen 
    Bemerkungen auf die nachsichtigste Beurteil-
    ung Anspruch erheben dürfen. 
    An folgender Stelle erhebt sich für uns das 
    Problem. Wir mußten sagen, die Angst 
    werde zur Reaktion auf die Gefahr des 
    Objektverlustes. Nun kennen wir bereits 
    eine solche Reaktion auf den Objektver-
    lust es ist die Trauer. Also wann kom̄t 
    es zur einen, wann zur anderen? An der 
    Trauer, mit der wir uns bereits früher beschäftigt 
    haben,x) blieb ein Zug völlig unverstanden, 
    ihre besondere Schmerzlichkeit. Daß die 
    Trennung vom Objekt schmerzlich ist, erscheint 
    uns trotzdem selbstverständlich. Also kom-
    plizirt sich das Problem weiter: Wann 
    macht die Trennung vom Objekt Angst, 
    wann Trauer und wann vielleicht 
    nur Schmerz?

    x)S. Trauer und Melancholie Ges. Schriften, Bd. V.

  • S.

    71

    Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vor-
    handen, Antworten auf diese Fragen zu 
    geben. Wir werden uns dabei bescheiden, 
    einige Abgrenzungen und einige Andeut-
    ungen zu finden.

    Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine Situation,
    die wir zu verstehen glauben, die des Säuglings, 
    der anstatt seiner Mutter eine fremde Person 
    erblickt. Er zeigt dann die Angst, die wir auf 
    die Gefahr des Objektverlusts gedeutet haben. 
    Aber sie ist wol komplizirter und verdient 
    eine eingehendere Diskussion. An der Angst 
    des Säuglings ist wol kein Zweifel, aber Gesichts-
    ausdruck und die um Reaktion des Weinens 
    lassen annehmen, daß er außerdem noch 
    Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges 
    zusam̄enfließt, was später gesondert werden 
    wird. Er kann das zeitweilige Vermissen und 
    den dauernden Verlust noch nicht unter-
    scheiden; wenn er die Mutter das eine Mal 
    nicht zu Gesicht bekom̄en hat, benim̄t er sich 
    so, als ob er sie nie wieder sehen sollte, 
    und es bedarf wiederholter tröstlicher Erfahr-
    ungen, bis er gelernt hat, daß auf ein solches 
    Verschwinden der Mutter ihr Wiedererscheinen 
    zu folgen pflegt. Die Mutter reift diese 
    für ihn so wichtige Erkenntnis, indem sie 
    das bekannte Spiel mit ihm aufführt, sich 
    vor ihm das Gesicht zu verdecken und zu 
    seiner Freude wieder zu enthüllen. Er 
    kann dann sozusagen Sehnsucht empfinden, 
    die nicht von Verzweiflung begleitet 
    ist.

    Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist 
    infolge seines Mißverständnißes für ihn keine 
    Gefahrsituation, sondern eine traumatische, oder 
    richtiger, sie ist eine traumatische, wenn er 
    in diesem Moment ein Bedürfnis verspürt, 
    das die Mutter befriedigen soll; sie wandelt 
    sich zur Gefahrsituation, wenn dies Bedürf-
    nis nicht aktuell ist. Die erste Angstbedingung, 
    die das Ich selbst einfihrt, ist also die des 
    Wahrnehmungsverlustes, die der des Objekt-
    verlustes gleichgestellt wird. Ein Liebesverlust 
    kom̄t noch nicht in Betracht. Später lehrt 
    die Erfahrung, daß das An Objekt vorhanden 
    bleiben, aber auf das Kind böse geworden 
    sein kann, und nun wird der Verlust 
    der Liebe von seiten des Objekts zur 
    neuen, weit beständigeren, Gefahr und 
    Angstbedingung.

    Die traumatische Situation des Vermissens 
    der Mutter weicht in einem entscheidenden 
    Punkte von der traumatischen Situation 
    der Geburt ab. Damals war kein Objekt 

  • S.

    72

    vorhanden, das vermißt werden konnte. Die 
    Angst blieb die einzige Reaktion, die zu 
    Stande kam. Seither haben wiederholte Befried-
    igungssituationen das Objekt der Mutter 
    geschaffen, das nun im Falle des Bedürf-
    nisses eine intensive, sehnsüchtig zu nen̄-
    ende Besetzung erfährt. Auf diese Neuer-
    ung ist die Reaktion des Schmerzes zu 
    beziehen. Der Schmerz ist also die eigentliche 
    Reaktion auf den Objektverlust, die 
    Angst die auf die Gefahr, welche dieser 
    Verlust mit sich bringt, in weiterer Ver-
    schiebung auf die Gefahr des Objektverlustes 
    selbst.

    Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den 
    einzig sicheren Inhalt gibt die Tatsache, daß 
    der Schmerz – zunächst und in der Regel – 
    entsteht, wenn ein an der Peripherie 
    angreifender Reiz die Vorrichtungen 
    des Reizschutzes durchbricht und nun wie 
    ein kontinuirlicher Triebreiz wirkt, 
    gegen den die sonst wirksamen Muskel-
    aktionen, welche das die gereizte Stelle dem 
    Reiz entziehen, ohnmächtig bleiben. Wenn 
    der Schmerz nicht von einer Hautstelle, sondern 
    von einem inneren Organ ausgeht, so ändert 
    das nichts an der Situation; es ist nur 
    ein Stück der inneren Peripherie 
    an die Stelle der äußeren getreten.
    Das Kind hat 
    offenbar Gelegenheit, solche Schmerzerlebniße 
    zu machen, die unabhängig von seinen 
    Bedürfniserlebnißen sind. 
    Diese Entstehungsbedingung des Schmerzes scheint 
    aber sehr wenig Ähnlichkeit mit einem 
    Objektverlust zu haben, auch ist das für den 
    Schmerz wesentliche Moment der peripher-
    ischen Reizung in der Sehnsuchtssituation des 
    Kindes völlig entfallen. Und doch kann 
    es nicht sinnlos sein, daß die Sprache den 
    Begriff des inneren, des seelischen Schmerzes 
    geschaffen hat und die Empfindungen des 
    Objektverlusts durchaus dem körperlichen 
    Schmerz gleichstellt.

    Beim körperlichen Schmerz entsteht eine 
    hohe, narzißtisch zu nennende Besetzung 
    der schmerzenden Körperstelle, die im̄er 
    mehr zunim̄t und sozusagen entleerend 
    auf das Ich wirkt. Es ist bekannt, daß 
    wir, bei Schmerzen in inneren Organen 
    räumliche und andere Vorstellungen von 
    solchen Körperteilen bekomm̄en, die sonst 
    im bewußten Vorstellen gar nicht ver-
    treten sind. Auch die merkwürdige 
    Tatsache, daß die intensivsten Körperschmerzen 

  • S.

    73

    bei psychischer Ablenkung durch ein anders-
    artiges Interesse nicht zustande kom̄en, (man 
    darf hier nicht sagen; unbewußt bleiben) 
    findet in der Tatsache der Konzentration 
    der Besetzung auf die psychische Repraesentanz 
    der schmerzenden Körperstelle ihre Erklärung. 
    Nun scheint in diesem Punkt die Analogie 
    zu liegen, die die Übertragung der Schmerz-
    empfindung auf das seelische Gebiet gestattet 
    hat. Die intensive, infolge ihrer Unstillbarkeit 
    stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung des 
    vermißten (verlorenen) Objektes schafft die-
    selben oekonomischen Bedingungen wie die 
    Schmerzbesetzung der verletzten 
    Körperstelle und macht es möglich, von der 
    peripherischen Bedingtheit des Körperschmerzes 
    abzusehen! Der Übergang vom Körperschmerz 
    zum Seelenschmerz entspricht dem Wandel 
    von narzißtischer zur Objektbesetzung. Die 
    hochbesetzte vom Bedürfnis hochbesetzte Ob-
    jektvorstellung spielt die Rolle der von 
    dem Reizzuwachs besetzten Körperstelle. Die 
    Kontinuität und Unhem̄barkeit des Besetzungs-
    vorganges bringen den gleichen Zustand der 
    psychischen Hilflosigkeit hervor. Wenn die 
    dann entstehende Unlustempfindung den 
    spezifischen, nicht näher zu beschreibenden 
    Charakter des Schmerzes träg, anstatt sich in 
    der Reaktionsform der Angst zu äußern, 
    so liegt es nahe, dafür ein Moment verant-
    wortlich zu machen, das sonst von der Er-
    klärung noch zu wenig in Anspruch ge-
    nom̄en wurde, das hohe Niveau der Be-
    setzungs‑ und Bindungsverhältniße, auf 
    dem sich diese zur Unlustempfindung 
    führenden Vorgänge vollziehen.

    Wir kennen noch eine andere Gefülsreaktion 
    auf den Objektvorsverlust, die Trauer. Ihre Er-
    klärung bereitet aber keine Schwierigkeiten 
    mehr. Die Trauer entsteht unter dem Einfluß 
    der Realitätsprüfung, die kategorisch verlangt, 
    daß man sich von dem Objekt trennen 
    müße, weil es nicht mehr besteht. Sie hat nun 
    die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Ob-
    jekt in all den Situationen durchzuführen, 
    in denen das Objekt Gegenstand hoher Be-
    setzung war. Der schmerzliche Charakter dieser 
    Trennung fügt sich dann der eben gegebenen 
    Erklärung durch die hohe und unerfüllbare 
    Sehnsuchtsbesetzung des Objekts während 
    der Reproduktion der Situationen, in 
    denen die Bindung an das Objekt 
    gelöst werden soll.