S.
WIENER KLINISCHE RUNDSCHAU.
Organ für die gesammte praktische Heilkunde
sowie für die
Interessen des ärztlichen Standes
unter Mitwirkung der Professoren
Baccelli (Rom), Bassini (Padua), Bernheim (Nancy). Buchanan (Glasgow), Crocq (Brüssel), Fraser (Edinburgh), de Giovanni (Padua), Heryng (Warschau),
Docent Heymann (Berlin), Huchard (Paris). Ladame (Genf), Leichtenstern (Köln), Morselli (Genua), Murri (Bologna), Oertel (München),
Rosenbach (Breslau), Thiry (Brüssel)redigirt von
Privatdocent DR. HEINRICH PASCHKIS.
Verlagseigenthum von ALFRED HÖLDER, k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler in Wien, I., Rothenthurmstrasse 15.
Die „Wiener klinische Rundschau“ erscheint jeden Sonntag im durchschnittlichen Umfange
von 2 bis 2½ Bogen. — Pränumerationspreis für Oesterreich-Ungarn ganzjährig 10 fl.,
halbjährig 5 fl., vierteljährig 2 fl. 50 kr.; für das Deutsche Reich ganzjährig 20 M., halb-
jährig 10 M., vierteljährig 5 M.; für die übrigen Staaten ganzjährig 25 Frcs., halbjährig12 Frcs. 50 Ctms. — Bestellungen übernehmen alle Buchhandlungen, Postämter und
die Verlagshandlung, an welche letztere auch die Insertionsaufträge zu senden sind. —
Für die Redaction bestimmte Zusendungen (Manuscripte, Briefe, Drucksachen), sind an
Dr. Heinrich Paschkis in Wien, I., Rudolfsplatz 12, zu richten.
X. Jahrgang. Wien, 31. Mai 1896. Nr. 22.
INHALT: Originalartikel, Berichte aus Kliniken und Spitälern.
Zur Aetiologie der Hysterie. Von Dr. Sigm. Freud. — Die Prognose
der Tuberculose des Auges. Von Prof. Dr. L. v. Wecker. — Ueber den
Werth der Serumtherapie bei Diphtheritis. Von Dr. Sigmund v. Ger-
lóczy. (Fortsetzung.) — Aus der k. k. böhmischen chirurgischen Klinik
des Prof. Dr. Maydl in Prag. Casuistischer Beitrag zur Magen-
chirurgie. Von Dr. O. Kukula. (Fortsetzung.)
Verhandlungen wissenschaftlicher Vereine. Wiener medicinischer Club.
— Königl. Verein der Aerzte in Budapest. — XIV. Congress für innere
Medicin in Wiesbaden. — Oesterreichische otologische Gesellschaft.
Kritische Besprechungen und literarische Anzeigen. Vossius: Samm-
lung zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Augenheilkunde. —
Albert und Kolisko: Beiträge zur Kenntniss der Osteomyelitis. —
Urban: Lehrbuch der kleinen Chirurgie für Studirende und Aerzte. —
Festschrift zur Feier des 80jährigen Stiftungsfestes des ärztlichen Ver-eines zu Hamburg. — Neisser: Stereoskopischer medicinischer Atlas.
— Bollinger: Atlas und Grundriss der pathologischen Anatomie. —
Jaruntowsky: Die geschlossenen Heilanstalten für Lungenkranke. —
Avellis: Die Behandlung des Schluckwehs. — Ruedi: Klinische Bei-
träge zur Flammentachographie.
Zeitungsschau. Mathieu: Motorische Kraft des Magens. — Lang-
guth: Milchsäure im Mageninhalte. — Maybaum: Oesophagusdilatation.
— Marschner: Erkrankungen des Nervensystems. — Pichler:
Pneumonie und Typhus. — Scherer: Zooid- und Oekoidbildung. —
Chiari: Selbstverdauung des menschlichen Pankreas. — Maack:
Schreibstörungen. — Ellis: Conträre Sexualempfindung. — Holst:
Hämolum bromatum Koberti. — Sarbó: Tetanie. — Salomonsohn:
Gesichtsfeldermüdung. — Thomsen: Paralyse. — Aievoli: Aristol.
— Prevost: Coronillin. — Binet: Sulfo-methaemoglobinspectrum.
Tagesnachrichten und Notizen.
Originalartikel, Berichte aus Kliniken und Spitälern.
Zur Aetiologie der Hysterie.*)
Von
Dr. Sigm. Freud.
Meine Herren! Wenn wir daran gehen, uns eine Meinung
über die Verursachung eines krankhaften Zustandes wie die
Hysterie zu bilden, betreten wir zunächst den Weg der
anamnestischen Forschung, indem wir den Kranken oder
dessen Umgebung in's Verhör darüber nehmen, auf welche
schädlichen Einflüsse sie selbst die Erkrankung an jenen
neurotischen Symptomen zurückführen. Was wir so in Er-
fahrung bringen, ist selbstverständlich durch alle jene Momente
verfälscht, die einem Kranken die Erkenntniss des eigenen
Zustandes zu verhüllen pflegen, durch seinen Mangel an
wissenschaftlichem Verständniss für ätiologische Wirkungen,
durch den Fehlschluss des post hoc, ergo propter hoc,
durch die Unlust, gewisser Noxen und Traumen zu gedenken oder
ihrer Erwähnung zu thun. Wir halten darum bei solcher
anamnestischer Forschung an dem Vorsatze fest, den Glauben
der Kranken nicht ohne eingehende kritische Prüfung zu dem
unserigen zu machen, nicht zuzulassen, dass die Patienten
uns unsere wissenschaftliche Meinung über die Aetiologie der
Neurose zurechtmachen. Wenn wir einerseits gewisse constant
wiederkehrende Angaben anerkennen wie die, dass der hyste-
rische Zustand eine lang andauernde Nachwirkung einer einmal
erfolgten Gemüthsbewegung sei, so haben wir andererseits in
die Aetiologie der Hysterie ein Moment eingeführt, welches
der Kranke selbst niemals vorbringt und nur ungern gelten lässt,
die hereditäre Veranlagung von Seiten der Erzeuger. Sie wissen,
dass nach der Meinung der einflussreichen Schule Charcot'sdie Heredität allein als wirkliche Ursache der Hysterie An-
erkennung verdient, während alle anderen Schädlichkeiten
verschiedenartigster Natur und Intensität nur die Rolle von
Gelegenheitsursachen, von «Agents provocateurs» spielen sollen.
Sie werden mir ohne Weiteres zugeben, dass es wünschens-
werth wäre, es gäbe einen zweiten Weg, zur Aetiologie der
Hysterie zu gelangen, auf welchem man sich unabhängiger
von den Angaben der Kranken wüsste. Der Dermatolog z. B.
weiss ein Geschwür als luetisch zu erkennen nach der Be-
schaffenheit der Ränder, des Belags, des Umrisses, ohne dass
ihm der Einspruch des Patienten, der eine Infectionsquelle
leugnet, daran irre machte. Der Gerichtsarzt versteht es, die
Verursachung einer Verletzung aufzuklären, selbst wenn er
auf die Mittheilungen des Verletzten verzichten muss. Es be-
steht nun eine solche Möglichkeit, von den Symptomen aus
zur Kenntniss der Ursachen vorzudringen, auch für die Hysterie.
Das Verhältniss der Methode aber, deren man sich hierzu zu
bedienen hat, zur älteren Methode der anamnestischen Er-
hebung möchte ich Ihnen in einem Gleichnisse darstellen,
welches einen auf anderem Arbeitsgebiete thatsächlich er-
folgten Fortschritt zum Inhalt hat.
Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine
wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit
Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit ver-
wischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse er-
weckte. Er kann sich damit begnügen, zu beschauen, was
frei zu Tage liegt, dann die in der Nähe hausenden, etwa
halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition
über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste
kund gegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und — weiter-
reisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann Hacken,
Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für
die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das
Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und
von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken.*) Ausführung nach einem Vortrage im Verein für Psychiatrie und
Neurologie in Wien am 2. Mai 1896.S.
380 Wiener klinische Rundschau 1896. Nr. 22.
Lohnt der Erfolg seine Arbeit, so erläutern die Funde sich
selbst; die Mauerreste gehören zur Umwallung eines Palastes
oder Schatzhauses, aus den Säulentrümmern ergänzt sich ein
Tempel, die zahlreich gefundenen, im glücklichen Fall bilinguen
Inschriften enthüllen ein Alphabet und eine Sprache, und
deren Entzifferung und Uebersetzung ergibt ungeahnte Auf-
schlüsse über die Ereignisse der Vorzeit, zu deren Gedächtniss
jene Monumente erbaut worden sind. Saxa loquuntur!
Will man in annähernd ähnlicher Weise die Symptome
einer Hysterie als Zeugen für die Entstehungsgeschichte der
Krankheit laut werden lassen, so muss man an die bedeut-
same Entdeckung J. Breuer's anknüpfen, dass die Sym-
ptome der Hysterie (die Stigmata bei Seite) ihre De-
terminirung von gewissen traumatisch wirk-
samen Erlebnissen des Kranken herleiten, als
deren Erinnerungssymbole sie im psychischen
Leben desselben reproducirt werden. Man muss
sein Verfahren — oder ein im Wesen gleichartiges — an-
wenden, um die Aufmerksamkeit des Kranken vom Symptom
aus auf die Scene zurückzuleiten, in welcher und durch welche
das Symptom entstanden ist, und man beseitigt nach seiner
Anweisung dieses Symptom, indem man bei der Reproduction
der traumatischen Scene eine nachträgliche Correctur des
damaligen psychischen Ablaufes durchsetzt.Es liegt heute meiner Absicht völlig ferne, die schwierige
Technik dieses therapeutischen Verfahrens oder die dabei ge-
wonnenen psychologischen Aufklärungen zu behandeln. Ich
musste nur an dieser Stelle anknüpfen, weil die nach Breuer
vorgenommenen Analysen gleichzeitig den Zugang zu den Ur-
sachen der Hysterie zu eröffnen scheinen. Wenn wir eine
grössere Reihe von Symptomen bei zahlreichen Personen
dieser Analyse unterziehen, so werden wir ja zur Kenntniss
einer entsprechend grossen Reihe von traumatisch wirksamen
Scenen geleitet werden. In diesen Erlebnissen sind die wirk-
samen Ursachen der Hysterie zur Geltung gekommen; wir
dürfen also hoffen, aus dem Studium der traumatischen Scenen
zu erfahren, welche Einflüsse hysterische Symptome erzeugen
und auf welche Weise.Diese Erwartung trifft zu, nothwendigerweise, da ja die
Sätze von Breuer sich bei der Prüfung an zahlreicheren
Fällen als richtig erweisen. Aber der Weg von den Sym-
ptomen der Hysterie zu deren Aetiologie ist langwieriger und
führt über andere Verbindungen, als man sich vorgestellt hätte.Wir wollen uns nämlich klar machen, dass die Zurück-
führung eines hysterischen Symptoms auf eine traumatische
Scene nur dann einen Gewinn für unser Verständniss mit
sich bringt, wenn diese Scene zwei Bedingungen genügt,
wenn sie die betreffende determinirende Eignung be-
sitzt, und wenn ihr die nöthige traumatische Kraft zu-
erkannt werden muss. Ein Beispiel anstatt jeder Wort-
erklärung! Es handle sich um das Symptom des hysterischen
Erbrechens; dann glauben wir dessen Verursachung (bis auf
einen gewissen Rest) durchschauen zu können, wenn die Ana-
lyse das Symptom auf ein Erlebniss zurückführt, welches
berechtigterweise ein hohes Maass von Ekel er-
zeugt hat, wie etwa der Anblick eines verwesenden mensch-
lichen Leichnams. Ergibt die Analyse anstatt dessen, dass
das Erbrechen von einem grossen Schreck, z. B. bei einem
Eisenbahnunfall, herrührt, so wird man sich unbefriedigt fragen
müssen, wieso denn der Schreck gerade zum Erbrechen ge-
führt hat. Es fehlt dieser Ableitung an der Eignung zur De-
terminirung. Ein anderer Fall von ungenügender Aufklärung
liegt vor, wenn das Erbrechen etwa von dem Genuss einer
Frucht herrühren soll, die eine faule Stelle zeigte. Dann ist
zwar das Erbrechen durch den Ekel gut determinirt, aber
man versteht nicht, wie der Ekel in diesem Falle so mächtig
werden konnte, sich durch ein hysterisches Symptom zu ver-
ewigen; es mangelt diesem Erlebniss an traumatischer
Kraft.Sehen wir nun nach, inwieweit die durch die Analyse
aufgedeckten traumatischen Scenen der Hysterie bei einer
grösseren Anzahl von Symptomen und Fällen den beiden er-
wähnten Ansprüchen genügen. Hier stossen wir auf die erste
grosse Enttäuschung! Es trifft zwar einige Male zu, dass die
traumatische Scene, in welcher das Symptom entstanden ist,
wirklich Beides, die determinirende Eignung und die traumatische
Kraft besitzt, deren wir zum Verständniss des Symptoms be-
dürfen. Aber weit häufiger, unvergleichlich häufiger, finden
wir eine der drei übrigen Möglichkeiten verwirklicht, die dem
Verständniss so ungünstig sind: Die Scene, auf welche wir
durch die Analyse geleitet werden, in welcher das Symptom
zuerst aufgetreten ist, erscheint uns entweder ungeeignet zur
Determinirung des Symptoms, indem ihr Inhalt zur Beschaffen-
heit des Symptoms keine Beziehung zeigt; oder das angeblich
traumatische Erlebniss, dem es an inhaltlicher Beziehung nicht
fehlt, erweist sich als ein normalerweise harmloser, für ge-
wöhnlich wirkungsunfähiger Eindruck; oder endlich die «trau-
matische Scene» macht uns nach beiden Richtungen irre; sie
erscheint ebenso harmlos wie ohne Beziehung zur Eigenart
des hysterischen Symptoms.(Ich bemerke hier nebenbei, dass Breuer's Auffassung
von der Entstehung hysterischer Symptome durch die Auf-
findung traumatischer Scenen, die an sich bedeutungslosen
Erlebnissen entsprechen, nicht gestört worden ist. Breuer
nahm nämlich — im Anschlusse an Charcot — an, dass
auch ein harmloses Erlebniss zum Trauma erhoben werden
und determinirende Kraft entfalten kann, wenn es die Person
in einer besonderen psychischen Verfassung, im sogenannten
hypnoiden Zustand, betrifft. Allein ich finde, dass zur
Voraussetzung solcher hypnoider Zustände oftmals jeder An-
halt fehlt. Entscheidend bleibt, dass die Lehre von den
hypnoiden Zuständen nichts zur Lösung der anderen Schwierig-
keit leistet, dass nämlich den traumatischen Scenen so häufig
die determinirende Eignung abgeht.)Fügen Sie hinzu, meine Herren, dass diese erste Ent-
täuschung beim Verfolg der Breuer'schen Methode unmittel-
bar durch eine andere eingeholt wird, die man besonders als
Arzt schmerzlich empfinden muss. Zurückführungen solcher
Art, wie wir sie geschildert haben, die unserem Verständniss
betreffs der Determinirung und der traumatischen Wirk-
samkeit nicht genügen, bringen auch keinen therapeutischen
Gewinn; der Kranke hat seine Symptome ungeändert behalten
trotz des ersten Ergebnisses, das uns die Analyse geliefert
hat. Sie mögen verstehen, wie gross dann die Versuchung
wird, auf eine Fortsetzung der ohnedies mühseligen Arbeit zu
verzichten.Vielleicht aber bedarf es nur eines neuen Einfalles, um
uns aus der Klemme zu helfen und zu werthvollen Resultaten
zu führen! Der Einfall ist folgender: Wir wissen ja durch
Breuer, dass die hysterischen Symptome zu lösen sind,
wenn wir von ihnen aus den Weg zur Erinnerung eines
traumatischen Erlebnisses finden können. Wenn nun die auf-
gefundene Erinnerung unseren Erwartungen nicht entspricht,
vielleicht ist derselbe Weg ein Stück weiter zu verfolgen,
vielleicht verbirgt sich hinter der ersten traumatischen Scene
die Erinnerung an eine zweite, die unseren Ansprüchen besser
genügt, und deren Reproduction mehr therapeutische Wirkung
entfaltet, so dass die erstgefundene Scene nur die Bedeutung
eines Bindegliedes in der Associationsverkettung hat? Und
vielleicht wiederholt sich dieses Verhältniss, die Einschiebung
unwirksamer Scenen als nothwendiger Uebergänge bei der
Reproduction mehrmals, bis man vom hysterischen Symptom
aus endlich zur eigentlich traumatisch wirksamen, in jeder
Hinsicht, therapeutisch wie analytisch, befriedigenden Scene
gelangt? Nun, meine Herren, diese Vermuthung ist richtig.
Wo die erstaufgefundene Scene unbefriedigend ist, sagen wir
dem Kranken, dieses Erlebniss erkläre nichts, es müsse sich
aber hinter ihm ein bedeutsameres, früheres, Erlebniss ver-
bergen, und lenken seine Aufmerksamkeit nach derselben
Technik auf den Associationsfaden, welcher beide Erinnerungen,S.
Nr. 22. Wiener klinische Rundschau 1896. 381
die aufgefundene und die aufzufindende verknüpft.*) Die Fort-
setzung der Analyse führt dann jedesmal zur Reproduction
neuer Scenen von den erwarteten Charakteren. Wenn ich
z. B. den vorhin ausgewählten Fall von hysterischem Erbrechen
aufnehme, den die Analyse zunächst auf einen Schreck
bei einem Eisenbahnunfall zurückgeführt hat, welcher der
determinirenden Eignung entbehrt, so erfahre ich aus weiter-
gehender Analyse, dass dieser Unfall die Erinnerung an einen
früheren, früher vorgekommenen, geweckt hat, den der Kranke
zwar nicht selbst erlebte, der ihm aber Gelegenheit zu dem
Grauen und Ekel erregenden Anblick eines Leichnams bot. Es
ist, als ob das Zusammenwirken beider Scenen die Erfüllung
unserer Postulate ermöglichte, indem das eine Erlebniss durch
den Schreck die traumatische Kraft, das andere durch seinen
Inhalt die determinirende Wirkung beistellt. Der andere Fall,
dass das Erbrechen auf den Genuss eines Apfels zurück-
geführt wird, an dem sich eine faule Stelle findet, wird durch
die Analyse etwa in folgender Weise ergänzt: Der faulende
Apfel erinnert an ein früheres Erlebniss, an das Sammeln
abgefallener Aepfel in einem Garten, wobei der Kranke
zufällig auf einen ekelhaften Thiercadaver stiess.
Ich will auf diese Beispiele nicht mehr zurückkommen,
denn ich muss das Geständniss ablegen, dass sie keinem Fall
meiner Erfahrung entstammen, dass sie von mir erfunden
sind; höchstwahrscheinlich sind sie auch schlecht erfunden;
derartige Auflösungen hysterischer Symptome halte ich selbst
für unmöglich. Aber der Zwang, Beispiele zu fingiren, er-
wächst mir aus mehreren Momenten, von denen ich eines
unmittelbar anführen kann: Die wirklichen Beispiele sind
alle unvergleichlich complicirter; eine einzige ausführliche Mit-
theilung würde diese Vortragsstunde ausfüllen. Die Associations-
kette besteht immer aus mehr als zwei Gliedern, die trau-
matischen Scenen bilden nicht etwa einfache, perlschnurartige
Reihen, sondern verzweigte, stammbaumartige Zusammenhänge,
indem bei einem neuen Erlebniss zwei und mehr frühere als
Erinnerungen zur Wirkung kommen; kurz, die Auflösung eines
einzelnen Symptoms mittheilen, fällt eigentlich zusammen mit
der Aufgabe, eine Krankengeschichte vollständig darzustellen.(Fortsetzung folgt.)
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1896-003/1896.1
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