I.

Die wissenschaftliche Litteratur der Traum- probleme.

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, dass es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet Träume zu deuten, und dass bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluss auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen werden muss.

Eine Uebersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig Anlass haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den Autoren so allgemein zugegeben, dass es überflüssig scheint, einzelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Räthsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien übergegangen.

Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Object der Psychologie abgehandelt wird, scheint die des Aristoteles1) (Ueber Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht göttlicher, was wohl einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige Uebersetzung findet. trifft. Er kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. dass der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize in’s Grosse umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiss zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet“), und zieht aus diesem Verhalten den Schluss, dass die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt verrathen könnten. Zu einem tieferen Verständniss der aristotelischen Abhandlung vorzudringen, ist mir, bei nicht ausreichender Vorbildung und ohne kundige Hilfe, nicht möglich geworden.

Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und werthvolle Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder in’s Verderben zu stürzen. Diese vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im vollsten Einklange mit ihrer gesammten Weltanschauung, welche als Realität in die Aussenwelt zu projiciren pflegte, was nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, dass die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abgesehen, – die ja recht daran thun, die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Uebernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind, – trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner2). Die Werthschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philosophenschnlen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nachklang der im Alterthum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende, Kraft des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten Materiales nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines Jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser Erkenntnis, so werthvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor fasst die nämlichen Probleme von Neuem und wie vom Ursprung her wieder an.) Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug berichten, welchen Ansichten über die Traumprobleme er geäussert, so müsste ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme an führen, was an Material zur Lösung desselben in der Litteratur niedergelegt ist.

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesammte, so sehr verstreute und auf Anderes übergreifende Litteratur des Gegenstandes zu bewältigen, so muss ich meine Leser bitten sich zu bescheiden, wenn nur keine grundlegende Thatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner Darstellung verloren gegangen ist.

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlasst gesehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnliche Vorkommnisse (wie der Hallucinationen, Visionen etc.) anzuschliessen. Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Ueberzeugung sehen, dass in so dunkeln Dingen Aufklärung und Uebereinstimmung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts Anderes als eine solche Detailuntersuchung, und zwar speciell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlass, mich mit dem Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die Veränderung der Functionsbedingungen für den seelischen Apparat mit enthalten sein muss. Es bleibt also auch die Litteratur des Schlafes hier ausser Betracht.

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt zu den folgenden, zum Theil in einander fliessenden Fragestellungen:

a) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive Urtheil des Erwachten nimmt an, dass der Traum – wenn er schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach3), dem wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphänomene verdanken, hat dieser Ueberzeugung in einem viel bemerkten Satze Ausdruck gegeben (p. 474): „. . . nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstande erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen, oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Combinationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisirt die Wirklichkeit.“ In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell4) in der mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt“. . . (p. 17): „Im Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren“. . . (p. 19): „Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traum von dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe des wachen Lebens“. . . Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Beziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung vertreten. So Haffner5) (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte.“ Weygandt6) (p. 6) widerspricht direct der oben citirten Behauptung Burdach’s, „denn es lässt sich oft, anscheinend in der überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, dass dieselben uns gerade in’s gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.“ Maury7) (p. 56) sagt in einer knappen Formel: „Nous rêvons de ce que nous avons vu, du désiré ou fait“; Jessens8) in seiner 1855 erschienenen Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des ganzen bisherigen Lebens.“ Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Trauminhaltes vom Leben. Ich citire nach Radestock9) (p. 139): Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Entschluss durch guten Rath abgelenkt, durch Träume aber immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, dass die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.

Im Lehrgedicht des Lucretius, De rerum natura, findet sich (IV, v. 959) die Stelle:

„Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret, aut quibus in rebus multum sumus ante morati atque in ea ratione fuit contenta magis mens, in somnis eadem plerumque videmur obire; causidici causas agere et componere leges, indupratores pugnare ac proelia obire,“ etc. etc.

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später Maury:

„Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.“

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung von Traumleben und Wachleben scheint in der That unauflösbar. Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt10) (1875) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zuspitzen“ (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und anderseits das stete Hinübergreifen des Einen in das Andere, die stete Abhängigkeit des Einen von dem Andern. – Der Traum ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte sagen ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen hat. …“ Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter einer unsichtbaren Fallthür“ verschwindet. Man macht dann etwa im Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon etwas Vorzügliches in Moselwein anzubieten. Man wird von dem Exkaiser auf’s liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s auch nie werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Hass. Und zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung zu ihm zu knüpfen, lag ausserhalb des

Bereiches der Möglichkeit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwischen zwei vollkommen zu einander passenden und einander fortsetzenden Lebensabschnitten.

„Und dennoch“, setzt Hildebrandt fort, „eben so wahr und richtig ist das scheinbare Gegentheil. Ich meine, mit dieser Abgeschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Beziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirklichkeit sich abwickelt. … Wie wunderlich er’s damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seine sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen immer ihren Grund stoff entlehnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor Augen getreten ist, oder in unserem wachen Gedankengange irgend wie bereits Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äusserlich oder innerlich bereits erlebt haben.“

b) Das Traummaterial. – Das Gedächtnis im Traum.

Dass alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum reproducirt erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis gelten. Doch wäre es ein Irrthum anzunehmen, dass ein solcher Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben muss. Derselbe muss vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiss sich in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigenthümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt und die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.

Es kommt zunächst vor, dass im Trauminhalt ein Material auf tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, dass man das Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, dass und wann man es erlebt hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selbständig producirte Thätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle aufdeckt. Man muss dann zugestehen, dass man im Traum etwas gewusst und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Delboeuf11) aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traum den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Thierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs, und das sie, wie er wusste, sehr liebten. Im Traum kannte er den Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. – Der Traum ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Thierchen, die sich über die Reste der Farren hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick auf’s freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem Loch in der Mauer nehmen, und endlich war die ganze Straße bedeckt von einer Procession von Eidechsen, die alle in der selben Richtung wanderten etc.

Delboeuf’s Wissen umfasste im Wachen nur wenige lateinische Pflanzennamen und schloss die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. Zu seinem großen Erstaunen musste er sich überzeugen, dass ein Farren dieses Namens wirklich existirt. Asplenium ruta muraria war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es blieb aber für Delboeuf räthselhaft, woher er im Traume die Kenntnis des Namens Asplenium genommen hatte.

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten lateinischen Namen. Nun liess sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei Jahre vor dem Eidechsentraum – auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich, und Delboeuf unterzog sich der Mühe, unter dem Dictat eines Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen hinzuzuschreiben.

Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mittheilens werth macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrirten Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die Jahreszahl 1861, und Delboeuf wusste sich zu erinnern, dass er von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört hatte.

Dass der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut same Thatsache, dass ich durch Mittheilung noch anderer „hyper mnestischer“ Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. Maury12) erzählt, dass ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er wusste, dass es der Name einer französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, sie käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Département de la Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn aber, dass sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses Wissens aber nicht aufgespürt worden.

Wissens13) erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis aus älteren Zeiten: „Dahin gehört u. A. der Traum des älteren Scaliger (Hennings, l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich beklagte, dass er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, dass ehemals ein solcher Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei.“ An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of the Society for psychical research) soll Myers eine ganze Sammlung solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, Jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhnliches Phänomen anerkennen müssen, dass der Traum Zeugnis für Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen, von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehrmals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, dass sie Citate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, und dass sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie will ich hier noch mittheilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher die nur dem Traum zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auffinden liess.

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, dass er sich in einem Caféhaus eine „Kontuszówka“ geben lasse, fragte aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszówka sei ein polnischer Schnaps, den er im Traum nicht erfunden haben könne, da mir der Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem er seinen Traum im Caféhaus hatte zur Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen auf einem Plakate, und zwar an einer Strassenecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte passiren müssen.

Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Reproduction bezieht, zum Theil solches, das in der Denkthätigkeit des Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kindheitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies bemerkt und betont haben: Hildebrandt14) (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben worden, dass der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproductionskraft uns ganz abgelebte und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit treu vor die Seele zurückführt.“ Strümpell15) (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Localitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloss auf solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewusstsein gewonnen oder sich mit starken psychischen Werthen verbunden haben, und nun später im Traum als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, an denen das erwachte Bewusstsein sich erfreut. Die Tiefe des Traumgedächtnisses umfasst vielmehr auch solche Bilder von Personen, Dingen, Localitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewusstsein oder keinen psychischen Werth besassen oder längst das Eine wie das Andere verloren hatten und deshalb auch sowohl im Traum wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“ Volkelt16) (p. 119): „Besonders bemerkenswerth ist es, wie gern Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“ Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches bekanntlich zum grössten Theil in die Lücken der bewussten Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Anlass zur Entstehung von interessanten hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele mittheilen will. Maury17) erzählt (p. 92), dass er von seiner Vaterstadt Meaux als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt ihn der Traum nach Trilport und lässt ihn wieder in den Strassen der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er heisse C. . . und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiss, lautet die Antwort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals gebaut hat.

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem Herrn F. —, der als Kind in Montbrison aufgewachsen war. Dieser Mann beschloss 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, dass er am Ziele ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein Freund seines Vaters. Der Träumer wusste, dass er einen Herrn dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Localität des Traumes wieder und begegnet einen Herrn, den er sofort als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.

Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in einem Traum eine Person, von der ich im Traum wusste, es sei der Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die beiden Personen verknüpfte, konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzt dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, dass er einäugig gewesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die des Arztes im Traum gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, dass ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im wachen Leben niemals an ihn gedacht.

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergrosse Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen liessen sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert18) (p. 46) äussert sogar: Im Allgemeinen beschäftigt sich der normale Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage. Wir werden allerdings erfahren, dass die von Robert aufgebaute Theorie des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Verschiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Thatsache aber, der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor Nelson19) meint, am häufigsten fänden sich im Traum Eindrücke vom Tage vor dem Traumtag oder vom dritten Tag vorher verwerthet, als ob die Eindrücke des dem Traum unmittelbar vorhergehenden Tages nicht abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, aufgefallen, dass Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäffen, tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages gedankenarbeit einigermassen zur Seite gedrängt worden sind. So träumt man in der Regel von einem lieben Todten nicht die erste Zeit, so lange die Trauer den Ueberlebenden ganz ausfüllt. (Delage)20). Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miss Hallam21), auch Beispiele vom gegentheiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität.

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigenthümlichkeit des Gedächtnisses im Traum zeigt sich in der Auswahl des reproducirten Materiales, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeutsamste, sondern im Gegentheil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste der Erinnerung werth gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben.

Hildebrandt22) (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, dass der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den grossen und tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen Zugaben, so zu sagen aus den werthlosen Brocken der jüngst verlebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in dieselbe zurückkehren lässt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine Rolle in unserem Traume“.

Strümpell23) (p. 39): „… solche Fälle, wo die Zerlegung eines Traumes Bestandtheile desselben auffindet, die zwar aus den Erlebnissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so unbedeutend und werthlos für das wache Bewusstsein waren, dass sie kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Aeusserungen oder oberflächlich bemerkte Handlungen eines Anderen, rasch vorübergegangene Wahrnehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus einer Lectüre u. dgl.“

Havelock Ellis24) (p. 727): „The profound emotions of waking life, the questions and problems on which we spread our chief volun- tary mental energy, are not those which usually present themselves at once to dream consciousness. It is so far as the immediate past is concerned, mostly the trifling, the incidental, the „forgotten“ impres- sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic acti- vities that are awake most intensely are those that sleep most pro- foundly.“

Binz25) (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigenthümlichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlass, seine Unbefriedigung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes auszusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letztverlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbares Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit? Warum empfängt im Traum das Bewusstsein so oft den Eindruck gleichgiltiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist stumm und starr liegen, es sei denn, dass eine acute Auffrischung während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?“

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traumgedächtnisses für das Gleichgiltige und darum Unbeachtete an den Tageserlebnissen zumeist dazu führen musste, die Abhängigkeit des Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. So war es möglich, dass Miss Whiton Calkins26) bei der statistischen Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der Anzahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung Recht, dass sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden, wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten, ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf hinaus, allerlei psychisch ganz werthlose Dinge in den abgelegensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Tage zu fördern.“ Ich muss aber doch bedauern, dass der scharfsinnige Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhalten liess; er hätte ihn unmittelbar zum Centrum der Traumerklärung geleitet.

Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst bedeutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, dass „Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren gehen kann (Scholz,27) p. 34). Oder, wie Delboeuf28) es ausdrückt, „que toute impression même la plus insignifiante, laisse une trace inaltérable, indéfiniment susceptible de reparaître au jour,“ ein Schluss, zu welchem so viele andere, pathologische Erscheinungen des Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese ausserordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traum vor Augen, um den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu erwähnende Traumtheorien aufstellen müssen, welche die Absurdität und Incohaerenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns bei Tag Bekannten erklären wollen.

Man könnte etwa auf den Einfall gerathen, das Phänomen des Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduciren, im Traum die

Aeusserung einer auch Nachts nicht rastenden Reproductionsthätigkeit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mittheilungen wie die von Pilcz29) würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwischen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nachweisbar sind in der Weise, dass im tiefen Schlaf Eindrücke aus den ältesten Zeiten, gegen Morgen aber recente Eindrücke vom Traum reproducirt werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorneherein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu erinnernden Material verfährt. Strümpell30) macht mit Recht darauf aufmerksam, dass Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von Reproductionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, dass es eine theoretische Verwerthung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt wie unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von einem seiner Universitätscollegen (der gegenwärtig in Wien lehrt), dass er im Traume eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfall nur wie durch ein Wunder entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miss Calkins31) erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduction eines Erlebnisses vom Vortag zum Inhalt hatten, und ich selbst werde später hin Anlass nehmen, ein mir bekannt gewordenes Beispiel von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzutheilen.

c) Traumreize und Traumquellen. Was man unter Traumreizen und Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine Berufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen“ verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes erfasst. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes im Schlaf sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaction auf diese Störung.

Die Erörterung über die erregenden Ursachen der Träume nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. Dass das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstverständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt, brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloss der Traum, aus deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen anzunehmen, dass die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des

Träumens, mannigfaltiger Art sein können, und Leibreize ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die Ansichten weit auseinander.

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da ergeben sich schliesslich vier Arten derselben, die auch zur Eintheilung der Träume verwendet worden sind:

1. Äussere (objective) Sinneserregung. 2. Innere (subjective) Sinneserregung. 3. Innerer (organischer) Leibreiz. 4. Rein psychische Reizquellen.

ad 1. Die äusseren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell, der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekanntlich die Beobachtung eines Kranken mitgetheilt, der mit allgemeiner Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch offenen Sinnespforten von der Aussenwelt abschloss, verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine Situation anzustreben, die jener im Strümpell’schen Experimente ähnlich ist. Wir verschliessen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Dass wir durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, „dass die Seele auch im Schlaf in fortdauernder Verbindung mit der ausserleiblichen Welt“ geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.

Von solchen Reizen gibt es nun eine grosse Reihe von den unvermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur gelegentlich zulassen muss, bis zum zufälligen Weckreiz, welcher geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich vernehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen. Wir können im Schlaf durch ungewollte Bewegungen einzelne Körpertheile entblössen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen, oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungsempfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von Träumen gesammelt, in welchen der beim Erwachen constatirte Reiz und ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, dass der Reiz als Traumquelle erkannt werden konnte.

Eine Sammlung solcher auf objective – mehr oder minder accidentelle – Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier nach Jessen,32) p. 527, an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer Thür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, dass wir nackt umhergehen oder dass wir in’s Wasser gefallen sind. Wenn wir schräg im Bett liegen und die Füsse über den Rand desselben herauskommen, so träumt uns vielleicht, dass wir am Rande eines schrecklichen Abgrundes stehen, oder dass wir von einer steilen Höhe hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so hängt ein grosser Felsen über uns, und steht im Begriff, uns unter seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wollüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Misshandlungen, feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen…

„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle 1758, S. 33) träumte einmal, dass er von einigen Personen überfallen würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde hinlegten, und ihm zwischen die grosse und die nächste Zehe einen Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traum vorstellte, erwachte er und fühlte, dass ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen stecke. Demselben soll nach Hennings (Von den Träumen und Nachtwandlern. Weimar 1784, S. 258) ein anderes Mal, als er sein Hemde am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben, dass er gehenkt würde. Hoffbauer träumte in seiner Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen, und bemerkte beim Erwachen, dass die Bettstelle auseinander gegangen und dass er wirklich gefallen war… Gregory berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen eine Flasche mit heissem Wasser an die Füsse gelegt und darauf im Traum eine Reise auf die Spitze des Aetna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein Anderer träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, dass er von einem Haufen von Indianern scalpiert werde; ein Dritter, der in einem feuchten Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. Ein im Schlaf eintretender Anfall von Podagra liess einen Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde die Qualen der Folter (Macnish).“

Das auf die Aehnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt gegründete Argument lässt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei einem Schlafenden durch planmässige Anbringung von Sinnesreizen dem Reiz entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat nach Macnish schon Giron de Buzareingues angestellt. „Er liess seine Knie unbedeckt und träumte, dass er in der Nacht auf einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei, dass Reisende wohl wissen würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. Ein anderes Mal liess er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, dass er einer religiösen Ceremonie in freier Luft beiwohne. Es war nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen, wie die eben genannte.“

Maury33) theilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.) 1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder gekitzelt. – Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve wird ihm auf’s Gesicht gelegt, dann weggerissen, so dass die Haut mitgeht. 2. Man wetzt eine Schere an einer Pincette. – Er hört Glocken läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 versetzt. 3. Man lässt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im Laden von Johann Maria Farina. Daran schliessen sich tolle Abenteuer, die er nicht reproduciren kann. 4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, dass man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der ihn als Kind behandelt hat. 5. Man nähert ein heisses Eisen seinem Gesicht. Er träumt von den „Heizern“34), die sich in’s Haus eingeschlichen haben und die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die Füsse in’s Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abrantés auf, deren Secretär er im Traume ist. 8. Man giesst ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. – Er ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weissen Wein von Orvieto. 9. Man lässt wiederholt durch ein rothes Papier das Licht einer Kerze auf ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und befindet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Canal La Manche mitgemacht. Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren von d’Hervey34), Weygandt35) u. A. her. Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt in seine Gebilde zu verweben, dass sie in diesen eine allmählich schon vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“. (Hildebrandt.)36) „In jüngeren Jahren“ erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu Zeiten, um regelmässig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des bekannten,


Experimentelle Träume. – Träume auf den Weckreiz. meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu hundertmalen ist mir’s begegnet, dass der Ton dieses Instrumentes in einen vermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum dergestalt hineinpasste, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn angelegt sei, und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, sein natürlich gewiesenes Endziel fände.“ Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht citiren.

Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Componisten träumte einmal, er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit der Frage: „Hast du mich verstanden?“ Dieser schreit wie ein Besessener: „O ja.“ Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien. Doch schon schreit die ganze Classe: „Orja“. Hierauf: „Eurjo“. Und endlich: „Feuerjo!“ Und nun erwacht er von wirklichem Feuerjo-Geschrei auf der Strasse.

Garnier (Traité des facultés de l’âme, 1865) bei Radestock37) berichtet, dass Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte, und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die Kanonade der Oesterreicher wieder erleben liess, bis er mit dem Ausruf aufschreckte: „Wir sind unterminirt.“

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury38) erlebt hat. (p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine Mutter sass neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft zur Zeit der Revolution, machte gräuliche Mordscenen mit und wurde dann endlich selbst vor den Gerichtshof citirt. Dort sah er Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und alle die traurigen Helden jener grässlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixirten, verurtheilt und dann von einer unübersehbaren Menge begleitet auf den Richtplatz geführt. Er steigt auf’s Schaffot, der Scharfrichter bindet ihn auf’s Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten Angst auf – und findet, dass der Bettaufsatz herabgefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer einer Guillotine – getroffen hatte.

An diesen Traum knüpft sich eine interessante, von Le Lorrain39) und Egger40) in der Revue philosophique eingeleitete Discussion, ob und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen.

Beispiele dieser Art lassen die objectiven Sinnesreizungen während des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzig

Freud, Traumdeutung. 2 und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst der Traumlitteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu Stande kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch einen nach dem Erwachen erkannten objectiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht Halt machen; sie schöpft den Anlass zu weiteren Fragen aus der Beobachtung, dass der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maury’s41) „une affinité quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive“ (p. 72). Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandt’s; man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so verschiedene, und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief:

(p. 37) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem benachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig! Es ist ja Sonntag, und der Frühgottesdienst wird bald beginnen. Ich beschliesse, an diesem theilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas echauffirt bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre ich den Glöckner den Thurm hinansteigen, und sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu schwingen – und plötzlich ertönen ihre Schläge hell und durchdringend – so hell und durchdringend, dass sie meinem Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen von dem Wecker.“

„Eine zweite Combination. Es ist heller Wintertag; die Strassen sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Theilnahme an einer Schlittenfahrt zugesagt, muss aber lange warten, bis die Meldung erfolgt, der Schlitten stehe vor der Thür. Jetzt erfolgen die Vorbereitungen zum Einsteigen – der Pelz wird angelegt, der Fusssack hervorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes zerreisst. Wieder ist’s nichts anderes, als der schrille Ton der Weckerglocke.“

„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit einigen Dutzend aufgethürmter Teller den Corridor entlang zum Speisezimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. „Nimm dich in Acht“, warne

ich, „die ganze Ladung wird zur Erde fallen.“ Natürlich bleibt der obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt u. s. w., während dessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an der Thürschwelle erfolgt ein Straucheln, – das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fussboden umher. Aber – das endlos sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; – und mit diesem Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine Schuldigkeit gethan.“

Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objectiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell42) – und fast ebenso von Wundt43) – dahin beantwortet worden, dass sie sich gegen solche im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, richtig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark, deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns die für diese Ueberlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen wir das Object, von dem der Eindruck herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn Jemand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, dass er denselben zuerst für ein Pferd hält.“ Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer ruhenden Kuh sich aufdrängen, und endlich kann sich die Vorstellung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. Aehnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im Schlafe durch äussere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine grössere oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der Eindruck seinen psychischen Werth bekommt. Aus welchem der vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder geweckt werden, und welche der möglichen Associationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens überlassen.

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, dass die Gesetzmässigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermuthung gerathen, dass die im Schlaf angreifende objective Sinnesreizung als Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt, und dass andere Momente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder determiniren. In der That, wenn man die experimentell erzeugten Träume Maury’s prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgetheilt habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt

I. Literatur der Traumprobleme.

eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im Einzelnen bestimmt, als dass er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden könnte. Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der Macht des objectiven Eindrucks, den Traum zu gestalten, zu zweifeln, wenn man erfährt, dass dieser Eindruck gelegentlich die allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So erzählt z. B. M. Simon44) einen Traum, in dem er riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper hörte, das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbei galoppirenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gulliver’s Reisen, Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag und in den tugendhaften Pferdewesen wachgerufen hat, – wie ich ohne alle Unterstützung von Seite des Autors etwa deuten möchte – sollte die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht ausserdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?

ad 2. Innere (subjective) Sinneserregung.

Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, dass die Rolle objectiver Sinneserregungen während des Schlafes als Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich weiss nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den äusseren Sinnesreizen die inneren (subjectiven) Erregungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Thatsache, dass dies in allen neueren Darstellungen der Traumatologie mehr oder minder nachdrücklich geschieht. Eine wesentliche Rolle spielen ferner, wie ich glaube45), sagt Wundt46) (p. 363), „bei den Traumillusionen jene subjectiven Gesichts- und Gehörempfindungen, die uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos des dunkeln Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen u. s. w. bekannt sind, unterihnen namentlich die subjectiven Netzhauterregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz übereinstimmende Objecte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen, und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden von dem Traum in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände angeschaut werden. – Hierin wurzelt wohl auch die grosse Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Thiergestalten, deren Formenreichthum sich der besonderen Form der subjectiven Lichtbilder leicht anschmiegt.“

Die subjectiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traumbilder offenbar den Vorzug, dass sie nicht wie die objectiven vom äusseren Zufall abhängig sind. Sie stehen so zu sagen der Erklärung zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den objectiven Sinnesreizen darin zurück, dass sie jener Bestätigung ihrer Rolle als Traumerregern, welche Beobachtung und Experiment bei den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Den Hauptbeweis für die traumerregende Macht subjectiver Sinneserregungen erbringen die sogenannten hypnagagogischen Hallucinationen, die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen“ beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens, bei vielen Menschen ganz regelmässig einzustellen pflegen, und auch nach dem Oeffnen der Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury,47) der ihnen im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) behauptet. Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische Passivität, ein Nachlass der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich. (p. 59 u. f.) Es genügt aber, dass man auf eine Secunde in solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische Hallucination zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis das sich mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben Bilder nachzuweisen, die einem als hypnagagogische Hallucinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben. (p. 134.) So erging es Maury einmal mit einer Reihe von grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens belästigten, und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagagogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich an einer reich gedeckten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagagogische Hallucination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit grosser Anstrengung einzeln entziffern musste; nach einer Stunde aus dem Schlaf geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, welches er mühselig hätte durchlesen müssen.

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshallucinationen von Worten, Namen u. s. w. hypnagagogisch auftreten und dann im Traum

I. Literatur der Traumprobleme. sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leitmotive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Hallucinationen, G. Trumbull Ladd48). Er brachte es durch Uebung dahin, dass er sich 2–5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem Schlaf reissen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. Er versichert, dass sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen beiden erkennen liess in der Weise, dass die leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrisszeichnung, das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brachten. Einem Traum z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studirte, entsprach eine Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im Traum gelesen, löste sich in ein Object auf, das seiner wachen Wahrnehmung erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus allzu grosser Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein Löchelchen in einem Stück Papier ansieht. Ladd meint, ohne übrigens den centralen Antheil des Phänomens zu unterschätzen, dass kaum ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objective, im erhellten Zimmer in’s Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen von Ladd Bedeutung beimisst, wird man die Ergiebigkeit dieser subjectiven Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Hauptbestandtheil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inconstant. ad 3. Innerer, organischer Leibesreiz. Wenn wir auf dem Wege sind, die Traumquellen nicht ausserhalb, sondern innerhalb des Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, dass fast alle unsere inneren Organe, die im Zustande der Gesundheit uns kaum Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung – die wir so heissen – oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von aussen anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden muss. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell49) zu der Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangt

im Schlaf zu einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewusstsein von ihrer Leiblichkeit, als im Wachen, und ist genöthigt, gewisse Reizeindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Theilen und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen nichts wusste.“ Schon Aristoteles50) erklärt es für sehr wohl möglich, dass man im Traum auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt (kraft der Vergrösserung, die der Traum den Eindrücken angedeihen lässt, siehe p. 1), und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich ferne lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes gelten lassen. (Vgl. M. Simon,51) (p. 31), und viele ältere Autoren.)

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So z. B. berichtet Tissié52) nach Artigues, Essai sur la valeur séméio- logique des rêves die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heimgesucht wurde und bei der ärztliche Untersuchung dann eine beginnende Herzaffection aufwies, welcher sie alsbald erlag.

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass ich mich hier mit der blossen Verweisung auf die Litteratur (Radestock,53) Spitta,54) Maury, M. Simon, Tissié55) begnügen kann. Tissié meint sogar, dass die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt im Inhalt derselben die Situation des Todes unter grässlichen Umständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Gedränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraum unterworfen, den übrigens Börner56) durch Lagerung auf’s Gesicht, durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat hervorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstellungen aus dem Kreise des Geniessens und des Ekels. Der Einfluss sexueller Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung eines jeden Einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.

Es ist auch, wenn man die Litteratur des Traumes durcharbeitet, ganz unverkennbar, dass einzelne der Autoren (Maury,57) Wey- gandt58)) durch den Einfluss ihrer eigenen Krankheitszustände auf den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen geführt worden sind.

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft festgestellten Thatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden – vielleicht bei Allen, vielleicht allnächtlich – einstellt, und das Organerkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler Menschen die Reizquelle sein mag.

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine Traumquelle zu stossen, die reichlicher fliesst als jede frühere und eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sichergestellt ist, dass das Körperinnere im kranken Zustande zur Quelle der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, dass die Seele im Schlafzustande, von der Aussenwelt abgelenkt, dem Inneren des Leibes grössere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen, dass die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner Qualität nach wahrnehmen, und wozu nach der Meinung der Aerzte alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde Nachts, zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Componenten thätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in Traumvorstellungen umsetzen.

Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das Dunkel, in welches den Kern unseres Wesens, das „moi splanch- nique“ wie Tissié59) es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Beziehung zu einander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies für den Arzt den anderen Anreiz, dass er Traum und Geistesstörung, die soviel Uebereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch aetiologisch vereinigen lässt, denn Alterationen des Gemeingefühls und Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibniztheorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurückführen lässt.

Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang massgebend, den den Philosoph Schopenhauer60) im Jahre 1851 entwickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, dass unser Intellect die ihn von aussen treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raumes und der Causalität umgiesst. Die Reize aus dem Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her, äussern bei Tag höchstens einen unbewussten Einfluss auf unsere Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der

Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern herauf dringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellect auf diese Reize reagiren, als indem er seine ihm eigenthümliche Function vollzieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten, die sich am Leitfaden der Causalität bewegen, umformen, und so entsteht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuchen dann Scherner61) und nach ihm Volkelt62) einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien aufsparen.

In einer besonders consequent durchgeführten Untersuchung hat der Psychiater Krauss63) die Entstehung des Traumes wie der Delirien und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch bedingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die specifischen, den Hauptsystemen des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die peripherischen.“ (p. 33 des zweiten Artikels.)

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leibreize nimmt Krauss folgendermassen an: Die geweckte Empfindung ruft nach irgend einem Associationsgesetz eine ihr verwandte Vorstellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, gegen welches sich aber das Bewusstsein anders verhält als normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt so lange verkannt werden konnte. (p. 11 u. f.) Krauss findet für den Vorgang auch den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der Empfindungen in Traumbilder. (p. 24.)

Der Einfluss der organischen Leibreize auf die Traumbildung wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung, den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner64) aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der misslichen Thatsache, dass die organische Reizquelle sich eben durch nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verräth.

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener Traumformen gestaltet, die man als „typische“ bezeichnet hat, weil sie

bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, dass man nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von der im Schlaf gemachten Wahrnehmung herrühren, dass man die Bettdecke abgeworfen hat und nun entblösst daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz“ zurückgeführt, womit aber nicht ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell65) das von der Seele gebrauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewusstlosigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll seinen Anlass haben, dass bei eingetretener Bewusstlosigkeit des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des Hautdruckes wieder bewusst wird, der Uebergang zum Bewusstwerden aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strümpell, p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche liegt offenbar darin, dass sie ohne weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Erklärung günstige Constellation hergestellt ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.

M. Simon66) hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluss der Organreize auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): Wenn im Schlaf irgend ein Organapparat, der normaler Weise am Ausdruck eines Affectes betheiligt ist, durch irgend einen anderen Anlass sich in dem Erregungszustande befindet, in den er sonst bei jenem Affect versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum Vorstellungen enthalten, die dem Affect angepasst sind.

Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich im Schlafe in Thätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung der organischen Function beziehen, die jener Apparat versieht.

Mourly Vold67) hat es unternommen, den von der Leibreiztheorie supponirten Einfluss auf die Traumerzeugung für ein einzelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er theilt folgende Sätze als Ergebniss mit: 1. Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand des Gliedes, welcher dem realen entspricht.

Typische Träume. – Die psychischen Traumquellen.

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist diese immer so, dass eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden Stellungen der wirklichen entspricht. 3. Man kann die Stellung des eigenes Gliedes im Traum auch einer fremden Person zuschieben. 4. Man kann auch träumen, dass die betreffende Bewegung gehindert ist. 5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traum als Thier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider hergestellt wird. 6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traum Gedanken an regen, die zu diesem Glied irgend eine Beziehung haben. So z. B. träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. Ich würde aus solchen Ergebnissen schliessen, dass auch die Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag. ad 4. P s y c h i s c h e R e i z q u e l l e n. Als wir die Beziehungen des Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummateriates behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten Traumforscher, dass die Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben und was sie im Wachen interessirt. Dieses aus dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur ein psychisches Band, das den Traum an’s Leben knüpft, sondern ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben dem im Schlaf interessant Gewordenen, – den während des Schlafes ein wirkenden Reizen, – ausreichen sollte, die Herkunft der Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich dass der Traum den Schläfer von den Interessen des Tages abzieht, und dass wir – meistens – von den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Actualität verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei jedem Schritt den Eindruck, dass es unstatthaft ist, allgemeine Regeln aufzustellen, ohne durch ein „oft“, „in der Regel“, „meistens“ Einschränkungen vorzusehen und auf die Giltigkeit der Ausnahmen vorzubereiten. Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äusseren Schlafreizen zur Deckung der Traumaetiologie ausreichte, so müssten wir im Stande sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- friedigende Rechenschaft zu geben; das Räthsel der Traumquellen wäre gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe, den Antheil der psychischen und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines Traumes noch in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind – meist sehr reichlich – Traumbestandtheile übrig geblieben, über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als man nach den zuversichtlichen Behauptungen, dass jeder im Traum sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.

Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen also alle in der Litteratur vertretenen Traumerklärungen – mit Ausnahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner68) – eine grosse Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum am meisten charakteristischen Materiales an Vorstellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung entwickelt, dem psychischen Antheil an der Traumerregung, dem so schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden zwar als Haupteintheilung den Nervenreizund den Associationstraum, welch letzteren ausschliesslich in der Reproduction seine Quelle findet (Wundt69) p. 365), aber sie können den Zweifel nicht los werden, „ob sie sich ohne anstossgebenden Leibreiz einstellen“ (Volkelt70) p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Associationstraumes versagt: „In den eigentlichen Associationsträumen kann von einem solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier dringt die lose Gruppirung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leibund Seelenerregungen nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln überlassen“ (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen Antheils an der Traumerregung versucht dann Wundt, indem er ausführt, dass man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Hallucinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“ (p. 359 u. f.) Weygandt71) hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verallgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, dass „ihre nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schliessen sich reproductive Associationen“ (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psychischen Reizquellen geht Tissié72) (p. 183): Les rêves d’origine absolument psychique n’existent pas, und anderswo (p. 6): les pensées de nos rêves nous viennent du dehors. . . .

Diejenigen Autoren, welche wie der einflussreiche Philosoph Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, dass in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes zusammenwirken.

Wir werden später erfahren, dass das Räthsel der Traumbildung durch die Aufdeckung einer unvermutheten psychischen Reizquelle gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Ueberschätzung der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung nicht verwundern. Nicht nur dass diese allein leicht aufzufinden und

selbst durch’s Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die somatische Auffassung der Traumstehung, durchwegs der heute in der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirnes über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Aeusserungen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens wiederbringen müsste. Das Misstrauen des Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter Curatel gesetzt und fordert nun, dass keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrathe. Doch zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Causalverkettung, die sich zwischen Leiblichem und Seelischen erstreckt. Selbst wo das Psychische sich bei der Erforschung als der primäre Anlass eines Phänomens erkennen lässt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation bedeuten müsste, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden. d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergisst?

Dass der Traum am Morgen „zerrinnt“, ist sprichwörtlich. Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben sehr oft, dass wir ihn nur unvollständig erinnern, während in der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, dass wir geträumt haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die Erfahrung, dass der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, dass wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, dass auch der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt noch von der Thatsache des Träumens etwas weiss. Andererseits kommt es vor, dass Träume eine ausserordentliche Haltbarkeit im Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysirt, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüsst hat. Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst nicht verständlich.

Ueber das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten Strümpell.73) Dies Vergessen ist offenbar ein complexes Phänomen, denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine ganze Reihe von Gründen zurück.

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe erinnert werden. Uebrigens ist das Moment der Intensität für sich allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder; Strüm- pell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins)74) zu, dass man häufig Traumbilder rasch vergisst, von denen man weiss, dass sie sehr lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse;*) diese Eigenthümlichkeit wird gleichmässig zum Vergessen aller Träume beitragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken u. s. w. eine gewisse Erinnerungsgrösse erlangen, ist es nothwendig, dass sie nicht vereinzelt bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken. „Wohlgeordnet und in sachgemässer Folge hilft ein Wort dem andern und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest. Widersinniges behalten wir im Allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie das Verworrene und Ordnungslose.“ Nun fehlt den Träumen in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traumcompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Gedächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den nächsten Zeitmomenten aneinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock75) (p. 168) bemerkt haben will, dass wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten.

Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum und Wachleben ableiten. Die Vergesslichkeit der Träume für das wache Bewusstsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher erwähnten Thatsache, dass der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus demselben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbindungen reisst, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traumcomposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde


gleichsam von dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Raum wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Athem rasch verweht“ (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, dass mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so dass vor dieser Macht die wenigsten Traumbilder Stand halten können. Diese weichen vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem Licht der Sonne.

An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume der Thatsache zu gedenken, dass die meisten Menschen ihren Träumen überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als Forscher eine Zeit lang für den Traum interessirt, träumt während dess auch mehr als sonst, das heisst wohl: er erinnert seine Träume leichter und häufiger.

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli (bei Benini75)) zu den Strümpell’schen hinzugefügt, sind wohl bereits in diesen enthalten, nämlich 1. dass die Veränderung des Gemeingefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Reproduction ungünstig ist, und 2. dass die andere Anordnung des Vorstellungsmateriales im Traume diesen so zu sagen unübersetzbar für’s Wachbewusstsein macht.

Nach all diesen Gründen für’s Vergessen wird es, wie Strüm- pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, dass soviel von den Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, dass auch hier etwas räthselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigenthümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt worden, z. B. dass man einen Traum, den man am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlass einer Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen Inhalt des Traumes anrührt (Radestock76) Tissié77)). Die gesammte Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet ist, ihren Werth in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traum weglässt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht.

Solche Zweifel an der Exactheit der Reproduction des Traumes spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, dass das wache Bewusstsein unwillkürlich Manches in die Erinnerung des Traumes einfügt: man bildet sich ein Allerlei geträumt zu haben, was der gewesene Traum nicht enthielt.“

Besonders entschieden äussert Jessen78) (p. 547): „Ausserdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zusammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, dass es dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen

gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu bemerken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des menschlichen Geistes, Alles im Zusammenhange zu erblicken ist so gross, dass er bei der Erinnerung eines einigermassen unzusammenhängenden Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.“ Fast wie eine Uebersetzung dieser Worte Jessen’s klingen die doch gewiss selbständig concipirten Bemerkungen von V. Egger:79)

„. . . L’observation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul moyen d’éviter toute erreur en pareille matière est de confier au papier sans le moindre retard ce que l’on vient d’éprouver et de remarquer; sinon, l’oubli vieut vite ou total ou partiel; l’oubli total est sans gravité; mais l’oubli partiel est perfide; car si l’on se met ensuite à raconter ce que l’on n’a pas oublié, on est exposé à compléter par imagination les fragments incohérents et disjoints fourni par la mémoire . . . ; on devient artiste à son insu, et le récit periodiquement répété s’impose à la créance de son auteur qui, de bonne foi, le présente comme un fait authentique, dûment établi selon les bonnes méthodes . . .“

Ganz ähnlich Spitta80) (p. 338), der anzunehmen scheint, dass wir überhaupt erst bei dem Versuch, den Traum zu reproduciren, die Ordnung in die lose mit einander associirten Traumelemente einführen – „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Auseinander machen, also den Process der logischen Verbindung, der im Traum fehlt, hinzufügen“.

Da wir nun eine andere als eine objective Controle für die Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traum, der unser eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Werth bleibt da unserer Erinnerung an den Traum noch übrig?

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes.

Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes von der Annahme aus, dass der Traum ein Ergebnis unserer eigenen Seelenthätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, dass wir ebenso gerne sagen: „Mir hat geträumt“ wie: „Ich habe geträumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“ des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum grössten Theile dem Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck hervorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes versuchen.

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum und Wachleben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet als G. Th. Fechner81) in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psychophysik (p. 520, II. Th.). Er meint, „weder die einfache Herabdrückung des bewussten Seelenlebens unter die Hauptschwelle“, noch die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Aussenwelt genüge, um die Eigenthümlichkeiten des Traumlebens dem wachen Leben gegenüber aufzuklären. Er vermuthet vielmehr, dass auch der Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen Vorstellungslebens. „Sollte der Schauplatz der psychophysischen Thätigkeit während des Schlafens und des Wachens der selbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens blos eine, auf einem niederen Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vorstellungslebens sein, und müsste übrigens dessen Stoff und dessen Form theilen. Aber es verhält sich ganz anders.“

Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der Seelenthätigkeit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein Anderer, soviel ich weiss, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der physiologischen Gehirnlocalisation oder selbst mit Bezug auf die histologische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschliessen haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren hinter einander eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist.

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traumlebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt weiter reichender Erklärungsversuche zu machen.

Es ist mit Recht bemerkt worden, dass eine der Haupteigenthümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustande des Einschlafens auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier- macher82) (p. 351), dass die Denkthätigkeit in Begriffen und nicht in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich in Bildern, und man kann beobachten, dass mit der Annäherung an den Schlaf in demselben Masse, in dem die gewollten Thätigkeiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die alle in die Classe der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und das mit dieser Zerstreuung regelmässig verknüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traum verbleiben, und die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche Charaktere des Traumlebens anerkennen.

Freud, Traumdeutung.

I. Litteratur der Traumprobleme.

müssen. Von den Bildern – den hypnagogischen Hallucinationen – haben wir erfahren, dass sie selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind.

Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber doch nicht ausschliesslich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und in geringerem Ausmasse mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgestellt (wahrscheinlich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahrnehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Discussionen über das Wesen der Hallucination können wir mit allen sachkundigen Autoren aussagen, dass der Traum halluciniert, dass er Gedanken durch Hallucinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist bemerkt worden, dass die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Hallucination derselben Melodie verwandelt, um beim Zuzukommen, das mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen.

Die Verwandlung der Vorstellung in Hallucination ist nicht die einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechenden Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine Idee, wie Spitta83) (p. 145) sich ausdrückt. Die Charakteristik dieser Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzunimmt, dass man beim Träumen – in der Regel; die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklärung – nicht zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Hallucinationen also mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form gedacht – geträumt – regt sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals mit der Realität verwechselt wird.

Burdach84) hat die bisher betrachteten Charaktere des Traumlebens in folgenden Sätzen zusammengefasst (p. 476): „Zu den wesentlichen Merkmalen des Traumes gehört: a) dass die subjective Thätigkeit unserer Seele als objectiv erscheint, indem das Wahrnehmungsvermögen die Producte der Phantasie so auffasst, als ob es sinnliche Rührungen wären; . . . b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen . . . Die Schlummerbilder werden durch den Nachlass der Eigenmächtigkeit bedingt.“

Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele gegen die Traumhallucinationen, die erst nach Einstellung einer

gewissen eigenmächtigen Thätigkeit auftreten können, zu erklären. Strümpell85) führt aus, dass die Seele sich dabei correct und ihrem Mechanismus gemäss benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs blosse Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erlebnisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im Traum in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Ueberdies kommt im Traum ein Raumbewusstsein hinzu, indem, wie im Wachen, Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). Man muss also zugestehen, dass sich die Seele im Traume ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, dass ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen von aussen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen, welche allein deren objective Realität erweisen. Sie vernachlässigt ausserdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese will- kür wegfällt. Sie irrt, weil sie das Gesetz der Causalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes anwenden kann (p. 58). Kurz, ihre ab- kehrung von der Aussenwelt enthält auch den Grund für ihren Glauben an die subjective Traumwelt.

Zum selben Schluss gelangt nach theilweise abweichenden psychologischen Entwicklungen delboeuf86). Wir schenken den Traumbildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Eindrücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Aussenwelt abgelöst sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer Hallucinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vorspiegeln, uns etwa zeigen, dass wir die gesehene Rose berühren, und wir träumen dabei doch. Es gibt nach delboeuf kein stichhältiges Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, ausser – und dies nur in praktischer Allgemeinheit – der Thatsache des Erwachens. Ich erkläre alles für täuschung, was zwischen Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Erwachen merke, dass ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. 84). Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten infolge der nicht einzuschläfernden denkgewohnheit, eine Aussenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe.86)


Wird so die Abwendung von der Aussenwelt zu dem bestimmenden Momente für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Bemerkungen des alten Burdach87) anzuführen, welche auf die Beziehung der schlafenden Seele zur Aussenwelt Licht werfen und dazu angethan sind, vor einer Ueberschätzung der vorstehenden Ableitungen zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung“, sagt Burdach, „dass die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird… aber es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür; mancher sinnliche Eindruck ist selbst nothwendig, insofern er zur Beruhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nöthig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann (p. 457).

„Die Seele isolirt sich im Schlafe gegen die Aussenwelt und zieht sich von der Peripherie… zurück… Indes ist der Zusammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, dass man nicht immer durch die bloss sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgiltiges Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht er, die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sensationen… Daher kann man denn auch durch den Mangel eines Sinnesreizes,


der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grundcharakter des Traumes, die Verwechslung der Hallucinationen, Imaginationen und Phantasie-Combinationen mit äusseren Wahrnehmungen. „Da die Gesammtheit der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffs bildung, Urtheil und Schlussfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung andererseits an die sinnlichen Phantasiebilder sich anschliessen und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch diese Thätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvorstellungen Theil. Sie nehmen Theil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere Urtheilskraft, wie unsere Willenskraft, im Schlafe in keiner Weise alterirt. Wir sind der Thätigkeit nach ebenscharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich verstossen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen u. s. w. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, dass wir im Traum die grössten Widersprüche setzen und begehen, während wir andererseits die scharfsinnigsten Urtheilsbildungen und die consequentesten Schlussfolgerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschliessungen fassen können. Mangel an Orientirung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Reflexion, sowie an Verständigung mit Anderen, ist die Hauptquelle der masslosen Extravaganzen unserer Urtheile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traum“ (p. 18).

wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstande seiner Mühle, also vom Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, dass diese percipiert worden ist, aber als gleichgültig, oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht aufgestört hat“ (p. 460 u. ff.).

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Einwendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, dass die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Aussenwelt abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des selben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müsste es möglich sein, die Hallucinationen des Traumes in Vorstellungen, die mit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der Erinnerung reproduciren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz oder nur theilweise gelingt, der Traum behält seine Räthselhaftigkeit unverringert bei.

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, dass im Traum noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vorstellungsmateriale des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht Strümpell88) in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17):

„Die Seele verliert mit dem Aufhören der sinnlich thätigen Anschauung und des normalen Lebensbewusstseins auch den Grund, in welchem ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Werthschätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, unterliegen ... einem verdunkelnden Drucke, infolge dessen sich ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von Dingen, Personen, Localitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen Lebens werden einzeln sehr zahlreich reproducirt, aber keines derselben bringt seinen psychischen Werth mit. Dieser ist von ihnen abgelöst und sie schwanken desshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher. „

Diese Entblössung der Bilder von ihrem psychischen Werth, die selbst wiederum auf die Abwendung von der Aussenwelt zurückgeführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptantheil an dem Eindruck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer Erinnerung dem Leben gegenüberstellt.

Wir haben gehört, dass schon das Einschlafen den Verzicht auf eine der seelischen Thätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies nahe liegende Vermuthung aufgedrängt, dass der Schlafzustand sich auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um-

ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf, dass man die Eigenthümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die psychische Minderleistung im Schlafzustande, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem wachen Urtheil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoss die ärgsten Widerssprüche, lässt Unmöglichkeiten zu, lässt unser bei Tag einflussreiche Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer im Wachen so spräche oder solche Dinge mittheilen wollte, wie sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Verworrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir nur dem Thatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Thätigkeit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die höheren intellectuellen Leistungen als im Traum aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären.

Mit ungewöhnlicher Einmüthigkeit – von den Ausnahmen wird an anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche Urtheile über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der Zeit, dass ich mein eben ausgesprochenes Resumé durch eine Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren – Philosophen und Aerzte – über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze:

Nach Lemoine89) ist die Incohärenz der Traumbilder der einzig wesentliche Charakter des Traumes.

Maury90) pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): il n’y a pas des rêves absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque incohérence, quelque anachronisme, quelque absurdité.

Nach Hegel bei Spitta91) fehlt dem Traum aller objective verständige Zusammenhang.

Dugas92) sagt: Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et mentale, c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exerçant sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate spirituel.

„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im Wachen durch die logische Gewalt des centralen Ich zusammengehaltenen Vorstellungslebens“ räumt selbst Volkelt93) ein (p. 14), nach dessen Lehre die psychische Thätigkeit während des Schlafes keineswegs zwecklos erscheint.

Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungsverbindungen kann man kaum schärfer verurtheilen, als es schon Cicero (De divin. II) that: Nihil tam praepostere, tam incondite, tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.

Fechner94) sagt (p. 522): Es ist als ob die psychologische Thätigkeit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das Narren übersiedelte.

Radestock95) (p. 145): „In der That scheint es unmöglich, in diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem Spiel alles kaleidoskopartig durcheinander.“

Hildebrandt96) (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Ueberspannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multipliciren gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, dass ein Hund uns einen Vers hersagt, dass ein Todter auf eigenen Füssen nach seinem Grabe geht, dass ein Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach dem Herzogthum Bernburg oder dem Fürstenthum Liechtenstein, um die Kriegsmarine des Landes zu beobachten, oder lassen uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige anwerben.“

Binz97) (p. 33) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind mindestens neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zu einander haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist die Gruppirung eine andere geworden, wo möglich noch unsinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der Stirne greifen und uns fragen, ob wir in der That noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens und Denkens besitzen.“

Maury98) (p. 50) findet für das Verhältniss der Traumbilder zu den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen Vergleich: „La production de ces images que chez l’homme éveillé fait le plus souvent naître la volonté, correspond, pour l’intelligence, à ce que sont pour la motilité certains mouvements que nous offrent la chorée et les affections paralytiques.“ ... Im Uebrigen ist ihm der Traum „toute une série de dégradations de la faculté pensante et raisonnante“ (p. 27).

Es ist kaum nöthig, die Aeusserungen der Autoren anzuführen, welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelenleistungen wiederholen.

Nach Strümpell99) treten im Traum – selbstverständlich auch dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist – sämmtliche logische, auf Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zurück (p. 26). Nach Spitta100) (p. 148) scheinen im Traum die Vorstellungen dem Causalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock101) u. A. betonen die dem Traum eigene Schwäche des Urtheils und des Schlusses. Nach Jodl102) (p. 123) gibt es im Traum keine Kritik, keine Correctur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des Gesammtbewusstseins. Derselbe Autor äussert: „Alle Arten der Bewusstseinsthätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, gehemmt, gegen einander isolirt.“ Die Widersprüche, in welche sich der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker103, 103) (mit vielen Anderen) daraus, dass Thatsachen im Traum vergessen oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen sind (p. 98) u. s. w. u. s. w.

Von den Autoren, die im Allgemeinen so ungünstig über die psychischen Leistungen im Traume urtheilen, wird indes zugegeben, dass ein gewisser Rest von seelischer Thätigkeit dem Traume verbleibt. Wundt104), dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der Traumprobleme massgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume sich äussernden Restes von normaler Seelenthätigkeit fragen. Es wird nun ziemlich allgemein zugegeben, dass die Reproductionsfähigkeit, das Gedächtnis im Traum am wenigsten gelitten zu haben scheint, ja eine gewisse Ueberlegenheit gegen die gleiche Function des Wachens (vgl. oben p. 6) aufweisen kann, obwohl ein Theil der Absurditäten des Traumes durch die Vergesslichkeit eben dieses Traumlebens erklärt werden soll. Nach Spitta105) ist es das Gemüthsleben der Seele, was vom Schlaf nicht befallen wird und dann den Traum dirigirt. Als „Gemüth“ bezeichnet er „die constante Zusammenfassung der Gefühle als des innersten subjectiven Wesens des Menschen“ (p. 84).

Scholz106) (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äussernden Seelenthätigkeiten in der „allegorisirenden Umdeutung“ welcher das Traummateríal unterzogen wird. Siebeck107) constatirt auch im Traum die „ergänzende Deutungsthätigkeit“ der Seele (p. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der Beurtheilung der angeblich höchsten psychischen Function der des Bewusstseins. Da wir vom Traum nur durch’s Bewusstsein etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch meint Spitta, es sei im Traum nur das Bewusstsein erhalten, nicht auch das Selbstbewusstsein. Delboeuf108) gesteht ein, dass er diese Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.

Die Associationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen verknüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herrschaft kommt im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell109) (p. 70): „Der Traum verläuft entweder ausschliesslich, wie es scheint, nach den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit solchen Vorstellungen, das heisst, ohne dass Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen.“ Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproducire, stellen sich die Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im Schlaf einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen, an anderer Stelle angeführten, Quellen wecken in der Seele zunächst eine Anzahl von Vorstellungen, die sich, als Hallucinationen (nach Wundt richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äusseren und inneren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach den bekannten Associationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze Material wird dann vom noch thätigen Rest der ordnenden und denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet (vgl. etwa Wundt110) und Weygandt111)). Es ist bloss noch nicht gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, dass die Erweckung der nicht von aussen stammenden Bilder nach diesem oder nach jenem Associationsgesetz vor sich gehe. Es ist aber wiederholt bemerkt worden, dass die Associationen, welche die Traumvorstellungen unter einander verbinden, von ganz besonderer Art und verschieden von dem im wachen Denken thätigen sind. So sagt Volkelt112) (p. 15): „Im Traume jagen und haschen sich die Vorstellungen nach zufälligen Aehnlichkeiten und kaum wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nachlässigen, zwanglosen Associationen durchzogen.“ Maury113) legt auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu bringen, den grössten Werth. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere des „délire“: 1) une action spontanée et commune automatique de l’esprit; 2) une association vicieuse et irrégulière des idées (p. 126). Von Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in denen der blosse Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, dass er eine Pilgerfahrt (pèlerinage) nach Jerusalem oder Mecca unternehme, dann befand er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser gab ihm nach einem Gespräch eine Schaufel (pelle) von Zink, und diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein grosses Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal gieng er im Traum auf der Landstrasse und las auf den Meilensteinen die Kilometer ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine grosse Wagschale hatte und ein Mann legte Kilogewichte auf die Wagschale, um Maury abzuwägen; dann sagte ihm der Gewürzkrämer: „Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“ Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lobelia sah, dann der General Lopez, von dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie Lotto spielend.

Wir sind aber wohl gefasst darauf, dass diese Geringschätzung der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herabsetzer des Traumlebens versichert (Spitta114) p. 118), dass dieselben psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum regiren, oder wenn ein anderer (Dugas115)) ausspricht: Le rêve n’est pas déraison ni même irraison pure, solange beide sich nicht die Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen psychischen Anarchie und Auflösung aller Functionen im Traum in Einklang zu bringen. Aber Anderen scheint die Möglichkeit gedämmert zu haben, dass der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf dessen Wahnsinn sich das hier citirte, einsichtsvolle Urtheil bezieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu urtheilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer.

So würdigt Havelock Ellis116) den Traum, ohne bei seiner scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaïc world of vast emotions and imperfect thoughts“, deren Studium uns primitive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. Ein Denker wie Delboeuf117) behauptet – freilich ohne den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la perception, toutes les facultés de l’esprit, intelligence, imagination, mémoire, volonté, moralité, restent intactes dans leur essence; seulement, elles s’appli- quent à des objets imaginaires et mobiles. Le songeur est un acteur qui joue à volonté les fous et les sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les géants, les démons et les anges“ (p. 222). Am energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung im Traum der Marquis d’Hervey bestritten zu haben, gegen den Maury118) lebhaft polemisirt, und dessen Schrift ich mir trotz aller Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury sagt über ihn (p. 19): „M. le Marquis d’Hervey prête à l’intelligence, durant le som- meil, toute sa liberté d’action et d’attention et il ne semble faire con- sister le sommeil que dans l’occlusion des sens, dans leur fermeture au Monde extérieur; en sorte que l’homme qui dort ne se distingue guère, selon sa manière de voir, de l’homme qui laisse vaguer sa pensée en se bouchant les sens; toute la différence qui sépare alors la pensée ordinaire du celle du dormeur c’est que, chez celui-ci, l’idée prend une forme visible, objective et ressemble, à s’y méprendre, à la sensation déterminée par les objets extérieurs; le souvenir revêt l’apparence du fait présent.“

Maury fügt aber hinzu: „qu’il y a une différence de plus et capitale à savoir que les facultés intellectuelles de l’homme endormi n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme l’éveillé.“ Die Scala der Würdigung des Traumes als psychisches Product hat in der Litteratur einen grossen Umfang; sie reicht von der tiefsten Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch die Ahnung eines noch nicht enthüllten Werthes bis zur Ueberschätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens stellt. Hildebrandt119) der, wie wir wissen, in drei Antinomien die psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, fasst im dritten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19):

„Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur Virtuosität sich erhebenden Potenzirung, und andererseits einer entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens.“

„Was das Erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung bestätigen, dass in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemüthes, eine Zartheit der Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beobachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir solches Alles als constantes Eigenthum während des wachen Lebens zu besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem eigenthümlich idealisirenden Lichte, und potenzirt den Effect ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glanze, das Erhabene in höchster Majestät, das erfahrungsgemäss Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen; und bisweilen sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so voll, dass es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche Welt uns noch nie und niemals geboten.“

Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Object, dem jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung gilt? Haben die Einen die blödsinnigen Träume, die Anderen die tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt, Träume, die solche und die jene Beurtheilung verdienen, scheint es da nicht müssig, nach einer psychologischen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei Alles möglich von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung wäre, sie hat dies eine gegen sich, dass den Bestrebungen aller Traumforscher die Voraussetzung zu Grunde zu liegen scheint, es gäbe eine solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige, Charakteristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müsste.

I. Litteratur der Traumprobleme.

Es ist unstreitig, dass die psychischen Leistungen des Traumes bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener, jetzt hinter uns liegenden, intellectuellen Periode, da die Philosophie und nicht die exacten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. Aussprüche, wie die von Schubert, dass der Traum eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äusseren Natur sei, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urtheile von dem jüngeren Fichte120) u. A., welche sämmtlich den Traum als einen Aufschwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, erscheinen uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt. Mit dem Eindringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaction in der Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische Thätigkeit im Traume für geringfügig und werthlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht zünftige Beobachter – Amateurpsychologen, – deren Beiträge gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychischen Werth der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen; für den, welcher der träumenden Seele den grösseren Theil ihrer Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen. Unter den Ueberleistungen, welche man auch bei nüchterner Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie beweisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traumlebens, dass es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen. Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt121) bemerkt, eben ein illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht anders hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume, wie der oben p. 17 mitgetheilte Maury’s121) von seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen zu beweisen, dass der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische Thätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den Aufsätzen von Le Lorrain122) und Egger123) „über die scheinbare Dauer der Träume“ hat sich hierüber eine interessante

Discussion angesponnen, welche in dieser heikeln und tiefreichenden Frage wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat.

Dass der Traum die intellectuellen Arbeiten des Tages aufzunehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluss zu bringen vermag, dass er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Componisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix124) angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Thatsache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, an’s Principielle streifenden Zweifeln.

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes ein Streitobject, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man vermeidet es – und wohl mit Recht – alles Thatsächliche an diesem Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht.

f) Die ethischen Gefühle im Traume.

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Theilproblem abgesondert, ob und in wie weit die moralischen Dispositionen und Empfindungen des Wachens sich in’s Traumleben erstrecken. Der nämlichste Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mussten, macht uns auch hier betroffen. Die Einen versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, dass der Traum von den sittlichen Anforderungen nichts weiss, wie die Andern, dass die moralische Natur des Menschen auch für’s Traumleben erhalten bleibt.

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. Jessen125) sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Verbrechen, Diebstahl, Mord und Todtschlag mit völliger Gleichgiltigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben kann.“

Radestock126) (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, dass die Associationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden, ohne dass Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen; das Urtheil ist höchst schwach und es herrscht ethische Gleichgiltigkeit vor.“

Volkelt127) (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder weiss, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träumende selbst aufs Aeusserste schamlos und jedes sittlichen Gefühls und Urtheils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen zusammenbringen sich scheuen würde.“

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Aeusserungen wie die von Schopenhauer, dass Jeder im Traum in vollster Gemässheit seines Charakters handelt und redet. R. Ph. Fischer128) behauptet, dass die subjectiven Gefühle und Bestrebungen, oder Affecte und Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, dass die moralischen Eigenthümlichkeiten der Personen in ihren Träumen sich spiegeln.

Haffner129) (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, wird ein tugendhafter Mensch auch im Traum tugendhaft sein; er wird den Versuchungen widerstehen, dem Hass, dem Neid, dem Zorn und allen Lastern sich verschliessen; der Mann der Sünde aber wird auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im Wachen vor sich hatte.“

Scholz130) (p. 36): „Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Maskirung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes Selbst wieder. . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natur Fremdes. Der römische Kaiser, der einen seiner Unterthanen hinrichten liess, weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn er dies damit rechtfertigte, dass, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem Inneren keinen Raum haben kann, sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: „Es fällt mir auch im Traum nicht ein.“

Pfaff130) sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprichwortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume, und ich will dir sagen, wie es um Dein Inneres steht.“

Die kleine Schrift von Hildebrandt131), der ich bereits so zahlreiche Citate entnommen habe, der formvollendetste und gedankenreichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der Litteratur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, desto reiner der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser.

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume bestehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur verdächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und

Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in den Schlummerstunden weichen mag, – Kant’s kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet, dass wir ihn auch schlafend nicht los werden . . . Erklären aber lässt sich (diese Thatsache) eben nur daraus, dass das Fundamentale der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung Theil zu nehmen, welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Facultäten gleichen Ranges im Traume unterliegen“ (p. 45 u. f.).

In der weiteren Discussion des Gegenstandes sind nun merkwürdige Verschiebungen und Inconsequenzen bei beiden Gruppen von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle diejenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Persönlichkeit des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schliessen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwerthigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die Werthlosigkeit seiner intellectuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die Anderen, für die sich „der kategorische Imperativ“ auch in den Traum erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, dass eigene Träume von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Werthschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müssten.

Nun scheint es aber, dass niemand von sich selbst so recht sicher weiss, in wie weit er gut oder böse ist, und dass niemand die Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn über jenen Gegensatz in der Beurtheilung der Traummoralität hinweg zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Functionen des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigungen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Thatsächlichkeit lässt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen.

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume zu übernehmen. Haffner132) sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat . . . Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde sein.“ Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum verantwortlich, sofern er ihn indirect verursacht. Es erwächst

für ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele sittlich zu reinigen. Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen Inhalt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, dass die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung der complicirtesten Ueberlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträumchen, und die auch von ihm zugestandene Entwerthung und Vermengerung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen Anschein der Träume in Abzug gebracht werden muss, gesteht er, dass es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für Traumsünden und Schulden schlechthin zu leugnen. (p. 49) „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redensart: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir allerdings einerseits aus, dass wir das Traumgebiet für das fernste und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose und locker zusammenhängen, dass sie kaum noch als die unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns veranlasst fühlen, so geben wir doch indirect damit zugleich zu, dass unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden hier, wenn auch unbewusst, die Sprache der Wahrheit.“ (p. 52) „Es lässt sich nämlich keine Traumthat denken, deren erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.“ Von dieser ersten Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht, – er bildete es nur nach und spann’s nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels in Scene: Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Todtschläger. Und während man das ganze, breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewusst, belächeln kann, so will jener ursprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden verantwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen Procentsatz. „Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, – dann können wir auch kaum der Ueberzeugung uns erwehren, dass jede im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von Schuld mit sich führe.“ In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Versuchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also

Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Werthschätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge Sünder.

An dem allgemeinen Vorkommen dieser contrastirenden Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf anderem als ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die Beurtheilung der selben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta133) findet sich folgende hieher gehörige Aeusserung von A. Zeller (Artikel „Irre“ in der allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften von Ersch und Gruber) citirt (p. 144): „So glücklich ist selten ein Geist organisirt, dass er zu allen Zeiten volle Macht besässe und nicht immer wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unterbrächen, ja die grössten Denker haben sich über dieses traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.“

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser Contrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt, dass der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres Wesens blicken lasse, die uns im Zustande des Wachens meist verschlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verräth Kant an einer Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offenbaren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können, wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock134) (p. 84) mit den Worten, dass der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns nicht gestehen wollen, und dass wir ihn darum mit Unrecht einen Lügner und Betrüger schelten. Wir werden aufmerksam gemacht, dass das Auftauchen dieser, unserem sittlichen Bewusstsein fremden Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen, wie die von Benini135): Certe nostre inclinazioni che si credevano soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono dinanzi (p. 149), und von Volkelt136): „Auch Vorstellungen, die in das wache Bewusstsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kund zu thun“ (p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, dass nach Schleiermacher137) schon das Einschlafen vom Hervortreten ungewollter Vorstellungen (Bilder) begleitet war.

Als „ungewollte Vorstellungen“ dürfen wir nun dies ganze Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den unmoralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, dass die ungewollten Vorstellungen auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu unserem sonstigen Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns fremdartig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben.

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vorstellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächtlichen Auftauchen contrastirender ethischer Regungen ableiten? Hier ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene Gruppirung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von Hildebrandt und andere Vertreter seiner Grundansicht kann man wohl nicht anderswohin fortsetzen, als dass den unmoralischen Regungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt ist bis zur That vorzudringen, und dass im Schlaf etwas wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kenntnis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her kann Hildebrandt dem Traum die Rolle eines Warners zuweisen, der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Aerzte auch bisher unbemerkte körperliche Leiden dem Bewusstsein verkünden kann. Und auch Spitta138) kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. der Psyche zufliessen, und den Träumer tröstet, er habe alles gethan, was in seinen Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und sich bemüht, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und zur That werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die „ungewollten“ Vorstellungen als die während des Tages „unterdrückten“ bezeichnen und müssten in ihrem Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen erblicken. Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Folgerung. Für Jessen139) stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den Charakter einer zur Ruhe gelegten Willensthätigkeit und eines gewissermassen mechanischen Processes von Bildern und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar“ (p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als dass dieser von dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiss nicht eine ihm eigene Seelenregung.

Bei einem anderen Autor Maury140), könnte man in Zweifel gerathen, ob auch nicht er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische Thätigkeit nach ihren Componenten zu zerlegen, anstatt sie planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich über die Schranken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui parlent et qui nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes pen- chants vicieux; à l’état de veille je tâche de lutter contre eux, et il m’arrive assez souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes songes j’y succombe toujours ou pour mieux dire j’agis par leur impulsion, sans crainte et sans remords . . . Évidemment les visions qui se déroulent devant ma pensée et qui constituent le rêve, me sont suggérées par les incitations que je ressens et que ma volonté absente ne cherche pas à refouler“ (p. 113). Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich vorhandene aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Disposition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maury’s (p. 115): „En rêve l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa nudité et sa misère natives. Dès qu’il suspend l’exercice de sa volonté, il devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, à l’état de veille la conscience, le sentiment d’honneur, la crainte nons défendent.“ An anderer Stelle findet er das treffende Wort: (p. 462) „Dans le rêve, c’est surtout l’homme instinctif qui se révèle . . . L’homme revient pour ainsi dire à l’état de nature quand il rêve; mais moins les idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus les penchants en désaccord avec elles conservent encore sur lui d’influence dans le rêve.“ Er führt dann als Beispiel an, dass seine Träume ihn nicht selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen Schriften am heftigsten bekämpft hat. Der Werth all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psychologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury dadurch beeinträchtigt, dass er in den von ihm so richtig beobachteten Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatismus psychologique“ sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Automatismus fasst er als vollen Gegensatz zur psychischen Thätigkeit. Eine Stelle in den Studien über das Bewusstsein von Stricker141) lautet: Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; wenn man sich z. B. im Traum vor Räubern fürchtet, so sind die Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man aufmerksam darauf gemacht, dass die Affectentwicklung im Traume die Beurtheilung nicht zulässt, welche man dem übrigen Trauminhalt schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psychischen Vorgängen im Traum real sein mag, das heisst einen Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens beanspruchen darf?

I. Literatur der Traumprobleme.

g) Traumtheorien und Function des Traumes.

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der be obachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traumtheorie heissen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich darin unterscheiden, dass sie den oder jenen Charakter des Traumes zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn anknüpfen lassen. Eine Function, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige Leistung des Traumes, wird nicht nothwendig aus der Theorie ableitbar sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäss gerichtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die mit der Einsicht in eine Function des Traumes verbunden sind.

Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, dass der Traum eine Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum Wissenswerthe Auskunft ertheilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine grössere Anzahl von Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvollständige.

Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende lockere Gruppirung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu Grunde gelegten Annahme über Mass und Art der psychischen Thätigkeit im Traum:

1. Solche Theorien, welche die volle psychische Thätigkeit des Wachens sich in dem Traum fortsetzen lassen, wie die von Delboeuf.142) Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intact, aber unter die vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht, muss sie bei normalem Functioniren andere Ergebnisse liefern als im Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im Stande sind, die Unterschiede des Traumes von dem Wachdenken sämmtlich aus den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Ueberdies fehlt ihnen ein möglicher Zugang zu einer Function des Traumes; man sieht nicht ein, wozu man träumt, warum der complicirte Mechanismus des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen oder, wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig zweckmässigen Reactionen anstatt der dritten, der des Träumens.

2. Solche Theorien, welche im Gegentheile für den Traum eine Herabsetzung der psychischen Thätigkeit, eine Auflockerung der Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material annehmen. Diesen Theorien zufolge müsste eine ganz andere psychologische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach

Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht nicht blos in einer Absperrung der Seele von der Aussenwelt, er dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien construiren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen ihn zum Vorbilde des Schwachsinns oder einer Amentia.

Die Theorie, dass im Traumleben nur ein Bruchtheil der durch den Schlaf lahmgelegten Seelenthätigkeit zum Ausdruck komme, ist die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herrschende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den Traum verkörperten Gegensätze vermeidet. Da ihr der Traum das Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles und zugleich sehr anomalisches Wachen“ sagt Herbart’s Psychologie über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von immer weiter gehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch Absurdität verräth, bis zur voll concentrirten Denkleistung decken. Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich geworden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des Traumes in der Schilderung von Binz143) ausgedrückt finden (p. 43):

„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer werden die in dem Gehirneiweiss aufgehäuften Ermüdungsstoffe und immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen wach geworden hervor, während ringsumher noch Alles in Erstarrung ruht. Es tritt nun die isolirte Arbeit der Einzelgruppen vor unser unnebeltes Bewusstsein, und zu ihr fehlt die Controle anderer, der Association vorstehender Gehirntheile. Darum fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. Immer grösser wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes.“

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen, partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse, sicherlich bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am Ausführlichsten ist sie bei Maury144) dargestellt. Dort hat es oft den Anschein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Function an einander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten,

dass, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. Eine Function des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urtheil über die Stellung und Bedeutung des Traumes consequenterweise durch die Aeusserung von Binz gegeben (S. 357): „Alle Thatsachen, wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen k örperlichen, in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vorgang zu kennzeichnen.“ Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum, der seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traumätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimentelle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studirte. Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die Anregung zum Träumen womöglich ausschliesslich von somatischer Seite ausgehen zu lassen. In extremer Form dargestellte, lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein Anlass bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her Reize an den Schlafenden heran, von aussen, von innen, von all den Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachsender nie gekümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenen Zipfelchen wach gerüttelt und functionirt dann ein Weilchen mit dem geweckten Theil, froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die Reaction auf die durch den Reiz verursachte Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige Reaction. Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch noch einen anderen Sinn. Es ist die W ürde eines psychischen Vorganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes hinlaufen“ veranschaulicht vielleicht am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern der exacten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung etwas ganz und gar Undentbares; denn wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik produciren können? Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig nicht an Einwänden gefehlt. Burdach144) meint 1830: „Wenn man sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes

gesagt, als dass einige Kräfte der Seele im Traume thätig sind, während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen Lebens statt. „…“ (p. 483).

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen „körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auffassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert145) ausgesprochen wurde und die bezeichnend wirkt, weil sie für das Träumen eine Function, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiss. Robert nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei Thatsachen der Beobachtung, bei denen wir bereits in der Würdigung des Traummateriales verweilt haben (vgl. p. 11), nämlich dass man so häufig von den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt, und dass man so selten die grossen Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als ausschliesslich richtig: Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die Einem unfertig im Sinne liegen, oder den Geist flüchtig streifen (p. 10). „Darum kann man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen desselben eben die nicht zum genügenden Erkennen des Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen Tages sind“. Die Bedingung, dass ein Eindruck in den Traum gelange, ist also, entweder dass dieser Eindruck in seiner Verarbeitung gestört wurde, oder dass er als allzu unbedeutend auf solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte.

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher Ausscheidungsprocess, der in seiner geistigen Reactionserscheinung zum Erkennen gelangt“. „Träume sind Ausscheidungen von im Keime erstickten Gedanken.“ „Ein Mensch, dem man die Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müsste in gegebener Zeit geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müsste, was dem Gedächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“ „Der Traum leistet dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils.“ Die Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32). Es wäre missverständlich, an Robert die Frage zu richten, wie denn durch das Vorstellen im Traum eine Entlastung der Seele herbeigeführt werden kann. Der Autor schliesst offenbar aus jenen beiden „Eigenthümlichkeiten des Traummateriales, dass während des Schlafes eine solche Ausstossung von werthlosen Eindrücken irgendwie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist kein besonderer psychischer Process, sondern nur die Kunde, die wir von jener Aussonderung erhalten. Uebrigens ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was Nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst hinzu, dass überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden und „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden lässt, wird durch der Phantasie entlehnte

Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen verbunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht“ (p. 23).

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die Robert’s aber in der Beurtheilung der Traumquellen. Während dort überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb zum Träumen nach der Theorie Robert’s in der Seele selbst, in ihrer Ueberladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urtheilt vollkommen consequent, dass die im körperlichen Befinden liegenden traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen, und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewusstsein entnommener Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen könnten. Zuzugeben sei blos, dass die im Traume aus den Tiefen der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflusst werden können (p. 48). So ist der Traum nach Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vorgang am Apparat der Seelenthätigkeit und hat eine Function zu erfüllen, diesen Apparat vor Ueberspannung zu behüten, oder wenn man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.

Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Auswahl des Traummaterias deutlich werden, stützt ein anderer Autor, Yves Delage146) seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beobachten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.

Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm theure Person durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, dass man von dem nicht träumt, was Einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage über das Träumen junger Eheleute: „S’ils ont été fortement épris, presque jamais ils n’ont rêvé l’un de l’autre avant le mariage ou pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé d’amour, c’est pour être infidèles avec quelque personne indifférente ou odieuse.“ Wovon träumt man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vorkommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer Prüfung als unanerkannte Reproduction, als „souvenir inconscient“. Aber dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be

Das „Unterdrückte“ in der Theorie von Delage.

troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger bewusst und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr Aussicht hat er, im nächsten Traum eine Rolle zu spielen. Es sind im Wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Eindrücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert147) hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen Eindrücke sind gewissermassen nicht voll erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts tendus“ die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr Anrecht auf eine Rolle im Traum als der schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung aufgespeicherte psychische Energie wird Nachts die Triebfeder des Traumes. Im Traum kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein. Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle ab; er kann einer selbständigen psychischen Thätigkeit im Traum nur die geringste Rolle einräumen, und so schliesst er sich mit seiner Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom partiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le rêve est le produit de la pensée errante, sans but et sans direction, se fixant successive- ment sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité pour se placer sur sa route et l’arrêter au passage, établissant entre eux un lien tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus serré, selon que l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil.“ Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen kann. Aus der Bethätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nützliche Function des Traumes. Die Werthschätzungen, welche der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren Statt die Aeusserung von Burdach148) anzuführen, derzufolge der Traum „die Naturthätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die Macht der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewusstsein gestört, nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele sich ergebende Lebendigkeit der sensibeln Centralpunkte ist“ (p. 486). Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen sich Burdach u. A. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach citirt und

I. Litteratur der Traumprobleme.

acceptirt darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine Schutzwehr gegen die Regelmässigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirft, und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unter bricht; ohne die Träume würden wir gewiss früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum Grabe betrachten.“

Die erfrischende und heilende Thätigkeit des Traumes schildert noch eindringlicher Purkinje149) (p. 456): „Besonders würden die productiven Träume diese Functionen vermitteln. Es sind leichte Spiele der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere zerstreuende Bilder, Hass durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht durch Muth und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie durch Ueberzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemüthes, die der Tag immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Theil die schmerzenheilende Wirkung der Zeit.“ Wir empfinden es alle, dass der Schlaf eine Wohlthat für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des Volksbewusstseins lässt sich offenbar das Vorurtheil nicht rauben, dass der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohlthaten spendet.

Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus einer besonderen Thätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustande frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner150) 1861 unternommene. Das Buch Scherner’s, in einem schwülen und schwülstigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für den Gegenstand getragen, die abstossend wirken muss, wenn sie nicht mit sich fortzureissen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierigkeiten entgegen, dass wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt151) die Lehren Scherner’s uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hiedurch des Philosophen Pfade nicht.“ Solche Beurtheilung findet die Darstellung Scherner’s selbst bei seinen Anhänger.

Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert in’s Traumleben mitzunehmen. Er führt selbst aus, wie im Traum die Centralität, die Spontanenenergie

Des Ich entnervt wird, wie in Folge dieser Decentralisation Erkennen, Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden, und wie den Ueberbleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt sich im Traum die als Phantasie zu benennende Thätigkeit der Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen Maasse ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmelweit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproductiv, sondern auch productiv. Ihre Eigenthümlichkeiten verleihen dem Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für das Ungemessene, Uebertreibene, Ungeheuerliche. Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen Denkkategorien eine grössere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungslust; sie ist auf’s feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize des Gemüths, für die wühlerischen Affecte, sie bildet sofort das innere Leben in die äussere plastische Anschau lichkeit hinein. Der Traumphantasie fehlt die Begriffs sprache; was sie sagen will, muss sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächendeinwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Grösse der Anschauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, dass sie die Abneigung hat, ein Object durch sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein fremdes Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objects, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im Stande ist. Das ist die symbolisirende Thätigkeit der Phantasie ... Sehr wichtig ist ferner, dass die Traumphantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriss und diesen in freihester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der blossen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich genöthigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln und so eine Handlung zu erzeugen. Den Gesichtsreiztraum z. B. malt Goldstücke auf die Strasse; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt sie davon.

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische Thätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der, bei Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. p. 22), so dass in der Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie Scherner’s und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundt’s und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zu einander verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physiologischen Theorie die seelische Reaction auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von irgend zu ihnen passen-den Vorstellungen

I. Literatur der Traumprobleme. erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege der Association sich zur Hilfe rufen und mit diesem Stadium die Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, geben die Leibreize nach Scherner der Seele nur ein Material, das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traumbildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick der Anderen versiegt. Zweckmässig wird man freilich nicht finden können, was die Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im betreffenden Traum stammen, in irgend einer plastischen Symbolik vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und Andere ihm nicht folgen, dass die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern benutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häuser strassen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Theile des Hauses wirklich einzelne Körpertheile dar, so z. B. im Kopf schmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf. Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Körpertheile verwendet. „So findet die athmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Geschlechtsreiztraum lässt den Träumer den oberen Theil einer Clarinette, daneben den gleichen Theil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen Pelz auf der Strasse finden. Clarinette und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraum kann sich die Schritt-Enge der zusammenschliessenden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fusspfad symbolisiren, den die Träumerin wandeln muss, um etwa einen Brief zu einem Herrn zu tragen.“ (Volkelt p. 39.) Besonders wichtig ist es, dass am Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die Traumphantasie sich sozusagen demaskirt, indem sie das erregende Organ oder dessen Function unverhüllt hinstellt. So schliesst der „Zahnreiztraum“ gewöhnlich damit, dass der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde nimmt. Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht blos der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl die in ihm enthaltene Substanz zum Object der Symbolisirung nehmen. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kothige Strassen, der

Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher, die Art seiner Erregtheit, das Object, das er begehrt, werden symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt in concrete Verbindung mit den Symbolisirungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit beissenden Hunden oder tobenden Stieren verzweifelt balgen, oder die Träumerin sich im Geschlechtstraum von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem möglichen Reichthum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symbolisirende Phantasietätigkeit als die Centralkraft eines jeden Traumes bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so erkannten psychischen Thätigkeit ihre Stellung in einem System philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt152) in seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu schwer verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist. Eine nützliche Function ist mit der Bethätigung der symbolisirenden Phantasie Scherner’s in den Träumen nicht verbunden. Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man könnte auf die Vermuthung kommen, dass sie unartig spielt. Man könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende Beschäftigung mit der Scherner’schen Theorie des Traumes zu irgend etwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losgebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der Lehre Scherner’s vor aller Prüfung als allzu hochmüthig ein Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen grosse Aufmerksamkeit schenkte, und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunkeln seelischen Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen durch Jahrtausende räthselhaft wohl, aber zugleich inhalts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes beigetragen hat, als dass sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem Objecte Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, dass es den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellen-Phantastik, die p. 53 citirte Stelle eines nüchternen und exacten Forschers wie Binz153), welche schildert, wie die Aurora des Erwachens über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht an Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den Scherner’schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen zu können, dass hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch erheben kann. Vorläufig kann uns die Scherner’sche Theorie des

Traumes in ihrem Gegensatz zur medicinischen etwa vor Augen führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher schwankt.

h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten.

Wer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Beziehungen, etwa wenn im Traum einen psychotischen Zustand vertritt, einleitet, oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traumleben im Falle der Geisteskrankheit erleidet. 3. Innere Beziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Medicin – ein Lieblingsthema – und in der Gegenwart von Neuem wieder ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta154), Radestock155), Maury156) und Tissié157) gesammelte Litteratur des Gegenstandes lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis158, 158) diesem Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zugewendet. Dem Interesse unserer Darstellung wird es genügen, den bedeutsamen Gegenstand blos zu streifen.

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradigmata mittheilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauss159)), dass der erste Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreckhaften Traum herschrieb, und dass die vorhergehende Idee mit diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen derselben für die „vraie cause déterminante de la folie“. Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Aufklärung enthaltenden Traum mit einem Schlag in’s Leben treten, oder sich durch weitere Träume, die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem Falle von de Sanctis schlossen sich an den ergreifenden Traum leichte hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand. Féré (bei Tissié) berichtet von einem Traum, der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Aetiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem Thatbestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste Aeusserung am Traumleben gezeigt, sei im Traum zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen enthält das Traumleben die krankhaften Symptome, oder die Psychose bleibt auf’s Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer160) auf Angstträume aufmerksam, die als Aequivalente von epileptischen Anfällen aufgefasst werden müssen. Allison hat nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach Radestock), bei der die Individuen Tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, während bei Nacht regelmässig Hallucinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Aehnliche Beobachtungen bei de Sanctis (paranoisches

Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen); bei Tissié. Tissié bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangsimpulse) sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch ein intermittirendes Irresein ersetzt war.

Es ist wohl kein Zweifel, dass eines Tages neben der Psychologie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Aerzte beschäftigen wird.

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach Geisteskrankheit, dass bei gesunder Function am Tage das Traumleben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss161)). Macario (bei Tissié) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte.

Ueber die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Uebereinstimmung der Erscheinungen beider äussert, frühzeitig Beachtung gefunden. Nach Maury162) hat zuerst Cabanis in seinen Rapports du physique et du moral auf sie hingewiesen, nach ihm Lélut, J. Moreau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicherlich ist die Vergleichung noch älter. Radastock163) leitet das Capitel, in dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein, welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle: „Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen.“ Krauss: „Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Sinnenwachseins.“ Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben, welches nicht durch Schlaf sondern durch Krankheiten herbeigeführt ist. Wundt äussert in der Physiologischen Psychologie. „In der That können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“

Die einzelnen Uebereinstimmungen, auf Grund deren eine solche Gleichstellung sich dem Urtheil empfiehlt, zählt Spitta164) (übrigens sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung oder doch Retardation des Selbstbewusstseins, in Folge dessen Unkenntnis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, Mangel des moralischen Bewusstseins. 2. Modificirte Perception der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte, im Wahnsinn im Allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter einander lediglich nach den Gesetzen der Association und Reproduction, also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Uebertreibung bungen, Phantasmen) und aus Alle dem resultirend. 4. Veränderung beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigenthümlichkeiten des Charakters (Perversitäten).“ Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Material: „Im Gebiet des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemeingefühls findet man die meisten Hallucinationen und Illusionen. Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruchs- und Geschmackssinn. – Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen erinnert sich der Schlafende und Kranke.“ – Die Analogie von Traum und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Werth, dass sie sich wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf einzelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt. „Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so heben sich auch bei den Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, Grösse, Erhabenheit und Reichthum. Der vermeintliche Besitz von Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verweigerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund das Irreseins abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die Frau, die ein theures Kind verloren, delirirt in Mutterfreuden, wer Vermögensverluste erlitten, hält sich für ausserordentlich reich, das betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.“ (Diese Stelle Radestock’s ist die Abkürzung einer feinsinnigen Ausführung von Griesinger165) (p. 111), die mit aller Klarheit die Wunscherfüllung als einen dem Traum und der Psychose gemeinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Untersuchungen haben mich gelehrt, dass hier der Schlüssel zu einer psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu finden ist.) „Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urtheils sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakterisiren.“ Die Ueberschätzung der eigenen geistigen Leistungen, die dem nüchternen Urtheil als unsinnig erscheinen, findet sich hier wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes entspricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeitmass. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei Personen vertheilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume corrigirt, ist völlig gleichwerthig der bekannten Persönlichkeitstheilung bei hallucinatorischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die constanten Wahnideen findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen (rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem Delirium sagen die Kranken nicht selten, dass ihnen die ganze Zeit

ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie theilen uns mit, dass sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlafraum vorkommt.

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock seine wie vieler Anderer Meinung in den Worten zusammenfasst, dass „der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes zu betrachten ist.“ (p. 228.)

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich äussernden Phänomene möglich ist, hat Krauss166) die Verwandtschaft von Traum und Wahnsinn in der Aetiologie (vielmehr: in den Erregungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche (Grundelemment ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch bedingte Empfindung, die Leibreizensation, das durch Beiträge von allen Organen her zu Stande gekommene Gemeingefühl (vgl. Peisse bei Maury167) p. 52).

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten reichende Uebereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu den stärksten Stützen der medicinischen Theorie des Traumlebens, nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vorgang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelenthätigkeit darstellt. Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, dass eine veränderte Auffassung des Traumes unsere Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mitbeeinflussen muss, und so dürfen wir sagen, dass wir an der Aufklärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheimnis des Traumes aufzuhellen.


33) „Chauffeurs“ hiessen Banden von Räubern in der Vendée, die sich dieser Tortur bedienten.

Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden, vgl. die Sammlung von Chabaneix.74)74)

Einen ähnlichen Versuch wie delboeuf, die Traumthätigkeit zu erklären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst correcten Function des intacten seelischen Apparates zur Folge haben muss, hat Haffner85)85) unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i. die Emancipation der Vorstellung von der dem Individium zukommenden Stelle in

119)Hildebrandt, Der Traum und seine Verwerthung für das Leben. Leipzig 1875. S. 19.

Vgl. Haffner und Spitta120)120)120).

128)Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850 – (Nach Spitta).

129)Das Traumleben und seine Deutung. 1868 (bei Spitta, p. 192).

143)Die Fussnote ist hier doppelt numerirt, da sie sich auf zwei verschiedene Autoren bezieht, die in zwei verschiedenen Abschnitten citirt werden.