Die Traumdeutung1900-001/1900
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    I.

    Die wissenschaftliche Litteratur der Traum-
    probleme.

    Auf den folgenden Blättern werde ich den Nach-
    weis erbringen, dass es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet Träume
    zu deuten, und dass bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum
    sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an
    angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen
    ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von
    denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes her-
    rührt, und aus ihnen einen Rückschluss auf die Natur der psychischen
    Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der
    Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen,
    denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens
    in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem
    Material in Angriff genommen werden muss.

    Eine Uebersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie
    über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen-
    schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht
    häufig Anlass haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaft-
    liche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend-
    jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den
    Autoren so allgemein zugegeben, dass es überflüssig scheint, einzelne
    Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum
    Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemer-
    kungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber
    nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines
    seiner Räthsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen
    der gebildeten Laien übergegangen.

    Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Object der
    Psychologie abgehandelt wird, scheint die des Aristoteles1) (Ueber
    Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der
    Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht göttlicher, was wohl
    einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige Uebersetzung
    findet.

     

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    trifft. Er kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. dass
    der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize in’s Grosse
    umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiss zu
    werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder
    jenes Gliedes stattfindet“), und zieht aus diesem Verhalten den Schluss,
    dass die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An-
    zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt ver-
    rathen könnten. Zu einem tieferen Verständniss der aristotelischen
    Abhandlung vorzudringen, ist mir, bei nicht ausreichender Vorbildung
    und ohne kundige Hilfe, nicht möglich geworden.

    Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich
    nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für
    eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen
    Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jeder-
    zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen
    geltend. Man unterschied wahrhafte und werthvolle Träume, dem
    Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver-
    künden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war,
    ihn in die Irre zu führen oder in’s Verderben zu stürzen. Diese
    vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im
    vollsten Einklange mit ihrer gesammten Weltanschauung, welche als
    Realität in die Aussenwelt zu projiciren pflegte, was nur innerhalb
    des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck
    Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrig-
    bleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, denn in dieser Er-
    innerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus
    einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen.
    Es wäre übrigens irrig zu meinen, dass die Lehre von der über-
    natürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger
    entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abge-
    sehen, – die ja recht daran thun, die Reste des ehemals ausgedehnten
    Gebietes des Uebernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht
    durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind, – trifft man
    doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte
    Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das
    Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklär-
    barkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner32).
    Die Werthschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philo-
    sophenschnlen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach-
    klang der im Alterthum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und
    auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende, Kraft des
    Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho-
    logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten
    Materiales nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien
    eines Jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben
    hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.

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    Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der
    Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser
    Erkenntnis, so werthvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag,
    ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist
    nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge-
    kommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte,
    sondern jeder neue Autor fasst die nämlichen Probleme von Neuem
    und wie vom Ursprung her wieder an.) Wollte ich mich an die
    Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug
    berichten, welchen Ansichten über die Traumprobleme er geäussert,
    so müsste ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom
    gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe
    es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die
    Autoren anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme an
    führen, was an Material zur Lösung desselben in der Litteratur nieder-
    gelegt ist.

    Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesammte, so sehr ver-
    streute und auf Anderes übergreifende Litteratur des Gegenstandes
    zu bewältigen, so muss ich meine Leser bitten sich zu bescheiden,
    wenn nur keine grundlegende Thatsache und kein bedeutsamer
    Gesichtspunkt in meiner Darstellung verloren gegangen ist.

    Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlasst ge-
    sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu-
    handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche
    in die Psychopathologie reichen, und traumähnliche Vorkommnisse
    (wie der Hallucinationen, Visionen etc.) anzuschliessen. Dagegen zeigt
    sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt
    zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des Traum-
    lebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung möchte
    ich einen Ausdruck der Ueberzeugung sehen, dass in so dunkeln
    Dingen Aufklärung und Uebereinstimmung nur durch eine Reihe
    von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts Anderes
    als eine solche Detailuntersuchung, und zwar speciell psychologischer
    Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlass, mich mit dem
    Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physio-
    logisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzu-
    standes die Veränderung der Functionsbedingungen für den see-
    lischen Apparat mit enthalten sein muss. Es bleibt also auch die
    Litteratur des Schlafes hier ausser Betracht.

    Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an
    sich führt zu den folgenden, zum Theil in einander fliessenden
    Fragestellungen:

    a) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive
    Urtheil des Erwachten nimmt an, dass der Traum – wenn er schon
    nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine

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    andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach8), dem
    wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno-
    mene verdanken, hat dieser Ueberzeugung in einem viel bemerkten
    Satze Ausdruck gegeben (p. 474): „. . . nie wiederholt sich das
    Leben des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen
    Freuden und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns
    davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Ge-
    genstande erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen,
    oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen
    hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er
    nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Com-
    binationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein
    und symbolisirt die Wirklichkeit.“
    In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell66) in der
    mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die Natur
    und Entstehung der Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des
    wachen Bewußtseins abgekehrt“. . . (p. 17): „Im Traume geht das
    Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und
    dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren“. . . (p. 19):
    „Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traum von
    dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe des wachen Lebens“. . .
    Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be-
    ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung
    vertreten. So Haffner32) (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das
    Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zu-
    vor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Be-
    obachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der
    Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte.“
    Weygandt75) (p. 6) widerspricht direct der oben citirten Behauptung
    Burdach’s, „denn es lässt sich oft, anscheinend in der überwiegen-
    den Mehrzahl der Träume beobachten, dass dieselben uns gerade in’s
    gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.“
    Maury48) (p. 56) sagt in einer knappen Formel: „Nous rêvons de ce
    que nous avons vu, du désiré ou fait“; Jessens36) in seiner 1855 er-
    schienenen Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder
    weniger wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die indi-
    viduelle Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand,
    Bildungsstufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und
    Erfahrungen des ganzen bisherigen Lebens.“
    Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Traum-
    inhaltes vom Leben. Ich citire nach Radestock54) (p. 139): Als
    Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent-
    schluss durch guten Rath abgelenkt, durch Träume aber immer wieder
    dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter
    der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, dass die Traumbilder meist
    das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.   

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    Im Lehrgedicht des Lucretius, De rerum natura, findet sich
    (IV, v. 959) die Stelle:

    „Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,
    aut quibus in rebus multum sumus ante morati
    atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
    in somnis eadem plerumque videmur obire;
    causidici causas agere et componere leges,
    indupratores pugnare ac proelia obire,“ etc. etc.

    Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel
    später Maury:

    „Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et
    agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.“

    Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung
    von Traumleben und Wachleben scheint in der That unauflösbar.
    Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt3)
    (1875) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des
    Traumes ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch
    eine „Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen
    sich zuspitzen“ (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits
    die strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit
    des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und anderseits
    das stete Hinübergreifen des Einen in das Andere, die stete Ab-
    hängigkeit des Einen von dem Andern. – Der Traum ist etwas
    von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man
    möchte sagen ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein,
    von dem wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft.
    Er macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinne-
    rung an dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und
    in eine ganz andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der
    wirklichen zu schaffen hat. …“ Hildebrandt führt dann aus,
    wie mit dem Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen
    „wie hinter einer unsichtbaren Fallthür“ verschwindet. Man macht
    dann etwa im Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort
    gefangenen Napoleon etwas Vorzügliches in Moselwein anzubieten.
    Man wird von dem Exkaiser auf’s liebenswürdigste empfangen und
    bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört
    zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der Wirk-
    lichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s auch nie werden wollen.
    Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am
    wenigsten zum Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt
    man durchaus keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen
    patriotischen Hass. Und zu alledem war der Träumer überhaupt
    noch nicht unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb;
    eine persönliche Beziehung zu ihm zu knüpfen, lag ausserhalb des

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    Bereiches der Möglichkeit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas
    eingeschobenes Fremdes zwischen zwei vollkommen zu einander
    passenden und einander fortsetzenden Lebensabschnitten.

    „Und dennoch“, setzt Hildebrandt fort, „eben so wahr und
    richtig ist das scheinbare Gegentheil. Ich meine, mit dieser
    Abgeschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste
    Beziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu
    sagen: Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu
    aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser
    Wirklichkeit sich abwickelt. … Wie wunderlich er’s damit treibe,
    er kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seine
    sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen immer ihren Grund
    stoff entlehnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor
    Augen getreten ist, oder in unserem wachen Gedankengange irgend
    wie bereits Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was
    wir äusserlich oder innerlich bereits erlebt haben.“

    b) Das Traummaterial. – Das Gedächtnis im Traum.

    Dass alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend
    eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum reproducirt
    erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkennt-
    nis gelten. Doch wäre es ein Irrthum anzunehmen, dass ein solcher
    Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos
    als augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben muss.
    Derselbe muss vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiss sich
    in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der
    Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigenthümlichkeiten, welche
    die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt und die, obwohl allgemein
    bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird
    der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.

    Es kommt zunächst vor, dass im Trauminhalt ein Material auf
    tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und
    Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, dass man das
    Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, dass und wann man es
    erlebt hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus welcher
    Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selb-
    ständig producirte Thätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft
    nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinne-
    rung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle
    aufdeckt. Man muss dann zugestehen, dass man im Traum etwas
    gewusst und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen
    entzogen war.

    Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt
    Delboeuf16) aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traum
    den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine
    Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als
    Thierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine

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    Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige
    Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs,
    und das sie, wie er wusste, sehr liebten. Im Traum kannte er den
    Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. – Der Traum ging
    dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück
    und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Thierchen, die
    sich über die Reste der Farren hergemacht hatten. Dann wandte er
    den Blick auf’s freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den
    Weg zu dem Loch in der Mauer nehmen, und endlich war die ganze
    Straße bedeckt von einer Procession von Eidechsen, die alle in der
    selben Richtung wanderten etc.

    Delboeuf’s Wissen umfasste im Wachen nur wenige lateinische
    Pflanzennamen und schloss die Kenntnis eines Asplenium nicht ein.
    Zu seinem großen Erstaunen musste er sich überzeugen, dass ein
    Farren dieses Namens wirklich existirt. Asplenium ruta muraria
    war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt
    hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht
    denken; es blieb aber für Delboeuf räthselhaft, woher er im Traume
    die Kenntnis des Namens Asplenium genommen hatte.

    Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre
    später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er
    besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als
    Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden
    verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das
    Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und
    erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten lateinischen
    Namen. Nun liess sich der Zusammenhang herstellen. Eine
    Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei Jahre vor
    dem Eidechsentraum – auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht.
    Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich,
    und Delboeuf unterzog sich der Mühe, unter dem Dictat eines
    Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen
    Namen hinzuzuschreiben.

    Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mittheilens
    werth macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem
    Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen.
    Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrirten
    Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab
    gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die
    Jahreszahl 1861, und Delboeuf wusste sich zu erinnern, dass er
    von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten
    gehört hatte.

    Dass der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen
    unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut
    same Thatsache, dass ich durch Mittheilung noch anderer „hyper
    mnestischer“ Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte.

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    Maury48) erzählt, dass ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei
    Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er wusste, dass es der Name
    einer französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte
    ihm von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte,
    sie käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege,
    zur Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Département
    de la Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen
    Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn
    aber, dass sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das
    Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses
    Wissens aber nicht aufgespürt worden.


    Wissens36) erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis
    aus älteren Zeiten: „Dahin gehört u. A. der Traum des älteren
    Scaliger (Hennings, l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe
    der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher
    sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich beklagte,
    dass er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, je
    etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn,
    und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, dass ehemals ein solcher
    Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei.“
    An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of
    the Society for psychical research) soll Myers eine ganze Sammlung
    solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine,
    Jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn-
    liches Phänomen anerkennen müssen, dass der Traum Zeugnis für
    Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu
    besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen,
    von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr-
    mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen,
    dass sie Citate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen,
    und dass sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im
    wachen Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traum-
    hypermnesie will ich hier noch mittheilen, weil sich bei ihm die
    Quelle, aus welcher die nur dem Traum zugängliche Kenntnis
    stammte, sehr leicht auffinden liess.


    Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, dass
    er sich in einem Caféhaus eine „Kontuszówka“ geben lasse, fragte
    aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen
    nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszówka sei ein polnischer
    Schnaps, den er im Traum nicht erfunden haben könne, da mir der
    Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte
    mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem
    er seinen Traum im Caféhaus hatte zur Wirklichkeit werden lassen,
    bemerkte er den Namen auf einem Plakate, und zwar an einer Strassen-
    ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte
    passiren müssen.

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    Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Repro-
    duction bezieht, zum Theil solches, das in der Denkthätigkeit des
    Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kindheits-
    leben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies bemerkt
    und betont haben:
    Hildebrandt35) (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben
    worden, dass der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproductions-
    kraft uns ganz abgelebte und selbst vergessene Vorgänge aus fernster
    Zeit treu vor die Seele zurückführt.“
    Strümpell66) (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn
    man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten
    und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die
    frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner
    Localitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher
    Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloss auf
    solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewusstsein
    gewonnen oder sich mit starken psychischen Werthen verbunden haben,
    und nun später im Traum als eigentliche Erinnerungen wiederkehren,
    an denen das erwachte Bewusstsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum-
    gedächtnisses umfasst vielmehr auch solche Bilder von Personen,
    Dingen, Localitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder
    nur ein geringes Bewusstsein oder keinen psychischen Werth besassen
    oder längst das Eine wie das Andere verloren hatten und deshalb
    auch sowohl im Traum wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd
    und unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“
    Volkelt72) (p. 119): „Besonders bemerkenswerth ist es, wie gern
    Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran
    wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit
    verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“
    Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
    bekanntlich zum grössten Theil in die Lücken der bewussten
    Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Anlass zur Entstehung von inter-
    essanten hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige
    Beispiele mittheilen will.
    Maury48) erzählt (p. 92), dass er von seiner Vaterstadt Meaux als
    Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, wo
    sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt ihn
    der Traum nach Trilport und lässt ihn wieder in den Strassen der
    Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform
    trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er
    heisse C. . . und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt
    der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury
    eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an
    einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiss, lautet die Ant-
    wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge-
    baut hat.

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    Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im
    Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem
    Herrn F. —, der als Kind in Montbrison aufgewachsen war.
    Dieser Mann beschloss 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat
    und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be-
    suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, dass er am
    Ziele ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen
    unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein
    Freund seines Vaters. Der Träumer wusste, dass er einen Herrn
    dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen
    nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Mont-
    brison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Localität
    des Traumes wieder und begegnet einen Herrn, den er sofort als
    den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker
    gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.

    Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu
    erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in
    einem Traum eine Person, von der ich im Traum wusste, es sei der
    Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie
    vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer,
    den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die beiden
    Personen verknüpfte, konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig
    machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzt dieser meiner
    ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, dass er einäugig gewesen war,
    und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die des
    Arztes im Traum gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, dass ich
    den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im
    wachen Leben niemals an ihn gedacht.

    Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergrosse
    Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden,
    wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen liessen
    sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert55)
    (p. 46) äussert sogar: Im Allgemeinen beschäftigt sich der normale
    Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage. Wir
    werden allerdings erfahren, dass die von Robert aufgebaute Theorie
    des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Verschiebung
    der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Thatsache aber,
    der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter-
    suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor
    Nelson56) meint, am häufigsten fänden sich im Traum Eindrücke vom
    Tage vor dem Traumtag oder vom dritten Tag vorher verwerthet,
    als ob die Eindrücke des dem Traum unmittelbar vorhergehenden
    Tages nicht abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.

    Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
    Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, aufge-
    fallen, dass Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf-
    fen,

  • S.

    11

    tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages
    gedankenarbeit einigermassen zur Seite gedrängt worden sind. So
    träumt man in der Regel von einem lieben Todten nicht die erste
    Zeit, so lange die Trauer den Ueberlebenden ganz ausfüllt. (Delage)15).
    Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miss Hallam33), auch Bei-
    spiele vom gegentheiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen
    Punkt das Recht der psychologischen Individualität.

    Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigenthüm-
    lichkeit des Gedächtnisses im Traum zeigt sich in der Auswahl des
    reproducirten Materiales, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut-
    samste, sondern im Gegentheil auch das Gleichgültigste, Unschein-
    barste der Erinnerung werth gehalten wird. Ich lasse hierüber jene
    Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräf-
    tigsten Ausdruck gegeben haben.

    Hildebrandt35) (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, dass
    der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den grossen und
    tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden
    Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen
    Zugaben, so zu sagen aus den werthlosen Brocken der jüngst ver-
    lebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der
    erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken
    wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse,
    bis ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die-
    selbe zurückkehren lässt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines
    Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick
    mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt
    eine Rolle in unserem Traume“.

    Strümpell66) (p. 39): „… solche Fälle, wo die Zerlegung eines
    Traumes Bestandtheile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb-
    nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so
    unbedeutend und werthlos für das wache Bewusstsein waren, dass
    sie kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen
    Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Aeusserungen oder oberflächlich
    bemerkte Handlungen eines Anderen, rasch vorübergegangene Wahr-
    nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus
    einer Lectüre u. dgl.“

    Havelock Ellis23) (p. 727): „The profound emotions of waking
    life, the questions and problems on which we spread our chief volun-
    tary mental energy, are not those which usually present themselves
    at once to dream consciousness. It is so far as the immediate past
    is concerned, mostly the trifling, the incidental, the „forgotten“ impres-
    sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic acti-
    vities that are awake most intensely are those that sleep most pro-
    foundly.“

    Binz4) (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigenthüm-
    lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlass, seine Unbefriedi-

  • S.

    12

    gung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes
    auszusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen.
    Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der
    letztverlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbares
    Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit?
    Warum empfängt im Traum das Bewusstsein so oft den Eindruck
    gleichgiltiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo
    sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist
    stumm und starr liegen, es sei denn, dass eine acute Auffrischung
    während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?“

    Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum-
    gedächtnisses für das Gleichgiltige und darum Unbeachtete an den
    Tageserlebnissen zumeist dazu führen musste, die Abhängigkeit des
    Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens
    den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren.
    So war es möglich, dass Miss Whiton Calkins12) bei der statistischen
    Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der An-
    zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht
    ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung
    Recht, dass sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden,
    wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten,
    ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst
    mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens
    darauf hinaus, allerlei psychisch ganz werthlose Dinge in den ab-
    gelegensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei
    völlig indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Ver-
    schüttung, die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte,
    wieder zu Tage zu fördern.“ Ich muss aber doch bedauern, dass
    der scharfsinnige Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar
    beginnenden Weges abhalten liess; er hätte ihn unmittelbar zum Centrum
    der Traumerklärung geleitet.

    Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be-
    deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt,
    dass „Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren
    gehen kann (Scholz,59) p. 34). Oder, wie Delboeuf16) es ausdrückt,
    „que toute impression même la plus insignifiante, laisse une trace
    inaltérable, indéfiniment susceptible de reparaître au jour,“ ein Schluss,
    zu welchem so viele andere, pathologische Erscheinungen des Seelen-
    lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese ausserordentliche
    Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traum vor Augen, um den
    Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu erwähnende
    Traumtheorien aufstellen müssen, welche die Absurdität und In-
    cohaerenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns bei Tag
    Bekannten erklären wollen.

    Man könnte etwa auf den Einfall gerathen, das Phänomen des
    Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduciren, im Traum die

  • S.

    13

    Aeusserung einer auch Nachts nicht rastenden Reproductionsthätigkeit
    sehen, die sich Selbstzweck ist. Mittheilungen wie die von Pilcz51)
    würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwischen der
    Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nachweisbar sind in
    der Weise, dass im tiefen Schlaf Eindrücke aus den ältesten Zeiten,
    gegen Morgen aber recente Eindrücke vom Traum reproducirt
    werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorneherein un-
    wahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu erinnern-
    den Material verfährt. Strümpell66) macht mit Recht darauf auf-
    merksam, dass Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht
    vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das
    folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle
    erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von
    Reproductionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, dass es eine
    theoretische Verwerthung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor,
    in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt wie
    unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von
    einem seiner Universitätscollegen (der gegenwärtig in Wien lehrt),
    dass er im Traume eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er
    einem Unfall nur wie durch ein Wunder entging, mit all
    ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miss Calkins12)
    erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduction eines Er-
    lebnisses vom Vortag zum Inhalt hatten, und ich selbst werde später
    hin Anlass nehmen, ein mir bekannt gewordenes Beispiel von un-
    veränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzutheilen.

    c) Traumreize und Traumquellen.
    Was man unter
    Traumreizen und Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine
    Berufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen“ ver-
    deutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich
    eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes er-
    fasst. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes
    im Schlaf sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaction auf
    diese Störung.

    Die Erörterung über die erregenden Ursachen der Träume
    nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein.
    Dass das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein
    Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver-
    ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt,
    brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem
    Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloss der Traum, aus
    deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob
    sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm-
    liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung,
    ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder viel-
    mehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen an-
    zunehmen, dass die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des

  • S.

    14

    Träumens, mannigfaltiger Art sein können, und Leibreize ebenso
    wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen.
    In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den Traum-
    quellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach
    ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die An-
    sichten weit auseinander.

    Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er-
    geben sich schliesslich vier Arten derselben, die auch zur Ein-
    theilung der Träume verwendet worden sind:

    1. Äussere (objective) Sinneserregung.
    2. Innere (subjective) Sinneserregung.
    3. Innerer (organischer) Leibreiz.
    4. Rein psychische Reizquellen.

    ad 1. Die äusseren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell,
    der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns
    bereits mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat
    bekanntlich die Beobachtung eines Kranken mitgetheilt, der mit all-
    gemeiner Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der
    höheren Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne
    die wenigen noch offenen Sinnespforten von der Aussenwelt abschloss,
    verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle
    eine Situation anzustreben, die jener im Strümpell’schen Experimente
    ähnlich ist. Wir verschliessen die wichtigsten Sinnespforten, die
    Augen, und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede
    Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen
    dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können
    weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten noch
    die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Dass wir durch
    stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, „dass
    die Seele auch im Schlaf in fortdauernder Verbindung mit der
    ausserleiblichen Welt“ geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während
    des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.

    Von solchen Reizen gibt es nun eine grosse Reihe von den un-
    vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur
    gelegentlich zulassen muss, bis zum zufälligen Weckreiz, welcher
    geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen.
    Es kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich
    vernehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut er-
    regen. Wir können im Schlaf durch ungewollte Bewegungen einzelne
    Körpertheile entblössen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen,
    oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungsem-
    pfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein
    kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen.
    Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von
    Träumen gesammelt, in welchen der beim Erwachen constatirte Reiz

  • S.

    15

    und ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, dass der
    Reiz als Traumquelle erkannt werden konnte.

    Eine Sammlung solcher auf objective – mehr oder minder
    accidentelle – Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier
    nach Jessen,36) p. 527, an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch
    erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt
    uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in
    das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer
    Thür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir
    des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, dass
    wir nackt umhergehen oder dass wir in’s Wasser gefallen sind. Wenn
    wir schräg im Bett liegen und die Füsse über den Rand desselben
    herauskommen, so träumt uns vielleicht, dass wir am Rande eines
    schrecklichen Abgrundes stehen, oder dass wir von einer steilen Höhe
    hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so
    hängt ein grosser Felsen über uns, und steht im Begriff, uns unter
    seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol-
    lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Misshandlungen,
    feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen…

    „Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle
    1758, S. 33) träumte einmal, dass er von einigen Personen überfallen
    würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde
    hinlegten, und ihm zwischen die grosse und die nächste Zehe einen
    Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traum vorstellte,
    erwachte er und fühlte, dass ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen
    stecke. Demselben soll nach Hennings (Von den Träumen und
    Nachtwandlern. Weimar 1784, S. 258) ein anderes Mal, als er sein
    Hemde am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben,
    dass er gehenkt würde. Hoffbauer träumte in seiner Jugend, von
    einer hohen Mauer hinabzufallen, und bemerkte beim Erwachen, dass
    die Bettstelle auseinander gegangen und dass er wirklich gefallen
    war… Gregory berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen
    eine Flasche mit heissem Wasser an die Füsse gelegt und darauf im
    Traum eine Reise auf die Spitze des Aetna gemacht, wo er die Hitze
    des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein Anderer träumte nach
    einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, dass er von einem
    Haufen von Indianern scalpiert werde; ein Dritter, der in einem feuchten
    Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. Ein
    im Schlaf eintretender Anfall von Podagra liess einen Kranken glauben,
    er sei in den Händen der Inquisition und erdulde die Qualen der
    Folter (Macnish).“

    Das auf die Aehnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge-
    gründete Argument lässt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei
    einem Schlafenden durch planmässige Anbringung von Sinnesreizen
    dem Reiz entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat
    nach Macnish schon Giron de Buzareingues angestellt. „Er

  • S.

    16

    liess seine Knie unbedeckt und träumte, dass er in der Nacht auf
    einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei, dass Reisende wohl wissen
    würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden.
    Ein anderes Mal liess er den Kopf hinten unbedeckt und träumte,
    dass er einer religiösen Ceremonie in freier Luft beiwohne. Es war
    nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets
    bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen, wie die
    eben genannte.“

    Maury48) theilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
    Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.)
    1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge-
    kitzelt. – Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve
    wird ihm auf’s Gesicht gelegt, dann weggerissen, so dass die Haut
    mitgeht.
    2. Man wetzt eine Schere an einer Pincette. – Er hört Glocken
    läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848
    versetzt.
    3. Man lässt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im
    Laden von Johann Maria Farina. Daran schliessen sich tolle Aben-
    teuer, die er nicht reproduciren kann.
    4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, dass
    man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der
    ihn als Kind behandelt hat.
    5. Man nähert ein heisses Eisen seinem Gesicht. Er träumt von
    den „Heizern“*), die sich in’s Haus eingeschlichen haben und die
    Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die
    Füsse in’s Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von
    Abrantés auf, deren Secretär er im Traume ist.
    8. Man giesst ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. – Er
    ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weissen Wein von
    Orvieto.
    9. Man lässt wiederholt durch ein rothes Papier das Licht einer
    Kerze auf ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und befindet
    sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Canal La
    Manche mitgemacht.
    Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren
    von d’Hervey34), Weygandt76) u. A. her.
    Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes
    bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt
    in seine Gebilde zu verweben, dass sie in diesen eine allmählich schon
    vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“. (Hildebrandt.)35)
    „In jüngeren Jahren“ erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu Zeiten,
    um regelmässig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des bekannten,


    *) „Chauffeurs“ hiessen Banden von Räubern in der Vendée, die sich dieser
    Tortur bedienten.

  • S.

    17

    Experimentelle Träume. – Träume auf den Weckreiz.
    meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu hundertmalen
    ist mir’s begegnet, dass der Ton dieses Instrumentes in einen ver-
    meintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum dergestalt
    hineinpasste, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn angelegt
    sei, und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, sein
    natürlich gewiesenes Endziel fände.“
    Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht
    citiren.

    Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Componisten träumte einmal,
    er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen.
    Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit
    der Frage: „Hast du mich verstanden?“ Dieser schreit wie ein
    Besessener: „O ja.“ Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien.
    Doch schon schreit die ganze Classe: „Orja“. Hierauf: „Eurjo“.
    Und endlich: „Feuerjo!“ Und nun erwacht er von wirklichem
    Feuerjo-Geschrei auf der Strasse.

    Garnier (Traité des facultés de l’âme, 1865) bei Radestock54)
    berichtet, dass Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine
    aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte,
    und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die Kano-
    nade der Oesterreicher wieder erleben liess, bis er mit dem Ausruf
    aufschreckte: „Wir sind unterminirt.“

    Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury48) erlebt
    hat. (p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine
    Mutter sass neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft
    zur Zeit der Revolution, machte gräuliche Mordscenen mit und wurde
    dann endlich selbst vor den Gerichtshof citirt. Dort sah er Robes-
    pierre, Marat, Fouquier-Tinville und alle die traurigen Helden
    jener grässlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei
    Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixirten, verurtheilt
    und dann von einer unübersehbaren Menge begleitet auf den Richtplatz
    geführt. Er steigt auf’s Schaffot, der Scharfrichter bindet ihn auf’s
    Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt,
    wie sein Haupt vom Rumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten
    Angst auf – und findet, dass der Bettaufsatz herabgefallen war und
    seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer einer Guillotine –
    getroffen hatte.

    An diesen Traum knüpft sich eine interessante, von Le Lorrain45)
    und Egger20) in der Revue philosophique eingeleitete Discussion, ob
    und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum,
    der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen
    verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt
    zusammenzudrängen.

    Beispiele dieser Art lassen die objectiven Sinnesreizungen während
    des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen
    erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzig

    Freud, Traumdeutung. 2

  • S.

    18

    und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst
    der Traumlitteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu Stande
    kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen ihm
    bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch einen
    nach dem Erwachen erkannten objectiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde.
    Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht Halt machen;
    sie schöpft den Anlass zu weiteren Fragen aus der Beobachtung, dass
    der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume
    ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend
    eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Be-
    ziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und
    den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maury’s47) „une
    affinité quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive“ (p. 72).
    Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandt’s; man wird
    sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so ver-
    schiedene, und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief:

    (p. 37) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren
    und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be-
    nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das
    Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig!
    Es ist ja Sonntag, und der Frühgottesdienst wird bald beginnen.
    Ich beschliesse, an diesem theilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas
    echauffirt bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich abzu-
    kühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre ich
    den Glöckner den Thurm hinansteigen, und sehe nun in der Höhe
    des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der
    Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos
    da, dann fängt sie an zu schwingen – und plötzlich ertönen ihre
    Schläge hell und durchdringend – so hell und durchdringend, dass
    sie meinem Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen
    von dem Wecker.“

    „Eine zweite Combination. Es ist heller Wintertag; die Strassen
    sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Theilnahme an einer
    Schlittenfahrt zugesagt, muss aber lange warten, bis die Meldung
    erfolgt, der Schlitten stehe vor der Thür. Jetzt erfolgen die Vor-
    bereitungen zum Einsteigen – der Pelz wird angelegt, der Fusssack
    hervorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch
    verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das
    fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten
    Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer
    Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes zerreisst.
    Wieder ist’s nichts anderes, als der schrille Ton der Weckerglocke.“

    „Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit
    einigen Dutzend aufgethürmter Teller den Corridor entlang zum Speise-
    zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in
    Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. „Nimm dich in Acht“, warne

  • S.

    19

    ich, „die ganze Ladung wird zur Erde fallen.“ Natürlich bleibt der
    obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt
    u. s. w., während dessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis
    die Wandelnde begleite. Richtig, an der Thürschwelle erfolgt ein
    Straucheln, – das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt
    in hundert Scherben auf dem Fussboden umher. Aber – das endlos
    sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches
    Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; – und mit diesem Klingeln
    hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine
    Schuldigkeit gethan.“

    Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objectiven
    Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell66) – und fast ebenso von
    Wundt76) – dahin beantwortet worden, dass sie sich gegen solche im
    Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung
    befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, richtig ge-
    deutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach
    allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark,
    deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns die für diese Ueberlegung
    erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen nicht
    erfüllt, so verkennen wir das Object, von dem der Eindruck herrührt;
    wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn Jemand auf
    freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand undeutlich
    wahrnimmt, kann es kommen, dass er denselben zuerst für ein Pferd
    hält.“ Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer ruhenden Kuh
    sich aufdrängen, und endlich kann sich die Vorstellung mit Bestimmt-
    heit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. Aehnlich
    unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im
    Schlafe durch äussere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben
    Illusionen, indem durch den Eindruck eine grössere oder kleinere
    Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der
    Eindruck seinen psychischen Werth bekommt. Aus welchem der
    vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen
    Bilder geweckt werden, und welche der möglichen Associations-
    beziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell
    unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens überlassen.

    Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, dass
    die Gesetzmässigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu
    verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der
    durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen
    Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermuthung ge-
    rathen, dass die im Schlaf angreifende objective Sinnesreizung als
    Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt, und dass andere
    Momente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter-
    miniren. In der That, wenn man die experimentell erzeugten Träume
    Maury’s prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgetheilt
    habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt

  • S.

    20

    I. Literatur der Traumprobleme.

    eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft, und
    der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im
    Einzelnen bestimmt, als dass er durch die eine Anforderung, er müsse
    sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt
    werden könnte. Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie und
    an der Macht des objectiven Eindrucks, den Traum zu gestalten, zu
    zweifeln, wenn man erfährt, dass dieser Eindruck gelegentlich die
    allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So
    erzählt z. B. M. Simon63) einen Traum, in dem er riesenhafte Personen
    bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper hörte,
    das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als
    er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbei
    galoppirenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade
    Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gulliver’s Reisen,
    Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag und in den tugend-
    haften Pferdewesen wachgerufen hat, – wie ich ohne alle Unter-
    stützung von Seite des Autors etwa deuten möchte – sollte die Aus-
    wahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht
    ausserdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?

    ad 2. Innere (subjective) Sinneserregung.

    Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen,
    dass die Rolle objectiver Sinneserregungen während des Schlafes als
    Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer
    Natur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle
    Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach
    anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich
    weiss nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den
    äusseren Sinnesreizen die inneren (subjectiven) Erregungen in den
    Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Thatsache, dass
    dies in allen neueren Darstellungen der Traumatologie mehr oder
    minder nachdrücklich geschieht. Eine wesentliche Rolle spielen
    ferner, wie ich glaube*), sagt Wundt76) (p. 363), „bei den Traum-
    illusionen jene subjectiven Gesichts- und Gehörempfindungen, die
    uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos des dunkeln Gesichts-
    feldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen u. s. w. bekannt sind, unter-
    ihnen namentlich die subjectiven Netzhauterregungen. So erklärt
    sich die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz
    übereinstimmende Objecte in der Mehrzahl dem Auge vorzu-
    zaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen,
    Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Licht-
    staub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen,
    und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden
    von dem Traum in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen
    der Beweglichkeit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände an-
    geschaut werden. – Hierin wurzelt wohl auch die grosse Neigung
    des Traumes zu den mannigfachsten Thiergestalten, deren Formen-

  • S.

    21

    reichthum sich der besonderen Form der subjectiven Lichtbilder
    leicht anschmiegt.“

    Die subjectiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum-
    bilder offenbar den Vorzug, dass sie nicht wie die objectiven vom
    äusseren Zufall abhängig sind. Sie stehen so zu sagen der Erklärung
    zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den
    objectiven Sinnesreizen darin zurück, dass sie jener Bestätigung ihrer
    Rolle als Traumerregern, welche Beobachtung und Experiment bei
    den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind.
    Den Hauptbeweis für die traumerregende Macht subjectiver Sinnes-
    erregungen erbringen die sogenannten hypnagagogischen Hallucinationen,
    die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen“
    beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechsel-
    volle Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens, bei vielen
    Menschen ganz regelmässig einzustellen pflegen, und auch nach dem
    Oeffnen der Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury,48)
    der ihnen im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine ein-
    gehende Würdigung zugewendet und ihren Zusammenhang, ja viel-
    mehr ihre Identität mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh.
    Müller) behauptet. Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine
    gewisse seelische Passivität, ein Nachlass der Aufmerksamkeitsspan-
    nung erforderlich. (p. 59 u. f.) Es genügt aber, dass man auf eine Secunde
    in solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine hypna-
    gogische Hallucination zu sehen, nach der man vielleicht wieder
    aufwacht, bis das sich mehrmals wiederholende Spiel mit dem Ein-
    schlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit, so
    gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben Bilder nachzu-
    weisen, die einem als hypnagagogische Hallucinationen vor dem Ein-
    schlafen vorgeschwebt haben. (p. 134.) So erging es Maury einmal mit
    einer Reihe von grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und sonder-
    baren Frisuren, die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der
    Periode des Einschlafens belästigten, und von denen er nach dem
    Erwachen sich erinnerte geträumt zu haben. Ein andermal, als er
    gerade an Hungergefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte,
    sah er hypnagagogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete
    Hand, die sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume
    befand er sich an einer reich gedeckten Tafel und hörte das Geräusch,
    das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er
    mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die
    hypnagagogische Hallucination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die
    er mit grosser Anstrengung einzeln entziffern musste; nach einer
    Stunde aus dem Schlaf geweckt, erinnerte er sich an einen Traum,
    in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt,
    vorkam, welches er mühselig hätte durchlesen müssen.

    Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshallucinationen
    von Worten, Namen u. s. w. hypnagagogisch auftreten und dann im Traum

  • S.

    22

    I. Literatur der Traumprobleme.

    sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leitmotive
    der mit ihr beginnenden Oper ankündigt.
    Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury
    wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Hallucinationen,
    G. Trumbull Ladd40). Er brachte es durch Uebung dahin, dass er
    sich 2–5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem
    Schlaf reissen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann
    die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen
    mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen.
    Er versichert, dass sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen
    beiden erkennen liess in der Weise, dass die leuchtenden Punkte
    und Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umriss-
    zeichnung, das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traum-
    gestalten brachten. Einem Traum z. B., in welchem er deutlich
    gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studirte, entsprach
    eine Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen
    Linien. Um es mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte
    Seite, die er im Traum gelesen, löste sich in ein Object auf, das
    seiner wachen Wahrnehmung erschien wie ein Stück eines reellen
    bedruckten Blattes, das man aus allzu grosser Entfernung, um etwas
    deutlich auszunehmen, durch ein Löchelchen in einem Stück Papier
    ansieht. Ladd meint, ohne übrigens den centralen Antheil des
    Phänomens zu unterschätzen, dass kaum ein visueller Traum in
    uns abläuft, der sich nicht an das Material der inneren Erregungs-
    zustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume
    kurz nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die
    Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objective, im erhellten
    Zimmer in’s Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. Der
    wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigenlicht-
    erregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere
    Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen von Ladd
    Bedeutung beimisst, wird man die Ergiebigkeit dieser subjectiven
    Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn
    Gesichtsbilder machen bekanntlich den Hauptbestandtheil unserer
    Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den
    des Gehörs ist geringfügiger und inconstant.
    ad 3. Innerer, organischer Leibesreiz. Wenn wir auf
    dem Wege sind, die Traumquellen nicht ausserhalb, sondern inner-
    halb des Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern,
    dass fast alle unsere inneren Organe, die im Zustande der Gesund-
    heit uns kaum Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von
    Reizung – die wir so heissen – oder in Krankheiten eine Quelle von
    meist peinlichen Empfindungen für uns werden, welche den Erregern
    der von aussen anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleich-
    gestellt werden muss. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B.
    Strümpell66) zu der Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangt

  • S.

    23

    im Schlaf zu einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewusstsein
    von ihrer Leiblichkeit, als im Wachen, und ist genöthigt, gewisse Reiz-
    eindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Theilen
    und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen
    nichts wusste.“ Schon Aristoteles1) erklärt es für sehr wohl möglich,
    dass man im Traum auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam
    gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt (kraft
    der Vergrösserung, die der Traum den Eindrücken angedeihen lässt,
    siehe p. 1), und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich
    ferne lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben
    wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes
    gelten lassen. (Vgl. M. Simon,63) (p. 31), und viele ältere Autoren.)

    Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
    Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So
    z. B. berichtet Tissié68) nach Artigues, Essai sur la valeur séméio-
    logique des rêves die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch
    einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim-
    gesucht wurde und bei der ärztliche Untersuchung dann eine beginnende
    Herzaffection aufwies, welcher sie alsbald erlag.

    Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei
    einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird
    auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken
    hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen
    Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass ich mich hier mit
    der blossen Verweisung auf die Litteratur (Radestock,54) Spitta,64)
    Maury, M. Simon, Tissié6) begnügen kann. Tissié meint sogar, dass
    die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische Gepräge
    aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich sehr kurz
    und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt im Inhalt
    derselben die Situation des Todes unter grässlichen Umständen eine
    Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Gedränge, Flucht
    und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraum unterworfen,
    den übrigens Börner7) durch Lagerung auf’s Gesicht, durch Ver-
    deckung der Respirationsöffnungen experimentell hat hervorrufen
    können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstellungen aus
    dem Kreise des Geniessens und des Ekels. Der Einfluss sexueller
    Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung
    eines jeden Einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre von
    der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.

    Es ist auch, wenn man die Litteratur des Traumes durcharbeitet,
    ganz unverkennbar, dass einzelne der Autoren (Maury,48) Wey-
    gandt75)) durch den Einfluss ihrer eigenen Krankheitszustände auf den
    Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen ge-
    führt worden sind.

    Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest-
    gestellten Thatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen

  • S.

    24

    möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden –
    vielleicht bei Allen, vielleicht allnächtlich – einstellt, und das Organ-
    erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen
    zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere
    Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler
    Menschen die Reizquelle sein mag.

    Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine
    Traumquelle zu stossen, die reichlicher fliesst als jede frühere und
    eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher-
    gestellt ist, dass das Körperinnere im kranken Zustande zur Quelle
    der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, dass die Seele im
    Schlafzustande, von der Aussenwelt abgelenkt, dem Inneren des Leibes
    grössere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen,
    dass die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen,
    die irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele
    gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl
    nur seiner Qualität nach wahrnehmen, und wozu nach der Meinung
    der Aerzte alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde Nachts,
    zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Compo-
    nenten thätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle
    für die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte
    dann noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organ-
    reize in Traumvorstellungen umsetzen.

    Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt,
    welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist.
    Das Dunkel, in welches den Kern unseres Wesens, das „moi splanch-
    nique“ wie Tissié68) es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel
    der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in
    Beziehung zu einander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher
    die vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies
    für den Arzt den anderen Anreiz, dass er Traum und Geistesstörung,
    die soviel Uebereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch
    aetiologisch vereinigen lässt, denn Alterationen des Gemeingefühls
    und Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer
    weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt.
    Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibniztheorie sich
    auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurück-
    führen lässt.

    Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang mass-
    gebend, den den Philosoph Schopenhauer69) im Jahre 1851 ent-
    wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, dass unser
    Intellect die ihn von aussen treffenden Eindrücke in die Formen der
    Zeit, des Raumes und der Causalität umgiesst. Die Reize aus dem
    Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her,
    äussern bei Tag höchstens einen unbewussten Einfluss auf unsere
    Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der

  • S.

    25

    Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern herauf
    dringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – ähnlich
    wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages
    unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellect auf diese
    Reize reagiren, als indem er seine ihm eigenthümliche Function voll-
    zieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten,
    die sich am Leitfaden der Causalität bewegen, umformen, und so
    entsteht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen
    und Traumbildern versuchen dann Scherner58) und nach ihm
    Volkelt72) einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt
    über die Traumtheorien aufsparen.

    In einer besonders consequent durchgeführten Untersuchung hat
    der Psychiater Krauss39) die Entstehung des Traumes wie der Delirien
    und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be-
    dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle
    des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines
    Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte
    Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der
    Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die specifischen, den Haupt-
    systemen des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon
    wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen,
    b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die
    peripherischen.“ (p. 33 des zweiten Artikels.)

    Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib-
    reize nimmt Krauss folgendermassen an: Die geweckte Empfindung
    ruft nach irgend einem Associationsgesetz eine ihr verwandte Vor-
    stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde,
    gegen welches sich aber das Bewusstsein anders verhält als normal.
    Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit,
    sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, was zu-
    gleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt so lange verkannt
    werden konnte. (p. 11 u. f.) Krauss findet für den Vorgang auch
    den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der Empfin-
    dungen in Traumbilder. (p. 24.)

    Der Einfluss der organischen Leibreize auf die Traumbildung
    wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem
    Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals
    mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem
    Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung,
    den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen
    Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner58) auf-
    gefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der miss-
    lichen Thatsache, dass die organische Reizquelle sich eben durch
    nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verräth.

    Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener
    Traumformen gestaltet, die man als „typische“ bezeichnet hat, weil sie

  • S.

    26

    bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es
    sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom
    Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, dass man
    nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von
    der im Schlaf gemachten Wahrnehmung herrühren, dass man die
    Bettdecke abgeworfen hat und nun entblösst daliegt. Der Traum vom
    Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz“ zurückgeführt, womit aber nicht
    ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht.
    Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell66) das von der Seele ge-
    brauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden
    Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das
    Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewusstlosigkeit herabgesunken
    ist. Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform
    des Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus
    der Höhe soll seinen Anlass haben, dass bei eingetretener Bewusst-
    losigkeit des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom Körper
    herabsinkt oder ein eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wo-
    durch das Gefühl des Hautdruckes wieder bewusst wird, der Ueber-
    gang zum Bewusstwerden aber als Traum vom Niederfallen sich
    psychisch verkörpert (Strümpell, p. 118). Die Schwäche dieser
    plausibeln Erklärungsversuche liegt offenbar darin, dass sie ohne
    weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfindungen aus
    der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen
    lassen, bis die für die Erklärung günstige Constellation hergestellt
    ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen
    Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.

    M. Simon63) hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von
    ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluss der Organreize
    auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34):
    Wenn im Schlaf irgend ein Organapparat, der normaler Weise am
    Ausdruck eines Affectes betheiligt ist, durch irgend einen anderen
    Anlass sich in dem Erregungszustande befindet, in den er sonst bei
    jenem Affect versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum
    Vorstellungen enthalten, die dem Affect angepasst sind.

    Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich
    im Schlafe in Thätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird
    der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung
    der organischen Function beziehen, die jener Apparat versieht.

    Mourly Vold73) hat es unternommen, den von der Leibreiztheorie
    supponirten Einfluss auf die Traumerzeugung für ein einzelnes Gebiet
    experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, die Stellungen der
    Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge mit seinen
    Abänderungen verglichen. Er theilt folgende Sätze als Ergebniss mit:
    1. Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr der
    in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand
    des Gliedes, welcher dem realen entspricht.

  • S.

    27

    Typische Träume. – Die psychischen Traumquellen.

    2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist
    diese immer so, dass eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden
    Stellungen der wirklichen entspricht.
    3. Man kann die Stellung des eigenes Gliedes im Traum auch
    einer fremden Person zuschieben.
    4. Man kann auch träumen, dass die betreffende Bewegung
    gehindert ist.
    5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traum als
    Thier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider
    hergestellt wird.
    6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traum Gedanken an
    regen, die zu diesem Glied irgend eine Beziehung haben. So z. B.
    träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
    Ich würde aus solchen Ergebnissen schliessen, dass auch die
    Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
    erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag.
    ad 4. P s y c h i s c h e   R e i z q u e l l e n. Als wir die Beziehungen
    des Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummateriates
    behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der
    neuesten Traumforscher, dass die Menschen von dem träumen, was
    sie bei Tag treiben und was sie im Wachen interessirt. Dieses aus
    dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht
    nur ein psychisches Band, das den Traum an’s Leben knüpft, sondern
    ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben
    dem im Schlaf interessant Gewordenen, – den während des Schlafes ein
    wirkenden Reizen, – ausreichen sollte, die Herkunft der Traumbilder
    aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen obige
    Behauptung gehört, nämlich dass der Traum den Schläfer von den
    Interessen des Tages abzieht, und dass wir – meistens – von den
    Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann
    träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Actualität ver-
    loren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei
    jedem Schritt den Eindruck, dass es unstatthaft ist, allgemeine Regeln
    aufzustellen, ohne durch ein „oft“, „in der Regel“, „meistens“ Ein-
    schränkungen vorzusehen und auf die Giltigkeit der Ausnahmen vor-
    zubereiten.
    Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äusseren Schlaf-
    reizen zur Deckung der Traumaetiologie ausreichte, so müssten wir
    im Stande sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- friedigende Rechenschaft zu geben; das Räthsel der Traumquellen
    wäre gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe, den Antheil der
    psychischen und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen
    abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines
    Traumes noch in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht
    hat, sind – meist sehr reichlich – Traumbestandtheile übrig geblieben,
    über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tages-

  • S.

    28

    interesse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als
    man nach den zuversichtlichen Behauptungen, dass jeder im Traum
    sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.

    Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen
    also alle in der Litteratur vertretenen Traumerklärungen – mit Aus-
    nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner58) – eine grosse
    Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum am
    meisten charakteristischen Materiales an Vorstellungsbildern handelt. In
    dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung ent-
    wickelt, dem psychischen Antheil an der Traumerregung, dem so
    schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden
    zwar als Haupteintheilung den Nervenreiz-
    und den Associa-
    tionstraum, welch letzteren ausschliesslich in der Reproduction
    seine Quelle findet (Wundt76) p. 365), aber sie können den Zweifel
    nicht los werden, „ob sie sich ohne anstossgebenden Leibreiz einstellen“
    (Volkelt72) p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Associa-
    tionstraumes versagt: „In den eigentlichen Associationsträumen kann von
    einem solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier dringt
    die lose Gruppirung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das
    ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben
    ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib-
    und Seelenerregungen
    nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten
    Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln
    überlassen“ (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen
    Antheils an der Traumerregung versucht dann Wundt, indem er aus-
    führt, dass man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine
    Hallucinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvor-
    stellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinnes-
    eindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“ (p. 359 u. f.)
    Weygandt75) hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verall-
    gemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, dass „ihre
    nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schliessen sich reproduc-
    tive Associationen“ (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psy-
    chischen Reizquellen geht Tissié68) (p. 183): Les rêves d’origine
    absolument psychique n’existent pas, und anderswo (p. 6): les pensées
    de nos rêves nous viennent du dehors. . . .

    Diejenigen Autoren, welche wie der einflussreiche Philosoph
    Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken,
    dass in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten
    oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes
    zusammenwirken.

    Wir werden später erfahren, dass das Räthsel der Traumbildung
    durch die Aufdeckung einer unvermutheten psychischen Reizquelle
    gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Ueberschätzung
    der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung
    nicht verwundern. Nicht nur dass diese allein leicht aufzufinden und

  • S.

    29

    selbst durch’s Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die
    somatische Auffassung der Traumstehung, durchwegs der heute in
    der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirnes
    über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber alles,
    was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren orga-
    nischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Aeusserungen
    erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen An-
    erkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen
    Seelenwesens wiederbringen müsste. Das Misstrauen des Psychiaters
    hat die Psyche gleichsam unter Curatel gesetzt und fordert nun, dass
    keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrathe. Doch zeigt
    dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen Zutrauen
    in die Haltbarkeit der Causalverkettung, die sich zwischen Leiblichem
    und Seelischen erstreckt. Selbst wo das Psychische sich bei der Er-
    forschung als der primäre Anlass eines Phänomens erkennen lässt,
    wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur
    organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo
    aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die End-
    station bedeuten müsste, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden.
    d) Warum man den Traum nach dem Erwachen
    vergisst?

    Dass der Traum am Morgen „zerrinnt“, ist sprichwörtlich.
    Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum
    ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir
    glauben sehr oft, dass wir ihn nur unvollständig erinnern, während
    in der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie
    eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages
    bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, dass wir ge-
    träumt haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an
    die Erfahrung, dass der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so
    gewöhnt, dass wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, dass
    auch der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder
    vom Inhalt noch von der Thatsache des Träumens etwas weiss.
    Andererseits kommt es vor, dass Träume eine ausserordentliche Halt-
    barkeit im Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten
    Träume analysirt, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet
    hatten, und kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch
    mindestens 37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an
    seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüsst hat. Dies alles ist sehr
    merkwürdig und zunächst nicht verständlich.

    Ueber das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
    Strümpell.6) Dies Vergessen ist offenbar ein complexes Phänomen,
    denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf
    eine ganze Reihe von Gründen zurück.

    Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe
    wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen

  • S.

    30

    als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen
    alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie
    geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe
    ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen
    weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe
    erinnert werden. Uebrigens ist das Moment der Intensität für sich allein
    sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder; Strüm-
    pell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins)12) zu, dass man häufig
    Traumbilder rasch vergisst, von denen man weiss, dass sie sehr leb-
    haft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr
    viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt
    man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet
    hat, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte.
    Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse;*) diese
    Eigenthümlichkeit wird gleichmässig zum Vergessen aller Träume
    beitragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens.
    Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken u. s. w. eine gewisse
    Erinnerungsgrösse erlangen, ist es nothwendig, dass sie nicht vereinzelt
    bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender
    Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und
    schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken.
    „Wohlgeordnet und in sachgemässer Folge hilft ein Wort dem andern
    und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest.
    Widersinniges behalten wir im Allgemeinen ebenso schwer und ebenso
    selten wie das Verworrene und Ordnungslose.“ Nun fehlt den Träumen
    in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traum-
    compositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Ge-
    dächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den
    nächsten Zeitmomenten aneinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen
    stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock54) (p. 168) bemerkt
    haben will, dass wir gerade die sonderbarsten Träume am besten
    behalten.

    Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
    Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum
    und Wachleben ableiten. Die Vergesslichkeit der Träume für
    das wache Bewusstsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück
    zu der früher erwähnten Thatsache, dass der Traum (fast) nie ge-
    ordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten
    aus demselben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen
    Verbindungen reisst, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die
    Traumcomposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psy-
    chischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle
    Erinnerungshilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde


    *) Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden, vgl.
    die Sammlung von Chabaneix.11)

  • S.

    31

    gleichsam von dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im
    psychischen Raum wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte
    Athem rasch verweht“ (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der
    Umstand, dass mit dem Erwachen sofort die herandrä-
    ngende Sinneswelt die Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so dass vor dieser
    Macht die wenigsten Traumbilder Stand halten können. Diese weichen
    vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne
    vor dem Licht der Sonne.

    An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume
    der Thatsache zu gedenken, dass die meisten Menschen ihren Träumen
    überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als
    Forscher eine Zeit lang für den Traum interessirt, träumt während dess
    auch mehr als sonst, das heisst wohl: er erinnert seine Träume
    leichter und häufiger.

    Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli
    (bei Benini3)) zu den Strümpell’schen hinzugefügt, sind wohl bereits
    in diesen enthalten, nämlich 1. dass die Veränderung des Gemein-
    gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro-
    duction ungünstig ist, und 2. dass die andere Anordnung des Vor-
    stellungsmateriales im Traume diesen so zu sagen unübersetzbar für’s
    Wachbewusstsein macht.

    Nach all diesen Gründen für’s Vergessen wird es, wie Strüm-
    pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, dass soviel von den
    Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten
    Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu
    fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, dass auch hier etwas
    räthselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne
    Eigenthümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings be-
    sonders bemerkt worden, z. B. dass man einen Traum, den man
    am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlass einer
    Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen
    Inhalt des Traumes anrührt (Radestock64) Tissié68)). Die ge-
    sammte Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die
    geeignet ist, ihren Werth in kritischen Augen recht ausgiebig herab-
    zusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom
    Traum weglässt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht.

    Solche Zweifel an der Exactheit der Reproduction des Traumes
    spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, dass
    das wache Bewusstsein unwillkürlich Manches in die Erinnerung des
    Traumes einfügt: man bildet sich ein Allerlei geträumt zu haben,
    was der gewesene Traum nicht enthielt.“

    Besonders entschie-
    den äussert Jessen36) (p. 547):
    „Ausserdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu-
    sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis
    her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, dass es
    dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen

  • S.

    32

    gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be-
    merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und
    ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender
    Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung
    erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum
    möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und
    ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch-
    lichen Geistes, Alles im Zusammenhange zu erblicken ist so gross,
    dass er bei der Erinnerung eines einigermassen unzusammenhängenden
    Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.“
    Fast wie eine Uebersetzung dieser Worte Jessen’s klingen die
    doch gewiss selbständig concipirten Bemerkungen von V. Egger:20)

    „. . . L’observation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul
    moyen d’éviter toute erreur en pareille matière est de confier au
    papier sans le moindre retard ce que l’on vient d’éprouver et de
    remarquer; sinon, l’oubli vieut vite ou total ou partiel; l’oubli total
    est sans gravité; mais l’oubli partiel est perfide; car si l’on se met
    ensuite à raconter ce que l’on n’a pas oublié, on est exposé à
    compléter par imagination les fragments incohérents et disjoints
    fourni par la mémoire . . . ; on devient artiste à son insu, et
    le récit periodiquement répété s’impose à la créance de son auteur
    qui, de bonne foi, le présente comme un fait authentique, dûment
    établi selon les bonnes méthodes . . .“

    Ganz ähnlich Spitta64) (p. 338), der anzunehmen scheint, dass
    wir überhaupt erst bei dem Versuch, den Traum zu reproduciren,
    die Ordnung in die lose mit einander associirten Traumelemente
    einführen – „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander,
    Auseinander machen, also den Process der logischen Verbindung,
    der im Traum fehlt, hinzufügen“.

    Da wir nun eine andere als eine objective Controle für die
    Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traum,
    der unser eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung
    als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Werth bleibt da unserer
    Erinnerung an den Traum noch übrig?

    e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes.

    Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes
    von der Annahme aus, dass der Traum ein Ergebnis unserer eigenen
    Seelenthätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas
    Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt,
    dass wir ebenso gerne sagen: „Mir hat geträumt“ wie: „Ich habe
    geträumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“ des Traumes? Nach
    unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie
    sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt;
    dies ist ja zum grössten Theile dem Traumleben wie dem Wachleben
    gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der
    psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck

  • S.

    33

    hervorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des
    Traumes versuchen.

    Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum und Wach-
    leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet als
    G. Th. Fechner25) in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psycho-
    physik (p. 520, II. Th.). Er meint, „weder die einfache Herab-
    drückung des bewussten Seelenlebens unter die Hauptschwelle“, noch
    die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Aussen-
    welt genüge, um die Eigenthümlichkeiten des Traumlebens dem wachen
    Leben gegenüber aufzuklären. Er vermuthet vielmehr, dass auch
    der Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des
    wachen Vorstellungslebens. „Sollte der Schauplatz der psycho-
    physischen Thätigkeit während des Schlafens und des Wachens der
    selbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens blos eine, auf
    einem niederen Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des
    wachen Vorstellungslebens sein, und müsste übrigens dessen Stoff und
    dessen Form theilen. Aber es verhält sich ganz anders.“

    Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der Seelen-
    thätigkeit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein Anderer,
    soviel ich weiss, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener
    Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der physio-
    logischen Gehirnlocalisation oder selbst mit Bezug auf die histo-
    logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschliessen
    haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinn-
    reich und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat
    bezieht, der aus mehreren hinter einander eingeschalteten Instanzen
    aufgebaut ist.

    Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die
    anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traum-
    lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt weiter reichen-
    der Erklärungsversuche zu machen.

    Es ist mit Recht bemerkt worden, dass eine der Haupteigen-
    thümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustande des Einschlafens
    auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist.
    Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier-
    macher61) (p. 351), dass die Denkthätigkeit in Begriffen und
    nicht in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum haupt-
    sächlich in Bildern, und man kann beobachten, dass mit der An-
    näherung an den Schlaf in demselben Masse, in dem die gewollten
    Thätigkeiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen
    hervortreten, die alle in die Classe der Bilder gehören. Die
    Unfähigkeit zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich
    gewollte empfinden, und das mit dieser Zerstreuung regelmässig
    verknüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die
    dem Traum verbleiben, und die wir bei der psychologischen Analyse
    desselben als wesentliche Charaktere des Traumlebens anerkennen.

    Freud, Traumdeutung.

  • S.

    34

    I. Litteratur der Traumprobleme.

    müssen. Von den Bildern – den hypnagogischen Hallucinationen
    – haben wir erfahren, dass sie selbst dem Inhalt nach mit den
    Traumbildern identisch sind.

    Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber
    doch nicht ausschliesslich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und
    in geringerem Ausmasse mit den Eindrücken der anderen Sinne.
    Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgestellt (wahr-
    scheinlich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst
    im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur
    jene Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr-
    nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit
    Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Dis-
    cussionen über das Wesen der Hallucination können wir mit allen
    sachkundigen Autoren aussagen, dass der Traum halluciniert, dass er
    Gedanken durch Hallucinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht
    kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen;
    es ist bemerkt worden, dass die Erinnerung an eine Tonfolge, mit
    der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Hallu-
    cination derselben Melodie verwandelt, um beim Zuzukommen, das
    mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren
    und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen.

    Die Verwandlung der Vorstellung in Hallucination ist nicht die
    einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen-
    den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine
    Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine
    Idee, wie Spitta64) (p. 145) sich ausdrückt. Die Charakteristik
    dieser Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn
    man hinzunimmt, dass man beim Träumen – in der Regel;
    die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklärung – nicht
    zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Hallucinationen also
    mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt,
    sondern nur in eigentümlicher Form gedacht – geträumt – regt
    sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den echten
    Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals mit der Realität
    verwechselt wird.

    Burdach8) hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum-
    lebens in folgenden Sätzen zusammengefasst (p. 476): „Zu den wesent-
    lichen Merkmalen des Traumes gehört: a) dass die subjective Thätig-
    keit unserer Seele als objectiv erscheint, indem das Wahrnehmungs-
    vermögen die Producte der Phantasie so auffasst, als ob es sinnliche
    Rührungen wären; . . . b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen-
    mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen . . .
    Die Schlummerbilder werden durch den Nachlass der Eigenmächtig-
    keit bedingt.“

    Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der
    Seele gegen die Traumhallucinationen, die erst nach Einstellung einer

  • S.

    35

    gewissen eigenmächtigen Thätigkeit auftreten können, zu erklären.
    Strümpell66) führt aus, dass die Seele sich dabei correct und ihrem
    Mechanismus gemäss benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs
    blosse Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb-
    nisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne
    auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern und
    in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im
    Traum in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Ueberdies kommt
    im Traum ein Raumbewusstsein hinzu, indem, wie im Wachen,
    Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden
    (p. 36). Man muss also zugestehen, dass sich die Seele im Traume
    ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage
    befindet wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre
    geht, so rührt dies daher, dass ihr im Schlafzustand das Kriterium
    fehlt, welches allein zwischen von aussen und von innen gegebenen
    Sinneswahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder
    nicht den Proben unterziehen, welche allein deren objective Realität
    erweisen. Sie vernachlässigt ausserdem den Unterschied zwischen
    willkürlich vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese will-
    kür wegfällt. Sie irrt, weil sie das Gesetz der Causalität nicht auf
    den Inhalt ihres Traumes anwenden kann (p. 58). Kurz, ihre ab-
    kehrung von der Aussenwelt enthält auch den Grund für ihren
    Glauben an die subjective Traumwelt.

    Zum selben Schluss gelangt nach theilweise abweichenden psycho-
    logischen Entwicklungen delboeuf16). Wir schenken den Traum-
    bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein-
    drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Aussenwelt abgelöst
    sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer
    Hallucinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist,
    Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor-
    spiegeln, uns etwa zeigen, dass wir die gesehene Rose berühren, und
    wir träumen dabei doch. Es gibt nach delboeuf kein stichhältiges
    Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit,
    ausser – und dies nur in praktischer Allgemeinheit – der That-
    sache des Erwachens. Ich erkläre alles für täuschung, was zwischen
    Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das
    Erwachen merke, dass ich ausgekleidet in meinem Bette liege
    (p. 84). Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr
    gehalten infolge der nicht einzuschläfernden denkgewohnheit,
    eine Aussenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe.*)


    *)Einen ähnlichen Versuch wie delboeuf, die Traumthätigkeit zu erklären
    durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst
    correcten Function des intacten seelischen Apparates zur Folge haben muss, hat
    Haffner32) unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben.
    Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i.
    die Emancipation der Vorstellung von der dem Individium zukommenden Stelle in

  • S.

    36

    Wird so die Abwendung von der Aussenwelt zu dem bestimmen-
    den Momente für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des
    Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be-
    merkungen des alten Burdach8) anzuführen, welche auf die Be-
    ziehung der schlafenden Seele zur Aussenwelt Licht werfen und dazu
    angethan sind, vor einer Ueberschätzung der vorstehenden Ableitungen
    zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung“,
    sagt Burdach, „dass die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt
    wird… aber es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Be-
    dingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür;
    mancher sinnliche Eindruck ist selbst nothwendig, insofern er zur
    Beruhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft,
    wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus
    Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nöthig hält, im Dunkeln
    nicht einschlafen kann (p. 457).

    „Die Seele isolirt sich im Schlafe gegen die Aussenwelt und
    zieht sich von der Peripherie… zurück… Indes ist der Zusammen-
    hang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst,
    sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte man
    überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fortdauer
    der Sensation dadurch bewiesen, dass man nicht immer durch die
    bloss sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische
    Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgiltiges Wort weckt
    den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht er,
    die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sensationen…
    Daher kann man denn auch durch den Mangel eines Sinnesreizes,


    der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grund-
    charakter des Traumes, die Verwechslung der Hallucinationen, Imaginationen und
    Phantasie-Combinationen mit äusseren Wahrnehmungen. „Da die Gesammtheit der
    höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffs bildung, Urtheil und Schlussfolgerung
    einerseits und die freie Selbstbestimmung andererseits an die sinnlichen Phantasie-
    bilder sich anschliessen und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch
    diese Thätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvorstellungen Theil. Sie nehmen
    Theil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere Urtheilskraft, wie unsere Willens-
    kraft, im Schlafe in keiner Weise alterirt. Wir sind der Thätigkeit nach eben-
    scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im
    Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich verstossen, d. h. nicht das ihm als
    entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen u. s. w. Er kann auch im Traume
    nur das begehren, was er als ein Gutes sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in
    dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und Wollens wird der menschliche Geist
    im Traume irregeführt durch die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen.
    So kommt es, dass wir im Traum die grössten Widersprüche setzen und begehen,
    während wir andererseits die scharfsinnigsten Urtheilsbildungen und die consequen-
    testen Schlussfolgerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschliessungen
    fassen können. Mangel an Orientirung ist das ganze Geheimnis des Fluges,
    mit welchem unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kri-
    tischer Reflexion, sowie an Verständigung mit Anderen, ist die Hauptquelle der
    masslosen Extravaganzen unserer Urtheile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im
    Traum“ (p. 18).

  • S.

    37

    wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache bezieht,
    geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes
    und der Müller vom Stillstande seiner Mühle, also vom Aufhören
    der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, dass diese percipiert worden
    ist, aber als gleichgültig, oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht
    aufgestört hat“ (p. 460 u. ff.).

    Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein-
    wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, dass
    die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Aussenwelt
    abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des
    selben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müsste
    es möglich sein, die Hallucinationen des Traumes in Vorstellungen, die
    mit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir
    nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der
    Erinnerung reproduciren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz
    oder nur theilweise gelingt, der Traum behält seine Räthselhaftigkeit
    unverringert bei.

    Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, dass im Traum
    noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vorstellungs-
    materiale des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht
    Strümpell66) in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17):

    „Die
    Seele verliert mit dem Aufhören der sinnlich thätigen Anschauung
    und des normalen Lebensbewusstseins auch den Grund, in welchem
    ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln.
    Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Werth-
    schätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften,
    unterliegen ... einem verdunkelnden Drucke, infolge dessen sich ihre
    Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von
    Dingen, Personen, Localitäten, Begebenheiten und Handlungen des
    wachen Lebens werden einzeln sehr zahlreich reproducirt, aber
    keines derselben bringt seinen psychischen Werth mit. Dieser
    ist von ihnen abgelöst und sie schwanken desshalb in der Seele nach
    eigenen Mitteln umher. „

    Diese Entblössung der Bilder von ihrem psychischen Werth, die
    selbst wiederum auf die Abwendung von der Aussenwelt zurückge-
    führt wird, soll nach Strümpell einen Hauptantheil an dem Ein-
    druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer
    Erinnerung dem Leben gegenüberstellt.

    Wir haben gehört, dass schon das Einschlafen den Verzicht auf
    eine der seelischen Thätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung
    des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies
    nahe liegende Vermuthung aufgedrängt, dass der Schlafzustand sich
    auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder
    andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die
    übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um-

  • S.

    38

    ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der
    Gesichtspunkt taucht auf, dass man die Eigenthümlichkeiten des
    Traumes erklären könne durch die psychische Minderleistung im
    Schlafzustande, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem
    wachen Urtheil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum
    ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoss die ärgsten Widers-
    sprüche, lässt Unmöglichkeiten zu, lässt unser bei Tag einflussreiche
    Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig.
    Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in
    seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten;
    wer im Wachen so spräche oder solche Dinge mittheilen wollte, wie
    sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines
    Verworrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir
    nur dem Thatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Thätig-
    keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die
    höheren intellectuellen Leistungen als im Traum aufgehoben oder
    wenigstens schwer geschädigt erklären.

    Mit ungewöhnlicher Einmüthigkeit – von den Ausnahmen
    wird an anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche
    Urtheile über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer be-
    stimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist
    an der Zeit, dass ich mein eben ausgesprochenes Resumé durch eine
    Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren – Philosophen
    und Aerzte – über die psychologischen Charaktere des Traumes
    ersetze:

    Nach Lemoine42) ist die Incohärenz der Traumbilder der
    einzig wesentliche Charakter des Traumes.

    Maury48) pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): il n’y a pas des rêves
    absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque incohérence,
    quelque anachronisme, quelque absurdité.

    Nach Hegel bei Spitta61) fehlt dem Traum aller objective
    verständige Zusammenhang.

    Dugas19) sagt: Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et
    mentale, c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exerçant
    sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate
    spirituel.

    „Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im
    Wachen durch die logische Gewalt des centralen Ich zusammen-
    gehaltenen Vorstellungslebens“ räumt selbst Volkelt72) ein (p. 14), nach
    dessen Lehre die psychische Thätigkeit während des Schlafes keines-
    wegs zwecklos erscheint.

    Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs-
    verbindungen kann man kaum schärfer verurtheilen, als es schon
    Cicero (De divin. II) that: Nihil tam praepostere, tam incondite,
    tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.

  • S.

    39

    Fechner52) sagt (p. 522): Es ist als ob die psychologische
    Thätigkeit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das Narren
    übersiedelte.

    Radestock54) (p. 145): „In der That scheint es unmöglich, in
    diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen
    Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens
    und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem
    Spiel alles kaleidoskopartig durcheinander.“

    Hildebrandt55) (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt
    sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher
    Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu
    auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in
    den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm,
    wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Ueberspannung des
    Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multipliciren gelegentlich
    ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar
    nicht, dass ein Hund uns einen Vers hersagt, dass ein Todter auf
    eigenen Füssen nach seinem Grabe geht, dass ein Felsstück auf dem
    Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach
    dem Herzogthum Bernburg oder dem Fürstenthum Liechtenstein, um
    die Kriegsmarine des Landes zu beobachten, oder lassen uns von
    Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige
    anwerben.“

    Binz4) (p. 33) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken
    sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind mindestens
    neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge
    zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zu einander
    haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop,
    ist die Gruppirung eine andere geworden, wo möglich noch un-
    sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das
    wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis
    wir erwachen, mit der Hand nach der Stirne greifen und uns fragen,
    ob wir in der That noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens
    und Denkens besitzen.“

    Maury48) (p. 50) findet für das Verhältniss der Traumbilder zu
    den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen
    Vergleich: „La production de ces images que chez l’homme éveillé
    fait le plus souvent naître la volonté, correspond, pour l’intelligence,
    à ce que sont pour la motilité certains mouvements que nous offrent
    la chorée et les affections paralytiques.“
    ... Im Uebrigen ist ihm
    der Traum „toute une série de dégradations de la faculté pensante et
    raisonnante“ (p. 27).

    Es ist kaum nöthig, die Aeusserungen der Autoren anzuführen,
    welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen-
    leistungen wiederholen.

  • S.

    40

    Nach Strümpell166) treten im Traum – selbstverständlich auch
    dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist – sämmtliche logische, auf
    Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele
    zurück (p. 26). Nach Spitta64) (p. 148) scheinen im Traum die Vor-
    stellungen dem Causalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock54)
    u. A. betonen die dem Traum eigene Schwäche des Urtheils und des
    Schlusses. Nach Jodl137) (p. 123) gibt es im Traum keine Kritik,
    keine Correctur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des
    Gesammtbewusstseins. Derselbe Autor äussert: „Alle Arten der
    Bewusstseinsthätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig,
    gehemmt, gegen einander isolirt.“ Die Widersprüche, in welche sich
    der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker77, 78)
    (mit vielen Anderen) daraus, dass Thatsachen im Traum vergessen
    oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen
    sind (p. 98) u. s. w. u. s. w.

    Von den Autoren, die im Allgemeinen so ungünstig über die
    psychischen Leistungen im Traume urtheilen, wird indes zugegeben,
    dass ein gewisser Rest von seelischer Thätigkeit dem Traume ver-
    bleibt. Wundt76), dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der
    Traumprobleme massgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich
    zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume
    sich äussernden Restes von normaler Seelenthätigkeit fragen. Es wird
    nun ziemlich allgemein zugegeben, dass die Reproductionsfähigkeit,
    das Gedächtnis im Traum am wenigsten gelitten zu haben scheint,
    ja eine gewisse Ueberlegenheit gegen die gleiche Function des
    Wachens (vgl. oben p. 6) aufweisen kann, obwohl ein Theil der Absurdi-
    täten des Traumes durch die Vergesslichkeit eben dieses Traumlebens
    erklärt werden soll. Nach Spitta64) ist es das Gemüthsleben der
    Seele, was vom Schlaf nicht befallen wird und dann den Traum
    dirigirt. Als „Gemüth“ bezeichnet er „die constante Zusammenfassung
    der Gefühle als des innersten subjectiven Wesens des Menschen“
    (p. 84).

    Scholz59) (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äussernden
    Seelenthätigkeiten in der „allegorisirenden Umdeutung“
    welcher das Traummateríal unterzogen wird. Siebeck62) constatirt
    auch im Traum die „ergänzende Deutungsthätigkeit“ der
    Seele (p. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen
    geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum
    mit der Beurtheilung der angeblich höchsten psychischen Function
    der des Bewusstseins. Da wir vom Traum nur durch’s Bewusstsein
    etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch
    meint Spitta, es sei im Traum nur das Bewusstsein erhalten, nicht
    auch das Selbstbewusstsein. Delboeuf16) gesteht ein, dass er diese
    Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.

    Die Associationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver-
    knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herrschaft kommt

  • S.

    41

    im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell66) (p. 70):
    „Der Traum verläuft entweder ausschliesslich, wie es scheint, nach
    den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit
    solchen Vorstellungen, das heisst, ohne dass Reflexion und Verstand,
    ästhetischer Geschmack und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen.“
    Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproducire, stellen sich die
    Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im
    Schlaf einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen, an anderer
    Stelle angeführten, Quellen wecken in der Seele zunächst eine Anzahl
    von Vorstellungen, die sich, als Hallucinationen (nach Wundt
    richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äusseren und inneren
    Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach den
    bekannten Associationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben
    Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze
    Material wird dann vom noch thätigen Rest der ordnenden und
    denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet
    (vgl. etwa Wundt76) und Weygandt75)). Es ist bloss noch nicht
    gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, dass
    die Erweckung der nicht von aussen stammenden Bilder nach diesem
    oder nach jenem Associationsgesetz vor sich gehe.
    Es ist aber wiederholt bemerkt worden, dass die Associationen,
    welche die Traumvorstellungen unter einander verbinden, von ganz
    besonderer Art und verschieden von dem im wachen Denken thätigen
    sind. So sagt Volkelt72) (p. 15): „Im Traume jagen und haschen
    sich die Vorstellungen nach zufälligen Aehnlichkeiten und kaum
    wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen
    nachlässigen, zwanglosen Associationen durchzogen.“ Maury48) legt
    auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das
    Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu
    bringen, den grössten Werth. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere
    des „délire“: 1) une action spontanée et commune automatique de
    l’esprit; 2) une association vicieuse et irrégulière des idées (p. 126).
    Von Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her,
    in denen der blosse Gleichklang der Worte die Verknüpfung der
    Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, dass er eine
    Pilgerfahrt (pèlerinage) nach Jerusalem oder Mecca unternehme,
    dann befand er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker
    Pelletier, dieser gab ihm nach einem Gespräch eine Schaufel
    (pelle) von Zink, und diese wurde in einem darauffolgenden Traum-
    stück sein grosses Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal gieng er
    im Traum auf der Landstrasse und las auf den Meilensteinen die
    Kilometer ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der
    eine grosse Wagschale hatte und ein Mann legte Kilogewichte auf die
    Wagschale, um Maury abzuwägen; dann sagte ihm der Gewürz-
    krämer: „Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“
    Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lo-

  • S.

    42

    belia sah, dann der General Lopez, von dessen Tod er kurz
    vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie Lotto
    spielend.

    Wir sind aber wohl gefasst darauf, dass diese Geringschätzung
    der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch
    von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier
    schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab-
    setzer des Traumlebens versichert (Spitta64) p. 118), dass dieselben
    psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum
    regiren, oder wenn ein anderer (Dugas19)) ausspricht: Le rêve n’est
    pas déraison ni même irraison pure, solange beide sich nicht die
    Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen
    psychischen Anarchie und Auflösung aller Functionen im Traum in
    Einklang zu bringen. Aber Anderen scheint die Möglichkeit gedämmert
    zu haben, dass der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne
    Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf
    dessen Wahnsinn sich das hier citirte, einsichtsvolle Urtheil bezieht.
    Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu
    urtheilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein
    anderer.

    So würdigt Havelock Ellis23) den Traum, ohne bei seiner
    scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaïc world
    of vast emotions and imperfect thoughts“, deren Studium uns pri-
    mitive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren
    könnte. Ein Denker wie Delboeuf19) behauptet – freilich ohne den
    Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum
    eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la perception, toutes
    les facultés de l’esprit, intelligence, imagination, mémoire, volonté,
    moralité, restent intactes dans leur essence; seulement, elles s’appli-
    quent à des objets imaginaires et mobiles. Le songeur est un acteur
    qui joue à volonté les fous et les sages, les bourreaux et les victimes,
    les nains et les géants, les démons et les anges“ (p. 222). Am
    energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung im
    Traum der Marquis d’Hervey bestritten zu haben, gegen den
    Maury48) lebhaft polemisirt, und dessen Schrift ich mir trotz aller
    Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury sagt über ihn (p. 19):
    „M. le Marquis d’Hervey prête à l’intelligence, durant le som-
    meil, toute sa liberté d’action et d’attention et il ne semble faire con-
    sister le sommeil que dans l’occlusion des sens, dans leur fermeture
    au Monde extérieur; en sorte que l’homme qui dort ne se distingue
    guère, selon sa manière de voir, de l’homme qui laisse vaguer
    sa pensée en se bouchant les sens; toute la différence qui sépare
    alors la pensée ordinaire du celle du dormeur c’est que, chez celui-ci,
    l’idée prend une forme visible, objective et ressemble, à s’y méprendre,
    à la sensation déterminée par les objets extérieurs; le souvenir revêt
    l’apparence du fait présent.“

  • S.

    43

    Maury fügt aber hinzu: „qu’il y a une différence de plus et
    capitale à savoir que les facultés intellectuelles de l’homme endormi
    n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme l’éveillé.“
    Die Scala der Würdigung des Traumes als psychisches Product
    hat in der Litteratur einen grossen Umfang; sie reicht von der tiefsten
    Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch
    die Ahnung eines noch nicht enthüllten Werthes bis zur Ueber-
    schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens
    stellt. Hildebrandt35) der, wie wir wissen, in drei Antinomien die
    psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, fasst im
    dritten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19):

    „Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur
    Virtuosität sich erhebenden Potenzirung, und andererseits einer
    entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden
    Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens.“

    „Was das Erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung
    bestätigen, dass in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bis-
    weilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemüthes, eine Zartheit der
    Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Be-
    obachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir
    solches Alles als constantes Eigenthum während des wachen Lebens
    zu besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum
    hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unver-
    gleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in
    einem eigenthümlich idealisirenden Lichte, und potenzirt den Effect
    ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum
    Grunde liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahr-
    haft himmlischem Glanze, das Erhabene in höchster Majestät, das
    erfahrungsgemäss Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer-
    liche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen; und bisweilen
    sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so
    voll, dass es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche
    Welt uns noch nie und niemals geboten.“

    Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Object, dem
    jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung
    gilt? Haben die Einen die blödsinnigen Träume, die Anderen die
    tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt,
    Träume, die solche und die jene Beurtheilung verdienen, scheint es
    da nicht müssig, nach einer psychologischen Charakteristik des
    Traumes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei Alles
    möglich von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im
    Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung
    wäre, sie hat dies eine gegen sich, dass den Bestrebungen aller Traum-
    forscher die Voraussetzung zu Grunde zu liegen scheint, es gäbe eine
    solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige, Charakteristik
    des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müsste.

    35)Hildebrandt, Der Traum und seine Verwerthung für das Leben. Leipzig 1875. S. 19.

  • S.

    44

    I. Litteratur der Traumprobleme.

    Es ist unstreitig, dass die psychischen Leistungen des Traumes
    bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener,
    jetzt hinter uns liegenden, intellectuellen Periode, da die Philosophie
    und nicht die exacten Naturwissenschaften die Geister beherrschte.
    Aussprüche, wie die von Schubert, dass der Traum eine Befreiung
    des Geistes von der Gewalt der äusseren Natur sei, eine Loslösung der
    Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urtheile von dem
    jüngeren Fichte*) u. A., welche sämmtlich den Traum als einen Auf-
    schwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, erscheinen
    uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur
    bei Mystikern und Frömmlern wiederholt. Mit dem Eindringen
    naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaction in der Würdigung
    des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind
    am ehesten geneigt, die psychische Thätigkeit im Traume für gering-
    fügig und werthlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht
    zünftige Beobachter – Amateurpsychologen, – deren Beiträge ge-
    rade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren
    Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychi-
    schen Werth der Träume festgehalten haben. Wer zur Gering-
    schätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt
    begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen;
    für den, welcher der träumenden Seele den grösseren Theil ihrer
    Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv,
    ihr nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen.
    Unter den Ueberleistungen, welche man auch bei nüchterner
    Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben,
    ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be-
    weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein
    anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum-
    lebens, dass es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hin-
    wegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu er-
    kennen. Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt35) bemerkt, eben ein
    illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum
    nicht anders hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur
    eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf
    die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem
    Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume, wie der oben p. 17
    mitgetheilte Maury’s48) von seiner Hinrichtung durch die Guillotine
    scheinen zu beweisen, dass der Traum in eine sehr kurze Spanne
    Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere
    psychische Thätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann.
    Diese Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten
    worden; seit den Aufsätzen von Le Lorrain45) und Egger20) „über
    die scheinbare Dauer der Träume“ hat sich hierüber eine interessante

    *)Vgl. Haffner32) und Spitta64).

  • S.

    45

    Discussion angesponnen, welche in dieser heikeln und tiefreichenden
    Frage wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat.

    Dass der Traum die intellectuellen Arbeiten des Tages aufzu-
    nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluss zu bringen
    vermag, dass er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Com-
    ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach
    vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix1) angestellten
    Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Thatsache,
    so unterliegt doch deren Auffassung vielen, an’s Principielle streifenden
    Zweifeln.

    Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes
    ein Streitobject, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit
    hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver-
    meidet es – und wohl mit Recht – alles Thatsächliche an diesem
    Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit
    einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht.

    f) Die ethischen Gefühle im Traume.

    Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
    Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe
    ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Theilproblem
    abgesondert, ob und in wie weit die moralischen Dispositionen und
    Empfindungen des Wachens sich in’s Traumleben erstrecken. Der
    nämlichste Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für
    alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mussten,
    macht uns auch hier betroffen. Die Einen versichern mit ebensolcher
    Entschiedenheit, dass der Traum von den sittlichen Anforderungen
    nichts weiss, wie die Andern, dass die moralische Natur des Menschen
    auch für’s Traumleben erhalten bleibt.

    Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
    Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben.
    Jessen36) sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht
    im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu
    schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten
    Verbrechen, Diebstahl, Mord und Todtschlag mit völliger Gleich-
    giltigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben kann.“

    Radestock54) (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, dass die
    Associationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich ver-
    binden, ohne dass Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack
    und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen; das Urtheil ist höchst
    schwach und es herrscht ethische Gleichgiltigkeit vor.“

    Volkelt72) (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder
    weiss, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der
    Träumende selbst aufs Aeusserste schamlos und jedes sittlichen Gefühls
    und Urtheils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst
    die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen

  • S.

    46

    auch nur in Gedanken mit ihnen zusammenbringen sich scheuen
    würde.“

    Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Aeusserungen wie die
    von Schopenhauer, dass Jeder im Traum in vollster Gemässheit
    seines Charakters handelt und redet. R. Ph. Fischer*) behauptet,
    dass die subjectiven Gefühle und Bestrebungen, oder Affecte und
    Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, dass
    die moralischen Eigenthümlichkeiten der Personen in ihren Träumen
    sich spiegeln.

    Haffner32) (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet,
    wird ein tugendhafter Mensch auch im Traum tugendhaft sein; er wird
    den Versuchungen widerstehen, dem Hass, dem Neid, dem Zorn und
    allen Lastern sich verschliessen; der Mann der Sünde aber wird
    auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im
    Wachen vor sich hatte.“

    Scholz33) (p. 36): „Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Maskirung
    in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes Selbst
    wieder. . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein ent-
    ehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so
    entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natur Fremdes. Der
    römische Kaiser, der einen seiner Unterthanen hinrichten liess, weil
    diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen
    lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn er dies damit recht-
    fertigte, dass, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen
    haben müsse. Von etwas, das in unserem Inneren keinen Raum
    haben kann, sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: „Es fällt
    mir auch im Traum nicht ein.“

    Pfaff**) sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich-
    wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume, und ich will dir
    sagen, wie es um Dein Inneres steht.“

    Die kleine Schrift von Hildebrandt34), der ich bereits so zahl-
    reiche Citate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken-
    reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der
    Litteratur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im
    Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt
    steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, desto reiner der Traum;
    je unreiner jenes, desto unreiner dieser.

    Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume
    bestehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungs-
    fehler, keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein
    noch so scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur
    verdächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und

    *)Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850 – (Nach Spitta).

    **)Das Traumleben und seine Deutung. 1868 (bei Spitta, p. 192).

  • S.

    47

    Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie
    verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in
    den Schlummerstunden weichen mag, – Kant’s kategorischer Impe-
    rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet,
    dass wir ihn auch schlafend nicht los werden . . . Erklären aber
    lässt sich (diese Thatsache) eben nur daraus, dass das Fundamentale
    der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an
    der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung Theil zu nehmen,
    welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Facultäten
    gleichen Ranges im Traume unterliegen“ (p. 45 u. f.).

    In der weiteren Discussion des Gegenstandes sind nun merk-
    würdige Verschiebungen und Inconsequenzen bei beiden Gruppen
    von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die-
    jenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Persönlich-
    keit des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit
    dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer
    für seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit
    seiner Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schliessen,
    mit derselben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwerthigen
    Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die Werthlosigkeit seiner
    intellectuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die Anderen,
    für die sich „der kategorische Imperativ“ auch in den Traum
    erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne
    Einschränkung anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, dass
    eigene Träume von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst fest-
    gehaltenen Werthschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müssten.

    Nun scheint es aber, dass niemand von sich selbst so recht
    sicher weiss, in wie weit er gut oder böse ist, und dass niemand die
    Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn
    über jenen Gegensatz in der Beurtheilung der Traummoralität hinweg
    zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her-
    kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich ein
    neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Functionen des
    psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigungen
    desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Thatsächlichkeit
    lässt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlich-
    keit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen
    Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen.

    Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen,
    hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume
    zu übernehmen. Haffner3) sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht
    verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt
    ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat
    . . . Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln
    Tugend oder Sünde sein.“ Doch ist der Mensch für den sündhaften
    Traum verantwortlich, sofern er ihn indirect verursacht. Es erwächst

  • S.

    48

    für ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem
    Schlafengehen seine Seele sittlich zu reinigen.
    Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung
    und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In-
    halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, dass
    die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammen-
    drängung der complicirtesten Ueberlegungsvorgänge in das kleinste
    Zeiträumchen, und die auch von ihm zugestandene Entwerthung und Ver-
    mengerung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen
    Anschein der Träume in Abzug gebracht werden muss, gesteht er,
    dass es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung
    für Traumsünden und Schulden schlechthin zu leugnen.
    (p. 49) „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich eine
    solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht
    entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redens-
    art: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir
    allerdings einerseits aus, dass wir das Traumgebiet für das fernste
    und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen
    hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen
    nur so lose und locker zusammenhängen, dass sie kaum noch als die
    unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf
    diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich
    zu leugnen uns veranlasst fühlen, so geben wir doch indirect damit
    zugleich zu, dass unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde,
    wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden
    hier, wenn auch unbewusst, die Sprache der Wahrheit.“
    (p. 52) „Es lässt sich nämlich keine Traumthat denken, deren
    erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher
    durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.“ Von dieser ersten
    Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht, – er bildete
    es nur nach und spann’s nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein
    historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer
    Form; er setzte das Wort des Apostels in Scene: Wer seinen Bruder
    hasst, der ist ein Todtschläger. Und während man das ganze, breit
    ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen,
    seiner sittlichen Stärke bewusst, belächeln kann, so will jener ur-
    sprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen
    lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden ver-
    antwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen
    Procentsatz. „Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden
    Sinne das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken,
    – dann können wir auch kaum der Ueberzeugung uns erwehren,
    dass jede im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum wenig-
    stens von Schuld mit sich führe.“
    In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver-
    suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also

  • S.

    49

    Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er
    steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Werth-
    schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken
    und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die
    Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge
    Sünder.

    An dem allgemeinen Vorkommen dieser contrastirenden
    Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf anderem als
    ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die Beurtheilung der
    selben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta64)
    findet sich folgende hieher gehörige Aeusserung von A. Zeller (Ar-
    tikel „Irre“ in der allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften von
    Ersch und Gruber) citirt (p. 144): „So glücklich ist selten ein
    Geist organisirt, dass er zu allen Zeiten volle Macht besässe und
    nicht immer wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig
    fratzenhafte und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang
    seiner Gedanken unterbrächen, ja die grössten Denker haben sich
    über dieses traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vor-
    stellungen zu beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und
    ihre heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.“

    Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
    Contrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt,
    dass der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres
    Wesens blicken lasse, die uns im Zustande des Wachens meist ver-
    schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verräth Kant an einer
    Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu
    da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen-
    baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können,
    wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock54) (p. 84)
    mit den Worten, dass der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns
    nicht gestehen wollen, und dass wir ihn darum mit Unrecht einen
    Lügner und Betrüger schelten. Wir werden aufmerksam gemacht,
    dass das Auftauchen dieser, unserem sittlichen Bewusstsein fremden
    Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des
    Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen
    fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen,
    wie die von Benini13): Certe nostre inclinazioni che si credevano soffo-
    cate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte
    rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono dinanzi
    (p. 149), und von Volkelt72): „Auch Vorstellungen, die in das wache
    Bewusstsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm vielleicht
    nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig
    dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kund zu thun“ (p. 105).
    Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, dass nach Schleier-
    macher61) schon das Einschlafen vom Hervortreten ungewollter
    Vorstellungen (Bilder) begleitet war.

  • S.

    50

    Als „ungewollte Vorstellungen“ dürfen wir nun dies ganze
    Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un-
    moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt.
    Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, dass die ungewollten Vor-
    stellungen auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu unserem sonstigen
    Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns fremdartig
    erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte,
    diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben.

    Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor-
    stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der
    wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt-
    lichen Auftauchen contrastirender ethischer Regungen ableiten? Hier
    ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene
    Gruppirung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von
    Hildebrandt und andere Vertreter seiner Grundansicht kann man
    wohl nicht anderswohin fortsetzen, als dass den unmoralischen Regungen
    auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt
    ist bis zur That vorzudringen, und dass im Schlaf etwas wegfalle,
    was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die
    Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das
    wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und
    gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere
    Kenntnis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen
    her kann Hildebrandt dem Traum die Rolle eines Warners
    zuweisen, der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele
    aufmerksam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Aerzte auch
    bisher unbemerkte körperliche Leiden dem Bewusstsein verkünden
    kann. Und auch Spitta64) kann von keiner anderen Auffassung
    geleitet sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit
    der Pubertät z. B. der Psyche zufliessen, und den Träumer tröstet,
    er habe alles gethan, was in seinen Kräften steht, wenn er im
    Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und sich
    bemüht, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken,
    sie nicht reifen und zur That werden zu lassen. Nach dieser Auf-
    fassung könnten wir die „ungewollten“ Vorstellungen als die
    während des Tages „unterdrückten“ bezeichnen und müssten in
    ihrem Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen erblicken.
    Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer
    Folgerung. Für Jessen36) stellen die ungewollten Vorstellungen im
    Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den
    Charakter einer zur Ruhe gelegten Willensthätigkeit und eines ge-
    wissermassen mechanischen Processes von Bildern und Vor-
    stellungen durch innere Bewegungen dar“ (p. 360). Ein unmoralischer
    Traum beweise weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als
    dass dieser von dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal
    Kenntnis gewonnen habe, gewiss nicht eine ihm eigene Seelenregung.

  • S.

    51

    Bei einem anderen Autor Maury48), könnte man in Zweifel gerathen,
    ob auch nicht er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die
    seelische Thätigkeit nach ihren Componenten zu zerlegen, anstatt sie
    planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich
    über die Schranken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants
    qui parlent et qui nous font agir, sans que la conscience nous retienne,
    bien que parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes pen-
    chants vicieux; à l’état de veille je tâche de lutter contre eux, et il
    m’arrive assez souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes songes
    j’y succombe toujours ou pour mieux dire j’agis par leur impulsion,
    sans crainte et sans remords . . . Évidemment les visions qui
    se déroulent devant ma pensée et qui constituent le rêve, me sont
    suggérées par les incitations que je ressens et que ma volonté absente
    ne cherche pas à refouler“ (p. 113).
    Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
    vorhandene aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Disposition
    des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung schärferen
    Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maury’s (p. 115): „En
    rêve l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa nudité
    et sa misère natives. Dès qu’il suspend l’exercice de sa volonté, il
    devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, à l’état de
    veille la conscience, le sentiment d’honneur, la crainte nons défendent.“
    An anderer Stelle findet er das treffende Wort: (p. 462) „Dans le
    rêve, c’est surtout l’homme instinctif qui se révèle . . . L’homme
    revient pour ainsi dire à l’état de nature quand il rêve; mais moins
    les idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus les penchants
    en désaccord avec elles conservent encore sur lui d’influence dans
    le rêve.“ Er führt dann als Beispiel an, dass seine Träume ihn nicht
    selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen
    Schriften am heftigsten bekämpft hat.
    Der Werth all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy-
    chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da-
    durch beeinträchtigt, dass er in den von ihm so richtig beobachteten
    Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatismus psychologique“
    sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto-
    matismus fasst er als vollen Gegensatz zur psychischen Thätigkeit.
    Eine Stelle in den Studien über das Bewusstsein von Stricker77)
    lautet: Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen;
    wenn man sich z. B. im Traum vor Räubern fürchtet, so sind die
    Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man auf-
    merksam darauf gemacht, dass die Affectentwicklung im Traume die
    Beurtheilung nicht zulässt, welche man dem übrigen Trauminhalt
    schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy-
    chischen Vorgängen im Traum real sein mag, das heisst einen
    Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens
    beanspruchen darf?

  • S.

    52

    I. Literatur der Traumprobleme.

    g) Traumtheorien und Function des Traumes.

    Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der be
    obachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu
    erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem
    umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum-
    theorie heissen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich
    darin unterscheiden, dass sie den oder jenen Charakter des Traumes
    zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn
    anknüpfen lassen. Eine Function, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige
    Leistung des Traumes, wird nicht nothwendig aus der Theorie ableitbar
    sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäss ge-
    richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die
    mit der Einsicht in eine Function des Traumes verbunden sind.

    Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen
    gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr
    oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, dass der Traum
    eine Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu
    lenken, war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles
    am Traum Wissenswerthe Auskunft ertheilte. Seitdem der Traum
    ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden ist, kennen
    wir eine grössere Anzahl von Traumtheorien, aber darunter auch
    manche recht unvollständige.

    Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa fol-
    gende lockere Gruppirung der Traumtheorien versuchen, je nach
    der zu Grunde gelegten Annahme über Mass und Art der psychischen
    Thätigkeit im Traum:

    1. Solche Theorien, welche die volle psychische Thätigkeit des
    Wachens sich in dem Traum fortsetzen lassen, wie die von Delboeuf.16)
    Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intact, aber unter
    die vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes ge-
    bracht, muss sie bei normalem Functioniren andere Ergebnisse liefern
    als im Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im Stande
    sind, die Unterschiede des Traumes von dem Wachdenken sämmtlich
    aus den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Ueberdies fehlt
    ihnen ein möglicher Zugang zu einer Function des Traumes; man
    sieht nicht ein, wozu man träumt, warum der complicirte Mechanismus
    des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse
    versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen
    oder, wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig
    zweckmässigen Reactionen anstatt der dritten, der des Träumens.

    2. Solche Theorien, welche im Gegentheile für den Traum eine
    Herabsetzung der psychischen Thätigkeit, eine Auflockerung der
    Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an-
    nehmen. Diesen Theorien zufolge müsste eine ganz andere psycho-
    logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach

  • S.

    53

    Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht
    nicht blos in einer Absperrung der Seele von der Aussenwelt, er
    dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig
    unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material
    heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien con-
    struiren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen
    ihn zum Vorbilde des Schwachsinns oder einer Amentia.

    Die Theorie, dass im Traumleben nur ein Bruchtheil der durch
    den Schlaf lahmgelegten Seelenthätigkeit zum Ausdruck komme, ist
    die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt
    überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für
    Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr-
    schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben,
    mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe
    jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch
    den Traum verkörperten Gegensätze vermeidet. Da ihr der Traum
    das Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles
    und zugleich sehr anomalisches Wachen“ sagt Herbart’s Psychologie
    über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von
    immer weiter gehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die
    ganze Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch
    Absurdität verräth, bis zur voll concentrirten Denkleistung decken.
    Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich ge-
    worden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie
    des Traumes in der Schilderung von Binz1) ausgedrückt finden (p. 43):

    „Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen
    Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer
    werden die in dem Gehirneiweiss aufgehäuften Ermüdungsstoffe und
    immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden
    Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen
    wach geworden hervor, während ringsumher noch Alles in Erstarrung
    ruht. Es tritt nun die isolirte Arbeit der Einzelgruppen vor
    unser unnebeltes Bewusstsein, und zu ihr fehlt die Controle anderer,
    der Association vorstehender Gehirntheile. Darum fügen die ge-
    schaffenen Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken nahe-
    liegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander.
    Immer grösser wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer
    geringer die Unvernunft des Traumes.“

    Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen,
    partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse, sicherlich bei
    allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am Ausführ-
    lichsten ist sie bei Maury1) dargestellt. Dort hat es oft den Anschein,
    als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach
    anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine
    anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Function an
    einander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten,

    1)Die Fussnote ist hier doppelt numerirt, da sie sich auf zwei verschiedene
    Autoren bezieht, die in zwei verschiedenen Abschnitten citirt werden.

  • S.

    54

    dass, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, über
    den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre.
    Eine Function des Traumes kann sich bei dieser Auffassung
    des Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das
    Urtheil über die Stellung und Bedeutung des Traumes consequenterweise
    durch die Aeusserung von Binz gegeben (S. 357): „Alle Thatsachen,
    wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen k örperlichen,
    in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor-
    gang zu kennzeichnen.“
    Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum, der
    seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach
    mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traum-
    ätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimen-
    telle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studirte.
    Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien,
    die Anregung zum Träumen womöglich ausschliesslich von soma-
    tischer Seite ausgehen zu lassen. In extremer Form dargestellte,
    lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in
    Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein
    Anlass bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die
    neu anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln
    könnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es
    kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von
    überall her Reize an den Schlafenden heran, von aussen, von innen,
    von all den Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachsender nie
    gekümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem,
    bald an jenen Zipfelchen wach gerüttelt und functionirt dann ein
    Weilchen mit dem geweckten Theil, froh wieder einzuschlafen. Der
    Traum ist die Reaction auf die durch den Reiz verursachte Schlaf-
    störung, übrigens eine rein überflüssige Reaction.
    Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans
    bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch
    noch einen anderen Sinn. Es ist die W ürde eines psychischen Vor-
    ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in
    seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von
    den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die
    über die Tasten des Instrumentes hinlaufen“ veranschaulicht viel-
    leicht am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Ver-
    tretern der exacten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum
    wird in dieser Auffassung etwas ganz und gar Undentbares; denn
    wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück
    Musik produciren können?
    Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig
    nicht an Einwänden gefehlt. Burdach8) meint 1830: „Wenn man
    sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich
    weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes

  • S.

    55

    gesagt, als dass einige Kräfte der Seele im Traume thätig sind,
    während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während
    des ganzen Lebens statt. „…“ (p. 483).

    An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen
    „körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf-
    fassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert55) ausgesprochen
    wurde und die bezeichnend wirkt, weil sie für das Träumen eine
    Function, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiss. Robert nimmt
    zur Grundlage seiner Theorie zwei Thatsachen der Beobachtung, bei
    denen wir bereits in der Würdigung des Traummateriales verweilt haben
    (vgl. p. 11), nämlich dass man so häufig von den nebensächlichsten
    Eindrücken des Tages träumt, und dass man so selten die grossen
    Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus-
    schliesslich richtig: Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht
    hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die Einem unfertig im
    Sinne liegen, oder den Geist flüchtig streifen (p. 10). „Darum
    kann man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen
    desselben eben die nicht zum genügenden Erkennen des
    Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des ver-
    flossenen Tages sind“. Die Bedingung, dass ein Eindruck in
    den Traum gelange, ist also, entweder dass dieser Eindruck in seiner
    Verarbeitung gestört wurde, oder dass er als allzu unbedeutend auf
    solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte.

    Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher
    Ausscheidungsprocess, der in seiner geistigen Reactionserscheinung
    zum Erkennen gelangt“. „Träume sind Ausscheidungen von
    im Keime erstickten Gedanken.“ „Ein Mensch, dem man die
    Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müsste in gegebener Zeit geistes-
    gestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger,
    unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde,
    unter deren Wucht dasjenige ersticken müsste, was dem Gedächt-
    nisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“ „Der Traum leistet
    dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils.“ Die
    Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32).
    Es wäre missverständlich, an Robert die Frage zu richten,
    wie denn durch das Vorstellen im Traum eine Entlastung der Seele
    herbeigeführt werden kann. Der Autor schliesst offenbar aus jenen beiden
    „Eigenthümlichkeiten des Traummateriales, dass während des Schlafes
    eine solche Ausstossung von werthlosen Eindrücken irgendwie
    als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist kein
    besonderer psychischer Process, sondern nur die Kunde, die wir von
    jener Aussonderung erhalten. Uebrigens ist eine Ausscheidung nicht
    das einzige, was Nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst
    hinzu, dass überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden
    und „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedanken-
    stoff nicht ausscheiden lässt, wird durch der Phantasie entlehnte

  • S.

    56

    Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen ver-
    bunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde
    eingereiht“ (p. 23).

    In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die
    Robert’s aber in der Beurtheilung der Traumquellen. Während dort
    überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren
    Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb
    zum Träumen nach der Theorie Robert’s in der Seele selbst, in ihrer
    Ueberladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urtheilt
    vollkommen consequent, dass die im körperlichen Befinden liegenden
    traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen,
    und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewusstsein entnommener
    Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen
    könnten. Zuzugeben sei blos, dass die im Traume aus den Tiefen
    der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven-
    reize beeinflusst werden können (p. 48). So ist der Traum nach
    Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar
    kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen
    Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor-
    gang am Apparat der Seelenthätigkeit und hat eine Function zu
    erfüllen, diesen Apparat vor Ueberspannung zu behüten, oder wenn
    man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.

    Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus-
    wahl des Traummaterias deutlich werden, stützt ein anderer Autor,
    Yves Delage15) seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beob-
    achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben
    Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.

    Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm theure Person
    durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, dass man von dem
    nicht träumt, was Einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder
    erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt.
    Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die
    Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser
    Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage
    über das Träumen junger Eheleute: „S’ils ont été fortement épris,
    presque jamais ils n’ont rêvé l’un de l’autre avant le mariage ou
    pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé d’amour, c’est pour être
    infidèles avec quelque personne indifférente ou odieuse.“ Wovon träumt
    man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vor-
    kommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von
    Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in
    unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als
    Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer
    Prüfung als unanerkannte Reproduction, als „souvenir inconscient“. Aber
    dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt
    von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be-
     

  • S.

    57

    Das „Unterdrückte“ in der Theorie von Delage.

    troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit
    sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger
    bewusst und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr
    Aussicht hat er, im nächsten Traum eine Rolle zu spielen.
    Es sind im Wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein-
    drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert55)
    hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem
    er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind,
    traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen
    Eindrücke sind gewissermassen nicht voll erledigt worden, auch sie
    sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts tendus“
    die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr An-
    recht auf eine Rolle im Traum als der schwache und fast unbeachtete
    Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner
    Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt
    worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung auf-
    gespeicherte psychische Energie wird Nachts die Triebfeder des
    Traumes. Im Traum kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein.
    Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle
    ab; er kann einer selbständigen psychischen Thätigkeit im Traum
    nur die geringste Rolle einräumen, und so schliesst er sich mit seiner
    Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom
    partiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le rêve est le produit
    de la pensée errante, sans but et sans direction, se fixant successive-
    ment sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité pour se placer
    sur sa route et l’arrêter au passage, établissant entre eux un lien
    tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus serré, selon que
    l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil.“
    Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
    vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung
    zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen
    entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen
    kann. Aus der Bethätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist
    eine nützliche Function des Traumes. Die Werthschätzungen, welche
    der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören
    meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren
    Statt die Aeusserung von Burdach8) anzuführen, derzufolge der
    Traum „die Naturthätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die
    Macht der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewusstsein
    gestört, nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in
    freiem Spiele sich ergebende Lebendigkeit der sensibeln Centralpunkte
    ist“ (p. 486).
    Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen
    sich Burdach u. A. offenbar als einen Zustand vor, in welchem
    die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt,
    also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach citirt und

  • S.

    58

    I. Litteratur der Traumprobleme.

    acceptirt darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter
    Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine
    Schutzwehr gegen die Regelmässigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens,
    eine freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder
    des Lebens durcheinander wirft, und die beständige Ernsthaftigkeit
    des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unter
    bricht; ohne die Träume würden wir gewiss früher alt, und so kann
    man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben,
    doch als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf
    der Wallfahrt zum Grabe betrachten.“

    Die erfrischende und heilende Thätigkeit des Traumes schildert
    noch eindringlicher Purkinje53) (p. 456): „Besonders würden die
    productiven Träume diese Functionen vermitteln. Es sind leichte
    Spiele der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zu-
    sammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen
    Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen.
    Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände.
    Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und
    heitere zerstreuende Bilder, Hass durch Liebe und Freundlichkeit,
    Furcht durch Muth und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie
    durch Ueberzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung
    durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemüthes, die der Tag
    immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie
    zudeckt und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Theil
    die schmerzenheilende Wirkung der Zeit.“ Wir empfinden es alle,
    dass der Schlaf eine Wohlthat für das Seelenleben ist, und die dunkle
    Ahnung des Volksbewusstseins lässt sich offenbar das Vorurtheil nicht
    rauben, dass der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf
    seine Wohlthaten spendet.

    Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus
    einer besonderen Thätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustande
    frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner58) 1861 unter-
    nommene. Das Buch Scherner’s, in einem schwülen und schwül-
    stigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für
    den Gegenstand getragen, die abstossend wirken muss, wenn sie nicht
    mit sich fortzureissen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig-
    keiten entgegen, dass wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren
    Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt72) die Lehren
    Scherner’s uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den
    mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge
    ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie-
    durch des Philosophen Pfade nicht.“ Solche Beurtheilung findet die
    Darstellung Scherner’s selbst bei seinen Anhänger.

    Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele
    gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert in’s Traumleben mitzunehmen.
    Er führt selbst aus, wie im Traum die Centralität, die Spontanenenergie

  • S.

    59

    Des Ich entnervt wird, wie in Folge dieser Decentralisation Erkennen,
    Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden, und wie den Ueber-
    bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur
    noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt
    sich im Traum die als Phantasie zu benennende Thätigkeit der
    Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen
    Maasse ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar
    die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt
    aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel-
    weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproductiv,
    sondern auch productiv. Ihre Eigenthümlichkeiten verleihen dem
    Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe
    für das Ungemessene, Uebertreibene, Ungeheuerliche.
    Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen
    Denkkategorien eine grössere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs-
    lust; sie ist auf’s feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize
    des Gemüths, für die wühlerischen Affecte, sie bildet sofort das innere
    Leben in die äussere plastische Anschau lichkeit hinein. Der Traum-
    phantasie fehlt die Begriffs sprache; was sie sagen will, muss
    sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächend-
    einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Grösse der Anschauungs-
    form hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig,
    schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit
    ihrer Sprache dadurch, dass sie die Abneigung hat, ein Object durch
    sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein fremdes Bild
    wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objects, an dessen
    Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im Stande ist. Das
    ist die symbolisirende Thätigkeit der Phantasie ... Sehr
    wichtig ist ferner, dass die Traumphantasie die Gegenstände nicht
    erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriss und diesen in freihester
    Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie genial hin-
    gehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der blossen
    Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich genöthigt,
    das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln und so
    eine Handlung zu erzeugen. Den Gesichtsreiztraum z. B. malt Gold-
    stücke auf die Strasse; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt
    sie davon.

    Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstle-
    rische Thätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der, bei
    Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. p. 22), so dass in der
    Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische
    Theorie Scherner’s und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundt’s
    und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zu einander
    verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio-
    logischen Theorie die seelische Reaction auf die inneren Leibreize
    mit der Erweckung von irgend zu ihnen passen-den Vorstellungen

  • S.

    60

    I. Literatur der Traumprobleme.

    erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege
    der Association sich zur Hilfe rufen und mit diesem Stadium die
    Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint,
    geben die Leibreize nach Scherner der Seele nur ein Material,
    das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die
    Traumbildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den
    Blick der Anderen versiegt.
    Zweckmässig wird man freilich nicht finden können, was die
    Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes
    Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im
    betreffenden Traum stammen, in irgend einer plastischen Symbolik
    vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und Andere ihm nicht
    folgen, dass die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung
    für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint
    sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu
    binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern benutzen,
    um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häuser
    strassen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Theile
    des Hauses wirklich einzelne Körpertheile dar, so z. B. im Kopf
    schmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit
    ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.
    Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
    Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden
    Körpertheile verwendet. „So findet die athmende Lunge in dem
    flammenerfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol,
    das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden
    beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der
    männliche Geschlechtsreiztraum lässt den Träumer den oberen Theil
    einer Clarinette, daneben den gleichen Theil einer Tabakspfeife,
    daneben wieder einen Pelz auf der Strasse finden. Clarinette und
    Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes,
    der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraum kann
    sich die Schritt-Enge der zusammenschliessenden Schenkel durch
    einen schmalen, von Häusern umschlossenen Hof, die weibliche Scheide
    durch einen mitten durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen,
    sehr schmalen Fusspfad symbolisiren, den die Träumerin wandeln
    muss, um etwa einen Brief zu einem Herrn zu tragen.“ (Volkelt
    p. 39.) Besonders wichtig ist es, dass am Schlusse eines solchen
    Leibreiztraumes die Traumphantasie sich sozusagen demaskirt, indem
    sie das erregende Organ oder dessen Function unverhüllt hinstellt.
    So schliesst der „Zahnreiztraum“ gewöhnlich damit, dass der Träumer
    sich einen Zahn aus dem Munde nimmt.
    Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht blos
    der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl
    die in ihm enthaltene Substanz zum Object der Symbolisirung nehmen.
    So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kothige Strassen, der

  • S.

    61

    Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher,
    die Art seiner Erregtheit, das Object, das er begehrt, werden
    symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt in concrete Verbin-
    dung mit den Symbolisirungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn
    wir bei Schmerzreizen uns mit beissenden Hunden oder tobenden
    Stieren verzweifelt balgen, oder die Träumerin sich im Geschlechts-
    traum von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög-
    lichen Reichthum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli-
    sirende Phantasietätigkeit als die Centralkraft eines jeden Traumes
    bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen,
    der so erkannten psychischen Thätigkeit ihre Stellung in einem System
    philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt72) in
    seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu schwer
    verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für
    das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist.
    Eine nützliche Function ist mit der Bethätigung der symboli-
    sirenden Phantasie Scherner’s in den Träumen nicht verbunden.
    Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man
    könnte auf die Vermuthung kommen, dass sie unartig spielt. Man
    könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende
    Beschäftigung mit der Scherner’schen Theorie des Traumes zu irgend
    etwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losge-
    bundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig
    scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der
    Lehre Scherner’s vor aller Prüfung als allzu hochmüthig ein
    Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den
    jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen grosse Aufmerksam-
    keit schenkte, und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunkeln
    seelischen Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegen-
    stand, der den Menschen durch Jahrtausende räthselhaft wohl, aber
    zugleich inhalts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen
    Erhellung die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht
    viel anderes beigetragen hat, als dass sie im vollen Gegensatz zur
    populären Empfindung dem Objecte Inhalt und Bedeutsamkeit abzu-
    sprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, dass es
    den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum auf-
    zuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglien-
    zellen-Phantastik, die p. 53 citirte Stelle eines nüchternen und
    exacten Forschers wie Binz73), welche schildert, wie die Aurora des
    Erwachens über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hin-
    zieht, steht an Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den
    Scherner’schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen
    zu können, dass hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das aller-
    dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter
    der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch
    erheben kann. Vorläufig kann uns die Scherner’sche Theorie des

  • S.

    62

    Traumes in ihrem Gegensatz zur medicinischen etwa vor Augen
    führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens
    heute noch unsicher schwankt.

    h) Beziehungen zwischen Traum und Geistes-
    krankheiten.

    Wer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen
    spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Bezie-
    hungen, etwa wenn im Traum einen psychotischen Zustand vertritt,
    einleitet, oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traum-
    leben im Falle der Geisteskrankheit erleidet. 3. Innere Beziehungen
    zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesensverwandt-
    schaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den
    beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Medicin
    – ein Lieblingsthema – und in der Gegenwart von Neuem wieder
    ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta64), Radestock54),
    Maury48) und Tissié68) gesammelte Litteratur des Gegenstandes lehrt.
    Jüngst hat Sante de Sanctis56, 57) diesem Zusammenhange seine
    Aufmerksamkeit zugewendet. Dem Interesse unserer Darstellung wird
    es genügen, den bedeutsamen Gegenstand blos zu streifen.

    Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen
    Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradig-
    mata mittheilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauss39)), dass der erste
    Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreck-
    haften Traum herschrieb, und dass die vorhergehende Idee mit diesem
    Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt ähnliche
    Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen
    derselben für die „vraie cause déterminante de la folie“. Die Psychose
    kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Aufklärung enthaltenden Traum
    mit einem Schlag in’s Leben treten, oder sich durch weitere Träume,
    die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In
    einem Falle von de Sanctis schlossen sich an den ergreifenden Traum
    leichte hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melan-
    cholischer Zustand. Féré (bei Tissié) berichtet von einem Traum, der
    eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum
    als Aetiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem That-
    bestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen, die geistige
    Störung habe ihre erste Aeusserung am Traumleben gezeigt, sei im
    Traum zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen enthält das
    Traumleben die krankhaften Symptome, oder die Psychose bleibt auf’s
    Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer70) auf Angst-
    träume aufmerksam, die als Aequivalente von epileptischen An-
    fällen aufgefasst werden müssen. Allison hat nächtliche Geistes-
    krankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach Radestock), bei
    der die Individuen Tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind,
    während bei Nacht regelmässig Hallucinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl.
    auftreten. Aehnliche Beobachtungen bei de Sanctis (paranoisches

  • S.

    63

    Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau
    der Untreue beschuldigen); bei Tissié. Tissié bringt aus neuerer
    Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen
    pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangsimpulse)
    sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem
    der Schlaf durch ein intermittirendes Irresein ersetzt war.

    Es ist wohl kein Zweifel, dass eines Tages neben der Psycho-
    logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Aerzte
    beschäftigen wird.

    Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach
    Geisteskrankheit, dass bei gesunder Function am Tage das Traum-
    leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses
    Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss39)).
    Macario (bei Tissié) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche
    nach seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die
    leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte.

    Ueber die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
    Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen
    angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen
    Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Ueberein-
    stimmung der Erscheinungen beider äussert, frühzeitig Beachtung ge-
    funden. Nach Maury47) hat zuerst Cabanis in seinen Rapports du
    physique et du moral auf sie hingewiesen, nach ihm Lélut, J. Mo-
    reau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicher-
    lich ist die Vergleichung noch älter. Radastock54) leitet das Capitel,
    in dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein,
    welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an
    einer Stelle: „Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen.“ Krauss:
    „Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Sinnenwachseins.“
    Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den
    Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als
    Traumleben, welches nicht durch Schlaf sondern durch Krankheiten
    herbeigeführt ist. Wundt äussert in der Physiologischen Psychologie.
    „In der That können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die uns
    in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“

    Die einzelnen Uebereinstimmungen, auf Grund deren eine solche
    Gleichstellung sich dem Urtheil empfiehlt, zählt Spitta64) (übrigens
    sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung
    oder doch Retardation des Selbstbewusstseins, in Folge dessen Un-
    kenntnis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Er-
    staunens, Mangel des moralischen Bewusstseins. 2. Modificirte Per-
    ception der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte, im
    Wahnsinn im Allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vor-
    stellungen unter einander lediglich nach den Gesetzen der Association
    und Reproduction, also automatische Reihenbildung, daher Unpro-
    portionalität der Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Uebertrei-
    bung

  • S.

    64

    bungen, Phantasmen) und aus Alle dem resultirend. 4. Veränderung
    beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der
    Eigenthümlichkeiten des Charakters (Perversitäten).“
    Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma-
    terial: „Im Gebiet des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein-
    gefühls findet man die meisten Hallucinationen und Illusionen. Die
    wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruchs- und Ge-
    schmackssinn. – Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie
    dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was
    der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen er-
    innert sich der Schlafende und Kranke.“ – Die Analogie von Traum
    und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Werth, dass sie sich
    wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein-
    zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.
    „Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt
    der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so
    heben sich auch bei den Geisteskranken die lichten Bilder von Glück,
    Grösse, Erhabenheit und Reichthum. Der vermeintliche Besitz von
    Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verweige-
    rung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund das Irreseins
    abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die
    Frau, die ein theures Kind verloren, delirirt in Mutterfreuden, wer
    Vermögensverluste erlitten, hält sich für ausserordentlich reich, das
    betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.“
    (Diese Stelle Radestock’s ist die Abkürzung einer feinsinnigen
    Ausführung von Griesinger31) (p. 111), die mit aller Klarheit die
    Wunscherfüllung als einen dem Traum und der Psychose ge-
    meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter-
    suchungen haben mich gelehrt, dass hier der Schlüssel zu einer
    psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu fin-
    den ist.)
    „Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urtheils
    sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charak-
    terisiren.“ Die Ueberschätzung der eigenen geistigen Leistungen,
    die dem nüchternen Urtheil als unsinnig erscheinen, findet sich hier
    wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes ent-
    spricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes
    Zeitmass. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume,
    welche z. B. das eigene Wissen auf zwei Personen vertheilt, von
    denen die fremde das eigene Ich im Traume corrigirt, ist völlig
    gleichwerthig der bekannten Persönlichkeitstheilung bei hallucinato-
    rischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen Gedanken von
    fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die constanten Wahnideen
    findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden patholo-
    gischen Träumen (rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem
    Delirium sagen die Kranken nicht selten, dass ihnen die ganze Zeit

  • S.

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    ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja
    sie theilen uns mit, dass sie gelegentlich noch während der Krank-
    heit geahnt haben, sie seien nur in einem Traume befangen, ganz
    wie es oft im Schlafraum vorkommt.

    Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock
    seine wie vieler Anderer Meinung in den Worten zusammenfasst, dass
    „der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine
    Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes
    zu betrachten ist.“ (p. 228.)

    Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich
    äussernden Phänomene möglich ist, hat Krauss39) die Verwandtschaft
    von Traum und Wahnsinn in der Aetiologie (vielmehr: in den Er-
    regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche
    (Grundelem-
    ment ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch
    bedingte Empfindung, die Leibreizensation, das durch Beiträge
    von allen Organen her zu Stande gekommene Gemeingefühl (vgl. Peisse
    bei Maury48) p. 52).

    Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten
    reichende Uebereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört
    zu den stärksten Stützen der medicinischen Theorie des Traumlebens,
    nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor-
    gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelenthätigkeit darstellt.
    Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung
    über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es
    allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere
    Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist
    es wahrscheinlich, dass eine veränderte Auffassung des Traumes
    unsere Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen
    mitbeeinflussen muss, und so dürfen wir sagen, dass wir an der Auf-
    klärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge-
    heimnis des Traumes aufzuhellen.