S.
[1]
I.
Die wissenschaftliche Litteratur der Traum-
probleme.Auf den folgenden Blättern werde ich den Nach-
weis erbringen, dass es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet Träume
zu deuten, und dass bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum
sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an
angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen
ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von
denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes her-
rührt, und aus ihnen einen Rückschluss auf die Natur der psychischen
Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der
Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen,
denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens
in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem
Material in Angriff genommen werden muss.Eine Uebersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie
über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen-
schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht
häufig Anlass haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaft-
liche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend-
jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den
Autoren so allgemein zugegeben, dass es überflüssig scheint, einzelne
Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum
Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemer-
kungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber
nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines
seiner Räthsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen
der gebildeten Laien übergegangen.Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Object der
Psychologie abgehandelt wird, scheint die des Aristoteles1) (Ueber
Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der
Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht göttlicher, was wohl
einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige Uebersetzung
findet.S.
2
trifft. Er kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. dass
der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize in’s Grosse
umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiss zu
werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder
jenes Gliedes stattfindet“), und zieht aus diesem Verhalten den Schluss,
dass die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An-
zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt ver-
rathen könnten. Zu einem tieferen Verständniss der aristotelischen
Abhandlung vorzudringen, ist mir, bei nicht ausreichender Vorbildung
und ohne kundige Hilfe, nicht möglich geworden.Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich
nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jeder-
zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen
geltend. Man unterschied wahrhafte und werthvolle Träume, dem
Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver-
künden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war,
ihn in die Irre zu führen oder in’s Verderben zu stürzen. Diese
vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im
vollsten Einklange mit ihrer gesammten Weltanschauung, welche als
Realität in die Aussenwelt zu projiciren pflegte, was nur innerhalb
des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck
Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrig-
bleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, denn in dieser Er-
innerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus
einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen.
Es wäre übrigens irrig zu meinen, dass die Lehre von der über-
natürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger
entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abge-
sehen, – die ja recht daran thun, die Reste des ehemals ausgedehnten
Gebietes des Uebernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht
durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind, – trifft man
doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte
Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das
Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklär-
barkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner32).
Die Werthschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philo-
sophenschnlen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach-
klang der im Alterthum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und
auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende, Kraft des
Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho-
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten
Materiales nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien
eines Jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben
hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.S.
3
Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der
Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser
Erkenntnis, so werthvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag,
ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist
nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge-
kommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte,
sondern jeder neue Autor fasst die nämlichen Probleme von Neuem
und wie vom Ursprung her wieder an.) Wollte ich mich an die
Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug
berichten, welchen Ansichten über die Traumprobleme er geäussert,
so müsste ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom
gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe
es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die
Autoren anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme an
führen, was an Material zur Lösung desselben in der Litteratur nieder-
gelegt ist.Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesammte, so sehr ver-
streute und auf Anderes übergreifende Litteratur des Gegenstandes
zu bewältigen, so muss ich meine Leser bitten sich zu bescheiden,
wenn nur keine grundlegende Thatsache und kein bedeutsamer
Gesichtspunkt in meiner Darstellung verloren gegangen ist.Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlasst ge-
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu-
handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche
in die Psychopathologie reichen, und traumähnliche Vorkommnisse
(wie der Hallucinationen, Visionen etc.) anzuschliessen. Dagegen zeigt
sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt
zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des Traum-
lebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung möchte
ich einen Ausdruck der Ueberzeugung sehen, dass in so dunkeln
Dingen Aufklärung und Uebereinstimmung nur durch eine Reihe
von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts Anderes
als eine solche Detailuntersuchung, und zwar speciell psychologischer
Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlass, mich mit dem
Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physio-
logisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzu-
standes die Veränderung der Functionsbedingungen für den see-
lischen Apparat mit enthalten sein muss. Es bleibt also auch die
Litteratur des Schlafes hier ausser Betracht.Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an
sich führt zu den folgenden, zum Theil in einander fliessenden
Fragestellungen:a) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive
Urtheil des Erwachten nimmt an, dass der Traum – wenn er schon
nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eineS.
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andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach8), dem
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno-
mene verdanken, hat dieser Ueberzeugung in einem viel bemerkten
Satze Ausdruck gegeben (p. 474): „. . . nie wiederholt sich das
Leben des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen
Freuden und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns
davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Ge-
genstande erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen,
oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen
hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er
nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Com-
binationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein
und symbolisirt die Wirklichkeit.“
In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell66) in der
mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die Natur
und Entstehung der Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des
wachen Bewußtseins abgekehrt“. . . (p. 17): „Im Traume geht das
Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und
dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren“. . . (p. 19):
„Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traum von
dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe des wachen Lebens“. . .
Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be-
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung
vertreten. So Haffner32) (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das
Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zu-
vor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Be-
obachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte.“
Weygandt75) (p. 6) widerspricht direct der oben citirten Behauptung
Burdach’s, „denn es lässt sich oft, anscheinend in der überwiegen-
den Mehrzahl der Träume beobachten, dass dieselben uns gerade in’s
gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.“
Maury48) (p. 56) sagt in einer knappen Formel: „Nous rêvons de ce
que nous avons vu, du désiré ou fait“; Jessens36) in seiner 1855 er-
schienenen Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder
weniger wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die indi-
viduelle Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand,
Bildungsstufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und
Erfahrungen des ganzen bisherigen Lebens.“
Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Traum-
inhaltes vom Leben. Ich citire nach Radestock54) (p. 139): Als
Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent-
schluss durch guten Rath abgelenkt, durch Träume aber immer wieder
dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter
der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, dass die Traumbilder meist
das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.S.
5
Im Lehrgedicht des Lucretius, De rerum natura, findet sich
(IV, v. 959) die Stelle:„Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,
aut quibus in rebus multum sumus ante morati
atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
in somnis eadem plerumque videmur obire;
causidici causas agere et componere leges,
indupratores pugnare ac proelia obire,“ etc. etc.Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel
später Maury:„Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et
agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.“Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung
von Traumleben und Wachleben scheint in der That unauflösbar.
Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt3)
(1875) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des
Traumes ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch
eine „Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen
sich zuspitzen“ (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits
die strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit
des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und anderseits
das stete Hinübergreifen des Einen in das Andere, die stete Ab-
hängigkeit des Einen von dem Andern. – Der Traum ist etwas
von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man
möchte sagen ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein,
von dem wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft.
Er macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinne-
rung an dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und
in eine ganz andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der
wirklichen zu schaffen hat. …“ Hildebrandt führt dann aus,
wie mit dem Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen
„wie hinter einer unsichtbaren Fallthür“ verschwindet. Man macht
dann etwa im Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort
gefangenen Napoleon etwas Vorzügliches in Moselwein anzubieten.
Man wird von dem Exkaiser auf’s liebenswürdigste empfangen und
bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört
zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der Wirk-
lichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s auch nie werden wollen.
Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am
wenigsten zum Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt
man durchaus keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen
patriotischen Hass. Und zu alledem war der Träumer überhaupt
noch nicht unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb;
eine persönliche Beziehung zu ihm zu knüpfen, lag ausserhalb desS.
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Bereiches der Möglichkeit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas
eingeschobenes Fremdes zwischen zwei vollkommen zu einander
passenden und einander fortsetzenden Lebensabschnitten.„Und dennoch“, setzt Hildebrandt fort, „eben so wahr und
richtig ist das scheinbare Gegentheil. Ich meine, mit dieser
Abgeschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste
Beziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu
sagen: Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu
aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser
Wirklichkeit sich abwickelt. … Wie wunderlich er’s damit treibe,
er kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seine
sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen immer ihren Grund
stoff entlehnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor
Augen getreten ist, oder in unserem wachen Gedankengange irgend
wie bereits Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was
wir äusserlich oder innerlich bereits erlebt haben.“b) Das Traummaterial. – Das Gedächtnis im Traum.
Dass alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum reproducirt
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkennt-
nis gelten. Doch wäre es ein Irrthum anzunehmen, dass ein solcher
Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos
als augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben muss.
Derselbe muss vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiss sich
in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigenthümlichkeiten, welche
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt und die, obwohl allgemein
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.Es kommt zunächst vor, dass im Trauminhalt ein Material auf
tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und
Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, dass man das
Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, dass und wann man es
erlebt hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus welcher
Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selb-
ständig producirte Thätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft
nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinne-
rung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle
aufdeckt. Man muss dann zugestehen, dass man im Traum etwas
gewusst und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen
entzogen war.Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt
Delboeuf16) aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traum
den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine
Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als
Thierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleineS.
7
Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige
Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs,
und das sie, wie er wusste, sehr liebten. Im Traum kannte er den
Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. – Der Traum ging
dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück
und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Thierchen, die
sich über die Reste der Farren hergemacht hatten. Dann wandte er
den Blick auf’s freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den
Weg zu dem Loch in der Mauer nehmen, und endlich war die ganze
Straße bedeckt von einer Procession von Eidechsen, die alle in der
selben Richtung wanderten etc.Delboeuf’s Wissen umfasste im Wachen nur wenige lateinische
Pflanzennamen und schloss die Kenntnis eines Asplenium nicht ein.
Zu seinem großen Erstaunen musste er sich überzeugen, dass ein
Farren dieses Namens wirklich existirt. Asplenium ruta muraria
war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt
hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht
denken; es blieb aber für Delboeuf räthselhaft, woher er im Traume
die Kenntnis des Namens Asplenium genommen hatte.Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er
besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als
Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das
Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und
erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten lateinischen
Namen. Nun liess sich der Zusammenhang herstellen. Eine
Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei Jahre vor
dem Eidechsentraum – auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht.
Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich,
und Delboeuf unterzog sich der Mühe, unter dem Dictat eines
Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen
Namen hinzuzuschreiben.Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mittheilens
werth macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen.
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrirten
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab
gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die
Jahreszahl 1861, und Delboeuf wusste sich zu erinnern, dass er
von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten
gehört hatte.Dass der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut
same Thatsache, dass ich durch Mittheilung noch anderer „hyper
mnestischer“ Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte.S.
8
Maury48) erzählt, dass ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei
Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er wusste, dass es der Name
einer französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte
ihm von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte,
sie käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege,
zur Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Département
de la Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen
Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn
aber, dass sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das
Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses
Wissens aber nicht aufgespürt worden.
Wissens36) erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis
aus älteren Zeiten: „Dahin gehört u. A. der Traum des älteren
Scaliger (Hennings, l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe
der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher
sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich beklagte,
dass er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, je
etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn,
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, dass ehemals ein solcher
Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei.“
An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of
the Society for psychical research) soll Myers eine ganze Sammlung
solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine,
Jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn-
liches Phänomen anerkennen müssen, dass der Traum Zeugnis für
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu
besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen,
von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr-
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen,
dass sie Citate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen,
und dass sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im
wachen Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traum-
hypermnesie will ich hier noch mittheilen, weil sich bei ihm die
Quelle, aus welcher die nur dem Traum zugängliche Kenntnis
stammte, sehr leicht auffinden liess.
Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, dass
er sich in einem Caféhaus eine „Kontuszówka“ geben lasse, fragte
aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen
nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszówka sei ein polnischer
Schnaps, den er im Traum nicht erfunden haben könne, da mir der
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem
er seinen Traum im Caféhaus hatte zur Wirklichkeit werden lassen,
bemerkte er den Namen auf einem Plakate, und zwar an einer Strassen-
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte
passiren müssen.S.
9
Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Repro-
duction bezieht, zum Theil solches, das in der Denkthätigkeit des
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kindheits-
leben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies bemerkt
und betont haben:
Hildebrandt35) (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben
worden, dass der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproductions-
kraft uns ganz abgelebte und selbst vergessene Vorgänge aus fernster
Zeit treu vor die Seele zurückführt.“
Strümpell66) (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner
Localitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloss auf
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewusstsein
gewonnen oder sich mit starken psychischen Werthen verbunden haben,
und nun später im Traum als eigentliche Erinnerungen wiederkehren,
an denen das erwachte Bewusstsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum-
gedächtnisses umfasst vielmehr auch solche Bilder von Personen,
Dingen, Localitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder
nur ein geringes Bewusstsein oder keinen psychischen Werth besassen
oder längst das Eine wie das Andere verloren hatten und deshalb
auch sowohl im Traum wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd
und unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“
Volkelt72) (p. 119): „Besonders bemerkenswerth ist es, wie gern
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“
Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
bekanntlich zum grössten Theil in die Lücken der bewussten
Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Anlass zur Entstehung von inter-
essanten hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige
Beispiele mittheilen will.
Maury48) erzählt (p. 92), dass er von seiner Vaterstadt Meaux als
Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, wo
sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt ihn
der Traum nach Trilport und lässt ihn wieder in den Strassen der
Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform
trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er
heisse C. . . und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiss, lautet die Ant-
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge-
baut hat.S.
10
Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem
Herrn F. —, der als Kind in Montbrison aufgewachsen war.
Dieser Mann beschloss 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be-
suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, dass er am
Ziele ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen
unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein
Freund seines Vaters. Der Träumer wusste, dass er einen Herrn
dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Mont-
brison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Localität
des Traumes wieder und begegnet einen Herrn, den er sofort als
den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker
gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in
einem Traum eine Person, von der ich im Traum wusste, es sei der
Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer,
den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die beiden
Personen verknüpfte, konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig
machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzt dieser meiner
ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, dass er einäugig gewesen war,
und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die des
Arztes im Traum gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, dass ich
den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im
wachen Leben niemals an ihn gedacht.Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergrosse
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden,
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen liessen
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert55)
(p. 46) äussert sogar: Im Allgemeinen beschäftigt sich der normale
Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage. Wir
werden allerdings erfahren, dass die von Robert aufgebaute Theorie
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Verschiebung
der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Thatsache aber,
der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter-
suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor
Nelson56) meint, am häufigsten fänden sich im Traum Eindrücke vom
Tage vor dem Traumtag oder vom dritten Tag vorher verwerthet,
als ob die Eindrücke des dem Traum unmittelbar vorhergehenden
Tages nicht abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, aufge-
fallen, dass Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf-
fen,S.
11
tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages
gedankenarbeit einigermassen zur Seite gedrängt worden sind. So
träumt man in der Regel von einem lieben Todten nicht die erste
Zeit, so lange die Trauer den Ueberlebenden ganz ausfüllt. (Delage)15).
Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miss Hallam33), auch Bei-
spiele vom gegentheiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen
Punkt das Recht der psychologischen Individualität.Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigenthüm-
lichkeit des Gedächtnisses im Traum zeigt sich in der Auswahl des
reproducirten Materiales, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut-
samste, sondern im Gegentheil auch das Gleichgültigste, Unschein-
barste der Erinnerung werth gehalten wird. Ich lasse hierüber jene
Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräf-
tigsten Ausdruck gegeben haben.Hildebrandt35) (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, dass
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den grossen und
tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen
Zugaben, so zu sagen aus den werthlosen Brocken der jüngst ver-
lebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der
erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken
wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse,
bis ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die-
selbe zurückkehren lässt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick
mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt
eine Rolle in unserem Traume“.Strümpell66) (p. 39): „… solche Fälle, wo die Zerlegung eines
Traumes Bestandtheile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb-
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so
unbedeutend und werthlos für das wache Bewusstsein waren, dass
sie kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen
Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Aeusserungen oder oberflächlich
bemerkte Handlungen eines Anderen, rasch vorübergegangene Wahr-
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus
einer Lectüre u. dgl.“Havelock Ellis23) (p. 727): „The profound emotions of waking
life, the questions and problems on which we spread our chief volun-
tary mental energy, are not those which usually present themselves
at once to dream consciousness. It is so far as the immediate past
is concerned, mostly the trifling, the incidental, the „forgotten“ impres-
sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic acti-
vities that are awake most intensely are those that sleep most pro-
foundly.“Binz4) (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigenthüm-
lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlass, seine Unbefriedi-S.
12
gung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes
auszusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen.
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der
letztverlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbares
Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit?
Warum empfängt im Traum das Bewusstsein so oft den Eindruck
gleichgiltiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo
sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist
stumm und starr liegen, es sei denn, dass eine acute Auffrischung
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?“Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum-
gedächtnisses für das Gleichgiltige und darum Unbeachtete an den
Tageserlebnissen zumeist dazu führen musste, die Abhängigkeit des
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens
den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren.
So war es möglich, dass Miss Whiton Calkins12) bei der statistischen
Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der An-
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung
Recht, dass sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden,
wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten,
ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst
mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens
darauf hinaus, allerlei psychisch ganz werthlose Dinge in den ab-
gelegensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei
völlig indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Ver-
schüttung, die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte,
wieder zu Tage zu fördern.“ Ich muss aber doch bedauern, dass
der scharfsinnige Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar
beginnenden Weges abhalten liess; er hätte ihn unmittelbar zum Centrum
der Traumerklärung geleitet.Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be-
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt,
dass „Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren
gehen kann (Scholz,59) p. 34). Oder, wie Delboeuf16) es ausdrückt,
„que toute impression même la plus insignifiante, laisse une trace
inaltérable, indéfiniment susceptible de reparaître au jour,“ ein Schluss,
zu welchem so viele andere, pathologische Erscheinungen des Seelen-
lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese ausserordentliche
Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traum vor Augen, um den
Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu erwähnende
Traumtheorien aufstellen müssen, welche die Absurdität und In-
cohaerenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns bei Tag
Bekannten erklären wollen.Man könnte etwa auf den Einfall gerathen, das Phänomen des
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduciren, im Traum dieS.
13
Aeusserung einer auch Nachts nicht rastenden Reproductionsthätigkeit
sehen, die sich Selbstzweck ist. Mittheilungen wie die von Pilcz51)
würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwischen der
Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nachweisbar sind in
der Weise, dass im tiefen Schlaf Eindrücke aus den ältesten Zeiten,
gegen Morgen aber recente Eindrücke vom Traum reproducirt
werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorneherein un-
wahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu erinnern-
den Material verfährt. Strümpell66) macht mit Recht darauf auf-
merksam, dass Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das
folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von
Reproductionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, dass es eine
theoretische Verwerthung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor,
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt wie
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von
einem seiner Universitätscollegen (der gegenwärtig in Wien lehrt),
dass er im Traume eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er
einem Unfall nur wie durch ein Wunder entging, mit all
ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miss Calkins12)
erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduction eines Er-
lebnisses vom Vortag zum Inhalt hatten, und ich selbst werde später
hin Anlass nehmen, ein mir bekannt gewordenes Beispiel von un-
veränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzutheilen.c) Traumreize und Traumquellen.
Was man unter
Traumreizen und Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine
Berufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen“ ver-
deutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes er-
fasst. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes
im Schlaf sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaction auf
diese Störung.Die Erörterung über die erregenden Ursachen der Träume
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein.
Dass das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver-
ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt,
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloss der Traum, aus
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob
sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm-
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung,
ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder viel-
mehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen an-
zunehmen, dass die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen desS.
14
Träumens, mannigfaltiger Art sein können, und Leibreize ebenso
wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen.
In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den Traum-
quellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach
ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die An-
sichten weit auseinander.Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er-
geben sich schliesslich vier Arten derselben, die auch zur Ein-
theilung der Träume verwendet worden sind:1. Äussere (objective) Sinneserregung.
2. Innere (subjective) Sinneserregung.
3. Innerer (organischer) Leibreiz.
4. Rein psychische Reizquellen.ad 1. Die äusseren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell,
der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns
bereits mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat
bekanntlich die Beobachtung eines Kranken mitgetheilt, der mit all-
gemeiner Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der
höheren Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne
die wenigen noch offenen Sinnespforten von der Aussenwelt abschloss,
verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle
eine Situation anzustreben, die jener im Strümpell’schen Experimente
ähnlich ist. Wir verschliessen die wichtigsten Sinnespforten, die
Augen, und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede
Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen
dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können
weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten noch
die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Dass wir durch
stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, „dass
die Seele auch im Schlaf in fortdauernder Verbindung mit der
ausserleiblichen Welt“ geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während
des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.Von solchen Reizen gibt es nun eine grosse Reihe von den un-
vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur
gelegentlich zulassen muss, bis zum zufälligen Weckreiz, welcher
geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen.
Es kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich
vernehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut er-
regen. Wir können im Schlaf durch ungewollte Bewegungen einzelne
Körpertheile entblössen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen,
oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungsem-
pfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein
kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen.
Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von
Träumen gesammelt, in welchen der beim Erwachen constatirte ReizS.
15
und ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, dass der
Reiz als Traumquelle erkannt werden konnte.Eine Sammlung solcher auf objective – mehr oder minder
accidentelle – Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier
nach Jessen,36) p. 527, an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch
erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt
uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in
das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer
Thür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir
des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, dass
wir nackt umhergehen oder dass wir in’s Wasser gefallen sind. Wenn
wir schräg im Bett liegen und die Füsse über den Rand desselben
herauskommen, so träumt uns vielleicht, dass wir am Rande eines
schrecklichen Abgrundes stehen, oder dass wir von einer steilen Höhe
hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so
hängt ein grosser Felsen über uns, und steht im Begriff, uns unter
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol-
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Misshandlungen,
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen…„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle
1758, S. 33) träumte einmal, dass er von einigen Personen überfallen
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde
hinlegten, und ihm zwischen die grosse und die nächste Zehe einen
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traum vorstellte,
erwachte er und fühlte, dass ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen
stecke. Demselben soll nach Hennings (Von den Träumen und
Nachtwandlern. Weimar 1784, S. 258) ein anderes Mal, als er sein
Hemde am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben,
dass er gehenkt würde. Hoffbauer träumte in seiner Jugend, von
einer hohen Mauer hinabzufallen, und bemerkte beim Erwachen, dass
die Bettstelle auseinander gegangen und dass er wirklich gefallen
war… Gregory berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen
eine Flasche mit heissem Wasser an die Füsse gelegt und darauf im
Traum eine Reise auf die Spitze des Aetna gemacht, wo er die Hitze
des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein Anderer träumte nach
einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, dass er von einem
Haufen von Indianern scalpiert werde; ein Dritter, der in einem feuchten
Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. Ein
im Schlaf eintretender Anfall von Podagra liess einen Kranken glauben,
er sei in den Händen der Inquisition und erdulde die Qualen der
Folter (Macnish).“Das auf die Aehnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge-
gründete Argument lässt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei
einem Schlafenden durch planmässige Anbringung von Sinnesreizen
dem Reiz entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat
nach Macnish schon Giron de Buzareingues angestellt. „ErS.
16
liess seine Knie unbedeckt und träumte, dass er in der Nacht auf
einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei, dass Reisende wohl wissen
würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden.
Ein anderes Mal liess er den Kopf hinten unbedeckt und träumte,
dass er einer religiösen Ceremonie in freier Luft beiwohne. Es war
nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets
bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen, wie die
eben genannte.“Maury48) theilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.)
1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge-
kitzelt. – Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve
wird ihm auf’s Gesicht gelegt, dann weggerissen, so dass die Haut
mitgeht.
2. Man wetzt eine Schere an einer Pincette. – Er hört Glocken
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848
versetzt.
3. Man lässt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im
Laden von Johann Maria Farina. Daran schliessen sich tolle Aben-
teuer, die er nicht reproduciren kann.
4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, dass
man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der
ihn als Kind behandelt hat.
5. Man nähert ein heisses Eisen seinem Gesicht. Er träumt von
den „Heizern“*), die sich in’s Haus eingeschlichen haben und die
Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die
Füsse in’s Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von
Abrantés auf, deren Secretär er im Traume ist.
8. Man giesst ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. – Er
ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weissen Wein von
Orvieto.
9. Man lässt wiederholt durch ein rothes Papier das Licht einer
Kerze auf ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und befindet
sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Canal La
Manche mitgemacht.
Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren
von d’Hervey34), Weygandt76) u. A. her.
Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt
in seine Gebilde zu verweben, dass sie in diesen eine allmählich schon
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“. (Hildebrandt.)35)
„In jüngeren Jahren“ erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu Zeiten,
um regelmässig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des bekannten,
*) „Chauffeurs“ hiessen Banden von Räubern in der Vendée, die sich dieser
Tortur bedienten.S.
17
Experimentelle Träume. – Träume auf den Weckreiz.
meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu hundertmalen
ist mir’s begegnet, dass der Ton dieses Instrumentes in einen ver-
meintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum dergestalt
hineinpasste, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn angelegt
sei, und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, sein
natürlich gewiesenes Endziel fände.“
Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht
citiren.Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Componisten träumte einmal,
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen.
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit
der Frage: „Hast du mich verstanden?“ Dieser schreit wie ein
Besessener: „O ja.“ Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien.
Doch schon schreit die ganze Classe: „Orja“. Hierauf: „Eurjo“.
Und endlich: „Feuerjo!“ Und nun erwacht er von wirklichem
Feuerjo-Geschrei auf der Strasse.Garnier (Traité des facultés de l’âme, 1865) bei Radestock54)
berichtet, dass Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine
aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte,
und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die Kano-
nade der Oesterreicher wieder erleben liess, bis er mit dem Ausruf
aufschreckte: „Wir sind unterminirt.“Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury48) erlebt
hat. (p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine
Mutter sass neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft
zur Zeit der Revolution, machte gräuliche Mordscenen mit und wurde
dann endlich selbst vor den Gerichtshof citirt. Dort sah er Robes-
pierre, Marat, Fouquier-Tinville und alle die traurigen Helden
jener grässlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei
Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixirten, verurtheilt
und dann von einer unübersehbaren Menge begleitet auf den Richtplatz
geführt. Er steigt auf’s Schaffot, der Scharfrichter bindet ihn auf’s
Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt,
wie sein Haupt vom Rumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten
Angst auf – und findet, dass der Bettaufsatz herabgefallen war und
seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer einer Guillotine –
getroffen hatte.An diesen Traum knüpft sich eine interessante, von Le Lorrain45)
und Egger20) in der Revue philosophique eingeleitete Discussion, ob
und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum,
der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen
verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt
zusammenzudrängen.Beispiele dieser Art lassen die objectiven Sinnesreizungen während
des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen
erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzigFreud, Traumdeutung. 2
S.
18
und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst
der Traumlitteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu Stande
kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen ihm
bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch einen
nach dem Erwachen erkannten objectiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde.
Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht Halt machen;
sie schöpft den Anlass zu weiteren Fragen aus der Beobachtung, dass
der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume
ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend
eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Be-
ziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und
den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maury’s47) „une
affinité quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive“ (p. 72).
Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandt’s; man wird
sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so ver-
schiedene, und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief:(p. 37) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be-
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig!
Es ist ja Sonntag, und der Frühgottesdienst wird bald beginnen.
Ich beschliesse, an diesem theilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas
echauffirt bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich abzu-
kühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre ich
den Glöckner den Thurm hinansteigen, und sehe nun in der Höhe
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos
da, dann fängt sie an zu schwingen – und plötzlich ertönen ihre
Schläge hell und durchdringend – so hell und durchdringend, dass
sie meinem Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen
von dem Wecker.“„Eine zweite Combination. Es ist heller Wintertag; die Strassen
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Theilnahme an einer
Schlittenfahrt zugesagt, muss aber lange warten, bis die Meldung
erfolgt, der Schlitten stehe vor der Thür. Jetzt erfolgen die Vor-
bereitungen zum Einsteigen – der Pelz wird angelegt, der Fusssack
hervorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch
verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das
fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten
Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer
Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes zerreisst.
Wieder ist’s nichts anderes, als der schrille Ton der Weckerglocke.“„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit
einigen Dutzend aufgethürmter Teller den Corridor entlang zum Speise-
zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in
Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. „Nimm dich in Acht“, warneS.
19
ich, „die ganze Ladung wird zur Erde fallen.“ Natürlich bleibt der
obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt
u. s. w., während dessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis
die Wandelnde begleite. Richtig, an der Thürschwelle erfolgt ein
Straucheln, – das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt
in hundert Scherben auf dem Fussboden umher. Aber – das endlos
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches
Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; – und mit diesem Klingeln
hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine
Schuldigkeit gethan.“Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objectiven
Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell66) – und fast ebenso von
Wundt76) – dahin beantwortet worden, dass sie sich gegen solche im
Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung
befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, richtig ge-
deutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach
allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark,
deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns die für diese Ueberlegung
erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen nicht
erfüllt, so verkennen wir das Object, von dem der Eindruck herrührt;
wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn Jemand auf
freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand undeutlich
wahrnimmt, kann es kommen, dass er denselben zuerst für ein Pferd
hält.“ Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer ruhenden Kuh
sich aufdrängen, und endlich kann sich die Vorstellung mit Bestimmt-
heit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. Aehnlich
unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im
Schlafe durch äussere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben
Illusionen, indem durch den Eindruck eine grössere oder kleinere
Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der
Eindruck seinen psychischen Werth bekommt. Aus welchem der
vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen
Bilder geweckt werden, und welche der möglichen Associations-
beziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell
unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens überlassen.Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, dass
die Gesetzmässigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu
verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der
durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen
Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermuthung ge-
rathen, dass die im Schlaf angreifende objective Sinnesreizung als
Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt, und dass andere
Momente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter-
miniren. In der That, wenn man die experimentell erzeugten Träume
Maury’s prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgetheilt
habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch decktS.
20
I. Literatur der Traumprobleme.
eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft, und
der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im
Einzelnen bestimmt, als dass er durch die eine Anforderung, er müsse
sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt
werden könnte. Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie und
an der Macht des objectiven Eindrucks, den Traum zu gestalten, zu
zweifeln, wenn man erfährt, dass dieser Eindruck gelegentlich die
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So
erzählt z. B. M. Simon63) einen Traum, in dem er riesenhafte Personen
bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper hörte,
das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als
er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbei
galoppirenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade
Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gulliver’s Reisen,
Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag und in den tugend-
haften Pferdewesen wachgerufen hat, – wie ich ohne alle Unter-
stützung von Seite des Autors etwa deuten möchte – sollte die Aus-
wahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht
ausserdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?ad 2. Innere (subjective) Sinneserregung.
Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen,
dass die Rolle objectiver Sinneserregungen während des Schlafes als
Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer
Natur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle
Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach
anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich
weiss nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den
äusseren Sinnesreizen die inneren (subjectiven) Erregungen in den
Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Thatsache, dass
dies in allen neueren Darstellungen der Traumatologie mehr oder
minder nachdrücklich geschieht. Eine wesentliche Rolle spielen
ferner, wie ich glaube*), sagt Wundt76) (p. 363), „bei den Traum-
illusionen jene subjectiven Gesichts- und Gehörempfindungen, die
uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos des dunkeln Gesichts-
feldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen u. s. w. bekannt sind, unter-
ihnen namentlich die subjectiven Netzhauterregungen. So erklärt
sich die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz
übereinstimmende Objecte in der Mehrzahl dem Auge vorzu-
zaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen,
Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Licht-
staub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen,
und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden
von dem Traum in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen
der Beweglichkeit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände an-
geschaut werden. – Hierin wurzelt wohl auch die grosse Neigung
des Traumes zu den mannigfachsten Thiergestalten, deren Formen-S.
21
reichthum sich der besonderen Form der subjectiven Lichtbilder
leicht anschmiegt.“Die subjectiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum-
bilder offenbar den Vorzug, dass sie nicht wie die objectiven vom
äusseren Zufall abhängig sind. Sie stehen so zu sagen der Erklärung
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den
objectiven Sinnesreizen darin zurück, dass sie jener Bestätigung ihrer
Rolle als Traumerregern, welche Beobachtung und Experiment bei
den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind.
Den Hauptbeweis für die traumerregende Macht subjectiver Sinnes-
erregungen erbringen die sogenannten hypnagagogischen Hallucinationen,
die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen“
beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechsel-
volle Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens, bei vielen
Menschen ganz regelmässig einzustellen pflegen, und auch nach dem
Oeffnen der Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury,48)
der ihnen im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine ein-
gehende Würdigung zugewendet und ihren Zusammenhang, ja viel-
mehr ihre Identität mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh.
Müller) behauptet. Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine
gewisse seelische Passivität, ein Nachlass der Aufmerksamkeitsspan-
nung erforderlich. (p. 59 u. f.) Es genügt aber, dass man auf eine Secunde
in solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine hypna-
gogische Hallucination zu sehen, nach der man vielleicht wieder
aufwacht, bis das sich mehrmals wiederholende Spiel mit dem Ein-
schlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit, so
gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben Bilder nachzu-
weisen, die einem als hypnagagogische Hallucinationen vor dem Ein-
schlafen vorgeschwebt haben. (p. 134.) So erging es Maury einmal mit
einer Reihe von grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und sonder-
baren Frisuren, die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der
Periode des Einschlafens belästigten, und von denen er nach dem
Erwachen sich erinnerte geträumt zu haben. Ein andermal, als er
gerade an Hungergefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte,
sah er hypnagagogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete
Hand, die sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume
befand er sich an einer reich gedeckten Tafel und hörte das Geräusch,
das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er
mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die
hypnagagogische Hallucination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die
er mit grosser Anstrengung einzeln entziffern musste; nach einer
Stunde aus dem Schlaf geweckt, erinnerte er sich an einen Traum,
in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt,
vorkam, welches er mühselig hätte durchlesen müssen.Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshallucinationen
von Worten, Namen u. s. w. hypnagagogisch auftreten und dann im TraumS.
22
I. Literatur der Traumprobleme.
sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leitmotive
der mit ihr beginnenden Oper ankündigt.
Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Hallucinationen,
G. Trumbull Ladd40). Er brachte es durch Uebung dahin, dass er
sich 2–5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem
Schlaf reissen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann
die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen
mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen.
Er versichert, dass sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen
beiden erkennen liess in der Weise, dass die leuchtenden Punkte
und Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umriss-
zeichnung, das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traum-
gestalten brachten. Einem Traum z. B., in welchem er deutlich
gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studirte, entsprach
eine Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen
Linien. Um es mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte
Seite, die er im Traum gelesen, löste sich in ein Object auf, das
seiner wachen Wahrnehmung erschien wie ein Stück eines reellen
bedruckten Blattes, das man aus allzu grosser Entfernung, um etwas
deutlich auszunehmen, durch ein Löchelchen in einem Stück Papier
ansieht. Ladd meint, ohne übrigens den centralen Antheil des
Phänomens zu unterschätzen, dass kaum ein visueller Traum in
uns abläuft, der sich nicht an das Material der inneren Erregungs-
zustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume
kurz nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die
Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objective, im erhellten
Zimmer in’s Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. Der
wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigenlicht-
erregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere
Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen von Ladd
Bedeutung beimisst, wird man die Ergiebigkeit dieser subjectiven
Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn
Gesichtsbilder machen bekanntlich den Hauptbestandtheil unserer
Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den
des Gehörs ist geringfügiger und inconstant.
ad 3. Innerer, organischer Leibesreiz. Wenn wir auf
dem Wege sind, die Traumquellen nicht ausserhalb, sondern inner-
halb des Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern,
dass fast alle unsere inneren Organe, die im Zustande der Gesund-
heit uns kaum Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von
Reizung – die wir so heissen – oder in Krankheiten eine Quelle von
meist peinlichen Empfindungen für uns werden, welche den Erregern
der von aussen anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleich-
gestellt werden muss. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B.
Strümpell66) zu der Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangtS.
23
im Schlaf zu einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewusstsein
von ihrer Leiblichkeit, als im Wachen, und ist genöthigt, gewisse Reiz-
eindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Theilen
und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen
nichts wusste.“ Schon Aristoteles1) erklärt es für sehr wohl möglich,
dass man im Traum auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam
gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt (kraft
der Vergrösserung, die der Traum den Eindrücken angedeihen lässt,
siehe p. 1), und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich
ferne lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben
wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes
gelten lassen. (Vgl. M. Simon,63) (p. 31), und viele ältere Autoren.)Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So
z. B. berichtet Tissié68) nach Artigues, Essai sur la valeur séméio-
logique des rêves die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim-
gesucht wurde und bei der ärztliche Untersuchung dann eine beginnende
Herzaffection aufwies, welcher sie alsbald erlag.Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird
auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken
hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass ich mich hier mit
der blossen Verweisung auf die Litteratur (Radestock,54) Spitta,64)
Maury, M. Simon, Tissié6) begnügen kann. Tissié meint sogar, dass
die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische Gepräge
aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich sehr kurz
und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt im Inhalt
derselben die Situation des Todes unter grässlichen Umständen eine
Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Gedränge, Flucht
und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraum unterworfen,
den übrigens Börner7) durch Lagerung auf’s Gesicht, durch Ver-
deckung der Respirationsöffnungen experimentell hat hervorrufen
können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstellungen aus
dem Kreise des Geniessens und des Ekels. Der Einfluss sexueller
Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung
eines jeden Einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre von
der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.Es ist auch, wenn man die Litteratur des Traumes durcharbeitet,
ganz unverkennbar, dass einzelne der Autoren (Maury,48) Wey-
gandt75)) durch den Einfluss ihrer eigenen Krankheitszustände auf den
Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen ge-
führt worden sind.Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest-
gestellten Thatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinenS.
24
möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden –
vielleicht bei Allen, vielleicht allnächtlich – einstellt, und das Organ-
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler
Menschen die Reizquelle sein mag.Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine
Traumquelle zu stossen, die reichlicher fliesst als jede frühere und
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher-
gestellt ist, dass das Körperinnere im kranken Zustande zur Quelle
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, dass die Seele im
Schlafzustande, von der Aussenwelt abgelenkt, dem Inneren des Leibes
grössere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen,
dass die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen,
die irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele
gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl
nur seiner Qualität nach wahrnehmen, und wozu nach der Meinung
der Aerzte alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde Nachts,
zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Compo-
nenten thätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle
für die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte
dann noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organ-
reize in Traumvorstellungen umsetzen.Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt,
welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist.
Das Dunkel, in welches den Kern unseres Wesens, das „moi splanch-
nique“ wie Tissié68) es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel
der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in
Beziehung zu einander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher
die vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies
für den Arzt den anderen Anreiz, dass er Traum und Geistesstörung,
die soviel Uebereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch
aetiologisch vereinigen lässt, denn Alterationen des Gemeingefühls
und Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer
weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt.
Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibniztheorie sich
auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurück-
führen lässt.Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang mass-
gebend, den den Philosoph Schopenhauer69) im Jahre 1851 ent-
wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, dass unser
Intellect die ihn von aussen treffenden Eindrücke in die Formen der
Zeit, des Raumes und der Causalität umgiesst. Die Reize aus dem
Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her,
äussern bei Tag höchstens einen unbewussten Einfluss auf unsere
Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung derS.
25
Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern herauf
dringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – ähnlich
wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages
unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellect auf diese
Reize reagiren, als indem er seine ihm eigenthümliche Function voll-
zieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten,
die sich am Leitfaden der Causalität bewegen, umformen, und so
entsteht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen
und Traumbildern versuchen dann Scherner58) und nach ihm
Volkelt72) einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt
über die Traumtheorien aufsparen.In einer besonders consequent durchgeführten Untersuchung hat
der Psychiater Krauss39) die Entstehung des Traumes wie der Delirien
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be-
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines
Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte
Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der
Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die specifischen, den Haupt-
systemen des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon
wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen,
b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die
peripherischen.“ (p. 33 des zweiten Artikels.)Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib-
reize nimmt Krauss folgendermassen an: Die geweckte Empfindung
ruft nach irgend einem Associationsgesetz eine ihr verwandte Vor-
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde,
gegen welches sich aber das Bewusstsein anders verhält als normal.
Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit,
sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, was zu-
gleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt so lange verkannt
werden konnte. (p. 11 u. f.) Krauss findet für den Vorgang auch
den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der Empfin-
dungen in Traumbilder. (p. 24.)Der Einfluss der organischen Leibreize auf die Traumbildung
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem
Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals
mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem
Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung,
den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen
Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner58) auf-
gefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der miss-
lichen Thatsache, dass die organische Reizquelle sich eben durch
nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verräth.Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener
Traumformen gestaltet, die man als „typische“ bezeichnet hat, weil sieS.
26
bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es
sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom
Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, dass man
nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von
der im Schlaf gemachten Wahrnehmung herrühren, dass man die
Bettdecke abgeworfen hat und nun entblösst daliegt. Der Traum vom
Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz“ zurückgeführt, womit aber nicht
ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht.
Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell66) das von der Seele ge-
brauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden
Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das
Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewusstlosigkeit herabgesunken
ist. Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform
des Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus
der Höhe soll seinen Anlass haben, dass bei eingetretener Bewusst-
losigkeit des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom Körper
herabsinkt oder ein eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wo-
durch das Gefühl des Hautdruckes wieder bewusst wird, der Ueber-
gang zum Bewusstwerden aber als Traum vom Niederfallen sich
psychisch verkörpert (Strümpell, p. 118). Die Schwäche dieser
plausibeln Erklärungsversuche liegt offenbar darin, dass sie ohne
weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfindungen aus
der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen
lassen, bis die für die Erklärung günstige Constellation hergestellt
ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen
Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.M. Simon63) hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluss der Organreize
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34):
Wenn im Schlaf irgend ein Organapparat, der normaler Weise am
Ausdruck eines Affectes betheiligt ist, durch irgend einen anderen
Anlass sich in dem Erregungszustande befindet, in den er sonst bei
jenem Affect versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum
Vorstellungen enthalten, die dem Affect angepasst sind.Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich
im Schlafe in Thätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung
der organischen Function beziehen, die jener Apparat versieht.Mourly Vold73) hat es unternommen, den von der Leibreiztheorie
supponirten Einfluss auf die Traumerzeugung für ein einzelnes Gebiet
experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, die Stellungen der
Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge mit seinen
Abänderungen verglichen. Er theilt folgende Sätze als Ergebniss mit:
1. Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr der
in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand
des Gliedes, welcher dem realen entspricht.S.
27
Typische Träume. – Die psychischen Traumquellen.
2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist
diese immer so, dass eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden
Stellungen der wirklichen entspricht.
3. Man kann die Stellung des eigenes Gliedes im Traum auch
einer fremden Person zuschieben.
4. Man kann auch träumen, dass die betreffende Bewegung
gehindert ist.
5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traum als
Thier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider
hergestellt wird.
6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traum Gedanken an
regen, die zu diesem Glied irgend eine Beziehung haben. So z. B.
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
Ich würde aus solchen Ergebnissen schliessen, dass auch die
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag.
ad 4. P s y c h i s c h e R e i z q u e l l e n. Als wir die Beziehungen
des Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummateriates
behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der
neuesten Traumforscher, dass die Menschen von dem träumen, was
sie bei Tag treiben und was sie im Wachen interessirt. Dieses aus
dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht
nur ein psychisches Band, das den Traum an’s Leben knüpft, sondern
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben
dem im Schlaf interessant Gewordenen, – den während des Schlafes ein
wirkenden Reizen, – ausreichen sollte, die Herkunft der Traumbilder
aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen obige
Behauptung gehört, nämlich dass der Traum den Schläfer von den
Interessen des Tages abzieht, und dass wir – meistens – von den
Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann
träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Actualität ver-
loren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei
jedem Schritt den Eindruck, dass es unstatthaft ist, allgemeine Regeln
aufzustellen, ohne durch ein „oft“, „in der Regel“, „meistens“ Ein-
schränkungen vorzusehen und auf die Giltigkeit der Ausnahmen vor-
zubereiten.
Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äusseren Schlaf-
reizen zur Deckung der Traumaetiologie ausreichte, so müssten wir
im Stande sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- friedigende Rechenschaft zu geben; das Räthsel der Traumquellen
wäre gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe, den Antheil der
psychischen und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen
abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines
Traumes noch in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht
hat, sind – meist sehr reichlich – Traumbestandtheile übrig geblieben,
über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tages-S.
28
interesse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als
man nach den zuversichtlichen Behauptungen, dass jeder im Traum
sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen
also alle in der Litteratur vertretenen Traumerklärungen – mit Aus-
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner58) – eine grosse
Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum am
meisten charakteristischen Materiales an Vorstellungsbildern handelt. In
dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung ent-
wickelt, dem psychischen Antheil an der Traumerregung, dem so
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden
zwar als Haupteintheilung den Nervenreiz-
und den Associa-
tionstraum, welch letzteren ausschliesslich in der Reproduction
seine Quelle findet (Wundt76) p. 365), aber sie können den Zweifel
nicht los werden, „ob sie sich ohne anstossgebenden Leibreiz einstellen“
(Volkelt72) p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Associa-
tionstraumes versagt: „In den eigentlichen Associationsträumen kann von
einem solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier dringt
die lose Gruppirung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das
ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben
ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib-
und Seelenerregungen
nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten
Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln
überlassen“ (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen
Antheils an der Traumerregung versucht dann Wundt, indem er aus-
führt, dass man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine
Hallucinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvor-
stellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinnes-
eindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“ (p. 359 u. f.)
Weygandt75) hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verall-
gemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, dass „ihre
nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schliessen sich reproduc-
tive Associationen“ (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psy-
chischen Reizquellen geht Tissié68) (p. 183): Les rêves d’origine
absolument psychique n’existent pas, und anderswo (p. 6): les pensées
de nos rêves nous viennent du dehors. . . .Diejenigen Autoren, welche wie der einflussreiche Philosoph
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken,
dass in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten
oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes
zusammenwirken.Wir werden später erfahren, dass das Räthsel der Traumbildung
durch die Aufdeckung einer unvermutheten psychischen Reizquelle
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Ueberschätzung
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung
nicht verwundern. Nicht nur dass diese allein leicht aufzufinden undS.
29
selbst durch’s Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die
somatische Auffassung der Traumstehung, durchwegs der heute in
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirnes
über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber alles,
was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren orga-
nischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Aeusserungen
erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen An-
erkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen
Seelenwesens wiederbringen müsste. Das Misstrauen des Psychiaters
hat die Psyche gleichsam unter Curatel gesetzt und fordert nun, dass
keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrathe. Doch zeigt
dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen Zutrauen
in die Haltbarkeit der Causalverkettung, die sich zwischen Leiblichem
und Seelischen erstreckt. Selbst wo das Psychische sich bei der Er-
forschung als der primäre Anlass eines Phänomens erkennen lässt,
wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur
organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo
aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die End-
station bedeuten müsste, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden.
d) Warum man den Traum nach dem Erwachen
vergisst?Dass der Traum am Morgen „zerrinnt“, ist sprichwörtlich.
Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum
ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir
glauben sehr oft, dass wir ihn nur unvollständig erinnern, während
in der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie
eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages
bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, dass wir ge-
träumt haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an
die Erfahrung, dass der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so
gewöhnt, dass wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, dass
auch der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder
vom Inhalt noch von der Thatsache des Träumens etwas weiss.
Andererseits kommt es vor, dass Träume eine ausserordentliche Halt-
barkeit im Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten
Träume analysirt, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet
hatten, und kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch
mindestens 37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an
seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüsst hat. Dies alles ist sehr
merkwürdig und zunächst nicht verständlich.Ueber das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
Strümpell.6) Dies Vergessen ist offenbar ein complexes Phänomen,
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf
eine ganze Reihe von Gründen zurück.Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegenS.
30
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie
geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe
ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen
weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe
erinnert werden. Uebrigens ist das Moment der Intensität für sich allein
sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder; Strüm-
pell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins)12) zu, dass man häufig
Traumbilder rasch vergisst, von denen man weiss, dass sie sehr leb-
haft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr
viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt
man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet
hat, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte.
Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse;*) diese
Eigenthümlichkeit wird gleichmässig zum Vergessen aller Träume
beitragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens.
Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken u. s. w. eine gewisse
Erinnerungsgrösse erlangen, ist es nothwendig, dass sie nicht vereinzelt
bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender
Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und
schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken.
„Wohlgeordnet und in sachgemässer Folge hilft ein Wort dem andern
und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest.
Widersinniges behalten wir im Allgemeinen ebenso schwer und ebenso
selten wie das Verworrene und Ordnungslose.“ Nun fehlt den Träumen
in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traum-
compositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Ge-
dächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den
nächsten Zeitmomenten aneinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen
stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock54) (p. 168) bemerkt
haben will, dass wir gerade die sonderbarsten Träume am besten
behalten.Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum
und Wachleben ableiten. Die Vergesslichkeit der Träume für
das wache Bewusstsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück
zu der früher erwähnten Thatsache, dass der Traum (fast) nie ge-
ordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten
aus demselben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen
Verbindungen reisst, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die
Traumcomposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psy-
chischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle
Erinnerungshilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde
*) Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden, vgl.
die Sammlung von Chabaneix.11)S.
31
gleichsam von dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im
psychischen Raum wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte
Athem rasch verweht“ (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der
Umstand, dass mit dem Erwachen sofort die herandrä-
ngende Sinneswelt die Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so dass vor dieser
Macht die wenigsten Traumbilder Stand halten können. Diese weichen
vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne
vor dem Licht der Sonne.An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume
der Thatsache zu gedenken, dass die meisten Menschen ihren Träumen
überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als
Forscher eine Zeit lang für den Traum interessirt, träumt während dess
auch mehr als sonst, das heisst wohl: er erinnert seine Träume
leichter und häufiger.Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli
(bei Benini3)) zu den Strümpell’schen hinzugefügt, sind wohl bereits
in diesen enthalten, nämlich 1. dass die Veränderung des Gemein-
gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro-
duction ungünstig ist, und 2. dass die andere Anordnung des Vor-
stellungsmateriales im Traume diesen so zu sagen unübersetzbar für’s
Wachbewusstsein macht.Nach all diesen Gründen für’s Vergessen wird es, wie Strüm-
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, dass soviel von den
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten
Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu
fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, dass auch hier etwas
räthselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne
Eigenthümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings be-
sonders bemerkt worden, z. B. dass man einen Traum, den man
am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlass einer
Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen
Inhalt des Traumes anrührt (Radestock64) Tissié68)). Die ge-
sammte Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die
geeignet ist, ihren Werth in kritischen Augen recht ausgiebig herab-
zusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom
Traum weglässt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht.Solche Zweifel an der Exactheit der Reproduction des Traumes
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, dass
das wache Bewusstsein unwillkürlich Manches in die Erinnerung des
Traumes einfügt: man bildet sich ein Allerlei geträumt zu haben,
was der gewesene Traum nicht enthielt.“Besonders entschie-
den äussert Jessen36) (p. 547):
„Ausserdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu-
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, dass es
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einenS.
32
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be-
merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und
ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender
Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung
erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum
möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und
ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch-
lichen Geistes, Alles im Zusammenhange zu erblicken ist so gross,
dass er bei der Erinnerung eines einigermassen unzusammenhängenden
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.“
Fast wie eine Uebersetzung dieser Worte Jessen’s klingen die
doch gewiss selbständig concipirten Bemerkungen von V. Egger:20)„. . . L’observation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul
moyen d’éviter toute erreur en pareille matière est de confier au
papier sans le moindre retard ce que l’on vient d’éprouver et de
remarquer; sinon, l’oubli vieut vite ou total ou partiel; l’oubli total
est sans gravité; mais l’oubli partiel est perfide; car si l’on se met
ensuite à raconter ce que l’on n’a pas oublié, on est exposé à
compléter par imagination les fragments incohérents et disjoints
fourni par la mémoire . . . ; on devient artiste à son insu, et
le récit periodiquement répété s’impose à la créance de son auteur
qui, de bonne foi, le présente comme un fait authentique, dûment
établi selon les bonnes méthodes . . .“Ganz ähnlich Spitta64) (p. 338), der anzunehmen scheint, dass
wir überhaupt erst bei dem Versuch, den Traum zu reproduciren,
die Ordnung in die lose mit einander associirten Traumelemente
einführen – „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander,
Auseinander machen, also den Process der logischen Verbindung,
der im Traum fehlt, hinzufügen“.Da wir nun eine andere als eine objective Controle für die
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traum,
der unser eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung
als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Werth bleibt da unserer
Erinnerung an den Traum noch übrig?e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes.
Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes
von der Annahme aus, dass der Traum ein Ergebnis unserer eigenen
Seelenthätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas
Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt,
dass wir ebenso gerne sagen: „Mir hat geträumt“ wie: „Ich habe
geträumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“ des Traumes? Nach
unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie
sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt;
dies ist ja zum grössten Theile dem Traumleben wie dem Wachleben
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen EindruckS.
33
hervorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des
Traumes versuchen.Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum und Wach-
leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet als
G. Th. Fechner25) in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psycho-
physik (p. 520, II. Th.). Er meint, „weder die einfache Herab-
drückung des bewussten Seelenlebens unter die Hauptschwelle“, noch
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Aussen-
welt genüge, um die Eigenthümlichkeiten des Traumlebens dem wachen
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermuthet vielmehr, dass auch
der Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des
wachen Vorstellungslebens. „Sollte der Schauplatz der psycho-
physischen Thätigkeit während des Schlafens und des Wachens der
selbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens blos eine, auf
einem niederen Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des
wachen Vorstellungslebens sein, und müsste übrigens dessen Stoff und
dessen Form theilen. Aber es verhält sich ganz anders.“Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der Seelen-
thätigkeit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein Anderer,
soviel ich weiss, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der physio-
logischen Gehirnlocalisation oder selbst mit Bezug auf die histo-
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschliessen
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinn-
reich und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat
bezieht, der aus mehreren hinter einander eingeschalteten Instanzen
aufgebaut ist.Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die
anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traum-
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt weiter reichen-
der Erklärungsversuche zu machen.Es ist mit Recht bemerkt worden, dass eine der Haupteigen-
thümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustande des Einschlafens
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist.
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier-
macher61) (p. 351), dass die Denkthätigkeit in Begriffen und
nicht in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum haupt-
sächlich in Bildern, und man kann beobachten, dass mit der An-
näherung an den Schlaf in demselben Masse, in dem die gewollten
Thätigkeiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen
hervortreten, die alle in die Classe der Bilder gehören. Die
Unfähigkeit zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich
gewollte empfinden, und das mit dieser Zerstreuung regelmässig
verknüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die
dem Traum verbleiben, und die wir bei der psychologischen Analyse
desselben als wesentliche Charaktere des Traumlebens anerkennen.Freud, Traumdeutung.
S.
34
I. Litteratur der Traumprobleme.
müssen. Von den Bildern – den hypnagogischen Hallucinationen
– haben wir erfahren, dass sie selbst dem Inhalt nach mit den
Traumbildern identisch sind.Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber
doch nicht ausschliesslich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und
in geringerem Ausmasse mit den Eindrücken der anderen Sinne.
Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgestellt (wahr-
scheinlich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst
im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur
jene Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr-
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit
Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Dis-
cussionen über das Wesen der Hallucination können wir mit allen
sachkundigen Autoren aussagen, dass der Traum halluciniert, dass er
Gedanken durch Hallucinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht
kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen;
es ist bemerkt worden, dass die Erinnerung an eine Tonfolge, mit
der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Hallu-
cination derselben Melodie verwandelt, um beim Zuzukommen, das
mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren
und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen.Die Verwandlung der Vorstellung in Hallucination ist nicht die
einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen-
den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine
Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine
Idee, wie Spitta64) (p. 145) sich ausdrückt. Die Charakteristik
dieser Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn
man hinzunimmt, dass man beim Träumen – in der Regel;
die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklärung – nicht
zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Hallucinationen also
mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt,
sondern nur in eigentümlicher Form gedacht – geträumt – regt
sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den echten
Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals mit der Realität
verwechselt wird.Burdach8) hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum-
lebens in folgenden Sätzen zusammengefasst (p. 476): „Zu den wesent-
lichen Merkmalen des Traumes gehört: a) dass die subjective Thätig-
keit unserer Seele als objectiv erscheint, indem das Wahrnehmungs-
vermögen die Producte der Phantasie so auffasst, als ob es sinnliche
Rührungen wären; . . . b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen-
mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen . . .
Die Schlummerbilder werden durch den Nachlass der Eigenmächtig-
keit bedingt.“Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der
Seele gegen die Traumhallucinationen, die erst nach Einstellung einerS.
35
gewissen eigenmächtigen Thätigkeit auftreten können, zu erklären.
Strümpell66) führt aus, dass die Seele sich dabei correct und ihrem
Mechanismus gemäss benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs
blosse Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb-
nisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne
auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern und
in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im
Traum in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Ueberdies kommt
im Traum ein Raumbewusstsein hinzu, indem, wie im Wachen,
Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden
(p. 36). Man muss also zugestehen, dass sich die Seele im Traume
ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage
befindet wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre
geht, so rührt dies daher, dass ihr im Schlafzustand das Kriterium
fehlt, welches allein zwischen von aussen und von innen gegebenen
Sinneswahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder
nicht den Proben unterziehen, welche allein deren objective Realität
erweisen. Sie vernachlässigt ausserdem den Unterschied zwischen
willkürlich vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese will-
kür wegfällt. Sie irrt, weil sie das Gesetz der Causalität nicht auf
den Inhalt ihres Traumes anwenden kann (p. 58). Kurz, ihre ab-
kehrung von der Aussenwelt enthält auch den Grund für ihren
Glauben an die subjective Traumwelt.Zum selben Schluss gelangt nach theilweise abweichenden psycho-
logischen Entwicklungen delboeuf16). Wir schenken den Traum-
bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein-
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Aussenwelt abgelöst
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer
Hallucinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist,
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor-
spiegeln, uns etwa zeigen, dass wir die gesehene Rose berühren, und
wir träumen dabei doch. Es gibt nach delboeuf kein stichhältiges
Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit,
ausser – und dies nur in praktischer Allgemeinheit – der That-
sache des Erwachens. Ich erkläre alles für täuschung, was zwischen
Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das
Erwachen merke, dass ich ausgekleidet in meinem Bette liege
(p. 84). Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr
gehalten infolge der nicht einzuschläfernden denkgewohnheit,
eine Aussenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe.*)
*)Einen ähnlichen Versuch wie delboeuf, die Traumthätigkeit zu erklären
durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst
correcten Function des intacten seelischen Apparates zur Folge haben muss, hat
Haffner32) unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben.
Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i.
die Emancipation der Vorstellung von der dem Individium zukommenden Stelle inS.
36
Wird so die Abwendung von der Aussenwelt zu dem bestimmen-
den Momente für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des
Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be-
merkungen des alten Burdach8) anzuführen, welche auf die Be-
ziehung der schlafenden Seele zur Aussenwelt Licht werfen und dazu
angethan sind, vor einer Ueberschätzung der vorstehenden Ableitungen
zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung“,
sagt Burdach, „dass die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt
wird… aber es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Be-
dingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür;
mancher sinnliche Eindruck ist selbst nothwendig, insofern er zur
Beruhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft,
wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus
Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nöthig hält, im Dunkeln
nicht einschlafen kann (p. 457).„Die Seele isolirt sich im Schlafe gegen die Aussenwelt und
zieht sich von der Peripherie… zurück… Indes ist der Zusammen-
hang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst,
sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte man
überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fortdauer
der Sensation dadurch bewiesen, dass man nicht immer durch die
bloss sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische
Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgiltiges Wort weckt
den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht er,
die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sensationen…
Daher kann man denn auch durch den Mangel eines Sinnesreizes,
der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grund-
charakter des Traumes, die Verwechslung der Hallucinationen, Imaginationen und
Phantasie-Combinationen mit äusseren Wahrnehmungen. „Da die Gesammtheit der
höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffs bildung, Urtheil und Schlussfolgerung
einerseits und die freie Selbstbestimmung andererseits an die sinnlichen Phantasie-
bilder sich anschliessen und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch
diese Thätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvorstellungen Theil. Sie nehmen
Theil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere Urtheilskraft, wie unsere Willens-
kraft, im Schlafe in keiner Weise alterirt. Wir sind der Thätigkeit nach eben-
scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im
Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich verstossen, d. h. nicht das ihm als
entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen u. s. w. Er kann auch im Traume
nur das begehren, was er als ein Gutes sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in
dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und Wollens wird der menschliche Geist
im Traume irregeführt durch die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen.
So kommt es, dass wir im Traum die grössten Widersprüche setzen und begehen,
während wir andererseits die scharfsinnigsten Urtheilsbildungen und die consequen-
testen Schlussfolgerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschliessungen
fassen können. Mangel an Orientirung ist das ganze Geheimnis des Fluges,
mit welchem unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kri-
tischer Reflexion, sowie an Verständigung mit Anderen, ist die Hauptquelle der
masslosen Extravaganzen unserer Urtheile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im
Traum“ (p. 18).S.
37
wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache bezieht,
geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes
und der Müller vom Stillstande seiner Mühle, also vom Aufhören
der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, dass diese percipiert worden
ist, aber als gleichgültig, oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht
aufgestört hat“ (p. 460 u. ff.).Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein-
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, dass
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Aussenwelt
abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des
selben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müsste
es möglich sein, die Hallucinationen des Traumes in Vorstellungen, die
mit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir
nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der
Erinnerung reproduciren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz
oder nur theilweise gelingt, der Traum behält seine Räthselhaftigkeit
unverringert bei.Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, dass im Traum
noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vorstellungs-
materiale des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht
Strümpell66) in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17):„Die
Seele verliert mit dem Aufhören der sinnlich thätigen Anschauung
und des normalen Lebensbewusstseins auch den Grund, in welchem
ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln.
Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Werth-
schätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften,
unterliegen ... einem verdunkelnden Drucke, infolge dessen sich ihre
Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von
Dingen, Personen, Localitäten, Begebenheiten und Handlungen des
wachen Lebens werden einzeln sehr zahlreich reproducirt, aber
keines derselben bringt seinen psychischen Werth mit. Dieser
ist von ihnen abgelöst und sie schwanken desshalb in der Seele nach
eigenen Mitteln umher. „Diese Entblössung der Bilder von ihrem psychischen Werth, die
selbst wiederum auf die Abwendung von der Aussenwelt zurückge-
führt wird, soll nach Strümpell einen Hauptantheil an dem Ein-
druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer
Erinnerung dem Leben gegenüberstellt.Wir haben gehört, dass schon das Einschlafen den Verzicht auf
eine der seelischen Thätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung
des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies
nahe liegende Vermuthung aufgedrängt, dass der Schlafzustand sich
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder
andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die
übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um-S.
38
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der
Gesichtspunkt taucht auf, dass man die Eigenthümlichkeiten des
Traumes erklären könne durch die psychische Minderleistung im
Schlafzustande, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem
wachen Urtheil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoss die ärgsten Widers-
sprüche, lässt Unmöglichkeiten zu, lässt unser bei Tag einflussreiche
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig.
Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in
seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten;
wer im Wachen so spräche oder solche Dinge mittheilen wollte, wie
sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines
Verworrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir
nur dem Thatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Thätig-
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die
höheren intellectuellen Leistungen als im Traum aufgehoben oder
wenigstens schwer geschädigt erklären.Mit ungewöhnlicher Einmüthigkeit – von den Ausnahmen
wird an anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche
Urtheile über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer be-
stimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist
an der Zeit, dass ich mein eben ausgesprochenes Resumé durch eine
Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren – Philosophen
und Aerzte – über die psychologischen Charaktere des Traumes
ersetze:Nach Lemoine42) ist die Incohärenz der Traumbilder der
einzig wesentliche Charakter des Traumes.Maury48) pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): il n’y a pas des rêves
absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque incohérence,
quelque anachronisme, quelque absurdité.Nach Hegel bei Spitta61) fehlt dem Traum aller objective
verständige Zusammenhang.Dugas19) sagt: Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et
mentale, c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exerçant
sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate
spirituel.„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im
Wachen durch die logische Gewalt des centralen Ich zusammen-
gehaltenen Vorstellungslebens“ räumt selbst Volkelt72) ein (p. 14), nach
dessen Lehre die psychische Thätigkeit während des Schlafes keines-
wegs zwecklos erscheint.Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs-
verbindungen kann man kaum schärfer verurtheilen, als es schon
Cicero (De divin. II) that: Nihil tam praepostere, tam incondite,
tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.S.
39
Fechner52) sagt (p. 522): Es ist als ob die psychologische
Thätigkeit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das Narren
übersiedelte.Radestock54) (p. 145): „In der That scheint es unmöglich, in
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen
Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem
Spiel alles kaleidoskopartig durcheinander.“Hildebrandt55) (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu
auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in
den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm,
wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Ueberspannung des
Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multipliciren gelegentlich
ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar
nicht, dass ein Hund uns einen Vers hersagt, dass ein Todter auf
eigenen Füssen nach seinem Grabe geht, dass ein Felsstück auf dem
Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach
dem Herzogthum Bernburg oder dem Fürstenthum Liechtenstein, um
die Kriegsmarine des Landes zu beobachten, oder lassen uns von
Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige
anwerben.“Binz4) (p. 33) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken
sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind mindestens
neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge
zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zu einander
haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop,
ist die Gruppirung eine andere geworden, wo möglich noch un-
sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das
wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis
wir erwachen, mit der Hand nach der Stirne greifen und uns fragen,
ob wir in der That noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens
und Denkens besitzen.“Maury48) (p. 50) findet für das Verhältniss der Traumbilder zu
den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen
Vergleich: „La production de ces images que chez l’homme éveillé
fait le plus souvent naître la volonté, correspond, pour l’intelligence,
à ce que sont pour la motilité certains mouvements que nous offrent
la chorée et les affections paralytiques.“
... Im Uebrigen ist ihm
der Traum „toute une série de dégradations de la faculté pensante et
raisonnante“ (p. 27).Es ist kaum nöthig, die Aeusserungen der Autoren anzuführen,
welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen-
leistungen wiederholen.S.
40
Nach Strümpell166) treten im Traum – selbstverständlich auch
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist – sämmtliche logische, auf
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele
zurück (p. 26). Nach Spitta64) (p. 148) scheinen im Traum die Vor-
stellungen dem Causalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock54)
u. A. betonen die dem Traum eigene Schwäche des Urtheils und des
Schlusses. Nach Jodl137) (p. 123) gibt es im Traum keine Kritik,
keine Correctur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des
Gesammtbewusstseins. Derselbe Autor äussert: „Alle Arten der
Bewusstseinsthätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig,
gehemmt, gegen einander isolirt.“ Die Widersprüche, in welche sich
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker77, 78)
(mit vielen Anderen) daraus, dass Thatsachen im Traum vergessen
oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen
sind (p. 98) u. s. w. u. s. w.Von den Autoren, die im Allgemeinen so ungünstig über die
psychischen Leistungen im Traume urtheilen, wird indes zugegeben,
dass ein gewisser Rest von seelischer Thätigkeit dem Traume ver-
bleibt. Wundt76), dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der
Traumprobleme massgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich
zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume
sich äussernden Restes von normaler Seelenthätigkeit fragen. Es wird
nun ziemlich allgemein zugegeben, dass die Reproductionsfähigkeit,
das Gedächtnis im Traum am wenigsten gelitten zu haben scheint,
ja eine gewisse Ueberlegenheit gegen die gleiche Function des
Wachens (vgl. oben p. 6) aufweisen kann, obwohl ein Theil der Absurdi-
täten des Traumes durch die Vergesslichkeit eben dieses Traumlebens
erklärt werden soll. Nach Spitta64) ist es das Gemüthsleben der
Seele, was vom Schlaf nicht befallen wird und dann den Traum
dirigirt. Als „Gemüth“ bezeichnet er „die constante Zusammenfassung
der Gefühle als des innersten subjectiven Wesens des Menschen“
(p. 84).Scholz59) (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äussernden
Seelenthätigkeiten in der „allegorisirenden Umdeutung“
welcher das Traummateríal unterzogen wird. Siebeck62) constatirt
auch im Traum die „ergänzende Deutungsthätigkeit“ der
Seele (p. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen
geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum
mit der Beurtheilung der angeblich höchsten psychischen Function
der des Bewusstseins. Da wir vom Traum nur durch’s Bewusstsein
etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch
meint Spitta, es sei im Traum nur das Bewusstsein erhalten, nicht
auch das Selbstbewusstsein. Delboeuf16) gesteht ein, dass er diese
Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.Die Associationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver-
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herrschaft kommtS.
41
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell66) (p. 70):
„Der Traum verläuft entweder ausschliesslich, wie es scheint, nach
den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit
solchen Vorstellungen, das heisst, ohne dass Reflexion und Verstand,
ästhetischer Geschmack und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen.“
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproducire, stellen sich die
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im
Schlaf einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen, an anderer
Stelle angeführten, Quellen wecken in der Seele zunächst eine Anzahl
von Vorstellungen, die sich, als Hallucinationen (nach Wundt
richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äusseren und inneren
Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach den
bekannten Associationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben
Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze
Material wird dann vom noch thätigen Rest der ordnenden und
denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet
(vgl. etwa Wundt76) und Weygandt75)). Es ist bloss noch nicht
gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, dass
die Erweckung der nicht von aussen stammenden Bilder nach diesem
oder nach jenem Associationsgesetz vor sich gehe.
Es ist aber wiederholt bemerkt worden, dass die Associationen,
welche die Traumvorstellungen unter einander verbinden, von ganz
besonderer Art und verschieden von dem im wachen Denken thätigen
sind. So sagt Volkelt72) (p. 15): „Im Traume jagen und haschen
sich die Vorstellungen nach zufälligen Aehnlichkeiten und kaum
wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen
nachlässigen, zwanglosen Associationen durchzogen.“ Maury48) legt
auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das
Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu
bringen, den grössten Werth. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere
des „délire“: 1) une action spontanée et commune automatique de
l’esprit; 2) une association vicieuse et irrégulière des idées (p. 126).
Von Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her,
in denen der blosse Gleichklang der Worte die Verknüpfung der
Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, dass er eine
Pilgerfahrt (pèlerinage) nach Jerusalem oder Mecca unternehme,
dann befand er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker
Pelletier, dieser gab ihm nach einem Gespräch eine Schaufel
(pelle) von Zink, und diese wurde in einem darauffolgenden Traum-
stück sein grosses Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal gieng er
im Traum auf der Landstrasse und las auf den Meilensteinen die
Kilometer ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der
eine grosse Wagschale hatte und ein Mann legte Kilogewichte auf die
Wagschale, um Maury abzuwägen; dann sagte ihm der Gewürz-
krämer: „Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“
Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lo-S.
42
belia sah, dann der General Lopez, von dessen Tod er kurz
vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie Lotto
spielend.Wir sind aber wohl gefasst darauf, dass diese Geringschätzung
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab-
setzer des Traumlebens versichert (Spitta64) p. 118), dass dieselben
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum
regiren, oder wenn ein anderer (Dugas19)) ausspricht: Le rêve n’est
pas déraison ni même irraison pure, solange beide sich nicht die
Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen
psychischen Anarchie und Auflösung aller Functionen im Traum in
Einklang zu bringen. Aber Anderen scheint die Möglichkeit gedämmert
zu haben, dass der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne
Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf
dessen Wahnsinn sich das hier citirte, einsichtsvolle Urtheil bezieht.
Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu
urtheilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein
anderer.So würdigt Havelock Ellis23) den Traum, ohne bei seiner
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaïc world
of vast emotions and imperfect thoughts“, deren Studium uns pri-
mitive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren
könnte. Ein Denker wie Delboeuf19) behauptet – freilich ohne den
Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum
eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la perception, toutes
les facultés de l’esprit, intelligence, imagination, mémoire, volonté,
moralité, restent intactes dans leur essence; seulement, elles s’appli-
quent à des objets imaginaires et mobiles. Le songeur est un acteur
qui joue à volonté les fous et les sages, les bourreaux et les victimes,
les nains et les géants, les démons et les anges“ (p. 222). Am
energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung im
Traum der Marquis d’Hervey bestritten zu haben, gegen den
Maury48) lebhaft polemisirt, und dessen Schrift ich mir trotz aller
Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury sagt über ihn (p. 19):
„M. le Marquis d’Hervey prête à l’intelligence, durant le som-
meil, toute sa liberté d’action et d’attention et il ne semble faire con-
sister le sommeil que dans l’occlusion des sens, dans leur fermeture
au Monde extérieur; en sorte que l’homme qui dort ne se distingue
guère, selon sa manière de voir, de l’homme qui laisse vaguer
sa pensée en se bouchant les sens; toute la différence qui sépare
alors la pensée ordinaire du celle du dormeur c’est que, chez celui-ci,
l’idée prend une forme visible, objective et ressemble, à s’y méprendre,
à la sensation déterminée par les objets extérieurs; le souvenir revêt
l’apparence du fait présent.“S.
43
Maury fügt aber hinzu: „qu’il y a une différence de plus et
capitale à savoir que les facultés intellectuelles de l’homme endormi
n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme l’éveillé.“
Die Scala der Würdigung des Traumes als psychisches Product
hat in der Litteratur einen grossen Umfang; sie reicht von der tiefsten
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch
die Ahnung eines noch nicht enthüllten Werthes bis zur Ueber-
schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens
stellt. Hildebrandt35) der, wie wir wissen, in drei Antinomien die
psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, fasst im
dritten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19):„Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur
Virtuosität sich erhebenden Potenzirung, und andererseits einer
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden
Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens.“„Was das Erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung
bestätigen, dass in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bis-
weilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemüthes, eine Zartheit der
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Be-
obachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir
solches Alles als constantes Eigenthum während des wachen Lebens
zu besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum
hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unver-
gleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in
einem eigenthümlich idealisirenden Lichte, und potenzirt den Effect
ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum
Grunde liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahr-
haft himmlischem Glanze, das Erhabene in höchster Majestät, das
erfahrungsgemäss Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer-
liche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen; und bisweilen
sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so
voll, dass es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche
Welt uns noch nie und niemals geboten.“Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Object, dem
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung
gilt? Haben die Einen die blödsinnigen Träume, die Anderen die
tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt,
Träume, die solche und die jene Beurtheilung verdienen, scheint es
da nicht müssig, nach einer psychologischen Charakteristik des
Traumes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei Alles
möglich von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im
Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung
wäre, sie hat dies eine gegen sich, dass den Bestrebungen aller Traum-
forscher die Voraussetzung zu Grunde zu liegen scheint, es gäbe eine
solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige, Charakteristik
des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müsste.35)Hildebrandt, Der Traum und seine Verwerthung für das Leben. Leipzig 1875. S. 19.
S.
44
I. Litteratur der Traumprobleme.
Es ist unstreitig, dass die psychischen Leistungen des Traumes
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener,
jetzt hinter uns liegenden, intellectuellen Periode, da die Philosophie
und nicht die exacten Naturwissenschaften die Geister beherrschte.
Aussprüche, wie die von Schubert, dass der Traum eine Befreiung
des Geistes von der Gewalt der äusseren Natur sei, eine Loslösung der
Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urtheile von dem
jüngeren Fichte*) u. A., welche sämmtlich den Traum als einen Auf-
schwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, erscheinen
uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur
bei Mystikern und Frömmlern wiederholt. Mit dem Eindringen
naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaction in der Würdigung
des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind
am ehesten geneigt, die psychische Thätigkeit im Traume für gering-
fügig und werthlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht
zünftige Beobachter – Amateurpsychologen, – deren Beiträge ge-
rade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychi-
schen Werth der Träume festgehalten haben. Wer zur Gering-
schätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt
begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen;
für den, welcher der träumenden Seele den grösseren Theil ihrer
Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv,
ihr nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen.
Unter den Ueberleistungen, welche man auch bei nüchterner
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben,
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be-
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein
anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum-
lebens, dass es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hin-
wegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu er-
kennen. Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt35) bemerkt, eben ein
illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum
nicht anders hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur
eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf
die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem
Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume, wie der oben p. 17
mitgetheilte Maury’s48) von seiner Hinrichtung durch die Guillotine
scheinen zu beweisen, dass der Traum in eine sehr kurze Spanne
Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere
psychische Thätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann.
Diese Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten
worden; seit den Aufsätzen von Le Lorrain45) und Egger20) „über
die scheinbare Dauer der Träume“ hat sich hierüber eine interessante*)Vgl. Haffner32) und Spitta64).
S.
45
Discussion angesponnen, welche in dieser heikeln und tiefreichenden
Frage wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat.Dass der Traum die intellectuellen Arbeiten des Tages aufzu-
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluss zu bringen
vermag, dass er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Com-
ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix1) angestellten
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Thatsache,
so unterliegt doch deren Auffassung vielen, an’s Principielle streifenden
Zweifeln.Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes
ein Streitobject, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver-
meidet es – und wohl mit Recht – alles Thatsächliche an diesem
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht.f) Die ethischen Gefühle im Traume.
Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Theilproblem
abgesondert, ob und in wie weit die moralischen Dispositionen und
Empfindungen des Wachens sich in’s Traumleben erstrecken. Der
nämlichste Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für
alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mussten,
macht uns auch hier betroffen. Die Einen versichern mit ebensolcher
Entschiedenheit, dass der Traum von den sittlichen Anforderungen
nichts weiss, wie die Andern, dass die moralische Natur des Menschen
auch für’s Traumleben erhalten bleibt.Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben.
Jessen36) sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht
im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu
schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten
Verbrechen, Diebstahl, Mord und Todtschlag mit völliger Gleich-
giltigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben kann.“Radestock54) (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, dass die
Associationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich ver-
binden, ohne dass Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack
und sittliches Urtheil etwas dabei vermögen; das Urtheil ist höchst
schwach und es herrscht ethische Gleichgiltigkeit vor.“Volkelt72) (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder
weiss, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der
Träumende selbst aufs Aeusserste schamlos und jedes sittlichen Gefühls
und Urtheils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst
die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im WachenS.
46
auch nur in Gedanken mit ihnen zusammenbringen sich scheuen
würde.“Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Aeusserungen wie die
von Schopenhauer, dass Jeder im Traum in vollster Gemässheit
seines Charakters handelt und redet. R. Ph. Fischer*) behauptet,
dass die subjectiven Gefühle und Bestrebungen, oder Affecte und
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, dass
die moralischen Eigenthümlichkeiten der Personen in ihren Träumen
sich spiegeln.Haffner32) (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet,
wird ein tugendhafter Mensch auch im Traum tugendhaft sein; er wird
den Versuchungen widerstehen, dem Hass, dem Neid, dem Zorn und
allen Lastern sich verschliessen; der Mann der Sünde aber wird
auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im
Wachen vor sich hatte.“Scholz33) (p. 36): „Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Maskirung
in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes Selbst
wieder. . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein ent-
ehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so
entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natur Fremdes. Der
römische Kaiser, der einen seiner Unterthanen hinrichten liess, weil
diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen
lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn er dies damit recht-
fertigte, dass, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen
haben müsse. Von etwas, das in unserem Inneren keinen Raum
haben kann, sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: „Es fällt
mir auch im Traum nicht ein.“Pfaff**) sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich-
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume, und ich will dir
sagen, wie es um Dein Inneres steht.“Die kleine Schrift von Hildebrandt34), der ich bereits so zahl-
reiche Citate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken-
reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der
Litteratur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im
Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt
steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, desto reiner der Traum;
je unreiner jenes, desto unreiner dieser.Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume
bestehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungs-
fehler, keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein
noch so scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur
verdächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und*)Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850 – (Nach Spitta).
**)Das Traumleben und seine Deutung. 1868 (bei Spitta, p. 192).
S.
47
Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in
den Schlummerstunden weichen mag, – Kant’s kategorischer Impe-
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet,
dass wir ihn auch schlafend nicht los werden . . . Erklären aber
lässt sich (diese Thatsache) eben nur daraus, dass das Fundamentale
der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an
der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung Theil zu nehmen,
welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Facultäten
gleichen Ranges im Traume unterliegen“ (p. 45 u. f.).In der weiteren Discussion des Gegenstandes sind nun merk-
würdige Verschiebungen und Inconsequenzen bei beiden Gruppen
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die-
jenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Persönlich-
keit des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit
dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer
für seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit
seiner Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schliessen,
mit derselben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwerthigen
Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die Werthlosigkeit seiner
intellectuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die Anderen,
für die sich „der kategorische Imperativ“ auch in den Traum
erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne
Einschränkung anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, dass
eigene Träume von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst fest-
gehaltenen Werthschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müssten.Nun scheint es aber, dass niemand von sich selbst so recht
sicher weiss, in wie weit er gut oder böse ist, und dass niemand die
Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn
über jenen Gegensatz in der Beurtheilung der Traummoralität hinweg
zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her-
kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich ein
neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Functionen des
psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigungen
desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Thatsächlichkeit
lässt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlich-
keit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen
Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen.Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen,
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume
zu übernehmen. Haffner3) sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt
ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat
. . . Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln
Tugend oder Sünde sein.“ Doch ist der Mensch für den sündhaften
Traum verantwortlich, sofern er ihn indirect verursacht. Es erwächstS.
48
für ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem
Schlafengehen seine Seele sittlich zu reinigen.
Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In-
halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, dass
die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammen-
drängung der complicirtesten Ueberlegungsvorgänge in das kleinste
Zeiträumchen, und die auch von ihm zugestandene Entwerthung und Ver-
mengerung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen
Anschein der Träume in Abzug gebracht werden muss, gesteht er,
dass es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung
für Traumsünden und Schulden schlechthin zu leugnen.
(p. 49) „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich eine
solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht
entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redens-
art: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir
allerdings einerseits aus, dass wir das Traumgebiet für das fernste
und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen
hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen
nur so lose und locker zusammenhängen, dass sie kaum noch als die
unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf
diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich
zu leugnen uns veranlasst fühlen, so geben wir doch indirect damit
zugleich zu, dass unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde,
wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden
hier, wenn auch unbewusst, die Sprache der Wahrheit.“
(p. 52) „Es lässt sich nämlich keine Traumthat denken, deren
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.“ Von dieser ersten
Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht, – er bildete
es nur nach und spann’s nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein
historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer
Form; er setzte das Wort des Apostels in Scene: Wer seinen Bruder
hasst, der ist ein Todtschläger. Und während man das ganze, breit
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen,
seiner sittlichen Stärke bewusst, belächeln kann, so will jener ur-
sprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen
lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden ver-
antwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen
Procentsatz. „Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden
Sinne das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken,
– dann können wir auch kaum der Ueberzeugung uns erwehren,
dass jede im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum wenig-
stens von Schuld mit sich führe.“
In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver-
suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet alsoS.
49
Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er
steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Werth-
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken
und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die
Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge
Sünder.An dem allgemeinen Vorkommen dieser contrastirenden
Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf anderem als
ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die Beurtheilung der
selben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta64)
findet sich folgende hieher gehörige Aeusserung von A. Zeller (Ar-
tikel „Irre“ in der allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften von
Ersch und Gruber) citirt (p. 144): „So glücklich ist selten ein
Geist organisirt, dass er zu allen Zeiten volle Macht besässe und
nicht immer wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig
fratzenhafte und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang
seiner Gedanken unterbrächen, ja die grössten Denker haben sich
über dieses traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vor-
stellungen zu beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und
ihre heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.“Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
Contrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt,
dass der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres
Wesens blicken lasse, die uns im Zustande des Wachens meist ver-
schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verräth Kant an einer
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu
da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen-
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können,
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock54) (p. 84)
mit den Worten, dass der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns
nicht gestehen wollen, und dass wir ihn darum mit Unrecht einen
Lügner und Betrüger schelten. Wir werden aufmerksam gemacht,
dass das Auftauchen dieser, unserem sittlichen Bewusstsein fremden
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des
Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen,
wie die von Benini13): Certe nostre inclinazioni che si credevano soffo-
cate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte
rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono dinanzi
(p. 149), und von Volkelt72): „Auch Vorstellungen, die in das wache
Bewusstsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm vielleicht
nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig
dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kund zu thun“ (p. 105).
Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, dass nach Schleier-
macher61) schon das Einschlafen vom Hervortreten ungewollter
Vorstellungen (Bilder) begleitet war.S.
50
Als „ungewollte Vorstellungen“ dürfen wir nun dies ganze
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un-
moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt.
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, dass die ungewollten Vor-
stellungen auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu unserem sonstigen
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns fremdartig
erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte,
diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben.Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor-
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt-
lichen Auftauchen contrastirender ethischer Regungen ableiten? Hier
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene
Gruppirung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von
Hildebrandt und andere Vertreter seiner Grundansicht kann man
wohl nicht anderswohin fortsetzen, als dass den unmoralischen Regungen
auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt
ist bis zur That vorzudringen, und dass im Schlaf etwas wegfalle,
was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die
Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das
wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und
gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere
Kenntnis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen
her kann Hildebrandt dem Traum die Rolle eines Warners
zuweisen, der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele
aufmerksam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Aerzte auch
bisher unbemerkte körperliche Leiden dem Bewusstsein verkünden
kann. Und auch Spitta64) kann von keiner anderen Auffassung
geleitet sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit
der Pubertät z. B. der Psyche zufliessen, und den Träumer tröstet,
er habe alles gethan, was in seinen Kräften steht, wenn er im
Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und sich
bemüht, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken,
sie nicht reifen und zur That werden zu lassen. Nach dieser Auf-
fassung könnten wir die „ungewollten“ Vorstellungen als die
während des Tages „unterdrückten“ bezeichnen und müssten in
ihrem Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen erblicken.
Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer
Folgerung. Für Jessen36) stellen die ungewollten Vorstellungen im
Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den
Charakter einer zur Ruhe gelegten Willensthätigkeit und eines ge-
wissermassen mechanischen Processes von Bildern und Vor-
stellungen durch innere Bewegungen dar“ (p. 360). Ein unmoralischer
Traum beweise weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als
dass dieser von dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal
Kenntnis gewonnen habe, gewiss nicht eine ihm eigene Seelenregung.S.
51
Bei einem anderen Autor Maury48), könnte man in Zweifel gerathen,
ob auch nicht er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die
seelische Thätigkeit nach ihren Componenten zu zerlegen, anstatt sie
planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich
über die Schranken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants
qui parlent et qui nous font agir, sans que la conscience nous retienne,
bien que parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes pen-
chants vicieux; à l’état de veille je tâche de lutter contre eux, et il
m’arrive assez souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes songes
j’y succombe toujours ou pour mieux dire j’agis par leur impulsion,
sans crainte et sans remords . . . Évidemment les visions qui
se déroulent devant ma pensée et qui constituent le rêve, me sont
suggérées par les incitations que je ressens et que ma volonté absente
ne cherche pas à refouler“ (p. 113).
Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
vorhandene aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Disposition
des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung schärferen
Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maury’s (p. 115): „En
rêve l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa nudité
et sa misère natives. Dès qu’il suspend l’exercice de sa volonté, il
devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, à l’état de
veille la conscience, le sentiment d’honneur, la crainte nons défendent.“
An anderer Stelle findet er das treffende Wort: (p. 462) „Dans le
rêve, c’est surtout l’homme instinctif qui se révèle . . . L’homme
revient pour ainsi dire à l’état de nature quand il rêve; mais moins
les idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus les penchants
en désaccord avec elles conservent encore sur lui d’influence dans
le rêve.“ Er führt dann als Beispiel an, dass seine Träume ihn nicht
selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen
Schriften am heftigsten bekämpft hat.
Der Werth all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy-
chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da-
durch beeinträchtigt, dass er in den von ihm so richtig beobachteten
Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatismus psychologique“
sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto-
matismus fasst er als vollen Gegensatz zur psychischen Thätigkeit.
Eine Stelle in den Studien über das Bewusstsein von Stricker77)
lautet: Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen;
wenn man sich z. B. im Traum vor Räubern fürchtet, so sind die
Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man auf-
merksam darauf gemacht, dass die Affectentwicklung im Traume die
Beurtheilung nicht zulässt, welche man dem übrigen Trauminhalt
schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy-
chischen Vorgängen im Traum real sein mag, das heisst einen
Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens
beanspruchen darf?S.
52
I. Literatur der Traumprobleme.
g) Traumtheorien und Function des Traumes.
Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der be
obachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum-
theorie heissen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich
darin unterscheiden, dass sie den oder jenen Charakter des Traumes
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn
anknüpfen lassen. Eine Function, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige
Leistung des Traumes, wird nicht nothwendig aus der Theorie ableitbar
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäss ge-
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die
mit der Einsicht in eine Function des Traumes verbunden sind.Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr
oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, dass der Traum
eine Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu
lenken, war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles
am Traum Wissenswerthe Auskunft ertheilte. Seitdem der Traum
ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden ist, kennen
wir eine grössere Anzahl von Traumtheorien, aber darunter auch
manche recht unvollständige.Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa fol-
gende lockere Gruppirung der Traumtheorien versuchen, je nach
der zu Grunde gelegten Annahme über Mass und Art der psychischen
Thätigkeit im Traum:1. Solche Theorien, welche die volle psychische Thätigkeit des
Wachens sich in dem Traum fortsetzen lassen, wie die von Delboeuf.16)
Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intact, aber unter
die vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes ge-
bracht, muss sie bei normalem Functioniren andere Ergebnisse liefern
als im Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im Stande
sind, die Unterschiede des Traumes von dem Wachdenken sämmtlich
aus den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Ueberdies fehlt
ihnen ein möglicher Zugang zu einer Function des Traumes; man
sieht nicht ein, wozu man träumt, warum der complicirte Mechanismus
des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse
versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen
oder, wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig
zweckmässigen Reactionen anstatt der dritten, der des Träumens.2. Solche Theorien, welche im Gegentheile für den Traum eine
Herabsetzung der psychischen Thätigkeit, eine Auflockerung der
Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an-
nehmen. Diesen Theorien zufolge müsste eine ganz andere psycho-
logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nachS.
53
Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht
nicht blos in einer Absperrung der Seele von der Aussenwelt, er
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig
unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien con-
struiren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen
ihn zum Vorbilde des Schwachsinns oder einer Amentia.Die Theorie, dass im Traumleben nur ein Bruchtheil der durch
den Schlaf lahmgelegten Seelenthätigkeit zum Ausdruck komme, ist
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für
Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr-
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben,
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe
jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch
den Traum verkörperten Gegensätze vermeidet. Da ihr der Traum
das Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles
und zugleich sehr anomalisches Wachen“ sagt Herbart’s Psychologie
über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von
immer weiter gehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die
ganze Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch
Absurdität verräth, bis zur voll concentrirten Denkleistung decken.
Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich ge-
worden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie
des Traumes in der Schilderung von Binz1) ausgedrückt finden (p. 43):„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer
werden die in dem Gehirneiweiss aufgehäuften Ermüdungsstoffe und
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen
wach geworden hervor, während ringsumher noch Alles in Erstarrung
ruht. Es tritt nun die isolirte Arbeit der Einzelgruppen vor
unser unnebeltes Bewusstsein, und zu ihr fehlt die Controle anderer,
der Association vorstehender Gehirntheile. Darum fügen die ge-
schaffenen Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken nahe-
liegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander.
Immer grösser wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer
geringer die Unvernunft des Traumes.“Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen,
partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse, sicherlich bei
allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am Ausführ-
lichsten ist sie bei Maury1) dargestellt. Dort hat es oft den Anschein,
als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach
anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine
anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Function an
einander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten,1)Die Fussnote ist hier doppelt numerirt, da sie sich auf zwei verschiedene
Autoren bezieht, die in zwei verschiedenen Abschnitten citirt werden.S.
54
dass, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, über
den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre.
Eine Function des Traumes kann sich bei dieser Auffassung
des Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das
Urtheil über die Stellung und Bedeutung des Traumes consequenterweise
durch die Aeusserung von Binz gegeben (S. 357): „Alle Thatsachen,
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen k örperlichen,
in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor-
gang zu kennzeichnen.“
Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum, der
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach
mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traum-
ätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimen-
telle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studirte.
Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien,
die Anregung zum Träumen womöglich ausschliesslich von soma-
tischer Seite ausgehen zu lassen. In extremer Form dargestellte,
lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in
Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein
Anlass bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die
neu anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln
könnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es
kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von
überall her Reize an den Schlafenden heran, von aussen, von innen,
von all den Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachsender nie
gekümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem,
bald an jenen Zipfelchen wach gerüttelt und functionirt dann ein
Weilchen mit dem geweckten Theil, froh wieder einzuschlafen. Der
Traum ist die Reaction auf die durch den Reiz verursachte Schlaf-
störung, übrigens eine rein überflüssige Reaction.
Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch
noch einen anderen Sinn. Es ist die W ürde eines psychischen Vor-
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in
seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von
den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die
über die Tasten des Instrumentes hinlaufen“ veranschaulicht viel-
leicht am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Ver-
tretern der exacten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum
wird in dieser Auffassung etwas ganz und gar Undentbares; denn
wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück
Musik produciren können?
Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig
nicht an Einwänden gefehlt. Burdach8) meint 1830: „Wenn man
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderesS.
55
gesagt, als dass einige Kräfte der Seele im Traume thätig sind,
während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während
des ganzen Lebens statt. „…“ (p. 483).An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen
„körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf-
fassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert55) ausgesprochen
wurde und die bezeichnend wirkt, weil sie für das Träumen eine
Function, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiss. Robert nimmt
zur Grundlage seiner Theorie zwei Thatsachen der Beobachtung, bei
denen wir bereits in der Würdigung des Traummateriales verweilt haben
(vgl. p. 11), nämlich dass man so häufig von den nebensächlichsten
Eindrücken des Tages träumt, und dass man so selten die grossen
Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus-
schliesslich richtig: Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht
hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die Einem unfertig im
Sinne liegen, oder den Geist flüchtig streifen (p. 10). „Darum
kann man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen
desselben eben die nicht zum genügenden Erkennen des
Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des ver-
flossenen Tages sind“. Die Bedingung, dass ein Eindruck in
den Traum gelange, ist also, entweder dass dieser Eindruck in seiner
Verarbeitung gestört wurde, oder dass er als allzu unbedeutend auf
solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte.Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher
Ausscheidungsprocess, der in seiner geistigen Reactionserscheinung
zum Erkennen gelangt“. „Träume sind Ausscheidungen von
im Keime erstickten Gedanken.“ „Ein Mensch, dem man die
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müsste in gegebener Zeit geistes-
gestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger,
unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde,
unter deren Wucht dasjenige ersticken müsste, was dem Gedächt-
nisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“ „Der Traum leistet
dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils.“ Die
Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32).
Es wäre missverständlich, an Robert die Frage zu richten,
wie denn durch das Vorstellen im Traum eine Entlastung der Seele
herbeigeführt werden kann. Der Autor schliesst offenbar aus jenen beiden
„Eigenthümlichkeiten des Traummateriales, dass während des Schlafes
eine solche Ausstossung von werthlosen Eindrücken irgendwie
als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist kein
besonderer psychischer Process, sondern nur die Kunde, die wir von
jener Aussonderung erhalten. Uebrigens ist eine Ausscheidung nicht
das einzige, was Nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst
hinzu, dass überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden
und „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedanken-
stoff nicht ausscheiden lässt, wird durch der Phantasie entlehnteS.
56
Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen ver-
bunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde
eingereiht“ (p. 23).In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die
Robert’s aber in der Beurtheilung der Traumquellen. Während dort
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb
zum Träumen nach der Theorie Robert’s in der Seele selbst, in ihrer
Ueberladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urtheilt
vollkommen consequent, dass die im körperlichen Befinden liegenden
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen,
und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewusstsein entnommener
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen
könnten. Zuzugeben sei blos, dass die im Traume aus den Tiefen
der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven-
reize beeinflusst werden können (p. 48). So ist der Traum nach
Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor-
gang am Apparat der Seelenthätigkeit und hat eine Function zu
erfüllen, diesen Apparat vor Ueberspannung zu behüten, oder wenn
man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus-
wahl des Traummaterias deutlich werden, stützt ein anderer Autor,
Yves Delage15) seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beob-
achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben
Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm theure Person
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, dass man von dem
nicht träumt, was Einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder
erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt.
Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die
Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser
Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage
über das Träumen junger Eheleute: „S’ils ont été fortement épris,
presque jamais ils n’ont rêvé l’un de l’autre avant le mariage ou
pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé d’amour, c’est pour être
infidèles avec quelque personne indifférente ou odieuse.“ Wovon träumt
man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vor-
kommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von
Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in
unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als
Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer
Prüfung als unanerkannte Reproduction, als „souvenir inconscient“. Aber
dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt
von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be-
S.
57
Das „Unterdrückte“ in der Theorie von Delage.
troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit
sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger
bewusst und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr
Aussicht hat er, im nächsten Traum eine Rolle zu spielen.
Es sind im Wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein-
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert55)
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem
er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind,
traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen
Eindrücke sind gewissermassen nicht voll erledigt worden, auch sie
sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts tendus“
die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr An-
recht auf eine Rolle im Traum als der schwache und fast unbeachtete
Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner
Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt
worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung auf-
gespeicherte psychische Energie wird Nachts die Triebfeder des
Traumes. Im Traum kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein.
Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle
ab; er kann einer selbständigen psychischen Thätigkeit im Traum
nur die geringste Rolle einräumen, und so schliesst er sich mit seiner
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom
partiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le rêve est le produit
de la pensée errante, sans but et sans direction, se fixant successive-
ment sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité pour se placer
sur sa route et l’arrêter au passage, établissant entre eux un lien
tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus serré, selon que
l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil.“
Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen
kann. Aus der Bethätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist
eine nützliche Function des Traumes. Die Werthschätzungen, welche
der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören
meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren
Statt die Aeusserung von Burdach8) anzuführen, derzufolge der
Traum „die Naturthätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die
Macht der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewusstsein
gestört, nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in
freiem Spiele sich ergebende Lebendigkeit der sensibeln Centralpunkte
ist“ (p. 486).
Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen
sich Burdach u. A. offenbar als einen Zustand vor, in welchem
die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt,
also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach citirt undS.
58
I. Litteratur der Traumprobleme.
acceptirt darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter
Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine
Schutzwehr gegen die Regelmässigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens,
eine freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder
des Lebens durcheinander wirft, und die beständige Ernsthaftigkeit
des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unter
bricht; ohne die Träume würden wir gewiss früher alt, und so kann
man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben,
doch als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf
der Wallfahrt zum Grabe betrachten.“Die erfrischende und heilende Thätigkeit des Traumes schildert
noch eindringlicher Purkinje53) (p. 456): „Besonders würden die
productiven Träume diese Functionen vermitteln. Es sind leichte
Spiele der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zu-
sammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen
Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen.
Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände.
Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und
heitere zerstreuende Bilder, Hass durch Liebe und Freundlichkeit,
Furcht durch Muth und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie
durch Ueberzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung
durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemüthes, die der Tag
immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie
zudeckt und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Theil
die schmerzenheilende Wirkung der Zeit.“ Wir empfinden es alle,
dass der Schlaf eine Wohlthat für das Seelenleben ist, und die dunkle
Ahnung des Volksbewusstseins lässt sich offenbar das Vorurtheil nicht
rauben, dass der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf
seine Wohlthaten spendet.Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus
einer besonderen Thätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustande
frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner58) 1861 unter-
nommene. Das Buch Scherner’s, in einem schwülen und schwül-
stigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für
den Gegenstand getragen, die abstossend wirken muss, wenn sie nicht
mit sich fortzureissen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig-
keiten entgegen, dass wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren
Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt72) die Lehren
Scherner’s uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie-
durch des Philosophen Pfade nicht.“ Solche Beurtheilung findet die
Darstellung Scherner’s selbst bei seinen Anhänger.Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele
gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert in’s Traumleben mitzunehmen.
Er führt selbst aus, wie im Traum die Centralität, die SpontanenenergieS.
59
Des Ich entnervt wird, wie in Folge dieser Decentralisation Erkennen,
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden, und wie den Ueber-
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt
sich im Traum die als Phantasie zu benennende Thätigkeit der
Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen
Maasse ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel-
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproductiv,
sondern auch productiv. Ihre Eigenthümlichkeiten verleihen dem
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe
für das Ungemessene, Uebertreibene, Ungeheuerliche.
Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen
Denkkategorien eine grössere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs-
lust; sie ist auf’s feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize
des Gemüths, für die wühlerischen Affecte, sie bildet sofort das innere
Leben in die äussere plastische Anschau lichkeit hinein. Der Traum-
phantasie fehlt die Begriffs sprache; was sie sagen will, muss
sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächend-
einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Grösse der Anschauungs-
form hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig,
schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit
ihrer Sprache dadurch, dass sie die Abneigung hat, ein Object durch
sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein fremdes Bild
wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objects, an dessen
Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im Stande ist. Das
ist die symbolisirende Thätigkeit der Phantasie ... Sehr
wichtig ist ferner, dass die Traumphantasie die Gegenstände nicht
erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriss und diesen in freihester
Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie genial hin-
gehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der blossen
Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich genöthigt,
das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln und so
eine Handlung zu erzeugen. Den Gesichtsreiztraum z. B. malt Gold-
stücke auf die Strasse; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt
sie davon.Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstle-
rische Thätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der, bei
Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. p. 22), so dass in der
Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische
Theorie Scherner’s und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundt’s
und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zu einander
verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio-
logischen Theorie die seelische Reaction auf die inneren Leibreize
mit der Erweckung von irgend zu ihnen passen-den VorstellungenS.
60
I. Literatur der Traumprobleme.
erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege
der Association sich zur Hilfe rufen und mit diesem Stadium die
Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint,
geben die Leibreize nach Scherner der Seele nur ein Material,
das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die
Traumbildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den
Blick der Anderen versiegt.
Zweckmässig wird man freilich nicht finden können, was die
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes
Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im
betreffenden Traum stammen, in irgend einer plastischen Symbolik
vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und Andere ihm nicht
folgen, dass die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu
binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern benutzen,
um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häuser
strassen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Theile
des Hauses wirklich einzelne Körpertheile dar, so z. B. im Kopf
schmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit
ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.
Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden
Körpertheile verwendet. „So findet die athmende Lunge in dem
flammenerfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol,
das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden
beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der
männliche Geschlechtsreiztraum lässt den Träumer den oberen Theil
einer Clarinette, daneben den gleichen Theil einer Tabakspfeife,
daneben wieder einen Pelz auf der Strasse finden. Clarinette und
Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes,
der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraum kann
sich die Schritt-Enge der zusammenschliessenden Schenkel durch
einen schmalen, von Häusern umschlossenen Hof, die weibliche Scheide
durch einen mitten durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen,
sehr schmalen Fusspfad symbolisiren, den die Träumerin wandeln
muss, um etwa einen Brief zu einem Herrn zu tragen.“ (Volkelt
p. 39.) Besonders wichtig ist es, dass am Schlusse eines solchen
Leibreiztraumes die Traumphantasie sich sozusagen demaskirt, indem
sie das erregende Organ oder dessen Function unverhüllt hinstellt.
So schliesst der „Zahnreiztraum“ gewöhnlich damit, dass der Träumer
sich einen Zahn aus dem Munde nimmt.
Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht blos
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl
die in ihm enthaltene Substanz zum Object der Symbolisirung nehmen.
So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kothige Strassen, derS.
61
Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher,
die Art seiner Erregtheit, das Object, das er begehrt, werden
symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt in concrete Verbin-
dung mit den Symbolisirungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn
wir bei Schmerzreizen uns mit beissenden Hunden oder tobenden
Stieren verzweifelt balgen, oder die Träumerin sich im Geschlechts-
traum von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög-
lichen Reichthum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli-
sirende Phantasietätigkeit als die Centralkraft eines jeden Traumes
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen,
der so erkannten psychischen Thätigkeit ihre Stellung in einem System
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt72) in
seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu schwer
verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für
das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist.
Eine nützliche Function ist mit der Bethätigung der symboli-
sirenden Phantasie Scherner’s in den Träumen nicht verbunden.
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man
könnte auf die Vermuthung kommen, dass sie unartig spielt. Man
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende
Beschäftigung mit der Scherner’schen Theorie des Traumes zu irgend
etwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losge-
bundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig
scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der
Lehre Scherner’s vor aller Prüfung als allzu hochmüthig ein
Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den
jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen grosse Aufmerksam-
keit schenkte, und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunkeln
seelischen Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegen-
stand, der den Menschen durch Jahrtausende räthselhaft wohl, aber
zugleich inhalts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen
Erhellung die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht
viel anderes beigetragen hat, als dass sie im vollen Gegensatz zur
populären Empfindung dem Objecte Inhalt und Bedeutsamkeit abzu-
sprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, dass es
den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum auf-
zuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglien-
zellen-Phantastik, die p. 53 citirte Stelle eines nüchternen und
exacten Forschers wie Binz73), welche schildert, wie die Aurora des
Erwachens über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hin-
zieht, steht an Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den
Scherner’schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen
zu können, dass hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das aller-
dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter
der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch
erheben kann. Vorläufig kann uns die Scherner’sche Theorie desS.
62
Traumes in ihrem Gegensatz zur medicinischen etwa vor Augen
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens
heute noch unsicher schwankt.h) Beziehungen zwischen Traum und Geistes-
krankheiten.Wer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen
spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Bezie-
hungen, etwa wenn im Traum einen psychotischen Zustand vertritt,
einleitet, oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traum-
leben im Falle der Geisteskrankheit erleidet. 3. Innere Beziehungen
zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesensverwandt-
schaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den
beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Medicin
– ein Lieblingsthema – und in der Gegenwart von Neuem wieder
ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta64), Radestock54),
Maury48) und Tissié68) gesammelte Litteratur des Gegenstandes lehrt.
Jüngst hat Sante de Sanctis56, 57) diesem Zusammenhange seine
Aufmerksamkeit zugewendet. Dem Interesse unserer Darstellung wird
es genügen, den bedeutsamen Gegenstand blos zu streifen.Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradig-
mata mittheilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauss39)), dass der erste
Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreck-
haften Traum herschrieb, und dass die vorhergehende Idee mit diesem
Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt ähnliche
Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen
derselben für die „vraie cause déterminante de la folie“. Die Psychose
kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Aufklärung enthaltenden Traum
mit einem Schlag in’s Leben treten, oder sich durch weitere Träume,
die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In
einem Falle von de Sanctis schlossen sich an den ergreifenden Traum
leichte hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melan-
cholischer Zustand. Féré (bei Tissié) berichtet von einem Traum, der
eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum
als Aetiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem That-
bestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen, die geistige
Störung habe ihre erste Aeusserung am Traumleben gezeigt, sei im
Traum zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen enthält das
Traumleben die krankhaften Symptome, oder die Psychose bleibt auf’s
Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer70) auf Angst-
träume aufmerksam, die als Aequivalente von epileptischen An-
fällen aufgefasst werden müssen. Allison hat nächtliche Geistes-
krankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach Radestock), bei
der die Individuen Tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind,
während bei Nacht regelmässig Hallucinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl.
auftreten. Aehnliche Beobachtungen bei de Sanctis (paranoischesS.
63
Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau
der Untreue beschuldigen); bei Tissié. Tissié bringt aus neuerer
Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen
pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangsimpulse)
sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem
der Schlaf durch ein intermittirendes Irresein ersetzt war.Es ist wohl kein Zweifel, dass eines Tages neben der Psycho-
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Aerzte
beschäftigen wird.Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach
Geisteskrankheit, dass bei gesunder Function am Tage das Traum-
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss39)).
Macario (bei Tissié) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche
nach seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die
leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte.Ueber die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen
Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Ueberein-
stimmung der Erscheinungen beider äussert, frühzeitig Beachtung ge-
funden. Nach Maury47) hat zuerst Cabanis in seinen Rapports du
physique et du moral auf sie hingewiesen, nach ihm Lélut, J. Mo-
reau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicher-
lich ist die Vergleichung noch älter. Radastock54) leitet das Capitel,
in dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein,
welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an
einer Stelle: „Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen.“ Krauss:
„Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Sinnenwachseins.“
Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den
Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als
Traumleben, welches nicht durch Schlaf sondern durch Krankheiten
herbeigeführt ist. Wundt äussert in der Physiologischen Psychologie.
„In der That können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die uns
in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“Die einzelnen Uebereinstimmungen, auf Grund deren eine solche
Gleichstellung sich dem Urtheil empfiehlt, zählt Spitta64) (übrigens
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung
oder doch Retardation des Selbstbewusstseins, in Folge dessen Un-
kenntnis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Er-
staunens, Mangel des moralischen Bewusstseins. 2. Modificirte Per-
ception der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte, im
Wahnsinn im Allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vor-
stellungen unter einander lediglich nach den Gesetzen der Association
und Reproduction, also automatische Reihenbildung, daher Unpro-
portionalität der Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Uebertrei-
bungS.
64
bungen, Phantasmen) und aus Alle dem resultirend. 4. Veränderung
beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der
Eigenthümlichkeiten des Charakters (Perversitäten).“
Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma-
terial: „Im Gebiet des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein-
gefühls findet man die meisten Hallucinationen und Illusionen. Die
wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruchs- und Ge-
schmackssinn. – Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie
dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was
der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen er-
innert sich der Schlafende und Kranke.“ – Die Analogie von Traum
und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Werth, dass sie sich
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein-
zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.
„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt
der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so
heben sich auch bei den Geisteskranken die lichten Bilder von Glück,
Grösse, Erhabenheit und Reichthum. Der vermeintliche Besitz von
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verweige-
rung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund das Irreseins
abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die
Frau, die ein theures Kind verloren, delirirt in Mutterfreuden, wer
Vermögensverluste erlitten, hält sich für ausserordentlich reich, das
betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.“
(Diese Stelle Radestock’s ist die Abkürzung einer feinsinnigen
Ausführung von Griesinger31) (p. 111), die mit aller Klarheit die
Wunscherfüllung als einen dem Traum und der Psychose ge-
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter-
suchungen haben mich gelehrt, dass hier der Schlüssel zu einer
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu fin-
den ist.)
„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urtheils
sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charak-
terisiren.“ Die Ueberschätzung der eigenen geistigen Leistungen,
die dem nüchternen Urtheil als unsinnig erscheinen, findet sich hier
wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes ent-
spricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes
Zeitmass. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume,
welche z. B. das eigene Wissen auf zwei Personen vertheilt, von
denen die fremde das eigene Ich im Traume corrigirt, ist völlig
gleichwerthig der bekannten Persönlichkeitstheilung bei hallucinato-
rischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen Gedanken von
fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die constanten Wahnideen
findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden patholo-
gischen Träumen (rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem
Delirium sagen die Kranken nicht selten, dass ihnen die ganze ZeitS.
65
ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja
sie theilen uns mit, dass sie gelegentlich noch während der Krank-
heit geahnt haben, sie seien nur in einem Traume befangen, ganz
wie es oft im Schlafraum vorkommt.Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock
seine wie vieler Anderer Meinung in den Worten zusammenfasst, dass
„der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine
Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes
zu betrachten ist.“ (p. 228.)Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich
äussernden Phänomene möglich ist, hat Krauss39) die Verwandtschaft
von Traum und Wahnsinn in der Aetiologie (vielmehr: in den Er-
regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche
(Grundelem-
ment ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch
bedingte Empfindung, die Leibreizensation, das durch Beiträge
von allen Organen her zu Stande gekommene Gemeingefühl (vgl. Peisse
bei Maury48) p. 52).Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten
reichende Uebereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört
zu den stärksten Stützen der medicinischen Theorie des Traumlebens,
nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor-
gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelenthätigkeit darstellt.
Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung
über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere
Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist
es wahrscheinlich, dass eine veränderte Auffassung des Traumes
unsere Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen
mitbeeinflussen muss, und so dürfen wir sagen, dass wir an der Auf-
klärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge-
heimnis des Traumes aufzuhellen.
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Die Traumdeutung1900-001/1900
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