Bernfeld, Siegfried (1922-518/1922.2): 15. November 1922: Vortrag Dr. Wilhelm Reich: Grenzen der Erinnerungstätigkeit in der psychoanalytischen Kur
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538 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
15. November 1922: Vortrag Dr. Wilhelm Reich: Grenzen der Erinnerungs-
tätigkeit in der psychoanalytischen Kur.Es wird die Frage behandelt, warum der Prozeß, welcher zur Bildung
der Deckerinnerung geführt hat, in den meisten Fällen nicht umkehrbar ist,
das heißt der Kern des Verdrängten in der Analyse nicht mit Erinnerungs-
gefühl auftaucht, sondern rekonstruiert werden muß. Handhaben der analy-
tischen Therapie sind das Erinnern und Übertragen als vorbereitende, das
Agieren (eventuell Abreagieren) und Verstehen auf dem Wege inneren Wissens
als eigentlich heilende Momente. Mit fortschreitender Analyse versiegen die
wirklichen Erinnerungen immer mehr, das Agieren und Verstehen der
Zusammenhänge nimmt immer größeren Raum ein. Was von verdrängtem
Material nicht erinnert wird, erscheint zum Teil in Form der Übertragungs-
aktion, aber sowohl Erinnertes als auch Agiertes muß in seinen Zusammen-
hängen mit Überzeugung verstanden werden. Die Aktion fördert die Über-
zeugung wegen ihrer hervorragenden Plastizität mehr als das bloße Erinnern.
— Die psychologische Analyse des freien Einfalls des Déjà-vu und der will-
kürlichen Erinnerung zeigt, daß am Zustandekommen des Erinnerungsgefühls
im wesentlichen zwei Faktoren beteiligt sind: 1. Zusammenklingen von
Besetzungen verschiedener psychischer Systeme (Bewußtes und Vorbewußtes
oder Vorbewußtes und Unbewußtes); 2. Vorhandensein eines Gegenwart-
bewußtsein, das die Bezogenheit von Vergangenem auf Gegenwärtiges möglich
macht. Nur im Déjà-vu ist es der Fall, daß Verdrängtes ein Erinnerungsgefühl
mobilisiert. In der psychoanalytischen Behandlung wird immer nur die
„psychische Oberfläche“, das momentan Vorbewußte analysiert. Damit absolut
Verdrängtes mit Erinnerungsgefühl auftauchen kann, muß die Urszene selber
vorbewußt werden. Dies ist aber nie der Fall. So oft ein vorbewußter Ver-
treter des Urverdrängten bewußt gemacht wird, wählt dieses sofort einen
neuen Vertreter in Form irgend eines an sich gleichgültigen Erlebnisses oder
eines Übertragungsmomentes. Die Analyse erschöpft sich schließlich am
Bewußtmachen der Vertreter. Eine Analyse kann als gelungen bezeichnet
werden, wenn sämtliche Vertreter bewußt werden und der Kern des
Verdrängten rekonstruiert wird. An die Stelle des verdrängten Kernes ist
— dynamisch — das Symptom getreten, an Stelle des Symptoms tritt letzten
Endes durch Analyse des Erinnerten und Agierten das mit Überzeugung
gewonnene Verständnis. Diese Irreversibilität der progredienten Entwicklung
steht in Analogie zur Unumkehrbarkeit biologischer Prozesse, zum Beispiel
der Rudimentbildung (Processus styloideus als „Deckerinnerung“ des „biologisch-
verdrängten“ Kiemenbogens) oder der Automatisierung komplizierter moto-
rischer Aktionen. Auch im Bereiche des normalen Seelenlebens muß die
einzelne Erfahrung in der Versenkung verschwinden und der dem gesamten
Erinnerungsschätze entwachsenden Intelligenz Platz machen. (Autoreferat.)Aus der Diskussion: Dr. Siegfried Bernfeld ist der Ansicht, daß
wir keinen Grund haben, die Unmöglichkeit der Erinnerung als theoretisches
Postulat hinzustellen. Reproduktion mit und ohne Erinnerungsgefühl istS.
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prinzipiell das gleiche, wenn therapeutisch auch ein Unterschied besteht. Das
Eintreten des Erinnerungsgefühls dürfte vor allem abhängig sein vom Ich
bezw. dem Umstand der verdrängenden Kräfte. Das Erinnerungsgefühl
bleibt andauernd aus, wenn zwar die Verdrängung weitgehend aufgehoben
ist, aber nicht völlig, so daß die volle Aufnahme des Verdrängten ins Ich
nicht erfolgen kann.
Dr. F r o s c h n e r weist darauf hin, daß sich ein deutliches Erinnerungs-
gefühl einstellt, wenn ein großer Widerstand plötzlich überwunden wurde.
(Autoreferat.)