Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 1923-001/1925.2

Freud, Sigmund (1923-001/1925.2): Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung

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    BEMERKUNGEN ZUR THEORIE UND PRAXIS
    DER TRAUMDEUTUNG

    Erschien zuerst in der „Internationalen Zeit-
    schrift für Psychoanalyse“, Bd. IX (1923).

         Der zufällige Umstand, daß die letzten Auflagen der „Traum-
    deutung“ durch Plattendruck hergestellt wurden, veranlaßt mich,
    nachstehende Bemerkungen selbständig zu machen, die sonst als
    Abänderungen oder Einschaltungen im Text untergekommen
    wären.

    I

         Bei der Deutung eines Traumes in der Analyse hat man die
    Wahl zwischen verschiedenen technischen Verfahren.

         Man kann a) chronologisch vorgehen und den Träumer seine
    Einfälle zu den Traumelementen in der Reihenfolge vorbringen
    lassen, welche diese Elemente in der Erzählung des Traumes ein-
    halten. Dies ist das ursprüngliche, klassische Verhalten, welches
    ich noch immer für das beste halte, wenn man seine eigenen
    Träume analysiert.

         Oder man kann b) die Deutungsarbeit an einem einzelnen
    ausgezeichneten Element des Traumes ansetzen lassen, das man
    mitten aus dem Traum herausgreift, z. B. an dem auffälligsten
    Stück desselben oder an dem, welches die größte Deutlichkeit
    oder sinnliche Intensität besitzt, oder etwa an eine im Traum
    enthaltene Rede anknüpfen, von der man erwartet, daß sie zur
    Erinnerung an eine Rede aus dem Wachleben führen wird.

    Freud, Kleine Beiträge zur Traumlehre                                

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    50 Kleine Beiträge zur Traumlehre

    Man kann c) überhaupt zunächst vom manifesten Inhalt
    absehen und dafür an den Träumer die Frage stellen, welche
    Ereignisse des letzten Tages sich in seiner Assoziation zum
    erzählten Traum gesellen.

    Endlich kann man d), wenn der Träumer bereits mit der
    Technik der Deutung vertraut ist, auf jede Vorschrift verzichten
    und es ihm anheimstellen, mit welchen Einfällen zum Traum er
    beginnen will. Ich kann nicht behaupten, daß die eine oder die
    andere dieser Techniken die vorzüglichere ist und allgemein
    bessere Ergebnisse liefert.

    II

    Ungleich bedeutsamer ist der Umstand, ob die Deutungsarbeit
    unter h o h e m oder n i e d r i g e m Widerstandsdruck vor
    sich geht, worüber der Analytiker ja niemals lange im Zweifel
    bleibt. Bei hohem Druck bringt man es vielleicht dazu, zu
    erfahren, von welchen Dingen der Traum handelt, aber man
    kann nicht erraten, was er über diese Dinge aussagt. Es ist, wie
    wenn man einem entfernten oder leise geführten Gespräch zuhören
    würde. Man sagt sich dann, daß von einem Zusammenarbeiten
    mit dem Träumer nicht gut die Rede sein kann, beschließt, sich
    nicht viel zu plagen und ihm nicht viel zu helfen, und begnügt sich
    damit, ihm einige Symbolübersetzungen, die man für wahrschein-
    lich hält, vorzuschlagen.

    Die Mehrzahl der Träume in schwierigen Analysen ist von
    solcher Art, so daß man aus ihnen nicht viel über Natur und
    Mechanismus der Traumbildung lernen kann, am wenigsten aber
    Auskünfte zu der beliebten Frage erhalten wird, wo denn die
    Wunscherfüllung des Traumes steckt.

    Bei ganz extrem hohem Widerstandsdruck ereignet sich das
    Phänomen, daß die Assoziation des Träumers in die Breite, anstatt
    in die Tiefe geht. An Stelle der gewünschten Assoziationen zu
    dem erzählten Traum kommen immer neue Traumstücke zum
    Vorschein, die selbst assoziationslos bleiben. Nur wenn sich der

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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 51

    Widerstand in mäßigen Grenzen hält, kommt das bekannte Bild
    der Deutungsarbeit zustande, daß die Assoziationen des Träumers
    von den manifesten Elementen aus zunächst weit divergieren,
    so daß eine große Anzahl von Themen und Vorstellungskreisen
    angerührt werden, bis dann eine zweite Reihe von Assoziationen
    von hier aus rasch zu den gesuchten Traumgedanken kon-
    vergiert.

    Dann wird auch das Zusammenarbeiten des Analytikers mit
    dem Träumer möglich; bei hohem Widerstandsdruck wäre es
    nicht einmal zweckmäßig.

    Eine Anzahl von Träumen, die während der Analysen vor-
    fallen, sind unübersetzbar, wenngleich sie nicht gerade den Wider-
    stand zur Schau tragen. Sie stellen freie Bearbeitungen der
    zugrunde liegenden latenten Traumgedanken vor und sind wohl-
    gelungenen, künstlerisch überarbeiteten Dichtwerken vergleichbar,
    in denen man die Grundmotive zwar noch kenntlich, aber in
    beliebiger Durchrüttlung und Umwandlung verwendet findet.
    Solche Träume dienen in der Kur als Einleitung zu Gedanken
    und Erinnerungen des Träumers, ohne daß ihr Inhalt selbst in
    Betracht käme.

    III

    Man kann Träume von oben und Träume von unten
    unterscheiden, wenn man diesen Unterschied nicht zu scharf
    fassen will. Träume von unten sind solche, die durch die Stärke
    eines unbewußten (verdrängten) Wunsches angeregt werden, der
    sich eine Vertretung in irgendwelchen Tagesresten verschafft hat.
    Sie entsprechen Einbrüchen des Verdrängten in das Wachleben.
    Träume von oben sind Tagesgedanken oder Tagesabsichten gleich-
    zustellen, denen es gelungen ist, sich nächtlicherweile eine Ver-
    stärkung aus dem vom Ich abgesprengten Verdrängten zu holen.
    Die Analyse sieht dann in der Regel von diesem unbewußten
    Helfer ab und vollzieht die Einreihung der latenten Traum-
    gedanken in das Gefüge des Wachdenkens. Eine Abänderung

    4*

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    52                      Kleine Beiträge zur Traumlehre

    der Theorie des Traumes wird durch diese Unterscheidung nicht
    erforderlich.

    IV

         In manchen Analysen oder während gewisser Strecken einer
    Analyse zeigt sich eine Sonderung des Traumlebens vom Wach-
    leben, ähnlich wie die Absonderung der Phantasietätigkeit, die
    eine continued story (einen Tagtraumroman) unterhält, vom Wach-
    denken. Es knüpft dann ein Traum an den anderen an, nimmt
    ein Element zum Mittelpunkt, welches im vorhergehenden bei-
    läufig gestreift wurde, u. dgl. Viel häufiger trifft aber der andere
    Fall zu, daß die Träume nicht aneinanderhängen, sondern sich
    in aufeinanderfolgende Stücke des Wachdenkens einschalten.

    V

         Die Deutung eines Traumes zerfällt in zwei Phasen, die Über-
    setzung und die Beurteilung oder Verwertung desselben. Während
    der ersten soll man sich durch keinerlei Rücksicht auf die zweite
    beeinflussen lassen. Es ist, wie wenn man ein Kapitel eines fremd-
    sprachigen Autors vor sich hat, z. B. des Livius. Zuerst will
    man wissen, was Livius in diesem Kapitel erzählt, erst dann
    tritt die Diskussion ein, ob das Gelesene ein Geschichtsbericht
    ist oder eine Sage oder eine Abschweifung des Autors.

         Welche Schlüsse darf man aber aus einem richtig übersetzten
    Traum ziehen? Ich habe den Eindruck, daß die analytische Praxis
    hierin Irrtümer und Überschätzungen nicht immer vermieden
    hat, und zwar zum Teil aus übergroßem Respekt vor dem
    „geheimnisvollen Unbewußten“.

         Man vergißt zu leicht daran, daß ein Traum zumeist nur ein
    Gedanke ist wie ein anderer, ermöglicht durch den Nachlaß der
    Zensur und die unbewußte Verstärkung und entstellt durch die
    Einwirkung der Zensur und die unbewußte Bearbeitung.

         Greifen wir das Beispiel der sogenannten Genesungsträume
    heraus. Wenn ein Patient einen solchen Traum gehabt hat, in

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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 53

    dem er sich den Einschränkungen der Neurose zu entziehen
    scheint, z. B. eine Phobie überwindet oder eine Gefühlsbindung
    aufgibt, so sind wir geneigt zu glauben, er habe einen großen
    Fortschritt gemacht, sei bereit, sich in eine neue Lebenslage zu
    fügen, beginne mit seiner Gesundheit zu rechnen usw. Das mag
    oftmals richtig sein, aber ebensooft haben solche Genesungs-
    träume nur den Wert von Bequemlichkeitsträumen, sie bedeuten
    den Wunsch, endlich gesund zu sein, um sich ein weiteres Stück
    der analytischen Arbeit, das sie als bevorstehend fühlen, zu
    ersparen. In solchem Sinn ereignen sich Genesungsträume z. B.
    recht häufig, wenn der Patient in eine neue, ihm peinliche Phase
    der Übertragung eintreten soll. Er benimmt sich dann ganz ähn-
    lich wie manche Neurotiker, die sich nach wenigen Stunden
    Analyse für geheilt erklären, weil sie allem Unangenehmen ent-
    gehen wollen, das in der Analyse noch zur Sprache kommen soll.
    Auch die Kriegsneurotiker, die auf ihre Symptome verzichteten,
    weil ihnen die Therapie der Militärärzte das Kranksein noch
    unbehaglicher zu machen verstand, als sie den Dienst an der
    Front gefunden hatten, sind denselben ökonomischen Bedingungen
    gefolgt, und die Heilungen haben sich in beiden Fällen nicht
    haltbar erwiesen.

    VI

    Es ist gar nicht so leicht, allgemeine Entscheidungen über den
    Wert richtig übersetzter Träume zu fällen. Wenn beim Patienten
    ein Ambivalenzkonflikt besteht, so bedeutet ein feindseliger
    Gedanke, der in ihm auftaucht, gewiß nicht eine dauernde Über-
    windung der zärtlichen Regung, also eine Entscheidung des
    Konflikts, und ebensowenig hat ein Traum vom gleichen feind-
    seligen Inhalt diese Bedeutung. Während eines solchen Ambi-
    valenzkonflikts bringt oft jede Nacht zwei Träume, von denen
    jeder eine andere Stellung nimmt. Der Fortschritt besteht dann
    darin, daß eine gründliche Isolierung der beiden kontrastierenden
    Regungen gelungen ist und jede von ihnen mit Hilfe der unbe-

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    54 Kleine Beiträge zur Traumlehre

    wußten Verstärkungen bis zu ihrem Extrem verfolgt und ein-
    gesehen werden kann. Mitunter ist der eine der beiden ambi-
    valenten Träume vergessen worden, man darf sich dann nicht
    täuschen lassen und annehmen, daß nun die Entscheidung
    zugunsten der einen Seite gefallen ist. Das Vergessen des einen
    Traumes zeigt allerdings, daß für den Augenblick die eine
    Richtung die Oberhand hat, aber das gilt nur für den einen
    Tag und kann sich ändern. Die nächste Nacht bringt vielleicht
    die entgegengesetzte Äußerung in den Vordergrund. Wie der
    Konflikt wirklich steht, kann nur durch die Berücksichtigung
    aller anderen Kundgebungen auch des Wachlebens erraten werden.

    VII

    Mit der Frage nach der Wertung der Träume hängt die
    andere nach ihrer Beeinflußbarkeit durch ärztliche „Suggestion“
    innig zusammen. Der Analytiker wird vielleicht zuerst erschrecken,
    wenn er an diese Möglichkeit gemahnt wird; bei näherer Über-
    legung wird dieser Schreck gewiß der Einsicht weichen, die
    Beeinflussung der Träume des Patienten sei für den Analytiker
    nicht mehr Mißgeschick oder Schande als die Lenkung seiner
    bewußten Gedanken. aber dann muß man zugeben, es war keine Analyse.

    Daß der manifeste Inhalt der Träume durch die analytische
    Kur beeinflußt wird, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Das
    folgt ja schon aus der Einsicht, daß der Traum ans Wachleben
    anknüpft und Anregungen desselben verarbeitet. Was in der ana-
    lytischen Kur vorgeht, gehört natürlich auch zu den Eindrücken
    des Wachlebens und bald zu den stärksten desselben. Es ist also
    kein Wunder, daß der Patient von Dingen träumt, die der Arzt
    mit ihm besprochen und deren Erwartung er in ihm geweckt
    hat. Nicht mehr Wunder jedenfalls, als in der bekannten Tat-
    sache der „experimentellen“ Träume enthalten ist.
    Das Interesse setzt sich nun dahin fort, ob auch die durch
    Deutung zu eruierenden latenten Traumgedanken vom Analytiker

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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung      55

    beeinflußt, suggeriert, werden können. Die Antwort darauf muß
    wiederum lauten: Selbstverständlich ja, denn ein Anteil dieser
    latenten Traumgedanken entspricht vorbewußten, durchaus bewußt-
    seinsfähigen Gedankenbildungen, mit denen der Träumer even-
    tuell auch im Wachen auf die Anregungen des Arztes hätte
    reagieren können, mögen die Erwiderungen des Analysierten nun
    diesen Anregungen gleichgerichtet sein oder ihnen widerstreben.
    Ersetzt man den Traum durch die in ihm enthaltenen Traum-
    gedanken, so fällt eben die Frage, wieweit man Träume sugge-
    rieren kann, mit der allgemeineren, inwieweit der Patient in der
    Analyse der Suggestion zugänglich ist, zusammen.

         Auf den Mechanismus der Traumbildung selbst, auf die eigent-
    liche Traumarbeit gewinnt man nie Einfluß; daran darf man
    festhalten.

         Außer dem besprochenen Anteil der vorbewußten Traum-
    gedanken enthält jeder richtige Traum Hinweise auf die ver-
    drängten Wunschregungen, denen er seine Bildungsmöglichkeit
    verdankt. Der Zweifler wird zu diesen sagen, sie erscheinen im
    Traume, weil der Träumer weiß, daß er sie bringen soll, daß sie
    vom Analytiker erwartet werden. Der Analytiker selbst wird mit
    gutem Recht anders denken.

         Wenn der Traum Situationen bringt, die auf Szenen aus der
    Vergangenheit des Träumers gedeutet werden können, scheint
    die Frage besonders bedeutsam, ob auch an diesen Traum-
    inhalten der ärztliche Einfluß beteiligt sein kann. Am dringendsten
    wird diese Frage bei den sogenannten bestätigenden, der
    Analyse nachhinkenden Träumen. Bei manchen Patienten bekommt
    man keine anderen. Sie reproduzieren die vergessenen Erlebnisse
    ihrer Kindheit erst, nachdem man dieselben aus Symptomen, Ein-
    fällen und Andeutungen konstruiert und ihnen dies mitgeteilt
    hat. Das gibt dann die bestätigenden Träume, gegen welche aber
    der Zweifel sagt, sie seien ganz ohne Beweiskraft, da sie auf die
    Anregung des Arztes hin phantasiert sein mögen, anstatt aus dem

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    56                      Kleine Beiträge zur Traumlehre

    Unbewußten des Träumers ans Licht gefördert zu sein. Aus-
    weichen kann man in der Analyse dieser mehrdeutigen Situation
    nicht, denn wenn man bei diesen Patienten nicht deutet, kon-
    struiert und mitteilt, findet man nie den Zugang zu dem bei
    ihnen Verdrängten.

        Die Sachlage gestaltet sich günstig, wenn sich an die Analyse
    eines solchen nachhinkenden, bestätigenden Traumes unmittelbar
    Erinnerungsgefühle für das bisher Vergessene knüpfen.

        Der Skeptiker hat dann den Ausweg, zu sagen, es seien
    Erinnerungstäuschungen. Meist sind auch solche Erinnerungs-
    gefühle nicht vorhanden. Das Verdrängte wird nur stückweise
    durchgelassen und jede Unvollständigkeit hemmt oder verzögert
    die Bildung einer Überzeugung. Auch kann es sich um die Repro-
    duktion nicht einer wirklichen, vergessenen Begebenheit, sondern
    um die Förderung einer unbewußten Phantasie handeln, für
    welche ein Erinnerungsgefühl niemals zu erwarten ist, aber irgend
    einmal ein Gefühl subjektiver Überzeugung möglich bleibt.

        Können also die Bestätigungsträume wirklich Erfolge der Sug-
    gestion, also Gefälligkeitsträume sein? Die Patienten, welche nur
    Bestätigungsträume bringen, sind dieselben, bei denen der Zweifel
    die Rolle des hauptsächlichen Widerstandes spielt. Man macht
    nicht den Versuch, diesen Zweifel durch Autorität zu überschreien
    oder ihn mit Argumenten zu erschlagen. Er muß bestehen
    bleiben, bis er im weiteren Fortgang der Analyse zur Erledigung
    kommt. Auch der Analytiker darf im einzelnen Falle einen solchen
    Zweifel festhalten. Was ihn endlich sicher macht, ist gerade die
    Komplikation der ihm gestellten Aufgabe, die der Lösung eines
    der „Puzzles“ genannten Kinderspiele vergleichbar ist. Dort ist
    eine farbige Zeichnung, die auf ein Holzbrettchen geklebt ist
    und genau in einen Holzrahmen paßt, in viele Stücke zer-
    schnitten worden, die von den unregelmäßigsten krummen Linien
    begrenzt werden. Gelingt es, den unordentlichen Haufen von
    Holzplättchen, deren jedes ein unverständliches Stück Zeichnung

     
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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung      57

    trägt, so zu ordnen, daß die Zeichnung sinnvoll wird, daß nirgends
    eine Lücke zwischen den Fugen bleibt, und daß das Ganze den
    Rahmen ausfüllt, sind alle diese Bedingungen erfüllt, so weiß
    man, daß man die Lösung des Puzzle gefunden hat und daß es
    keine andere gibt.

         Ein solcher Vergleich kann natürlich dem Analysierten während
    der unvollendeten analytischen Arbeit nichts bedeuten. Ich erinnere
    mich hier an eine Diskussion, die ich mit einem Patienten zu
    führen hatte, dessen außerordentliche Ambivalenzeinstellung sich
    im stärksten zwanghaften Zweifel äußerte. Er bestritt die Deu-
    tungen seiner Träume nicht und war von deren Übereinstimmung
    mit den von mir geäußerten Mutmaßungen sehr ergriffen. Aber
    er fragte, ob diese bestätigenden Träume nicht Ausdruck seiner
    Gefügigkeit gegen mich sein könnten. Als ich geltend machte,
    daß diese Träume auch eine Summe von Einzelheiten gebracht
    hätten, die ich nicht ahnen konnte, und daß sein sonstiges
    Benehmen in der Kur gerade nicht von Gefügigkeit zeugte,
    wandte er sich zu einer anderen Theorie und fragte, ob nicht
    sein narzißtischer Wunsch, gesund zu werden, ihn veranlaßt haben
    könne, solche Träume zu produzieren, da ich ihm doch die
    Genesung in Aussicht gestellt habe, wenn er meine Konstruktionen
    annehmen könne. Ich mußte antworten, mir sei von einem solchen
    Mechanismus der Traumbildung noch nichts bekannt worden,
    aber die Entscheidung kam auf anderem Wege. Er erinnerte sich
    an Träume, die er gehabt, ehe er in die Analyse eintrat, ja, ehe
    er etwas von ihr erfahren hatte, und die Analyse dieser vom
    Suggestionsverdacht freien Träume ergab dieselben Deutungen
    wie der späteren. Sein Zwang zum Widerspruch fand zwar noch
    den Ausweg, die früheren Träume seien minder deutlich gewesen
    als die während der Kur vorgefallenen, aber mir genügte die
    Übereinstimmung. Ich meine, es ist überhaupt gut, gelegentlich
    daran zu denken, daß die Menschen auch schon zu träumen
    pflegten, ehe es eine Psychoanalyse gab.

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    58                      Kleine Beiträge zur Traumlehre

    VIII

    ? 

         Es könnte wohl sein, daß es den Träumen in einer Psycho-
    analyse in ausgiebigerem Maße gelingt, das Verdrängte zum Vor-
    schein zu bringen, als den Träumen außerhalb dieser Situation.
    Aber es ist nicht zu erweisen, denn die beiden Situationen sind
    nicht vergleichbar; die Verwertung in der Analyse ist eine
    Absicht, die dem Traume ursprünglich ganz ferne liegt. Dagegen
    kann es nicht zweifelhaft sein, daß innerhalb einer Analyse weit
    mehr des Verdrängten im Anschluß an Träume zutage gefördert
    wird als mit Hilfe der anderen Methoden; für solche Mehr-
    leistung muß es einen Motor geben, eine unbewußte Macht,
    welche während des Schlafzustandes besser als sonst imstande ist,
    die Absichten der Analyse zu unterstützen. Nun kann man hiefür
    kaum einen anderen Faktor in Anspruch nehmen als die aus dem
    Elternkomplex stammende Gefügigkeit des Analysierten gegen den
    Analytiker, also den positiven Anteil der von uns so genannten
    Übertragung, und in der Tat läßt sich an vielen Träumen, die
    Vergessenes und Verdrängtes wiederbringen, kein anderer unbe-
    wußter Wunsch entdecken, dem man die Triebkraft für die
    Traumbildung zuschreiben könnte. Will also jemand behaupten,
    daß die meisten der in der Analyse verwertbaren Träume Gefällig-
    keitsträume sind und der Suggestion ihre Entstehung verdanken,
    so ist vom Standpunkt der analytischen Theorie nichts dagegen
    einzuwenden. Ich brauche dann nur noch auf die Erörterungen
    in meinen „Vorlesungen zur Einführung“ zu verweisen, in denen
    das Verhältnis der Übertragung zur Suggestion behandelt und
    dargetan wird, wie wenig die Anerkennung der Suggestions-
    wirkung in unserem Sinne die Zuverlässigkeit unserer Resultate
    schädigt.

         Ich habe mich in der Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ mit
    dem ökonomischen Problem beschäftigt, wie es den in jeder Hin-
    sicht peinlichen Erlebnissen der frühinfantilen Sexualperiode
    gelingen kann, sich zu irgendeiner Art von Reproduktion durch-

  • S.

    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung      59

    zuringen. Ich mußte ihnen im „Wiederholungszwang“ einen
    außerordentlich starken Auftrieb zugestehen, der die im Dienst
    des Lustprinzips auf ihnen lastende Verdrängung bewältigt, aber
    doch nicht eher, „als bis die entgegenkommende Arbeit der Kur
    die Verdrängung gelockert hat“.1 Hier wäre einzuschalten, daß es
    die positive Übertragung ist, welche dem Wiederholungszwang
    diese Hilfe leistet. Es ist dabei zu einem Bündnis der Kur mit dem
    Wiederholungszwang gekommen, welches sich zunächst gegen das
    Lustprinzip richtet, aber in letzter Absicht die Herrschaft des
    Realitätsprinzips aufrichten will. Wie ich dort ausgeführt habe,
    ereignet es sich nur allzu häufig, daß sich der Wiederholungs-
    zwang von den Verpflichtungen dieses Bundes frei macht und
    sich nicht mit der Wiederkehr des Verdrängten in der Form von
    Traumbildern begnügt.

    IX

         So weit ich bis jetzt sehe, ergeben die Träume bei trauma-
    tischer Neurose die einzige wirkliche, die Strafträume die einzige
    scheinbare Ausnahme von der wunscherfüllenden Tendenz des
    Traumes. Bei diesen letzteren stellt sich der merkwürdige Tat-
    bestand her, daß eigentlich nichts von den latenten Traum-
    gedanken in den manifesten Trauminhalt aufgenommen wird,
    sondern daß an deren Stelle etwas ganz anderes tritt, was als
    eine Reaktionsbildung gegen die Traumgedanken, als Ablehnung
    und voller Widerspruch gegen sie beschrieben werden muß. Ein
    solches Einschreiten gegen den Traum kann man nur der kritischen
    Ichinstanz zutrauen und muß daher annehmen, daß diese, durch
    die unbewußte Wunscherfüllung gereizt, sich zeitweilig auch
    während des Schlafzustandes wiederhergestellt hat. Sie hätte auf
    diesen unerwünschten Trauminhalt auch mit Erwachen reagieren
    können, fand aber in der Bildung des Straftraumes einen Weg,
    die Schlafstörung zu vermeiden.


         1) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 206. 

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    60                      Kleine Beiträge zur Traumlehre

         So ist also z. B. für die bekannten Träume des Dichters
    Rosegger, die ich in der „Traumdeutung“1) erwähne, ein unter-
    drückter Text von hochmütigem, prahlerischem Inhalt zu ver-
    muten, der wirkliche Traum aber hielt ihm vor: „Du bist ein
    unfähiger Schneidergeselle.“ Es wäre natürlich unsinnig, nach
    einer verdrängten Wunschregung als Triebkraft dieses manifesten
    Traumes zu suchen; man muß sich mit der Wunscherfüllung
    der Selbstkritik begnügen.

         Das Befremden über einen derartigen Aufbau des Traumes
    ermäßigt sich, wenn man bedenkt, wie geläufig es der Traum-
    entstellung im Dienste der Zensur ist, für ein einzelnes Element
    etwas einzusetzen, was in irgendeinem Sinne sein Gegenteil oder
    Gegensatz ist. Von da ab ist es nur ein kurzer Weg bis zur
    Ersetzung eines charakteristischen Stückes Trauminhalt durch
    einen abwehrenden Widerspruch, und ein Schritt weiter führt
    zur Ersetzung des ganzen anstößigen Trauminhaltes durch den
    Straftraum. Von dieser mittleren Phase der Verfälschung des
    manifesten Inhaltes möchte ich ein oder zwei charakteristische
    Beispiele mitteilen.

         Aus dem Traum eines Mädchens mit starker Vaterfixierung,
    welches sich in der Analyse schwer ausspricht: Sie sitzt im
    Zimmer mit einer Freundin, nur mit einem Kimono bekleidet.
    Ein Herr kommt herein, vor dem sie sich geniert. Der Herr
    sagt aber: „Das ist ja das Mädchen, das wir schon einmal so
    schön bekleidet gesehen haben.“ — — Der Herr bin ich, in weiterer
    Zurückführung der Vater. Mit dem Traum ist aber nichts zu
    machen, so lange wir uns nicht entschließen, in der Rede des
    Herrn das wichtigste Element durch seinen Gegensatz zu ersetzen:
    „Das ist das Mädchen, das ich schon einmal unbekleidet
    und dann so schön gesehen habe.“ Sie hat als Kind von drei
    bis vier Jahren eine Zeitlang im selben Zimmer mit dem Vater


         1) Ges. Schriften, Bd. III, S. 138 ff. 

  • S.

    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung      61

    geschlafen und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sie sich
    damals im Schlaf aufzudecken pflegte, um dem Vater zu gefallen.
    Die seitherige Verdrängung ihrer Exhibitionslust motiviert heute
    ihre Verschlossenheit in der Kur, ihre Unlust, sich unverhüllt zu
    zeigen.

         Aus einer anderen Szene desselben Traumes: Sie liest ihre
    eigene, im Druck vorliegende Krankengeschichte. Darin steht, daß
    ein junger Mann seine Geliebte ermordet — Kakao — das gehört
    zur Analerotik. Das letztere ist ein Gedanke, den sie im Traum
    bei der Erwähnung des Kakao hat. — Die Deutung dieses Traum-
    stückes ist noch schwieriger als die des vorigen. Man erfährt
    endlich, daß sie vor dem Einschlafen die „Geschichte einer
    infantilen Neurose“ (fünfte Folge der Sammlung kleiner Schriften)
    gelesen hat, in welcher eine reale oder phantasierte Koitus-
    beobachtung der Eltern den Mittelpunkt bildet. Diese Kranken-
    geschichte hat sie schon früher einmal auf die eigene Person
    bezogen, nicht das einzige Anzeichen, daß auch bei ihr eine
    solche Beobachtung in Betracht kommt. Der junge Mann, der
    seine Geliebte ermordet, ist nun eine deutliche Anspielung auf
    die sadistische Auffassung der Koitusszene, aber das nächste
    Element, der Kakao, geht weit davon ab. Zum Kakao weiß sie
    nur zu assoziieren, daß ihre Mutter zu sagen pflegt, vom Kakao
    bekomme man Kopfweh, auch von anderen Frauen will sie das
    gleiche gehört haben. Übrigens hat sie sich eine Zeitlang durch
    ebensolche Kopfschmerzen mit der Mutter identifiziert. Ich kann
    nun keine andere Verknüpfung der beiden Traumelemente finden
    als durch die Annahme, daß sie von den Folgerungen aus der
    Koitusbeobachtnng ablenken will. Nein, das hat nichts mit der
    Kinderzeugung zu tun. Die Kinder kommen von etwas, das man
    ißt (wie im Märchen), und die Erwähnung der Analerotik, die
    wie ein Deutungsversuch im Traum aussieht, vervollständigt die
    zu Hilfe gerufene infantile Theorie durch die Hinzufügung der
    analen Geburt.

  • S.

    62                      Kleine Beiträge zur Traumlehre

    X

         Man hört gelegentlich Verwunderung darüber äußern, daß
    das Ich des Träumers zwei- oder mehrmals im manifesten Traum
    erscheint, einmal in eigener Person und die anderen Male hinter
    anderen Personen versteckt. Die sekundäre Bearbeitung hat
    während der Traumbildung offenbar das Bestreben gehabt, diese
    Vielheit des Ichs, welche in keine szenische Situation paßt, aus-
    zumerzen, durch die Deutungsarbeit wird sie aber wieder her-
    gestellt. Sie ist an sich nicht merkwürdiger als das mehrfache
    Vorkommen des Ichs in einem wachen Gedanken, zumal wenn
    sich dabei das Ich in Subjekt und Objekt zerlegt, sich als beob-
    achtende und kritische Instanz dem anderen Anteil gegenüber-
    stellt oder sein gegenwärtiges Wesen mit einem erinnerten,
    vergangenen, das auch einmal Ich war, vergleicht. So z. B. in
    den Sätzen: „Wenn ich daran denke, was ich diesem Menschen
    getan habe“ und „Wenn ich daran denke, daß ich auch einmal
    ein Kind war.“ Daß aber alle Personen, die im Traume vor-
    kommen, als Abspaltungen und Vertretungen des eigenen Ichs
    zu gelten haben, möchte ich als eine inhaltslose und unberechtigte
    Spekulation zurückweisen. Es genügt uns, daran festzuhalten, daß
    die Sonderung des Ichs von einer beobachtenden, kritisierenden,
    strafenden Instanz (Ichideal) auch für die Traumdeutung in
    Betracht kommt.