S.
119
beitenden Nationen am meisten brauchen. Ich vertraue darauf, daß
die Judenheit weiterhin diese großen Eigenschaften bewähren wird.
Harold L. Ickes, amerikanischer Innenminister:
In dem jetzt zu Ende gehenden Jahr 5696 haben die Juden
Amerikas und ihre Glaubensgenossen in der ganzen Welt viele
aufwühlende Ereignisse erlebt. Meinen Mitbürgern jüdischen Glaubens
entbiete ich Grüße und spreche die Hoffnung aus, daß das jetzt
beginnende Jahr 5697 ein Jahr fortdauernder Freundschaft und Zu-
sammenarbeit sein und daß guter Wille und weitere gemeinsame,
erfolgreiche Leistung auch die kommenden Jahre kennzeichnen
mögen, die in unser Land einziehen werden.
Herbert H. Lehman, Gouverneur des Staates New York,
bekanntlich Jude:
Dankbaren Herzens können die amerikanischen Juden sich in
dieser Zeit zu einer Danksagung vereinigen, da sie in Liebe und
Stolz für ihr Land mit hohem Vertrauen einem Jahr erhöhten Ge-
deihens für Amerika und von Sicherheit für alle, die hier leben,
entgegensehen können. Unseren Brüdern in vielen anderen Ländern
hat das letzte Jahr Druck, drohende Gefahr und unverdiente Not
gebracht. Ihre unglückliche Lage verstärkt für uns die Feierlichkeit
dieser heiligen Tage. Zu Neujahr halten wir Juden Rückblick auf
alles, was sich während des Jahres ereignet hat, und wie wir um
ein Jahr des Friedens und Gedeihens für uns und unser Land
beten, so bitten wir auch um Kraft, unsere Unzulänglichkeiten zu
überwinden und unsere Pflicht gegenüber Gott und Menschen er-
füllen zu können. Jahrtausendelang war das Ertönen des Widder-
horns ein Posaunenruf zum Dienst; auch wir wollen auf diesen
Ruf antworten. Gemeinsam mit unseren Mitbürgern werden wir für
den Fortschritt dieses Landes arbeiten, gemeinsam mit unseren
Mitjuden zur Hilfe für die Notleidenden und zu unserer Vertei-
digung gegen ungerechte Angriffe. So finster die Wolken in
manchen Teilen der Welt sein mögen, das Licht der Wahrheit
muß sie mit der Zeit zerstreuen.
Großpräs. Professor
Dr. Ludwig Braun s. A.
Wien.
Vorbemerkung.
Br. Großpräs. Ludwig Braun, der am 8. Mai 1926 im
Industriehause zum 70. Geburtstage des Br. Prof. Sigmund Freud
gesprochen, wurde gebeten, auch anläßlich des 80. Geburtstages,
am 5. Mai 1936, in der Wien" eine Festrede zu halten.
Den ersten Entwurf derselben, wie er nachfolgend zum Abdrucke
gelangt, schrieb er bereits im Feber eigenhändig auf 18 Oktav-
seiten, um ihn später auszuarbeiten.
"
S.
120
Am 1. April vom Urlaub heimgekehrt, erkrankte er nach
wenigen Tagen; noch auf dem Krankenbette beabsichtigte er an
dem Vortrage weiter zu arbeiten, zu welchem Zwecke er wiederholt
Werke Br. Freud's verlangte, sich mit Blei zahlreiche stenografische
Notizen machte und Schlagworte aufschrieb, die er leider nicht
mehr zur Ergänzung verwenden konnte.
Dem Ersuchen der Redaktion, ihr trotzdem das Manuskript
zur Veröffentlichung zu überlassen, entsprach wohl die Witwe
in
mannigfacher Bedenken
ungeachtet
entgegenkommender
Weise, doch muß darauf hingewiesen werden, daß, wie er-
wähnt, nur ein Entwurf vorliegt, den Br. Braun, bekanntlich ein
Meister des Wortes und der Feder, sicherlich noch sachlich korri-
giert und stilistisch gefeilt hätte.
Immerhin glauben wir, mit dem Abdrucke dieser Arbeit, die
ihn noch in den letzten Tagen beschäftigte, den Freunden und
Verehrern der Brüder Braun und Freud eine wertwolle und will-
kommene Publikation zu bieten.
(Die Redaktion.)
Br. Sigmund Freud.
Der 80. Geburtstag unseres Bruders Sigmund Freud ist für
uns B'nai B'rith Gedenktag und Feiertag, ein Beweggrund und
Bestimmungsgrund, ihn gedanklich festzuhalten und festlich zu be-
gehen. Denn unser Bruder Sigmund Freud ist ein Großer im
Reiche des Geistes. Über Völkergrenzen und Kontinente hinaus
klingt der Ruf seines Namens, und der Sinn seines Werkes ist
mit unvergänglichen Zeichen eingeschrieben in das Buch der Ge-
schichte. Er ist ein zweifach Glücklicher, weil er die Berufung er-
füllt hat, an seinem Werke zu arbeiten, und weil es ihm gegeben
war, sein Werk zu vollenden.
Für uns B'nai B'rith ist die Vorstellung Sigmund Freud eine mit
dankbaren und freudigen Gefühlen betonte Vorstellung, weil wir teil-
nehmen an seinem Ruhme, da er Einer der Unserigen ist, vor allem
aber, weil er in einer kritischen Zeit seines Lebens, einer Zeit der
Verlassenheit und Vereinsamung, nach seinen eigenen Worten, bei
uns Erfrischung fand und Anregung zu weiterem Schaffen. In
diesem höheren Sinne haben wir somit ebenfalls Teil
seinem Werke.
an
Das Leben Sigmund Freud's gleicht in seinem Gange mehr
dem Leben eines Künstlers als dem eines Naturforschers. Aller-
dings kann man sagen, daß wahre Größe die Grenzen verwischt,
welche diese beiden Sphären menschlichen Schaffens von einander
trennt. Wie könnte auch Einer ein großer Naturforscher sein ohne
die Intuition eines Künstlers, und wie andererseits ein Künstler
ohne die Begabung, tief hineinzublicken in die Geheimnisse der
Natur, ohne die Gabe, die inneren verschlungenen Fäden zu
schauen, wie sie die Knotenpunkte mit einander verbinden! Aus
der Harmonie der beiden seelischen Kräfte entsteht eben das
Kunstwerk, gleichsam ungeahnt, wie
überraschend vielleicht auch für den, aus dessen Haupte es
aus dem Nichts geboren,
entsprang.
S.
121
Als ich unseren Bruder Sigmund Freud einmal fragte, ob
der unermeßlich Fruchtbare, eigentlich immer zur Arbeit bereit
sei, sagte er:
Wenn ich mich zur Arbeit setze und die Feder
Hand nehme, dann bin ich immer neugierig darauf, was da
kommen wird. Und das treibt unaufhörlich zur Arbeit an".
er,
"
zur
Die Grundlage des Freud'schen Denkens war das Studium
des Unbewußten" im Seelenleben. Ein „Unbewußt Seelisches"
war etwas, was sich Philosophie und Psychologie lange Zeit nicht
recht hatten vorstellen können, doch hat schon Kant von
dunklen Vorstellungen gesprochen, die uns mittelbar bewußt
sind, ob gleich wir unmittelbar uns ihrer nicht bewußt sind. Im
Grunde genommen könnten wir nicht aus dem Schlafe erweckt
werden, wenn es keine durchgehende Beziehung gäbe zwischen
bewußt und unbewußt. Die Beobachtung von seelisch kranken und
leidenden Menschen hat den Beobachter Freud immer wieder die
Häufigkeit und Mächtigkeit von Regungen kennen gelehrt, von
denen der Kranke nichts wußte, und die man erschließen und
aufdecken mußte, wie irgend eine Tatsache der Außenwelt.
Solche unbewußte, im Unterbewußtsein nicht schlummernde, son-
dern weiter wirkende und wühlende Vorstellungen führen den
Konflikt herbei, an dem so manche menschliche Seele krankt.
"
Lebenserinnerungen peinlicher, schreckhafter, oft ver-
meintlich beschämender Art, die zuweilen aus früher und frühester
Kindheit stammen, werden von gewissen empfindsamen Gemütern
nur scheinbar vergessen. In Wirklichkeit sind sie ins Unterbewußt-
sein hinunter gedrängt worden. So hat nämlich Freud diesen
seelischen Vorgang aufgefaßt und daher als eine „Verdrängung"
bezeichnet. Das Bewußtsein wollte sich von diesen lästigen Vor-
stellungen befreien, sich ihrer entledigen.
Die verdrängte Vorstellung ist aber nur scheinbar er-
ledigt, denn sie wirkt im Unterbewußtsein weiter. Hier, im Unter-
bewußtsein, ist sie gleichsam eingeklemmt, fühlt sich beengt und
strebt an die Oberfläche, aus dem Dunkel hinauf in die Helle des
Bewußtseins. Gegen diesen immer bereiten Andrang der verdrängten
Regung, gegen ihre Aufwärtstendenz, schützt sich das Bewußtsein
durch einen permanenten Aufwand von psychischer
Leistung. Doch das ist fruchtlos, denn die verdrängte Vor-
stellung bricht dennoch an irgend einer Stelle des Seelenlebens
durch, hinauf in das Bewußtsein, und schafft, indem sie sowohl
im Seelischen wie im Körperlichen Verwirrungen anstiftet, wohl
auch schon, indem sie aus der Tiefe gleichsam hinaufwirkt, die
Symptome, an denen der Arzt den stattgehabten seelischen Konflikt
und den gesamten seelischen Zustand des betreffenden Individuums
erkennt. Er spricht dann von einer Neurose.
Die Lehre von der Verdrängung ist zum Grundpfeiler des
Verständnisses der Neurosen geworden. Auch Gegner haben an-
erkannt und erkennen, wie Freu d's Psychologie das Denken der
ganzen Welt beeinflußte. Freud hat sodann gezeigt, wie man
S.
122
eine solche kranke Seele. heilt, indem man nämlich die Ver-
drängung aufdeckt, die eingeklemmte Regung frei macht und der
Seele zu einem Urteile verhilft, durch das sie sich selbst aus
ihrem Konflikte befreit und gesunde t. (Aufgezeichnetes Schlag-
wort: Rolle des Unbewußten im Tagesleben.)
In der „,Psychopathologie des Alltagslebens",
einem der geistvollsten Bücher, die Freud geschrieben hat, zeigt
er uns, wie sich solche scheinbar in der Tiefe schlummernde Vor-
stellungen zuweilen in unmittelbar erkennbarer Weise an die Ober-
fläche drängen, u. zw. aus dem Unbewußten, vom betreffenden
Individuum im ersten Augenblick nicht beachtet, also über-
raschend, seine geheimen Regungen, Wünsche und Vor-
stellungen verratend. Freud spricht in diesem Falle daher von
Selbstverrat.
Ein diesbezügliches Beispiel aus Freud's eigener Dar-
stellung beleuchtet blitzartig einen der schmerzlichen Konflikte, die
das Los des Arztes sind.
Ein wahrscheinlich dem Tode verfallener Mann, dessen Diagnose
aber noch nicht feststeht, ist nach Wien gekommen, und hat einen
Jugendfreund, der ein bekannter Arzt geworden ist, gebeten, seine
Behandlung zu übernehmen, worauf dieser, nicht ohne Widerstreben,
schließlich einging. Der Kranke soll in einer Heilanstalt Aufenthalt
nehmen und der Arzt schlägt das Sanatorium
das Sanatorium „Hera" vor.
Das ist doch eine Anstalt nur für bestimmte Zwecke (eine Ent-
bindungsanstalt), wendet der Kranke ein. O nein, ereifert sich der
Arzt. In der „Hera" kann man jeden Patienten umbringen
unterbringen, meine ich. Er sträubt sich dann natürlich gegen diese
Deutung seines Versprechens. Er hat sich versprochen. „Du
wirst doch nicht glauben, daß ich feindselige Impulse gegen Dich
habe ?" Eine Viertelstunde später sagt er zu der ihn hinaus-
begleitenden Dame, die die Pflege des Kranken übernommen hat:
,,Ich kann nichts finden und glaube ja noch immer nicht daran.
Aber wenn es so sein sollte, bin ich für eine tüchtige Portion
Morphium, und dann ist Ruhe". Es kommt heraus, daß der Freund
ihm die Bedingung gestellt hatte, daß er seine Leiden durch ein
Medikament abkürze, sobald es feststeht, daß ihm nicht mehr zu
helfen ist.
Und das hat er durch sein Ver sprechen unbewußt
verraten.
Das Unbewußte oder vielmehr die Lehre vom Unbe-
wußten ist als die Grundlage der gesamten Freud'schen
Psychologie zu bezeichnen,
Ich habe unseren Bruder Sigmund Freud in der Festrede
anläßlich seines 70. Geburtstages einen Kopernikus genannt,
denn ohne Zweifel geht von ihm und seiner Auffassung des „Un-
bewußten" eine Revolution der Denkart und eine völlige Wendung
des Erkenntnisproblems aus. Auch das Denken ist eine Art
dynamischer Funktion; das Seelenleben hat seine Dynamik, und
S.
123
das Unbewußte ist gleichsam der Motor, das „Bewußte", der Zeiger,
der Indikator. Weder im Wachen noch im Traume hört der Ein-
fluß des Unbewußten auf, das sich zum Teile aus unseren Gefühlen
und Trieben, zum anderen Teile aus verblassten Erinnerungen
zusammensetzt, denn die Vergangenheit wird wie wir gehört
haben nicht restlos ausgelöscht und zu Grabe getragen, sie
wirkt immer in uns weiter. Überall liegen die Erinnerungen bereit,
gleich Minen, die entweder plötzlich aufflammen und unser Seelen-
leben grell beleuchten oder es mit Qualm und Rauch zu ver-
hüllen trachten.
Die Lehre vom Unbewußten liegt auch der Freud'schen
Traumpsychologie zugrunde; die so geistvolle, so ungemein
fesselnde Deutung der Traumarbeit basiert auf dieser Annahme.
Als Traumarbeit bezeichnet Freud nämlich den Prozeß,
welcher die latenten Gedanken in den manifesten Trauminhalt
überführt. Der vorahnende Dichter Grillparzer gibt uns in
seinem „Traum ein Leben“ ein schönes Beispiel dafür. Indem
Rustan am Ende des 1. Aktes einschläft, sagt er die Worte:
,,Andere Bilder werden hier im Innern wach". Alle
unsere Gedanken werden in Träume, in visuelle Bilder umgesetzt,
oder mit anderen Worten: Der Traum dramatisiert.
Die Traumarbeit ist ein ganz ausgezeichnetes Muster der
Vorgänge in den tiefen, unbewußten Schichten des Seelenlebens
und daher für den Seelenforscher wie für den Arzt von großer
diagnostischer und therapeutischer Bedeutung.
Die Literatur enthält eine ganze Reihe sehr wertvoller
Illustrationen dieser überaus wichtigen Frage.
Man kann das „Unbewußte" im Seelenleben auch im gewissen
Sinne mit einer Partitur vergleichen und das Bewußtsein mit dem
spielenden Orchester. Jede in der Partitur verzeichnete Note oder'
Notengruppe ist in psychisch-musikalischem Sinne sozusagen mit
latenter, potentieller Energie versehen (Der Vergleich ist ein
wenig gewaltsam, aber immerhin anschaulich.), die zur lebendigen
Energie wird, wenn das Instrument sie wachruft, wenn das
Orchester spielt. Der Zensor im Bewußtsein ist der Kapellmeister,
der die falschen störenden Stimmen heraushört und sie beseitigt,
weil sie den Zusammenklang des Ganzen beeinträchtigen. Das
wäre der Arzt, der die kranke Seele heilt.
Wenn wir im Einschlafen sind, dann treten sehr oft in
störender Weise solche „ungewollte" Vorstellungen in uns hervor,
weil wir ermüdet sind und eine gewisse hemmende willkürliche
Aktion, die zum Wachsein gehört, nachläßt. Unser waches Be-
wußtsein hält eben das „Unbewußte" nieder, und nur wenn wir
unaufmerksam sind, man sagt dann in diesem Zusammenhange
auch wir phantasieren, dann taucht es gewöhnlich empor.
Diese auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln sich
im Halbschlaf gewöhnlich in Bilder und Gestalten. Jeder von uns
weiß von solchen Bildern zu berichten, die während des Ein-
S.
124
schlafens zu erscheinen pflegen und das Einschlafen oft sehr
empfindlich stören können.
Ich kann auf diese seelischen Vorgänge, die Freud bis in
die tiefsten Schichten der Seele verfolgt hat, natürlich nicht
weiter eingehen.
Auch in der Technik und Tendenz des Witzes
spielt, wie Freud in unvergleichlich geistvoller Weise nachweist,
das Unbewußte und Überraschende die maßgebende Rolle. Der
Witz taucht gewöhnlich blitzartig aus dem Unbewußten auf und
wirkt erleichternd, befreiend, indem er z. B. einer Äußerung gegen-
über einer Autorität freien Lauf läßt (befreiendes Lachen). Hier
kommen so wie im Traume die sogenannten Verkürzungen
und Verdichtungen vor. Der Traum zieht z. B. Einzel-
vorstellungen aus verschiedenen Zusammenhängen zu einem
Ganzen zusammen. Er macht es so wie der Mythos, der gleichsam
ein Völker- und Menschheitstraum ist, und z. B. den Zentauren,
ein Fabelgeschöpf, halb Mensch, halb Pferd geschaffen hat. So
zieht auch der Witz, um ein Beispiel zu wählen, zwei Worte ver-
schiedenen Inhalts in ein scheinbar einziges Wort zusammen, wenn
z. B. der Hirsch-Hyacinth in Heine's „Die Bäder von Lucca"
vom Baron Rothschild sagt: „Und Salomon Rothschild hat mich
behandelt, so wahr mir Gott alles Gute geben soll, ganz
famillionär, d. h. er behandelte mich wie seinesgleichen, ganz
familiär, wie einen Millionär, also famillionär. (Aufgezeichnete
Schlagworte: „Cleopoldine - Sind Sie verheiratet? Trauring, aber
Karl Kraus sagt von einem Revolver-Journalisten: „Er ist
mit dem Orienterpreßzug in eines der Balkanländer gefahren".)
Das große Werk, in dem Freud Übereinstimmungen
zwischen dem Seelenleben des Wilden und des Neurotikers nach-
weist, ist unter dem Namen „Totem und Tabu" weltbekannt.
Sein Schüler Eduard Hitschmann nennt diesen Teil der
Freud'schen Lehre eine geradezu visionäre Leistung. Der
Totemismus ist ein erstes Organisationssystem primitiver Stämme.
Einmal im Jahre wird das als heilig gehaltene Totemtier feierlich
getötet, verzehrt und dann betrauert. Freud erschließt aus diesen
Vorgängen, die analog in den Werken verschiedener Forscher be-
schrieben werden, Folgendes:
wahr
1
Der Vater der Urhorde hatte als Despot alle Frauen der
Horde für sich in Anspruch genommen und die Rivalen getötet.
Eines Tages wird er aber selbst überwältigt, getötet und verzehrt.
Unfähig, einzeln etwas zu leisten, schließen sich nun die Erben zu
einem Brüderclan zusammen und verzichten auf die Frauen,
um derenwillen sie den Vater getötet hatten. Sie waren nun auf
fremde Frauen angewiesen. Dies der Ursprung der mit dem
Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totenmahlzeit
war die Gedächtnisfeier der Mordtat, von der das Schuldbewußt-
sein der Menschheit (die Erbsünde) herrührte, mit der soziale
Organisation, Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren
Anfang nahmen.
S.
125
Die Religionsbildung war hiermit auf den Boden des Vater-
komplexes gestellt.
(Manuskript undeutlich) wurde
der gefürchtete und gehaßte, verehrte und beneidete Urvater
das Vorbild Gottes.
Ein besonders helles Licht wirft diese Auffassung der Religion
auch auf die psychologische Fundierung des Christentums, in dem
die Zeremonie der Totemmahlzeit noch sehr wenig entstellt als
Kommunion fortlebt.
(Iphigenie: Ich bin von Tantalus Geschlecht, d. h. mit
Sünde behaftet.
Jeremias und Ezechiel haben an der Selbst-
erkenntnis der Sünde das Individuum erst zur Entdeckung gebracht).
(Aufgezeichnetes Schlagwort: Hermann Cohen.)
Freud's große Begabung hat sich bald gezeigt und wurde
von seinen Lehrern Meynert und Brücke schon früh erkannt.
Auch als Diagnostiker in Hirnkrankheiten ist er bahnbrechend
gewesen . .
Leicht hat man es ihm nicht gemacht; er hat viele, viele
Widerstände überwinden müssen. Aber unser Br. Freud ist eine
frohgemute Kampfnatur und hatte alle seine Gegner prächtig über-
wunden.
Eine sehr interessante Episode in seinem Leben ist seine
Untersuchung über das Kokain.
Es war lange bekannt, daß die Eingeborenen von Peru und
Bolivien mit Kalk und Pflanzenasche vermischte Koka-Blätter
kauten, welche Hungrige sättigen, Müden neue Kraft geben, Un-
glückliche ihren Kummer vergessen ließen.
Über den wirksamen Stoff der Koka-Blätter, das Alkaloid
Kokain hat nun Freud als ganz junger Arzt gearbeitet und
allsbald mit seinem Seherblick die Bedeutung dieses Stoffes er-
faßt. An der Chrysalide, der Goldpuppe, dem jungen Freud,
erkennt man schon den schönen,
schönen, funkelnden kommenden
Schmetterling.
(Aufgezeichnete Schlagworte: Amor, Koller, Königstein.).
Freud's Gedankenreichtum, Geistesschärfe, Begriffsvermögen
und Erkenntniskraft sind geradezu unermeßlich, seine Belesenheit
unfaẞbar, sein Gedächtnis von überraschender Größe und über-
wältigender Treue. Sein Stil zeugt von höchster, geistiger Kultur
und erinnert ganz zweifellos an Goethe. Es ist wohl nicht zum
geringsten auf diese edle, klare Schreibweise zurückzuführen, daß
Freud durch den Goethe - Preis ausgezeichnet worden ist.
Gibt es denn irgendwo im Dichterwalde schönere Schöpfungen
als Freud's „Hamlet-Problem", als seine wirklich unvergängliche
Abhandlung „Über unser Verhältnis zum Tode", oder
Über den Moses des Michelangelo". Er, der sich selbst keinen
Philosophen nennt, hat tiefere Beziehungen zum Weltganzen als
irgend einer vor ihm.
"
von diesen
manche
erbaulich,
und
lehrreich
Es ist
Geistesschätzen in stillen Stunden zu lesen, wenn der Lärm der
S.
126
Straße verstummt ist. Da läßt man sich dann von ihnen hinauf-
führen in jene Regionen, wo sich nur die Großen der Erde die
Hände reichen und einander zuwinken, wo sie dem Klange der
Sphären lauschen und ihre Worte der Weisheit finden am Urquell
der Natur.
Ich könnte mich schließlich mit den Kritikern aus den ver-
schiedenen Lagern befassen, die einerseits die Freud'sche Psycho-
analyse, andererseits den Freimut, mit dem Freud die physischen
und die metaphysischen Fragen des Lebens erörtert, noch immer
Am meisten
nicht verstehen wollen, ja sogar verunglimpfen.
wird ihm der Nachweis verübelt, daß die Seele des Kindes nicht
so unschuldsvoll und rein ist, wie man vermeint hätte. - Denken
Sie nur an Ihre eigenen Jugendphantasien vor dem Einschafen usw.
Mit dem Satze „Es sind die schlechtesten Früchte nicht usw." ist
diese so bedeutsame Sache nicht abgetan. Hier handelt es sich
um Größeres, der Zeit in vieler Hinsicht weit Vorauseilendes. Es
ist nicht Jedermann gegeben, den Anblick des entschleierten
Bildes zu ertragen. Vielleicht ist es auch gut, daß die Mensch-
heit von ihren Mythen nicht befreit wird, da sie nicht reif ist von
ihnen befreit zu werden und dem Geist zu huldigen, der in das
Chaos Ordnung zu bringen vermag.
In dem Reiche, das Freud's gewaltiger Geist umspannt, geht
die Sonne der Erkenntnis nicht unter, aber man muß das Auge
vorbereiten, um das helle Licht zu ertragen, das hier so selbst-
verständlich dauernd fließt, wie anderwärts Tag und Nacht
einander folgen, weil die Menschheit noch nicht soweit ist, einen
ewigen Tag zu ertragen.
Von Freud gehen nach einem schönen Worte W. von
Humboldt's, wie von den wahrhaft Großen, Beziehungen ins
Unendliche aus.
Es ist eine große und reine Freude, dem Bruder Sigmund
Freud gegenüber zu sitzen, auf seine schöne weiße Stirne, in
seine dunklen, tiefen Rätsel-Augen zu schauen, aus denen Einem
eine ganze Welt entgegenblickt. Ich kenne ihn seit etwa 50 Jahren.
Sein Haar ist silbern geworden, aber sonst hat sich eigentlich
nichts Wesentliches geändert. Noch immer fließen die Worte lieb-
lich von seinen Lippen. Anregend und unbeschreiblich geistvoll ist
seine Rede, Goethe, Shakespeare, die Poësien der alten
und der neuen Völker, Geschichtsquellen und Geschichtsforschungen,
kennt er wie kaum ein Zweiter. Und wenn man sich in seinem
Arbeitszimmer umschaut, wo er man kann wohl sagen tront,
umgeben von den Bildern und Reliquien der ältesten Kulturen,
dann vermeint man jenes Geistes einen Hauch zu verspüren, dem
nichts verborgen ist, der vom Kleinsten auf das Größte, vom
Ältesten auf das Jüngste, vom Unscheinbaren auf das Allmächtige
schließt. Seligkeit und Unseligkeit so lehrt er
ruhen in
unserer Seele. Und wenn man ihn erst nach Jahr und Tag
wirklich verstanden haben wird, dann wird wie ein reinigendes
S.
127
Feuer das Wesentliche seiner Lehre die Menschen einander nähern
können, statt daß sie, da sie noch nicht an ihn heranreichen,
einander bekämpfen.
Expr. Doz. Dr. I. Fischer
Wien.
Wiener Juden des 17. Jahrhunderts.
Mitteilungen über die Juden Wiens im 17. Jahrhundert sind
uns keineswegs in reicher Zahl erhalten. Umso überraschter war
ich, in dem Reiseberichte eines zu seiner Zeit sehr bekannten
Pariser Arztes auch Bemerkungen über die Wiener Juden anzu-
treffen, Bemerkungen, die freilich ganz den Geist des Jahrhunderts
atmen. Die Geschichtswerke über die Juden Wiens kennen diese
Quelle nicht; nur die große Geschichte der Stadt Wien erwähnt
den Aufenthalt des Dr. Charles Patin in unserer Stadt und ver-
weist auf die auszugsweise deutsche Übersetzung der „Quatre
relations historiques", Basle 1673, die von dem bekannten öster-
reichischen Dichter und Schriftsteller Johann Gabriel Seidl 1848
in dem Volkskalender „Austria", S. 107, veröffentlicht wurde.
Aber es war schon das Jahr 1848, in dem diese Übersetzung er-
schien, und Seidl mildert oder unterdrückt die allzu krassen und
dem Geist der Aufklärung widersprechenden gegen die Juden er-
hobenen Anschuldigungen.
In das Jahr 1670 fällt die Austreibung der Juden durch
Kaiser Leopold I. und Patin hielt sich 1669 und 1671, also
unmittelbar vor und unmittelbar nach der Ausweisung der Juden,
in Wien auf.
Ich teile die auf die Wiener Juden bezüglichen Stellen unge-
kürzt, mit teilweiser Benützung der Seidlschen Übersetzung, mit.
(1. Reisebericht, S. 22 f.)
Heinrich Wilhelm Graf von Starhemberg ist Obersthof-
marschall: Eure Durchlaucht" der erste Bericht ist an den Herzog
Friedrich August von Württemberg gerichtet,,kennt die Macht,
die diese Stellung an allen Höfen Deutschlands gibt. Er hat un-
umschränkte Autorität über die Juden.') Von diesen hier Näheres.
Es gibt deren in Wien ungefähr 3000,2) die ganz bequem in einer
Vorstadt wohnen, die ihren Namen trägt und ungefähr 200 bis
300 Schritte von der Stadt entfernt ist.³) Sie kommen hin, wann
"
1) Man unterschied damals hofbefreite Juden, Juden überhaupt genannt,
gemeine Juden, die in fingiertem oder wirklichem Dienstverhältnis zu den Hof-
juden standen, und fremde Juden, die nur zeitweilig in Wien Aufenthalt
nahmen. Die Hofjuden standen unter der Jurisdiktion des Hofmarschalls.
(G. Wolf, Die Juden in der Leopoldstadt, Wien 1864, S. 3 f.)
2) Dieselbe Zahl nennt G. Wolf, 1. c., S. 43.
3) Die Juden wohnten von 1625-1670 im,,untern Werd", der auch Juden-
stadt genannt wurde.
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Br. Sigmund Freud
1936-051/1936