Brief an Romain Rolland 1936-071/1936
  • S.

    Brief an Romain Holland
    Von Sign. Freud

    Für eine Festschrift zu Romain Rallarlds
    70. Geburtstag bestimml‚

    Verehrler Freund |

    Dringend auigefordert‚ etwas Geschriebenes zur Feier
    Ihres siehzigslen Geburtstages helzulmgen‚ habe ich
    mich lange bemüht, etwas zu finden, was Ihrer in
    irgendeinem Sinne würdig wäre, was meiner Bewun—
    derung Ausdruek gehen könnte fiir Ihre Wahrheitsliebe,
    Ihren Bekem19rmul, Ihre Menschcnfrcundlichkeil und
    }lill'sbereiischafl. Oder was die Dankbarkeit für den
    Dichter bezeugen würde, der mir soviel Genuß und
    Erhebung geschenkt hat Es war vergeblich; ich hin
    um ein Jahrzehnt älter als Sie, meine Produklion ist
    versiegl. “las ich Ihnen schließlich zu bieten habe, ist
    die Gabe eines Verarmleu, der „einst bessere Tage
    gesehen hat“.

    Sie wissen1 meine wissenschaftliche Arbeit hatte sich
    das Ziel gesetzt, ungewöhnliche, almorme, pathologi-
    sche Erscheinungen des Seelcnlebens aufzuklären, das
    heißt, sie auf die hinter ihnen wirkenden psychischen
    Kräfte zurückzuiülu'en und die dabei tätigen Mechanis-
    men aufzuzeigen Ich versuchte dies zunächst an der
    eigenen Person, dann auch an anderen, und endlich in
    kühnem Uhergril'i auch um Menschengeschleehl im
    Ganzen, Ein solches Phänomen, das ich vor einem
    Menschenaller‚ im Jahre 1904, an mir erlebt und nie

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  • S.

    verstanden hatte, tauchte in den letzten Jahren in mei-
    ner Erinnening immer wieder auf; ich wußte zunächst
    nicht warum. Ich entsehloß mich endlich, das kleine
    Erlebnis zu analysieren, und teile Ihnen hier das Er-
    gebnis dieser Studie mit. Dabei muß ich Sie natürlich
    bitten, den Angaben aus meinem persönlichen Leben
    mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als sie sonst ver-
    dienten,

    Eine Erinnerungsnlömng m: der Akropoli.
    _ Ich pflegte damals alljährlich Ende August oder Anfang
    September mit meinem jüngeren Bruder eine Ferienreise
    anzutreten, die mehrere Wochen dauerte und uns nach
    Rom, irgendeiner Gegend des Landes Italien oder an
    eine Küste des Mittelmeer-es Iührte. Mein Bruder ist
    zehn Jahre jünger als ich, also gleichaltrig mit Ihnen,
    —— ein Znsnmmenlrefien, das mir erst jetzt aulfällt. In
    dlesem Jahr erklärte mein Bruder‚ &, ne Geschäfte er»
    laublen ihm keine längere Ahwesenheit. er könnte höeh<
    Stans elne Woche ansbleiben, wir müßten unsere Reise
    abkürzen. So hesehlussen wir, über Triest nach der
    Insel Korfu zu fahren und unsere wenigen Urlaubstage
    dort zu verbringen. In Triest besuchte er einen dort
    ansässigen Geschäftsircnnd. ieh begleitete ihn, Der
    freundliche Mann erkundigte sich auch nach unseren
    weiteren Absichten, null als er hörte daß wir nach
    Korfu wollten, riet er uns dringend ul), „Was wollen
    Sie um diese Zeit dort machen? Es ist so heiß, daß
    Sie nichts unternehmen können. Gehen Sie (loch lieber
    nach Athen. Der Lloyddampfer geht heute nachmittags
    ab, läßt Ihnen drei Tage Zeit, um die Stadt zu sehen,

    io

  • S.

    und holt Sie auf seiner Rückfahrt ab. Das wird Ich-
    nender und angenehmer sein“

    Als wir den Triestiner verlassen hatten, waren wir
    beide in merkwürdig übler Stimmung. Wir diskutierten
    den uns vorgeschlagenen Plan, fanden ihn durchaus
    unzweckmäßlg und sahen nur Hindernisse gegen seine
    Austührung, nahmen auch an, daß wir ohne Reisepässe
    in Griechenland nicht eingelassen würden. Die Stunden
    bis zur Eröffnung des Lloydhureaus wanderten wir
    mißvergnüg‘t und unentsehlossen in der Stadt herum
    Aber als die Zeit gekommen war, gingen wir an den
    Schalter und lösten Sehifl'skarten nach Athen, wie selbst-
    verständlich, ohne uns um die Vorgeblichen Schwierig-
    keiten zu kümmern, ja ohne daß wir die Gründe für
    unsere Entscheidung gegeneinander ausg<5pmchen hät-
    ten. Dies Benehmen war doch sehr sonderbar. wir an-
    erkannten später, daß wir den Vorschlag, nach Athen
    anstatt nach Korfu zu gehen, sofort und bereitwilligst
    angenommen hatten. Warum hatten wir uns also die
    Zwischenzeit his zur Öflnung der Schalter durch üble
    Laune verstört und uns nur Ahhaltungen und Schwierig-
    keiten vorgespiegelt?

    Als ich dann am Nachmittag nach der Ankunft auf
    der Akropolis stand und mein Blick die Landschaft
    umfaßte, kam mir plötzlich der merkwürdige Gedanke:
    Also existiert das alles wirklich so, wie
    wir es auf der Schule gelernt haben“ 51%
    neuer beschrieben, die Person, die eine Äußerung (nt,
    sonderte sich, weit schäri’er als sonst merklich, von
    einer anderen, die diese Äußerung wahrnehm, und beide
    waren vermindert, wenn auch nicht über das Gleiche.

    11

    ___—

  • S.

    Die. eine benahm sich so, als müßte sie unter dem
    Eindruck einer unzwcil'elhalten Beobachtung an etwas
    glauben‚ dessen Realität ihr bis dahin unsicher er—
    schienen war. Mit einer mäßigen Ubertrcihung: als ob
    jemand, entlang des schottischen Loch Ness spa-
    zierend, plötzlich den an’s Land gespülten Leib des
    vlelberedelen Ungeheuers vor sich sähe und sich zum
    anestindnix gezwungen Hände: Also existiert sie wirk-
    lich, die Seesehlflnge, an die wir nicht geglaubt haben!
    Die andere Person war aber mit Recht erstaunt, weil
    sie nicht gewußt halle, daß die reale Existenz von
    Athen, der Akropolis und dieser Landschaft jemals ein
    Gegenstand des Zweilels gewesen war. Sie war eher
    auf eine Äußerung der Entzückung und Erhehung vor«
    bereitet.

    Es liegt nun nahe, zu sagen, der befremd.lkzhe Ge—
    danke auf der Akropolis Wolle nur betonen, es sei
    doch etwas gunz anderes, wenn man etwas mit eigenen
    Augen sehe, als wenn man nur davon höre oder lese.
    Aber das bliebe eine sehr sonderbare Einkleidlmg eines
    uninteresslmten Gemelnplatzes. Oder man könnte die
    Behauptung wagen, man habe als Gymnasiast zwar
    gemeint, man sei von der historischen Wirklichkeit
    der Stadt Athen und ihrer Geschichte überzeugt gewesen,
    aber aus jenem Eintalt auf der Akropolis criahrc man
    eben, daß man damals im Unhewußtcn nicht daran
    geglaubt habe; erst jetzt habe man sich auch eine „ins
    Unhewußte reichende“ Überzeugung erworben. Eine sol-
    che Erklärung klingt sehr tiefsinnig, aher sie ist leich-
    ter nufzustellen als zu erweisen, wird auch theoretisch
    recht angreiflmr sein Nein, ich meine, die beiden Phä-

    ln

  • S.

    nomene, die Verstimmung in Triest und der Einfall
    auf der Akropolis gehören innig zusammen. Das erstere
    davon ist leichter verständlich und mag uns zur Er-
    klärung des späteren verhelfen.

    Das Erlebnis in Triest ist, wie ich merke, auch nur
    der Ausdruck eines Unglauhens. „Wir sollen Athen
    zu sehen bekommen? Aber das geht ja nicht, es wird
    zu schwierig sein“ Die begleitende Versürnmung ent-
    spricht dann den] Bedauern darüber, daß es nicht geht.
    Es wäre ja so schön gewesen] Und nun versteht man,
    woran man ist. Es ist ein Fall von „too good to be true",
    wie er uns so geläufig ist. Ein Fall von jenem Unglau-
    ben, der sich so häufig zeigt, wenn man durch eine
    glückbringe.rlde Nachricht überrascht wird, daß mim
    einen Trefter gemacht, einen Preis gewonnen hat, für
    ein Mädchen, daß der heimlich geliebte Mann bei den
    Eltern als Bewerber aufgetreten ist, u. dgl.

    Ein Phänomen konstatleren, läßt natürlich sofort die
    Frage nach seiner Verursachulig entstehen. Ein solcher
    Unglaube ist offenbar ein Versuch, ein Stück der Reali-
    tät abzulehnen, aber es ist etwas daran betremdenii. Wir
    würden gar nicht erstaunl sein, wenn sich ein solcher
    Versuch gegen ein Stück Remlität richten sollte, das
    Unlnst zu bringen droht; unser psychischer Mechanis-
    mus ist darauf sozusagen eingerichtet. Aber warum ein
    derartiger Unglaube gegen etwas, was im Gegenteil hohe
    Lust verspricht? Ein wirklich psradoxes Verhaltenl Ich
    erinnere mich aber, daß ich bereits früher einmal den
    ähnlichen Fall jener Personen behandelt habe, die, wie
    ich es ausdrückte‚ „am Erfolge scheitern“. Sonst er-
    krankt man in der Regel an der Versagung, der Nicht—

    15

  • S.

    erfüllung eines lehenswiehügen Bedürfnisses oder Wun—
    sches; bei diesen Personen ist es aber umgekehrt, sie
    erkranken, gehen selbst daran zu Grunde, dal} ihnen
    ein überwältigend starker Wunsch erfüllt werden ist.
    Die Gegensätzlichkeit der beiden Situationen ist aber
    nicht so groß, wie es anfangs scheint. Im parndoxen
    Falle ist einfach eine innere Verengung an die Stelle
    der äußeren getreten. Man gönnt sich das Glück nicht,
    die innere Versagnng hefiehlt, an der äußeren festzu-
    halten. Warum aber? Weil, so lautet in einer Reihe von
    Fällen die Antwort, man sich vom Schicksal etwas
    so Gutes nicht erwarten kann, Also wiederum das „too
    good in be Img“. die Äußerung eines Pessimismus, von
    dem viele von uns ein großes Stück in sich zu beher-
    bergen scheinen In anderen Fällen ist es ganz so wie
    bei denen, die am Eriolg scheitern, ein Schuld- oder
    Minderwerligkeitsgetühl, das man übersetzen kann: Ich
    bin eines solchen Glückes nicht würdig, ich verdiene
    es nicht. Aber diese beiden Motiviernngen sind im
    Grunde das nämliche, die eine nur eine Projektion der
    nndexcn. Denn, wie längst bekannt, ist das Schicksal,
    von dem man sich so schlechte Behandlung erwartet,
    eine Materialisation unseres Gewissens, des strengen
    Uber-Ichs in uns, in dem sich die strafendc Instanz
    unserer Kindheit niedergeschlngen hat.

    Damit wäre, meine ich, unser Benehmen in Triest
    erklärt. Wir konnten nicht glauben, daß uns die Freude
    bestimmt sein sollte, Athen zu sehen. Daß das Stück
    Realität, des wir ablehnen wollten, zunächst nur eine
    Möglichkeit war, bestimmte die Eigentümliehkeiien un-
    serer damaligen Reaktion. Als wir dann auf der Akro-

    14

  • S.

    palis slanden, war die Möglichkeit zur Wirklichkeit
    geworden, und derselbe Unglauhe fand nun einen ver—
    änderieu, aber Weil deutlicheren Ausdruck. Dieser hätte
    ohne Enlslellung lauten sollen: Ich häiLe wirklich nicht
    geglauhi, dal] es mir je gegénnt sein würde, Athen
    mit meinen eigenen Augen zu sehen, wie es doch jetzt
    unzweifelllaft der Fall ist! Wenn ich mich erinnere,
    welche glühende Sehnsucht, zu reisen und. die Welt
    zu sehen, mich in der Gymnasialzeil und später be-
    herrscht hatte, und wie spät sie sich in Erfüllung um-
    zuseizen begann, verwundere ich mich dieser Nach-
    wirkung auf der Akropolis nichi; ich war damals
    achtundvierzig Jahre alt Ich habe meinen jüngeren
    Bruder nicht befragt, ob er ähnliches wie ich verspürt.
    Eine gewisse Scheu lag über dem ganzen Erlebnis, sie
    hatte schon in Triest unseren Gedankenaustausch bc—
    hindert.

    Wenn ich aber den Sinn meines Einntls auf der
    Akropolis richtig malen habe, er drücke meine freudige
    Verwunderung darüber aus, daß ich mich jelzl an die—
    sem Ort befinde, so erhebt sich die Weitere Frage, war-
    um dieser Sinn im Einfall eine so entsiellte und ent-
    siel.lmde Einkleidung erfahren hal.

    Der wesentliche Inhalt des Gedankeus ist auch in der
    Entstehung erhalten geblieben, es ist ein Unglaube.
    „Nach dem Zeugnis meiner Sinne stehe ich jetzt auf
    der Akropolis, allein ich kann es nicht glauben“. Die-
    ser Unglaubc, dieser Zweifel an einem Stück der Reali-
    tät, wird aber in der Äußerung in zweifacher Weise
    verschoben, erstens in die Vergangenth gerückt und
    zweitens von meiner Beziehung zur Akropolis weg

    15

  • S.

    auf die Existenz der Akropolis selbst verlegt. So kommt
    etwas zustande, was der Behauptung gleichkomml1 ich
    hätte früher einmal an der realen Existenz der Akro—
    polis gezweiieli, was meine Erinnerung aber als un-
    richtig, ja als unmöglich ablehnt.

    Die beiden Entslellungen bedeuten zwei von einander
    unabhängige Probleme, Man kann versuchen, tiefer in
    den Umsetzungsprozcß einzudringen. Ohne näher anzu-
    geben, wie ich dazu komme, will ich davon ausgehen,
    das Ursprüngliche müsse eine Empfindung gewesen sein,
    daß an der damaligen Situation etwas Unglaubwürdiges
    und Unwirkliches zu verspüren sei. Die Situation um-
    inßi meine Person, die Akropolis und meine Wahrueh»
    mung derselben, ich weiß diesen Zweifel nicht unter—
    zuhringen, ich kann ja meine Sinneseindrücke von der
    Akropolis nicht in Zweifel ziehen. Ich erinnere mich
    aber, daß ich in der Vergangenheit an etwas gezwei—
    fell, was mit eben dieser Ortlichkeit zu tun hatte, und
    finde so die Auskunft, den Zweifel in die Vergangenheit
    zu versetzen. Aber dabei ilnderl der Zweifel seinen
    Inhalt, Ich erinnere mich nicht eininch daran, daß ich
    in trüben Jahren daran gezweifelt, ob ich je die Akro-
    polis selbst sehen werde, sondern ich behaupte, daß
    ich damals überhaupt nicht an die Realität der Akro-
    polis geglaubt habe. Grade aus diesem Ergebnis der
    Entstehung ziehe ich den Schluß, daß die gegenwärtige
    Situation an! der Akropolis ein Element von Zweifel
    an der Realität enthalten hat. Es ist mir bisher gewiß
    nicht gelungen, den Bergung klarmmachen, darum will
    ich kurz abschließend sagen, die ganze anscheinend
    verworrene und schwer darstellbare psychische Situa-

    16

  • S.

    tion löst sich glatt durch die Annahme, daß ich damals
    ‚in! der Akropolis einen Moment lang das Gefühl hatte
    — oder hätte haben können: was ich da sehe, ist
    nicht wirklich. Man nennt das ein „Entfremdungs-
    gefühl“. Ich machte einen Versuch, mich dessen zu er-
    wehren, und es gelang mir au! Kosten einer falschen
    Aussage über die VergangenheiL

    Diese Enli'remdnngen sind sehr merkwürdige, noch
    wenig verstandene Phänomene. Man beschreibt sie als
    „Empfindungen“, aber es sind oitenbar komplizierte
    Vorgänge, an bestimmte Inhalte geknüpft und mit Ent-
    scheidungen über diese Inhalte verbunden. Bei gewissen
    psychischen Erkrankungen sehr häufig, sind sie duch
    auch dem normalen Menschen nicht. unbekannl, etwa
    wie die gelegentlichen Ilailuzinatianen der Gesunden.
    Aber sie sind doch gewiß Fehlleistungen, von ahnormem
    Aufbau wie die Träume, die ungeachtet ihres regelmäßi-
    g8n Vorkommens beim Gesunden uns als Vorbilder see—
    lischer Slürung gelten. Mnn beabachtet sie in zweier-
    lei Formen; eaneder erscheint uns ein Stück der Reali—
    läl als fremd oder ein Stück des eigenen Ichs. In lem
    teren) Fall spricht man von „Depersanalisation“; Ent-
    fremdungen und Depersonalisationen gehören innig zu-
    sammen. Es gibt andere Phänomene, in denen wir
    gleichsam die positiven Gogenstücke zu ihnen erken—
    nen mögen, die sog. „Fauna Rnconnaixsancz“, das
    „Défa un“, „Dem raconlé"‚ Täuschungcn, in denen wir
    etwas als zu unserem Ich gehörig annehmen wollen,
    wie wir bei den Entfremdungen etwas von uns auszu-
    schließen bemüht sind. Ein naiv-mysliseher, nnpsycho—
    logischer Erklärungsversuch will die Phänomene des

    2 Almanach um ‚7

    #«_.4

  • S.

    Dein vu als Beweise für frühere Existenzen unseres
    seelischen Ichs verwerten. Von der Depersonnlisation
    führt der Weg zu der höchst merkwürdigen „Double
    Conseience", die man richtiger „Persönlichkellsspnltung“
    benennt. Das ist alles noch so dunkel, so wenig wis-
    senschaftlich heznnmgen, daß ich mir verbieten muß,
    es vor Ihnen weiter zu erürtern.

    Es genügt meiner Absicht, wenn ich an! zwei allge-
    meine Charaktere der Entlremdungsphinornene zurück-
    kommc. Der erste ist, sie dienen alle der Abwehr,
    wollen etwas vom Ich fernhalten, verleng'nen, Nun kom-
    men von zwei Seiten her neue Elemente an das Ich
    heran, die zur Abwehr nullordern können, aus der
    realen Außenwelt und aus der Innenwelt der im Ich
    auftauchenden Gedanken und Regungen. Vielleicht deckt
    diese Alternative die Unterscheidung zwischen den
    eigentlichen Entfremdungen und den Depersonalisalio«
    nen. Es gibt eine außerordentliche Fülle von Methoden,
    Mechanismen sagen wir, deren sich unser Ich bei der
    Erledigung seiner Abwehr-aufgaben bedient. In meiner
    nächslen Nähe erwächsl jetzt eine Arbeit, die sich mit
    dem Studium dieser Abwehrmelhoden beschäftigt;
    meine Tochter, die Kinderanalylikerin, schreibt eben ein
    Buch darüber. Von der primitivslen und gründlichsten
    dieser Methoden, von der „Verflringung“, hat unsere
    Vertiefung in die Psyuhupnthologie überhaupt ihren Aus—
    gang genommen. Zwischen der Verdrängung und der
    normnl zu nennenden Abwehr des Peinlich-Unerlräg-
    lichen durch Anerkennung, Überlegung, Urteil und
    zweckmäßiges Handeln liegt eine große Reihe von Ver-
    haltungsweisen des Ichs von mehr oder Weniger deut-

    18

  • S.

    lich pathologischem Charakter. Darf ich bei einem
    Grnnzfall einer solchen Abwehr verweilen? Sie kennen
    das berühmte Klagelied der spanischen Mauren „Ay
    de mi Alhama“‚ das erzählt, wie der König Doahdil die
    Nachricht vom Fall seiner Stadt Alhama aufnimmt. Er
    ahnt, daß dieser Verlust das Ende seiner Herrschaft
    bedeutet. Aber er will es nicht „wahr haben“, er be
    schließt, die Nachricht als „non arrivé“ zu behandeln.
    Die Strophe lautet:

    Carlos le [heran uem‘das,

    de que Alhnma em ganudn.
    Las car-les eclufi en el ]uego
    (] 111 mensagero matalm.

    Man errat leicht, daß an diesem Benehmen des Kö-
    nigs das Bedürfnis mitheteiligl ist, dem Gefühl seiner
    Ohnmacht zu widerstreilen. Indem er die Briefe ver-
    brennt und den Boten töten läßt, sucht er noch seine
    Machtvolllmml'nenheil zu demonstrieren.

    Der andere allgemeine Charakter der Entfremdungen,
    ihre Abhängigkeit von der Vergangenheit, von dem Er-
    innerungsschatz des Ichs und früheren peinlichen Er-
    lebnissen, die vielleicht seither der Verdrängung anheim
    gefallen sind, wird ihnen nicht ohne Einspruch zugestim-
    dm Aber grade mein Erlebnis auf der Akropolis, das
    ja in eine Erinnerungsatörung, eine Verfilsehnng der
    Vergangenheit ausgeht, hilft uns dazu-„ diesen Einfluß
    anzuzeigen. Es ist nicht. wahr, daß ich in den Gym-
    nasialjahren ie an der realen Existenz von Athen gezwei-
    fett habe Ich habe nur daran gezweifeit‚ daß ich Athen
    je werde sehen können. So weit zu reisen, es „so weit

    zu 19

  • S.

    zu bringen“, erschien mir als außerhalb jeder Möglich—
    keit. Das hing rnit der Enge und Armseiigkeit unserer
    Lehensverhältnisse in meiner Jugend zusammen. Die
    Sehnsucht1 zu reisen, war gewiß auch ein Ausdruck des
    Wunsches, jenem Druck zu entkommen, verwandt dem
    Drang. der so viel halbwüchsige Kinder dazu nnireibt,
    vom Hause durchzugehen. Es war mir längst klar
    geworden, daß ein großes Stück der Lust am Reisen in
    der Erii'illung dieser frühen Wünsche besteht, alsn in
    der Unzufriedenheit mit Hans und Familie wurzeli.
    Wenn man zuerst das Meer Sieht, den Ozean überquert,
    Städte und Länder als \Virkliul'ikeilen erlebt, die so
    lange lerne, unerreichbare Wunschdinge waren, so [ühlt
    man sich wie ein Held, der unwahrscheinlich große
    Taten vollhrncht hat. Ich hätte damals an! der Akrapnlis
    meinen Bruder fragen können: Weißt Du noch, wie wir
    in unserer Jugend Tag für Tag denselben Weg gegangen
    sind, von der Straße ins Gymnasium, am Sonntag dann
    jedesmal in den Prater oder auf eine der Landparlien,
    die wir schon su gut kannten, und jetzt sind wir in
    Athen und stehen auf der Akropolisl Wir haben es
    wirklich weit gelirachll Und wenn man so Kleines mil
    Größerem vergleichen darf, hat nicht der erste Napo-
    leon während der Kaiserkrönung in Nahe-Dame sich
    zu einem seiner Brüder gewendel — es wird wohl der
    älteste, Josef, gewesen sein — und bemerkt: „Was würde
    Monsieur notre Pére dazu sagen, wenn er jetzt dabei
    sein könnte?“

    Hier stoßen wir aber auf die Lösung des kleinen
    Problems, warum wir uns schon in Triest das Ver—
    gnügen an der Reise nach Athen verstört hatten Es

    im

  • S.

    muß so sein, daß sich im die Befriedigung, es so Welt
    gebracht zu haben, ein Schuldgefülll knüpft; es ist
    etwas dabei, was unreeht, was von alters her ver -
    ten ist. Das hat; mit der kindlichen Kritik am Vater zu
    tun, mit der Geringsehälzung, welche die frühkind-
    liche Überschätzung seiner Person abgelöst hatte. Es
    sieht; aus, als wäre es das Wesentliche am Erfolg, es
    weiter zu bringen als der Vater, und als wäre es
    noch immer uncrlsnuht, den Vater übertreffen zu wollen.
    Zu dieser allgemein gjlligen Motivierung kommt noch
    für unseren Fall das besondere Moment hinzu. daß in
    dem Thema Athen und Akropolis an und für sich
    ein Hinweis auf die Überlegenheit der Söhne enthalten
    ist. Unser Vater war Kaufmann gewesen, er besaß
    keine Gymnasialbildung‚ Athen konnte ihm nicht. viel
    bedeuten. Was uns im Genuß der Reise nach Athen
    stöl'te, war also eine Regung der Pietät. Und jetzt
    werden Sie sich nicht mehr verwundern, daß mich
    die Erinnerung an das Erlebnis auf der Akrnpolis so
    oft heimsucht, seitdem ich selbst alt, der Nachsicht be-
    dürflig geworden bin und nicht mehr reisen kann.

    ich grüße Sie herzlich, Ihr
    Sigm. Freud.