Bruder Freud 1926-074/1926.6

Kohn, Edmund (1926-074/1926.6): Bruder Freud

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    Br. Vice-Großpräsident
    Dr. Edmund Kohn.
            Wien.

    Bruder Freud*.

            Sehr gerne entspreche ich Ihrem Wunsche, einige Zei-
    len für die Freud-Nummer Ihrer Monatsschrift zu schrei-
    ben, will jedoch nicht über Sigmund Freud als Pfadfinder
    und Meister seiner Disziplin sprechen, da ich mich hiezu
    nicht berufen fühle, vielmehr als Bruder, den ich hoch ver-
    ehre; bin ich doch stolz darauf, zu den wenigen zu gehören,
    welche die einzige Erholungszeit, die er sich gönnte, den
    Samstag-Abend, in seiner Gesellschaft verbringen konnten.
            Die biographischen Daten entnehme ich der im Jahre
    1925 bei Felix Meixner („Die Medizin der Gegenwart“)
    erschienenen Selbstbiographie. Geboren am 6. Mai 1856 in
    Freiberg in Mähren, kam er als Kind nach Wien, absol-
    vierte hier alle Schulen, war durch sieben Jahre des Gym-
    nasiums „Primus“ und besaß schon damals eine Bibliothek,
    um die ihn seine Mitschüler beneideten. 1873 bezog er die
    Universität in Wien, arbeitete 1876 bis 1882 im physiologi-
    schen Institut Brückes und wurde 1881 zum Med. Univ. Dr.
    promoviert. 1885 war Freud Dozent für Neuro-Pathologie,
    ging dann für längere Zeit nach Paris zu Charcot, von
    dort über Berlin — Baginsky — nach Wien, wo er am In-
    stitut des Professors Kassowitz praktisch arbeitete. 1886
    heiratete er und etablierte sich in Wien. 1891 erschien seine
    Arbeit über Gehirnlähmungen bei Kindern, zusammen mit
    Dr. Oskar Rie (jetzt Br. der w. „Eintracht“), 1893 begannen
    seine ersten Arbeiten und Veröffentlichungen mit Dr. Josef
    Breuer. 1895 erschienen seine Studien über Hysterie und
    damit begann schon die Zeit, in welcher Freud das eigene
    Gebiet der Psychoanalyse schuf und dann weiter ausbaute.
            Die Leser Ihrer Monatsschrift, die lieben Brüder,
    dürfte es nun interessieren, wie Bruder Freud, der heute
    einer der hervorragendsten Menschen der ganzen Welt ist,
    sich im Orden und zum Orden stellt. Schon im Jahre 1895
    fand ich Gelegenheit, ihn auf unseren Bund aufmerksam
    zu machen, doch trat er erst am 29. September 1897 in die
    „Wien“ ein. Noch im selben Jahre, am 7. Dezember, hielt
    er seinen Vortrag über „Traumdeutung“, der dann eine
    Fortsetzung erhielt. Von Anfang bis zum Ende lauschte
    jeder Anwesende mit gespanntester Aufmerksamkeit den
    Worten Freuds, der uns das damals neue Resultat seiner

    * Aus den B'nai B'rith Monatsblättern der Großloge für den tschecho-
    slowakischen Staat.

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    Studien nicht nur in formvollendetster, sondern auch in einer
    für jedermann leicht verständlichen Weise erläuterte. So
    wie Freud ein selbstbewußter Jude ist, so stellte er sich
    auch vom ersten Tage an ganz in den Dienst der Loge.
    Sehr selten versäumte er eine Sitzung, beteiligte sich rege
    an den Diskussionen und an den Komiteearbeiten. Er war
    durch viele Jahre Mitglied des Komitees für die geistigen
    Interessen, auch Obmann desselben, sowie des Friedens-
    komitees und Recherchenkomitees. Er gehört zu jenen
    Brüdern, die von allen Mitgliedern der „Wien“ hoch-
    verehrt, geschätzt und geliebt werden, worüber niemand
    erstaunt sein wird, der Gelegenheit hatte, mit ihm in
    näheren Verkehr zu treten oder ihn am Vortragstisch zu
    hören, denn sein angenehmes Organ, seine Art, auch über
    die schwierigsten Themen allen verständlich zu sprechen,
    sein immenses allgemeines Wissen und — last not least —
    das Vortragsthema selbst gewannen ihm alle Herzen. Dabei
    ist Freud ein Fanatiker der Wahrheit, er hat das Be-
    streben, vollständig wahr zu sein, sich selbst und anderen
    gegenüber. So ist es natürlich, daß ein Vortrag von ihm
    stets ein Festtag für die Loge war, und stürmischer, nicht
    endenwollender Beifall brachte ihm die Verehrung, die
    Liebe und nicht zuletzt die Dankbarkeit der Brüder zum
    Ausdruck. Es ist selbstverständlich, daß die Loge als Ganzes
    und jeder einzelne den regsten Anteil nimmt an allem, was
    ihn und seine Familie betrifft, und daß alle glücklich sind,
    ihn nach langer Krankheit wieder gesund zu wissen. Mit
    Vergnügen erinnere ich mich der Sitzung vom 18. März
    1902, wo die Brüder mit aufrichtiger Freude ihn als an dem-
    selben Tage ernannten Professor der Universität Wien
    begrüßen konnten. In den Jahren 1900 bis 1902 beteiligte er
    sich rege an den Diskussionen, die zur Gründung der
    zweiten Loge führten, war auch Mitglied des Gründungs-
    komitees derselben, in welchem er sofort seinen intimen
    Freund und früheren Mitarbeiter Dr. Oskar Rie für die
    neue Loge „Eintracht“ anmeldete.

            In den ersten zehn bis zwölf Jahren seiner Zugehörig-
    keit zum Orden fehlte er selten in einer Versammlung oder
    einer Komiteearbeit. Später nahm ihn seine berufliche und
    wissenschaftliche Tätigkeit so in Anspruch, daß er beim
    besten Willen nicht die Zeit fand, oft zu uns zu kommen;
    von einem Bruder nach dem Grunde befragt, meinte er
    launig, er sei jetzt täglich bis in die Nacht hinein beschäf-
    tigt, er habe ein kleines Zipfelchen am Vorhange des Bildes
    zu Sais gehoben und müsse dies nunmehr büßen. Bis zum
    heutigen Tage ist Br. Freud intensiv beschäftigt und findet
    nur selten Zeit zu seiner Erholung.

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            Es wird immer ein Stolz der „Wien“ sein, daß er sich
    mit seiner Arbeit über „Traumdeutung“ der ersten Stufe,
    von der aus er seine neue Lehre der Welt verkündete und
    die erst im Jahre 1900 im Druck erschien, 1897 in einem
    Vortrage vorgestellt hat, der, wie schon gesagt, die unge-
    teilte Aufmerksamkeit und Bewunderung der Brüder fand.
    Seine weiteren Vorträge, welche in den letzten Jahren
    infolge seiner zeitraubenden angestrengten Arbeit, später
    wegen seiner Erkrankung leider aufhörten, betrafen fol-
    gende Themen: Über „Seelenleben des Kindes“, „Fecondité
    von Zola“, „Zufall und Aberglaube“, „Ziele und Zwecke
    des U. O. B. B.“ als Einleitung zu einer mehrere Sitzungen
    anhaltenden Diskussion, „Stellung der Frau im Rahmen
    unseres Logenlebens“, „Hammurabi“, Psychologie im
    Dienste der Rechtspflege“, „Kindertaufen“, „Das Hamlet-
    problem“, „Was ist Psychoanalyse“, „Wir und der Tod“,
    „La revolte des anges“, „Phantasie und Kunst“.

            Für alle diese interessanten und lehrreichen Vorträge,
    deren jeder für die Brüder ein Erlebnis darstellt, sei ihm
    an dieser Stelle der innigste Dank ausgesprochen.

            Freud hatte schwere Arbeit, seine Lehre durchzusetzen,
    und noch heute hat er viele Gegner, dafür aber zahllose
    Anhänger in der ganzen Welt, insbesondere in den angel-
    sächsischen Ländern und Frankreich, aber keiner seiner
    wissenschaftlichen Gegner kann ihm ein persönlicher Feind
    sein, denn er ist ein so liebenswürdiger, durchaus wahrer
    Mensch, den trotz des Bewußtseins, etwas Großes geleistet
    zu haben, eine rührende Bescheidenheit auszeichnet, die
    ihn in den Schlußworten seiner Selbstbiographie kenn-
    zeichnet:

            „So kann ich denn rückschauend auf das Stückwerk
    meiner Lebensarbeit sagen, daß ich vielerlei Anfänge
    gemacht und manche Anregungen ausgeteilt habe, woraus
    dann in Zukunft etwas werden soll. Ich kann selbst nicht
    wissen, ob es viel sein wird oder wenig.“

            Wir, seine Brüder der „Wien“ und des ganzen Bundes,
    können stolz sein, einen solchen Mann, eine Zierde der
    internationalen Wissenschaft, einen Heros der Menschheit,
    zu den Unseren zählen zu dürfen.

    Er bleibe schaffensfreudig und gesund ad multos annos!