Casuistische Beiträge zur Kenntnis der cerebralen Kinderlähmungen und der Epilepsie 1891-002/1893

Rosenberg, Ludwig, Freud, Sigmund (1891-002/1893): Casuistische Beiträge zur Kenntnis der cerebralen Kinderlähmungen und der Epilepsie

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    Casuistische Beiträge zur Kenntniss der cerebralen Kinder-
    lähmungen und der Epilepsie,
    Von Dr. Ludwig Rosenberg, Kinderarzt in Wien.

    Seit der vor zwei Jahren erfolgten ausführlichen Publication von
    Freud und Rie*) über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder
    sind in der Ordinations-Abtheilung für nervenkranke Kinder des I. öffent-
    lichen Kinder-Krankeninstitutes zahlreiche neue typische, wie auch
    rudimentäre Fälle obgenannter Krankheit zur Beobachtung gekommen.
    Da viele dieser Fälle geeignet sind, von dem einen oder dem anderen
    Standpunkte aus ein besonderes Interesse zu erwecken, so habe ich
    aus dem reichen Materiale Einiges zur Mittheilang ausgewählt, und
    zwar für diesmal jene Fälle zusammengestellt, welche die Bezeichnung
    einer verkappten, hinter dem Bilde der Epilepsie versteckten Kinder-
    lähmung verdienten, oder (mit anderen Worten) Fälle, die neben Epi-
    lepsie nur geringfügige andere Symptome des cerebralen Processes
    erkennen liessen.

    Nur der erste Fall meiner kleinen Sammlung gehört in eine
    andere Kategorie; ich habe ihn wegen seines erheblichen ätiologi-
    schen Interesses mit aufgenommen.

    Fall Il. Schwere rechtsseitige Hemiplegie, nach-
    weisbar in Folge von Embolie nach Endocarditis und
    Infeetionskrankheit (Scharlach). — Bedeutung der
    initialen Convulsionen. — Erkennung der cerebralen
    Facialisparese.

    Marie Eggenberger, 4 Jahre alt, wurde am 15. September 1892 in das
    Ambulatorium gebracht, woselbst folgende Anamnese erhoben wurde: Patientin
    ist (las dritte Kind, normal zur Welt gekommen, und hat mit einem Jalıre be-

    gonnen zu sprechen und mit 13 Monaten zu gehen. Sie hat nie Fraisen gehabt,
    überhaupt war sie bis vor 6 Wochen, wo sie an einem Scharlach erkrankte, voll-

    *) Freud und Rie, Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung
    der Kinder. Beiträge zur Kinderheilkunde aus dem I. öffentlichen Kinder-Kranken-
    institute in Wien, herausgegeben von Prof. Kassorcitz, III, 1891.

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    kommen gesund. Dem Scharlach folgte nach 3 Wochen eine Nephritis mit hoch-
    gradigen Oedemen. Nach Ablauf derselben bekam das Kind plötzlich bei Nacht
    einen Fraisenanfall, in welchem angeblich der ganze Körper zuckte. Gleich darauf
    bemerkte die Mutter eine Lähmung der rechten Körperseite, auch konnte das
    Kind 2 Tage lang nicht sprechen, sondern gab auf Fragen nur durch Geberden
    Antwort. Der Fraisenanfall wiederholte sich nicht mehr und das Kind begann
    nach 2 Tagen wieder zu sprechen. Es sprach anfangs nur einzelne Worte und
    auch diese so undeutlich, dass man es nur schlecht verstehen konnte. Die
    Mutter meint, dies sei die Folge des schiefen Mundes gewesen, den das Kind
    seither behalten hat. Sprachvermögen und Beweglichkeit des rechten Beines haben
    sich seither ganz allmälig bis zum heutigen Tage gebessert, dagegen besteht noch
    eine vollkommene Lähmung der rechten Armes.

    Status praesens: \Wohlgebautes, etwas blass aussehendes Kind mit apathi-
    schem Benehmen. Sprache verlangsamt, schleppend, Aphasie aber jetzt nicht
    nachweisbar. Mimik im Allgemeinen wenig lebhaft. Schwere, augenfällige rechts-
    seitige Facialisparese, welche nicht nur den unteren, sondern auch den oberen Ast
    allerdings in schwächerem Maasse betrifft.

    Beim Runzeln der Stirne die Falten rechterseits weniger ausgeprägt; der
    rechte Mundwinkel in der Ruhe stark hängend. Beim Lachen, Weinen, Sprechen
    ist die Betheiligung der rechten Seite eine auffällig geringe. Auf Beklopfen deut-
    liche Muskelzuckungen im Gesichte beiderseits, rechts jedoch lebhafter. Aus der
    rechten Seite der Mundspalte fliesst fast continuirlich der Speichel ab; am Kinn
    rechterseits ein halbkreuzergrosses nässendes Ekzem. Der Gaumen wird gut ge-
    hoben, Kauen und Schlucken in Ordnung. An den Augen ist nichts Abnormes
    nachzuweisen; die Zunge weicht etwas nach links ab.

    Die rechtsseitigen Extremitäten geröthet und kälter als die linksseitigen.
    Der rechte Arm ist vollständig bewegunglos mit leichter Andeutung von Spannung
    im Ellbogengelenke und Beugecontractur der Finger. Dieselben sind gebeugt, in
    die Hohlhand eingeschlagen und können nur mit einiger Gewalt gestreckt werden.
    Gesteigerter Triceps- und sehr lebhafter Beugereflex. Am Arme keine Atrophie
    nachweisbar.

    An den Beinen beiderseits starke Adductorenspannung, keine Atrophie,
    keine Deformation des Fusses.

    Patellarreflex rechts bedeutend erhöht, aber auch links sehr lebhaft. Das
    Kind geht erst seit kurzer Zeit wieder; Gang entschieden hemiplegisch, wobei
    das rechte Bein nachgeschleppt und um ein Weniges circumducirt wird.

    Sensibilität rechts etwas abgeschwächt; das Kind reagirt links sowohl auf
    Nadelstiche wie auch auf Faradisation stärker als rechts.

    Keine Oedeme. Harn enthält Spuren von Albumen, keine geformten Elemente.

    Lungenbefund normal. Die Herzdämpfung beginnt an der linken dritten
    Rippe, reicht nach rechts einen Querfinger breit auf das Sternum, nach links bis
    zur vorderen Axillarlinie. Herzstoss schwach, im vierten und fünften Intercostal-
    raume in der Mammillarlinie. Deutliches systolisches Geräusch an der Spitze, welches
    nach dem Sternum zu noch wächst, zweiter Pulmonalton klappend. Insufficientia
    valvulae mitralis.

    Die Behandlung bestand in Faradisation der rechten Körperseite.

    Ende October, also ungefähr 6 Wochen später, wurden folgende Verände-
    rungen notirt: Lähmung des rechten Facialis bedeutend gebessert; derselbe bleibt

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    nur bei der Innervation um ein Geringes gegen den linken zurück; Stirne und
    Augen frei; Speichelfluss geringer. Die Intelligenz nach Angabe der Mutter nicht
    geschädigt, doch erwähnt dieselbe später, dass man dem Kinde jetzt „Alles öfters
    schaffen muss“. Gehör vollkommen gut. Die Sensibilität hat rechts sehr zuge-
    nommen, ist jetzt auf beiden Seiten fast gleich. Deutliche Atrophie der rechten
    oberen und unteren Extremität, und zwar ergibt die Messung:

    Grösster Umfang des rechten Oberarmes . . . . 18 Cm.
    n » » linken » vn... 14 „
    » » „ rechten Unterarmes . . . . 23,
    » » » linken n va 1 5
    » » » rechten Oberschenkels . . ,. 27 „
    » » „ linken r 0.29,
    r » der rechten Wade . 2 2..138,„
    » » „ linken » 2002.19,

    Harn albumenfrei. Herzbefund unverändert. Keine epileptischen Anfälle.

    Es handelt sich hier also um ein Kind, welches nach Scharlach-
    nephritis beim Ablaufe der Oedeme plötzlich unter Convulsionen eine
    rechtsseitige Facialis- und Körperlähmung nebst Aphasie bekommt,
    und bei welchem einige Wochen später bei der objectiven Unter-
    suchung eine Endocarditis gefunden wird. Da das Kind, wie schon
    früher betont wurde, bis zur Erkrankung an Scharlach immer gesund
    war, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die
    Endocarditis während des Scharlachs entstanden, also eine recente war.

    In dieser frischen Endocarditis müssen wir auch die Ursache
    der Gehirnerkrankung suchen und werden gewiss nicht fehlen, wenn
    wir eine Embolie der Arteria fossae Sylvii sinistra diagnosticiren. Zu
    der Auffassung der Lähmung als einer embolischen stimmt auch der
    Umstand, dass sie die rechte Seite betrifft, da bekanntlich die Embolie
    der linken Arteria fossae Sylvii ungleich häufiger ist, als die der
    rechten.

    Benedikt*) war der Erste. der auf das häufige Vorkommen der
    spastischen cerebralen Kinderläihmungen im Gefolge von Infections-
    krankheiten aufmerksam machte. Seither wurde von zahlreichen
    Autoren die Bedeutung, welche die Infectionskrankheiten für die
    cerebrale Kinderlähmung haben, mehr oder weniger nachdrücklich
    betont. Während Wallenberg**), Osler***), Gowers}), Sachs und

    *) Benedikt, Elektrotherapie. Wien 1868.

    **) Wallenberg, Ein Beitrag zur Lehre von den cerebralen Kinderlähmungen.
    Jahrbuch für Kinderheilkunde, XXIV, 1886.

    *«#) Osler, The cerebral palsies of children. Medical news 1888, Nr. 2, 3, 4, 5.
    +) Gowers, A manual of the diseases of the nerrous system, II, 1888.

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    Peterson*), Freud und Rie*) und noch Andere diese Bedeutung
    gehörig würdigen, daneben aber auch andere ätiologische Momente
    gelten lassen, wollen Richardiöre**), Jendrassik et Mariet}), Mariett),
    Gibotteau ff) die Ursache der acuten Cerebrallähmung der Kinder
    ausschliesslich in den acuten Infectionskrankheiten suchen.

    Nach allen Infeetionskrankheiten kamen schon cerebrale Läh-
    mungen zur Beobachtung, nach keiner aber so häufig, wie gerade
    nach Scarlatina.

    In der Monographie von Freud und Rie**) werden nach ver-
    schiedenen Autoren 34 Fälle angeführt, hiezu kommt noch 1 Fall aus
    eigener Beobachtung. Seither wurden noch weitere Fälle veröffentlicht,
    so von Lammers}*) 1 Fall aus der Berliner Kinderklinik, ferner von
    Imogene Bassette**) 2 Fälle, Fall V und VII, welche letzteren aber
    kein reines Bild der Cerebrallähmung darbieten.

    Freud und Rie haben 19 besser beobachtete Fälle aus der obigen
    Reihe von 34 Scharlachlähmungen in einer übersichtlichen Tabelle
    dargestellt, aus welcher sich mancherlei erschliessen lässt. Vor Allem
    fällt es auf — und es wird auch von genannten Autoren darauf hin-
    gewiesen —, dass die Lähmung in der Regel gegen Ende der Scharlach-
    erkrankung eintritt. Hierauf hat seinerzeit schon G@owers+***) aufmerk-
    sam gemacht. Auch im Falle Zammers’, sowie in meinem Falle ist
    die Gehirnerkrankung erst nach Ablauf der Scharlachnephritis auf-
    getreten.

    Weiters ersieht man aus dieser Zusammenstellung, dass auf
    15 rechtsseitige Lähmungen nur 3 linksseitige kommen, welches

    *) Sachs and Peterson, Journal of nervous and mental disease, 1890.
    **) ].c.

    **«) Richardiöre, Etude sur les scleroses encöphaliques primitives de l’en-
    fance, 1885.

    }) Jendrassik et Marie, Contribution & l’&tude de l’'hömiatrophie cör&brale
    par sclerose lobaire. Archives de physiologie, V, 1885.

    rt) Marie, Progres medical 1885. — Dictionnaire encyclopedique des sciences
    medicales, 1888,

    Trr) @idotteau, Notes sur le d&veloppement des fonctions cer&brales et sur
    les paralysies d’origine c&r&brale chez les enfants. Paris 1889.

    }*) Lammers, Störungen seitens des Nervensystems als Complicationen
    und Nachkrankheiten der acuten infectiösen Exantheme. Inaugural-Dissertation,
    Berlin 1890.

    +**) Imogene Bassette, Journal of nervous and mental disease, July 1892.
    +#r#) Gowers, A manual of the diseases of the nervous system, II, 1888.

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    Verhältniss sehr deutlich zu Gunsten der embolischen Aetiologie
    spricht. Ich will noch einmal darauf hinweisen, dass auch in meinem
    Falle die Lähmung eine rechtsseitige ist.

    Ferner muss noch hervorgehoben werden, dass wir unter den
    19 Füllen I1mal Nephritis verzeichnet finden; auch in dem Falle von
    Lammers sowie in meinem Falle war Nephritis vorhanden. Dagegen
    wird nur in zwei Fällen Herzaffection angegeben, in einem Falle von
    Wallenberg*), bei welchem ein Mitralfehler entstand, und in einem
    Falle von Taylor **), welcher zur Obduction kam, und bei dem man
    Endocarditis und Embolie der linken Arteria fossae Sylvii nachweisen
    konnte. In meinem Falle kann man an der Endocarditis, wenngleich
    sie nicht durch Section erwiesen ist, nach klinischen Zeichen nicht
    zweifeln; hiefür spricht die Fortdauer des systolischen Geräusches an
    der Herzspitze nach dem Verschwinden des Fiebers,
    sowie der accentuirte zweite Pulmonalton.

    Alle neueren Autoren anerkennen, dass die Ursache der acuten
    cerebralen Kinderlähmung in vasculären Störungen zu suchen sei,
    und nur über die Natur dieser Störungen gehen die Meinungen aus-
    einander. In Frage kommende Processe sind: Hämorrhagie, Throm-
    bose, Embolie, sowie primäre Hirnsklerose.

    In welchem Antheile diese verschiedenen Processe an der Ver-
    ursachung der cerebralen Lähmung betheiligt sind, ist derzeit noch
    nicht ausgemacht, denn die secundäre Sklerose kann sich zu jedem
    der erwähnten Processe hinzugesellen; die einzelnen Autoren bevor-
    zugen bald das eine, bald das andere dieser Momente, so z. B. traten
    Osler***), Sachs), Ashby+f) für die Hämorrhagie, Gowerst}f) für die
    Venenthrombose ein, während Abdercrombie}*) und Heubner }**) Ver-
    treter der Embolie sind. Freud und Rie}***) anerkennen alle Arten der

    *) Wallenberg, Ein Beitrag zur Lehre von den cerebralen Kinderlähmungen.
    Jahrbuch für Kinderheilkunde, Bd. XXIV, 1886.

    **) Taylor, Right hemiplegia after scarlatina, embolism of the middle cerebral
    artery. British medical journal 1880.

    ***) Osler, The cerebral palsies of children. Medical news 1888, Nr. 2, 3, 4, 5.
    7) Sachs, Volkmann’'sche Sammlung klinischer Vorträge, Nr. 46, 47, 1892.

    tr) Asıdy, Convulsions as a cause of cerebral hemorrhage. Practitioner,
    Juni 1891.

    tr) Gowers, A manual of the diseases of the nervous system, II, 1888.
    +*) Abererombie, British medical journal 1887, vol. I; 1888, vol. I.
    j**) Heubner, Wiener medicinische Blätter 1883.

    +***) Freud und Rie, ]. c.

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    Gefässerkrankungen, obgleich sie für die von den meisten Autoren
    zurückgesetzte Embolie einen schönen Fall erbrachten.

    In meinem Falle ist, wie schon oben gesagt wurde, durch die
    vorangehende Endocarditis der embolische Charakter der vasculären
    Störung sichergestellt, und derselbe liefert so einen weiteren Beweis
    für die Bedeutung der Embolie als Ursache der cerebralen Kinder-
    lähmungen.

    Es leuchtet auch ohne Weiteres ein, dass mein Fall auch gegen
    die Annahme Sachs’*) spricht, der die Hauptursache der cerebralen
    Kinderlähmungen in der Hämorrhagie sieht und als veranlassendes
    Moment für die Blutung die Convulsionen in Betracht zieht. Da man
    in meinem Falle trotz der Convulsionen im Beginne über den emboli-
    schen Ursprung nicht im Zweifel sein kann, so muss man zugeben,
    dass dieselben sowohl mit Embolie, als auch mit Hämorrhagie ver-
    träglich sind, mit einem Worte, dass sie initiale Convulsionen sind,
    unabhängig von der Art der vasculären Störung und als veranlassendes
    Moment nicht in Betracht kommen können. Und wenn wir. (wie in
    dem von Sachs*) auf S. 452 gebrachten Beispiele) sehen, dass bis
    dahin geistig normal entwickelte Kinder beim Beginne einer Infections-
    krankheit Convulsionen bekommen und von nun an die Gehirn-
    entwicklung stehen bleibt, die Sprache ganz aufgehoben wird, die
    Intelligenz sich rasch vermindert und sich bald vollkommene Idiotie
    ausbildet, so finden wir hierin noch immer keinen zwingenden Grund, wie
    Sachs*) in den Convulsionen die Veranlassung für die Beeinträchtigung
    der Gehirnentwicklung zu sehen. Diese Convulsionen mögen eben die
    Initialconvulsionen des cerebralen Processes und müssen nicht das
    ätiologische Moment für dieselben sein, in welcher Veränderung immer
    dieser cerebrale Process seinen Ursprung nimmt. Man müsste nur an-
    nehmen, «ass im obigen Falle, wo das Kind, ohne gelühmt zu werden,
    in der Gehirnentwicklung zurückbleibt, die primäre Schädigung in
    einer nicht motorischen Partie, in einer „stummen“ Partie des Ge-
    hirnes erfolgt ist.

    Noch etwas über die Facialparese in unserem Falle und über
    dieses Symptom bei den cerebralen Kinderlähmungen im Allgemeinen.
    Die Facialparese war im obigen Falle eine so starke und betraf auch
    den oberen Ast, so dass sie für eine peripherische imponirte.

    Zur Unterscheidung der centralen von der peripherischen Facial-
    parese werden gewöhnlich zwei Momente verwerthet: 1. die geringere

    *) Sachs, Volkmann'sche Sammlung klinischer Vorträge, Nr. 46, 47, 1892.
    Beiträge zur Kinderheilkunde. N. F. IV, 7

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    Intensität der cerebralen Parese, 2. der Umstand, dass bei ihr die
    Augenäste des Facialis frei ausgehen.

    Nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen muss ich dieser
    herkömmlichen Ansicht widersprechen, denn man findet centrale
    Lähmungen, welche die Intensität der peripherischen erreichen, und
    bei diesen sind immer auch die oberen Aeste betheiligt; gerade mein
    oben beschriebener Fall ist ein Beispiel für Beides. Ja, ich möchte
    behaupten, dass eine mässige Betheiligung desoberen Astes
    bei der centralen Parese eher die Regel als Ausnahme
    ist. Die am besten verwerthbaren Unterschiede zwischen der centralen
    und der peripherischen Lähmung sind nach meinen Erfahrungen folgende:
    1. das elektrische Verhalten, 2. auch ohne dieses, welches ja bei
    Kindern nicht leicht zu prüfen ist, der Umstand, dass die peripherische
    Facialisparalyse sich in der Ruhe wie bei sehr starker Mimik (beim
    Weinen) gleich bleibt, während die cerebrale Parese, wenn sie in der
    Ruhe und bei geringer mimischer Inanspruchnahme deutlich ist, bei
    starker Mimik (starkes Weinen) eine grössere oder geringere Ab-
    schwächung erfährt, oft ganz aufgehoben wird.

    Der hier beschriebene Fall zeigte gerade eine ziemliche Un-
    veränderlichkeit der Parese, selbst bei starkem Weinen, so dass
    dieses wichtige Kriterium beinahe im Stiche zu lassen schien: der
    weitere Verlauf, die Abnahme der Intensität, die Einschränkung auf
    den unteren Ast erwiesen dann die cerebrale Natur der Parese, die
    durch das Zusammentreffen mit der Extremitätenlähmung vom An-
    fange an wahrscheinlich war. Der Unterschied, auf den ich für die
    Diagnose der peripherischen und cerebralen Facialparese Werth lege,
    folgt natürlich direct aus der verschiedenen Localisation der Erkrankung.

    Während nun Fall I eine typische recente Erkrankung von
    acuter halbseitiger cerebraler Kinderlähmung mit allen, dem Sitze der
    Erkrankung in der linken motorischen Sphäre entsprechenden Symptomen
    darstellt, wobei nur die so häufig bei dieser Krankheit vorhandene
    secundäre Epilepsie — vielleicht eben nur in Folge der Frische des
    Falles — fehlt, will ich nun Fälle beschreiben, bei denen das Ver-
    hältniss von Lähmung und Epilepsie ein entgegengesetztes ist. Die
    Symptome der Lähmung treten hier mehr in den Hintergrund, und
    nur die atfmerksamste Untersuchung und Analyse lässt diese Fälle
    als alte cerebrale Halbseitenlähmungen erkennen. Dagegen tritt bei
    diesen Fällen etwas Anderes in den Vordergrund, was, eine genuine

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    Erkrankung vortäuschend, das ganze Bild beherrscht, dabei aber doch
    nur ein Symptom des längst abgelaufenen cerebralen Processes dar-
    stellt; ich meine die secundäre Epilepsie.

    Fall I. Angedeutete Monoplegie des Armes mit
    leichter Facialparese, Jackson’scher Epilepsie und Ent-
    wicklungshemmung. — Unterscheidung zwischen einfacher
    Atrophie und Entwicklungshemmung. — Beziehung der
    hereditären Syphilis zur cerebralen Kinderlähmung.

    August Kleiner. 14 Jahre alt, 21. April 1891. Das fünfte von sieben Kindern ;
    hievon leben drei, vier Mädchen sind an verschiedenen Krankheiten gestorben.
    Die Geburt war schwer. Im Alter von 6 Wochen aus unbekannter Ursache Fraisen
    durch 4 Stunden, welche sich damals nicht mehr wiederholten. Patient begann
    erst mit 2 Jahren zu sprechen, mit einem Jabre zu gehen. Er kommt jetzt
    wegen „schreiender Fraisen“ in die Ordination. Vor ungefähr einem Jahre sah er
    ein epileptisches Mädchen im Anfall; einige Wochen später bekam er selbst den
    ersten epileptischen Anfall, welcher sich seither täglich wiederholte, früher ein-
    mal, jetzt zweimal im Tage. Auf Befragen beschieibt die Mutter einen typischen
    epileptischen Anfall mit langer Aura und Zuckungen nur der rechten Körper-
    hälfte. Erst werden die Augen verdreht, dann kommen Zuckungen des Armes
    und zum Schlusse solche des Beines etc. Nach dem Anfalle ist der Knabe matt
    und schlafsüchtig.

    Status praesens: Das Kind ist entsprechend gross, Musculatur gering ent-
    wickelt, Schädel quadratisch. Pupillen mittelweit, reagiren gut. Nase und Lippen
    scrophulös aufzetrieben, geschwellte Lymphdrüäsen am Halse linkerseits. Bei
    mimischen Bewegungen rechtsseitige Facialparese, beim Sprechen übertriebene
    Mimik, nämlich Mitbewegungen im ganzen Gesichte, Zuckungen in der Stirne
    und übermässige Arbeit der Lippenmuskeln. Sprache schleppend. Thorax flach,
    Herzdämpfung etwas nach rechts verbreitert, kein Geräusch. Händedruck rechts
    schwächer, feine Handbewegungen sind auf dieser Seite merklich ungeschickter,
    doch kann er alle Bewegungen in beliebigem Ausmaasse machen und bedient sich
    der rechten Hand auch beim Essen und Schreiben. Der rechte Arm zeigt keine
    Verkürzung und nur eine ganz geringe Abnahme an Umfang, daregen nimmt
    man an den Händen einen in jeder Dimension deutlich messbaren Unterschied zu
    Ungunsten der rechten Hand wahr. So ist die Handlänge rechts 16, links 161/, Cm.,
    der Thenar und Antithenar sind rechts weniger gut entwickelt als links. Auch
    die Knochen der rechten Hand erscheinen zarter und dünner als die der linken.
    Die unteren Extremitäten zeigen nichts Abnormes, sie sind beide zleich stark.
    Patellarreflexe beiderseits gleich, lebhaft.

    Wie bereits erwähnt, imponirt dieser Fall auf den ersten Blick
    für genuine Epilepsie vom Charakter der Jacksan’schen oder „corticalen“
    Epilepsie. Die genaue Untersuchung deckt aber eine zweite Gruppe
    von Symptomen auf: die rechtseitige Facialparese, erschwerte Mimik,
    und Ungeschicklichkeit der rechten Hand als Beweis einer cerebralen
    Parese. Die Gleichseitigkeit der epileptischen Anfälle mit diesen moto-

    rischen Symptomen erweist die Zusammengehörigkeit beider Symptom-

    r

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    gruppen, und wir können vorstehenden Fall mit Berücksichtigung der
    Anamnese als eine in der sechsten Lebenswoche unter Convulsionen
    entstandene, wenn auch leichte und unvollständige cerebrale Kinder-
    lähmung auffassen, bei welcher die secundären epileptischen Anfälle
    erst 13 Jahre nach dem wahrscheinlichen Beginne des Gehirnprocesses
    auftraten. Die Cerebrallähmung ist hier eine vorwiegend asscciirt-
    monoplegische, auf das Faeialisgebiet und den rechten Arm be-
    schränkte; das Bein scheint gar nicht betheiligt zu sein, denn erstens
    konnte das Kind, wie ganz bestimmt angegeben wird, schon mit
    einem Jahre gehen, und zweitens findet man jetzt bei der ohjectiven
    Untersuchung am Beine nicht die geringsten Reste einer Affection,
    auch der Patellarreflex ist daselbst dem der linken Seite gleich. Es
    scheint daher, dass die Schädigung das Rindengebiet des Beines nicht
    erreicht hat.

    Neben dieser fast nur angedeuteten motorischen Schädigung
    tritt viel deutlicher ein Symptom hervor, welches ich eingehender
    Würdigung unterziehen will. Es ist dies eine, wenn auch nicht sehr
    hochgradige, Wachsthumshemmung des rechten Armes, die als Begleit-
    erscheinung einer Lähmung nichts Auffälliges hätte, in unserem Falle
    aber dadurch interessant wird, dass nur so geringe motorische Stö-
    rungen neben ihr bestehen. Ich sehe in diesem Falle einen Beweis
    für die zuerst von Förster”), dann von Freud und Rie**) aus-
    gesprochene Ansicht, dass die trophische Wachsthumsstörung als ein
    selbstständiges cerebrales Symptom aufzufassen ist, und möchte mit
    einigen Worten auf die Sachlage eingehen.

    Ich glaube, man thut gut daran, schärfer als es bisher bei den
    Autoren der Fall war, zwei Arten der trophischen Störung bei
    cerebralen Erkrankungen zu sondern, die eigentliche Atrophie und
    daneben die Entwicklungsheramung. Unter Atrophie ist die verhältniss-
    mässig rasch nach der Lähmung auftretende Abnahme der Muskel-
    massen zu verstehen, die dann bei einer gewissen Intensität Halt
    macht und unverändert stehen bleibt. Wir wissen von dieser Atrophie
    bei der Kinderlähmung aus den Erörterungen der „Klinischen Studie“
    von Freud und Rie**), dass dieselbe zwar an eine Lähmung gebunden
    ist, aber doch insoferne als selbstständiges Symptom zu betrachten
    erscheint, als sie weder zur Dauer noch zur Intensität der Erkrankung
    eine feste Beziehung zeigt. Wir kennen diese Art von cerebraler Atrophie

    *) Förster, Jahrbuch für Kinderheilkunde. Neue Folge, Bd. XV
    **) Freud und Rie, ]. c.

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    übrigens auch von den Lähmungen der Erwachsenen und ich ver-
    weise hiefür auf die Arbeiten von Quincke*), Borgherini**), Dark-
    schewitsch ***), Eisenlohr }), Steiner}f) u. A.

    Von dieser Atrophie streng zu trennen ist die Entwicklungs-
    oder Wachsthumshemmung, welche man viele Jahre nach Beginn der
    Erkrankung an den gelähmten oder gelähmt gewesenen Extremitäten
    beobachtet, und die sich nicht nur in einer Abnahme der Muskel-
    masse, sondern auch in einer Verkürzung und Verschmälerung der
    Knochen äussert.

    Die kranke Extremität erscheint gegen die gesunde sozusagen
    symmetrisch verkleinert. Nach einzelnen Angaben aus der Privatpraxis,
    welche ich Herrn Dr. Freud verdanke, möchte man schliessen, dass
    sich diese Differenz fast plötzlich bemerkbar macht; d. h. zur Zeit
    der Pubertät. zwischen 10 und 13 Jahren, fällt es den aufmerksamen
    Eltern auf, dass die kranken Extremitäten im Wachsthum zurück-
    bleiben oder gar nicht wachsen. Das klinische Verhältniss beider
    Arten der Wachsthumsstörung ist nun folgendes: Zu der frühzeitigen
    Atrophie, welche an Lähmung gebunden ist, tritt die Entwicklungs-
    hemmung hinzu, wenn das Kind in die Periode des stärkeren Wachs-
    thums tritt. Es wäre der Untersuchung werth, ob dies in allen Fällen
    geschieht, und ob das Maass von Wachsthumshemmung dem ur-
    sprünglichen Maasse von actirem Schwunde (Atrophie) proportional
    ist. Von besonderem klinischen Interesse ist es aber, dass die
    Wachsthumshemmung sozusagen mit Ueberspringung
    ihrer Vorbedingungen primär auftreten kann an einer
    Extremität. welche früher nicht gelähmt war, also auch
    keinenin kurzer Zeiterfolgenden activen Muskelschwund
    gezeigt hat. Der Symptomcomplex reducirt sich dann darauf, dass
    die Entwicklung der Extremität zur Zeit des gesteigerten Wachsthums
    ausbleibt, oder geringfügiger als auf der anderen Seite ausfällt.

    *) Quincke, Ueber Muskelatrophie bei Gehirnerkrankungen. Deutsches Archiv
    für klinische Medicin, Bd. XLII, 1888.

    *%*) Borgherini, Ueber die frühzeitige Muskelatrophie bei cerebraler Lähmunng.
    Deutsches Archiv für klinische Medicin, Bd. XLV. — Ueber einen Fall frühzeitiger
    Muskelatrophie cerebralen Ursprunges. Neurologisches Centralblatt 1890, Nr. 18.

    "e*) Durkschewitsch, Gesellschaft der Moskauer Nerven- und Irrenärzte,
    17. Mai 1891.

    }) Eisenlohr, Beiträge zur Hirnlocalisation. Deutsches Archiv für Nerven-
    heilkunde, III, 1893.

    ff) Steiner, Ueber die Muskelatrophie bei der cerebralen Hemiplegie. Deutsches
    Archiv für Nervenheilkunde, III, 1893.

  • S.

    — 12 —

    Natürlich folgt aus dieser Auffassung, dass man die Selbst-
    ständigkeit der Entwicklungshemmung als cerehrales Symptom erst
    kurz vor der Pubertät beobachten kann, und dazu stimmen die vor-
    liegenden Beobachtungen. Mein Fall betrifft ein Kind von 14 Jahren ;
    der von Freud und Rie*) auf Seite 97 als ausgezeichnetes Beispiel
    von Selbstständigkeit der trophischen Wachsthumsstürung angeführte
    Fall war ebenfalls 14 Jahre alt, und 5 hiehergehörige Fälle von
    Erlenmeyer **) standen im Alter von 12—16 Jahren.

    Mein Fall schliesst sich eigentlich vollkommen den von Erlen-
    meyer beobachteten an, denn sein Symptomenbild besteht gleichfalls
    aus Juckson’scher Epilepsie mit Entwicklungshemmung der von Con-
    vulsionen befallenen Extremität, ohne oder mit sehr geringer Spur
    von Lähmung.

    Ein interessanter, wenngleich für die Trennung nicht bedeut-
    samer Unterschied liegt darin, dass in meinem Falle die Entwicklungs-
    hemmung monoplegisch ist, während dieselhe bei Erlenmeyer immer
    beide Extremitäten derselben Seite betraf. Eine Facialisparese erwähnt
    auch Zrlenmeyer in einem Falle. Er beschreibt seine Fälle unter
    dem Titel: „Ueber eine durch congenitale Syphilis bedingte Gehirn-
    erkrankung“, da er in 3 von 5 Fällen feststellen konnte, dass die
    Väter vor der Verheiratung syphilitisch inficirt waren und auch die
    Kinder in den ersten Wochen Symptome von congenitaler Syphilis
    gezeigt haben sollen. Wiewohl ich diesen Nachweis für meinen Fall
    nicht erbringen konnte, bin ich doch der Meinung, dass dem Hinweis
    von Erlenmeyer auf die hohe Bedeutung, welche die Syphilis für die
    Aetiologie der Cerebrallähmung hat, ein grosser Werth innewohnt.
    Ich möchte mir die Beziehung nur nicht als eine ausschliessliche
    vorstellen. Wenn ich einerseits mit Erlenmeyer die Wahrscheinlichkeit
    zugebe, dass auch andere Formen von cerehraler Kinderlähmung mit
    hereditärer Syphilis zusammenhängen, so sehe ich andererseits keine
    Nöthigung, die hier in Rede stehende Form, in der die Entwicklungs-
    hemmung ohne Lähmung hervortritt, als specifisch für die syphilitische
    Actiologie zu erklären. Ich glaube überhaupt, dass Firlenmeyer's Be-
    merkungen über die Aetiolorie der Cerebrallähmung nicht einwands-
    frei sind. Er sagt auf Seite 460: „Die Aetiologie der cerebralen
    Kinderlähmung ist noch dunkel. Einzig sichergestellt als Ursache ist

    "le.
    **) Erlenmeyer, Ueber eine durch congenitale Syphilis bedingte Gehirn-
    erkrankung. Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychologie, II, 1891.

  • S.

    — 13 —

    das Trauma. Die Behauptung mancher Lehrbücher, dass die cerebrale
    Kinderlähmung infectiöser Natur sei, weil sie zuweilen nach Scharlach
    auftritt, ist: durch nichts bewiesen.“ Ich darf wohl dagegen anführen,
    dass ein Fall wie mein erster die infectiöse Herkunft der Lähmung
    genügend beweist, ohne dass irgendwo Platz für ein Moment der
    Disposition bliebe. Allerdings muss ich die weitere Bemerkung, dass
    das Auftreten nach einer acuten Erkrankung nicht in allen Fällen
    nothwendig die infectiöse Natur beweist, sondern dass durch die acute
    Erkrankung auch eine bis dahin latent gewesene Syphilis manifest
    werden könnte, für sehr werthvoll halten, und ähnliche Bedenken
    gegen die infectiöse Theorie sind mir, wie den Autoren der „Klini-
    schen Studie“, wiederholt gekommen.

    Nur noch ein Wort gegen die Bemerkung von Zrlenmeyer, dass
    er als der Erste solche leichtere Formen der Entwicklungshemmung
    ohne Krampf und Lähmung beschrieben hat. Ich mache aufmerksam,
    dass ähnliche Formen auch schon vor ihm von Freud und Rie*)
    (S. 97 und Fortsetzung) publiceirt wurden **).

    Fall III. Reste einer Halbseitenlähmung mit schwe-
    renallgemeinenepileptischen Anfällen undIntelligenz-
    störung. — Lues acquisita recens.

    Ludwig Kernstock, 51/, Jahre alt. 5. Februar 1892. Patient ist zur normalen
    Zeit, nach einer etwas protrahirten, aber sonst normalen Geburt als drittes von
    vier Kindern zur Welt gekommen. Das erste Kind starb wenige Stunden nach der
    Geburt, das zweite wurde mit 6 Monaten todt geboren, das vierte, jetzt 11 Monate
    alt, ist. vollkommen gesund und hatte nie Convulsionen. Patient, seit Geburt ein
    schwaches, kränkliches Kind, bekam im Alter von 7 Monaten im Verlaufe eines
    schweren Darmkatarrhs den ersten Fraisenanfall, nach welchem er auf der rechten
    Körperseite gelähmt blieb, Diese Lähmung besserte sich im Laufe der nächsten
    Wochen, doch soll das Kind, als es mit 21/, Jahren die ersten Gehversuche machte,
    das rechte Bein noch lange nachgeschleppt haben. Die Convulsionen wiederholten
    sich nach dem ersten Fraisenanfalle sehr häufig, anfangs mehrmals täglich, später
    in Intervallen von einigen Tagen und in der letzten Zeit in jedem Monate einmal.
    Sprechen kann das Kind noch nicht, es verlangt durch Zeichen die Befriedigung
    seiner Bedürfnisse und ist sehr leicht erregbar.

    Status praesens: Körperlich schwach entwickeltes Kind mit unruhig-
    heiterem Benehmen, blödem Gesichtsausdrucke und sehr geringer Intelligenz.
    Ziemlich grosser, gewölbter Schädel. an den Schneidezähnen die Kronen cariös

    *)l.c.

    **) Eine interessante Varietät zeigt der Fall Scheiber’s (Archiv für Psych-
    iatrie XXID, in welchem bei einer Hemiplegie eine Wachsthumsbemmung der
    ganzen linken Körperhälfte, daneben aber Hypertrophie der Muskeln des
    linken Armes vorhanden war.

  • S.

    — 14 —

    zerstört. Sehr deutliche rechtsseitige Facialisparese. Gehör gut. Arme zeigen keine
    Spur von Lähmung, dagegen schleift das rechte Bein beim Gehen deutlich nach.
    Kein Unterschied in der Länge und im Umfange der Extremitäten. Patellarreflexe
    beiderseits lebhaft, rechts bedeutend stärker als links.

    Die Anfälle leiten sich mit einer deutlichen Aura ein, in welcher das Kind
    plötzlich ruhig wird und starr auf einen Punkt hinschaut; darauf folgen Zuckungen
    des Gesichtes, der Arme und Beine, sowie Verdrehungen der Augen. Nach dem
    Anfalle ist das Kind matt und schläft lange. Die Zuckungen sind auf der rechten
    Körperseite immer stärker als auf der linken, auch wird das Nachziehen des
    rechten Beines in den auf einen Anfall folgenden Tagen immer wieder deutlicher
    bemerkt.

    In den Interdigitalfalten, an den Streckseiten der Hände und ad anum
    Andeutung von Scabies. Die Stirne ist bedeckt mit einem Kranze von blass gelb-
    braunen, etwas erhabenen Flecken von Halbkreuzergrösse. Ebensolche befinden
    sich an der Ober- und Unterlippe, an den Beugeflächen der Vorderarme, an den
    Aussenflächen der Unterschenkel und besonders schöne und grosse unter dem
    Malleolus intornus des linken Beines, welche sich bis auf die Fusssohle erstrecken
    und hier in ihrer Mitte eine leichte Schuppung aufweisen.

    Die Lymphdrüsen überall stark vergrössert, hart und nicht schmerzbaft.
    Tonsillen geröthet, aber nicht. belegt (Lu&ös papulosa et psoriasis plan-
    taris luötica). Von einem luötischen Primäraffeete ist nichts aufzufinden, die
    Syphilis dem Aussehen nach 3—4 Monate alt, Die Eltern gesund, luetisch nicht
    infieirt; der Vater gibt an, dass vor 3—4 Monaten ein Diurnist zur Aftermiethe
    bei ihm wohnte, der „angesteckt“ war und von dem die Infection herrühren
    könnte. Das Kind wurde wegen seiner Syphilis im Karolinen-Kinderspitale auf-
    genommen, wo es eine dreiwöchentliche Quecksilberschmiereur durchmachte.

    23. Jänner 1893. Scabies und luätisches Exanthem verschwunden, die
    epileptischen Anfälle haben seit dem 5. November, seit welchem Tage der Knabe
    Bromkalium nimmt, cessirt, und die Intelligenz des Kindes hat sich nach Angabe
    der Eltern etwas mehr entwickelt.

    Während im vorigen Falle neben der streng halbseitigen Epilepsie
    Facialisläihmung und monoplegische Entwicklungsstörung vorhanden
    war, zeigt sich in diesem ein anderes Bruchstück aus dem Bilde der
    cerebralen Hemiplegie mit der Epilepsie combinirt.

    Man findet hier nämlich Facialisparese und leichte Beinparese,
    während der Arm frei von Bewegungsstörung erscheint. Diese Sym-
    ptome sind aber hier als Rest einer Lähmung aufzufassen, die in
    früheren Jahren sowohl intensiver als ausgedehnter war. Die Beziehung
    dieser restirenden Parese zur Epilepsie, die übrigens nicht mehr rein
    halbseitig ist, bekundet sich noch in dem Umstande, dass das Kind
    nach jedem Anfalle das Bein stärker nachzieht. Im Missverhältnisse
    zu den motorischen Symptomen steht die Intelligenzstörung, welche
    hier eine sehr hochgradige ist.

    Die zufällige syphilitische Erkrankung des Kindes hat eine

    gewisse Bedeutung für die ätiologischen Probleme, die ich bei Fall I

  • S.

    — 15 —

    berührt habe. Da dieses Kind mit frischer Lu&s inficirt war — daran
    durfte man nach dem Aussehen des Exanthemes nicht zweifeln —,
    kann es nach den herrschenden Anschauungen wohl kein hereditär
    luetisches gewesen sein.

    Fall IV. Trauma, wiederholte infectiöse Erkran-
    kungen, Anfälle gemeiner Epilepsie. — Spuren einer
    linksseitigen Hemiparese (Facialis, geringe motorische
    Kraftdes Armes, etwas Spannung, Stellungsveränderung
    und Atrophie des Beines). — Complication mit post-
    diphtheritischen Lähmungen.

    Hermine Ottinger, 5 Jahre alt. Anfangs December 1892. Von sieben Kindern
    ist Patientin das jüngste, drei sind gestorben, und zwar das erste, dritte und
    fünfte; das sechste wurde todt geboren. Nach der Geburt angeblich weder Asphyxie
    noch Convulsionen. Mit 9 Monaten fiel das Kind auf den Kopf und hatte danach
    durch mehrere Tage Convulsionen und Erbrechen; es wurde damals von dem
    behandelnden Arzte die Diagnose auf Commotio cerebri gestellt. Nach 3 Wochen,
    innerhalb welcher das Kind bei Tag und bei Nacht sehr häufige leichte Fraisen-
    anfälle hatte, war dasselbe vollständig wiederhergestellt.

    Mit 14 Monaten begann Patientin zu gehen und zu sprechen.

    Im Jänner 1891 erkrankte das Kind an Pnenmonie, wobei es angeblich
    durch mehr als 1 Woche täglich mehrmals allgemeine Convulsionen hatte. Im
    Verlaufe des nächsten Jahres öfters „stille Fraisen“ (Gesichtsconvulsionen) ohne
    Extremitätenzuckungen.

    Ein Jahr später, im Jänner 1892, wieder eine Pneumonie, angeblich nach
    Influenza, dabei ebenfalls durch 9—10 Tage allgemeine Convulsionen mehrmals
    täglich. Nach dieser Erkrankung konnte das Kind durch 6 Wochen nicht gehen,
    auch wurde seither eine Gesichtslähmung bemerkt. Im Verlaufe des letzten Jahres
    häufige kleine epileptische Anfälle.

    Vor einigen Wochen Fieber und Schlingbeschwerden; ein Arzt wurde nicht
    befragt. Seit 14 Tagen Sprechen durch die Nase, häufiges Verschlucken und sehr
    schlechtes Aussehen.

    Status praesens: Ein auffallend blasses Kind von mässiger Ernährung.
    Am Schädel nichts Auffallendes. Pupillen sehr weit, gleich, reagiren prompt. Die
    Augen gehen beiderseits nicht ganz in den äusseren Winkel, doch ist die Störung
    sehr gering. Der weiche Gaumen reagirt sehr wenig, Uvula hängt nach links
    herüber. Der linke Mundwinkel hängt in der Ruhe etwas, bei mimischen Be-
    wegungen deutliche Minderinnervation des linken Facialis. Zunge wird gerade,
    aber in der linken Mundhälfte vorgestreckt. Sprache näselnd.

    Am Nacken rechterseits Drüsenschwellungen. Beiderseitige diffuse Bronchitis,
    Athmung etwas beschleunigt, sonst normal. Herzdämpfung in den normalen
    Grenzen. Links vom Sternum in der Höhe der Mammilla ein systolisches, musi-
    kalisches Geräusch, der zweite Ton gespalten, etwas Daktylusrythmus. Puls 120,
    stark arythmisch, weich.

    Deutlicher Unterschied in der Kraft zu Ungunsten der linken oberen
    Extremität, feine Handbewegungen werden mit beiden Händen gut ausgeführt.

  • S.

    — 106 —

    Der linke Fuss liegt immer etwas einwärts rotirt, und zwar soll dies nach An-
    gabe der Mutter schon seit Monaten der Fall sein. Das linke Bein ist etwas
    hypertonisch, die Musculatur der linken Wade erscheint etwas schlaffer, doch ist
    keine messbare Differenz zwischen links und rechts. Patellarsehnenreflexe fehlen

    - beiderseits. Sensibilität normal.

    10. December 1892. Wegen der Bronchitis hat das Kind eine Woche lang
    Bettruhe gehalten, jetzt ist dieselbe verschwunden. Geräusch am Herzen sehr
    deutlich, Herzaction sehr arythmisch, ganz ohne Typus. Eine beiderseitige Bein-
    parese ist heute sehr deutlich, auch gibt die Mutter an, dass das Stiegensteigen
    und das Aufstehen aus sitzender oder liegender Stellung seit einigen Tagen
    erschwert sei.

    25. Mai 1893. Patellarreflexe beiderseits wiedergekehrt, aber leicht erschöpf-
    bar, hören schon nach wenigen Schlägen auf. Augen, Gaumen zeigen keine Spur
    von Parese, am Herzen Alles normal, Puls regelmässig, 80 in der Minute.
    Gang gut.

    Vorstehende Krankengeschichte wäre schwer zu deuten, wenn
    wir nicht in der Anamnese den Schlüssel hiezu besitzen würden. Die
    hervorstechendsten Symptome sind neben Epilepsie: doppelseitige
    Abducensparese, Lähmung des weichen Gaumens, linksseitige Facialis-
    sowie linksseitige deutliche Hemiparese, zu welcher nach einigen
    Tagen eine deutliche Paraparese tritt, und endlich beiderseitiges Fehlen
    der Patellarsehnenreflexe, kurz ein Bild, dessen einheitliche Auffassung
    von vorneherein unmöglich ist. In der Anamnese hören wir nun, dass
    ein Theil der Erscheinungen älteren Datums ist, und zwar hatte das
    Kind seit dem Alter von 11 Monaten die linksseitige Facialis- und
    Körperparese, welche nach schweren, anhaltenden und im Verlaufe
    einer Pneumonie aufgetretenen Convulsionen bemerkt wurden. Seither
    besteht auch ein ausgesprochener Status epilepticus, welcher allerdings
    schon ein Jahr früher durch Gesichtsconvulsionen eingeleitet wurde.

    Wir haben hier also deutlich das Bild einer im Verlaufe einer
    Infeetionskrankheit (Pneumonie nach Influenza) unter ('onvulsionen
    aufgetretenen halbseitigen cerebralen Kinderlähmung mit linksseitiger
    Facialis- und Körperlähmung sowie Epilepsie vor uns. Nun ordnen
    sich auch ohne Anamnese die übrigen oben aufgezählten Symptome,
    wie: doppelseitige Abducensparese, Gaumenlähmung, später eintretende
    Paraparese, Fehlen der l’atellarreflexe. sowie die Erscheinungen am
    Herzen, ganz ungezwungen zu einem Krankheitsbilde, nämlich zu
    dem der postdiphtheritischen Lähmung, welche zur Sicherheit wird,
    wenn wir hören, dass das Kind einige Wochen vorher eine fieberhafte,
    mit Schlingbeschwerden einhergehende Erkrankung im Halse durch-
    gemacht hat. Hiefür spricht auch, dass diese Erscheinungen sehr bald
    rückgängig wurden, und als wir nach 5 Monaten das Kind wieder-

  • S.

    — Wi —

    sahen, war von denselben keine Spur mehr vorhanden, während die
    Reste der cerebralen Liihmung, Facialis- und Hemiparese, ungeschwächt
    weiter fortbestanden.

    Die Ausbildung der halbseitigen Parese war in diesem Falle eine
    so geringfügige, dass man sie mit Leichtigkeit hätte übersehen
    können. Die Parese des Facialis allerdings war deutlich, allein von
    Seiten des Armes fand sich nur eine etwas erheblichere Verringerung
    der groben Kraft, die man zur Noth vernachlüssigen könnte, da es
    sich um den linken Arm handelte; von Seiten des Beines waren die
    Anzeichen der Schädigung etwas deutlicher; das Bein zeigte mehr
    Spannung, der Fuss wurde stets einwärts rotirt gehalten und die
    Wade zeigte eine Andeutung von Atrophie.

    Diese also nur spurweise ausgebildete Hemiparese war wahr-
    scheinlich erst nach jahrelangem Bestande epileptischer Anfälle auf-
    getreten, ein Verhältniss der beiden Symptome, welches Osler, Sachs u. A.
    dazu veranlasst hat, in den epileptischen Anfällen die Ursache der
    Paresen zu suchen.

    Nur noch Einiges über die Epilepsie und über die Herzsymptome
    dieses Falles. Wir lesen in der Anamnese, dass in dem Jahre zwischen
    der ersten und der zweiten Pneumonie ohne irgend welche Lähmungs-
    erscheinungen häufige Anfälle von „stillen Fraisen“ bestanden. Unter
    diesem Namen verstelit das Volk bekanntlich Gesichtsconvulsionen,
    das sind; Convulsionen im Gebiete des Facialis und der Augenmuskeln.
    Diese künnen wir doch mit Fug und Recht als rudimentäre epileptische
    Anfälle ansehen, und es fragt sich nun, weher diese Epilepsie stammt.
    Da geht nun meine Ansicht dahin, dass auch diese keine genuine
    Epilepsie war, sondern von einem Herdprocess herrührte, welcher im
    Laufe der ersten Pneumonie im Gehirne gesetzt wurde (hiefür sprechen
    die heftigen Convulsionen während derselben), und zwar müsste dieser
    Herd in einer Hirnpartie sitzen. von wo aus gar keine, oder nur so
    geringe Ausfallserscheinungen erzeugt werden. dass sie von der wenig
    intelligenten Umgebung des Kindes nicht wahrgenommen wurden.
    Nachdem während der zweiten Pneumonie ein zweiter Herd in der
    motorischen Sphüre gesetzt worden war, wurden diese rudimentären
    Anfälle zu ausgeprägten, wenn auch kurz dauernden epileptischen
    Anfillen.

    Was die Herzsymptome betrifft, so gehört eigentlich eine Be-
    sprechung derselben gar nicht in den Rahmen dieser Arbeit. Ich will
    nur so viel erwähnen, dass dieselben den Charakter der postdiphtheriti-
    schen Herzaffection aufweisen. Diese Affection tritt bekanntlich am

  • S.

    — 108 —

    häufigsten zur Zeit der postdiphtheritischen Lähmungen auf und
    äussert sich in einer geringeren oder stärkeren Störung, ja sehr häufig
    in der vollständigen, rasch verlaufenden, Lähmung der Herzthätigkeit.
    Diese Art von Affection des Herzens ist, wie ich vermuthe und an
    anderer Stelle zu erweisen hoffe, gleichzustellen der postdiphtheritischen
    Lähmung des Gaumens, des Zwerchfelles oder irgend einer Muskel-
    gruppe des Körpers; sie ist gewiss keine primäre Myocarditis, sondern
    ist eine Lähmung vom Nerven- oder vom Centralorgane aus. Dieselbe
    ist durchaus nicht absolut letal, wie das noch vielfach behauptet
    wird, da die Lähmung gewiss auch hier, wie an anderen Muskeln,
    eine ausgebreitete oder weniger ausgebreitete, eine intensive oder
    weniger intensive sein kann. Man sieht vielmehr häufig ganz schwere
    Fälle mit Dilatation und Galopprythmus des Herzens durchkommen,
    und so war es auch in unserem Falle, in dem man die Erscheinungen
    am Herzen mit den postdiphtheritischen Lähmungserscheinungen in
    anderen Muskelgruppen während der Beobachtung langsam zurück-
    gehen sah *).

    Fall V.

    Katharina Kohn, 8 Jahre alt. Das fünfte von acht Kindern, von denen vier
    gestorben sind. Kein Abortus; normale, rechtzeitige Geburt. Bis zum Alter von
    5 Jahren angeblich stets gesund, dann ohne Vorboten ein Anfall von völliger
    Bewusstlosigkeit, der 6 Stunden dauerte, bei dem aber keine Krämpfe zu be-
    obachten waren; 3 Monate später ein neuerlicher Anfall von zweistündiger Dauer

    *) Herrn Dr. Freud verdanke ich Notizen über einen Fall aus seiner
    Privatpraxis, den ich den vorstehenden Fällen anreihen kann, und der eine neu-
    artige Combination von Epilepsie mit Bruch- oder Ersatzstücken einer Hemiparese
    zeigt: 24jährige Frau aus belasteter Familie, in den ersten J,ebensjahren (vor dem
    dritten Jahre, — Näheres unbekannt) ein einziger, aber langdauernder Anfall von
    Convulsionen, Auftreten der Epilepsie mit 19 Jahren (vor der Verheiratung der
    Kranken) in Form kurzer Absencen, in denen das Mädchen starr vor sich hinsah
    und einige Worte sprach. Später bildeten sich diese Anfälle zu kurz abgebrochenen
    Krampfanfällen mit Schluchzen, Würgen und einigen Zuckungen aus; seit der
    Verheiratung sind diese Anfälle, die sich vor und nach der Periode häufen, zahl-
    reicher und heftiger geworden; Zungenbiss ist vielmals dabei vorgekommen und
    die Benommenheit nachher dauert. länger. Man findet an dieser jungen Frau
    eine auch in der Ruhe auffällige, sehr deutliche Parese deslinken unteren Facialis-
    astes; ausserdem sieht man von Zeit zu Zeit an ihr blitzähnliche Contractionen
    verschiedener Gesichtsmuskeln linkerseits (z. B. des Stirnrunzlers), Emporziehen der
    Oberlippe u. dgl. Ihre linke Hand zeigt gelegentlich schüttelnde und schleudernde
    unwillkürliche Bewegungen. — Also wird hier die Epilepsie begleitet von einer
    Facialparese und einer Chorea des Gesichtes und des Armes der paretischen
    Seite, Symptome, die nach dem Gedankengange der „Klinischen Studie* von Fred
    und Rie eine Hemiparese ersetzen. Von Parese der Extremitäten fehlt jede Spur.

  • S.

    —- 19 —

    aber mit Krämpfen. Von da an häufen sich solche Krampfanfälle durch 7 Monate.
    Das Kind wird zu Prof. Kassowitz gebracht und nach einer Chininmedication
    bleiben die Anfälle durch 1!, Jahre weg. Seit etwa einem Jahre sind sie wieder
    aufgetreten, aber in veränderter Form. Das Kind wird plötzlich unruhig, roth im
    Gesichte, ruft: „Mutter, mir wird schlecht!‘ Der Anfall selbst besteht entweder
    in einem plötzlichen Herumlaufen mit ängstlichem Ausdrucke, oder in einem
    Auflachen bei verworrener Miene, oder in ähnlichen Handlungen, die wahr-
    scheinlich einen hallucinatorischen Vorgang begleiten (Petit mal). Auch Erbrechen
    ist im Anfalle vorgekommen, Harnabgang, Zungenbiss dagegen nicht. Frequenz
    der Anfälle gross; Typus ganz unregelmässig. Das Kind ist von verringerter
    Intelligenz und hat erst mit 4 Jahren zu gehen und sprechen begonnen,

    Status praesene: Wohlgenährtes Kind von schwachsinnigem Gesichtsaus-
    drucke, apathischem Benehmen, das wenig spricht, ungeschickt geht. Erst bei
    genaucster Untersuchung entdeckte man folgende motorische Symptome: Das
    Kind zeigt an Armen und Beinen einen gewissen Grad von passiver
    Spannung, der an den Beinen deutlicher ist. Die Patellarreflexe sind sehr lebhaft.
    Wenn das Kind auf dem Untersuchungstische sitzt, werden die Beine nicht ganz
    gestreckt, die grossen Zehen, besonders die linke, stehen fast immer in Hyper-
    extension; aufgestellt, zeigt es Spitzfüsse, die sich dann ausgleichen. Der rechte
    Facialis bleibt bei mimischen Bewegungen zurück; die rechte Hand ist deutlich
    ungeschickter; das Kind isst mit der Linken.

    In diesem Falle bedurfte es in der That sorgfältiger Beobachtung,
    um nicht neben der hier als Petit mal auftretenden Epilepsie die
    Anzeichen zu übersehen, welche die Auffassung einer ‚„cerebralen
    Diplegie vom Typus allgemeine Starre* rechtfertigen. Wir
    haben ein Kind vor uns, das nach normaler Geburt, ohne Erkrankung
    in den ersten Lebensjahren, sich doch erst sehr spät geistig heran-
    gebildet (Sprechen und Gehen mit + Jahren), bei verringerter In-
    telligenz bleibt und allmälig eine Epilepsie in der Form des Petit
    mal entwickelt. Nach den Ausführungen in der kürzlich publicirten
    Studie Freud’s*) über die cerebralen Diplegien wären hier die Charaktere
    eines congenital bedingten Falles gegeben. Von den motorischen
    Symptomen des Krankheitsbildes sind hier nur vorhanden: Faecial-
    parese, Ungeschicklichkeit einer Hand, also Bruchstücke einer Hemi-

    parese, etwas allgemeine Starre und Hyperextension der Zehen.

    Das Interessante all’ dieser Fälle liegt darin, dass die Epilepsie
    bei ihnen zunächst als genuine erscheinen kann. Bei näherer Unter-
    suchung erkennt man erst neben der Epilepsie die Bruchstücke einer
    Cerebralläihmung, und damit muss man diese Fälle aus der Kategorie
    der genuinen in die der symptomatischen Epilepsie versetzen. Fälle

    *) Freud, Zur Kenntniss der cerebralen Diplegien des Kindesalters. Diese
    Beiträge. Neue Folge, III, 1893.

  • S.

    — 109 —

    dieser Art sind in der Literatur der Kinderlähmungen bisher wenig
    publicirt worden. In der „Klinischen Studie“ von Freud und Rie ist
    nur ein Fall nach Sachs angeführt. In der Literatur der Epilepsie
    findet man dagegen sicherlich solche Fälle sehr häufig, bei denen
    die Wahrnehmung vereinzelter oder angedeuteter motorischer Störungen
    zur Deutung als cerebrale Kinderlähmungen nöthigen muss.

    Ich habe noch auf zwei Momente aufmerksam zu machen:
    1. Dass die Form der Epilepsie in jedem meiner Fälle verschieden
    ist. Es handelt sich einmal um eine streng halbseitige, das zweite
    Mal um eine vorwiegend halbseitige, das dritte Mal um eine gemeine
    doppelseitige Epilepsie, im vierten Falle um eine Form, welche als
    „Petit mal“ bezeichnet wird, bei welcher der einzelne Anfall ersetzt
    wird durch eine einzelne motorische Aeusserung (Lachen), welche
    vielleicht einen hallucinatorischen Vorgang begleitet, so dass das
    Symptom des Anfalles, ähnlich wie bei Hysterie, im Auftauchen eines
    abgesprengten Stückes des Vorstellungslebens besteht (Breuer und
    Freud)*). Es sind also zufällig in meinen Beispielen von verkappter
    secundärer Epilepsie alle Hauptformen des epileptischen Anfalles
    vertreten.

    2. Möchte ich die motorischen Erscheinungen zusammenstellen,
    welche eben diese Fälle als symptomatische Epilepsie kennzeichnen.
    Es sind dies im Falle II Facialparese und Articulationsstörung nebst
    leichter Ungeschicklichkeit der Hand und deutlicher Wachsthums-
    hemmung derselben, im dritten Falle eine leichte Parese des rechten
    Beines neben schwerer Facialparese und Idiotie, im vierten Falle eine
    Andeutung von linksseitiger Parese, Schwäche des Armes und Beines,
    sowie Facialparese; im fünften Falle Linkshändigkeit, Hypertonie der
    Beine, Neigung zur Spitzfussstellung und Unruhe der Zehen, mit
    anderen Worten, Andeutung einer paraplegischen Starre (Freud). Der
    Gedanke, welchen diese Fälle nahelegen müssen, ist folgender: Wenn
    die motorischen Symptome der Cerebrallähmungen sich derart bis in’s
    Unmerkliche abschwächen können und bei diesen kaum erkennbaren
    Lähmungserscheinungen sich doch alle Formen der Epilepsie deutlich
    ausgeprägt finden, so scheint die Frage berechtigt, ob denn jene
    Fälle von Epilepsie, die nichts von solehen motorischen Begleit-
    erscheinungen haben, wirklich von den Fällen von Epilepsie mit
    Lähmung verschieden sind; mit anderen Worten, ob es denn be-
    rechtigt ist, eine genuine von einer symptomatischen Epilepsie zu

    *) Breuer und Freud, Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer
    Phänomene. Neurologisches Centralblatt, 1893, Nr. 1 und 2.

  • S.

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    trennen. Es steht uns ja frei, uns vorzustellen, dass bei einer anderen
    Localisation und etwa einer verringerten Intensität des Gehirnprocesses
    an den hiefür wichtigen Stellen auch diese geringfügigen Symptome
    der ('erebrallähmung nicht zur Ausbildung gekommen wären, ohne
    dass darum die Beurtheilung des Falles eine andere werden dürfte,
    auch wenn er sich als genuine, nicht mit Lähmung complicirte
    Epilepsie darstellt. Den Uebergang zwischen beiden Gruppen würden
    noch jene Fälle vermitteln, die zwar nie eine bleibende Lähmung
    entwickeln, aber nach jedem Anfalle Paresen zeigen, die durch einige
    Stunden oder Tage anhalten, wozu unser Fall III übrigens eine
    Analogie bietet.

    Die Hervorhebung der innigen Zusammengehörigkeit von genuiner
    und symptomatischer Epilepsie muss auf die Auffassung der ersteren
    einen gewissen Zwang ausüben. Das Symptomcomplex der Cerebral-
    lähmung plus Epilepsie muss ohne Widerspruch unter die organischen
    Erkrankungen des Gehirnes eingereiht werden. Man kann sich das
    Verhältniss doch nicht so vorstellen, dass zum organischen Processe,
    der die Lähmung macht, noch eine Neurose hinzukommt und die
    Epilepsie verursacht, da Jendrassik und Marie gezeigt haben, dass
    sich an Herdprocesse in der Hirnrinde des Kindes ein chronischer
    Degenerationsprocess anknüpft, der eben sehr wohl die anatomische
    Grundlage der secundären Epilepsie sein könnte. Es gibt ja ferner
    auch Fälle, in denen die Epilepsie der Lähmung durch Jahre voran-
    geht (mein Fall IV), die angebliche Neurose also früher da ist, als
    die organische Erkrankung, mit der sie doch entschieden in intimem
    Zusammenhange steht. Ich meine also, wenn die Uebergänge von der
    genuinen zur symptomatischen Epilepsie so häufig und so deutlich
    vorhanden sind, so wird man nicht länger daran festhalten können,
    die genuine Epilepsie als Neurose aufzufassen, sondern wird sie
    ebenso wie die symptomatische unter die organischen Gehirnerkran-
    kungen aufnehmen müssen. Die genuine Epilepsie wäre dann einfach
    nach dem Ausdrucke der „Klinischen Studie“ aufzufassen als Cerebral-
    lähmung ohne Lähmung. Und wenn sich diese Auffassung dem
    Beobachter von der klinischen Seite her so sehr aufdrängt, so wird
    wohl auch der directe anatomische Nachweis der hei der genuinen
    Epilepsie durchgehends vorhandenen anatomischen Veränderungen
    nicht allzu lange auf sich warten lassen.