Freud, Sigmund, Rie, Oscar (1891-002/1891.02): Cerebrale Kinderlähmung und Poliomyelitis infantilis (Fortsetzung.)
S.
243 1891. Wiener Medizinische Wochenschrift Nr. 6. 244
Aus dem I. öffentlichen Kinderkrankeninstitute in Wien.
Cerebrale Kinderlähmung und Poliomyelitis
infantilis.Von Doz. Dr. S. FREUD und Dr. O. RIE.
(Fortsetzung.)
Der Versuch, den fünf Jahre später Strümpell unter-
nahm, weicht bei aller Aehnlichkeit in einem wesentlichen
Punkte von dem Vizioli's ab. Strümpell ging wie dieser
von der Aehnlichkeit des Initialstadiums aus, er hielt sich
aber nicht an die für viele Fälle von cerebraler Kinderläh-
mung nachgewiesenen vaskulären Läsionen, sondern erschloss
die pathologische Anatomie der Cerebrallähmung bereits aus
der Analogie mit der Poliomyelitis. Wie hier, so sollte dort
eine parenchymatöse Entzündung der grauen Substanz vorliegen,
wie hier das motorische Grau der Vorderhörner, so sollte dort
das motorische Grau der Centralwindungen Sitz der Erkran-
kung sein. Da sich dieser Sitz der Erkrankung nach vielen
Sektionsbefunden, die für cerebrale Kinderlähmung vorliegen,
nicht bestreiten lässt, so scheint durch die Bemerkung Strüm-
pell's in der That eine wesentliche Analogie beider in Rede
stehender Erkrankungen aufgedeckt. Aber eine nähere Unter-
suchung zerstört diesen Schein. Fänden wir bei Untersuchungen
von im Kindesalter erkrankten Rückenmarken einigermassen
häufig sklerotische Herde, in denen die nervösen Elemente
untergegangen sind, in den Hinterhörnern, in der grauen Sub-
stanz um den Centralkanal, in verschiedenen Partien der
weissen Substanz ohne scharfe Begrenzung auf ein systema-
tisch bedeutsames Gebiet, so würde uns nicht beifallen, die
sklerotischen Herde, wie wir sie thatsächlich in den Vorder-
hörnern nach Poliomyelitis acuta finden, auf eine Erkrankung
zu beziehen, die sich die motorischen Elemente als Objekt
aussucht. Wir würden wahrscheinlich sagen, es gibt eine
Erkrankung des Rückenmarkes im Kindesalter, die bald hier,
bald dort Herde setzt, und die bei zufälliger Lokalisation in
den Vorderhörnern das Symptom einer atrophischen Lähmung
erzeugt. Gerade diese Annahme gilt aber für die Verhältnisse,
die wir im Gehirn thatsächlich finden. Das Endergebniss der
von Strümpell angenommenen Encephalitis ist ein por-
encephalischer Defekt, nach seiner letzten Aeusserung auch
ein umschriebener sklerotischer Herd. Solche Defekte und
Sklerosen finden sich nun im Gehirne nicht ausschliesslich in
der motorischen Zone, sondern in allen anderen Regio-
nen, und zwar mit denselben anatomischen Charakteren und
denselben klinischen Initialsymptomen, wie wir hinzufügen
wollen.
Audry findet bei einseitigem Vorkommen der Porence-
phalie den Sitz derselben 17 Mal in der mittleren Gehirn-
region (motorische Zone), dagegen 7 Mal im Frontallappen,
4 Mal im Temporallappen, 4 Mal an der Gehirnbasis, 1 Mal
an der medialen Fläche, 3 Mal im Occipitallappen.
Die Porencephalie ist allerdings in der motorischen Zone
häufiger, als in jeder anderen, aber die anderen Lokalisationen
nehmen mehr als die Hälfte der Fälle für sich in Anspruch,
und eine sehr plausible Theorie erklärt die grössere Häufig-3
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keit in der motorischen Zone durch die Blutversorgung aus
der Arteria cerebri media, welche bekanntlich für gewisse
Circulationsstörungen bevorzugt ist.
Osler und Richardière kommen zu demselben Ergeb-
niss in Betreff der Sklerose.
Osler, der, wie bereits erwähnt, als pathologisch-ana-
tomische Grundlage der cerebralen Kinderlähmung in 50 Fällen
die partielle oder lobäre Sklerose fand, sagt Folgendes über
die Betheiligung der motorischen Zone an diesem Prozesse:
In allen 50 Fällen war die Rolandi'sche Gegend in höherem
oder geringerem Grade befallen, manchmal allein daran be-
theiligt, andere Male in einen weiter ausgedehnten Prozess
einbezogen. Es ist sicher, dass die motorische Region, das
Verbreitungsgebiet der Arteria cerebri media, am häufigsten
erkrankt ist, aber dies ist nicht immer der Fall. So wird es
z. B. nicht ohne Interesse sein, die Verbreitung der Läsionen
in zehn Fällen von Sklerose, welche das Museum der Elwyn
Institution aufbewahrt, hier mitzutheilen:
1. Rechte Hemisphäre: Sklerotischer Fleck im oberen
Scheitelläppchen. Meningen deprimirt und adhärent.
2. Rechte Hemisphäre: Erste und zweite Frontal-
windung. Occipitallappen.
Linke Hemisphäre: Occipitallappen fast zerstört. Hintere
Hälfte des oberen Scheitelläppchens, desgleichen vordere
zwei Drittel. Erste, zweite Frontalwindung geringfügig.
3. Rechte Hemisphäre: Cuneus. Erste Frontalwindung.
Gyrus fornicatus.
Linke Hemisphäre: Gyrus hippocamp., lingualis, occipital.
Erste Frontalwindung etwas u. s. w.
Richardière hebt sogar hervor, dass die Läsion der
Sklerose eine besondere Vorliebe für die Occipitallappen zeigt.
Er hat dieselben in sechs Fällen allein sklerotisch gefunden;
ja er beschreibt Fälle, in denen das Kleinhirn allein der
Sklerose verfallen ist.
Eine Lähmung kann natürlich nur dann zu Stande
kommen, wenn die Läsion in der motorischen Zone sitzt, und
somit ist es nicht wunderbar, wenn bei cerebraler Kinder-
lähmung stets eine Erkrankung der motorischen Zone ge-
funden wird. Wir haben ja auch Fälle angeführt, in denen
die Intensität der Erkrankung in der motorischen Zone ge-
ringer war, als in anstossenden Gebieten (Salgó *). Es
geht aber offenbar nicht an, wenn ein Defekt oder eine
Sklerose in der motorischen Region gefunden wird, diese
Veränderung für den Rest einer Poliencephalitis wegen der
Analogie mit der Poliomyelitis zu erklären, während man
den in der Nähe befindlichen Defekt oder sklerotischen Herd,
der keine Analogie mit einer Rückenmarksaffektion finden,
auch keine Lähmung erzeugen kann, unbeachtet lässt, eventuell
gestatten muss, dass letzterer auf Embolie oder Trauma
zurückgeführt wird.
In seiner letzten Arbeit hat Strümpell übrigens
zugegeben, dass der Sitz der Erkrankung auch in der Mark-
substanz des Grosshirns sein kann, und darum auf die Be-
zeichnung Poliencephalitis verzichtet, damit aber gleichzeitig
ein wesentliches Stück der Analogie mit der Poliomyelitis
acuta fallen lassen.
Strümpell hat indess die Verwandtschaft oder Identität
beider Krankheiten auch von anderer Seite her zu begründen
gesucht. „Ich neige mich sogar sehr zu der Annahme,“ sagt
er in seinem 1885 gehaltenen Vortrage, „dass beide Krank-
heiten ihrem Wesen nach nahe verwandt, ja vielleicht sogar
identisch sind, in dem Sinne, dass es bei beiden dasselbe
(vielleicht infektiöse) Agens ist, welches sich das eine Mal
in der grauen Substanz des Rückenmarkes, das andere Mal
in der grauen Rinde des Gehirns lokalisirt.“ Wir ziehen
indess aus gleich zu erwähnenden Gründen vor, diese
*) Primarius Salgó in Pest hatte die Güte, uns Krankengeschichte
und Präparat eines zweiten Falles von Sklerose zu überlassen, bei dem die
Veränderung an den Centralwindungen weniger ausgesprochen war, als am
Scheitel- und Occipitallappen. Klinisch stellte sich der Fall als Epilepsie mit
linksseitiger Hemiparese dar.Diskussion an den Namen Marie's zu knüpfen, welcher sich
derselben Idee etwas später bemächtigt hat.
Marie's Gleichstellung der Poliomyelitis und cerebralen
Kinderlähmung erinnert vielfach an die Vizioli's. Er legt
auf dieselben klinischen Momente, die hier und dort identisch
seien, Gewicht, trägt ebenso den bekannten anatomischen That-
sachen Rechnung und geht nur in Betreff der Aetiologie über
ihn, aber ebenso über Strümpell hinaus. Denn Strümpell
hatte die Beziehung der gemeinhin bei Kindern wirksamen
Infektionen zu seiner Poliencephalitis abgelehnt, Marie
knüpfte gerade an die Thatsache an, dass eine Reihe von
Fällen cerebraler Kinderlähmung in der Rekonvaleszenz von
diesen Affektionen beobachtet wird. Spinale und cerebrale
Kinderlähmung sind also für Marie beides Erfolge von
Infektionskrankheiten, entweder postinfektiöse Lokalisationen
oder Wirkungen eigener noch unbenannter Infektionen. Dazu
ist aber ausdrücklich zu sagen, dass Marie nicht etwa einen
besonderen Mikroorganismus der cerebralen Kinderlähmung
annimmt, sondern dieselbe Läsion von den verschiedenartigsten
infektiösen Ursachen herrühren lässt.
Die von Strümpell und Marie betonte Analogie
zwischen beiden Krankheiten, der infektiöse Ursprung der-
selben, sei es nun in Folge des nämlichen oder verschiedener
Krankheitserreger, gründet sich allerdings auf eine gewisse
Anzahl von Beobachtungen.
Strümpell hat 1888 zuerst die infektiöse Natur der
Poliomyelitis durch die Beobachtung einer kleinen Epidemie
gestützt. In einem kleinen Dorfe bei Erlangen erkrankten
im August 1886 drei Kinder an spinaler Lähmung, zwei
davon waren Geschwister. In einem halbe Stunde weit
entfernten Orte wurde gleichzeitig eine Erkrankung an
„Encephalitis“ nach Masern bei einem achtjährigen Kinde
beobachtet.
Briegleb theilt die Beobachtung von fünf Fällen
spinaler Lähmung mit, welche alle in den Monaten Juni und
Juli in einem engbegrenzten Theile Thüringens vorkamen
und auf der Klinik Vierordt's in Jena beobachtet wurden.
Das Protokoll der Klinik wies Monate vorher und nachher
keinen Fall von Poliomyelitis auf.
(Schluss folgt.)
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