Cerebrale Kinderlähmung und Poliopmyelitis infantilis (Schluss.) 1891-002/1891.03

Freud, Sigmund, Rie, Oscar (1891-002/1891.03): Cerebrale Kinderlähmung und Poliopmyelitis infantilis (Schluss.)

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    291 1891. Wiener Medizinische Wochenschrift Nr. 7. 292

       

      

     


     

    Aus dem I. öffentlichen Kinderkrankeninstitute in Wien.


     

    Cerebrale Kinderlähmung und Poliomyelitis
    infantilis.

    Von Doz. Dr. S. FREUD und Dr. O. RIE.

    (Schluss.)


     

          Es ist vielleicht nicht überflüssig, aus Anlass dieser
    fünf Fälle neuerdings, was längst bekannt ist, hervorzuheben,
    dass der bekannte „akute Beginn mitten in bester Gesund-
    heit mit Fieber und Konvulsionen“ hier wie bei der cerebralen
    Kinderlähmung eine arge Schematisirung bedeutet. Bereits
    Seeligmüller hat (in Gerhardt’s Handbuch) auf die
    Variationen und auf die häufig lange Dauer der Prodrome
    aufmerksam gemacht. Und doch lässt sich ja Niemand ab-
    halten, diese Fälle mit so verschiedenartigem Beginne auf
    dieselbe Läsion, und zwar auf eine echte Entzündung zurück-
    zuführen!

          Im Falle I erfolgte die Lähmung ohne alle Anzeichen.
    Die Mutter bemerkte, dass das Kind allmälig schlechter auftrete.

          Im Falle II war akuter Beginn vorhanden. Eintägiges
    Fieber und Schlafsucht, am nächsten Tage wurde die Lähmung
    bemerkt.

          Im Falle III klagte das Kind 8—10 Tage lang über
    allgemeine Müdigkeit und Gehschwäche, erst nach dieser
    Prodromalzeit trat viertägiges Fieber auf.

          Im Falle IV ähnliche Müdigkeit und Gehschwäche an
    dem später gelähmten Beine, am Abend des zweiten Tages
    Fieberanfall, darauf Lähmung.

          Im Falle V schloss sich die Lähmung an einen Brech-
    durchfall an, während dessen viertägiges Fieber auftrat.

          Konvulsionen wurden in keinem, partielle Zuckungen in
    einem Falle angegeben.

          Diese Variationen des Initialstadiums finden sich in der
    nämlichen Weise bei der cerebralen Kinderlähmung wieder.
    Wir betonen sie, um nachzuweisen, dass es nicht angeht,
    einer Gruppe von Fällen wegen einer Besonderheit des
    Initialstadiums einen besonderen anatomischen Prozess unter-
    zulegen.

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          Die postinfektiöse Natur der cerebralen Lähmung ist,
    wie in dem Abschnitt über Aetiologie ausgeführt wurde,
    genügend sichergestellt, wenigstens für eine Reihe von
    Fällen. Für die spinale Kinderlähmung besteht eine solche
    Gewissheit nicht. Es ist bemerkenswerth, dass Marie die
    Abhängigkeit der Poliomyelitis von Infektionskrankheiten als
    bekannt hinzustellen scheint, während ein Kenner der Nerven-
    krankheiten wie Gowers die Analogisirung der cerebralen
    und der spinalen Lähmung geradezu deswegen ablehnt,
    weil die erstere so häufig sekundär nach Infektionen auf-
    trete, die letztere fast immer primär beobachtet werde!

          Für die gelegentliche Identität des Krankheitserregers
    bei spinaler und cerebraler Kinderlähmung spricht eine
    interessante, wenn auch vereinzelte Beobachtung von
    Möbius.

          Zwei Geschwister erkrankten gleichzeitig unter Fieber
    mit Allgemeinsymptomen am 29. Juni 1882. Am 4. Juli
    badet die Mutter die beiden und bemerkt, dass das 1 1/2jährige
    Mädchen den linken Arm hängen lässt. Bald darauf wird es
    klar, dass der dreijährige Knabe sich des rechten Armes
    nicht bedienen kann. Möbius konstatirt einige Zeit später
    bei dem Mädchen eine atrophische Lähmung des Armes,
    während er bei dem Knaben die allmälige Entwicklung einer
    rechtsseitigen spastischen Hemiparese beobachtet.

          Gegen die Häufigkeit einer solchen Identität kann man
    folgende Erwägung geltend machen. Denken wir uns, dass
    es einen Krankheitserreger gibt, der sich im Kindesalter
    ebenso häufig im Rückenmarke wie im Gehirn lokalisirt, so
    müsste man erwarten, dass er in einer Anzahl von Fällen
    Läsionen an beiden Stellen setzt, besonders, da wir ja von
    der Poliomyelitis her wissen, dass diese Läsionen sich oft
    über grosse Strecken verbreiten. Man ist ja auch von anderen
    Krankheitskeimen, die mehrfache Stellen im Nervensystem
    bevorzugen, gewöhnt, dass sie gleichzeitig von diesen ver-
    schiedenen Lokalisationen aus wirken (Diphtheritis u. A.).
    Wende man nicht ein, dass man ja nicht im Stande wäre,
    eine gleichzeitig spinale und cerebrale Kinderlähmung zu
    diagnostiziren. Das hätte, theoretisch betrachtet, gar keine
    Schwierigkeiten, selbst dann nicht, wenn die Lähmung von
    beiden Affektionen her dieselbe Körperseite betreffen würde.
    Nach dem Grundsatze, dass bei zwei dieselbe Bahn betreffen-
    den Herden im Nervensystem nur der untere zur sympto-
    matischen Ausprägung gelangt, würde die Poliomyelitis aller-
    dings den Gehirnherd theilweise verdecken, aber es ist sehr
    gut der Fall denkbar, dass die Poliomyelitis nur das Lenden-
    mark befallen hat, während ein Herd in der motorischen
    Zone besteht. Dann wäre das klinische Bild das einer
    cerebralen Hemiplegie im Gesicht und am Arme, während
    das Bein die genugsamen verschiedenen Züge der schlaffen
    atrophischen Lähmung zeigt. Die Folgeerscheinungen, die zur
    Spinallähmung sicherlich nicht gehörige Epilepsie etc., würden
    zur weiteren Bekräftigung der Diagnose beitragen.

          Solche Mischfälle sind uns nun nicht bekannt geworden.
    Wir brauchen uns nicht bei der so seltenen Komplikation
    der Poliomyelitis mit Facialisparese aufzuhalten, da es nahe
    liegt, letztere als nucleäre aufzufassen. Sonst haben wir nur
    noch eine Beobachtung von Ehrenhaus anzuführen, die von
    Henoch als Kombination von cerebraler und spinaler
    Lähmung gedeutet wurde, die aber diesen Bedingungen nicht
    entspricht.

          Ein 2 1/2jähriges Kind ist unter heftigen Allgemeinerschei-
    nungen erkrankt. Am dritten Tage bemerkt die Mutter eine Er-
    schwerung in den Bewegungen des rechten Armes, nach weiteren
    drei Tagen wird nach Ablauf der Allgemeinerscheinungen rechts-
    seitige Armlähmung und linksseitige Facialislähmung konstatirt.
    Die Armlähmung ist am Oberarm besonders deutlich, während sich
    die Finger dieser Hand in leichter Kontraktur befinden. Der linke
    Facialis faradisch erregbar, die Armmuskeln unerregbar. Die
    Sensibilität intakt. — Die Facialisparese heilt ohne Behandlung
    nach drei Wochen, nach langer Behandlung stellt sich endlich
    auch die Beweglichkeit des Armes her. — Henoch hält diesen
    Fall für Komplikation von Poliomyelitis mit einem akuten

     

    encephalitischen Prozesse wegen der Facialisparese und der Kon-
    traktur der Finger.

          Es genügt, zu erwidern, dass hier ja die Facialisparese
    auf der der Armlähmung entgegengesetzten Seite bestand,
    und dass vom Bein keine Symptome berichtet werden, um
    die Unwahrscheinlichkeit dieser Deutung darzuthun. Wenn
    übrigens diese Beobachtung von Ehrenhaus identisch mit
    einer Krankengeschichte sein sollte, die Henoch auf S. 239
    seines Lehrbuches mittheilt, dann hätte dieser Autor seine
    Erklärung selbst zurückgezogen, denn im Lehrbuche bezeichnet
    er die Facialisparese eines in vielen Details ähnlichen Falles
    richtig als eine nucleäre.

          Es ist begreiflich, dass es sich mit der Annahme einer
    gleichen Aetiologie für beide Erkrankungen nicht gut ver-
    trägt, hier eine systematische Entzündung und dort vaskuläre
    Läsionen anzunehmen. Da man aber, wie wir gesehen haben,
    auf Schwierigkeiten stösst, wenn man die pathologische
    Anatomie der Cerebrallähmung nach jener der Poliomyelitis
    modeln will, erübrigt nur noch der andere Weg, den bereits
    Vizioli eingeschlagen hat, nämlich die aus der pathologi-
    schen Anatomie der Cerebrallähmung gewonnenen Gesichts-
    punkte auf die Spinallähmung zu übertragen. Dies hat
    Marie allerdings erst in schüchterner Weise gethan, indem
    er daran erinnerte, dass die Läsion bei Poliomyelitis vielfach
    über das Gebiet der Vorderhörner hinausgeht. Die Möglich-
    keit, die er so andeutet, wäre die folgende: Vielleicht ist
    auch die Poliomyelitis keine systematische Affektion, sondern
    durch die Anwesenheit von Entzündungsträgern in den
    Rückenmarksgefässen bedingt, vielleicht gelingt es, im polio-
    myelitisch veränderten Rückenmarke nachzuweisen, dass der
    Prozess primäre Herde an anderen Stellen setzen kann und
    dann ist es möglich, die vorwiegende Lokalisation der Er-
    krankung in den Vorderhörnern dadurch zu erklären, dass
    diese Region die reichste Gefässversorgung hat. Wirklich
    darf man dieser Idee nicht von vorneherein die Berechtigung
    absprechen. Wir kennen ja genau nur die Narbe, den End-
    ausgang der Poliomyelitis, und was wir von frischeren
    Bildern kennen, liesse sich in diesem und in jenem Sinne
    deuten. Auf diesem Wege wäre allerdings eine Analogie der
    beiden Erkrankungen, läge jeder von ihnen nur ein einziger
    oder mehrfache Krankheitserreger zu Grunde, zu erweisen.

          Fassen wir das Für und Wider, welches sich uns in
    Betreff dieser Frage ergeben hat, zusammen, so gelangen
    wir etwa zu folgendem Abschlusse:

          Eine Identität der spinalen und cerebralen Kinder-
    lähmung ist durch die Bemühungen von Vizioli, Strümpell
    und Marie nicht erwiesen worden; es wird wohl auch kein
    wissenschaftliches Bedürfniss durch den Nachweis einer solchen
    erfüllt. Diese Bemühungen haben aber eine gewisse Analogie
    beider, besonders in Betreff der Aetiologie, wahrscheinlich
    gemacht und haben zur Aufstellung von Problemen geführt,
    mit deren Lösung ein besseres Verständniss beider Krank-
    heitsformen und der Uebergang von der Lokaldiagnose zur
    Prozessdiagnose verbunden sein wird. Unter diesen Problemen
    stehen obenan: die Frage nach der Natur der Krankheits-
    erreger, nach der Bedeutung des entzündlichen Momentes bei
    der Cerebrallähmung, und nach der systematischen Natur der
    sogenannten Poliomyelitis.


     

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