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Der „kleine Kohn“.
Ort der Handlung: das gemütliche Zimmer eines berühmten
Nervenarztes. Anwesend ist eine kleine psychologische Gesellschaft,
bestehend aus sechs Personen. Der Meister sitzt am Schreibtische,
bequem in einem Armstuhl zurückgelehnt, die anderen um einen
kleinen Tisch gruppiert. „Der Unruhige“ zieht ein kleines Manuskript
aus der Tasche und entschuldigt sich zuerst, seinen Auftrag, ein er-
schöpfendes Referat zu bringen, nicht ausgeführt zu haben.Er beginnt: „Das Thema unseres heutigen Abends ist ein
besonders schwieriges. Wie kommt es, daß gewisse Schlagworte,
gewisse Refrains, gewisse Melodien eine so ungeheure Popularität
erlangen können? Worin besteht das Geheimnis, daß das Lied
„Haben Sie nicht den kleinen Kohn geseh’n?“ eine solche Verbrei-
tung gewinnen konnte?Ich gestehe es offen, daß ich diese Frage nicht vollständig
lösen kann. Ich möchte Ihnen heute nur einige Anregungen vor-
lesen. Meiner Ansicht nach müssen wir bei dieser Frage als Haupt-
moment die angeborene Denkfaulheit des Menschen betrachten.
Diese Denkfaulheit entspricht ja nur dem physikalischen Gesetze der
Trägheit, das für Stoff und Kraft, für Geist und Materie dieselbe
Geltung hat. Zu diesem Konservatismus des menschlichen Denkens
gesellt sich das große Bedürfnis vieler Individuen, geistreich zu
scheinen und Humor auszulösen. (Der bekannteste Typus solcher
Menschen sind ja jene Leute, die eine besondere Freude an dem
Verbreiten guter Witze finden.) Beiden erwähnten Momenten ver-
danken manche Schlagworte ihre rasche Verbreitung. Unsere instink-
tiven und erworbenen sozialen Gefühle stellen den gedüngten Boden
vor, gleichsam die Nährgelatine, auf der diese geistigen Mikro-
organismen rascher festen Fuß fassen und sich weiter entwickeln9
S.
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können. „Der kleine Kohn“ entspricht dem lebhaften, sozialen Bedürfnisse
der Menge, sich über gewisse Eigentümlichkeiten der Juden lustig zu
machen. Sein geistiger Bruder, der in Wien verbreitete „Servus
Brezina“, ist der Ausdruck der erstarkten deutschnationalen Be-
wegung, deren Brennpunkt in Österreich ja der Kampf zwischen
Tschechen und Deutschen ist. Diese Refrains möchte ich am liebsten
die sozialen Refrains nennen, weil sie der Stimmung einer ganzen
Volksgruppe entsprechen, weil sie gewissermaßen einen ethnographischen
Charakter haben. In dieses Kapitel gehören auch der „Boulanger-
Marsch“, der „Lueger-Marsch“, die „Marseillaise“ und verschiedene
Schlagworte, wie zum Beispiel „Los von Rom“, „Korrupte Bourgeoisie“,
„Secession“ 2c. Während die erwähnten Schlagworte ihr Programm
ganz offen bekennen, ja vermöge ihrer Kürze zur suggestiven Verbrei-
tung gewisser Ideen sehr viel beitragen, verbergen die populären Re-
frains ihren ausgesprochen sozialen Charakter in geschickter Weise.Eine andere Gruppe möchte ich die indviduellen Refrains
nennen. In Wien hat an ein und für sich unsinniges Lied
eine ungeheure Verbreitung gefunden; dasselbe klingt mit folgen-
dem Refraine aus: „Drah’n m’r um und drah’n m’r auf, es
liegt nix d’ran, weil m’r ’s Geld auf derer Welt net fressen
kann“. Dieser Refrain ist für die Wiener in gewisser Hinsicht auch
ein sozialer, weil er ein Trostwort für die momentane schlechte
materielle Lage enthält. In seiner Grundstimmung ist er ein indi-
vidueller. Der Beamte, der seinen ganzen Gehalt in einer Nacht
vergeudet, brüllt im Chore mit den anderen: „Drah’n m’r um
und drah’n m’r auf usw.“ Er betäubt mit diesem Refrain die
Stimme seines Gewissens; er fühlt sich in seinem Leichtsinn gestärkt
durch den ganzen singenden Chor. Alle diese Menschen können eben-
falls ihr Geld nicht „fressen“. Er befreit sich mit diesem Schlag-
worte, das zu seiner späteren mißlichen Lage gar keine Beziehungen
hat, von unangenehmen Gedanken der Reue. Er festigt seinen
Leichtsinn. Er überwindet die moralischen Imperative. Ähnlich wie
in dem Liede „Küssen ist keine Sünd’, mit einem schönen Kind’“.Eine dritte Gruppe von Refrains kann ich nicht anders als
die „unsinnigen“ bezeichnen. Treffende Beispiele für diese GruppeS.
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sind die Berliner Refrains vom „Stumpfsinn“ und das erhebende
Liedchen von der „Pflaume“. In Süddeutschland hat ein Lied
große Verbreitung gefunden, das mit den unsinnigen Worten schließt:
„Mir san halt Landsleut, linzerische Buabm, wir kaufen uns a
Sträußerl und stecken uns am Hut.“ Das Geheimnis dieser Erfolge
liegt in einer einfachen Melodie. Die Worte sind nur ein einfaches
Füllmaterial für solche einschlagende Melodien. Daß es wirklich nur
die Melodie ist, beweist uns die große Popularität des „Tarara
Bumdiöh“, das in Amerika mit einem sehr traurigen Texte sehr
große Verbreitung erlangte und später in den verschiedensten
Charaktereigenschaften seine Reise um die ganze Welt antrat. In
Wien wurde es ein übermütiger Gassenhauer, der sich in einer an-
stößigen Parodie rasch verbreitete. Ähnlich erging es ja dem Liede
„Fischerin du Kleine“. Es erlangte eine zweite geheime Bedeutung,
die sehr viel zu seiner Popularität beitrug. Das führt uns nun
zur Gruppe der verfänglichen Refrains, die offene und versteckte An-
spielungen enthalten. Zum Beispiel „Im Chambre separée“, das
meistens von Leuten gesungen wurde, die im Leben kein Chambre
separée gesehen hatten. Die „Hulda, für die kein Stuhl da war“,
die „Kleine Witwe“, die das Küssen so gewöhnt ist, daß sie es nicht
lassen kann, „Großwardein“ sind nur einige zufällig herausgegriffene
Beispiele.Dergestalt ist das Material, aus dem die große Masse ihr Be-
dürfnis, geistreich zu scheinen, befriedigt. Der Ladenschwengel, der ein
besseres Gespräch eröffnen möchte, fragt seine Dame mit großer
Grazie und Wichtigkeit, ob sie denn gerade über die „Unsterblichkeit
der Maikäfer“ nachdenke. Mit Hilfe des „kleinen Kohn“ und des
„Servus Brezina“ setzt er das siegreich begonnene Gespräch fort,
er sucht einen „Stuhl für seine Hulda“ und landet dann glücklich
mit der „kleinen Witwe“ im Chambre separée. Er braucht nicht
lange nachzudenken, er arbeitet mit Schlagworten. Er ist auch sicher,
das nötige Verständnis zu finden, den neutralen Boden, auf dem
sich dann ihre schönen Seelen begegnen können. Betonen möchte ich
noch einmal, daß manche Schlagworte, besonders die sozialen und
individuellen, geradezu mit suggestiver Kraft wirken. Sie enthaltenS.
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eine kurze Suggestion, gegen die alle Logik vergebens ankämpft.
Auf diese Weise erklärt sich die rasche Verbreitung solcher Schlag-
worte, die geradezu mit kontagiöser Kraft ganze Massen erobern
können. Das wären so meine Anregungen zu unserem heutigen
Thema, sagen wir über den „Kleinen Kohn“, den wir als auffallenden
Typus zum Repräsentanten der ganzen Gattung ernennen wollen.“Der Sozialist: „Ich bin nicht mit allen Ausführungen meines
Vorredners einverstanden. Vor allem glaube ich, daß wir die Macht
der Suggestion bedeutend überschätzen. Eines ist richtig: Viele
Refrains und speziell der „Kleine Kohn“ appellieren an gewisse
soziale Regungen, deren alle Menschen im geringeren, stärkeren
Grade teilhaftig sind. Wir können dies Thema nicht erschöpfen,
wenn wir es nicht vom Standpunkte der Massen-Psychologie aus
betrachten. Ich halte alle Refrains für Wunscherfüllungen, die eigent-
lich in ihrer Kürze das gesamte Wunschgebiet des Volkes zum Aus-
drucke bringen“.Der Bequeme: „Warum haben so viele Refrains die Form
einer Frage? „Haben Sie nicht den kleinen Kohn geseh’n?“ —
Liegt nicht in dieser Frage ein Teil ihrer Kraft?“Der Unruhige: „In diesem Falle ist die Frage nur eine Form
der Charakteristik. Viele „Kleine Kohns“ haben eben die Eigen-
tümlichkeit, in Frageform zu sprechen. Dann gestattet eine Frage
tausend Deutungen, tausend Antworten; sie kann leichter Humor
auslösen“.Der Bequeme: „Mir fällt ferner beim Refrain des „Kleinen
Kohns“ die Plastik dieses Ausdruckes auf. Setzen wir einen anderen
Namen an die Stelle von Kohn und die ganze Plastik verschwindet.
Liegt das nicht an der Alliteration?Professor Benedikt hat einmal von einem Ladungs- und
Entladungsbedürfnis der Menschen gesprochen. Wir müssen uns mit
Reizen laden, wir müssen aber auch diese Reize von Zeit zu Zeit
entladen. Diese Refrains wirken meiner Ansicht nach als wohltätige
Entladungen innerer Spannungen. Sie sind eine Ablenkung von
größeren, uns bedrückenden Angelegenheiten. Panem et circenses!
Die Refrains sind die Spiele der Völker“.S.
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Der Gemäßigte: „Ein Beitrag zur Erklärung der stumpf-
sinnigen Refrains! Ich halte sie für die Reaktion unseres Intellektes
gegen den übermäßigen Gebrauch unseres Geistes. Der Durchschnitts-
mensch denkt so: Jetzt haben wir schon so lange gescheit sein müssen,
warum sollen wir nicht einmal einen Blödsinn machen? Die Mensch-
heit hat von Zeit zu Zeit ein ungeheures Bedürfnis nach Blödsinn.
Ulk und Unsinn sind Ruhepausen unseres ermüdeten Gehirnes; sie
steigern durch ihre humoristische Kraft unsere Lebensfreude. Wenn
ich mir erlauben darf, Kleines mit Großem zu vergleichen, so hat
uns die Musikgeschichte der letzten Jahre ein lehrreiches Beispiel
gegeben. Die Humperdincksche Oper „Hänsel und Gretel“ war die
Reaktion unserer Gehörnerven und unserer Psyche gegen die er-
müdenden Götterdramen Wagner’s, gegen die grausamen, bluttriefen-
den italienischen Opern“.
Der Unruhige: „Das scheint mir eine sehr wichtige Bemerkung
zu sein. Das Volk hat einen dumpfen Groll gegen seine Klassiker,
die es ehren muß, ohne sie verstehen zu können. Am schönsten ist
das in einem Wiener Liede zum Ausdruck gekommen. Das naive
Bekenntnis ist geradezu rührend. „Das hat ka Goethe g’schrieben,
das hat ka Schiller dicht, ’s is von kan Klassiker, von kan Genie,
so spricht ein Weanerherz zu einer Weanerin und ’s klingt doch
voller Poesie“. Dieses doch erscheint wie eine Kriegserklärung des
Volkes gegen die Klassiker. Wir brauchen Euch nicht, laßt uns
in Ruhe. Wir haben unsere eigene Poesie!“
Der Schriftsteller: „Die Masse verhält sich immer wie ein
Kind. Wollen wir die Wirkung der populären Refrains auf die
Volksseele begreifen, so müssen wir das Kind beobachten. Was
gefällt einem Kinde, was mißfällt ihm? Da ist es merkwürdig, daß
es gewisse Worte gibt, die dem Kinde außerordentlich gefallen und
es zum Lachen reizen. Manche Melodien lernt es spielend, während
es sich gegen andere ablehnend verhält. Wiederholt ist es nur der Wort-
klang, an dem sich die Kinder ergötzen. Zum Beispiel „Storch, Storch,
Steiner“ oder Wackelgänschen mit dem Wickelschwänzchen“ 2c. Das
Kinderlied gibt uns die besten Anhaltspunkte zum Verständnis der
Popularität, welche gewisse Refrains erlangen“.S.
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Der Meister. „Wir sind bisher an der Oberfläche des Problems
haften geblieben; wir haben vielleicht den Rahmen unserer Be-
sprechungen zu weit gedehnt. Wäre es nicht besser gewesen, wir
wären beim „Kleinen Kohn“ geblieben und hätten diesen bis auf
seine tiefsten Tiefen erschöpft? Einzelnes haben wir ja gelernt. Der
soziale Charakter des kleinen Kohn, der Hintergrund, von dem er
sich abhebt, die Schichte unbewußter und bewußter sozialer Gefühle
sind wichtige Momente zur Psychologie aller Refrains. Aber weit
wichtiger halte ich die Bemerkungen, daß wir auf das Kinderleben
zurückgreifen müssen. Die Masse verhält sich immer wie ein Kind.
Sie kennen ja den treffenden Schiller’schen Ausspruch, daß eine
Gruppe von vernünftigen Menschen in Summe einen Dummkopf
ausmachen könne. Es ist in Wahrheit leichter, mehrere gescheite
Menschen zu einer Torheit, als zu einer großen vernünftigen Tat
zu begeistern.Alle diese Refrains haben einen infantilen Charakter und ihre
Wirkung ist eine infantile. Nicht genug energisch kann ich mich
gegen den Mißbrauch wenden, der heutzutage mit dem Worte Sug-
gestion getrieben wird. Was ist denn Suggestion? Wissen wir denn,
wie die Suggestion wirkt? Sie werden mir zugeben, daß ich mich
mit diesen Fragen intensiv beschäftigt habe. Ich habe die berühmtesten
Meister der Suggestion aufgesucht, aber keiner hat mir eine Antwort
auf diese Frage bieten können.„Christophorus trug den Christus
Christus trug die ganze Welt,
Sag’, wo hat dann Christophorus,
Seinen Fuß gestellt?“Ein Rätsel wird nicht erklärt, wenn wir ein zweites Rätsel
an seine Stelle setzen.Wie wirken die Refrains? Welches Inhaltsmoment ruft ihre
Wirkungen hervor? Das bringt uns zu einer viel bedeutsameren Frage:
Wie gewinnt man Lust aus intellektuellen Vorgängen, aus geistiger
Arbeit? Einer meiner Vorredner hatte recht, von der Denkfaulheit
der Masse zu reden. Er hatte recht und doch unrecht. Wir sind alleS.
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denkfaul. Wir denken nur, weil wir denken müssen. Ursprünglich ist
das Denken das Mittel, um das Leben zu fristen. Eine Waffe im
Kampfe ums Dasein. Nachher ergibt es sich, daß diese Lebens-
arbeit an und für sich mit Lustgefühlen verbunden ist. Bleiben wir
beim „Kleinen Kohn“. Warum weckt die Vorstellung des „Kleinen
Kohn“ Lustgefühle in uns?“Der Bequeme: „Der „Kleine Kohn“ ist nur ein Symbol, da-
hinter steckt viel mehr. Spott über die ganze Macht des Groß-
kapitals, der gerechtfertigte und ungerechtfertigte Haß gegen die
Unterdrückung von Seite der Stärkeren.“Der Meister: „Warum aber dann der „Kleine Kohn“, dieses
unscheinbare, harmlose Wörtchen?“Der Unruhige: „Damit es weniger Anstoß erregen kann, damit
es leichter Verbreitung finden kann“.Der Meister: „Sehen Sie, jetzt sind wir nahe an der Lösung.
Der „Kleine Kohn“ ist nur eine Maske; dieses unbestimmbare,
harmlose Wort ist am besten prädestiniert, die unterdrückten Gedanken
zu repräsentieren. Es handelt sich um einen Vorgang von geistiger
Verschiebung, wie wir ihn in unseren Traumgestalten häufig be-
merken können. Würde das Lied anders heißen, es würde Anstoß
erregen können. Es könnte nicht öffentlich gesungen werden. Eine
Opposition wäre immer vorhanden. Aber in dieser Form kann sich
keiner beleidigt fühlen und jeder kann hineinlegen und hineindeuten,
was er will.“Der Gemäßigte: „Das führt uns auf das Kind zurück. Ich
habe die Bemerkung gemacht, daß die Kinder lieber mit einem
Stück Holz spielen als mit der schönsten Puppe. Das Holz können
sie verschieden drapieren, es kann heute Amme, morgen Stuben-
mädchen, übermorgen eine Prinzessin sein. Die gekleidete Puppe
bleibt immer dieselbe Dame. Das Holz ist aber ein williger Re-
präsentant seiner Phantasie“.Der Meister: „Der „Kleine Kohn“ ist also auch so ein Stückchen
Holz, das sich mit verschiedenen geistigen Drapierungen bequem
anfassen läßt. Unsere unbewußten Gedanken unterstehen der Macht
einer Zensur, die sie erst verändert, bevor sie sie in das Reich desS.
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Bewußten eintreten läßt. Der „Kleine Kohn“ ist eben so eine Verschiebung
schwerwiegender Gefühle und verdankt seine scheinbar harmlose Form
der Zensur der unbewußten Volksseele. Ein populäres Lied hat die
Kritik der Zensur glücklich überstanden. Ähnlich ist ja das „Servus
Brezina“ gestaltet. Es beleidigt nicht, es greift nicht an; es ist
gemütlich, scheinbar harmlos. Dabei ist es doch charakteristisch für
die harte tschechische Sprache und das Produkt einer geistigen Ver-
schiebung. Hinter diesem unscheinbaren Brezina schlummern die Zorn-
gefühle gegen die Halsstarrigkeit der Tschechen, die ganz Österreich
in Verwirrung bringen. Jetzt sehen wir etwas klarer. Ein populärer
Refrain muß also die Zensur der Volksseele passiert haben, er muß
einen kindlichen Charakter haben, er muß dehnbar und scheinbar
harmlos sein. Er muß die Macht von unterdrückten Gefühlen in
sich tragen.Wie steht es aber mit den anscheinend unsinnigen Refrains?
Worin besteht das Geheimnis ihres Erfolges?“Der Bequeme: „Die am tiefsten stehenden Menschen, die
Patagonier, haben noch das Bedürfnis, im Chor zu singen und
dabei zu tanzen. Bei allen wilden Völkern zeigt sich dasselbe Bedürfnis.
Alle singen im Chore und stoßen oft unverständliche, unsinnige Laute
dabei aus. Sind diese erwähnten Refrains nicht eine Überlieferung
der ererbten, uralten Volksgebräuche? Sozusagen ethnographische
Rudimente? Ein geistreicher Refrain wäre ja gar nicht geeignet, im
Chore gesungen zu werden. Der Blödsinn schlägt die Brücke von
Mensch zu Mensch“.Der Unruhige: „Das Geheimnis der unsinnigen Refrains
besteht in der Konstruktion ihrer Melodien; sie sind einfach und
packend, was man im Volksmund „Ein Schlager“ nennt. Sie sind
einer originellen Harmonisierung unfähig, sie haben einen merk-
würdig einfachen Rhythmus. Eine der wichtigsten Triebfedern des
menschlichen Lebens ist der Rhythmus. Das Herz schlägt rhythmisch,
die Zelle zieht sich rhythmisch zusammen; alle unsere Funk-
tionen, Hunger, Durst und Liebe, Schlaf und Arbeit haben rhyth-
mischen Charakter. Eine populäre Melodie muß einfach sein. Sie
muß den Urrhythmen der Menschheit, vielleicht sogar gewissenS.
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Rhythmen unseres Körpers entsprechen. Sie muß Saiten in uns
zum Tönen bringen. Wenn ich vor ein Klavier hintrete, den Dämpfer
hebe und einen Ton singe, so tönen immer einige Saiten mit. Das
Geheimnis der Popularität einer Melodie liegt eben darin, daß sie
sich einem geheimen Lebens- und Körperrhythmus anpaßt, daß sie
die Obertöne unserer Psyche zum Mitschwingen bringt. Die Worte
sind nur Füllmaterial und Nebensache. Manchmal werden diese
Melodien mit Tralala und Tatata ausgefüllt. Bedeutende Komponisten
werden nur jene Menschen, welche diese Urrhythmen mit feinem Ge-
fühle aus ihrem Innern herausheben und sie der Menschheit über-
liefern. Aber noch deutlicher manifestiert sich der Typus dieser
Urrhythmen in den Volksliedern, welche ihre Entstehung den
unbewußten Regungen der Volksseele verdanken“.
Der Meister: „Es scheint mir unmöglich, aus der Musik heraus
intellektuelle Vorgänge zu deuten. Die Musik ist die dunkelste und
geheimnisvollste aller Künste. Wir müssen den umgekehrten Weg
gehen und die Macht der Musik aus dem Intellekte heraus zu
erklären suchen.
Es ist spät geworden. Wir haben heute lange geplaudert. Aber
wir haben ein großes Resultat erzielt: Wir verstehen den „Kleinen
Kohn“ — und das will viel heißen“._________________
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Der ›kleine Kohn‹
1903-401/1911
1903-401/1911