Der ›kleine Kohn‹ 1903-401/1911

Stekel, Wilhelm (1903-401/1911): Der ›kleine Kohn‹

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    Der „kleine Kohn“.

          Ort der Handlung: das gemütliche Zimmer eines berühmten
    Nervenarztes. Anwesend ist eine kleine psychologische Gesellschaft,
    bestehend aus sechs Personen. Der Meister sitzt am Schreibtische,
    bequem in einem Armstuhl zurückgelehnt, die anderen um einen
    kleinen Tisch gruppiert. „Der Unruhige“ zieht ein kleines Manuskript
    aus der Tasche und entschuldigt sich zuerst, seinen Auftrag, ein er-
    schöpfendes Referat zu bringen, nicht ausgeführt zu haben.

          Er beginnt: „Das Thema unseres heutigen Abends ist ein
    besonders schwieriges. Wie kommt es, daß gewisse Schlagworte,
    gewisse Refrains, gewisse Melodien eine so ungeheure Popularität
    erlangen können? Worin besteht das Geheimnis, daß das Lied
    „Haben Sie nicht den kleinen Kohn geseh’n?“ eine solche Verbrei-
    tung gewinnen konnte?

          Ich gestehe es offen, daß ich diese Frage nicht vollständig
    lösen kann. Ich möchte Ihnen heute nur einige Anregungen vor-
    lesen. Meiner Ansicht nach müssen wir bei dieser Frage als Haupt-
    moment die angeborene Denkfaulheit des Menschen betrachten.
    Diese Denkfaulheit entspricht ja nur dem physikalischen Gesetze der
    Trägheit, das für Stoff und Kraft, für Geist und Materie dieselbe
    Geltung hat. Zu diesem Konservatismus des menschlichen Denkens
    gesellt sich das große Bedürfnis vieler Individuen, geistreich zu
    scheinen und Humor auszulösen. (Der bekannteste Typus solcher
    Menschen sind ja jene Leute, die eine besondere Freude an dem
    Verbreiten guter Witze finden.) Beiden erwähnten Momenten ver-
    danken manche Schlagworte ihre rasche Verbreitung. Unsere instink-
    tiven und erworbenen sozialen Gefühle stellen den gedüngten Boden
    vor, gleichsam die Nährgelatine, auf der diese geistigen Mikro-
    organismen rascher festen Fuß fassen und sich weiter entwickeln

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    können. „Der kleine Kohn“ entspricht dem lebhaften, sozialen Bedürfnisse
    der Menge, sich über gewisse Eigentümlichkeiten der Juden lustig zu
    machen. Sein geistiger Bruder, der in Wien verbreitete „Servus
    Brezina“, ist der Ausdruck der erstarkten deutschnationalen Be-
    wegung, deren Brennpunkt in Österreich ja der Kampf zwischen
    Tschechen und Deutschen ist. Diese Refrains möchte ich am liebsten
    die sozialen Refrains nennen, weil sie der Stimmung einer ganzen
    Volksgruppe entsprechen, weil sie gewissermaßen einen ethnographischen
    Charakter haben. In dieses Kapitel gehören auch der „Boulanger-
    Marsch“, der „Lueger-Marsch“, die „Marseillaise“ und verschiedene
    Schlagworte, wie zum Beispiel „Los von Rom“, „Korrupte Bourgeoisie“,
    „Secession“ 2c. Während die erwähnten Schlagworte ihr Programm
    ganz offen bekennen, ja vermöge ihrer Kürze zur suggestiven Verbrei-
    tung gewisser Ideen sehr viel beitragen, verbergen die populären Re-
    frains ihren ausgesprochen sozialen Charakter in geschickter Weise.

          Eine andere Gruppe möchte ich die indviduellen Refrains
    nennen. In Wien hat an ein und für sich unsinniges Lied
    eine ungeheure Verbreitung gefunden; dasselbe klingt mit folgen-
    dem Refraine aus: „Drah’n m’r um und drah’n m’r auf, es
    liegt nix d’ran, weil m’r ’s Geld auf derer Welt net fressen
    kann“. Dieser Refrain ist für die Wiener in gewisser Hinsicht auch
    ein sozialer, weil er ein Trostwort für die momentane schlechte
    materielle Lage enthält. In seiner Grundstimmung ist er ein indi-
    vidueller. Der Beamte, der seinen ganzen Gehalt in einer Nacht
    vergeudet, brüllt im Chore mit den anderen: „Drah’n m’r um
    und drah’n m’r auf usw.“ Er betäubt mit diesem Refrain die
    Stimme seines Gewissens; er fühlt sich in seinem Leichtsinn gestärkt
    durch den ganzen singenden Chor. Alle diese Menschen können eben-
    falls ihr Geld nicht „fressen“. Er befreit sich mit diesem Schlag-
    worte, das zu seiner späteren mißlichen Lage gar keine Beziehungen
    hat, von unangenehmen Gedanken der Reue. Er festigt seinen
    Leichtsinn. Er überwindet die moralischen Imperative. Ähnlich wie
    in dem Liede „Küssen ist keine Sünd’, mit einem schönen Kind’“.

          Eine dritte Gruppe von Refrains kann ich nicht anders als
    die „unsinnigen“ bezeichnen. Treffende Beispiele für diese Gruppe

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    sind die Berliner Refrains vom „Stumpfsinn“ und das erhebende
    Liedchen von der „Pflaume“. In Süddeutschland hat ein Lied
    große Verbreitung gefunden, das mit den unsinnigen Worten schließt:
    „Mir san halt Landsleut, linzerische Buabm, wir kaufen uns a
    Sträußerl und stecken uns am Hut.“ Das Geheimnis dieser Erfolge
    liegt in einer einfachen Melodie. Die Worte sind nur ein einfaches
    Füllmaterial für solche einschlagende Melodien. Daß es wirklich nur
    die Melodie ist, beweist uns die große Popularität des „Tarara
    Bumdiöh“, das in Amerika mit einem sehr traurigen Texte sehr
    große Verbreitung erlangte und später in den verschiedensten
    Charaktereigenschaften seine Reise um die ganze Welt antrat. In
    Wien wurde es ein übermütiger Gassenhauer, der sich in einer an-
    stößigen Parodie rasch verbreitete. Ähnlich erging es ja dem Liede
    „Fischerin du Kleine“. Es erlangte eine zweite geheime Bedeutung,
    die sehr viel zu seiner Popularität beitrug. Das führt uns nun
    zur Gruppe der verfänglichen Refrains, die offene und versteckte An-
    spielungen enthalten. Zum Beispiel „Im Chambre separée“, das
    meistens von Leuten gesungen wurde, die im Leben kein Chambre
    separée gesehen hatten. Die „Hulda, für die kein Stuhl da war“,
    die „Kleine Witwe“, die das Küssen so gewöhnt ist, daß sie es nicht
    lassen kann, „Großwardein“ sind nur einige zufällig herausgegriffene
    Beispiele.

          Dergestalt ist das Material, aus dem die große Masse ihr Be-
    dürfnis, geistreich zu scheinen, befriedigt. Der Ladenschwengel, der ein
    besseres Gespräch eröffnen möchte, fragt seine Dame mit großer
    Grazie und Wichtigkeit, ob sie denn gerade über die „Unsterblichkeit
    der Maikäfer“ nachdenke. Mit Hilfe des „kleinen Kohn“ und des
    „Servus Brezina“ setzt er das siegreich begonnene Gespräch fort,
    er sucht einen „Stuhl für seine Hulda“ und landet dann glücklich
    mit der „kleinen Witwe“ im Chambre separée. Er braucht nicht
    lange nachzudenken, er arbeitet mit Schlagworten. Er ist auch sicher,
    das nötige Verständnis zu finden, den neutralen Boden, auf dem
    sich dann ihre schönen Seelen begegnen können. Betonen möchte ich
    noch einmal, daß manche Schlagworte, besonders die sozialen und
    individuellen, geradezu mit suggestiver Kraft wirken. Sie enthalten

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    eine kurze Suggestion, gegen die alle Logik vergebens ankämpft.
    Auf diese Weise erklärt sich die rasche Verbreitung solcher Schlag-
    worte, die geradezu mit kontagiöser Kraft ganze Massen erobern
    können. Das wären so meine Anregungen zu unserem heutigen
    Thema, sagen wir über den „Kleinen Kohn“, den wir als auffallenden
    Typus zum Repräsentanten der ganzen Gattung ernennen wollen.“

          Der Sozialist: „Ich bin nicht mit allen Ausführungen meines
    Vorredners einverstanden. Vor allem glaube ich, daß wir die Macht
    der Suggestion bedeutend überschätzen. Eines ist richtig: Viele
    Refrains und speziell der „Kleine Kohn“ appellieren an gewisse
    soziale Regungen, deren alle Menschen im geringeren, stärkeren
    Grade teilhaftig sind. Wir können dies Thema nicht erschöpfen,
    wenn wir es nicht vom Standpunkte der Massen-Psychologie aus
    betrachten. Ich halte alle Refrains für Wunscherfüllungen, die eigent-
    lich in ihrer Kürze das gesamte Wunschgebiet des Volkes zum Aus-
    drucke bringen“.

          Der Bequeme: „Warum haben so viele Refrains die Form
    einer Frage? „Haben Sie nicht den kleinen Kohn geseh’n?“ —
    Liegt nicht in dieser Frage ein Teil ihrer Kraft?“

          Der Unruhige: „In diesem Falle ist die Frage nur eine Form
    der Charakteristik. Viele „Kleine Kohns“ haben eben die Eigen-
    tümlichkeit, in Frageform zu sprechen. Dann gestattet eine Frage
    tausend Deutungen, tausend Antworten; sie kann leichter Humor
    auslösen“.

          Der Bequeme: „Mir fällt ferner beim Refrain des „Kleinen
    Kohns“ die Plastik dieses Ausdruckes auf. Setzen wir einen anderen
    Namen an die Stelle von Kohn und die ganze Plastik verschwindet.
    Liegt das nicht an der Alliteration?

          Professor Benedikt hat einmal von einem Ladungs- und
    Entladungsbedürfnis der Menschen gesprochen. Wir müssen uns mit
    Reizen laden, wir müssen aber auch diese Reize von Zeit zu Zeit
    entladen. Diese Refrains wirken meiner Ansicht nach als wohltätige
    Entladungen innerer Spannungen. Sie sind eine Ablenkung von
    größeren, uns bedrückenden Angelegenheiten. Panem et circenses!
    Die Refrains sind die Spiele der Völker“.

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          Der Gemäßigte: „Ein Beitrag zur Erklärung der stumpf-
    sinnigen Refrains! Ich halte sie für die Reaktion unseres Intellektes
    gegen den übermäßigen Gebrauch unseres Geistes. Der Durchschnitts-
    mensch denkt so: Jetzt haben wir schon so lange gescheit sein müssen,
    warum sollen wir nicht einmal einen Blödsinn machen? Die Mensch-
    heit hat von Zeit zu Zeit ein ungeheures Bedürfnis nach Blödsinn.
    Ulk und Unsinn sind Ruhepausen unseres ermüdeten Gehirnes; sie
    steigern durch ihre humoristische Kraft unsere Lebensfreude. Wenn
    ich mir erlauben darf, Kleines mit Großem zu vergleichen, so hat
    uns die Musikgeschichte der letzten Jahre ein lehrreiches Beispiel
    gegeben. Die Humperdincksche Oper „Hänsel und Gretel“ war die
    Reaktion unserer Gehörnerven und unserer Psyche gegen die er-
    müdenden Götterdramen Wagner’s, gegen die grausamen, bluttriefen-
    den italienischen Opern“.
          Der Unruhige: „Das scheint mir eine sehr wichtige Bemerkung
    zu sein. Das Volk hat einen dumpfen Groll gegen seine Klassiker,
    die es ehren muß, ohne sie verstehen zu können. Am schönsten ist
    das in einem Wiener Liede zum Ausdruck gekommen. Das naive
    Bekenntnis ist geradezu rührend. „Das hat ka Goethe g’schrieben,
    das hat ka Schiller dicht, ’s is von kan Klassiker, von kan Genie,
    so spricht ein Weanerherz zu einer Weanerin und ’s klingt doch
    voller Poesie“. Dieses doch erscheint wie eine Kriegserklärung des
    Volkes gegen die Klassiker. Wir brauchen Euch nicht, laßt uns
    in Ruhe. Wir haben unsere eigene Poesie!“
          Der Schriftsteller: „Die Masse verhält sich immer wie ein
    Kind. Wollen wir die Wirkung der populären Refrains auf die
    Volksseele begreifen, so müssen wir das Kind beobachten. Was
    gefällt einem Kinde, was mißfällt ihm? Da ist es merkwürdig, daß
    es gewisse Worte gibt, die dem Kinde außerordentlich gefallen und
    es zum Lachen reizen. Manche Melodien lernt es spielend, während
    es sich gegen andere ablehnend verhält. Wiederholt ist es nur der Wort-
    klang, an dem sich die Kinder ergötzen. Zum Beispiel „Storch, Storch,
    Steiner“ oder Wackelgänschen mit dem Wickelschwänzchen“ 2c. Das
    Kinderlied gibt uns die besten Anhaltspunkte zum Verständnis der
    Popularität, welche gewisse Refrains erlangen“.

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          Der Meister. „Wir sind bisher an der Oberfläche des Problems
    haften geblieben; wir haben vielleicht den Rahmen unserer Be-
    sprechungen zu weit gedehnt. Wäre es nicht besser gewesen, wir
    wären beim „Kleinen Kohn“ geblieben und hätten diesen bis auf
    seine tiefsten Tiefen erschöpft? Einzelnes haben wir ja gelernt. Der
    soziale Charakter des kleinen Kohn, der Hintergrund, von dem er
    sich abhebt, die Schichte unbewußter und bewußter sozialer Gefühle
    sind wichtige Momente zur Psychologie aller Refrains. Aber weit
    wichtiger halte ich die Bemerkungen, daß wir auf das Kinderleben
    zurückgreifen müssen. Die Masse verhält sich immer wie ein Kind.
    Sie kennen ja den treffenden Schiller’schen Ausspruch, daß eine
    Gruppe von vernünftigen Menschen in Summe einen Dummkopf
    ausmachen könne. Es ist in Wahrheit leichter, mehrere gescheite
    Menschen zu einer Torheit, als zu einer großen vernünftigen Tat
    zu begeistern.

          Alle diese Refrains haben einen infantilen Charakter und ihre
    Wirkung ist eine infantile. Nicht genug energisch kann ich mich
    gegen den Mißbrauch wenden, der heutzutage mit dem Worte Sug-
    gestion getrieben wird. Was ist denn Suggestion? Wissen wir denn,
    wie die Suggestion wirkt? Sie werden mir zugeben, daß ich mich
    mit diesen Fragen intensiv beschäftigt habe. Ich habe die berühmtesten
    Meister der Suggestion aufgesucht, aber keiner hat mir eine Antwort
    auf diese Frage bieten können.

    „Christophorus trug den Christus
    Christus trug die ganze Welt,
    Sag’, wo hat dann Christophorus,
    Seinen Fuß gestellt?“

          Ein Rätsel wird nicht erklärt, wenn wir ein zweites Rätsel
    an seine Stelle setzen.

          Wie wirken die Refrains? Welches Inhaltsmoment ruft ihre
    Wirkungen hervor? Das bringt uns zu einer viel bedeutsameren Frage:
    Wie gewinnt man Lust aus intellektuellen Vorgängen, aus geistiger
    Arbeit? Einer meiner Vorredner hatte recht, von der Denkfaulheit
    der Masse zu reden. Er hatte recht und doch unrecht. Wir sind alle

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    denkfaul. Wir denken nur, weil wir denken müssen. Ursprünglich ist
    das Denken das Mittel, um das Leben zu fristen. Eine Waffe im
    Kampfe ums Dasein. Nachher ergibt es sich, daß diese Lebens-
    arbeit an und für sich mit Lustgefühlen verbunden ist. Bleiben wir
    beim „Kleinen Kohn“. Warum weckt die Vorstellung des „Kleinen
    Kohn“ Lustgefühle in uns?“

          Der Bequeme: „Der „Kleine Kohn“ ist nur ein Symbol, da-
    hinter steckt viel mehr. Spott über die ganze Macht des Groß-
    kapitals, der gerechtfertigte und ungerechtfertigte Haß gegen die
    Unterdrückung von Seite der Stärkeren.“

          Der Meister: „Warum aber dann der „Kleine Kohn“, dieses
    unscheinbare, harmlose Wörtchen?“

          Der Unruhige: „Damit es weniger Anstoß erregen kann, damit
    es leichter Verbreitung finden kann“.

          Der Meister: „Sehen Sie, jetzt sind wir nahe an der Lösung.
    Der „Kleine Kohn“ ist nur eine Maske; dieses unbestimmbare,
    harmlose Wort ist am besten prädestiniert, die unterdrückten Gedanken
    zu repräsentieren. Es handelt sich um einen Vorgang von geistiger
    Verschiebung, wie wir ihn in unseren Traumgestalten häufig be-
    merken können. Würde das Lied anders heißen, es würde Anstoß
    erregen können. Es könnte nicht öffentlich gesungen werden. Eine
    Opposition wäre immer vorhanden. Aber in dieser Form kann sich
    keiner beleidigt fühlen und jeder kann hineinlegen und hineindeuten,
    was er will.“

          Der Gemäßigte: „Das führt uns auf das Kind zurück. Ich
    habe die Bemerkung gemacht, daß die Kinder lieber mit einem
    Stück Holz spielen als mit der schönsten Puppe. Das Holz können
    sie verschieden drapieren, es kann heute Amme, morgen Stuben-
    mädchen, übermorgen eine Prinzessin sein. Die gekleidete Puppe
    bleibt immer dieselbe Dame. Das Holz ist aber ein williger Re-
    präsentant seiner Phantasie“.

          Der Meister: „Der „Kleine Kohn“ ist also auch so ein Stückchen
    Holz, das sich mit verschiedenen geistigen Drapierungen bequem
    anfassen läßt. Unsere unbewußten Gedanken unterstehen der Macht
    einer Zensur, die sie erst verändert, bevor sie sie in das Reich des

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    Bewußten eintreten läßt. Der „Kleine Kohn“ ist eben so eine Verschiebung
    schwerwiegender Gefühle und verdankt seine scheinbar harmlose Form
    der Zensur der unbewußten Volksseele. Ein populäres Lied hat die
    Kritik der Zensur glücklich überstanden. Ähnlich ist ja das „Servus
    Brezina“ gestaltet. Es beleidigt nicht, es greift nicht an; es ist
    gemütlich, scheinbar harmlos. Dabei ist es doch charakteristisch für
    die harte tschechische Sprache und das Produkt einer geistigen Ver-
    schiebung. Hinter diesem unscheinbaren Brezina schlummern die Zorn-
    gefühle gegen die Halsstarrigkeit der Tschechen, die ganz Österreich
    in Verwirrung bringen. Jetzt sehen wir etwas klarer. Ein populärer
    Refrain muß also die Zensur der Volksseele passiert haben, er muß
    einen kindlichen Charakter haben, er muß dehnbar und scheinbar
    harmlos sein. Er muß die Macht von unterdrückten Gefühlen in
    sich tragen.

          Wie steht es aber mit den anscheinend unsinnigen Refrains?
    Worin besteht das Geheimnis ihres Erfolges?“

          Der Bequeme: „Die am tiefsten stehenden Menschen, die
    Patagonier, haben noch das Bedürfnis, im Chor zu singen und
    dabei zu tanzen. Bei allen wilden Völkern zeigt sich dasselbe Bedürfnis.
    Alle singen im Chore und stoßen oft unverständliche, unsinnige Laute
    dabei aus. Sind diese erwähnten Refrains nicht eine Überlieferung
    der ererbten, uralten Volksgebräuche? Sozusagen ethnographische
    Rudimente? Ein geistreicher Refrain wäre ja gar nicht geeignet, im
    Chore gesungen zu werden. Der Blödsinn schlägt die Brücke von
    Mensch zu Mensch“.

          Der Unruhige: „Das Geheimnis der unsinnigen Refrains
    besteht in der Konstruktion ihrer Melodien; sie sind einfach und
    packend, was man im Volksmund „Ein Schlager“ nennt. Sie sind
    einer originellen Harmonisierung unfähig, sie haben einen merk-
    würdig einfachen Rhythmus. Eine der wichtigsten Triebfedern des
    menschlichen Lebens ist der Rhythmus. Das Herz schlägt rhythmisch,
    die Zelle zieht sich rhythmisch zusammen; alle unsere Funk-
    tionen, Hunger, Durst und Liebe, Schlaf und Arbeit haben rhyth-
    mischen Charakter. Eine populäre Melodie muß einfach sein. Sie
    muß den Urrhythmen der Menschheit, vielleicht sogar gewissen

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    Rhythmen unseres Körpers entsprechen. Sie muß Saiten in uns
    zum Tönen bringen. Wenn ich vor ein Klavier hintrete, den Dämpfer
    hebe und einen Ton singe, so tönen immer einige Saiten mit. Das
    Geheimnis der Popularität einer Melodie liegt eben darin, daß sie
    sich einem geheimen Lebens- und Körperrhythmus anpaßt, daß sie
    die Obertöne unserer Psyche zum Mitschwingen bringt. Die Worte
    sind nur Füllmaterial und Nebensache. Manchmal werden diese
    Melodien mit Tralala und Tatata ausgefüllt. Bedeutende Komponisten
    werden nur jene Menschen, welche diese Urrhythmen mit feinem Ge-
    fühle aus ihrem Innern herausheben und sie der Menschheit über-
    liefern. Aber noch deutlicher manifestiert sich der Typus dieser
    Urrhythmen in den Volksliedern, welche ihre Entstehung den
    unbewußten Regungen der Volksseele verdanken“.
          Der Meister: „Es scheint mir unmöglich, aus der Musik heraus
    intellektuelle Vorgänge zu deuten. Die Musik ist die dunkelste und
    geheimnisvollste aller Künste. Wir müssen den umgekehrten Weg
    gehen und die Macht der Musik aus dem Intellekte heraus zu
    erklären suchen.
          Es ist spät geworden. Wir haben heute lange geplaudert. Aber
    wir haben ein großes Resultat erzielt: Wir verstehen den „Kleinen
    Kohn“ — und das will viel heißen“.

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