[Die Entstehung der griechischen Tragödie] 1919-507/1919

Reik, Theodor (1919-507/1919): [Die Entstehung der griechischen Tragödie]

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    Anknüpfend an die Hypothesenüber die Entstehung der griechi-
    schen Tragödie, die Farnell, Harrison und Nilsson aufgestellt
    haben, und unter Ablehnung der astralmytholomythogischen Theorien von
    Fries und Preuss, geht der Vortragende, der in Erscheinungen
    des religiösen Lebens (das Griechische Drama hat religiösen
    Ursprung) Spiegelungen sozialer Verhältnisse erblickt, von der
    Betrachtung der bei fast allen wilden Völkerschaften beobachte-
    ten Pubertätsriten aus, zwischen denen und der Situation der
    ältesten griechischen Tragödie bereits früher von psychoanalyti-ti-
    scher Seite eine Aehnlichkeit festgestellt wurde. Mit denn Pu-
    bertätsriten, bei denen Tod und Wiedergeburt des Kandidaten in
    mimischer Weise dargestellt werden (sie symbolisieren die ge-
    sellschaftliche Ablösung des Kandidaten von seiner Mutter und
    seine Aufnahme als vollgültiges Mitglied in die Stammesgemein-
    schaft), wird der Dithyrambus, aus dem Aristoteles den Ursprung
    der Tragödie teilweise herleitet, in Verbindung gebracht; der
    Dithyrambus, der Sang von der Geburt des Dionysos, erweist sich
    auch als Pubertätszerimonie, als Chorgesang-und Tanz, der von
    eingeweihten jungen Männern im Frühling ausgeführt wird, Um auf
    magische Weise die Wiedererneuerung alles Lebens und damit auch
    die Wiedergeburt des Kandidaten zu bewirken. Aus der primitiven
    Gruppe, dem " thiasos ", und ihrem Anführer entwickelt sich einer-
    seits die gläubige Gemeinde, der Chor der Tragödie, anderseits
    der Dämon, der Gott, der Priester, der Schauspieler. Das Schick-
    sal des Gottes ist eigentlich das projizierte Schicksal seiner
    Verehrer, die Tod und Wiedergeburt erlietten haben. Die Leiden
    des Gottes, des Sonnenheros und Jahreshelden, in dem der perio-
    dische Ablauf des Jahres Verkörperung findet, werden später die
    Leiden des Gläubigen in den Mysterien und des Helden in der
    Tragödie. Die Identität erklärt sich aus der hinter allen Formen
    ruhenden Grundbedeutung, der Entwicklung des infantilen Liebes-
    lebens im Sinne des Oedipuskomplexes", vom Primitiven im Bilde

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    des Todes und der Wiedergeburt geschaut.
                  Im Besonderen geht dieübertroffen und von den wenigsten erreicht attische Tragödie, deren Höhe
    von keinem Volk der Erde erreicht wurde, teils auf den Kult
    des Dionysos, eines Vegetationsgottes thrakischer Herkunft, teils
    auf die Totenklage im Heroenkult zurück. Dionysos Eleuthereus
    ist der mit einem schwarzen Ziegenfell bekleidete Gott, der die
    Hauptperson eines alten  vtrako-griechischen Maskenspieles gewesen
    zu sein scheint, indem der schwarze Gott, der Winter, den blon-
    del, den Frühling oder Sommer, tötet. In diesem Winterspiel, das
    mannigfache, auch zeitliche Veränderungen erfuhr, ist möglicher-
    weise die Keimzelle der griechischen Tragödie zu erblicken. Ein
    noch heute in Thrazien gefeierter ländlich-derber Karneval
    weist überraschende Beziehungen zum alten dionysischen Brauch
    auf. Der typische Mythus vom Jahreshelden lebt aber nicht nur
    im modernen Karneval, sondern auch in der attischen Tragödie
    fort, der er die rituelle Form verleiht, in der der Inhalt dem
    Heroenkult, der Homerischen Sage im weiteren Sinn, entnommen ist.
    Die im Drama fast stets wiederkehrenden Bestandteile dieses
    Mythus sind: Ein Agon oder Kampf, der Tod des Helden, die Erzäh-
    lung des Boten, die Totenklage, die Wiedererkennung des getö-
    teten Helden und seine Auferstehung. Bei Aeschylos trift das
    kultische Element noch stark hervor, Sophokles ist bereits ver-
    weltlicht, Euripides geht auf diesem Wege weiter, wenn auch da-
    neben die rituelle Form wieder stärker zur Geltung kommt. Die
    zwiespältige Kunstform der Tragödie, die gesprochenen Dialog-
    verse in einer ionisierenden Sprache, die an die dorische Chor-
    lyrik anklingenden Chorlieder, leiten sich aus dem Nebeneinander
    von epischen und lyrischen Partien in der Totenklage ab. Der
    Totenklage im Heroenkult verdankt die Tragödie nicht nur die
    äussere Form, sondern auch den Reichtum des Stoffes. Die wech-
    selseitige Verschmelzung zwischen Dionysos = und Heroenkult wur-
    de durch den gemeinsamen Grundcharakter beider erleichtert. Die
    Perserkriege die den nationalen Grössenkomplex der Griechen in

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    so hohem Masse befriedigten, haben nicht minder ihren Anteil
    an der Entwicklung der Tragödie wie die Mysterienreligion, de-
    ren Hauptgegensätze Schuld und Sühne, Leben und Tod, die Tragö-
    die anschaulich machte. Von dem in unbewussten grausamen und
    ingestuösen Wünschen wurzelnden Schuldgefühl führt der Weg zur
    Erklärung der "tragischen Schuld" und der Aristotelischen "Ka-
    tharsis". Auch die in der älteren Tragödie stets zutagetretende
    Scheu vor der Hybris, der Ueberhebung gehört hiehern. Der letzte
    Impuls derfür Tragödie erlischt um die Wende unserer Zeit-rechnung,
    im 8ten Jahrhundert v.Chr. findenbegegnet wir dendie ersten Vorläufern des
    mittelalterlichen Dramas. In einem Rückblick weist der Vortra-
    gende auf die grosse Bedeutung des den Begriff der Entwicklung
    symbolisierenden Bildes des Todes und der Wiedergeburt hin, von
    dem sich selbst ein Plato, als er die Erziehung der Seele zum
    Göttlichen schildert, nicht frei machen kann. Für den schaffen-
    den Menschengeist, der im kultische Starrheit zu versinken droh-
    te, bedeutete diedie Geburt der alttischen Tragödie eine Wiedergeburt.