S.
Die Nausikaaepisode in der Odyssee.
-------------------------------------
1
Einem Fingerzeig von C. Fries ("Das Zagmukfest auf
Scheria und der Ursprung des Dramas", Mitt. der Vorderasiat. Ge-
sellschaft, 1910) folgend, der in Nausikaa die Mutter des Hel-
den (Odysseus) zu entdecken glaubt, versucht der Vortragende,
eine wesentliche Uebereinstimmung der einzelnen Stücke der
Nausikaaepisode mit dem von Rank in den zwei Abhandlungen über
den "Mythos von der Geburt des Helden" und "die Lohengrinsage"
aufgestellten Schema der uralten, weitverbreiteten mythischen
Erzählung von der wunderbaren Geburt und dem ruhmvollen Leben
des Helden nachzuweisen; als ein Ast dieses Sagenstammes ist
auch die bekannte Schwanrittersage zu betrachten. Die drei
Hauptbestandteile des Mythus: geheimnisvolle Ankunft, Heirat
und Abfahrt des Helden, finden ihre Entsprechungen - teils
symbolisch ausgedrückt, teils in einer scheinbar nicht zur
episode
Haupthandlung gehörigen Nebenperiodebehandelt - im Schiffbruch
des Odysseus, der ihn ans Ufer der Phäakeninsel wirft, im Her-
austreten aus dem Gebüsch (Wiederholung des Motivs der Geburt),
in der Demodokoseinlage, die des Ares und der Aphrodite ver-
botene Lust besingt, und in der Abreise des Odysseus zu Schiff
als Schlafender, bevor er nach Ithaka gelangt. Dieser dem Tode
verglichene Schlaf versetzt den Helden wieder in den Zustand vor
der Geburt, er kehrt in den Mutterleib zurück, um in Ithaka,
seiner heimatlichen Insel, neugeboren zu werden. Verschiedene
bei Homer überlieferte Züge werden als Beleg für die inzestuöse
Natur der Beziehung zwischen Sohn und Mutter verwertet, das
mit dem Schau- und Zeigetrieb verknüpfte Motiv der Nacktheit
wird in Anlehnung an O. Rank ausführlich erörtert, die Euryalos-
episode als Sieg über den Vater gedeutet, wenn auch Euryalos
in der späteren Sage als Sohn des Odysseus erscheint. Auch hier
kehrt die zyklische Form des Mythus wieder, wie sie in derS.
- 2 -
Lohengrinsage beobachtet wurde. Die Frage nach der inneren Ge-
schlossenheit der Phäakenepisode wird vom Vortr. bejahend be-
antwortet, im Anschluss daran die Ansicht von Fries, daß dem
Mythos von Odysseus ein nicht mehr verstandener Ritus der Ein-
holung des Frühlingsgottes zugrundeliege, wiedergegeben, fer-
u
ner als eine Bestätigung für die Richtigkeit der Deutung der
Mythus von Gilgamesch herangezogen, für den P. Jensen in der
israelitischen Sage bis zur Jesussage und in der griechischen
Mythologie zahlreiche Parallelen aufzeigt.- Im Anhang wird die
Produktionshemmung, der Goethe bei seinem Nausikaafragment un-
terlag, mit dem inzestuösen Charakter der Neigung des Ulysses
(mit dem sich Goethe identifiziert) zu Nausikaa (die eine Mutter-
figur darstellt) in Zusammenhang gebracht.-W.
You are here
Die Nausikaaepisode in der Odysee
1919-510/1919
1919-510/1919