Freud, Sigmund (1898-001/1898.3): Die Sexualität in der Aetiologie der Neurosen ([II.] Fortsetzung)
S.
70 Wiener klinische Rundschau 1898. Nr. 5.
Die Sexualität in der Aetiologie der Neurosen.
Von Dr. Sigm. Freud.
(Fortsetzung.*)
Nur die sexuelle Aetiologie ermöglicht uns ferner das
Verständniss aller Einzelheiten der Krankengeschichten bei
Neurasthenikern, der räthselhaften Besserungen mitten im
Krankheitsverlaufe und der ebenso unbegreiflichen Verschlim-
merungen, die von Aerzten und Kranken dann gewöhnlich
mit der eingeschlagenen Therapie in Beziehung gebracht
werden. In meiner mehr als 200 Fälle umfassenden Sammlung
ist z. B. die Geschichte eines Mannes verzeichnet, der, nach-
dem ihm die hausärztliche Behandlung nichts genützt hatte,
zu Pfarrer Kneipp ging und von dieser Cur an ein Jahr
von ausserordentlicher Besserung mitten in seinen Leiden zu
verzeichnen hatte. Als aber ein Jahr später die Beschwerden
sich wieder verstärkten und er neuerdings Hilfe in Wöris-
hofen suchte, blieb der Erfolg dieser zweiten Cur aus. Ein
Blick in die Familienchronik dieses Patienten löst das zwei-
fache Räthsel auf: 6 1/2 Monate nach der ersten Rückkehr
aus Wörishofen wurde dem Kranken von seiner Frau ein
Kind geboren; er hatte sie also zu Beginn einer noch uner-
kannten Gravidität verlassen und durfte nach seiner Wieder-
kunft natürlichen Verkehr mit ihr pflegen. Als nach Ablauf
dieser für ihn heilsamen Zeit seine Neurose durch neuer-
lichen Coitus interruptus wieder angefacht war, musste sich
die zweite Cur erfolglos erweisen, da jene oben erwähnte
Gravidität die letzte blieb.Ein ähnlicher Fall, in dem gleichfalls eine unerwartete
Einwirkung der Therapie zu erklären war, gestaltete sich
noch lehrreicher, indem er eine räthselhafte Abwechslung in
den Symptomen der Neurose enthielt. Ein jugendlicher Ner-
vöser war von seinem Arzte in eine wohlgeleitete Wasser-
heilanstalt wegen typischer Neurasthenie geschickt worden.
Dort besserte sich sein Zustand anfänglich immer mehr, so
dass alle Aussicht vorhanden war, den Patienten als dank-
baren Anhänger der Hydrotherapie zu entlassen. Da trat in
der sechsten Woche ein Umschlag ein; der Kranke „vertrug
das Wasser nicht mehr“, wurde immer nervöser und verliess
endlich nach zwei weiteren Wochen ungeheilt und unzufrieden
die Anstalt. Als er sich bei mir über diesen Trug der
Therapie beklagte, erkundigte ich mich ein wenig nach den
Symptomen, die ihn mitten in der Cur befallen hatten. Merk-
würdigerweise hat sich darin ein Wandel vollzogen. Er war
mit Kopfdruck, Müdigkeit und Dyspepsie in die Anstalt*) Siehe „Wiener klinische Rundschau“ 1898, Nr. 2 und 4.
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gegangen; was ihn in der Behandlung gestört hatte, waren:
Aufgeregtheit, Anfälle von Beklemmung, Schwindel im Gehen
und Schlafstörung gewesen. Nun konnte ich dem Kranken
sagen: „Sie thun der Hydrotherapie Unrecht. Sie sind, wie
Sie selbst sehr wohl gewusst haben, in Folge von lange fort-
gesetzter Masturbation erkrankt. In der Anstalt haben Sie
diese Art der Befriedigung aufgegeben und sich darum rasch
erholt. Als Sie sich aber wohl fühlten, haben Sie unkluger-
weise Beziehungen zu einer Dame, nehmen wir an, einer Mit-
patientin gesucht, die nur zur Aufregung ohne normale Be-
friedigung führen konnten. Die schönen Spaziergänge in der
Nähe der Anstalt gaben Ihnen gute Gelegenheit dazu. An
diesem Verhältnisse sind Sie von Neuem erkrankt, nicht an
einer plötzlich aufgetretenen Intoleranz gegen die Hydro-
therapie. Aus Ihrem gegenwärtigen Befinden schliesse ich
übrigens, dass Sie dasselbe Verhältniss auch in der Stadt
fortsetzen.“ Ich kann versichern, dass der Kranke mich dann
Punkt für Punkt bestätigt hat.Die gegenwärtige Therapie der Neurasthenie, wie sie
wohl am günstigsten in den Wasserheilanstalten geübt wird,
setzt sich das Ziel, die Besserung des nervösen Zustandes
durch zwei Momente: Schonung und Stärkung des Patienten
zu erreichen. Ich wüsste nichts Anderes gegen diese Therapie
vorzubringen, als dass sie den sexuellen Bedingungen des
Falles keine Rechnung trägt. Nach meiner Erfahrung ist es
höchst wünschenswerth, dass die ärztlichen Leiter solcher
Anstalten sich genügend klar machen, dass sie es nicht mit
Opfern der Civilisation oder der Heredität, sondern — sit
venia verbo — mit Sexualitätskrüppeln zu thun haben. Sie
würden sich dann einerseits ihre Erfolge wie ihre Misserfolge
leichter erklären, andererseits aber neue Erfolge erzielen, die
bis jetzt dem Zufalle oder dem unbeeinflussten Verhalten des
Kranken anheimgegeben sind. Wenn man eine ängstlich-
neurasthenische Frau von ihrem Hause weg in die Wasser-
heilanstalt schickt, sie dort, aller Pflichten ledig, baden,
turnen und sich reichlich ernähren lässt, so wird man gewiss
geneigt sein, die oft glänzende Besserung, die so in einigen
Wochen oder Monaten erreicht wird, auf Rechnung der
Ruhe, welche die Kranke genossen hat, und der Stärkung,
die ihr die Hydrotherapie gebracht hat, zu setzen. Das mag
so sein; man übersieht aber dabei, dass mit der Entfernung
vom Hause für die Patientin auch eine Unterbrechung des
ehelichen Verkehres gegeben ist, und dass erst diese zeit-
weilige Ausschaltung der krankmachenden Ursache ihr die
Möglichkeit gibt, sich bei zweckmässiger Therapie zu erholen.
Die Vernachlässigung dieses ätiologischen Gesichtspunktes
rächt sich nachträglich, indem der scheinbar so befriedigende
Heilerfolg sich als sehr flüchtig erweist. Kurze Zeit, nachdem
der Patient in seine Lebensverhältnisse zurückgekehrt ist,
stellen sich die Symptome des Leidens wieder ein und
nöthigen ihn, entweder immer von Zeit zu Zeit einen Theil
seiner Existenz unproductiv in solchen Anstalten zu verbringen,
oder veranlassen ihn, seine Hoffnungen auf Heilung anders-
wohin zu richten. Es ist also klar, dass die therapeutischen
Aufgaben bei der Neurasthenie nicht in den Wasserheil-
anstalten, sondern innerhalb der Lebensverhältnisse der
Kranken in Angriff zu nehmen sind.Bei anderen Fällen kann unsere ätiologische Lehre dem
Anstaltsarzte Aufklärung über die Quelle von Misserfolgen
geben, die sich noch in der Anstalt selbst ereignen, und ihm
nahe legen, wie solche zu vermeiden sind. Die Masturbation
ist bei erwachsenen Mädchen und reifen Männern weit häu-
figer, als man anzunehmen pflegt, und wirkt als Schädlichkeit
nicht nur durch die Erzeugung der neurasthenischen Symptome,
sondern auch, indem sie die Kranken unter dem Drucke eines
als schändlich empfundenen Geheimnisses erhält. Der Arzt, der
nicht gewohnt ist, Neurasthenie in Masturbation zu übersetzen,
gibt sich für den Krankheitszustand Rechenschaft, indem er
sich auf ein Schlagwort, wie Anämie, Unterernährung, Ueber-
arbeitung etc. bezieht, und erwartet nun bei Anwendung derdagegen ausgearbeiteten Therapie die Heilung seines Kranken.
Zu seinem Erstaunen wechseln aber beim Kranken Zeiten von
Besserung mit anderen ab, in denen unter schwerer Ver-
stimmung alle Symptome sich verschlimmern. Der Ausgang
einer solchen Behandlung ist im Allgemeinen zweifelhaft.
Wüsste der Arzt, dass der Kranke die ganze Zeit über mit
seiner sexuellen Angewöhnung kämpft, dass er in Verzweif-
lung verfallen ist, weil er ihr wieder einmal unterliegen
musste, verstünde er, dem Kranken sein Geheimniss abzu-
nehmen, dessen Schwere in seinen Augen zu entwerthen, und
ihn bei seinem Abgewöhnungskampfe zu unterstützen, so würde
der Erfolg der therapeutischen Bemühung hiedurch wohl ge-
sichert.Die Abgewöhnung der Masturbation ist nur eine der
neuen therapeutischen Aufgaben, welche dem Arzte aus der Be-
rücksichtigung der sexuellen Aetiologie erwachsen, und diese
Aufgabe gerade scheint wie jede andere Abgewöhnung nur in
einer Krankenanstalt und unter beständiger Aufsicht des
Arztes lösbar. Sich selbst überlassen pflegt der Masturbant bei
jeder verstimmenden Einwirkung auf die ihm bequeme Be-
friedigung zurückzugreifen. Die ärztliche Behandlung kann
sich hier kein anderes Ziel stecken, als den wiedergekräf-
tigten Neurastheniker dem normalen Geschlechtsverkehre zu-
zuführen, denn das einmal geweckte und durch eine geraume
Zeit befriedigte Sexualbedürfniss lässt sich nicht mehr zum
Schweigen bringen, sondern bloss auf ein anderes Object ver-
schieben. Eine ganz analoge Bemerkung gilt übrigens auch
für alle anderen Abstinenzcuren, die so lange nur scheinbar
gelingen werden, so lange sich der Arzt damit begnügt, dem
Kranken das narkotische Mittel zu entziehen, ohne sich um
die Quelle zu kümmern, aus welcher das imperative Bedürfniss
nach einem solchen entspringt. „Gewöhnung“ ist eine blosse
Redensart, ohne aufklärenden Werth; nicht Jedermann, der
eine Zeit lang Morphin, Cocaïn, Chloralhydrat u. dgl. zu nehmen
Gelegenheit hat, erwirbt hiedurch die „Sucht“ nach diesen
Dingen. Genauere Untersuchung weist in der Regel nach,
dass diese Narcotica zum Ersatze — direct oder auf Um-
wegen — des mangelnden Sexualgenusses bestimmt sind, und
wo sich normales Sexualleben nicht mehr herstellen lässt, da
darf man den Rückfall des Entwöhnten mit Sicherheit er-
warten.Die andere Aufgabe wird dem Arzte durch die Aetiologie
der Angstneurose gestellt und besteht darin, den Kranken
zum Verlassen aller schädlichen Arten des Sexualverkehres
und zur Aufnahme normaler sexueller Beziehungen zu veran-
lassen. Wie begreiflich fällt diese Pflicht vor Allem dem ärzt-
lichen Vertrauensmanne des Kranken, dem Hausarzte, zu, der
seine Clienten schwer schädigt, wenn er sich zu vornehm
hält um in diese Sphäre einzugreifen.Da es sich hierbei zumeist um Ehepaare handelt, stösst
das Bemühen des Arztes alsbald mit den malthusianischen
Tendenzen, die Anzahl der Conceptionen in der Ehe einzu-
schränken, zusammen. Es scheint mir unzweifelhaft, dass
diese Vorsätze in unserem Mittelstande immer mehr an Aus-
breitung gewinnen; ich bin Ehepaaren begegnet, die schon
nach dem ersten Kinde die Verhütung der Conception durch-
zuführen begannen, und anderen, deren sexueller Verkehr von
der Hochzeitsnacht an diesem Vorsatze Rechnung tragen
wollte. Das Problem des Malthusianismus ist weitläufig und
complicirt; ich habe nicht die Absicht, es hier erschöpfend
zu behandeln, wie es für die Therapie der Neurosen eigent-
lich erforderlich wäre. Ich gedenke nur zu erörtern, welche
Stellung der Arzt, der die sexuelle Aetiologie der Neurosen
anerkennt, zu diesem Probleme am besten einnehmen kann.Das Verkehrteste ist es offenbar, wenn er dasselbe —
unter welchen Vorwänden immer — ignoriren will. Was
nothwendig ist, kann nicht unter meiner ärztlichen Würde
sein, und es ist nothwendig, einem Ehepaare, das an die Ein-
schränkung der Kinderzeugung denkt, mit ärztlichem RatheS.
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beizustehen, wenn man nicht einen Theil oder Beide der
Neurose aussetzen will. Es lässt sich nicht bestreiten, dass
malthusianische Vorkehrungen irgend einmal in einer Ehe zur
Nothwendigkeit werden, und theoretisch wäre es einer der
grössten Triumphe der Menschheit, eine der fühlbarsten Be-
freiungen vom Naturzwange, dem unser Geschlecht unter-
worfen ist, wenn es gelänge, den verantwortlichen Act der
Kindererzeugung zu einer willkürlichen und beabsichtigten
Handlung zu erheben, und ihm von der Verquickung mit der
nothwendigen Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses los-
zulösen.Der einsichtsvolle Arzt wird es also auf sich nehmen,
zu entscheiden, unter welchen Verhältnissen die Anwendung
von Maassregeln zur Verhütung der Conception gerecht-
fertigt ist, und wird die schädlichen unter diesen Hilfsmitteln
von den harmlosen zu sondern haben. Schädlich ist Alles,
was das Zustandekommen der Befriedigung hindert; bekannt-
lich besitzen wir aber derzeit kein Schutzmittel gegen die
Conception, welches allen berechtigten Anforderungen genügen
würde, d. h. sicher, bequem ist, der Lustempfindung beim
Coitus nicht Eintrag thut und das Feingefühl der Frau nicht
verletzt. Hier ist den Aerzten eine praktische Aufgabe ge-
stellt, an deren Lösung sie ihre Kräfte dankbringend setzen
können. Wer jene Lücke in unserer ärztlichen Technik
ausfüllt, der hat Unzähligen den Lebensgenuss erhalten und
die Gesundheit bewahrt, freilich dabei auch eine tief ein-
schneidende Veränderung in unseren gesellschaftlichen Zu-
ständen angebahnt.Hiermit sind die Anregungen nicht erschöpft, die aus der
Erkenntniss einer sexuellen Aetiologie der Neurosen fliessen.
Die Hauptleistung, die uns zu Gunsten der Neurastheniker
möglich ist, fällt in die Prophylaxis. Wenn die Masturbation
die Ursache der Neurasthenie in der Jugend ist und später-
hin durch die von ihr geschaffene Verminderung der Potenz
auch zur ätiologischen Bedeutung für die Angstneurose ge-
langt, so ist die Verhütung der Masturbation bei beiden Ge-
schlechtern eine Aufgabe, die mehr Beachtung verdient, als
sie bis jetzt gefunden hat. Ueberdenkt man alle die feineren
und gröberen Schädigungen, die von der angeblich immer mehr um
sich greifenden Neurasthenie ausgehen, so erkennt man geradezu
ein Volksinteresse darin, dass die Männer mit voller
Potenz in den Sexualverkehr eintreten. In Sachen
der Prophylaxis aber ist der Einzelne ziemlich ohnmächtig. Die
Gesammtheit muss ein Interesse an dem Gegenstande ge-
winnen und ihre Zustimmung zur Schöpfung von gemein-
giltigen Einrichtungen geben. Vorläufig sind wir von einem
solchen Zustande, der Abhilfe versprechen würde, noch weit
entfernt, und darum kann man mit Recht auch unsere Civili-
sation für die Verbreitung der Neurasthenie verantwortlich
machen. Es müsste sich Vieles ändern. Der Widerstand einer
Generation von Aerzten muss gebrochen werden, die sich
nicht mehr an ihre eigene Jugend erinnern können; der Hoch-
muth der Väter ist zu überwinden, die vor ihren Kindern
nicht gerne auf das Niveau der Menschlichkeit herabsteigen
wollen, die unverständige Verschämtheit der Mütter zu bekämpfen,
denen es jetzt regelmässig als unerforschliche, aber unver-
diente Schicksalsfügung erscheint, dass „gerade ihre Kinder
nervös geworden sind“. Vor Allem aber muss in der öffent-
lichen Meinung Raum geschaffen werden für die Discussion der
Probleme des Sexuallebens; man muss von diesen reden können,
ohne für einen Ruhestörer oder für einen Speculanten auf
niedrige Instincte erklärt zu werden. Und somit verbliebe
auch hier genügend Arbeit für ein nächstes Jahrhundert, in
dem unsere Civilisation es verstehen soll, sich mit den An-
sprüchen unserer Sexualität zu vertragen!(Fortsetzung folgt.)