Die »Wien« in Wien im Jahre 1908 1908-439/1909

N. N. (1908-439/1909): Die »Wien« in Wien im Jahre 1908

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    V. Die Wien im Wien im Jahre 1908.

    Als erfreuliches Moment des Jahres 1908 ist hervorzuheben, 
    daß unsere Vereinigung in diesem Jahre von schweren Schicksals 
    schlägen bewahrt wurde und daß wir, abgesehen vom Austritte 
    eines Bruders, uns aller Brüder zu erfreuen haben, die am 
    Beginne des Jahres uns angehörten.

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    Die Zahl der Brüder stellt sich mit Rücksicht auf acht 
    Neuaufnahmen und einen Austritt am Schlusse des Jahres 1908 
    auf 102.

    Die Installation der neuen Beamten fand am 7. Jänner 1908 
    durch Br. Expr. Prof. Dr. Ehrmann statt.

    Es wurden im Jahre 1908 15 Sitzungen abgehalten, 
    die durchschnittlich abgesehen von den Gästen, von rund 
    69 Brüdern besucht waren.

    Die ersten Sitzungen waren der im Jahre 1907 begonnenen 
    Diskussion über die Mittel zur Heranziehung der Jugend zu 
    unseren Zielen gewidmet, die außerordentlich viel Anregung 
    bot und über deren Verlauf dem Verbande Bericht erstattet wurde.

    An der Debatte beteiligten sich die Brüder Dr. Braun, 
    Regierungsrat Dr. Wilhelm Jerusalem, Dr. Bela Taussig, Simon 
    Frankl, Dr. Albert Kuhn, Dr. Knöpfmacher, der Präsident Prof. 
    Königstein, Ernst Lemberger, Leopold Spitzer, Dr. Spitz von 
    der „Eintracht“, Sos, Karl Klemperer, Prof. Dr. Ehrmann und 
    Dr. Poznansky von der „Union“.

    Auch die von Br. Dr. Pappenheim eingeleitete Diskussion 
    über Berufswahl und Schulreform vom Standpunkte der jüdischen 
    Interessen, die drei Sitzungen in Anspruch nahm, war eine 
    sehr anregende und brachte die verschiedenen Anschauungen der 
    Brüder über dieses interessante Thema zu beredtem Ausdrucke. 
    An der Debatte beteiligten sich die Brüder Dr. Pappenheim, 
    Simon Frankl, Prof. Dr. Ehrmann, Dr. Knöpfmacher, Regierungsrat 
    Dr. Jerusalem, Silberknopf.

    Vorträge und Referate in den Vereinssitzungen 
    wurden abgehalten von den Brüdern Markus Fischer über den 
    Beruf des Kaufmannes vom Gesichtspunkte der B’nai B’rith; 
    Dr. Bela Taussig über den von den Berliner B’nai B’rith 
    Logen gegründeten Arbeitsnachweis und die sich daran an 
    schließenden Wohlfahrtseinrichtungen;

    Baurat Stiassny über die am 22. September in Berlin statt 
    gefundene jüdische Notabeln-Versammlung; 
    Karl Klemperer über Bernstein’s Werk „Jüdische Sprich 
    wörter und Redensarten“; 
    Prof. Dr. Freud über Kindertaufen.

    Sämtliche Vorträge fanden zahlreichen Besuch und wohl 
    verdienten Beifall.

    Überdies wurden von Bruder Pelkom und Presch von der 
    Loge Jeruscholajim Vorträge über die jüdischen Ackerbauschulen 
    sowie über die Lämelschule in Jerusalem gehalten.

    Gemeinsame Zusammenkünfte mit der „Eintracht“ fanden 
    heuer mit Rücksicht auf die sehr langen Sommer vom 5. Mai bis 
    6. Oktober während Ferien nur drei statt, in denen Vorträge 
    abgehalten wurden, und zwar von Br. Prof. Königstein über das 
    Thema „Wetter“;

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    Prof. Dr. Wilhelm Jerusalem über Baruch Spinoza und das 
    Judentum und 
    Dr. Ignaz Ziegler aus Karlsbad über den Großen Unbe 
    kannten unter den Propheten.

    Diese Vorträge boten uns und unseren Familienangehörigen 
    geistigen Genüsse im wahrsten Sinne des Wortes und gebührt 
    den Vortragenden unser aufrichtigster Dank.

    Wir hatten auch den Genuß, den bedeutendsten jüdischen 
    Dichter der Gegenwart Morris Rosenfeld in unseren Räumen 
    zu begrüßen, und es bleibt wohl jedem von uns, der dabei war, 
    der Eindruck ein unvergeßlicher.

    Anerkennend muß auch noch erwähnt werden, daß uns 
    Br. Isidor Popper zur Besichtigung der neuen Wiener Handels 
    akademie einlud. Zahlreiche Brüder der „Wien“ und „Eintracht“ 
    leisteten dieser Einladung Folge und hatten unter Führung des 
    Bruders Popper Gelegenheit, diese großartige Anstalt zu be 
    wundern.

    Wir haben in den letzten Sitzungen über Anregung des 
    Regierungsrates Br. Dr. Jerusalem die Frage der Errichtung 
    eines jüdischen Studentenheims ins Auge gefaßt und wurde zur 
    Beratung und Erstattung entsprechender Vorschläge ein Komitee 
    bestellt, das darüber ehestens berichten wird.

    Auch die Frage der Schaffung eines Statuten für den 
    Rosenfeldfonds wurde nach einem Referate des Br. Max Fleischer 
    einem eigenen Komitee zugewiesen und dürfte in kurzer Zeit 
    zur befriedigenden Erledigung kommen.

    An den Familienereignissen unserer Brüder haben wir 
    regen Anteil genommen und es sei auch mit Befriedigung kon 
    statiert, daß wir in diesem Jahre eine große Anzahl unserer Brüder 
    zu den ihnen von Sr. Majestät verliehenen hohen Auszeichnungen 
    beglückwünschen konnten.

    Das Verhältnis zu unserer Wiener Schwestervereinigung 
    „Eintracht“ war das herzlichste und denkbar beste.

    Ebenso waren unsere Beziehungen zum s. v. Verbande, 
    der heuer ebenfalls seinen Verbandstag in Wien abhielt, voll 
    ständig ungetrübt.

    Die im vergangenen Jahre abgehaltenen Diskussionen, ins 
    besondere die Debatte über die Gründung eines jüdischen 
    Studentenheims, sowie über die Schaffung eines Statuts für 
    den Rosenfeldfonds haben bewiesen, daß die Brüder noch immer 
    als wahre B’nai B’rith, wo es sich um eine große humanitäre 
    Idee handelt, Eifer und Begeisterung zeigen und geradezu das 
    Bedürfnis fühlen, im Interesse der Humanität und des Juden 
    tums zu wirken.

    Möge das beginnende Jahr diesem Streben genügenden 
    Wirkungskreis bieten und neue Schöpfungen der B’nai B’rith zu 
    Tage fördern.