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Verhandlungen wissenschaftlicher Vereine.
Wiener medicinisches Doctorencollegium.
Sitzung vom 4. November 1895.
(Originalbericht der Wiener klinischen Rundschau.)
Discussion über den Vortrag des Herrn Doc. Dr. Freud.
Mittler hätte eine präcisere Definition des Begriffes der Hysterie gewünscht. Auch die gedankenreichen Ausführungen des Vortragenden ermöglichen noch nicht, stricte auseinanderzusetzen, was Hysterie sei. Unmöglich sei es ferner, die Hysterie auf eine einzige Ursache, ein sexuelles Ereigniss, zurückzuführen. Gewiss sei dieser eventuellen Ursache bei der Untersuchung zu gedenken. Den hohen Werth, welchen die Alten bei der Genesis der Hysterie dem Sexual- system beilegten, beweise schon der Name Hysterie. Aber erst auf dem Umwege über Schreck, Furcht, Angst und ähnliche Affecte gelänge es der Hysterie, Wurzel zu fassen, und die gleichen psychischen Bahnen kämen auch anderen als sexuellen Vor- stellungen zu.
Grossmann: Obgleich der Begriff der Hysterie im Laufe der letzten Jahre an Klarheit sehr gewonnen hat, ist in der Praxis die Differentialdiagnose noch immer schwierig. Die Anhalts- punkte, die aus Freud’s Untersuchungen gewonnen werden, sind wohl zu beachten. Die Beobachtung der hysterischen Kehlkopf- erkrankungen liefert uns einen weiteren Beitrag zur Differential- diagnose. An eine Anästhesie der Conjunctiva, der Zunge, der Nasen- oder Rachenschleimhaut schliesst sich eine halbseitige Unempfindlich- keit der Kehlkopfschleimhaut an. Hysterischer Husten, Erstickungs- erscheinungen sind in der Literatur über Hysterie öfters beschrieben. Die hysterischen Mobilitätskrankheiten des Kehlkopfes zerfallen in zwei Gruppen. Die einen spielen sich im Gebiete des Nervus laryngeus recurrens ab, die anderen in dem des Nervus laryngeus superior. Tritt die Hysterie bei der erstgenannten, weit häufigeren Gruppe in Form einer Parese auf, so findet man durch die Unter- suchung mit dem Kehlkopfspiegel die Glottis weit klaffend, die
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Stimmbänder und ihre Umgebung von normalem Aussehen. Bei tiefer Inspiration gehen die Stimmbänder auseinander, bei der Phonation sieht man immer noch einen klaffenden Spalt. Die Patienten sprechen mit heiserer Stimme. Eine solche hysterische Parese geht nie in eine Paralyse über. Unvermittelt schwindet die Heiserkeit und kehrt plötzlich wieder. Bei einer Patientin, die in der Hypnose von ihrem Leiden befreit wurde, stellte sich auf einen unfreundlichen Gruss oder eine sonstige Emotion die Heiserkeit wieder ein, liess sich aber durch strengen Befehl sofort beseitigen. Noch ein zweites Merkmal ist für die hysterische Parese cha- rakteristisch: sie tritt stets doppelseitig auf. Unilaterale Stimmband- parese beruht selbst bei einer evident hysterischen Person auf einer anderen als hysterischen Grundlage. Ein 42 jähriges Fräulein, seit Jahrzehnten bei allen Nervenärzten Wiens wegen Hysterie in Behandlung, erkrankte in jüngster Zeit an Heiserkeit und Schling- beschwerden. Sie könne wohl alles schlingen, fühle aber dabei eine Kugel auf- und absteigen. Man musste an Globus hystericus denken. Der Kehlkopfbefund lautete: linkes Stimmband in seiner Motilität erhalten, rechtes paretisch. Da bei der Patientin ausser der Hysterie keine Ursache für die Parese auffindbar war, musste man einen Ausnahmefall von hysterischer Stimmbandlähmung annehmen. Im weiteren Verlaufe wurde das stark beeinträchtigte Stimmband paralytisch. Der andere, früher angeführte Erfahrungssatz schien also gleichfalls durchbrochen. Auf einmal wurde das paralytische Stimmband roth, uneben, plump, und diese Erscheinungen klärten den Fall: ein Oesophaguscarcinom hatte auf das Stimmband über- gegriffen. Durch die Untersuchung mit der Schlundsonde liess sich diese Diagnose bestätigen.
Eine zweite Form der hysterischen Motilitätsstörung stellt sich folgendermassen dar: die Stimmbänder gehen bei der Inspira- tion weit auseinander, bei der Phonation schliessen sie überaus fest zusammen. Trotz dieser Hypermotilität ist der Patient voll- ständig aphonisch, haucht nur leise, während die Patienten mit hysterischer Stimmbandparese heiser sprechen können. Zudem leiden sie immer an Schlingbeschwerden und müssen, wie sie sagen, sorgfältig darauf achten, sich nicht zu verschlucken. Durch eine Reihe von experimentellen Arbeiten, die nächstens bekannt gegeben werden sollen, gelang es, dieser räthselhaften Erkrankung näher zu kommen.
Breuer erklärt die Lehre von der Verdrängung sowie von dem Einfluss der Unlust auf die Verdrängung als Freud’s eigene Arbeit, an der er keinen Theil habe. Er kenne einen grossen Theil der Fälle Freud’s und habe die Entwicklung der Lehre nicht ohne Widerspruch miterlebt. Heute freilich sei er Anhänger von Freud’s Lehren. So sei er in der Lage, eine Reihe von möglichen Einwänden zu entkräften. Wer, wie er, Freud’s Hypothese im Laufe der Zeit und der Thatsachen sich langsam entwickeln sah, müsse den Vorwurf einer aprioristischen Con- struction zurückweisen. Wer es erfahren habe, wie schwer sich Hysterische ein Bekenntniss abringen liessen, werde nicht zugeben können, sie liessen sich andererseits eine schuldvolle Erinnerung aufdrängen. Bezüglich einer eventuellen Ueberschätzung des ge- schlechtlichen Momentes beim Aufbau der Hysterie möchte er glauben, dass Freud nicht jedes hysterische Symptom der Sexualsphäre zur Last lege, dass seine Behauptungen viel- mehr dahin gingen, die Wurzeln der Hysterie stiegen aus dieser Sphäre auf.
Wenn ein junges Mädchen zur Behandlung komme, das über Müdigkeit, Erschöpfung, Parästhesien klage, spreche man kurz von der Anämie junger Mädchen, verordne Eisen, ohne nach sexuellen Vorgängen zu fragen. Man kenne den starken sexuellen Untergrund im Leben des Jünglings, würdige ihn auch in der Medicin. Das sexuelle Leben des Mädchen und Weibes sei un- bekannt und deshalb glaube man nicht an sein Vorhandensein. Freud’s Verdienst sei es, dieses dunkle Gebiet theilweise erhellt zu haben und auf seinem Wege zur Untersuchung der Hysterie lerne man Erscheinungen kennen, an denen man sonst achtlos vorübergehe. A—r.
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