Freud, Sigmund (1914-413/1914.01): [Diskussionsbemerkungen Freud zu:] Federn ›Über die Abgrenzung des Realitäts- und Lustprinzips‹
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20. S i t z u n g
am 4. März 1914Federn:
UEBER DIE ABGRENZUNG DES REALITÄTS- UND LUSTPRINZIPS
Von einem Satz aus einem Vortrag Dr. Reiks ausgehend ("Der Zynis-
mus ist eine Geburt des Realitätsprinzips") bespricht der Vortr. den Unter-
schied von Freuds, Bleulers und Jungs Auffassung in diesem Punkte, um die
Richtigkeit der Freudschen Anschauung zu betonen.It
Nach dem Lustprinzip handelt das Individuum dann, wenn es nach
dem momentanen Grade seiner Affektivität entscheidet:
entweder tut es etwas, was den Trieb befriedigt: dann wird Lust er-
reicht
bei Versagung wird es Unlust äussern
oder es wird den Trieb erfüllen, um Unlust zu vermeidenDas Lust-Unlust-Prinzip ist aber einer Entwicklung fähig. Das
IIte Stadium ist das, wo sublimierte Reaktionen hemmend einwirken und das
III. dasjenige, wo nicht erst auf die Regung eines Unlustgefühles gewartet
wird, sondern das Individuum vorbeugend handelt.Das erste Stadium könnte das der Instinktherrschaft herrsclien:
mit dem ZielderLust,
das zweite das der Gefühlslerrschaft mit dem Ziel Glück,
das dritte das der Moralherrschaft mit dem Ziel Pflicht.Gemeinsam ist allen, dass sie nach dem affektiven Bedürfnis vor sich gehen
und dass Lust gewonnen und Unlust vermieden werden soll. Der Faktor der
Zeit ist nicht in Betracht gezogen, es handelt sich um den momentanen Erfolg.
Das Realitätsprinzip führtdieLogik (Ueberlegung) und Zeit (auf die Zu-
kunft bezüglich) ein.Die Anwendung des an der Natur (mit Ausschaltung des affektiven
Faktors) geschulten Relaitätsprinzips auf die Sozietät ist ein Eckstein in
der Entwicklung der Menschheit, der durch Sokrates bezeichnet wird. Erst
nach ihm ist der Zynismus möglich. Er tritt dann auf, wenn wir affektiv gebun-
den sind und ein andrer sich darüber hinwegsetzt und sich nach der Reali-
tät richtet. Der Zyniker arbeitet momentan affektfrei und nur in statu nas-
cendi haben wir den Eindruck des Zynischen. Der Zynismus geht auf ein Durch-
setzen des nüchternen Realitätsprinzips aus (Freud: Der Z. ist eine sozial
brauchbare Rohheit). Dies gilt jedoch nur mit Einschränkungen - Auch der Z.
erkennt die primäre Lusteinstellung an; deswegen findet er sich so häufig
in witziger Form etz Der Z. verwendet die alten primitiven Lustquellen ausS.
psychologischen Gründen. Die antiken Z. haben sich gegen die primitive Lust
gewendet, die damals noch geschätzt wurde. Der Zyniker setzt das Realitäts-
gegen das Lustprinzip durch, aber er kümmert sich nicht um die Zukunft;
es ist die infantile Art des Realitätsprinzips. Als Vorlust wirkt die nar-
zisstische Befriedigung an der intellektuellen Betätigung.Der Gegensatz des Zynikers ist der Sentimentale, der bei solchen
Gelegenheiten, wo der Normale nach dem Realitätsprinzip handelt, mit dem
Lustprinzip reagiert und dabei narzisstische Freude an seinen Gefühlen hat.
Der Sentimentale ist zum Witz unfähig.Zyniker und Sentimentaler stellen den akuten und labilen Fort-
schritt nach der Seite des Realitäts- resp. Lustprinzips dar. Den stabilen
Zustand repräsentieren inbezug auf das Re.Pr. der Skeptiker und der Natur-
wissenschaftler, inbezug auf das L.Pr. der Naive.
D I S K U S S I O N
Hitschmann meint, dass zum Z. eine verschiedene moralische Höhe notwendig sei
Es müsse sich nicht immer um Gefühle, es könne sich auch um Wertungen handeln
Kahanes Definition vom Schmock (übertriebener Affekt gegen die Situation)
fände ein Gegenstück im Z., der weniger Affekt aufbringt als die Sit. erfor-
dert. Das Lust u. R-Pr. braucht nicht hineingezogen zu werden.
Landauer sieht im Z. ein Kompromiss zwischen zwei entgegengesetzten Strebungen.
Sachs findet die beiden Teile des Vortr., den allgemeinen über die zwei Pr.
und die bes. Anwendung auf den Z. verschieden zu beurteilen. - Beim ersten liege
ein Missgriff insoferne vor, als der Vortr. die beiden ganz abstrakt genomme-
nen Prinzipien zu konkret nehmen wollte. - Auch gebe es immer nur Kompromisse
zwischen den beiden. Die Entwicklung der beiden auseinander sei unklar, es
müsse irgend ein Konflikt eingetreten sein.
Der rohe Z. an sich werde nicht gemerkt, nur wenn ein Ingredienz dabei
ist (Form, Persönlichkeit, Situation), das damit versöhnt. Am meisten über-
zeugend scheine die Gegenüberstellung von Z. und S. Aber der Gegensatz von
L. und R-Pr. sei darin nicht zu finden.
Tausk findet allein Thema und Titel wertvoll, während er die Ausführung nicht
anerkennen kann. Das R.Pr. und das Handeln danach seinen vielfach konfundiert
worden und auch sonst herrschtenvieleUnklarheiten in Begriffen und For-
mulierungen vor. Die ganze Grundlage der Arbeit sei missverständlich. Richtig
sei der Gegensatz von Z. u. S.
Prof. Freud bezeichnet den Vortrag als wertvolle Leistung, wenn ihm auch die
letzte Klarheit fehle. Es seien zwei Themen miteinander verschmolzen, deren
Zusammengehörigkeit Zweifeln unterliegen könne. Möglich, dass die beiden Pr.
in das Thema des Z hineinspielen, ob sie ihm aber zugrunde liegen sei sehr
zweifelhaft; jedenfalls müsste die Untersuchung vom Thema des Z ausgehen.
Die Auffassung, dass der Verkehr mit der Natur die Menschen gelehrt habe, sich
vom Lustpr. abzuwenden, ist auch die Frazers, leuchtet aber nicht unbedingt
ein. Die Primitiven haben ja die Unterscheidung der unbelebten Natur noch gar
nicht. - das bedeutsamste Stück der Arbeit sei der Versuch, den Uebergang vom
Lust zum R.Pr. zu erklären durch die Mechanismen der Angst und Abwehr (Gewis-
sen), also über die Einschaltungen hinweg, die uns die Instinkte ersetzen.
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