[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Adler ›Ein Fall von Zwangserröten‹ 1909-414/1909.01

Rank, Otto (1909-414/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Adler ›Ein Fall von Zwangserröten‹

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    Vierzehnter Vortragsabend
    am 3. Februar 1909.





     

    Ein Fall von Zwangserröten.

    Dr. Adler.

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    Der Vortragende hebt zunächst hervor, dass er sich der Schwierigkeiten
    bewusst sei, wenn er es unternehme, die Analyse einer Erythrophobie
    zu geben und erwähnt, dass er einige Punkte zur Sprache bringe, die
    von ihm besonders betont werden. Davon wäre hervorzuheben: dass
    er die Ursache der Neurose in einer Organminderwertigkeit suche,
    ferner die Kritik des Standpunkts, der von uns allen eingenommen
    worden ist und worüber noch keine Klarheit zu herrschen scheint,
    nämlich über die nächste Ursache des Ausbruchs der Neurose
    u. einige andere Punkte mehr, die im Laufe der Analyse zur Sprache
    kommen werden. Vorher wolle er noch einiges bemerken, um die
    Diskussion auf die wichtigsten Punkte einzuschränken.

         Die Erythrophobie oder das Zwangserröten möchte er nicht
    als Zwangsneurose ansehen, deren wichtigste Charaktere ihm ganz
    fehlen. Wenn auch das Erröten wie unter Zwang auftritt, so steht
    doch immer im Vordergrund des Bildes die Furcht des Pat., dass er
    erröten werde. Die Einreihung dieser Erscheinung in ein uns
    geläufiges Krankheitsbild ist nicht leicht. Am Am ehesten wäre
    man geneigt, sie als Hysterie anzuschauen, aber je nach dem Stand-
    punkt des Betrachters könnte man das Vordringen des sog.
    neurasthenischen Komplexes finden; könnte auch den para-
    noischen Charakter besonders betonen oder — wie es am ehesten
    scheint — das hysterische Gefüge zum Ausgangspunkt nehmen.

         Andere Schwierigkeiten der Analyse sind folgende: er sei außer
    Stande eine vollständige Durcharbeitung dieses Krankheitsbildes,
    das ihn über 3/4 Jahre beschäftigt habe, zu geben; habe aber vor, so
    weit seine Erinnerung reicht und so weit Material zugänglich
    ist den Fall ausführlich in Zusammenhang darzustellen. Die-
    ser Zusammenhang ist bei einer Analyse das Wichtigste und
    es bedarf einiger Klarstellung werden. Wenn man die Literatur
    der Freudschen Schule zur Hand nimmt, so bekommt man darin
    nicht oft den Zusammenhang einer Analyse vorgeführt und man
    muss eben glücklich sein, wenn man den Zusammenhang

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    in einem Bruchstück vorgeführt bekommt. Der grösste Teil
    der Publikationen bringt Zusammenhänge nicht. Das sei
    nicht nur sein Eindruck sondern man könne das auch bis
    in die letzten Tage verfolgen. Das Beste der Publikationen geht
    darauf hinaus, gewisse Hervorhebungen Freuds noch einmal
    zu tun und zu versichern, dass alles da sei. Auch in seinem Analyse
    sei natürlich alles wieder da und er glaube nicht, dass es einen der
    verlangten Züge gäbe, die er nicht leicht nachweisen könnte.
    So finden sich: Perversionen aller Art, deutlich oder in Spuren,
    Inzestgedanken besonders auf die Mutter, aber auch Inzest-
    handlungen, die sich auf Geschwister, sowohl Brüder als auch
    Schwester beziehen. Schließlich alle die anderen sog. Komplexe,
    die wir in keinem der Fälle zu vermissen Gelegenheit haben.
    Sein Standpunkt in dieser Frage sei auch der von Freud hervor-
    gehobene, dass diese Beziehungen in jedem Fall vorhanden
    seien, auch beim Normalen. Auch könnte er eine Reihe von
    infantilen Träumen anführen, die alle geeignet gewesen wären, die
    Neurose hervorzurufen; sie haben es nicht getan. So handelt es
    sich um Belauschen eines Koitus der Eltern zu wiederholten malen.
    Und doch sei der gegenwärtig 26 jährg. junge Mann erst vor vier
    Jahren erkrankt und das angeführte Erlebnis der Koitusbelau-
    schung bezieht sich auf die Zeit vom 4. bis etwa zum 8. Lebens-
    jahr. Auch an den Perversionen homosexueller Art mit Kollegen
    sei er nicht erkrankt, die ins 9.–10. Jahr fallen. Masturbiert
    hat Pat. frühzeitig und es bis in die letzte Zeit fortgesetzt. Diese
    Mast. trägt den Charakter des Zwanges und wenn etwas in dem ganzen
    Bild einer Zwangsneurose analog ist, so ist es die Zwangs-Masturb.

         Der Vortragende geht nun daran, dass Krankheitsbild des Pat., der
    sich zur Behandlung vorstellte, zu schildern. Pat. klagt über
    Erröten, das sich vor 4 Jahren eingestellt habe aus unbekannten
    Gründen, das anfangs seltener, später öfter aufgetreten ist u.
    ihn so sehr molestierte, dass ihm eine Reihe von Beziehungen

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    des gesellschaftlichen Lebens unmöglich gemacht würde. Es
    ist nicht so sehr das Erröten selbst als die Furcht, dass er erröten
    werde, an die sich nach kurzer Zeit das Erröten anschliesse,
    wenn er nicht gewisse Anlässe dazu meide. Diese seien z. B. ge-
    wisse Worte, die in der Gesellschaft fallen, wie: „Syphilis“ und das ähn-
    lich klingende „Civilisation“, ferner „anstecken“ oder „Ansteckung“
    und ebenso das ähnlich klingende „ausstellen“. Alles das führt
    auf den Gedanken der Syphilis zurück, die er vor 6 Jahren akquirierte,
    in deren Verlauf er dann eine Quecksilberkur begann, die ihm
    angeblich schlecht bekam, so dass er dann in Lindewiese Heilung
    suchte. Seit 5 Jahren hat er keine Erscheinungen, glaubt aber
    nicht an seine völlige Heilung, sondern dass er noch einiger
    Kuren in L. bedarf. Das Erröten trete aber nicht nur bei den
    genannten Worten auf, sondern es genügen Bruchstücke
    einer solchen Konstellation; z. B. wenn er in Gesellschaft geht
    oder wenn ihm jemand scharf in die Augen sieht oder wenn
    er sich in einem hellerleuchteten Saale befindet. Auch
    ein Aufenthalt im Zimmer mit mehreren Leuten bringt die-
    se Furcht hervor. Besser fühle er sich im Freien und in der
    Kälte. Die Auffälligkeit dieses Zusammenhanges geht aus fol-
    gendem hervor: zu Anfang betont er, in der Kälte befinde er
    sich besser, zum Schluss, in der Wärme fühle er sich besser.
    Auf diesen scheinbar nebensächlichen Punkt, der zu einem
    wichtigen für das Verständnis wurde, werde später noch ein-
    gegangen werden. Auch bei Prüfungen bestand eine Furcht
    (er ist Techniker), was ihn natürlich im Studium sehr hin-
    dert. Er habe deshalb grosse Anstände mit seinem Vater, auf den
    jetzt die Sprache komme. Er hat den Sohn von Jugend an streng
    behandelt, ist überhaupt ein strenger Mensch – wir würden
    in unserem Jargon sagen: ein Sadist – der darauf drängte, dass
    der Sohn bald Geld verdiene und der ihn auch knapp hielt.

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    Die Mutter liebte er – wie schon angedeutet – sehr gerne. Er hat
    lange Zeit im Zimmer der Eltern geschlafen, mehrmals deren Koitus
    gesehen und war mit 4 Jahren über alle Geschlechtsbeziehungen
    aufgeklärt. Die ersten Aufklärungen erhielt er in einer jüdischen
    Kinderschule von älteren Kollegen und er erinnert sich schon damals
    ein Vergnügen daran gehabt zu haben, sich an Mädchen oder Frauen
    anzudrücken. Das führt uns auf einen andern Punkt der infan-
    tilen Sexualtraumen. Im Hause war eine Cousine und besonders eine
    Tante, die ihn sexuell früh reizte. Diese Tante zog aber immer
    einen Cousin vor, war aber nicht das einzige weibliche Wesen, das
    ihn fesselte, sondern es gab eine ganze Reihe von Mädchen u.
    Frauen, mit denen er zu tun hatte. Besonders deutlich und
    weitergehend waren seine Beziehungen zu einer Cousine mit
    der im 7. Jahr ein sexuelles Verhältnis vor hatte zu dem es aber
    nicht kam, weil eine gemeinsame Tante zu sehr acht gab. Er ver-
    suchte sie abseits zu bringen worauf sie auch eingehen wollte.
    Genitalberührungen und Andrücken, das überhaupt seine Speziali-
    tät war, hat er bei ihr mehrmals ausgeführt. Das Schicksal dieses
    Mädchens ist auch nicht uninteressant: sie wurde später
    hysterisch und befindet sich derzeit noch in einer Heilanstalt.
    Es war späterhin zum Bruch zwischen den beiden gekommen, dessen
    Anlass merkwürdig genug ist. Als Pat. die Realschule absolviert
    hatte und seine Bücher verschenkte ging sie leer aus, was
    sie zum Anlass nahm, um mit ihm zu brechen, wobei sie ihm
    Unglück prophezeite. – Pat. ist in orthodoxen Kreisen auf-
    gewachsen u. ist eigentlich auch heute noch selbst orthodox.
    Wenn er sich zu einer Meinung nach irreligiösen Handlungen
    hinreissen lässt, tut er es mit grossem Widerstreben. Damit
    geht einher ein starker Hang zum Aberglauben, der sich deut-
    lich zu erkennen gibt. Er macht sich große Vorwürfe über Hand-
    lungsweisen, die die Bibel oder der Talmud verbietet. Er hat frü-
    her öfters versucht, sich rein zu beten, hat eine Vorliebe für

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    vermehrte Gesten etc.

         Von seinen sonstigen Eigenschaften wäre zu erwähnen, dass
    er den Hang hat, sich besonders nett zu kleiden, dem er aber
    nie so recht nachgeben kann, weil ihm das Geld dazu mangelt.
    Überhaupt sind seine Geldverhältnisse sehr prekär. Sein Vater
    knausert und schickt ihm seinen kleinen Monatsbetrag unregel-
    mässig, er kommt häufig in Geldverlegenheit u. ist genötigt sich
    Geld bei Kollegen auszuleihen, die auch knauserig sind u. sich
    nicht recht fair benehmen. Er führt ein Leben, das auch nicht
    gerade zu den angenehmsten gehört. Er wohnt mit einem Kollegen,
    der ihm beim Studium behilflich ist, auf einem Zimmer und
    dieses Verhältnis führt oft zu Differenzen, wenn der Zins gezahlt
    werden soll oder wenn es sich darum handelt, das Zimmer warm
    zu erhalten (hier ist eine Beziehung auf den Kältekomplex).

         In der Schilderung der Symptome fortfahrend, erzählt Pat.
    von häufig auftretendem Schwindelgefühl, das ihn beim
    Stehen befällt u. sich mit Schwäche in den Beinen verge-
    sellschaftet u. einem Gefühl des Zitterns. Die Masturb. betreibt
    ihm etwas aber nicht zu sehr. Hinzuzufügen ist, dass er zum erstenmale etwas
    früher als normal zuerst ohne Anstand den Geschlechtsverkehr
    mit einer Prostituierten ausübte u. seit der Zeit ziemlich regelmässig
    ausübte, u. dass sich bis in die letzte Zeit keinerlei Anomalie
    oder Anstand dabei ergeben hätte (wie etwa Impotenz, ejak. praec. etc).
    Sehr wichtig stellt sich seine Unfähigkeit zur Arbeit
    heraus, die nicht so weit ging, dass er gänzlich arbeitsunfähig
    würde, aber doch so weit, dass er um die Hälfte die für eine
    Prüfung vorgeschriebene Zeit überschritt. Einmal ist er auch
    durchgefallen, was ihm die heftigsten Vorwürfe vom Vater ein-
    trug; er selbst spricht nicht gern darüber und ist froh, wenn
    die Rede nicht auf Prüfung oder Ausstellung („ausstellen“)
    nach der Prüfung kommt; geschieht es dennoch, so tritt Furcht vor
    Erröten ein. Im allgemeinen fühlt er sich unbefriedigt,

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    zeigt einen ängstlichen, erwartungsvollen Blick, spricht
    aber recht konzentriert über das meiste u. man hat anfangs
    wenig Widerstand in der Analyse zu überwinden.

         Dieser Mann, dessen Vorleben noch in vielen Punkten zu er-
    örtern wäre, erwirbt im 21. Jahre eine Lues, die ihn sehr bedrückte
    hat u. eine ungeheure Depression bei ihm hervorrief. Die
    Quecksilberkur hat er nach Lektüre der Schriften Hermanns
    aufgegeben u. will auch heute noch nichts davon wissen,
    sondern glaubt, er werde in L. hergestellt werden. Diesbezüglich
    ist er für jeden Einwand unzugänglich. In seiner Depression
    hieven seine Ängste ihn auf u. für – die Ferien waren
    ohnihin nicht mehr fern, nach Hause. Dort fiel seine Ver-
    stimmung auf u. darüber zur Rede gestellt, berichtete er dem
    Vater alles u. erklärte, er werde sich das Leben nehmen. Er unter-
    nahm auch einen Selbstmordversuch in einer höchst ungeschick-
    ten Weise, indem er sich ein Taschentuch um den Hals wand
    u. es zusammenzog; als ihm die Luft auszugehen drohte,
    liess er nach. Später erinnert er sich, dass er damals das
    Gefühl des Errötens hatte sowie auch Schwindelgefühl.
    Auch andere Personen seiner Umgebung erfuhren bald
    davon u. da man bemüht war, ihn in seiner Niedergeschlagen-
    heit zu trösten, hielt sich auch der Vater zurück. Pat. ging in die
    Synagoge betete u. bat um Verzeihung, da er nun seine Krank-
    heit als Vergeltung seiner früheren Sünden ansah.
    Dann trug sich etwas Neues zu. In dem Kaffeehaus, wo er zu früh-
    stücken pflegte sagte ihm ein Bekannter, er sehe schlecht
    aus. Bei diesen Worten empfand er ein Schwindelgefühl u.
    es war ihm zumute, als er umreissen müsste. Nachträg-
    lich glaubt er, ein solches Gefühl müsse ein Epileptiker
    haben, wenn er bewusstlos werde.

         Später erwiesen sich die Beziehungen seines Errötens
    noch als viel mannigfacher u. einige davon seien hervorgehoben:

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    Furcht oder Erröten stellt sich auch ein, wenn man von „Thermo-
    meter“ spricht u. das im Zusammenhang mit Erröten, wenn
    von „Spiegel“ die Rede ist oder wenn er ihn sieht, brachte ihn auf
    den Gedanken, dass es sich dabei auch um Quecksilber handle.
    Aber schon damals hatte er auch andere Bedenken. In der Familie
    des Pat. spielt eine Heiratsvermittlerin, die alle Heiraten seiner
    Verwandten eingefädelt hat, eine große Rolle, u. diese Frau heisst
    Spiegel. Er sieht sich schon jetzt als ihr Opfer an u. auch sein
    Erröten ist von ihr aus weiter determiniert. Die Heiratspläne
    seines Vaters sind ihm zuwider, er selbst möchte wohl heiraten,
    aber sobald er mit einem höchst geeigneten Mädchen bekannt-
    schaft macht, kommt es, aus den verschiedensten Gründen, zum
    Bruch. Die eine stellt sich nach einer halbjährigen Bekannt-
    schaft doch nicht als schön genug heraus, die andere als nicht
    reich, die dritte als kokett etc. Dazu kommt, dass er nicht in
    Gesellschaft gehen kann u. weiter begreiflich, dass seine
    eigenen Versuche, sich zu verheiraten, was ja gleichbedeutend
    ist mit sich versorgen, scheitern müssen.

         Die ersten Träume des Pat. — u. es wurden deren viel gedacht
    im Verlauf der Analyse — beziehen sich auf Heiratspläne u.
    Ideen u. es erweist sich darin regelmässig, dass entweder
    er oder sein Vater nichts davon wissen wollen. Im Zusammen-
    hang damit spricht er davon, dass man ihn mit bestimmten
    Mädchen in seiner Heimatstadt verheiraten will u. dass sein
    Vater die grössten Anstrengungen in der Richtung gemacht
    hat. Man gewinnt so den Eindruck, dass sein Zustand unter
    anderm auch den Sinn habe, nicht zu heiraten u. auf dieses
    Thema gebracht bringt er eine Anzahl verschiedener Gedanken,
    die dahin gehen, dass es ihm tatsächlich nicht recht wäre,
    1. wegen der Syphilis u. 2. da man ja nie weiss, was den Kindern
    passieren könne u. dass er sich die grössten Vorwürfe machen
    müsste, wenn seiner Frau etwas zustiesse. Kurze Gedanken —

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    gänge, die der Vater seinerzeit schon als Aggressionsgedanken
    zusammengefasst hat. Aus den Träumen u. der Analyse verein-
    zelter Unfälle ergab sich, dass Pat. derartige Aggressionen
    sowohl aktiver wie passiver Natur hatte. So z. B. befiel ihn regel-
    mässig beim Rasieren Erröten od. die Furcht davor, dass einer,
    der nach ihm rasiert wird auch Syphilis bekommen werde; u.
    im Zusammenhang damit der Wunsch, die ganze Welt möchte
    syphilitisch sein, denn wäre er nicht der einzige. Degradations-
    Er will immer imponieren (wie er sagt); bei ihm ist es ein
    fixer Gedanke; wenn er nicht imponieren kann, so bewirkt das
    eine Depression bei ihm. Tatsächlich ist auch jeder seiner
    Anfälle von dem Gedanken durchdrungen, dass er hier nicht
    imponieren könne. Wenn man diese Gedankenüberladung
    einführt, so geht etwa folgendes daraus hervor: so oft z. B.
    von Syphilis die Rede ist, stellt sich bei ihm der Eindruck ein:
    ich habe l. gehabt, ich kann nicht mehr imponieren (das-
    selbe ist bei Ausstellung der Fall u. s. w.). Dieser Zusammen-
    hang ist beim Pat. ungemein vielfältig u. wollte man ins De-
    tail eingehen, so könnte so könnte man leicht nachweisen,
    den dieser Gedanken ihn in allen Fällen bewegte.

         Von ihm selbst ist noch einiges zu berichten. Er ist ein kleiner,
    untersetzter Mensch, während sein Bruder, wie er sagt, schlank
    u. elegant gewachsen ist. Pat. war auf ihn neidig u. es herrschte
    Rivalität zwischen ihnen. Man nannte den Bruder schön, hübsch
    gewachsen, was ja das Ziel seiner eigenen Sehnsucht war. Er
    hatte die größte Freude, wenn er Soldaten spielen konnte u. sein Ideal
    war, eine Uniform zu tragen. Er wurde jedoch wegen seiner kleinen
    Statur nicht beim Militär behalten. Auch der Versuch die man-
    gelnde Uniform durch eine Studenten kappe zu ersetzen, schei-
    terte. Er hatte damals schon die Infektion, war nicht gesellig u.
    kleidete sich auch nicht elegant genug, so dass er aus einer
    Verbindung ausgeschlossen wurde, weil man —— wie er an-
    nahm — von seiner Infektion erfahren hatte. Seine Furcht

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    zu erröten blieb auch nicht aus, wenn einer nach ihm trank etc.

         Doch etwas wäre zu erwähnen, dessen Ausführung für später
    vorbehalten bleiben muss. Er hat als Kind geschielt u. auch
    jetzt noch sieht man ihm eine leichte Schielstellung an.
    Andere Kinderfehler sind: er erinnert sich mit Kot beschmutzt
    u. auch das Bett nass gemacht zu haben. Eine sexuelle Phantasie,
    die er öfter hatte, hatte zum Inhalt, dass er Zeuge eines Koitus
    sei, den ein Mädchen u. ein Offizier ausführen.

         Bald fiel auch auf, den Pat., wenn er nicht genügend Geld
    hatte oder hungrig war, öfter Furcht oder Erröten auftrat,
    was sich leicht darauf beziehen liess, dass er in einem solchen
    Zustand niemandem imponieren konnte. So zeigt sich
    hier, wie kompliziert diese Analyse war u. wie die vorderhand
    trotz aller dieser Ergebnisse noch immer nicht ersichtlich
    ist woher das Erröten u. die Furcht davor stammt.

         Noch eines wichtigen Verhältnisses ist zu gedenken. Pat. war
    gezwungen, da er unbemittelt war, Stunden zu geben; eine miss-
    liche Sache wobei man auch wenig Gelegenheit hat zu imponieren.
    Die jetzige Stunde hatte er vor 4 Jahren übernommen, wo er
    ungezogene Knaben u. ein Mädchen mit sehr merkwürdigen
    Eigenschaften zu unterrichten hatte. Ihre Eltern kümmerten
    sich um ihn nicht viel oder wenn sie es taten, so nörgelten
    sie, was er gewöhnlich stillschweigend entgegennahm (Aggressions-
    hemmung). Durch diese Verhältnisse kommt er schließlich
    in einen Zustand, der nach seinen eigenen Auszeichnungen
    entsetzlich sei. Diese Mitteilungen erfolgen von seiner Seite
    in einem so späten Zeitpunkt, wo eigentlich die Schlacht
    schon gewonnen war, da dem Arzt die meisten Zusammenhänge
    schon klar waren, während sie dem Pat. noch fehlten. „In der
    Früh — heute am Tage der Aufzeichnung — dachte ich an die mannig-
    fachen Demütigungen, die ich erfuhr u. was mich so aufbrachte.“
    Dann führt Pat. 8 Punkte an, aber nicht wenig, wenn man bedenkt,
    dass sich das regelmäßig, fast täglich, wiederholte :

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    „1. Ich sitze so oft mehr als drei Stunden dort (er hätte nur eine
        Stunde zu geben gehabt) u. manchmal kommt die Jause der
        Kinder dazwischen. Mittwoch war ich den ganzen Nachmittag
        dort u. habe gewartet ohne geladen zu werden.
    2. Gleichgültiges Erwidern des Grusses oder gar keinen Gruss.
    3. Als ich mich vor den Ferien beurlauben kam, war ich im
        Geschäft, ohne dass mir ein Platz angeboten worden wäre.
    4. Nie bekam ich eine Einladung ins Theater, trotzdem ich oft
        dabei war wie sie fortgingen (hier ist wichtig, dass dieses
        Gefühl in den Beinen u. der Schwindel im Zusammenhang
        stehen mit dem Umstand, dass er stehen müsste, wenn
        er mit der Frau sprach, was wieder Beziehung hat zu seiner
        unbefriedigten Sehnsucht: imponieren zu können.
    5. Als der Schüler Prüfung hatte unterrichtete ich von 4–6
        einmal sogar bis 8 ohne Einladung zum Nachtmahl zu be—
        kommen.
    6. Oft spricht die Frau ihn bei der Stunde an u. wenn er er —
        widern will hört sie mich nicht an.
    7. Die Schülerin hat die Gewohnheit, sich die Finger abzuzie—
        hen, wenn ich sie berühre (z.B. beim Gruss; aber auch
        sonst beim Unterricht berührt sie Pat. auch. Es handelt sich
        um ein 14 jährig Mädchen, zu dem er grosse Neigung hatte, von
        dem er aber spät spricht u. nichts Wesentliches.
    8. Der Schülerin war es nicht angenehm, als ihre Tante aus Amerika
        mich ansprach; auch damals wurde mir übrigens kein Sessel
        angeboten.“
    Das Verhältnis zur Tante Schülerin, das sich deutlich zu erkennen
    gab, ergab folgendes: das nicht sehr schöne aber doch hübsche, auf—
    geschossene Mädchen war dem Lehrer gegenüber sehr stolz. In
    seinen Träumen beginnt sie bald eine Rolle zu spielen nachdem
    einmal die Rede auf sie gekommen ist. Sie tauscht bald die
    Rolle mit seiner Mutter bald mit seiner Schwester. Diese
    Zusammenhänge gehen klar hervor u. wir sprechen da

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    von einer Übertragung seiner Liebe auf diese Schülerin u. zw. in
    einer ähnlich gehemmten Weise wie gegen Mutter u. Schwester. Aller—
    dings war sein Verhalten der Schwester gegenüber nicht so ge—
    hemmt. Mit seiner jüngeren Schwester ist er zusammen in einem
    Bett gelegen, ohne dass es aber zu sexuellen Akten gekommen
    wäre.
         Bevor nun das Verhältnis zur Schülerin, der Schlussstein der
    ganzen Aufklärung näher beleuchtet wird, ist noch eines
    Vorfalls zu erwähnen. Eines abends war Pat. bei einer Prostituierten,
    in der Nähe der Wohnung seiner Schüler. Er geriet mit ihr wegen
    der Bezahlung in einen Streit, in dessen Verlauf er eine auf dem
    Tisch liegende Uhr ergriff u. damit das Weite suchte. Diese Tat war
    ihm kurz darauf ganz unverständlich u. er war eifrig bemüht, den
    Schaden wieder gut zu machen. Nächsten Morgen sandte er die Uhr
    durch einen Dienstmann zurück, hatte aber Angst, dass sich
    etwas Böses aus der ganzen Sache entwickeln könnte u. erinnert
    sich wohl, dass er die Gegend, in der die Prost. wohnte lange Zeit
    gemieden habe. – Auch während der Kur hatte er einen kleinen
    Skandal: Er wohnte bei einer Familie, wo ein 14 jährig. Mädchen war,
    die ihn auch sexuell reizte. Es wird überhaupt klar, dass seine
    Liebesbeziehungen auf jüngere Mädchen gerichtet sind in
    deutlicher Anlehnung an seine Beziehung zur jüngeren
    Schwester. Das erwähnte Mädchen hat er nun bei einer Gelegenheit
    an der Schürze erwischt u. ihr die Bluse zerrissen. Ihre Tante
    insultierte ihn tätlich u. drohte, die Polizei zu verständigen,
    da es sich um ein Verbrechen handle. Einige Tage ging er in
    Angst herum ehe er sich wieder beruhigte. Also auch diese Seite
    der Neurotikers, die wir häufig finden, ist beim Pat. illustriert.
         Nun handelt es sich um Folgendes: wodurch ist der junge
    Mann krank geworden? Wie so kommt es, dass er bei den Worten:
    ausstellen, Civilisation u. a. m. Zu „ausstellen“ ergibt sich noch
    eine Determination, die geht zurück auf einen der frühesten
    schon erwähnten sexuellen Eindrücke aufzudrücken, das

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    er massenhaft geübt hat u. besonders auch, wenn er sich
    im Theater „ausstellte“. Ja, seine ganze Neigung f. Literatur u.
    Kunst ging auf dieses Ausstellen zurück, wobei er auch
    Pollutionen hatte. Aber er fürchtete immer dabei erwischt
    zu werden. Er ging diesem Hang nur mit grossem Widerstre—
    ben nach, aber zwangsweise, nach. Auch hierbei spielt noch
    das Nicht imponieren können, denn wer bei irgendetwas
    Strafbarem erwischt wird hat dabei gewiss keine Gelegenheit
    zu imponieren. Aber das ist auch tiefer determiniert u.
    hängt mit einem Vorfall zusammen, der sich in seinem 10.
    Lebensjahr ereignet hat, wo er einen für sein ganzes Leben un—
    auslöschlichen Eindruck empfing. Bei der Aufnahmeprüfung
    ins Gymnasium (auch hier wieder der Zug zu etwas Höherem,
    Latein studieren etc.) wurde er beim Abschreiben einer Aufgabe
    ertappt u. vom Professor Küpperhand vor die Tür gesetzt. Auch in
    diesem peinlichen Fall hatte er nicht imponiert. Aber es kam
    noch ärger: mit diesem Erlebnis wurde er in der Realschule
    Jahre hindurch von einem Lehrer gehänselt. Er könnte in Folge
    dessen auch in der Realschule nicht schwindeln u. geriet in
    Aufregung, wenn er die Versuchung dazu nahe fühlte oder
    nicht gut vorbereitet war. Aus seiner Leidenszeit in der
    Realschule sei nur hervorgehoben, dass die Furcht vor Schwindel,
    die ihn bis in die letzten Tage verfolgte, ihm auch bei seinen
    Prüfungen an der Technik arg zusetzte, denn er sah sich
    dieses allgemein gebräuchlichen u. beliebten Hilfsmittels
    beraubt. Er fürchtete, dass er entdeckt würde, was ihm auch
    eine Gelegenheit brächte zu imponieren. Erröten u. Schwindel—
    anfälle treten regelmässig da ein, wo er sich vor Entdeckung
    fürchtet (z.B. beim Ausstellen). Und auch als das Erröten schon
    beseitigt war, hielte noch immer Schwindel u. Furcht an so
    lange er noch Furcht hatte, bei einem Schwindel ertappt
    zu werden. Dabei ist hervorzuheben, dass er etwas schon

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    als Schwindel, wobei wir gar nicht daran dachten. So z.B. wenn er
    hinter einer Dame steht u. sich andrückt ohne dass sie es zu
    wissen scheint, für ihn hat also der Begriff des Schwindels eine
    ungeheuere Erweiterung erfahren, eine Erscheinung, die
    im Gedankengang des Neurotikers fast regelmässig besteht in
    der Form einer Begriffserweiterung, die sich halten lässt, an
    die wir aber nicht denken u. die einen Teil des Unverständ-
    lichen in der Neurose ausmacht.
         Der Vortragende verweist nun noch flüchtig auf die Beziehung
    des Pat. zu ihm, dem Arzt, u. knüpft dabei an die Bemerkung an, die
    sich bei fast Spuren von homosexueller Neigung nachweisen
    liessen. Das Wesentliche in diesem Fall war die Übertragung
    von Wut auf den Arzt vielleicht nicht ohne dessen Schuld, da
    ihm Pat. sehr unsympathisch gewesen sei.
         Der Schlussstein der Aufklärung fügt sich in seine Facticität
    folgendermassen ein: er war in seine Schülerin verliebt u.
    die Heilung kam zustande, als er sich dieser Liebe bewusst
    geworden war. Hätte man ihn früher darüber aufgeklärt vor-
    nicht, so hätte das keinen Erfolg gehabt. Es ist etwas ganz anderes,
    ob nur die logische Einsicht oder ob das Gefühl den Ausschlag
    gibt. Dies kann aber erst am Schluss aufdringen. Das geht
    aus folgendem hervor: Als Pat. schon fast vollständig gut ging,
    äusserte er die Absicht, sich um das Mädchen zu bewerben,
    er liebe sie, könne ohne sie nicht leben etc. u. er fragt den
    Arzt um Rat, ob er ihr jetzt den Antrag machen solle. Die
    Antwort lautet, Vorsicht könne da nicht schaden, er möge
    erst einige Zeit zuwarten. Auch sei es ja zweifelhaft, ob ihm die
    Eltern ein 14jähriges Mädchen geben würden. Worauf er erwiderte,
    er warte gerne so lange es auch sei u. werde trachten seine Studien
    zu beenden. Vor 14 Tagen sei ihm Pat. begegnet, dass es ihm sehr
    gut ging u. der von dem Mädchen kein Wort mehr sprach. Diese
    volle Erfassen seiner Liebesneigung zu dem Mädchen habe

  • S.

    14

    es sichtlich ausgemacht, dass er ein anderer Mensch wurde.
    Das geht u.a. auch daraus hervor, dass ihn von den früheren 8 Punkten
    keiner mehr belästigte. Er fing an zu revoltieren u. liess sich
    nichts mehr gefallen, nahm sich selbst seinen Sessel, wenn
    ihm keiner angeboten wurde etc.
         Noch ein Punkt ist schliesslich zu erwähnen, der hergehört,
    u. der
    wenn auch nicht der wichtigste war doch viel zum Verständnis
    beitrug u. der auf den Spiegel und die Frau dieses Namens zurückführt.
    Pat. hätte nach Absolvierung seiner Studien die Wahl entweder Privat-
    Ingenieur zu werden oder in Staatsdienste zu treten. Bei seinem Hang
    für die Uniform und dem Prestige eines Beamten mit einem Degen
    ist es nicht wunder zu nehmen, wenn Pat. die Staatsanstellung vor-
    gezogen hätte, wenngleich ihn die hohen Einkünfte eines Privat-
    Ingenieurs in Amerika gelockt haben. Dieser Zweifel ist für ihn
    charakteristisch aber durchsetzt u. hängt mit dem Imponieren-
    wollen u. nicht Können zusammen. Immer der Gedanke, den er bei
    Bewerbung um eine Staatsanstellung vom Arzt untersucht werden
    würde u. dass er entdeckt werde, Pat. habe Syphilis gehabt u.
    ihn darum zurückstellen werde. Auch darüber getröstet blieb
    noch ein letzter Punkt: er hatte Furcht, dass wenn er betreten
    werde es ihm so gehen werde wie vielen seiner Bekannten u.
    Verwandten. Die Angehörigen seiner Stadt würden nämlich
    Briefe bekommen, dass er angesteckt war. Und wenn gar die Frau
    Spiegel etwas derartiges erfahren haben sollte, was wäre leichter
    als dass sie aus Rache gegen ihn, der sich ohne ihre Hilfe ver-
    heiratete, ein solches Werk instenierte. Nun verliebt er sich in
    dieses junge Mädchen, dessen Familie Beziehungen zu seiner
    Heimatstadt hat. Auch sonst sind manche Zusammenhänge
    gegeben, dass ihm so ein Malheur passieren könnte.
         Nicht ganz geklärt ist seine Abneigung gegen das Quecksilber.
    Der Vortr. meint, er möchte sich, da er den Pat. genau kenne, den Folgen
    der Erklärung zugänglicher erweisen als Aussenstehende:

  • S.

    15

    des Hanges mit einem andern Gebiet seiner Psyche zusammen. Pat.
    ist von vornherein gegen alles, wie jeder Mensch, der imponieren
    will, er ist auch gegen die Psychoanalyse u. will hypnotisiert werden.
    Er will von einem nichts lernen, weil er alles zu können glaubt;
    wenn er das nicht täte, so wäre das wieder ein Fall, wo er nicht
    imponieren könnte.
         Man werde aber nun endlich mit Recht die Frage stellen: warum
    errötet der Mann? Das geht aus dem Material nicht hervor. Nun ist es
    interessant, dass dieses Erröten gar nicht vor 4 Jahren aufgetreten
    ist, sondern der Pat. schon als Kind von 4–5 Jahren errötete. Ja,
    er errötet auch jetzt – nach der Heilung – nach wie vor u. das macht
    ihm nichts. Er errötete früher z.B. wenn er vor den Leuten den Hut
    ziehen müsste; man kann sagen eine Art Exhibitionismus u. ist
    etwas daran. Wichtiger aber ist, dass diese Leute ihn interessierten,
    man müsse den Hut abnehmen, was für ihn eine unangenehme
    Lektion war. Und sobald er allein war war sein Kleider-Wachs.
    Hier ist auch eine Kleinigkeit zu erwähnen, die sich von selbst ver—
    steht u. im Material immer wieder auftaucht, die fürs Verständnis
    einer solchen Neurose eine geringe Rolle spielt, wichtig aber
    für die Individualpsychologie ist: der Pat. nämlich seinen Penis mit
    andern verglich u. besonders den seines Vaters grösser u. schöner fand.
         Hinter dem Zustand seiner Neurose steckt also die Unmöglichkeit
    zu imponieren, die eine allgemeine Aggressionshemmung in mancherlei
    Beziehung herbeigeführt hat.

    Diskussion:
    |Prof. Freud beginnt es als besonders interessant, dass die Krank—
       heitsform der Erythrophobie behandelt wurde, über die er selbst intensive
       Erfahrungen habe durch Analysen von 3 Fällen, deren einer ihn —
       mit kurzen Unterbrechungen – durch 5 Jahre beschäftigte u. dessen
       weitere Schicksale ihm auch bekannt seien. Den zweiten Fall habe er
       nur 1/4 Jahr lang gesehen u. sich viel Notizen darüber gemacht; der
       brach aber plötzlich ab. Der Fall betraf einen jungen Mann u.

  • S.

    16

    Hauptpartner. Den dritten Fall behandle er noch jetzt; der betreffe einen
    intelligenten höchst sonderbaren Menschen, der die Behandlung im—
    mer wieder fortsetzt, weil sie ihn existenzfähig gemacht hat.
         Aus diesen zahlreichen Erfahrungen könne man Adlers Ausführun—
    gen über die Erythrophobie nur zustimmen. Sie ist tatsächlich ein Zu—
    stand für sich, dessen Einreihung in die Sexualneurosen sehr schwer ist.
    Am ehesten möchte man sie zur Angsthysterie stellen; sie hat aber
    auch eine Anzahl verdächtiger paranoischer Züge, so dass man ihr
    vielleicht oft eine Zwischenstellung zwischen diesen beiden Zuständen ein—
    räumen müsse.
         Der 1. Fall sei nicht geheilt worden, aber existenzfähig gemacht. Nach der
    Kur unternahm er eine Reise u. von zwei Orten, die auch das Ziel der
    Sehnsucht des Arztes gewesen waren, schickte er ihm Ansichtskarten. Im Mo—
    ment, wo er die Karten in den Kasten warf, bekam er jedesmal einen
    Anfall. Dieser Pat. bot das vollständige Bild einer Erythrophobie, u. zeigte
    auch ein Symptom, das Adlers Pat. nicht geboten habe. Die groben Fälle
    haben neben den Anfällen von Erröten auch Schweißausbrüche. Das
    Erröten lässt sich auch hier oben in frühere Jahre zurückverfolgen
    u. wurde schon im Alter von 6–8 Jahren bemerkt. Das wichtigste ist, wie
    natürlich auch Adler durchschaut, die Angst. — Auch dieser Mann hat
    seine Anfälle weiter behalten. Aber er ist berufstätig geworden, hat ge—
    heiratet: Kurz ist praktisch geheilt, theoretisch allerdings nicht. Er
    ist krank geblieben, wie er fast einsieht, nur um den Arzt zu ärgern.
         Interessant war es zu hören, welche gemeinsamen Züge der Adlersche
    Fall mit den genannten Fällen aufweise u. von denen nur einige hervor—
    gehoben werden sollen: z.B. die Behauptung, dass sie sich nur in der
    Kälte wohl fühlen, was eine falsche Verknüpfung u. durch die Asso—
    ziation: erröten, Schweiß, von der sich die Pat. auf die Kälte berufen.
    Bemerkenswert ist, dass ein von Adler hervorgehobener Moment, auch in
    zweien der erwähnten Fälle die Hauptrolle spielt u. wobei deutlich ist, dass
    ein Ersatz stattgefunden hat. Diese beiden Pat. haben sich zuerst
    einer andern Sache wegen geschämt u. dieses Schämen dann in
    ihrem spätern Leben auf etwas anderes übertragen. Die Erythrophobie

  • S.

    17

    ist ein Schämen, aus unbewusster Ursache. Darin ist das Nicht-
    imponieren-Können ja enthalten, denn Schämen ist eben der
    Name mit dem wir diesen Affekt bezeichnen. — Das erste worüber
    sich diese Pat. geschämt haben, war meist die Onanie, allgemein: ihre
    frühzeitige sexuelle Kenntnis, deren Geheimnis sie sich geschämt
    haben (Fall 3.: schämen mit 6 Jahren, wenn die Eltern Dinge besprachen,
    von denen sie meinten, er verstehe sie noch nicht). Dieses Schämen
    der vorzeitigen sexuellen Kenntnis steht in intimen Zusammen-
    hang mit dem Geheimnis u. dem verstohlen geheimen Sexualge-
    nuss, Dinge, die sich dann bei der Syphilis, welche auch bei den
    2 Pat. da war, wiederfinden u. die Übertragung begünstigen.
        In Fall 3. trat bes. deutlich ein Zug hervor, den auch Adler betonte.
    Es fanden sich viel weniger sexuelle Verdrängungen als wir bei den
    Sexualneurosen zu finden gewohnt sind. Dieser Pat. war ein „Sexual-
    Lump“ u. auch bei Fall 1 sind nur geringe Spuren von Sexualver-
    drängung zu bemerken gewesen.
        Fall 1 gehört zu den schönsten Männern, schlank, groß gewachsen etc.
          "  2 unscheinbar, charakteristischer Kopf, auch großgewachsen,
          "  3 schwaches jugendliches Individuum.
    ad. 1. Angst der Penis sei zu klein (bei den andern war davon keine
    Idee) u. ein der klassischer Analcharakter (eine der Bedeutungreize
    Zustandes war: das Sitzen auf dem Klosett u. drücken bis man im Ge-
    sicht rot wird.
    ad. 2 handelt es sich um das Ertapptwerden.
      "  3. ehrgeiziger, empfindlicher Mann, der durchaus imponieren wollte.
    Gemeinsam: die Rasierangst.
    Ein exquisit paranoischer Zug ist, daß diese Leute behaupten, sich
    auch für andere zu schämen: sie bekommen Anfälle durch Versetzung
    in den andern. Neu war in Adlers Fall—weil in den andern nicht
    mit dieser Deutlichkeit u. Wucht auftretend, der Wunsch, die ganze
    Welt zu infizieren.
        Später habe sich gezeigt, daß diese erste Aufklärung: schämen aus
    unbewusster Ursache unvollständig sei u. daß man die Neurosen
    nicht erklären könne aus einer einzigen Regung sondern
    durch ein Gegensatzpaar: u. dieses sei tatsächlich Scham und Wut.

  • S.

    18

    Erst diese aktive u. passive Regung erklärt die Fälle von Eritrophobie.
    Wo diese beiden Regungen zusammentreffen kriegen sie einen
    Anfall. Hier müsse man nun sagen — u. das sei ein bisschen
    Kritik — den Adlers Analyse über diese Formel nicht hinausgekom-
    men sei. Das nächste Problem, das uns zu lösen bleibe sei die
    Neurosenwahl u. darüber habe auch Adlers Vortrag keine Auf-
    klärung gebracht.
        Was die Aggressionshemmung betreffe, die Adler für die nächste
    Ursache der Neurose erkläre, so habe er mit Vergnügen gemerkt,
    daß Adler eigentlich nur auf den ersten Teil des Wortes den Akzent lege,
    während er selbst den zweiten Teil betonen möchte. Übrigens gehe
    aus Adlers Fall selbst hervor, daß nicht die Aggressionshemmung die
    Neurose hervorgerufen habe, sondern die sexuelle; erst wie er sich ver-
    liebt hat erkrankte er.
    Federn bemerkt bezüglich des Nicht-imponieren-Könnens, es scheine
        ihm Vorbedingung für die Neurose überhaupt zu sein: das Wünschen
        u. nichterreichen Können. Es wäre nicht undenkbar aus den Be-
    ziehungen dieser Misserfolge ein Stück der Neurosenrichtung ab-
    zuleiten. — Als Gegenpart zur Eritrophobie, die starke moralische
    Hemmungen aufweise, könnte man die moral insanity hinstellen.
    Während die übrigen Neurosen ihre Hemmungen aus der inneren
    Wertung zu nehmen scheint, scheint der Eritrophobe die Wertung
    der Aussenwelt als wichtig zu finden. Vielleicht liegt auch darin ein
    Stück der Neurosenwahl. Die Eritrophoben scheinen wenig veran-
    lagte Hysteriker zu sein, die aus ihren geringen Mitteln eine Neurose
    aufbringen, welche sie gerade so hemmt, wie einen Hysteriker die
    schwersten Symptome.
    Sadger: das Imponieren-Wollen einem Rivalen gegenüber gehe — wie Adler
        auch andeutete, auf einen jüngern Bruder. Da habe er nun den
        Hinweis vermisst, gegen bei wem Pat. diesen Bruder ausstechen
        wollte. Wahrscheinlich beim Vater. Hinter seiner Unfähigkeit
        mit dem Studium fertig zu werden, stecke — wie aus ähnlichen
        Fall hervorgeht — der Wunsch, der Vater möge immer für ihn
        sorgen. Es dürfte also vielleicht der homosexuelle Faktor etwas
        mehr zu betonen sein. —

  • S.

    19

    Er habe zwei Fälle von Zwangsneurose gesehen, die während der
    Kur Syphilis akquirierten, das aber auffallend leicht hinnahmen.
    Für diese ist die Neurose so wichtig, daß alles Organische dagegen
    verschwindet. Es falle überhaupt auf, wie leicht Hysteriker
    organische Affektionen annehmen u. daß sie bei ihnen sowohl
    subjektiv wie objektiv leicht verlaufen.
    Hitschmann bemerkt, er könne auch an diesem Fall nicht
        vorübergehen ohne die Beziehung zum Organischen zu suchen.
        Das Erröten sei deutlich ein vasomotorisches Symptom, das ohne
        Affekt bei gewissen Krankheiten beschrieben wird (Klimakterium;
        die typischen Wallungen; auch bei Neurasthenie etc.). Es sei auch eine
        Erscheinung, die dem physiologischen Affekt der sexuellen Scham ent-
        spricht. Vielleicht haben die Individuen, die von Jugend an leicht
        erröten andere Gefäße u. vielleicht könnte man sagen, sie neigen
        eben dadurch zu den Affekten der Scham und Wut. — Bei oberfläch-
        licher Betrachtung des Falles möchte man ihn doch der Neurasthenie
        zuzählen; wenn auch lokale Symptome fehlen, so erinnert doch die
        Schwäche in den Beinen, der Schwindel u. a. an die Neurasthenie. — Die Augen-
        furcht (nicht in den Spiegel sehen können) das schlechte Aussehen etc.
        erinnert wieder an die Masturbationssymptome; auch neigt Pat. zu
        Selbstvorwürfen. — In Ergänzung seines Vortrags müßte er eigentlich
        über die Frage sprechen: „was ist psychogen“?
        Unberechtigt finde er die spezielle Hervorhebung des Imponieren-Wollens. Das
        sei ja ein ziemlich verbreiteter Teil des Selbstgefühls, gehöre zum geisti-
        gen Selbsterhaltungstrieb. Auch halte er nicht für vollkommen be-
        wiesen, daß die Heilung einfach auf das Bewußtwerden der Liebe
        zu dem Mädchen zurückzuführen ist. Denn was bei einer solchen
        Analyse noch mit unterlaufe von Suggestion, Beruhigung, Hebung
        des Selbstgefühls etc. entziehe sich der Kontrolle.
    Wittels sah ein paarmal Luetiker, die nicht neurotisch waren u.
        die andere Leute in der rücksichtslosesten Weise der Infektionsge-
        fahr ausgesetzt haben. Der Schlüssel, den Adler zur Lösung dieser Neurose
        gezeigt habe, das Imponieren-Wollen dieser kleinen, unscheinbaren
        Menschen, scheine doch etwas zu allgemein. Auch Adlers Hervorhebung,
        daß die zahlreichen Jugendträumen keine Neurose bewirkt hätten,

  • S.

    scheine unzutreffend; das Trauma sei ja zunächst spurlos. — Auch
    stimme er keineswegs aus seiner kleinen Erfahrung mit der Be-
    hauptung überein, daß die Schlacht gewonnen sei; wenn der
    Arzt die Zusammenhänge durchschaut, das Gerüst eingebaut habe.
    Adler beginnt das Schlusswort mit ein paar allgemeinen Bemer-
        kungen. Einige Mängel des Vortrags erklären sich aus seiner mangel-
        haften Vorbereitung. So habe er nicht einmal alles mitgeteilt, was er
        sich über die organische Minderwertigkeit notiert habe: wie die ange-
        borene Schwäche der Vasomotoren, für deren Hervorhebung H. zu danken
        sei. Diese sei, wie aus der Analyse zu entnehmen war, ein Erbstück
        seines Vaters, der ein jähzorniger, roher Mensch ist mit häufigen Wut-
        anfällen. —
            Wittels sei zu erwidern, dass das Gerüst nicht willkürlich sei. Das
        Imponieren-Wollen (ein Ausdruck des Pat.) gehöre allerdings zu seinem
        bewussten Charakter (Hitschmann) aber im Anfall sei es unbewusst. Es gä-
        be hunderterlei Erscheinungsformen des Imponieren Wollens u. der ganze Be-
        griff des Schamgefühls (bei Behinderung der Wut) falle hinein. — Die
        „gewonnene Schlacht“ sei mehr eine Phrase gewesen; doch habe er sich
        überzeugen können, dass dieses Gerüst für alles passt. — Viele Fälle heilen
        allerdings, ohne dass man etwas von dem Gerüst weiss. Sein Standpunkt
        in dieser Frage sei: es genüge nicht, dass der Arzt weiss um was es sich
        handle, auch noch nicht, dass der Weg gegeben sei, auf dem Pat. zu
        dieser Einsicht gelangen kann, sondern er muss auch das Gefühl
        dafür haben. — Er wurde krank, weil er von dieser Liebe „wegge-
        schaut“ hat; warum er das tat, würde vielleicht viel von der Neurosen-
        wahl erklären. — Die Neigung für Kälte resp. Wärme ist ein hinfälliges
        Symptom u. dürfte nicht für alle Fälle gelten. Er wollte auch damit
        imponieren, dass er in die Kälte ging. Auch das kann nur verstehen
        durch die Erweiterung des Begriffs: imponieren.
            Über den kleinen Penis habe er eine interessante Erfahrung mit
        2 Brüdern gemacht, die beide der Analyse grosse Schwierigkeiten boten:
        jeder glaubte, der andere habe einen grösseren Penis.
            Über die Aggressionshemmung müsste zur Vermeidung von Miss-
        verständnissen mehr gesprochen werden, Sie macht nicht
        die Krankheit, sondern sie ist die Form. Es bleibt dann zu
        erledigen woher sie kommt, was wieder auf das Problem zurück

    20

  • S.

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    führt, warum Pat. „weggeschaut“ hat von seiner Liebesneigung. —
    Hervorheben möchte er noch, daß es zur Erkrankung einer
    rezenten Konstellation bedarf in allen Fällen von Neurose u. daß
    diese das nächste auslösende Moment ist. Was das Sexuelle betreffe,
    so stehe er bekanntlich zu dieser Auffassung in einer kleinen
    Opposition, weil für ihn die sexuellen u. die andern Kinderfehler
    zusammenfließen, u. daß diese andern Kinderfehler ursprüng-
    lich des sexuellen Einschlags entbehren. Aber auch das Sexuelle
    hat den Einschlag der Kinderfehler.
        Federn sei zu entgegnen, daß er nur eine Wertung gebe, zu der Subjekt
    u. Objekt immer notwendig seien u. die verschiedenen Formen dieser
    Spannung gehen aus der jeweiligen Konstellation hervor.
        Er habe keine Neurose getroffen, die nicht den Analcharakter aufwies.
    Aber man kommt erst beim Gedanken der Begriffserweiterung darauf.
        Daß die „neurasthenischen“ Symptome im Vordergrund stehen (Hitschmann)
    ist sicher richtig, aber die Neurasthenie selbst ist eben aufzugeben.
    So rührt z. B. das Zittern in den Beinen daher, den Pat. sich immer
    strecken wollte, wenn er stehen mußte.
        Wichtig ist natürlich die Anmerkung Hitschmanns bezügl. dessen,
    was nebenbei unterläuft. Was wir begriffsmäßig erfassen können
    sind nur Knotenpunkte; das dazwischen liegt muss man
    sich ergänzen oder man müsse es fallen lassen. Es ist wie bei den
    Chladnischen Klangfiguren.
     

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