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Jean Paul.
17. April 07
Vortragender Dr. Bach
Knüpft an Möbius’ Schrift über Schumann an, worin nachgewiesen
wird, dass der Komponist an dementia praecox litt; ebenso nervös wie
er sei auch seine Musik. Der V. hält das für unrichtig; Schumanns Musik
sei die typische schläfrige deutsche Hausmusik. Es sei überhaupt schwierig
und sehr gewagt aus der Musik Rückschlüsse auf den Komponisten
zu ziehen; wo ein Text dazu vorliege, wie bei Wagner, ginge das noch eher an.
Im Übrigen wäre vielleicht das literarische Interesse des Komponisten
auch aufschlussreich. Aus Schumanns Studentenjahren liegt nun
ein Brief vor, der Möbius entgangen ist, woraus hervorgeht, dass Schumann
sich sehr eifrig mit Jean Paul beschäftigte; er schreibt, er fürchte
darüber den Verstand zu verlieren. – Die Werke Jean Pauls übten und
üben auf die Musiker überhaupt mächtige Wirkungen aus. Er selbst war
eine musikalische Natur; sein volles Herz drängte ihn nur nach Tönen,
was vielleicht dem Bestreben sein Inneres möglichst zu verhüllen und der
Angst zu viel davon zu verraten, zuzuschreiben ist. In dieser
Hinsicht sei auch die schwülstige, überschwängliche und absonder-
liche Form seiner Werke bemerkenswert. Er erzählt immer von
sich aus Furcht, es möchte jemand sonst etwas von seinen Geheim-
nissen zu erraten suchen; er zeigt die Plaudersucht derer, die
etwas zu verheimlichen haben. Ob diese Heimlichkeit und Furcht mit
seiner enuretischen Konstitution (Adler) zusammenhängt, lässt
Bach dahingestellt. – In seinen kleinen humoristischen Schriften
getraut er sich jedoch manches unverhüllt zu sagen, wofür er
in den großen Werken spiritualistische Verhüllungen sucht. Es
scheint als ob er bei den Leuten niedern Standes, die er vornehmlich
in seinen kleinen Schriften behandelt, diese kleinen Menschlich-
keiten nicht als Schande betrachtet (Katzenbergers ekelhafte Handlungen
und sein Ekel, der nur auf Einbildung beruht). –S.
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Seine Helden sterben an „Überliebe“. Sie sind eines realen Liebes-
genusses vollkommen unfähig. Er sagt: der erste Kuss ist das
Grab der Liebe. Seine Frauen sind nervenkrank, nehmen Gift etc.
Gräber spielen in seinen Romanen eine große [Rolle]. Die Wonne nach dem
Tod wird oft geschildert, meist in direkter Beziehung und im Zusammen-
hang mit erotischen Szenen. –
Er hatte immer 4, 5 Liebesverhältnisse zugleich; viele hochadelige Damen
(er nannte sie Titaniden) schwärmten für ihn; darunter auch Charlotte
von Kalb und Frau v. Stein. – Schließlich heiratete er ein Mädchen
Rosinette. Die Ehe war nur anfangs glücklich. Später separierte er
sich ganz von seiner Frau, weil sie, wie er sagte, übertriebene Forderungen
stellte. Seine Frau hatte im Alter von 14 Jahren aus Liebe zu einer Schau-
spielerin einen Selbstmordversuch unternommen.
Er war aller Spekulation abhold; Philosophieren war ihm eine ekle Beschäftigung
mit sich selbst; von ihm stammt das Wort des Onanismus der reinen und
unreinen Vernunft.
Biographisches: Seine Mutter, Rosina, tritt weniger hervor. Er behandelte
sie mit Missachtung. Sie gehörte zu jenen Frauen, deren Leben nach Jean
Pauls Ausspruch, verwaschen, verkocht und vernäht ist. Sein Vater,
ein Pastor, glaubte an Gespenster und erzog auch seine Kinder im Geister-
und Gespensterglauben. Jean Paul war sein Liebling; er schlief mit
ihm in einem Zimmer allein. Oft musste der Knabe auf den spät
heimkehrenden Vater lange warten; er wurde dann in dem dunklen Zimmer
allein, von Träumen und Angst gequält. – Später schloss er schwärme-
rische Freundschaften, und Freunde bestimmten sein ganzes Schicksal.
Sein jüngster Bruder starb früh durch Selbstmord, sein Bruder Samuel
verkam (er raubte Geld), sein Bruder Adam litt an Wandertrieb (er
wurde Barbier & Soldat). Jean Paul selbst hatte eine ausgesprochene Lust
für Fußreisen; der Berlepsch brennt er einmal auf der Reise davor aus.
Seine erste Liebe war eine pockennarbige Kuhmagd, die viel älter war
als er; alle Frauen, die er liebte, waren bedeutend älter als er. –S.
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Er war ein Biersäufer und soll auch geizig gewesen sein. – Sein Sohn er-
gab sich dem Mystizismus und starb in jungen Jahren. –
Jean Paul selbst war 62 Jahre alt; seine Krankheit begann mit fünf
Magenverstimmungen; dem folgte Wechselfieber, ein Ausschlag und
schließlich Wassersucht. – Er erblindete auch. –
Seine Träume waren berühmt. –| Freud hebt die Fülle von Anregungen hervor, die der V. geboten habe. –
Jean Paul sei eine komplizierte Natur, ein sonderbarer Heiliger. Er scheine
einer jener Menschen zu sein, die auf dem Standpunkt der psychischen
Onanie stehen blieben; diese sei für das Verständnis des Künstlers sehr
wichtig; sie komme in der Enttäuschung zum Ausdruck, die die Künstler
gewöhnlich den Frauen in physischer Hinsicht bereiten. Im Siebenkäs,
dem einzigen Werk das er kenne, offenbare sich ganz deutlich eine Ab-
neigung gegen die Ehefrauen. Die Männerfreundschaft werde höher ein-
geschätzt als die Ehe. – Interessant wäre eine Untersuchung in welchem
Verhältnis sein Lebensalter zu den jeweiligen Werken steht. /Hitschmann begrüßt, als Freund von Pathographien, das Unternehmen
Bachs, glaubt aber, dass nur ein Arzt so viel Menschenkenntnis be-
sitze, um eine solche Aufgabe befriedigend lösen zu können. –
Die körperliche Enttäuschung des Weibes durch den Dichter (bei geistiger
Befriedigung) sei vielleicht bildlich in Katzenbergers Badereise
dargestellt, wo das Mädchen sich zwar für den Dichter begeistert aber
den Soldaten heiratet. –Wittels konnte nichts von Jean Paul zu Ende lesen. –
Das Idealweib, das sich die Männer (bes. die Deutschen) geschaffen
haben, wird dann – da sie es in der Wirklichkeit nicht finden – zu
einer Quelle des Leidens für sie. Es sei natürlich, dass dieses ideo-
logische Bild nur bis zum ersten Kuss vorhalte und dass der Mann
dann dem wirklichen Weib sprachlos gegenüberstehe. – Bei älteren
Frauen, wie sie ja Jean Paul bevorzugte, habe diese respektvolle
Haltung vom Standpunkt der Mütterlichkeit noch eher seinen Sinn.
Der Alkohol-Rausch sei als Ersatz und Surrogat des sexuellen Rausches
aufzufassen. –S.
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Federn hebt hervor, man müsse zum Verständnis der Jean Paulschen
Gestalten auf den ganzen Zeitgeist eingehen. Die Unnatur sei aus
der mangelnden Verarbeitung der Unsumme von geistigen Anregungen
zu erklären. Zu dem „Idealbild“ der Frauen haben vielleicht ihre
hohe Sexualverdrängung (d. i. ihre mangelhafte Sexualentwicklung)
mit beigetragen. – Ähnliche scheußliche Wünsche wie sie Bach aus
Katzenbergers Reise mitteilte, findet man auch bei manchen Patienten.Stekel bemerkt, er habe aus der Lektüre einer Schilderung von Jean Pauls
Jugendjahren den Eindruck gewonnen, dass der Dichter sexuell früh-
reif gewesen sei. Sein Wesen sei nur vom Standpunkt der Neurose
verständlich. Er habe mit den Eltern in einem Zimmer geschlafen
und dort sei wahrscheinlich auch die Quelle seiner spätern Angst-
meierei zu suchen; auch sein Spielen mit den Vorstellungen d. Todes
u. d. Grabes gehe auf seine Angst zurück. – Er hatte nicht die
Fähigkeit sich an ein Weib zu binden, und so heiratete er
schließlich (wie Goethe) die erstbeste. Wie jeder Neurotiker sei er
bisexuell; daher die Deutlichkeit der homosexuellen Komponente.
Der Schluss auf ejaculatio praecox (die Bach im Gegensatz zu
Freuds psych. Onanie vermutete) sei gewagt. –Sadger vermisst die Aufdeckung tieferer Zusammenhänge.
Einige Züge seien als Belastungssymptome zu erkennen; so der
Wandertrieb (Kleist, Grillparzers Bruder Karl etc) und der Alkoholismus.
Die starke homosexuelle Neigung gehe voll auf das Schlafen mit
dem Vater zurück, und auch die Missachtung der Mutter habe ihre
Wurzel im Homosexuellen. – Der weiße Geist oder das Gespenst sei
entweder Vater, Mutter oder Schwester im Hemd. –Rank kennt außer dem Schmelzle (Adler) nur noch eine Zeile von
Jean Paul, die auch für seine enuretische Konstitution spräche: „Das Licht
wirkt erregend auf die Genitalia.“ – Die Verachtung der Mutter
sei vielleicht, ähnlich wie bei Byron, aus einer ursprünglichen
Zuneigung als Reaktion hervorgegangen. Eine ähnliche symbolische
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Bezeichnung, wie sie Jean Paul seinem Gute beilegt, das er „Mittelspitz“
nennt, finde manbeiin Catulls Gedichten ad Mentulam.Adler bemerkt, die Schlüsse hätten nur für uns Geltung; von diesem
Standpunkt aus seien die meisten Folgerungen richtig. – Die Zu-
neigung zu älteren Frauen finde man meist bei verdrängter Mutter-
liebe. Die Liebe zur Mutter trete manchmal, wie auch Rank meinte,
in einer eigentümlichen Form auf: das Kind sehne sich, vielleicht
wegen schlechter Behandlung etc., nach einer Mutter überhaupt. –
Er möchte bei Jean Paul auf vererbte Nephritis schließen. – Das
Erblinden sei eine Berufskrankheit der musikalischen Menschen;
der blinde Musiker sei ja ein Typus. –Bach hebt im Schlusswort gegen manche Einwendungen hervor,
er habe gar nicht nach mehr Andeutungen gesucht. Es war ihm
um den Versuch zu tun, die Form der Jean Paulschen Arbeiten aus
seiner psychischen Veranlagung zu erklären. –
/ Freie Diskussion: Auf Sadgers Behauptung, dass schwer Belastete
ein abnormes Bedürfnis nach Reizmitteln zeigen, erwidert
Federn, der Degenerierte tue manches, was ihm schade, während
der Normale das vermeide.Freud bestätigt Sadgers Deutung der psychosexuellen Wurzel des
Gespensterglaubens als die Erscheinung des nächtlichen Besuchers,
der das Kind besehe (Onanieren, Enuresis etc).Bei den Pathographien müsse man sich hüten, das Material unter
die Typen der Neurosenpsychologie zu bringen; es gebe noch sozu-
sagenkräftigereexistenzkräftigere Typen. Man könne die Neurosenpsychol.
nur zur Beleuchtung des pathographischen Materials verwenden.
Man müsse jeden Fall für sich behandeln. Die Beweisfähigkeit unserer
Darstellung beginne erst mit dem intimen Detail.
Auf die Mutterätiologie liesse sich mit Sicherheit schließen
bei Personen die: (ms. cuts short.) /S.
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1) schon in der Pubertätszeit eine merkwürdige Trennung des Sexual-
objekts entwickeln: einerseits stellen sie das Weib so hoch, dass sie
es nicht mit dem Sexualgenuss in Verbindung zu bringen wagen,
andererseits eröffnen sie dem gemeinen Weib gleichsam ein
anderes Konto; bei diesem Weib suchen sie dann den Sexualgenuss.
Treffen schließlich diese beiden Regungen aufeinander so können
sich verschiedene Konflikte ergeben: entweder sie sublimieren
die Dirne, oder sie erleben am hohen Objekt Enttäuschungen u.
werden nun Weiberverächter.2) die eine merkwürdige Mischung von Treue und Untreue zeigen;
sie suchen immer die Retterin, die Erlöserin (Wagner) und ver-
suchen es mit allen möglichen Weibern.3) die nur für solche Weiber Interesse haben, die anderen ge-
hören; das freie Weib hat keinen Reiz für sie. –Nur wer alle drei Erscheinungen zeigt, für den kann mit Sicherheit
auf die Mutterätiologie schließen; Wagner sei ein exquisiter Fall. –
Für Jean Paul treffe keine einzige der Bedingungen zu. – Auch Ranks
Erklärung scheine nicht zutreffend; jeder psychische Effekt
könne bekanntlich auf zwei ganz verschiedene Weisen entstanden
sein: entweder direkt oder durch Reaktion. Wie er entstanden
sei, das sehe man ihm nicht an und mit Schlüssen müsse
man da sehr vorsichtig sein. –Es sei zu bezweifeln, ob die Enuresis zu den Minderwertigkeiten der
Niere gehöre (Adler); sie scheine eine Folge frühzeitiger Sexual-
reizung zu sein und sei also eine sexuelle Minderwertigkeit.⌜ Prof. Freud erzählt schließlich noch den Fall eines 17jährigen Jungen,
den er kürzlich in Görlitz gesehen hat; er ist seit dem 12ten Jahr von den
Eltern entfernt u. musste in Anstalten untergebracht werden, wegen seines
fürchterlichen Schreiens. Die Diagnose lautete auf dem. praec.Als Kind war Pat. unbändig und suchte die Erfüllung seiner Wünsche durch
Schreien zu erreichen. Er wurde immer von der Mutter selbst genährt, ge-
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pflegt, gewartet und erzogen. Den Vater behandelte er mit Geringschätzung.
Zwischen dem 10. u. 11. Jahre kam die sexuelle Aufklärung durch Schulkameraden;
von da an datiert seine völlige Verfeindung mit den Eltern; er war
gleichsam hinter die Untreue der Mutter gekommen und wollte, auch in
der Anstalt, nichts mehr von ihr wissen. Dem Vater sagt er bei einem Besuch
in der Anstalt, er würde sich schämen an seiner Stelle so etwas zu tun, und
er hätte sich lieber abgeschnitten an seiner Stelle. –Der Pat. macht den Eindruck einer überlegenen Intelligenz; er halluziniert
Stimmen (angeblich der Großmutter, die er nur einmal im Alter von 1 1/2 Jahr
sah, da sie bald darauf starb. – Eindruck des ersten Todesfalls!). Im Anfall
schreit und brüllt er, spuckt u. fährt mit zwei Fingern in einer
Rille an der Türfüllung auf und nieder, wobei er zählt: er stelltoff
eine Reihe von Geschlechtsakten dar (das Zählen) wobei das Spucken die
Ejakulation imitiert. Dabei halluziniert er auch. Das sei ein aus-
gesprochen hysterischer Anfall. – Pat. habe schon zwischen dem 9. u. 10.
Jahr begonnen seine Unbändigkeit zu mäßigen u. zw. auf dem Wege des
Zwangs. Auf diese Zwangsneurose habe sich dann die Hysterie gepfropft,
und zw. aus folgendem Grund: auf die Erklärung seines Anfalls entgegnet
er, dass ihm daran gar nichts liege, daraus mache er sich nicht das
Geringste; er ist eine sehr stolze Natur. Er sagt selbst, sein Genitale
sei in der Entwicklung zurückgeblieben und zeigt auch tatsächlich
ein infantiles Genitale. Sein Stolz duldet aber nicht, dass er wegen
dieser Entdeckung in Melancholie verfalle, sondern er sagt, die
Sache sei ihm ganz gleichgültig; das sei aber nur möglich, wenn er
den unterdrückten Affekt anderwärts placierte. Um diese
Gleichgültigkeit dem Arzt gegenüber heucheln zu können, muss er
den Affekt erst im Anfall los werden; und deswegen bekam er
den Anfall auch in der Zeit, wo der zweite Besuch Prof. Freuds ange-
kündigt war. Nach dem Anfall konnte er dann ihm gegenüber die
Komödiedervon der Gleichgültigkeit weiterspielen. –Die Koitusphantasie geht auf die Eltern zurück, in deren Schlafzimmer er
bis zum 10 Jahr schlief. – Die Darstellung des Koitus ist dadurch mit be-
einflusst, dass die Jungen in der Schule den Koitus wie er sagt „gemimt“
haben. |
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[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Bach ›Jean Paul‹
1907-424/1907.01
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