[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Bach ›Jean Paul‹ 1907-424/1907.01

Rank, Otto (1907-424/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Bach ›Jean Paul‹

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    Jean Paul.

    17. April 07

    Vortragender Dr. Bach

    Knüpft an Möbius’ Schrift über Schumann an, worin nachgewiesen
    wird, dass der Komponist an dementia praecox litt; ebenso nervös wie
    er sei auch seine Musik. Der V. hält das für unrichtig; Schumanns Musik
    sei die typische schläfrige deutsche Hausmusik. Es sei überhaupt schwierig
    und sehr gewagt aus der Musik Rückschlüsse auf den Komponisten
    zu ziehen; wo ein Text dazu vorliege, wie bei Wagner, ginge das noch eher an.
    Im Übrigen wäre vielleicht das literarische Interesse des Komponisten
    auch aufschlussreich. Aus Schumanns Studentenjahren liegt nun
    ein Brief vor, der Möbius entgangen ist, woraus hervorgeht, dass Schumann
    sich sehr eifrig mit Jean Paul beschäftigte; er schreibt, er fürchte
    darüber den Verstand zu verlieren. – Die Werke Jean Pauls übten und
    üben auf die Musiker überhaupt mächtige Wirkungen aus. Er selbst war
    eine musikalische Natur; sein volles Herz drängte ihn nur nach Tönen,
    was vielleicht dem Bestreben sein Inneres möglichst zu verhüllen und der
    Angst zu viel davon zu verraten, zuzuschreiben ist. In dieser
    Hinsicht sei auch die schwülstige, überschwängliche und absonder-
    liche Form seiner Werke bemerkenswert. Er erzählt immer von
    sich aus Furcht, es möchte jemand sonst etwas von seinen Geheim-
    nissen zu erraten suchen; er zeigt die Plaudersucht derer, die
    etwas zu verheimlichen haben. Ob diese Heimlichkeit und Furcht mit
    seiner enuretischen Konstitution (Adler) zusammenhängt, lässt
    Bach dahingestellt. – In seinen kleinen humoristischen Schriften
    getraut er sich jedoch manches unverhüllt zu sagen, wofür er
    in den großen Werken spiritualistische Verhüllungen sucht. Es
    scheint als ob er bei den Leuten niedern Standes, die er vornehmlich
    in seinen kleinen Schriften behandelt, diese kleinen Menschlich-
    keiten nicht als Schande betrachtet (Katzenbergers ekelhafte Handlungen
    und sein Ekel, der nur auf Einbildung beruht). –

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    Seine Helden sterben an „Überliebe“. Sie sind eines realen Liebes-
    genusses vollkommen unfähig. Er sagt: der erste Kuss ist das
    Grab der Liebe. Seine Frauen sind nervenkrank, nehmen Gift etc.
    Gräber spielen in seinen Romanen eine große [Rolle]. Die Wonne nach dem
    Tod wird oft geschildert, meist in direkter Beziehung und im Zusammen-
    hang mit erotischen Szenen. –
         Er hatte immer 4, 5 Liebesverhältnisse zugleich; viele hochadelige Damen
    (er nannte sie Titaniden) schwärmten für ihn; darunter auch Charlotte
    von Kalb und Frau v. Stein. – Schließlich heiratete er ein Mädchen
    Rosinette. Die Ehe war nur anfangs glücklich. Später separierte er
    sich ganz von seiner Frau, weil sie, wie er sagte, übertriebene Forderungen
    stellte. Seine Frau hatte im Alter von 14 Jahren aus Liebe zu einer Schau-
    spielerin einen Selbstmordversuch unternommen.
         Er war aller Spekulation abhold; Philosophieren war ihm eine ekle Beschäftigung
    mit sich selbst; von ihm stammt das Wort des Onanismus der reinen und
    unreinen Vernunft.
         Biographisches: Seine Mutter, Rosina, tritt weniger hervor. Er behandelte
    sie mit Missachtung. Sie gehörte zu jenen Frauen, deren Leben nach Jean
    Pauls Ausspruch, verwaschen, verkocht und vernäht ist. Sein Vater,
    ein Pastor, glaubte an Gespenster und erzog auch seine Kinder im Geister-
    und Gespensterglauben. Jean Paul war sein Liebling; er schlief mit
    ihm in einem Zimmer allein. Oft musste der Knabe auf den spät
    heimkehrenden Vater lange warten; er wurde dann in dem dunklen Zimmer
    allein, von Träumen und Angst gequält. – Später schloss er schwärme-
    rische Freundschaften, und Freunde bestimmten sein ganzes Schicksal.
    Sein jüngster Bruder starb früh durch Selbstmord, sein Bruder Samuel
    verkam (er raubte Geld), sein Bruder Adam litt an Wandertrieb (er
    wurde Barbier & Soldat). Jean Paul selbst hatte eine ausgesprochene Lust
    für Fußreisen; der Berlepsch brennt er einmal auf der Reise davor aus.
    Seine erste Liebe war eine pockennarbige Kuhmagd, die viel älter war
    als er; alle Frauen, die er liebte, waren bedeutend älter als er. –

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    Er war ein Biersäufer und soll auch geizig gewesen sein. – Sein Sohn er-
    gab sich dem Mystizismus und starb in jungen Jahren. –
         Jean Paul selbst war 62 Jahre alt; seine Krankheit begann mit fünf
    Magenverstimmungen; dem folgte Wechselfieber, ein Ausschlag und
    schließlich Wassersucht. – Er erblindete auch. –
    Seine Träume waren berühmt. –

    | Freud hebt die Fülle von Anregungen hervor, die der V. geboten habe. –
    Jean Paul sei eine komplizierte Natur, ein sonderbarer Heiliger. Er scheine
    einer jener Menschen zu sein, die auf dem Standpunkt der psychischen
    Onanie stehen blieben; diese sei für das Verständnis des Künstlers sehr
    wichtig; sie komme in der Enttäuschung zum Ausdruck, die die Künstler
    gewöhnlich den Frauen in physischer Hinsicht bereiten. Im Siebenkäs,
    dem einzigen Werk das er kenne, offenbare sich ganz deutlich eine Ab-
    neigung gegen die Ehefrauen. Die Männerfreundschaft werde höher ein-
    geschätzt als die Ehe. – Interessant wäre eine Untersuchung in welchem
    Verhältnis sein Lebensalter zu den jeweiligen Werken steht. /

    Hitschmann begrüßt, als Freund von Pathographien, das Unternehmen
    Bachs, glaubt aber, dass nur ein Arzt so viel Menschenkenntnis be-
    sitze, um eine solche Aufgabe befriedigend lösen zu können. –
    Die körperliche Enttäuschung des Weibes durch den Dichter (bei geistiger
    Befriedigung) sei vielleicht bildlich in Katzenbergers Badereise
    dargestellt, wo das Mädchen sich zwar für den Dichter begeistert aber
    den Soldaten heiratet. –

    Wittels konnte nichts von Jean Paul zu Ende lesen. –
         Das Idealweib, das sich die Männer (bes. die Deutschen) geschaffen
    haben, wird dann – da sie es in der Wirklichkeit nicht finden – zu
    einer Quelle des Leidens für sie. Es sei natürlich, dass dieses ideo-
    logische Bild nur bis zum ersten Kuss vorhalte und dass der Mann
    dann dem wirklichen Weib sprachlos gegenüberstehe. – Bei älteren
    Frauen, wie sie ja Jean Paul bevorzugte, habe diese respektvolle
    Haltung vom Standpunkt der Mütterlichkeit noch eher seinen Sinn.
    Der Alkohol-Rausch sei als Ersatz und Surrogat des sexuellen Rausches
    aufzufassen. –

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    Federn hebt hervor, man müsse zum Verständnis der Jean Paulschen
    Gestalten auf den ganzen Zeitgeist eingehen. Die Unnatur sei aus
    der mangelnden Verarbeitung der Unsumme von geistigen Anregungen
    zu erklären. Zu dem „Idealbild“ der Frauen haben vielleicht ihre
    hohe Sexualverdrängung (d. i. ihre mangelhafte Sexualentwicklung)
    mit beigetragen. – Ähnliche scheußliche Wünsche wie sie Bach aus
    Katzenbergers Reise mitteilte, findet man auch bei manchen Patienten.

    Stekel bemerkt, er habe aus der Lektüre einer Schilderung von Jean Pauls
    Jugendjahren den Eindruck gewonnen, dass der Dichter sexuell früh-
    reif gewesen sei. Sein Wesen sei nur vom Standpunkt der Neurose
    verständlich. Er habe mit den Eltern in einem Zimmer geschlafen
    und dort sei wahrscheinlich auch die Quelle seiner spätern Angst-
    meierei zu suchen; auch sein Spielen mit den Vorstellungen d. Todes
    u. d. Grabes gehe auf seine Angst zurück. – Er hatte nicht die
    Fähigkeit sich an ein Weib zu binden, und so heiratete er
    schließlich (wie Goethe) die erstbeste. Wie jeder Neurotiker sei er
    bisexuell; daher die Deutlichkeit der homosexuellen Komponente.
         Der Schluss auf ejaculatio praecox (die Bach im Gegensatz zu
    Freuds psych. Onanie vermutete) sei gewagt. –

    Sadger vermisst die Aufdeckung tieferer Zusammenhänge.
         Einige Züge seien als Belastungssymptome zu erkennen; so der
    Wandertrieb (Kleist, Grillparzers Bruder Karl etc) und der Alkoholismus.
    Die starke homosexuelle Neigung gehe voll auf das Schlafen mit
    dem Vater zurück, und auch die Missachtung der Mutter habe ihre
    Wurzel im Homosexuellen. – Der weiße Geist oder das Gespenst sei
    entweder Vater, Mutter oder Schwester im Hemd. –

    Rank kennt außer dem Schmelzle (Adler) nur noch eine Zeile von
    Jean Paul, die auch für seine enuretische Konstitution spräche: „Das Licht
    wirkt erregend auf die Genitalia.“ – Die Verachtung der Mutter
    sei vielleicht, ähnlich wie bei Byron, aus einer ursprünglichen
    Zuneigung als Reaktion hervorgegangen. Eine ähnliche symbolische
     

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    Bezeichnung, wie sie Jean Paul seinem Gute beilegt, das er „Mittelspitz“
    nennt, finde man bei in Catulls Gedichten ad Mentulam.

    Adler bemerkt, die Schlüsse hätten nur für uns Geltung; von diesem
    Standpunkt aus seien die meisten Folgerungen richtig. – Die Zu-
    neigung zu älteren Frauen finde man meist bei verdrängter Mutter-
    liebe. Die Liebe zur Mutter trete manchmal, wie auch Rank meinte,
    in einer eigentümlichen Form auf: das Kind sehne sich, vielleicht
    wegen schlechter Behandlung etc., nach einer Mutter überhaupt. –
    Er möchte bei Jean Paul auf vererbte Nephritis schließen. – Das
    Erblinden sei eine Berufskrankheit der musikalischen Menschen;
    der blinde Musiker sei ja ein Typus. –

    Bach hebt im Schlusswort gegen manche Einwendungen hervor,
    er habe gar nicht nach mehr Andeutungen gesucht. Es war ihm
    um den Versuch zu tun, die Form der Jean Paulschen Arbeiten aus
    seiner psychischen Veranlagung zu erklären. –


     

    / Freie Diskussion: Auf Sadgers Behauptung, dass schwer Belastete
         ein abnormes Bedürfnis nach Reizmitteln zeigen, erwidert
         Federn, der Degenerierte tue manches, was ihm schade, während
         der Normale das vermeide.

         Freud bestätigt Sadgers Deutung der psychosexuellen Wurzel des
         Gespensterglaubens als die Erscheinung des nächtlichen Besuchers,
         der das Kind besehe (Onanieren, Enuresis etc).

         Bei den Pathographien müsse man sich hüten, das Material unter
         die Typen der Neurosenpsychologie zu bringen; es gebe noch sozu-
         sagen kräftigere existenzkräftigere Typen. Man könne die Neurosenpsychol.
         nur zur Beleuchtung des pathographischen Materials verwenden.
         Man müsse jeden Fall für sich behandeln. Die Beweisfähigkeit unserer
         Darstellung beginne erst mit dem intimen Detail.
         Auf die Mutterätiologie liesse sich mit Sicherheit schließen
         bei Personen die: (ms. cuts short.) /

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    1) schon in der Pubertätszeit eine merkwürdige Trennung des Sexual-
       objekts entwickeln: einerseits stellen sie das Weib so hoch, dass sie
       es nicht mit dem Sexualgenuss in Verbindung zu bringen wagen,
       andererseits eröffnen sie dem gemeinen Weib gleichsam ein
       anderes Konto; bei diesem Weib suchen sie dann den Sexualgenuss.
       Treffen schließlich diese beiden Regungen aufeinander so können
       sich verschiedene Konflikte ergeben: entweder sie sublimieren
       die Dirne, oder sie erleben am hohen Objekt Enttäuschungen u.
       werden nun Weiberverächter.

    2) die eine merkwürdige Mischung von Treue und Untreue zeigen;
       sie suchen immer die Retterin, die Erlöserin (Wagner) und ver-
       suchen es mit allen möglichen Weibern.

    3) die nur für solche Weiber Interesse haben, die anderen ge-
       hören; das freie Weib hat keinen Reiz für sie. –

    Nur wer alle drei Erscheinungen zeigt, für den kann mit Sicherheit
    auf die Mutterätiologie schließen; Wagner sei ein exquisiter Fall. –
    Für Jean Paul treffe keine einzige der Bedingungen zu. – Auch Ranks
    Erklärung scheine nicht zutreffend; jeder psychische Effekt
    könne bekanntlich auf zwei ganz verschiedene Weisen entstanden
    sein: entweder direkt oder durch Reaktion. Wie er entstanden
    sei, das sehe man ihm nicht an und mit Schlüssen müsse
    man da sehr vorsichtig sein. –

    Es sei zu bezweifeln, ob die Enuresis zu den Minderwertigkeiten der
    Niere gehöre (Adler); sie scheine eine Folge frühzeitiger Sexual-
    reizung zu sein und sei also eine sexuelle Minderwertigkeit.

    ⌜ Prof. Freud erzählt schließlich noch den Fall eines 17jährigen Jungen,
       den er kürzlich in Görlitz gesehen hat; er ist seit dem 12ten Jahr von den
       Eltern entfernt u. musste in Anstalten untergebracht werden, wegen seines
       fürchterlichen Schreiens. Die Diagnose lautete auf dem. praec.

       Als Kind war Pat. unbändig und suchte die Erfüllung seiner Wünsche durch
       Schreien zu erreichen. Er wurde immer von der Mutter selbst genährt, ge-
     

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    pflegt, gewartet und erzogen. Den Vater behandelte er mit Geringschätzung.
    Zwischen dem 10. u. 11. Jahre kam die sexuelle Aufklärung durch Schulkameraden;
    von da an datiert seine völlige Verfeindung mit den Eltern; er war
    gleichsam hinter die Untreue der Mutter gekommen und wollte, auch in
    der Anstalt, nichts mehr von ihr wissen. Dem Vater sagt er bei einem Besuch
    in der Anstalt, er würde sich schämen an seiner Stelle so etwas zu tun, und
    er hätte sich lieber abgeschnitten an seiner Stelle. –

    Der Pat. macht den Eindruck einer überlegenen Intelligenz; er halluziniert
    Stimmen (angeblich der Großmutter, die er nur einmal im Alter von 1 1/2 Jahr
    sah, da sie bald darauf starb. – Eindruck des ersten Todesfalls!). Im Anfall
    schreit und brüllt er, spuckt u. fährt mit zwei Fingern in einer
    Rille an der Türfüllung auf und nieder, wobei er zählt: er stellt off
    eine Reihe von Geschlechtsakten dar (das Zählen) wobei das Spucken die
    Ejakulation imitiert. Dabei halluziniert er auch. Das sei ein aus-
    gesprochen hysterischer Anfall. – Pat. habe schon zwischen dem 9. u. 10.
    Jahr begonnen seine Unbändigkeit zu mäßigen u. zw. auf dem Wege des
    Zwangs. Auf diese Zwangsneurose habe sich dann die Hysterie gepfropft,
    und zw. aus folgendem Grund: auf die Erklärung seines Anfalls entgegnet
    er, dass ihm daran gar nichts liege, daraus mache er sich nicht das
    Geringste; er ist eine sehr stolze Natur. Er sagt selbst, sein Genitale
    sei in der Entwicklung zurückgeblieben und zeigt auch tatsächlich
    ein infantiles Genitale. Sein Stolz duldet aber nicht, dass er wegen
    dieser Entdeckung in Melancholie verfalle, sondern er sagt, die
    Sache sei ihm ganz gleichgültig; das sei aber nur möglich, wenn er
    den unterdrückten Affekt anderwärts placierte. Um diese
    Gleichgültigkeit dem Arzt gegenüber heucheln zu können, muss er
    den Affekt erst im Anfall los werden; und deswegen bekam er
    den Anfall auch in der Zeit, wo der zweite Besuch Prof. Freuds ange-
    kündigt war. Nach dem Anfall konnte er dann ihm gegenüber die
    Komödie der von der Gleichgültigkeit weiterspielen. –

    Die Koitusphantasie geht auf die Eltern zurück, in deren Schlafzimmer er
    bis zum 10 Jahr schlief. – Die Darstellung des Koitus ist dadurch mit be-
    einflusst, dass die Jungen in der Schule den Koitus wie er sagt „gemimt“
    haben. |