Rank, Otto (1907-443/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Diskussion über Sexualtraumen und Sexualaufklärung
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Hitschmann betont zunächst, dass nach der jetzigen Auffassung
Prof. Freuds, dem Sexualtrauma, wegen seiner Häufigkeit, nicht
mehr die Bedeutung in der Ätiologie der Neurosen zugesprochen
werde, wie früher. – Die Notwendigkeit der sexuellen Aufklärung sei
allgemein anerkannt, nur müsse sie ohne Verletzung d. Schamgefühls
erfolgen. – Man müsste die Aufklärung eigentlich in drei Lebens-
altern durchführen:1. wenn die Kinder nach ihrer Herkunft zu fragen beginnen; zwischen d. 8-10 J.
2. etwas später eine speziellere Aufklärung
3. in der Pubertät (ca 16–17 J.) über die Gefahren und Schutzmaßregeln
beim Sexualverkehr. –Vor den Kindheitstraumen könne aber eine solche Aufklärung doch nicht
schützen; außerdem sei ein volles Verständnis (z. B. auch der Per-
versionen) schwer zu erreichen.Zu beachten sei schließlich auch, dass z. B. ein zu starkes Masturbations-
verbot ebenso schädlich wie ein Trauma – gleichsam als umgekehrtes
Trauma – wirken könne. – Vielleicht hängt die Anästhesie der Frauen
damit zusammen.Federn hebt auch hervor, dass die Aufklärung nicht vor den
ersten Kindheitstraumen schützen könne. – Das Trauma bedinge
gleichzeitig die erste Aufklärung. – Das normale Kind, wenn es
ein Trauma erlitten hat, forscht und beruhigt sich bald; das zur Neurose
disponierte Geschöpf zieht sich zurück und verbirgt sich. – Die
Vorbedingung für die starke Wirkung eines Traumas liegt in der
dauernden psychischen Isoliertheit. – Der Boden für die Neurosen-
bildung sei vielleicht das Grauen, besonders das Grauen vor dem
erigierten Penis ist ein bestimmendes Moment für die Neurose bei Verkehr.Sadger führt die Unwissenheit der meisten Eltern an, die zur Auf-
klärung ihrer Kinder unfähig sind [und] derselben selbst bedürften.
Lügen in sexuellen Dingen untergräbt die Autorität der Eltern und dieS.
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Liebe. – Aus falscher sexueller Aufklärung entwickelt sich in jungen
Jahren oft Hass gegen die Eltern. –Die wichtigsten und schwersten Traumen gehen auf die maßlosen
Zärtlichkeiten gegen den Säugling zurück. Auch muss die Pflegerin
notwendig sexuelle Reizungen erregen. Ist einmal z. B. durch ein
Trauma die Sexualität geweckt, dann spielen die Phantasien, die sich
daran knüpfen, eine große Rolle.Graf fragt, wieso infantile Traumen bei einem schwere Neurose zur
Folge haben können, während sie bei anderen ohne Wirkung sind.
Auch wie weit durch Aufklärung die schädlichen Folgen abgeschwächt
oder verhindert würden? – Die vollgegebene sexuelle Aufklärung
sei vielleicht gefährlicher, als die in der Regelschrittweiseschrittweise
erfolgende natürliche Aufklärung.Reitler wendet gegen Hitschmann ein, dass krasse Fälle von Traumen
zur Neurose führen. Er hat die Phantasien übersehen, die Sadger
kaum betonte. – Fraglich sei, ob die Aufklärung nicht als Trauma
wirke. – Jedenfalls müsse man schon lange vor der Pubertät beginnen.Wittels bemerkt, dass das Wesentliche nicht in den Traumen sondern
in der Konstitution liege. Von der wissen wir aber nichts. –
Ein normales Kind mache sich über die sexuellen Erlebnisse keine
Gedanken. – Man soll das Kind laufen lassen und sich wenig
mit ihm beschäftigen. Die Aufklärungen, die man von Alters-
genossen erfahre sei viel brauchbarer, denn die Eltern können
doch nicht mit dieser Deutlichkeit sprechen.Dr Abraham verhält sich skeptisch gegenüber der Ansicht, dass
durch die Aufklärung die Traumen verhindert werden sollten: bei Kindern,
die dazu neigen, nutzt es nichts, und die andern erleiden ja nicht
solche Traumen. Mit der Aufklärung der Eltern müsse begonnen
werden, sonst bringen sie den Kindern sexuelle Traumen bei:
Die Hauptsache ist mit der Aufklärung möglichst früh zu beginnen.
Es sei zu bezweifeln dass die Aufklärung im Schulunterricht brauchbar
sei. Die Zärtlichkeit der Mutter sei für das Kind notwendig.S.
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Prof. Freud formuliert die Grundfrage der heutigen Diskussion: ob
man durch die Aufklärung eine Art Schutzimpfung gegen die
Traumen gewinnen könnte. –Stellung der Traumen in d. Neurosenätiologie: Die Symptome stammen
von Phantasien, die nach dem Muster von Befriedigungserlebnissen
gebildet sind. Unter diesen Befriedigungserlebnissen stehen die
sexuellen Traumen obenan. – Da aber die Traumen einerseits nicht
wahrscheinlich waren, andererseits sich bei allen Menschen ähnlich
fanden, müsste man ihnen jede Bedeutung für die Ätiologie d.
Neurosen absprechen. In diesem Sinn bedeutet die Arbeit Abrahams
einen Fortschritt, der zeigt, dass die Kinder sich ihre Traumen selbst
suchen. Kommt also den Traumen als ätiolog. Moment keine Be-
deutung zu, so werden sie formgebend für die Neurose, wenn sich diese
überhaupt ergibt; formgebend deswegen, weil sie dem Kind die alten
Befriedigungsphantasien geben (unter Umständen kann, bei
manchen Kindern, das Trauma auch ätiolog. bedeutsam werden).
Gegen Sadger sei einzuwenden, dass die Reizungen des Säuglings nicht zu den
Traumen gehören.Einen großen Einfluss auf den ganzen Fragenkomplex habe das
Moment der Verdrängung. Von ihr hänge die Reaktion des
Kinds, seine sexuelle Aktivität oder Neurose ab.
Wo die Enthaltung vom Sexualverkehr lange gefordert wird, dort ge-
langen die infantilen Sexualtraumen zu einer Bedeutung.
Da sich die Wirkungen der infantilen Traumen erst später
einstellen (in der Pubertät), so kann ihnen durch die Auf-
klärung wirksam begegnet werden. – Der beste Weg um die
sexuellen Traumen unschädlich zu machen ist eine gesellschaftl.
Reform, die eine gewisse Sexualfreiheit gewährt.
Das Verbotstrauma (Hitschmann) sei das wichtigste von allen,
weil es das Moment der Verdrängung befördert. – Die Kinder müssen
die Tatsachen des Sexuallebens so behandelt sehen, wie alle andern Dinge d. Lebens.S.
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Die Frühreife ist darum so schädlich, weil das Kind jeder starken sexuellen
Erregung gegenüber machtlos ist, es hat nicht die intellektuellen
Mittel sich dieser Empfindung zu bemächtigen. Durch die Er-
ziehung werden die intellektuellen Fähigkeiten ganz vom sexual-
len Thema abgelenkt, so dass das Trauma unüberwindliche intellekt.
Anforderungen stellt: das Kind muss diese Erregung also verdrängen.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass mit Aufklärungen den Wirkungen
solcher Traumen zu begegnen wäre. – Die Aufklärung darf aber nicht
objektiv erfolgen, sondern das Kind muss dabei in eine gewisse –
entsprechende sexuelle Erregung geraten, die man nicht scheuen
darf. –Trotz aller Vorsichten wird man doch nur ein Übermaß der
Neurose vermeiden; weil eine Anzahl von Personen konstitutionell
anders reagieren. Die Aufklärung könne schon etwas leisten,
sei aber kein Allheilmittel.Adler betont, er stehe mehr auf Seite derer, die sich gegen die
systematische Aufklärung der Kinder aussprechen. Man
hindere durch die Aufklärung das selbständige Streben des
Kinds nach Fühlungnahme mit der Außenwelt, man
verschütte die Forschungssucht, die Wißbegierde d. Kinds.
Die infantilen Traumen haben nur Bedeutung im Zusammen-
hang mit der Minderwertigkeit der Organe. Die Traumen
werden nicht nur gesucht sondern gehen notwendig
aus dem Zusammenstoß der Individualität mit dem
umgebenden Kulturkreis hervor. – Das Erleben von Traumen
haftet häufig am Charakter.Steiner wundert sich, dass noch niemand den Nutzen der Sexual-
traumen betont hat. – Im Leben kämen wir zu keiner anderen Auf-
klärung als der durch Traumen. – Die Traumen schädigen uns wirklich
nicht. Eine Aufklärungsneurose habe die Menschen befallen. Die
beste Aufklärung sei die, wie sie sich auf dem Lande selbst vollziehe.S.
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Stekel bemerkt zunächst, dass wir nicht wüßten, was ein sexuelles
Trauma sei; unter Umständen werde ein Erlebnis zum Trauma
unter andern nicht. Die Konstitution spiele keine Rolle.
Das Milieu sei wichtiger als die Konstitution. Das Kind erbt die
Sexualität. Man müsse bestreiten, dass es möglich sei, das Kind
psychisch auf das Trauma vorzubereiten. Man muß die Dinge dem
Zufall überlassen. Nur darf man dem Kind nicht die Begriffe d.
Sünde etc. einprägen.Rank sucht den Zusammenhang des Themas aphoristisch zu fassen:
Die Traumen seien die natürliche Aufklärung. Die geforderte
(künstliche) Aufklärung sei aus vielen Gründen nicht zu
empfehlen. Vor allem müsse man die Psychologie d. Eltern
(oder d. andern Aufklärer) nicht vergessen. Sodann erhebe
sich die Frage, was für ein neues Geschlecht von Menschen
man so heranziehen würde und es sei sehr zweifelhaft ob
der Vergleich zugunsten der „Aufgeklärten“ ausfiele. Es sei
zu vermuten, dass eine höhere Begabung (geniale im innersten
Sinn) durch die Aufklärung vernichtet würde; auch weniger lebens-
frisch und viel nüchterner wäre der neue Menschenschlag.
Damit soll nicht ganz über die Aufklärung abgesprochen sein. Ein
bißchen vorsichtiger als jetzt könnte man schon sein und
vor allem solle man zunächst sich bemühen, den Kindern
nicht zu schaden: dadurch werde man ihnen am meisten
nützen. –