Rank, Otto (1906-422/1906.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Frey ›Über den Größenwahn der Normalen‹
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21. Nov. 06
Über den Größenwahn der Normalen.
Vortragender: Philipp Frey.
Frey hebt vor allem hervor, dass es Menschen gibt, die, ob-
wohl sie soziologisch normal erscheinen, doch seelisch
nicht mehr ganz normal genannt werden könnten; ihre
Seele weise gleichsam „unschöne“ Narben auf. – Auf diese
Halbnormalen habe Freud aufmerksam gemacht, ja er
habe sogar in „Alltagsleben“ gezeigt, dass auch der
„Normale“ nicht frei von gewissen Äußerungen des Unbewussten
(Unterdrückten) sei, die man – gesteigert – beim pathologischen
Individuum finde. In diesem Sinne sei die eigentlich
im Titel enthaltene contradictio in adjecto aufzufassen.
Eine solche rein psychische (nicht soziologische) Abnormität
in Bezug auf ihr Selbstbewusstsein zeigen viele Menschen. –
Diese Neigung zum Größenwahn (zur Selbstüberhebung) er-
weise sich in vielen Fällen als Kompensation des Gefühls
der eigenen Minderwertigkeit.
Frey erwähnt nun den Hjalmar (in Ibsens Wildente), einen
Menschen mit unternormaler Willensstärke und unternormalem
Arbeitsdrang, der sich in die mystische Illusion einlebt,
er sei ein Erfinder, der Grosses zu leisten berufen sei;
diese Illusion diene ihm im Kampf ums Dasein zur
Lebensstärkung.
Frey hebt dann hervor, dass insbesondere Menschen, die
zwischen wirklicher Macht und Subordination stehen, nach
und nach zu dieser Selbstüberhebung gelangen.
Er erwähnt den Klassen- und Berufsdünkel, den Amtswahn ...S.
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das Individuum überschätze dabei teils die Art des Berufs teils
seine persönliche Leistung in diesem Berufe. –
Frey erwähnt als Beispiele den Prokuristen einer Quai-Firma,
der sich für unersetzlich hält, den Amtsdiener, der von Eigen-
dünkel geschwellt ist, den Feldwebel, der sich wichtiger als der
Hauptmann dünkt u. a. – (später noch die religiöse Selbstüberhebung)
Das soziologisch Normale in diesen psychologisch abnormalen
Fällen liege eben darin, dass der Betreffende im richtigen
Moment die Hemmungen gegen diese Wahnideen habe und
so ihre Äußerung, wo es ihm schaden könnte, verhindert.
Wo aber das Ausspinnen des Größenwahns ungefährlich sei, also
gegen Untergebene und in den Phantasien, da ließen sie
ihm freien Lauf. –
Bei Menschen, die in ihrem Leben und in ihrer Arbeit Befriedigung
finden, käme diese Kompensation serscheinung nicht vor.
Schließlich spricht er noch über den Größenwahn gewisser
Berufe; so müsse die Uniform (oder die Kleidung überhaupt)
bei Normalen eine gewisse „Intoxikation“ hervorrufen; auch
der Größenwahn der Psychiater käme in Betracht. –
Diese halbpathologischen Existenzen seien noch niemals so
zahlreich vertreten gewesen wie jetzt; sie verdienten es, besser
studiert zu werden. –
Diskussion:
Kahane bemerkt, dass Frey den Größenwahn der Dichter,
Schauspieler und Künstler überhaupt nicht erwähnt habe.
Er erinnert an den Größenwahn der Nationen, den Chauvinis-
mus und erwähnt das „Auserwählte Volk“, das durch an-
dauernden heftigen äußeren Druck zu dieser kompen-
satorischen Verherrlichung gedrängt worden sei:
Die Quelle des Größenwahns sei ein reales Kleinheitsgefühl –S.
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wo die Gefahr der Unterschätzung leicht vorhanden sei; da sei
die beste Möglichkeit zur Entstehung des Größenwahns gegeben;
zb. beim Schauspieler, der jeden Augenblick fürchten müsse
die Gunst des Publikums zu verlieren oder bald in Vergessen-
heit zu geraten. – Auch im Kampfe um die Position im
sozialen Leben sei die Möglichkeit der Größenwahnbildung
gegeben.
Bei gewissen Horden wilder Völkerschaften sei der Name des Volkes identisch
mit dem Namen für Mensch, wodurch angedeutet werden solle,
dass die andern keine Menschen seien. –
Bei Dichtern und Künstlern habe der Größenwahn seinen
Grund im Mangel einer wirklichen Kontrolle ihres Schaffens;
es gäbe in diesen Dingen keine absolut entscheidende Instanz.
Stekel sagt, er habe das gleiche Thema in einem Theaterstück, „Der
Unersättliche“, an dem er eben arbeite, behandelt. Den Grund
dafür, dass diese Erscheinung heute um so viel häufiger ist
als früher sieht Stekel darin, dass der Wert des Individuums heute
gesunken ist. – Der Größenwahn der Untergebenen sei
Identifizierung mit dem Vorgesetzten. Der Größenwahn habe
gewiss eine sexuelle Wurzel und die „Kleinheit“ auf sexuellem
Gebiet, könne sehr häufig der Grund für die Selbstüberhebung nach
außen hin sein (Pantoffelhelden, Kreutzmaier etc).
Hitschmann hebt hervor, dass der Dichter das Gefühl des
Dämonischen, der Produktivität, über alle andern hinaushebe;
in diesem Punkt sei er eben vom gewöhnlichen Menschen
ganz verschieden. Dann erwähnt er, dass ein gewisses Maß
von Selbstüberhebung oder Prunksucht oft aufgewendet wird,
um die Schande des Berufs nicht zu fühlen (er erinnere
sich in Tolstoys „Auferstehung“ die Prostituierte gar nicht
ihres Berufs. –). Der Betreffende brauche dann gleichsamS.
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ein Antitoxin gegen das Selbst-Ekeln.
Er verweist dann auf die im Seelenleben des Menschen herrschende
Tendenz sich behaglich fühlen zu wollen und alles Unangenehme
auszuschalten; damit hänge auch die Tendenzder Illusions-
fähigkeit zusammen. –
Was in einem Menschen das Selbstgefühl erhöhe sei lebensfreundlich,
was das Selbstgefühl herabsetze lebensfeindlich (Askese, Selbstmord,
Weltschmerz [Werther], Kleinmut, Pessimismus etc).
Deutsch weist auf ein einheitliches Element in der „Ätiologie“
des Größenwahns hin: ein Individuum, das alle Gebote und
Gesetze erfüllt und beachtet glaubt dafür das Recht zu haben
über andere, die das nicht tun, abzuurteilen; es schafft sich
diese Überhebung auf Kosten der Verdrängungen, die die
Einhaltung der Gesetze erfordert. –
Freud meint, dass der Größenwahn der Frauen, den
Frey unerwähnt gelassen habe, doch sehr interessant
wäre. – Auf die Quelle des Größenwahns habe Frey kurz hinge-
wiesen, welchen Hinweis dann Deutsch ergänzt habe; diese
Quelle seien nämlich die Phantasien (Tagträume) der jungen
Leute; denn der spätere Größenwahn weise ja einen andern
Charakter, nämlich den der Leichtigkeit der logischen
Widerlegung auf. – Diese Personen schaffen sich dann die
Erfüllung ihrer Jugendwünsche in der Phantasie. Da hänge
mit der Unsterblichkeit der menschlichen Wünsche zusammen
(der beste Bräutigam, der die Braut holt etc.): die ursprünglichen
Wünsche kehren immer wieder zurück nur in andern Formen.
Zu dieser Nötigung, die Pubertäts-Ehrgeizphantasien in der
Phantasie zu befriedigen, wenn sie das Leben versagt hat, kommt
dann noch Einfluss der Verdrängungen und des Verzichts (Deutsch),
um die Selbstüberhebung zu schaffen. –S.
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Freud erwähnt dann den Größenwahn
besondersder Gelehrten,
deren Leistungen hinter den eigenenWünschenErwartungen zurück-
geblieben sind. Diesen realen Mangel ersetzen sie sich dann
durch Selbstüberhebung. – Der bei Künstlern reguläre Größen-
wahn habe darin seine Wurzel, dass in der Kunst, nicht so
wie in andern Berufen jeder Tüchtige existenzberechtigt
und geachtet sei; sondern nur der ganz Grosse. Gerade bei
den zurückgebliebenen Künstlern finde man dann die
Überhebung.
Der Größenwahn der Jugend, die Arroganz, sei gleichsam kein
definitiver, echter Größenwahn, denn man finde bei solchen
Personen als Kern dieser arroganten Schale ein herabgesetztes
Selbstbewusstsein, eine innere Haltlosigkeit.
Eine mächtige Speisung habe der Größenwahn aus dem Stück
Autoerotismus, das jeder – mehr oder weniger – bewahrt habe.
Über den Begriff des Pathologischen bemerkt Freud schließlich,
dass nicht nur die Abweichung vom Normalen dahin gehöre,
sondern alles, was den Charakter für ein Leben unbrauchbarer
macht; in ganz gewissem Sinne seien aber auch alle Neurosen
brauchbar und insofern seien sie auch nicht pathologisch zu
nennen. In diesem Stück Brauchbarkeit liege aber der Wider-
stand gegen die Therapie. |
Reitler hebt im Anschluss an Freuds Hinweis auf den Auto-
erotismus als Quelle d. Größenwahns darauf hin, dass
Personen, die aus eigener Willenskraft zu Pubertäts-Onanie
überwinden, ein grosses Selbstbewusstsein zeigen werden
(die Pubertäts-Onanie erweitert Freud in einen Einwurf für Kinderonanie),
die hätten gleichsam Grund, auf etwas stolz zu sein.
Auch das Potenzgefühl müsse beim Größenwahn eine grosse
Rolle spielen; so glaube er, dass Eunuchen niemals ZügeS.
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von Größenwahn zeigen werden; die könnten eben nur Diener
sein.
Er erwähnt dann noch Schillers Gedicht „Männerwürde“
worin der Zusammenhang von Sexualität und Selbstbewusstsein
deutlich ausgesprochen sei. –
Beim Schauspieler sei auch die sexuelle Komponente deutlich;
Schauspielerei sei gleichsam eine sublimierte Prostitution
(Schande des Berufs).
Rank erwähnt, dass man im Gegensatz zur Schätzung des Berufs
und seiner Überschätzung viel häufiger der Missachtung
des eigenen Berufs begegne; das sei gleichsam die Kehrseite.
Der Bemerkung Freys, den man diese Leute im Kampf
ums Dasein gebrauchen würde, wenn man ihnen den Floh
stechen würde, hält er entgegen, dass man diesen Leuten
den Floh eben nicht stechen könne; darin bestehe ja
zum Teil ihr Wahn. – Der Grund für das gesteigerte Selbstbewusstsein
infolgeeinerTrapezmission Kleidung (Uniform etc) sucht Rank in dem
Gefühl der Wirkung dieser Kleider auf das andere Geschlecht.
Zum Chauvinismus der Völker (Kahane) bemerkt er, dass die Griechen
und Römer alle andern Völker als Barbaren bezeichneten.
Federn bemerkt, dass der Gegensatz zum gesteigerten Selbstbewusstsein
und zum Größenwahn, nämlich der Kleinheitswahn, die Bescheiden-
heit etc. oft nichts anderes als versteckter Größenwahn sei (Ähnlich
stecke hinter dem Pessimismus meist der Gegensatz).
Frey bemerkt schließlich, dass der Größenwahn der Künstler in
der Inkommensurabilität ihrer Leistungen seinen Grund habe.
Neu erwähnt er die Selbstüberhebung der Geistlichen, die sich aber
hinter der Demut u. Roation vor dem Allerhöchsten Herrn verberge
u. den Größenwahn der Frauen, der sexueller Natur sei. –S.
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Professor Freud teilt hierauf den überaus lehrreichen Fall
einer akzentuierten Paranoia mit.
Es handelt sich um eine ca. 32jährige Frau, deren Vater selbst
erzählt, sie sei als Kind und ganz normal gewesen. Sie stammt
aus einem reichen adeligen Haus, hatte sich aber in den Kopf
gesetzt, nur einen armen Mann zu heiraten. Mit ca. 20 Jahren
heiratete sie denn auch, nach vergeblichen Einwendungen ihrer
Eltern einen armen, gebildeten ca. 30jährigen Mann; in der
bis jetzt 12jährigen Ehe hatte sie 3 Kinder; das letzte ist 10 Monate
alt. Seit der Mitte der letzten Schwangerschaft begann sie,
sich zu verändern: sie wurde eifersüchtig auf ihren Mann. Diese
Eifersucht erwies sich als pathologisch, da sie gänzlich unbe-
gründet war. Sie ist aber sicher, dass er ihr untreu ist;
dieser Verdacht wendet sich anfangs nicht gegen bestimmte
Personen. Sie hat zuerst nur die Idee seiner Untreue, dann
erst beginnt sie, bei sich die einzelnen Erfahrungen zu
sammeln und festzustellen. – Sie beschuldigt zunächst das
Kindermädchen.
Freud hebt nun hervor, wie in diesem Fall die sonst geheimen
Motive offen zutage treten; sie führt nämlich zur Begründung
ihrer Eifersucht zwei „Argumente“ an:
ihr Mann sei so schön, dass er allen Weibern gefallen müsse und
das Mädchen sei so hübsch, gefalle ihr selbst so gut, dass er
auch ihrem Mann gefallen müsse.
Sie begann nun von ihren Dienstboten und von andern
Leuten verabredetes Schlechte über ihren Mann zu hören u.
bildete sich so ein ganzes Wahnsystem, dessen Technik darin
bestand, dass sie selbstlaut mit den Leuten sprach; während
aber ihr Mann zB. mit andern Leuten sprach hörte sie selbstlauteS.
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Stimmen: ihre eigenen unbewussten Gedankengänge.
Es wurde ein Arzt konsultiert, der eine Trennung der beiden
Eheleute für einige Zeit riet. In der 4wöchigen Abwesenheit
des Mannes verschlimmerte sich aber ihr Zustand. Sie begann,
an junge Leute ihrer Bekanntschaft Briefe zu schreiben,
lud sie ins Haus ein mit dem Bemerken sie werde sehr
liebenswürdig sein u. s. f. Auch auf der Straße versuchte sie
verdächtige Anknüpfungen. Von ihren Eltern darüber
zur Rede gestellt sagte sie: Wenn mein Mann mir untreu
ist, dann habe auch ich das Recht ihm untreu zu sein.
Hier wird nun klar, dass sie ihre eigenen unterdrückten Treu-
bruchsgelüste hinter der Untreue des Mannes verbirgt; dass sie
die Untreue des Mannes braucht, um ihre eigene Untreue zu
rechtfertigen.
Der Mann gibt dann, als er zurückkehrt in aufrichtiger Weise Aus-
kunft über seine Ehe. Er habe schon vor dem Ausbruch dieser
„Manie“ gewisse seltsame Erscheinungen an seiner Frau be-
obachtet; wenn er sie z. B. als Braut ausgeführt habe, sei sie oft
(wie scheinbar unabsichtlich und zufällig) auf der Straße in
eigentümlicher Art an Männer angestoßen. – In der Ehe sei
sie anfangs normal gewesen und hätten sehr glücklich miteinander
gelebt; zwischen dem zweiten und dritten Kind habe er coitus
interruptus geübt, was ihn sehr angestrengt habe. Vor dem
Ausbruch der Eifersucht habe er auffallende Steigerung
ihrer Begierden bemerkt (ungefähr im dritten Monat der
Schwangerschaft). Freud fügt hier hinzu, dass es sich um
einen Fall von Nymphomanie handelt, wobei die Paranoia
akzessorisch ist; für die Manie sei aber die Aufhebung von
Verdrängungen charakteristisch und deswegen sei eben
auch hier bei der Paranoia alles so klar. –S.
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Diese Steigerung der libidinösen Begierden äußerte sich darin,
dass jetzt nur zu befriedigen war, während sie früher einen
normalen Befriedigungs-Erfolg gewesen war. – Auch perverse Gelüste
tauchten bei ihr auf: sie verlangte, er solle sie masturbieren,
von unten ansehen und per anum cotiaren. Er bringt diese
Wünsche mit ihrer Lektüre in Zusammenhang, die in letzter Zeit
aus französischen Romanen bestanden habe, wo solche Dinge
vorgekommen seien. Sie sei dann in ihren Reden und Be-
nehmen schamlos geworden, habe alle Hemmungen (selbst
vor dem Dienstpersonal) fallen gelassen, habe vor ihm mas-
turbiert, zu jeder Tageszeit sexuelle Ansprüche an ihn gestellt
und wenn er sich geweigert habe, ihren Wünschen nachzu-
kommen, habe sie ihm vorgehalten, er genüge ihr nicht,
sei für sie zu wenig; sie brauche noch andere Männer.
Auch habe sie gelegentlich den Wunsch geäußert, einmal
auch ein schwarzes Kind zu bekommen; von ihm kriege sie
nur blonde.
Sie hat sich also die Paranoia zur Rechtfertigung ihrer verdrängten
Wünsche geschaffen. Die Hauptrolle spielte aber die Nymphomanie. –
Zur Überwindung der psychischen Hindernisse schafft sie sich das
Wahnsystem.
Aus diesem Fall leitet nun Freud zwei allgemeine Gesichtspunkte
ab, die er schon seit längerer Zeit ins Auge gefasst hatte:
1) die Quelle, woraus die paranoischen Ideen aufgebaut werden, sind
die abgetragenen psychischen Strukturen. Aus der Scham
etc. wird das Wahnsystem fabriziert.S.
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2.) Es handelt sich bei der Paranoia um eine progressive Entwicklung
des Sexuallebens; die sog. Entw. sei bei den andern Neurosen nicht
vorhanden.
Adler erwähnt, dass er bei drei Fällen von Paranoia, die er zu beobachten
Gelegenheit hatte eine auffallende Offenheit bemerkt habe; ein
Zutagelegen der infantilen Eindrücke, Beweise von einer
Minderwertigkeit des Genitalsystems; die psychischen Bildungen
seien Kompensationssteigerungen. Er versucht dann den von
Freud mitgeteilten Fall in sein Schema einzureihen. –
Reitler erwähnt einen Fall, wo eine Paranoikerin ihn beschuldigt
habe, sie attakiert zu haben; in einem Brief an Freud habe sie
sich aber über seinen Schüler (Reitler) beklagt und betont, dass er
impotent sei. Die Frau ist eine virgo; ihr Mann ist nicht imstande
eine Erektion zu bekommen; auch betr. infantile Genitalien (einen
inf. Uterus); also ein minderwertiges Sexualorgan im Zusammen-
hang mit einer Neurose, was für Adlers Theorie spräche.
Reitler bemerkt dann, dass ihm als Primäres Symptom bei der
Paranoia immer Größenwahn aufgefallen sei. –
Freud fügt seinem Fall hinzu, dass sich daraus auch zwei, der
Paranoia eigentümliche Charaktere leicht erklären lassen;
nämlich:
1) die Unheilbarkeit der Paranoia durch die Psycho-Therapie
2) der Umstand, dass die pathologischen Produkte bei der Paranoia
ganz und voll ins Bewusstsein treten und voll anerkannt werden,
während solche bei der Hysterie unbewusst sind (in Krankheiten
auftreten) und nur entstellt ins Bewusstsein kommen. –S.
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ad 1: bei der Paranoia handelt es sich, wie schon erwähnt, um
eine rückschreitende Entwicklung der Libido von der
Objektliebe zurück zum Autoerotismus.
Bei der Heilung der Neurosen nun bemächtige man sich des Stückes
flottierender Libido des Patienten und übertrage dieses auf
seine eigene Person; mit dieser Übertragung leiste man
dann die Übersetzungsarbeit aus dem Unbewussten ins Bewusste.
Die Heilung geschehe also durch unbewusste Liebe. Hysterie und
Zwangsneurose habeneinein Stück dieser Libido beweglich, wo
die Kur ansetzen könne. Bei der Paranoia aber fehlt, wegen der
Rückkehr zum Autoerotismus, diese Möglichkeit weg. Der
Arzt findet keinen Glauben, weil er keine Liebe findet. Der
Patient glaubt, so wie das Kind, nur der Person, die er liebt.
ad 2: den Grund warum die Produkte der Paranoia zwangsbe-
wusst werden sieht Freud in folgendem: die autoerotische
Liebe, die ja beim Paranoiker wieder voll und ganz erwacht, mündet
ins Bewusstsein u. weil wir dem Glauben schenken, was das Ich ent-
hält (der eigenen Person glaubt jeder) so werden diese Vorstellungen
zu Bestandteilen des bewussten Ich. –
Eine ähnliche Rückbildung der Libido wie bei der Paranoia ver-
mutet Freud auch bei der Hypochondrie, mitunter im Greisenalter etc. –
In den Neurosen finde man oft Stuhlverstopfungen, die durch
Schwangerschaftsphantasien hervorgerufen seien: jeder Stuhlgang
wird dann als Schwangerschaft gefeiert. Freud erwähnt, er habe
einmal einen Fall von Manie gesehen: die Patientin führte ihn zu
einem Häuferl, das im Zimmer lag und sagte: das ist mein Kind. –
Freud erzählt dann noch zwei Fälle zum Beweis dafür, dass das
Kind mit den Worten ganz andere Vorstellungen verbindet wie der
Erwachsene, und dass es den Worten eine viel grössere Bedeutung beilegt:S.
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Ein Knabe, der trotz fortgesetzter Ermahnungen seiner Mutter nicht
von der Masturbation lassen will, wird aus der Schule genommen. –
Zuhause malt er den ganzen Tag und ist davon begeistert.
Es ergibt sich, dass er mit einem Kameraden zusammen in der
Weise im Abort der Schule masturbierte, dass sie ihre Glieder
übereinander kreuzten und solange an Wand rieben bis
Ejakulation erfolgte: das nannten sie melen.
Der zweite Fall handelt von einem Knaben, der bei Abgewöhnung
der Masturbation (des „Spielens“) anfing sich intensiv mit
Klavier-Spielen zu beschäftigen. – |