Reik, Theodor (1921-411/1921.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Prinzhorn ›Über Zeichnungen Geisteskranker und Primitiver‹
S.
Protokoll der 1. Sitzung der Wiener
Psychoanalytischen Vereinigung am 12. Oktober 1921.
Anwesend : Professor Freud, Rank, Reik Sadger, Prinzhorn, Friedjung,
Schilder, Pötzl, Bernfeld, Hitschmann, med. Bibering, Kolnai, Schmiede-
berg, Dr. Polon, Dr. Oberndorf, Dr. Meyer, Dr. Rickmann, Dr. Mankman(New-
Jork,) Strachey und Frau, Dozent Pappenheim, Sperber, Kempner, Sarasin,
Bischofsky, med. Sandor, Reich, Fennichel, Silberer, Dr. Deutsch, Anna
Freud, Dr. Baumgartner.Dr. R a n k verliest Ausnahmegesuch des Assistenzarztes Dr. Pollak aus
Prag. Derselbe will auch die Modalitäten einer Zweigvereinigung wissen.
Dr. Rank wird beauftragt, Dr. Pollak darüber zu schreiben.Dr. P r i n z h o r n hält seinen Vortrag" Ueber Zeichnungen Geisteskran-
ker und Primitiver" . Der Vortragende legt eine Sammlung spontan entstan-
dener Bilder ungeübter Geisteskranker aus der Psychiatrischen Klinik in
Heidelberg vor. Es sind Gestaltungsversuche frei von Tradition und Schule;
die Zeichner sind zu 75 % Schizophrene. Viele der Zeichnungen sind symbo-
lische Bildwerke. Der Vortragende wirft die Frage auf, ob Beziehungen zwi-
schen Geisteskranken und Künstlern bestehen. Die Hauptquellen der Darstel-
lungen sind Erotik und Religion, oft in blasphemischer Ausdrucksweise.
Stofflich erscheint Vorliebe für symbolische und wahnhafte Beziehungen,
formal ein Ueberwuchern der Darstellungsmittel . Manche Bilder sind selbst-
gehaltene Zustandsbilder. Das Weltgefühl des Geisteskranken ist auch für
den Künstler charakteristisch: Freude am Spiel , Hinwendung auf das eigene
Ich, Willkür und Selbstsicherheit. Es entsteht die Frage, ob die Krankheit
neue Begabungen erzeugt oder vorhandene nur erweckt. Man muss mit einem
produktivem Faktor im Fortschreiten des psychotischen Zustandes rechnen.
Vortragender weist auf die gegenwärtige Kunst hin , die besondere Beziehun-
gen zu den Bildern Geisteskranker zeigt und versucht die Unterschiede zu
produktiven Künstlern hervorzuheben. Dem Geisteskranken ist die Entfremdung
von der Realwelt als Zwang auferlegt, die vom Künstler bewusst durchge-
führt wird. Sich selbst genug, niemandem verpflichtet, haben die Geistes-
kranken produziert. Die Bildnerei der Geisteskranken ist derZeitpunkt-
kunst so verwandt, weil sie auf der Sehnsuchtslinie liegt. Die Fähigkeit zu
bildnerischen Gestaltungen ist in einem gewissen Ausmasse jedem gegeben.
Vortragender weist auf die Verwandtschaft der primitiven Kunst mit der Gei-S.
kranken hin , namentlich auf die mann-weiblichen Figuren , die starre
Haltung und den grotesken Zug. Bei manchen Bildern kann man zweifeln ob
sie von Geisteskranken oder Wilden herrühren. Vortragender spricht dann über
die Neuorientierung in der Völkerpsychologie, die sich von der alten in-
tellektualistischen Ausbeutung entfernt und meint, dass die enge Verwandt-
schaft zwischen primitiver Kunst und der von Geisteskranken für die Exi-
stenz von Elementargedanken spreche.Dr. F e d e r n erinnert an Silberers funktionales Phänomen und hat den
Eindruck, dass die Verdichtung auf den Bildern Geisteskranker aus einer
Art Zwang entstehe. Die Antike hat erkannt, dass ein Wahnsinniger im Künst-
ler steckt. Bei Geisteskranken und Künstlern trete die bisexuelle Anlage
sehr hervor, aber auch die Motive und materiellen Inhalte sind bei beiden
dieselben.Dr. N u n b e r g erinnert an die Traumverdichtung, in den Zeich-
nungen der Schizophrenen ist ein Streben der Libido vom Ich zurück zu be-
merken. Dozent Schilder betont die Wichtigkeit der Darstellungsfähigkeit
und fragt ob gewisse formale Techniken von gewissen Zuständen angemessen
sind. Gewisse Ritisierungsformen treten vor; vielleicht gibt es ein mo-
torisches Pendant zu gewissen Zuständen. Es besteht kein Zusammenhang be-
stimmter Techniken mit Gedankeninhalt.Professor P ö t z l : In den Bildern Geisteskranker ist wenig Analoges mit
der Kunst der jungpaläolithischen Zeit die eine realistische sei.Dr. R a n k meint Vortragender nähere sich der Psa. Die Theorie der Ele-
mentargedanken werde von der Psychoanalyse vertreten. Die Künstler stellen
Motive des Schaffens dar im Sinne von Komplexen, die Geisteskranken geben
den Entwurf eines Kunstwerkes, das Rohmaterial; es fehlt die Sublimierungs-
fähigkeit.Dozent S c h i l d e r : Bei Amentiakranken hält sich eine bestimmte
Gruppe an das Objekt und die Wirklichkeit, die andere gibt nur Material.Dr. R e i k erinnert mit Anschluss an Pötzl an die grosse realistische
Kunst der Höhlen von Altamira und ihre Uebereinstimmung mit der Kunst der
Buschmänner. Die realistische Kunst habe magische Tendenzen, die spätere
andere.Professor P ö t z l : Die beiden Gruppen der Prähistorischen Kunst haben
sichxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxin der mykänischen Kunst verschmolzen.Dr. P r i n z h o r n : Bei Epileptikern und Paralytikern treten mehr die
realistischen Elemente hervor.S.