[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische sowie sonstige kleinere Mitteilungen V. 1910-435/1910.01

Rank, Otto (1910-435/1910.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische sowie sonstige kleinere Mitteilungen V.

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      P R O T O K O L L  
    der



     

      11/ S  I  T  Z  U  N  G  
    am 14.Dezember 1910.









     

    Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen.           /

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    Herr Gaston Rosenstein erscheint mit 13 von 15 Stimmen gewählt.
    Herr stud.med.Erwin Wechsberg meldet sein Aufnahmsgesuch an.

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    Frau Dr.Hilferding teilt aus Roseggers Selbstbiographie: Waldheimat
    einen Traum des Dichters mit, der in dem Kapitel: Fremd gemacht zu
    finden ist und der dem zum berühmten Mann gewordenen ehemaligen
    Schneiderlehrling  wieder in die Werkstatt des strengen Meisters
    versetzt, wo er umsonst arbeiten muss und wo für ihn kein Platz ist/
    Ref. möchte diesen Traum vielleicht in eine Reihe mit dem Prüfungs-
    traum stellen.

                      Sadger möchte aus seiner Kenntnis Roseggers die Mittei-
                      lung in zwei Punkten ergänzen. Als Lehrling hatte er ein-
                      mal einen Konflikt mit dem Meister, der es ihm nicht ver-
                      zeihen konnte, dass er ihn nicht bestohlen hatte; im Trau-
                      me arbeitet er unentgeltlich. Der Meister ist offenbar der
                      eigene Vater, was sich auch daraus ergibt, dass ihm sowohl
                      sein Meister Vorwürfe wegen eines Gedichtes gemacht hatte,
                      wie auch sein Vater gesagt haben soll: Aus dem Jungen wird
                      nichts Rechtes werden.
                      Adler möchte ohne näher auf die Deutung des Traumes einzu-
                      gehen, schliessen, dass der Traum in einer besonders schwie-
                      rigen Situation geträumt sei, da das Nachrufen des ehemali-
                      gen Schneiderlebens so anmute, als wollte sich der Dich-
                      ter damit Mut machen. Der Umstand, dass im Traume kein Platz
                      ist und dass er beim Erwachen Kindergeschrei hört, machen
                      es wahrscheinlich, dass er vielleicht keine Kinder mehr
                      wollte.
                      Hitschmann macht darauf aufmerksam, dass im Traume sehr
                      häufig die Berufsarbeit für den Koitus gesetzt ist.
                      Federn hält dieses Zurückgehen auf einen mangelhaften
                      Zustand für eine Art Entkleidungstraum; daneben auch Prü-
                      fungstraum.
                      Sachs meint, dass der Platzmangel in der Werkstatt viel-
                      leicht sich auf das Elternhaus des Dichters und auf sei-
                      ne nachfolgenden Geschwister bezieht.
                      Grüner sieht eine Bedeutung dieses Traumes auch in der
                      Geburtsphantasie: Die Werkstatt ist das Genitale der Mutter,
                      worin kein Platz ist und dann hört er Kindergeschrei.
                      Prof. Freud liefert aus persönlicher Erfahrung einen Bei-
                      trag zu diesem Traum, der den bewussten Schichten näher
                      steht, sozusagen die Tagesanknüpfung, aus der sich ergibt,
                      dass es sich tatsächlich um etwas dem Prüfungstraum Analo-
                      ges handelt. Es sind das heuchlerische Träume, die man in
                      ihr Gegenteil verwandeln muss, um zum Traumwunsch zu gelan-
                      gen. Der Mann, der es im Leben zu etwas gebracht hat, etwa
                      gar ein berühmter Mann wurde, schämt sich bei Tage, sich
                      seinen ehrgeizigen Phantasien hinzugeben, bei Nacht aber,
                      wo er das tun will, versteckt der Traum das hinter sol-
                      chen Erinnerungen. Die Befriedigung hat er dann erst beim
                      Erwachen, wenn er sich sagt, das ist ja gar nicht wahr.

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    /  Reitler erläutert an einem Ausschnitt aus einer grösseren Hysterie-
    Analyse die Beziehungen der Sexualphantasien zur Selbstmordsymbolik
    (erscheint im Zentralblatt). Es handelt sich um die Auflösung einer
    langjährigen Schlaflosigkeit, welche in einer Hyperakusie der Pat. be-
    dingt war. Diese liess sich als Verdrängung des Wunsches, gewisse nächt-
    liche  geräusche wieder zu hören, auflösen. Sie hatte nämlich in ihrer
    Kindheit im Anschluss an eine Szene, wo sie den nackten Popo des Va-
    ters zu sehen bekam, die Theorie gebildet, dass Mann und Frau ihren
    entblössten Hintern aneinander hielten und sich gegenseitig Luft ein-
    blasen. Diese infantile Phantasie kam in ihren Selbstmordphantasien
    wieder zur Verwendung, in denen sie sich mit Leuchtgas vergiften woll-
    te. Die Luft als Symbol des lebensspendenden Prinzips wird an mehreren
    Beispielen belegt (Bibel u.a.)

                      Adler richtet an den Ref. die Frage, wie Pat. zu dieser Ge-
                      hörsüberempfindlichkeit gekommen ist und was sie damit be-
                      zweckt hat?
                      Hitschmann erwähnt einen Fall von Schlaflosigkeit, bei dem
                      die Hyperakusie mehr angstneurotischen Eindruck machte.
                      Grüner bringt zum Wind als Befruchtungssymbol Beispiele
                      aus der Literatur.
                      Winterstein erwähnt dazu den Ausdruck: Windsbraut. Möglicher-
                      weise könnte eine Erklärung für die Hyperakusie in einer
                      Verlegung von unten nach oben (Ohr) gefunden werden.
                      Oppenheim erwähnt, dass der Wind als Zeugungsprinzip in
                      den antiken Mythen und Religionsvorstellungen eine gros-
                      se Rolle spielt.
                      Klemperer verweist auf die Beziehung dieser Windsymbolik
                      zur Flatulenz.

    /                 Prof. Freud erwähnt einen zweiten Fall mit der gleichen
                      kindlichen Sexualtheorie. Reitlers Pat., die er früher be-
                      handelt habe, stützte sich nicht nur auf die Bibelstelle,
                      sondern auch auf ein persönliches Erlebnis. Bei der Ge-
                      burt ihrer Schwester hatte sie die Mutter jammern gehört:
                      Ach, die Wehen und hat das darauf bezogen, dass es sich um
                      den Wind handle, der ihr vom Vater eingeblasen worden war.
                      Ähnliche kindliche Missbräuche der Worte findet man häu-
                      fig, so wurde die die Stille der Nacht mit dem Stillen der Am-
                      me in Beziehung gesetzt. Die Empfängnis durchs Ohr ist auch
                      eine bekannte Vorstellung. Die sexuelle Bedeutung des Win-
                      des geht auf das Wohlgefühl in den Genitalien beim Schau-
                      keln zurück.

    Hitschmann gibt einen kurzen Bericht eines Falles von Melancholie
    bei einer Frau, die seit 1 1/2 Jahren Witwe ist und Impulse hat, ihre
    Mutter oder ihr Kind zu töten, was sie sehr traurig stimmte.. Gerade zu
    Ablauf des Trauerjahres bekam sie plötzlich Angstzustände. Sie war
    10 Jahre verlobt, der Mann potent, übte nach dem Kind Coitus interrup-
    tus und reservatus. Der Fall zeigt ziemlich klar den Zusammenhang

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    dieser leichten Formen von Verstimmung mit Angstgefühlen, die aus
    verdrängten Wünschen hervorgehen.

                      Federn vermisst eine Mitteilung über Onanie, da in sei-
                      nen Fällen von Melancholie eine protrahierte, durch die
                      ganze Ehe gehende Masturbation vorhanden war, u.zw. mit
                      nachheriger Verstimmung statt der Befriedigung. Diese Art
                      der Reaktion auf die Onanie scheint zur Melancholie zu
                      disponieren.
                      Tausk möchte nicht die blosse Entbehrung des Koitus zur
                      Erklärung derartiger Zustände heranziehen, sondern meint,
                      dass es von Wichtigkeit ist, welche "perversen" Zonen im
                      Geschlechtsverkehr besonders befriedigt waren. Die Ent-
                      behrung dieser Befriedigungen mache die abnorme Traurig-
                      keit schon eher verständlich.
                      Sachs meint, da sich die Pat. nach den Angaben schon mit
                      10 Jahren verlobt habe, dass diese frühzeitige Emanzipie-
                      rung vom Vater nicht ohne Schuldgefühl vor sich gegangen
                      sein kann und dass sich ihre Melancholie und Angst teil-
                      weise aus dem mechanismus des nachträglichen Gehorsams
                      erkläre, da sie jetzt nach dem Tode ihres Mannes wieder
                      ins Elternhaus zurückgekehrt sei.
                      Reitler weist auch auf den Zusammenhang mit der Onanie
                      hin: Eine Pat., bei der sich keine Spur einer Pubertäts-
                      oder Antipubertätsonanie findet, die aber seit ihrer Kind-
                      heit melancholisch war; vielleicht weil sie diese primi-
                      tivste Lebensfreude nie genossen hat.
                      Brecher wirft die Frage auf, ob die Menschen, die auf die
                      Onanie mit Verstimmung reagieren, nicht schon Melancholi-
                      ker waren, deren latente M. sich nur als Reaktion auf der-
                      artige schuldbetonte Handlungen geäussert hat.

      /               Freud sieht in dem vorliegenden Falle einen pathologi-
                      schen Nachtrag zur Trauer. Die Impulse Mutter und Kind um-
                      zubringen, scheinen die Bedeutung zu haben: Wäre doch lie-
                      ber die Mutter oder das Kind statt des Mannes gestorben. /


     

          Hitschmann: Referat einer Arbeit von Eppinger über Vagotonie,
    die eine Erklärung für gewisse nervöse Erkrankungen einzelner Organe
    zu geben versucht.


     

                      Adler findet, dass ein grosse Teil der Arbeit sich mit
                      Rücksicht darauf erübrige, als seit 2-3 Jahrzehnten in der
                      Literatur die Symptome der Vagusneurose existiren. Solche
                      Symptome treten meist anschliessend an irgend ein psychi-
                      sches Erlebnis auf (so Asthmaanfall nach einem Koitus in-
                      terr, andere Erscheinungen nach einem normalen Koitus, wie
                      z.B. Gallenblasenschmerzen bei einer Frau, die sich vor dem
                      Kinderkriegen fürchtete und die diese Schmerzen als Wäch-
                      ter aufruft). Es genügt eben eine Störung des psychischen
                      Gleichgewichtes um diese Organe als "minderwertig zu entlar-
                      ven.
          Grüner Franz: Verlesung der Abhandlung von Peres; Beweis, dass Na-
    poleon nicht gelebt hat; worin napoleons ganze Geschichte einschliess-
    lich seines Familienlebens als Sonnenmythus erklärt wird. Eine Satyre
    auf die damals herrschende mythologische Richtung.


     

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