[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen III. 1911-426/1911.01

Rank, Otto (1911-426/1911.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen III.

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    Referierabend III.
           31. Mai 11

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    R. Reitler: Verlesung einer Stelle aus Hauptmanns: Griechischer Früh-
    ling, als Dokument für die Bedeutung des Oedipuskomplexes.

                  Sachs erwähnt, dass das von Hauptmann gestreifte Problem
                  Periander-Lykophron in der deutschen Literatur dramatisch
                  behandelt sei; Immermann habe ein Drama Lykophron geschrie-
                  ben.

    Reitler: Einen Beitrag zur Sammelforschung über Sexualsymbolik (Vater
    und Mutter als Geschlechtssymbole.

                  Federn weist darauf hin, dass man auch im Volksmund Mutter
                  für Uterus sage.
                  Tausk erwähnt einen jungen Zwangsneurotiker, der Tränen
                  direkt als Ejakulation symbolisiert.
                  Stekel meint, dass in dem mitgeteilten Traume sich auch
                  nekrophile Instinkte auf die Mutter äussern; diese Instink-
                  te unterschätzen wir noch in ihrer Bedeutung; sie gehen
                  vornehmlich auf die Wehrlosigkeit des Toten zurück. Sper-
                  ma als Tränen sind ein sehr häufiges Symbol und der Penis
                  weint ist nach der Anthropophyteia eine dem Volksmund ge-
                  läufige Redensart.
                  Hitschmann weist auf die scherzhafte Bezeichnung des Pe-
                  nis als "Abärvater Han". Er hebt auch hervor, dass die Pat.
                  sich ihrer Klitorissexualität nicht selten bewusst sind.

    Oppenheim legt aus seiner in Vorbereitung befindlichen Arbeit über
    die Schwankträume den Abschnitt über Penissymbole zur Probe vor;
    insbesondere das Szepter als Symbol des Penis wird nach seiner Ent-
    wicklungsgeschichte verfolgt.

                  Stekel verweist zur Symbolik der Krone auf den Fall einer
                  Pat., die aus dem Zweifel, ob die Krone ihrer Weiblichkeit
                  noch intakt sei, eine Symptomhandlung beim Bezahlen einer
                  Krone begeht.
                  Federn meint, dass in den angeführten symbolischen Träumen
                  das Herauswachsen des Baumes aus dem Mutterschosse durch
                  Umkehrung als Hineinstecken aufzufassen wäre und also Be-
                  fruchtung bedeutete. Vielleicht wäre es annehmbar, dass
                  das Szepter entwicklungsschichtlich aus dem Penis, als
                  dem väterlichen Attribut sich entwickelt haben könnte.
                  Interessant wäre es auch zu wissen, ob die Krone vielleicht
                  ursprünglich das Attribut der Königin war.
                  Tausk erwähnt ein "Wiegenlied" südafrikanischer Neger, wo
                  gleichfalls der Penis dem Szepter verglichen wird.
                  Reitler erwähnt zur Symbolik des Herdes die Symbolik des
                  Schornsteinfegers, der auch als Glückssymbol gelte, was auf
                  eine geheime sexualsymbolische Bedeutung schliessen lasse.
                  Der Herd galt seit jeher als besonderer Ehrenplatz und das
                  Anbieten desselben, wie es z.B. heute noch in England üb-
                  lich sei, wäre eigentlich identisch mit dem Anbieten der
                  Hausfrau, welche Sitte noch bei einigen Stämmen existiert.
                  Oppenheim findet den Schornsteinfeger als Sexualsymbol
                  im Folklore vollständig belegt.
                  Grüner G. meint, dass die Krone ein Symbol des Reiches sei
                  und als solches irgendwie auch das Weib darstelle.
                  Prof. Freud erwähnt, dass die alten Szepter etwas anders
                  ausgesehen haben als die modernen; sie waren ein Stab, der
                  oben eine Kugel trug und diese Teilung in zwei Abschnit-
                  te steigert die Aehnlichkeit mit dem Objekt, das ursprüng-
                  lich dargestellt werden sollte.
                  Friedjung erwähnt das Märchen vom "Natterkrönlein", wo auch
                  die Symbolik der Schlange als Penis und der Krone als Vul-
                  va angedeutet scheine.
                  Sachs erwähnt ein Drama von Lope de Vega, worin der Stab
                  des Vaters dann als Szepter des Sohnes auftritt.

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                  Stekel referiert eine graphologische Arbeit aus dem Gross'schen
    Archiv, die seine früheren Behauptungen von der Ausprägung der Sexu-
    alsymbolik in der Schrift bestätige.

                  Referat eines Buches: Die Bibel des 20. Jahrhunderts, das sich d
    als grossartige Ammenphantasie entpuppe.

                  Hirschfelds Arbeit im Neurolog. Zentralblatt über den Horror
    sexualis partialis, die die Existenz eines Antifetischismus konsta-
    tiere, lasse die nächstliegenden psychoanalytischen Gesichtspunkte,
    insbesondere die Verdrängung bedauerlicher Weise gänzlich ausser
    Acht.

                           Federn meint, dieser Antifetischismus sei einfach eine
                           Idiosynkrasie, deren Mechanismus durch Freud aufgeklärt wor-
                           den sei.
                           Friedjung gibt zur Graphologie das Beispiel eines jungen
                           Mannes, der so lange er keusch war, seine Unterschrift mit
                           einer ovalen Linie zu umschreiben pflegte (Vulva ähnlich),
                           nach Aufnahme des normalen Geschlechtsverkehrs aber diesen
                           symbolischen Ersatz der Vulva verschwinden liess.

    Stekel teilt ferner zwei neue Traumsymbole mit: "in Träume sieht ein
    Zimmer ohne Fenster: das ist ein aussichtsloses Frauenzimmer.

    Ein anderer Träumt von einer Schwimmanstalt, wo der Schwimmmeister
    einen alten Mann am Strick zieht. Der Schwimmmeister sagt: Sie haben
    ja Grund; er stellt sich auf und dann sieht ihn der Schwimmmeister
    weg. Es handelt sich um die Darstellung von begründeter und grundlo-
    ser Angst. Der Angstanfall tritt ein, wo er keinen Grund hat; der Sym-
    bolismus ist umgekehrt.

                           Tausk findet, dass das anders zu deuten ist; Dass der Pat.
                           erst aggressiv wird, wenn er keinen Grund hat, sich zu fürch-
                           ten.
                           Freud findet, dass diese Art von Ersatz im Traume nicht
                           als Symbolik bezeichnet werden sollte, sondern einfach zur
                           Traumdarstellung zu rechnen sei.

    Tausk teilt den langen Traum einer Medizinerin mit, der seinen Sinn
    ziemlich deutlich verrät und einzelne Symbole in deutlicher Verwen-
    dung zeigt.

    Furtmüller bespricht einen Aufsatz von Edwin Bormann ("Beilage zur
    allgemeinen Zeitung vom 27. Mai 1911) über die Namen in Goethes Götz,
    und worin aus der Häufung der Namen Hans, Wolf und Götz in der ersten
    Fassung geschlossen wird, dass Goethe in dem anonym erschienenen Werk
    auf diese Weise seine Namenssignatur angebracht habe. Der Fehler die-
    ser Darlegung scheint in der bewussten Auffassung dieses Vorgangs
    zu liegen; wenn wir aber das ganze als unbewusste Leistung auffassen,
    so wird es uns als Ausdruck der Identifizierung mit dem Helden klar.

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                  Heller bemerkt, dass der Autor dieser Abhandlung bekannt
                  sei durch seine Behauptung, dass die Shakespeare zuge-
                  schriebenen Dramen von Bacon herrühren und dass dieser
                  seine Autorschaft durch ähnliche Spielereien hineinge-
                  heimnisset habe.
                  Frau Dr. Hilferding ergänzt, dass auch Faust einmal als
                  Hans bezeichnet werde, obwohl er doch sonst Heinrich heis-
                  se und verweist auf den Aerger Goethes über die Spielerei
                  Herders mit seinem Namen, was doch auch für einen Namen-
                  komplex spreche.
                  Federn möchte die Kausalität umkehrend sagen, dass Goethe
                  den Götz ohne gewichtige Gründe deshalb anonym herausgab,
                  weil er die intensive Identifizierung mit dem Helden und
                  Selbstdarstellung darin fühlte.
                  Stekel möchte diese Tatsachen als Beweis für seine Ausfüh-
                  rungen über die Verpflichtung des Namens in Anspruch neh-
                  men.
                  Freud meint, dass das Thema der Verwendung des eigenen Na-
                  mens von mehr als einem Standpunkt der Betrachtung wert
                  sei. Das erste Beispiel dieser Art habe er vor Jahren an
                  einer Patientin erlebt, die den Namen ihres Mannes in
                  zweckmässiger Weise verwendete, ohne aber im Sinne Stekels
                  unter einer "Verpflichtung des Namens" zu leiden.
                  Stekel bestätigt die Kenntnis dieses Falles und erinnert
                  an einen anderen ihm halb scherzhaft von Freud mitgeteil-
                  ten.
                  Oppenheim verweist auf die grosse historische Bedeutung
                  dieses Themas, da ein bedeutungsvoller Name wichtig werden
                  musste für das Innenleben historisch bedeutsamer Persön-
                  lichkeiten. Er erinnert an das philologische Kriterium mythologische
                  historische Personen für mythische Erfindungen
                  zu erklären, wenn der Name den Inhalt des Ueberlieferten
                  so gut deckt. Otto Jahn habe gezeigt, wohin die extreme
                  Anwendung dieses Kriteriums führen müsse und dass danach
                  z.B. Sokrates nach seinem eigenen Namen und dem seiner Mut-
                  ter, die das Wesen seiner Lehre ausdrücken, ebenfalls als
                  mythische Person zu gelten hätte, ganz wie Aristoteles,
                  der Schöpfer der Lehre vom Telos. Wenn man nicht annehmen
                  will, dass auch der Zufall manchmal etwas Vernünftiges zu-
                  stande bringen könne, so liesse sich nur annehmen, dass die
                  Betreffenden z.B. Aristoteles durch ihre Namen zur Beschäf-
                  tigung mit diesen Problemen angeregt wurden.
                  Stekel verweist auf die Novelle von Franzos, die schildert
                  wie ein Jüngling an seinem Namen, Friedrich Schiller, zugrun-
                  de geht. Ueberhaupt sei ja bekannt, dass die Söhne grosser
                  Männer am Genie ihrer Väter zugrunde gehen.
                  Federn verweist darauf, dass in vielen Beispielen, die Ste-
                  kel nannte, die angebliche Verpflichtung des Namens sich auf
                  den Vaterkomplex reduziere.
                  Friedjung führt zum Beweise, dass in weiten Kreisen das Be-
                  wusstsein der Verpflichtung des Namens bestehe, an, dass sich
                  Päpste und Könige ihren Namen nach ihrer Krönung wählen.
                  Freud verweist darauf, dass in der altägyptischen Kultur der
                  Name als Teil der Persönlichkeit, als Teil der Seele galt.
                  Die Verpflichtung des Namens sei aber jedenfalls noch ein
                  recht trügerischer Boden.
                  Dr. van Emden erzählt von den Eingeborenen Westindiens, die
                  ihren Namen jedesmal ändern sobald sie einen neuen Spröss-
                  ling bekommen.

    Prof. Freud teilt zur Traumdarstellung mit, dass die Verführung im
    Traume recht häufig durch falsches Fahren mit einem Wagen oder der
    Eisenbahn dargestellt werde und gibt dazu zwei Beispiele.

                  Göthe erzählt in seiner Biografie einen Schabernack aus sei-
    nem Kinderjahren, wie er als kleiner Bub Geschirr vom Balkon herunter-
    warf, weil die Knaben ihn dazu aufgefordert hatten. Ein Pat. erzählte

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    nun etwas Analoges und bei ihm war es ein leichtes darauf zu kommen
    was es bedeute. Er hat in seinem 4. Lebensjahr (im 3. wurde ihm die
    Schwester geboren) dasselbe getan, wie sich in der Analyse heraus-
    stellt als Ausdruck der feindseligen Impulse gegen das Neugeborene.
    Auch der kleine Hans äussert kurz nach der Geburt seiner Schwester
    den Wunsch, sie vom Balkon herunterzuwerfen.

                  Furtmüller erwähnt zu den Hassregungen Goethes, dass in
                  Dichtung und Wahrheit von einem kleinen Bruder die Rede
                  sei, gegen den deutlich Eifersucht- und Hassregungen vorge-
                  legen seien; bei seinem Tode äusserte er keinerlei Zei-
                  chen von Trauer. Allerdings lassen sich die chronologischen
                  Verhältnisse schwer feststellen.
                  Sachs bringt zur Darstellung der Verführung ein Beispiel,
                  aus einem eigenen Traume, den er vor mehreren Wochen zu
                  analysieren Gelegenheit hatte.
                  Tausk erwähnt die bei den Südslaven herrschende Sitte,
                  Töpfe zu zerschlagen, wenn jemand sterbe.
                  Oppenheim weiss dasselbe von den griechischen Tanagra -
                  Figürchen zu berichten. Das Gefäss sei übrigens ein ural-
                  tes Symbol des Menschen (Hals, Bauch; Füsse desselben.
                  Furtmüller bemerkt dazu, dass das deutsche Wort Kopf ur-
                  sprünglich Topf bedeutete.


     

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