Rank, Otto (1907-441/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Conrad Ferdinand Meyer‹
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Die Arbeit soll demnächst in der Löwenfeld'schen Sammlung er-
scheinen, weshalb eine ausführliche Inhaltsangabe hier unterbleibt.
Hervorgehoben seien bloß einige Hauptpunkte: für des Dichters Ent-
wicklung seien zwei Momente maßgebend gewesen: die Belastung
und die Erotik. Er habe eigentlich sein Leben lang an unerwiderter
Mutterliebe gelitten und erst der Tod der Mutter im Verein mit der um
diese Zeit eingetretenen materiellen Unabhängigkeit lassen sein Dichter-
talent zur Entfaltung kommen.
Diskussion:
Graf bemerkt, er habe für Meyer keine besondere Neigung und sich nie
näher für ihn interessiert. An dem Porträt von Stauffer-Bern sei
ihm immer besonders das Lebensfrohe und weniger das Pathologische
aufgefallen. Von einer Psychologie der Dichter dürfe man den Nutzen
fordern, etwas vom Zusammenhang der Persönlichkeit mit dem
Werk zu erfahren; diesen wesentlichen Punkt habe Sadger nicht
genügend berücksichtigt. In dem Sich-Versenken in die früheren
Jahrhunderte während seiner letzten Psychose sähe man das Zentrum
seines Schaffens.
Sadger konstruiere zu viel Belastungssymptome. Was S. „Assoziations-
widerwillen“ nenne, möchte er eher als starkes Innenleben be-
zeichnen. Auch finde er eine große Flüchtigkeit in der Be-
gründung der aufgestellten Hypothesen und Thesen. — Gegen eine
Hysterie im 63sten Jahre erhöben sich große Bedenken. — Auch
möchte er bezweifeln, dass erst der Tod der Mutter ihn zum
Dichter gemacht habe. — Bei einer psychologischen Betrachtung
der Dichter würde sich auch der Grundtypus des erst sehr spät
zum Schaffen gelangenden Künstlers ergeben.
Schwerdtner betont, dass Sadger nur eine genaue Biographie
des Dichters gegeben habe, während eine Übersicht über die
Werke, vielleicht sogar auch ohne ausführliche Biographie, eineS.
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bessere Einsicht in das Wesen des Dichters eröffnet hätte.
Nicht alle Behauptungen würden erwiesen, es fielen einige
Widersprüche auf und man brauche gar keine „Belastung“,
um all die Erscheinungen zu erklären.
Stekel ist entsetzt und befürchtet, diese Arbeit werde unserer
Sache schaden. Sadger habe einen Schlüssel mit dem er alle
Dichterseelen erklären wolle; so einfach gehe aber die Sache nicht.
Das sei Oberflächenpsychologie. — Er protestiert gegen die Be-
hauptung der erblichen Belastung. — Das Wort „Assoziations-
widerwillen“ sei ein Unsinn: die Leute haben einen großen
Komplex, der sie unausgesetzt beschäftigt. — Die Anthrophobie
deute auf Onanie hin; deswegen habe sich Meyer zu Hause nie
wohl gefühlt. Sein später Schaffen hänge mit seiner spät er-
reichten Potenz zusammen, auf die seine späte Heirat (mit 50
Jahren) schließen lasse. — Die Krankheit im Alter (beischwindender
Potenz) dürfte Angstneurose gewesen sein. Bei der ersten
„Psychose“ sei ein Selbstmordversuch zu vermuten. — Das Ver-
hältnis zur Mutter hätte nur einmal fein angedeutet aber nicht
aufdringlich herausgestrichen werden dürfen. Man müsse sich
in die Werke vertiefen und den Zusammenhang mit dem Leben
aufzeigen. Ein Vergleich der alten und neuen Ausgabe seiner
Gedichte, mit besonderer Berücksichtigung dessen, was der
Dichter später weggelassen habe (das sei das Wesentliche für den
Psychologen) wäre viel fruchtbarer gewesen als Sadgers Unter-
suchung. Schließlich appelliert an Sadgers Gewissen, die Schrift
nicht in der Form erscheinen zu lassen.
Rank bemerkt, dass diesem Kreise ja die „Familienpsychologie“
(Verhältnis zu Eltern und Geschwister) des Dichters geläufig sei, und dass
wir sie überall dort, wo keine Gegenbeweise vorliegen, mit
Recht vermuten könnten, aber für das große Publikum scheinen
Sadgers Ausführungen zu voraussetzungslos und wenig über-S.
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zeugend dargestellt zu sein. Einzelne, allerdings unwesentlichere
Punkte seiner Ausführungen könne er aus seiner allgemeinen
Erfahrung bestätigen. Das Meyer „für die Schwester“ schrieb sei etwas
bei Dichtern ganz allgemein gültiges. Jeder Dichter schreibe zunächst
(d. h. unbewusst) für sich aber immer mit dem Gedanken (d. h.
bewusst) an eine oder mehrere geliebte Personen.
Federn ist entrüstet. — Über die sexuelle Entwicklung des
Dichters habe Sadger kein Wort gesagt, weil man eben nichts darüber
wisse: also könne man auch keine Pathographie schreiben.
Meyer müsse bedeutende sexuelle Erlebnisse gehabt haben.
Das Inzest-Verhältnis zur Schwester sei von einem Neurotiker
aus den Werken erkannt worden. — Wahrscheinlich war Meyer
Onanist und schämte sich vor der Mutter. —
Steiner hebt hervor, dass ihn nur der Patient an Meyer interessiere.
Belastung liege tatsächlich vor. Es sei die typische Jugend eines
Onanisten geschildert worden; auch scheine er psychisch impotent
gewesen zu sein. Als eine mehr passive Natur hat er wahrscheinlich
auf Weiber weniger Eindruck gemacht. Er mache überhaupt
im Ganzen den Eindruck eines Neurotikers: sowohl im infantilen
als auch im späteren Leben. —
Wittels weist zunächst die persönlichen Wut- und Ent-
rüstungsausbrüche Stekels und Federns als ganz deplaziert
zurück. — Das Verhältnis zwischen Potenz und Dichten sei nicht
so einfach wie Stekel es sich vorstelle. Was den „Assoziations-
willen“ betreffe, so sei doch der Begriffganzklar und die Ein-
wendungen nur Wortstreitigkeiten.
Prof. Freud möchte zunächst nur zur Mäßigung raten. Anzu-
erkennen sei jedenfalls der Fleiß, der aber leider nur zu
häufig auf unfruchtbare Themen falle. Sein Gesamturteil
entferne sich nicht aber nicht weit, von dem hier gefällten.
Das sei nicht der richtige Weg Pathographien zu schreiben; GrafS.
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habe etwa den richtigen Weg angedeutet, der von den Werken ausgehen
müsse. Sadger habe eine fest ausgebildete Manier, die in der
Anwendung eines zweiseitigen Schemas bestehe: der Belastung und
der modernen erotischen Psychologie. Im Lichte dieses Schemas werde
nun das Leben betrachtet.Aus Sadgers Untersuchung sei ihm gar nichts klar geworden; das
Rätsel dieser Persönlichkeit sei noch ungelöst. — Es sei jedoch
gar keine Nötigung, solche Pathographien zu schreiben. Die Theorien
können nur Schaden leiden und für den Gegenstand schaut dabei
nichts heraus. —Das Pathologische könne nur als Resterscheinung übrig bleiben;
dazu muss man aber früher schon sehr viel vom psychischen Mechanis-
mus wissen. — Für den „Assoziationswiderwillen“ sei auch Meyer kein
gutgewähltes Beispiel: er habe ein festes Verhältnis zum Gedankenkreis der
Renaissance.Ein Stück seiner Jugendentwicklung sei richtig gedeutet: sein
Mißglücken als junger Mensch gehe auf den Trotz gegen seine Mutter
zurück.Bei einem Versuch, sich den Charakter Meyers zu konstruieren,
trete der anale Zug deutlich hervor: schon in diesem Trotz (die
Reinlichkeitliebe [er schrie als Kind „abputzen“!] sei überkompensiert).
Auch habe er immens reich geheiratet und wurde später wegen
Steuerhinterziehung zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.
Von dieser Seite ist er jedoch in seinen Werken nicht zu fassen.
Er verrate eine tiefe Kenntnis psychologischer Vorgänge; so
enthülle sein Gedicht „Am Himmelstor“ das ganze Geheimnis
der Zwangsneurose. Die Neigung zur Schwester verriet sich in
seinem Gefühlsleben deutlich: besonders in der Novelle
„Die Richterin“, die die Wegputzung der Inzestmöglichkeit
behandelt; am Schluss stellt sich heraus, dass sie keine
Geschwister sind.S.
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Hitschmann findet einige unlogische Dinge in der Arbeit.
Man brauche gar nicht immer so weit hergeholte Erklärungen für
alle Dinge: so müsse doch der Reisedrang nichts Pathologisches
haben; es sei doch bekannt, das die Schweizer viel reisen.
Der Untersuchung wert wäre es wohl festzustellen, welchen Einfluss
es auf das Kind übt, wenn es von seiner Mutter als Witwe erzogen wird;
ob diese Söhne nicht eher ledig bleiben?Jede Beziehung des Kindes sei doch nicht erotisch; es gebe doch
auch andere Anteile.Auf Masturbation scheine vieles hinzudeuten; auch der üble
Mundgeruch sei als eine Art Beachtungswahn, dafür charakteristisch.
Das Schwanken vor dem Dichterberuf sei doch fast immer die Regel.
Vielleicht war übrigens Meyer schon lange vor seinen ersten Publikationen
dichterisch tätig und vernichtete nur vieles.Auch aufs Materielle werde immer verzichtet (bei der Pflege des
Imbezillen durch Meyers Mutter); es sei so wie in den Romanen, wo auch
die Figuren immer von der Luft leben.Sadger hebt in seinem Schlusswort hervor, dass er
gehofft habe mehr zu lernen, als er tatsächlich erfahren habe.
Er habe Belehrung erwartet und trage nichts als ein paar
Schimpfworte nach Hause. Nachdem er noch die persönlich
beschimpfenden Ausfälle, gegen die es keine Argumente gebe, zurück-
gewiesen hat geht er auf die sachlichen Einwendungen ein und
präzisiert zunächst seinen Standpunkt: Aus den Werken lasse
sich nicht mit Sicherheit konstatieren, was derDichter Reales erlebte,
weil nichts das Reale vom Illusionierten unterscheide; man
wisse nicht wo die Wahrheit aufhöre und die Dichtung beginne.
Der Weg aus den Werken sei also sehr unverlässlich.Bei dem Belastungsbegriff habe er das Hauptgewicht auf das Über-
mäßige gelegt.
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