Rank, Otto (1907-437/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›Analyse eines Falles von Angsthysterie‹
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Die Analyse selbst wird ausführlich publiziert werden.
Es handelt sich um einen Fall von Berufsneurose bei einem
Kantor, der unter gewissen (wie sich später erweist streng
determinierten) Umständen, in Gebet stockt, über gewisse
Stellen nicht hinweg kann, sie auslassen muss und Angstzu-
stände dabei bekommt.
Er ist mit seinem Beruf unzufrieden, und es sei für alle
Fälle charakteristisch, dass die Neurotiker, wenn ihre Neurose mit dem
Beruf zusammenhänge, aus diesem zu flüchten suchten.
Typisch für alle Angstneurosen sei auch der Wunsch nach dem
Tod des andern Eheteils; dieser Gedanke drücke das Schuldbewusst-
sein dieser Leute so sehr.
Pat. habe sich auf die Weise zu helfen gesucht, dass er sich bei diesen
Funktionen freundliche Gedanken machte, sich Entkleidungs-
scenen und Akte mit Weibern vorstellte.
Es stellt sich heraus, dass die „Anfälle“ des Mannes mit seinen
onanistischen Akten in innigem Zusammenhang stehen,
und dass die Stellen, an denen er stecken bleibt zu seinem
Schuldbewusstsein in Beziehung stehen.Diskussion:
Hitschmann bemerkt, die Konsequenz der Sache müsse einen
fast überzeugen.
Sadger vermutet, der Wunsch nach dem Tode des Ehegatten gehe
auf Homosexuelles zurück. Überhaupt sei vielmehr
die Homosexualität an der Verursachung der Neurosen schuld.
Freud schließt sich dem Lobe des Analytikers an; Stekel verstehe das
Elementarmachen. Die Auffassung der Berufsneurose sei
tadellos. Der Mensch übertrage seine sexuellen Phantasien auf
seinen Beruf (Gradiva). Der Mensch ziehe regelmäßig eineS.
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(la bête humain)
sexuelle Komponente für den Beruf heran; solange diese ein gewisses
Maß nicht übersteigt ist sie fördernd, wird dieser Betrag zu
groß, dann schlägt diese Förderung in Hemmung um; d. h. die
Sexualverdrängung überträgt sich auf den Beruf.
Interessant sei die Schauspieler-Berufsneurose, die ein bedeutsames
Licht auf die Bedingungen des Schauspielerseins werfe; wenn nämlich
die Identifizierung zu weit geht / so dass er auf gewisse Erinnerungen
kommt, die er mit seinem wirklichen Ich in Beziehung bringen
kann /, so wirkt sie störend, hemmend. Eine solche Störung durch
den Eigenkomplex habe auch bei der Schauspielerin Kathi Frank den
Verlust des Gedächtnisses eingeleitet. Sie blieb in Maria Stuart
an der Stelle stecken, wo sie zu sagen gehabt hätte: „Ich bin besser als
mein Ruf.“ –
Wenn man so eine Analyse höre, falle einem die Monotonie
all dieser Dinge auf. Gleiche Verhältnisse erzeugen fast immer
dasselbe psychische Material.
Einwendungen: Die Träume sind nicht sauber gedeutet.
Im Inhalt des ersten Traumes habe Stekel den sadistischen Faktor
übersehen, der auch die Hemmung bei der Deborah-Stelle erklärt.
Diesen Traum habe St. unvollständig gedeutet; sein Sinn lasse
sich erraten: Er enthalte Anschuldigungen gegen die zwei
Personen, die schuld sind an seinem Unglück: gegen den
Grossvater und gegen seine Frau. Diese zwei haben ihn zur Onanie
getrieben. Er onaniert weil er mit dem Geruch (in den ihn der
Grossvater gebracht hat) und mit der Frau unzufrieden ist.
Diese Wut finde man bei all diesen unbewussten Sadisten; sie
gehe zurück auf ein in der Kindheit erflossenes Onanie-
verbot. Es sei der typische Kastrationsdrohungskomplex (der
sich ja auch im Märchen vom Däumling und Menschenfresser
finde).
Der Traum von Frau König sei ein verkappter Muttertraum; derS.
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darin erwähnte „Geburtsort“ sei ja die Vagina seiner Mutter. –
Unterdrückte Wut führe regelmäßig zur Angst.
Das Homosexuelle scheine Sadger nur im Vordergrund zu stehen.
Es liege tiefer, also dem Autoerotischen näher als das Heterosexuelle;
aber der Unterschied im Objekt komme für den ganzen Mechanismus
nicht in Betracht.
Rank habe die Frage nach dem Zusammenhang zwischen
Berufswahl und Neurose aufgeworfen. Da wir doch die Berufs-
wahl als psychisch determinierten Akt, gerade zum Abreagieren der
Sexualität, aufzufassen gewohnt seien (man sehe die Künstler,
die sich ja doch vor der Neurose bewahren), so könne nur der
Berufszwang eine Neurose zulassen. Darauf sei ja zu erwidern,
dass die Leute mit Berufsneurose ihren Beruf nicht
mögen, denn der Profit sei ja, den sie dem Beruf loswerden
(Freud). Auch sei es eine falsche Auffassung, dass sie ihre
Sexualität abreagieren, sondern sie halten sie fern. –
Adler findet, abgesehen von St.s akzeptablen Deutungen,
lange noch nicht genug, um das Wesen des Pat. zu erklären.
Die hier aufgedeckte Verdrängung ist eine oberflächliche, frische;
dieser Einblick in kleine Zusammenhänge der letzten Zeit,
mag dem Pat. zur Kur ja genügen. – Der Mann hat bis kurz vor
der Kur eine abnorme Art des Geschlechtsverkehrs betrieben,
die allein schon geeignet wäre, Angstneurose hervorzurufen.
Durch eine Auseinandersetzung über Sexualhygiene würde
von Stekel fast ebensoviel geleistet wie durch seine fragmentarische
Analyse. – Auch bei Angstneurosehysteriebringe man eine Psycho-
analyse fertig, die ganz die gleichen Bestandteile enthält.
Wittels findet St.s Darstellung sehr anregend. Manches sei aller-
dings zu glatt, als dass es einleuchtend wäre. Die Traumanalysen
seien für Laien nicht überzeugend. Dieser Pat., der in jedem
Städtchen ein andres Mädchen gehabt habe, sei eigentlichS.
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trotzdem das Gegenteil eines Don Juan. – Der männliche Don
Juan arbeitet nur mit dem Gehirn; der weibliche befriedigt sich an sich
selbst und benutzt dazu den Mann. Das Ende des Don Juans ist nicht die
Onanie sondern die Homosexualität.
Schwerdtner bemerkt, das Vergessen des Namens im letzten Traum könne
auch bedeuten: er wünsche ein andrer geworden zu sein.
Stekel ist sich bewusst keine vollständige Analyse gegeben zu haben;
die ganze Behandlung habe 6 Wochen gedauert; später wäre der Fall erst
völlig aufgeklärt worden. –Prof. Freud berichtet schließlich noch einige Kleinigkeiten aus Praxis
und Literatur.
Der aus der Analyse schon bekannte Zwangneurotiker habe sich eine
eigene Technik für wirksame Gebete gebildet, damitdasssie nicht durch den Zwang
seines Widerspruchs gestört oder vernichtet werden: er macht das Gebet
so kurz als möglich (oft nur ein Wort; das erste) und kann isoliert er sie
(um die Anknüpfung eines nachfolgenden Gedankens zu verhindern).
So hat er später von jedem Gebet nur den die Anfangsbuchstaben genommen
und daraus ein kurzes (Beschwörungs)wort gebildet. Diese Formel,
die er gebraucht, wenn er zu onanieren beginnt heißt: Glej(i)samen.
Gl sagt er komme vom Anfangswort eines Gebets: Glückliche (= beglücke),
l sei aus dem Wort alle, j(i) = jetzt und immer, amen sei die
Schlussformel. Den Ursprung des e und s habe er vergessen. Nun
lässt sich daraus erraten, dass die von ihm verehrte Dame, deren Namen
er bis jetzt nicht genannt hatte, Gisela heiße: die Gebete geben ein Anagramm
auf denNamenseiner Geliebten:
Gisela
s – amen; das heißt einfach, dass er mit dem Phantasie-
bild seiner Geliebten onaniert; er will seinen Samen mit dem seiner
Geliebten vereinigen.S.
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Erwähnenswert sei auch der Traum eines Chemikers, der wieder zeigt, wie hinter
dem Berufskomplex der sexuelle Komplex stecke.
Bei der „Gradiva“ sei seinerzeit die Frage nach der Beziehung der Dichtung
zum Erleben des Dichters ungelöst geblieben; der Dichter selbst antwortete,
er wisse nicht, wie er dazu gekommen sei. – Nun habe Jung auf zwei
ältere Novellen von Jensen: „Der rote Schirm“ und „ein gotisches Haus“
(unter dem Gesamttitel: „Übermächte“ erschienen) hingewiesen, die viele
Ähnlichkeiten, oft bis ins Detail, mit der „Gradiva“ haben. Sie seien erste
Vorstufen zur Lösung des Gradiva-Problems. Man kann daraus mit
Bestimmtheit das Erlebnis angeben, das den Dichter nötigte, in drei
verschiedenen Arten die Lösung dieses für ihn so bedeutsamen
Eindruckes zu versuchen. – Interessant wäre es, wenn der Dichter – wie
er ja vorgibt – davon nichts gewusst haben sollte. –