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Ein religiöses Erlebnis
Von
Sigm. FreudAus dem im Juni 1928 erschie-
nenen XI. Band der „Gesam-
melten Schriften“ von Sigm.
Freud.Im Herbst 1927 veröffentlichte ein deutschamerikanischer
Journalist, den ich gern bei mir gesehen hatte (G. S. Viereck),
eine Unterhaltung mit mir, in der auch mein Mangel an
religiöser Gläubigkeit und meine Gleichgültigkeit gegen eine
Fortdauer nach dem Tode berichtet wurde. Dies sogenannte
Interview wurde viel gelesen und brachte mir unter anderem
nachstehende Zuschrift eines amerikanischen Arztes ein:„... Am meisten Eindruck machte mir Ihre Antwort auf die
Frage, ob Sie an eine Fortdauer der Persönlichkeit nach dem Tode
glauben. Sie sollen geantwortet haben: Daraus mach’ ich mir gar
nichts.Ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen ein Erlebnis mitzuteilen, das
ich in dem Jahr hatte, als ich meine medizinischen Studien an der
Universität in X. vollendete. Eines Nachmittags hielt ich mich
gerade im Seziersaal auf, als die Leiche einer alten Frau herein-
getragen und auf einen Seziertisch gelegt wurde. Diese Frau hatte
ein so liebes, entzückendes Gesicht (this sweet faced woman), daß
es mir einen großen Eindruck machte. Der Gedanke blitzte in mir
auf: Nein, es gibt keinen Gott; wenn es einen Gott gäbe, würde
er nie gestattet haben, daß eine so liebe alte Frau (this dear old
woman) in den Seziersaal kommt.Als ich an diesem Nachmittage nach Hause kam, hatte ich unter
dem Eindruck des Anblicks im Seziersaal bei mir beschlossen, nicht
wieder in eine Kirche zu gehen. Die Lehren des Christentums waren
mir auch vorher schon ein Gegenstand des Zweifels gewesen.Aber während ich noch darüber nachsann, sprach eine Stimme in
meiner Seele, ich sollte mir doch meinen Entschluß noch reiflich
überlegen. Mein Geist antwortete dieser inneren Stimme: Wenn ich
die Gewißheit bekomme, daß die christliche Lehre wahr und die
Bibel das Wort Gottes ist, dann werde ich es annehmen.S.
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Im Verlauf der nächsten Tage machte Gott es meiner Seele klar,
daß die Bibel Gottes Wort ist, daß alles, was über Jesus Christus
gelehrt wird, wahr ist, und daß Jesus unsere einzige Hoffnung ist.
Nach dieser so klaren Offenbarung nahm ich die Bibel als das Wort
Gottes und Jesus Christus als den Erlöser meiner selbst an. Seither
hat Gott sich mir noch durch viele untrügliche Zeichen geoffenbart.Als ein wohlwollender Kollege (brother physician) bitte ich Sie,
Ihre Gedanken auf diesen wichtigen Gegenstand zu richten und
versichere Ihnen, wenn Sie sich offenen Sinnes damit beschäftigen,
wird Gott auch Ihrer Seele die Wahrheit offenbaren, wie mir
und so vielen anderen ...“Ich antwortete höflich, daß ich mich freue zu hören, es sei
ihm durch ein solches Erlebnis möglich geworden, seinen
Glauben zu bewahren. Für mich habe Gott nicht so viel
getan, er habe mich nie eine solche Stimme hören lassen und
wenn er sich – mit Rücksicht auf mein Alter – nicht sehr
beeile, werde es nicht meine Schuld sein, wenn ich bis zum
Ende bleibe, was ich jetzt sei – an infidel jew.Die liebenswürdige Entgegnung des Kollegen enthielt die
Versicherung, daß das Judentum kein Hindernis auf dem
Wege zur Rechtgläubigkeit sei und erwies dies an mehreren
Beispielen. Sie gipfelte in der Mitteilung, daß eifrig für mich
zu Gott gebetet werde, er möge mir faith to believe, den
rechten Glauben, schenken.Der Erfolg dieser Fürbitte steht noch aus. Unterdes gibt
das religiöse Erlebnis des Kollegen zu denken. Ich möchte
sagen, es fordert den Versuch einer Deutung aus affektiven
Motiven heraus, denn es ist an sich befremdend und besonders
schlecht logisch begründet. Wie bekannt, läßt Gott noch ganz
andere Greuel geschehen, als daß die Leiche einer alten Frau
mit sympathischen Gesichtszügen auf den Seziertisch gelegt
wird. Dies war zu allen Zeiten so und kann zur Zeit, als der
amerikanische Kollege seine Studien absolvierte, nicht anders
gewesen sein. Als angehender Arzt kann er auch nicht so welt-
fremd gewesen sein, von all dem Unheil nichts zu wissen.S.
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Warum mußte also seine Empörung gegen Gott gerade bei
jenem Eindruck im Seziersaal losbrechen?Die Erklärung liegt für den, der gewohnt ist, die inneren
Erlebnisse und Handlungen der Menschen analytisch zu
betrachten, sehr nahe, so nahe, daß sie sich in meiner
Erinnerung direkt in den Sachverhalt einschlich. Als ich einmal
in einer Diskussion den Brief des frommen Kollegen erwähnte,
erzählte ich, er habe geschrieben, daß ihn das Gesicht der
Frauenleiche an seine eigene Mutter erinnert habe. Nun, das
stand nicht in dem Brief, – die nächste Erwägung sagt auch,
das kann unmöglich darin gestanden sein, – aber das ist die
Erklärung, die sich unter dem Eindruck der zärtlichen Worte,
mit denen die alte Frau bedacht wird (sweet faced dear old
woman) unabweisbar aufdrängt. Den durch die Erinnerung
an die Mutter geweckten Affekt darf man dann für die
Urteilsschwäche des jungen Arztes verantwortlich machen.
Kann man sich von der Unart der Psychoanalyse nicht frei
machen, Kleinigkeiten als Beweismaterial heranzuziehen, die
auch eine andere, weniger tiefgreifende Erklärung zulassen,
so wird man auch daran denken, daß der Kollege mich später
als brother physician anspricht, was ich in der Übersetzung
nur unvollkommen wiedergeben konnte.Man darf sich also den Hergang in folgender Art vor-
stellen: Der Anblick des nackten (oder zur Entblößung
bestimmten) Leibes einer Frau, die den Jüngling an seine
Mutter erinnert, weckt in ihm die aus dem Ödipuskomplex
stammende Muttersehnsucht, die sich auch sofort durch die
Empörung gegen den Vater vervollständigt. Vater und Gott
sind bei ihm noch nicht weit auseinandergerückt, der Wille
zur Vernichtung des Vaters kann als Zweifel an der Existenz
Gottes bewußt werden und sich als Entrüstung über die Miß-
handlung des Mutterobjektes vor der Vernunft legitimieren
wollen. Dem Kind gilt doch in typischer Weise als Miß-S.
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handlung, was der Vater im Sexualverkehr der Mutter antut.
Die neue, auf das religiöse Gebiet verschobene Regung ist
nur eine Wiederholung der Ödipussituation und erfährt darum
nach kurzer Zeit dasselbe Schicksal. Sie erliegt einer mächtigen
Gegenströmung. Während des Konflikts wird das Ver-
schiebungsniveau nicht eingehalten, von Argumenten zur
Rechtfertigung Gottes ist nicht die Rede, es wird auch nicht
gesagt, durch welche untrügliche Zeichen Gott dem Zweifler
seine Existenz erwiesen hat. Der Konflikt scheint sich in der
Form einer halluzinatorischen Psychose abgespielt zu haben,
innere Stimmen werden laut, um vom Widerstand gegen Gott
abzumahnen. Der Ausgang des Kampfes zeigt sich wiederum
auf religiösem Gebiet; er ist der durch das Schicksal des
Ödipuskomplexes vorherbestimmte: völlige Unterwerfung
unter den Willen Gott-Vaters, der junge Mann ist gläubig
geworden, er hat alles angenommen, was man ihn seit der
Kindheit über Gott und Jesus Christus gelehrt hatte. Er hat
ein religiöses Erlebnis gehabt, eine Bekehrung erfahren.Das ist alles so einfach und so durchsichtig, daß man die
Frage nicht abweisen kann, ob durch das Verständnis dieses
Falles etwas für die Psychologie der religiösen Bekehrung
überhaupt gewonnen ist. Ich verweise auf ein treffliches Werk
von Sante de Sanctis (La conversione religiosa,
Bologna 1924), welches auch alle Funde der Psychoanalyse
verwertet. Man findet durch diese Lektüre die Erwartung
bestätigt, daß keineswegs alle Fälle von Bekehrung sich so
leicht durchschauen lassen wie der hier erzählte, daß aber
unser Fall in keinem Punkte den Meinungen widerspricht,
die sich die moderne Forschung über diesen Gegenstand
gebildet hat. Was unsere Beobachtung auszeichnet, ist die
Anknüpfung an einen besonderen Anlaß, der die Ungläubig-
keit noch einmal aufflackern läßt, ehe sie für dies Individuum
endgültig überwunden wird.
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Ein religiöses Erlebnis
1928-001/1928.2