Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 1916-004/1924

Freud, Sigmund (1916-004/1924): Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit

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    EINIGE CHARAKTERTYPEN
    AUS DER PSYCHOANALYTISCHEN ARBEIT

    Zuerst erschienen in „Imago“, IV (1915/16),
    dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner
    Schriften zur Neurosenlehre“.

    Wenn der Arzt die psychoanalytische Behandlung eines Nervösen
    durchführt, so ist sein Interesse keineswegs in erster Linie auf
    dessen Charakter gerichtet. Er möchte viel eher wissen, was
    seine Symptome bedeuten, welche Triebregungen sich hinter
    ihnen verbergen und durch sie befriedigen, und über welche
    Stationen der geheimnisvolle Weg von jenen Triebwünschen zu
    diesen Symptomen geführt hat. Aber die Technik, der er folgen
    muß, nötigt den Arzt bald, seine Wißbegierde vorerst auf andere
    Objekte zu richten. Er bemerkt, daß seine Forschung durch
    Widerstände bedroht wird, die ihm der Kranke entgegensetzt,
    und darf diese Widerstände dem Charakter des Kranken zu
    rechnen. Nun hat dieser Charakter den ersten Anspruch an sein
    Interesse.

    Was sich der Bemühung des Arztes widersetzt, sind nicht immer
    die Charakterzüge, zu denen sich der Kranke bekennt, und die
    ihm von seiner Umgebung zugesprochen werden. Oft zeigen sich
    Eigenschaften des Kranken bis zu ungeahnten Intensitäten ge-
    steigert, von denen er nur ein bescheidenes Maß zu besitzen
    schien, oder es kommen Einstellungen bei ihm zum Vorschein,

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    die sich in anderen Beziehungen des Lebens nicht verraten hatten.
    Mit der Beschreibung und Zurückführung einiger von diesen über-
    raschenden Charakterzügen werden sich die nachstehenden Zeilen
    beschäftigen.

    I

    Die Ausnahmen

    Die psychoanalytische Arbeit sieht sich immer wieder vor die
    Aufgabe gestellt, den Kranken zum Verzicht auf einen nahe-
    liegenden und unmittelbaren Lustgewinn zu bewegen. Er soll
    nicht auf Lust überhaupt verzichten; das kann man vielleicht
    keinem Menschen zumuten, und selbst die Religion muß ihre
    Forderung, irdische Lust fahren zu lassen, mit dem Versprechen
    begründen, dafür ein ungleich höheres Maß von wertvoller Lust
    in einem Jenseits zu gewähren. Nein, der Kranke soll bloß auf
    solche Befriedigungen verzichten, denen eine Schädigung unfehl-
    bar nachfolgt, er soll bloß zeitweilig entbehren, nur den unmittel-
    baren Lustgewinn gegen einen besser gesicherten, wenn auch auf-
    geschobenen, eintauschen lernen. Oder mit anderen Worten, er
    soll unter der ärztlichen Leitung jenen Fortschritt vom Lust-
    prinzip zum Realitätsprinzip machen, durch welchen sich der
    reife Mann vom Kinde scheidet. Bei diesem Erziehungswerk spielt
    die bessere Einsicht des Arztes kaum eine entscheidende Rolle;
    er weiß ja in der Regel dem Kranken nichts anderes zu sagen,
    als was diesem sein eigener Verstand sagen kann. Aber es ist nicht
    dasselbe, etwas bei sich zu wissen und dasselbe von anderer
    Seite zu hören; der Arzt übernimmt die Rolle dieses wirksamen
    anderen; er bedient sich des Einflusses, den ein Mensch auf den
    anderen ausübt. Oder: erinnern wir uns daran, daß es in der
    Psychoanalyse üblich ist, das Ursprüngliche und Wurzelhafte an
    Stelle des Abgeleiteten und Gemilderten einzusetzen, und sagen
    wir, der Arzt bedient sich bei seinem Erziehungswerk irgend
    einer Komponente der Liebe. Er wiederholt bei solcher Nach-

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    erziehung wahrscheinlich nur den Vorgang, der überhaupt die
    erste Erziehung ermöglicht hat. Neben der Lebensnot ist die
    Liebe die große Erzieherin, und der unfertige Mensch wird
    durch die Liebe der ihm Nächsten dazu bewogen, auf die Ge-
    bote der Not zu achten und sich die Strafen für deren Über-
    tretung zu ersparen.

    Fordert man so von den Kranken einen vorläufigen Verzicht
    auf irgend eine Lustbefriedigung, ein Opfer, eine Bereitwilligkeit,
    zeitweilig für ein besseres Ende Leiden auf sich zu nehmen, oder
    auch nur den Entschluß, sich einer für alle geltenden Notwendig-
    keit zu unterwerfen, so stößt man auf einzelne Personen, die sich
    mit einer besonderen Motivierung gegen solche Zumutung sträuben.
    Sie sagen, sie haben genug gelitten und entbehrt, sie haben An-
    spruch darauf, von weiteren Anforderungen verschont zu werden,
    sie unterwerfen sich keiner unliebsamen Notwendigkeit mehr, denn
    sie seien Ausnahmen und gedenken es auch zu bleiben. Bei
    einem Kranken solcher Art war dieser Anspruch zu der Über-
    zeugung gesteigert, daß eine besondere Vorsehung über ihn wache,
    die ihn vor derartigen schmerzlichen Opfern bewahren werde.
    Gegen innere Sicherheiten, die sich mit solcher Stärke äußern,
    richten die Argumente des Arztes nichts aus, aber auch sein
    Einfluß versagt zunächst, und er wird darauf hingewiesen, den
    Quellen nachzuspüren, aus welchen das schädliche Vorurteil ge-
    speist wird.

    Nun ist es wohl unzweifelhaft, daß ein jeder sich für eine
    „Ausnahme“ ausgeben und Vorrechte vor den anderen bean-
    spruchen möchte. Aber gerade darum bedarf es einer besonderen
    und nicht überall vorfindlichen Begründung, wenn er sich wirklich
    als Ausnahme verkündet und benimmt. Es mag mehr als nur
    eine solche Begründung geben; in den von mir untersuchten Fällen
    gelang es, eine gemeinsame Eigentümlichkeit der Kranken in deren
    früheren Lebensschicksalen nachzuweisen: Ihre Neurose
    knüpfte an ein Erlebnis oder an ein Leiden an, das sie in den

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    ersten Kinderzeiten betroffen hatte, an dem sie sich unschuldig
    wußten, und das sie als eine ungerechte Benachteiligung ihrer
    Person bewerten konnten. Die Vorrechte, die sie aus diesem Un-
    recht ableiteten, und die Unbotmäßigkeit, die sich daraus ergab,
    hatten nicht wenig dazu beigetragen, um die Konflikte, die später
    zum Ausbruch der Neurose führten, zu verschärfen. Bei einer
    dieser Patientinnen wurde die besprochene Einstellung zum Leben
    vollzogen, als sie erfuhr, daß ein schmerzhaftes organisches Leiden,
    welches sie an der Erreichung ihrer Lebensziele gehindert hatte,
    kongenitalen Ursprungs war. Solange sie dieses Leiden für eine
    zufällige spätere Erwerbung hielt, ertrug sie es geduldig; von
    ihrer Aufklärung an, es sei ein Stück mitgebrachter Erbschaft,
    wurde sie rebellisch. Der junge Mann, der sich von einer be-
    sonderen Vorsehung bewacht glaubte, war als Säugling das Opfer
    einer zufälligen Infektion durch seine Amme geworden und hatte
    sein ganzes späteres Leben von seinen Entschädigungsansprüchen
    wie von einer Unfallrente gezehrt, ohne zu ahnen, worauf er
    seine Ansprüche gründete. In seinem Falle wurde die Analyse,
    welche dieses Ergebnis aus dunklen Erinnerungsresten und Symptom-
    deutungen konstruierte, durch Mitteilungen der Familie objektiv
    bestätigt.

    Aus leicht verständlichen Gründen kann ich von diesen und
    anderen Krankengeschichten ein mehreres nicht mitteilen. Ich
    will auch auf die naheliegende Analogie mit der Charakter-
    verbildung nach langer Kränklichkeit der Kinderjahre und im
    Benehmen ganzer Völker mit leidensschwerer Vergangenheit nicht
    eingehen. Dagegen werde ich es mir nicht versagen, auf jene
    von dem größten Dichter geschaffene Gestalt hinzuweisen, in
    deren Charakter der Ausnahmsanspruch mit dem Momente der
    kongenitalen Benachteiligung so innig verknüpft und durch dieses
    motiviert ist.

    Im einleitenden Monolog zu Shakespeares Richard III. sagt
    Gloster, der spätere König:

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    Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht,
    Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln;
    Ich, roh geprägt, entblößt von Liebes-
    Majestät
    Vor leicht sich dreh’nden Nymphen sich zu brüsten;
    Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt,
    Von der Natur um Bildung falsch betrogen,
    Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt
    In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig
    Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend,
    Daß Hunde bellen, hink’ ich wo vorbei;

    Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter
    Kann kürzen diese fein beredten Tage,
    Bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden
    Und Feind den eitlen Freuden dieser Tage.

    Unser erster Eindruck von dieser Programmrede wird vielleicht
    die Beziehung zu unserem Thema vermissen. Richard scheint
    nichts anderes zu sagen als: Ich langweile mich in dieser müßigen
    Zeit und ich will mich amüsieren. Weil ich aber wegen meiner
    Mißgestalt mich nicht als Liebender unterhalten kann, werde ich
    den Bösewicht spielen, intrigieren, morden, und was mir sonst
    gefällt. Eine so frivole Motivierung müßte jede Spur von Anteil-
    nahme beim Zuschauer ersticken, wenn sich nichts Ernsteres hinter
    ihr verbärge. Dann wäre aber auch das Stück psychologisch un-
    möglich, denn der Dichter muß bei uns einen geheimen Hinter-
    grund von Sympathie für seinen Helden zu schaffen verstehen,
    wenn wir die Bewunderung für seine Kühnheit und Geschick-
    lichkeit ohne inneren Einspruch verspüren sollen, und solche
    Sympathie kann nur im Verständnis, im Gefühle einer möglichen
    inneren Gemeinschaft mit ihm, begründet sein.

    Ich meine darum, der Monolog Richards sagt nicht alles; er
    deutet bloß an und überläßt es uns, das Angedeutete auszuführen.
    Wenn wir aber diese Vervollständigung vornehmen, dann schwindet
    der Anschein von Frivolität, dann kommt die Bitterkeit und Aus-
    führlichkeit, mit der der Richard seine Mißgestalt geschildert hat, zu

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    ihrem Rechte, und uns wird die Gemeinsamkeit klar gemacht,
    die unsere Sympathie auch für den Bösewicht erzwingt. Es heißt
    dann: Die Natur hat ein schweres Unrecht an mir begangen,
    indem sie mir die Wohlgestalt versagt hat, welche die Liebe der
    Menschen gewinnt. Das Leben ist mir eine Entschädigung dafür
    schuldig, die ich mir holen werde. Ich habe den Anspruch darauf,
    eine Ausnahme zu sein, mich über die Bedenken hinwegzusetzen,
    durch die sich andere hindern lassen. Ich darf selbst Unrecht tun,
    denn an mir ist Unrecht geschehen, – und nun fühlen wir, daß
    wir selbst so werden könnten wie Richard, ja daß wir es im
    kleinen Maßstabe bereits sind. Richard ist eine gigantische Ver-
    größerung dieser einen Seite, die wir auch in uns finden. Wir
    glauben alle Grund zu haben, daß wir mit Natur und Schicksal
    wegen kongenitaler und infantiler Benachteiligung grollen; wir
    fordern alle Entschädigung für frühzeitige Kränkungen unseres
    Narzismus, unserer Eigenliebe. Warum hat uns die Natur nicht
    die goldenen Locken Balders geschenkt oder die Stärke Siegfrieds
    oder die hohe Stirne des Genies, den edlen Gesichtsschnitt des
    Aristokraten? Warum sind wir in der Bürgerstube geboren anstatt
    im Königsschloß? Wir würden es ebenso gut treffen, schön und
    vornehm zu sein wie alle, die wir jetzt darum beneiden müssen.
    Es ist aber eine feine ökonomische Kunst des Dichters, daß er
    seinen Helden nicht alle Geheimnisse seiner Motivierung laut und
    restlos aussprechen läßt. Dadurch nötigt er uns, sie zu ergänzen,
    beschäftigt unsere geistige Tätigkeit, lenkt sie vom kritischen Denken
    ab und hält uns in der Identifizierung mit dem Helden fest. Ein
    Stümper an seiner Stelle würde alles, was er uns mitteilen will,
    in bewußten Ausdruck fassen und fände sich dann unserer kühlen,
    frei beweglichen Intelligenz gegenüber, die eine Vertiefung der
    Illusion unmöglich macht.
    Wir wollen aber die „Ausnahmen“ nicht verlassen, ohne zu
    bedenken, daß der Anspruch der Frauen auf Vorrechte und Be-
    freiung von soviel Nötigungen des Lebens auf demselben Grunde

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    ruht. Wie wir aus der psychoanalytischen Arbeit erfahren, be-
    trachten sich die Frauen als infantil geschädigt, ohne ihre Schuld
    um ein Stück verkürzt und zurückgesetzt, und die Erbitterung
    so mancher Tochter gegen ihre Mutter hat zur letzten Wurzel
    den Vorwurf, daß sie sie als Weib anstatt als Mann zur Welt
    gebracht hat.

    II

    Die am Erfolge scheitern

    Die psychoanalytische Arbeit hat uns den Satz geschenkt: Die
    Menschen erkranken neurotisch infolge der Versagung. Die
    Versagung der Befriedigung für ihre libidinösen Wünsche ist
    gemeint, und ein längerer Umweg ist nötig, um den Satz zu
    verstehen. Denn zur Entstehung der Neurose bedarf es eines Kon-
    flikts zwischen den libidinösen Wünschen eines Menschen und
    jenem Anteil seines Wesens, den wir sein Ich heißen, der Aus-
    druck seiner Selbsterhaltungstriebe ist und seine Ideale von seinem
    eigenen Wesen einschließt. Ein solcher pathogener Konflikt kommt
    nur dann zustande, wenn sich die Libido auf Wege und Ziele
    werfen will, die vom Ich längst überwunden und geächtet sind,
    die es also auch für alle Zukunft verboten hat, und das tut die
    Libido erst dann, wenn ihr die Möglichkeit einer ichgerechten
    idealen Befriedigung benommen ist. Somit wird die Entbehrung,
    die Versagung einer realen Befriedigung, die erste Bedingung
    für die Entstehung der Neurose, wenn auch lange nicht die
    einzige.

    Um so mehr muß es überraschend, ja verwirrend wirken, wenn
    man als Arzt die Erfahrung macht, daß Menschen gelegentlich
    gerade dann erkranken, wenn ihnen ein tief begründeter und
    lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Es sieht dann
    so aus, als ob sie ihr Glück nicht vertragen würden, denn an
    dem ursächlichen Zusammenhange zwischen dem Erfolge und der

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    Erkrankung kann man nicht zweifeln. So hatte ich Gelegenheit,
    in das Schicksal einer Frau Einsicht zu nehmen, das ich als vor-
    bildlich für solche tragische Wendungen beschreiben will.

    Von guter Herkunft und wohlerzogen, konnte sie als ganz
    junges Mädchen ihre Lebenslust nicht zügeln, riß sich vom Eltern-
    hause los und trieb sich abenteuernd in der Welt herum, bis sie
    die Bekanntschaft eines Künstlers machte, der ihren weiblichen
    Reiz zu schätzen wußte, aber auch die feinere Anlage an der
    Herabgewürdigten zu ahnen verstand. Er nahm sie in sein Haus
    und gewann an ihr eine treue Lebensgefährtin, der zum vollen
    Glück nur die bürgerliche Rehabilitierung zu fehlen schien. Nach
    jahrelangem Zusammenleben setzte er es durch, daß seine Familie
    sich mit ihr befreundete und war nun bereit, sie zu seiner Frau
    vor dem Gesetze zu machen. In diesem Moment begann sie zu
    versagen. Sie vernachlässigte das Haus, dessen rechtmäßige Herrin
    sie nun werden sollte, hielt sich für verfolgt von den Verwandten,
    die sie in die Familie aufnehmen wollten, sperrte dem Manne
    durch sinnlose Eifersucht jeden Verkehr, hinderte ihn an seiner
    künstlerischen Arbeit und verfiel bald in unheilbare seelische
    Erkrankung.

    Eine andere Beobachtung zeigte mir einen höchst respektablen
    Mann, der, selbst akademischer Lehrer, durch viele Jahre den
    begreiflichen Wunsch genährt hatte, der Nachfolger seines Meisters
    zu werden, der ihn selbst in die Wissenschaft eingeführt hatte.
    Als nach dem Rücktritte jenes Alten die Kollegen ihm mitteilten,
    daß kein anderer als er zu dessen Nachfolger ausersehen sei, be-
    gann er zaghaft zu werden, verkleinerte seine Verdienste, erklärte
    sich für unwürdig, die ihm zugedachte Stellung auszufüllen, und
    verfiel in eine Melancholie, die ihn für die nächsten Jahre von
    jeder Tätigkeit ausschaltete.

    So verschieden diese beiden Fälle sonst sind, so treffen sie doch
    in dem einen zusammen, daß die Erkrankung auf die Wunsch-
    erfüllung hin auftritt und den Genuß derselben zunichte macht.

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    Der Widerspruch zwischen solchen Erfahrungen und dem Satze,
    der Mensch erkranke an Versagung, ist nicht unlösbar. Die Unter-
    scheidung einer äußerlichen von einer inneren Versagung hebt
    ihn auf. Wenn in der Realität das Objekt weggefallen ist, an
    dem die Libido ihre Befriedigung finden kann, so ist dies eine
    äußerliche Versagung. Sie ist an sich wirkungslos, noch nicht
    pathogen, solange sich nicht eine innere Versagung zu ihr gesellt.
    Diese muß vom Ich ausgehen und der Libido andere Objekte
    streitig machen, deren sie sich nun bemächtigen will. Erst dann
    entsteht ein Konflikt und die Möglichkeit einer neurotischen Er-
    krankung, d. h. einer Ersatzbefriedigung auf dem Umwege über
    das verdrängte Unbewußte. Die innere Versagung kommt also
    in allen Fällen in Betracht, nur tritt sie nicht eher in Wirkung,
    als bis die äußerliche reale Versagung die Situation für sie vor-
    bereitet hat. In den Ausnahmsfällen, wenn die Menschen am
    Erfolge erkranken, hat die innere Versagung für sich allein ge-
    wirkt, ja sie ist erst hervorgetreten, nachdem die äußerliche Ver-
    sagung der Wunscherfüllung Platz gemacht hat. Daran bleibt
    etwas für den ersten Anschein Auffälliges, aber bei näherer Er-
    wägung besinnen wir uns doch, es sei gar nicht ungewöhnlich,
    daß das Ich einen Wunsch als harmlos toleriert, solange er ein
    Dasein als Phantasie führt und ferne von der Erfüllung scheint,
    während es sich scharf gegen ihn zur Wehr setzt, sobald er sich
    der Erfüllung nähert und Realität zu werden droht. Der Unter-
    schied gegen wohlbekannte Situationen der Neurosenbildung liegt
    nur darin, daß sonst innerliche Steigerungen der Libidobesetzung
    die bisher geringgeschätzte und geduldete Phantasie zum gefürch-
    teten Gegner machen, während in unseren Fällen das Signal
    zum Ausbruch des Konflikts durch eine reale äußere Wandlung
    gegeben wird.

    Die analytische Arbeit zeigt uns leicht, daß es Gewissens-
    mächte sind, welche der Person verbieten, aus der glücklichen
    realen Veränderung den lange erhofften Gewinn zu ziehen. Eine

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    schwierige Aufgabe aber ist es, Wesen und Herkunft dieser rich-
    tenden und strafenden Tendenzen zu erkunden, die uns durch
    ihre Existenz oft dort überraschen, wo wir sie zu finden nicht
    erwarteten. Was wir darüber wissen oder vermuten, will ich aus
    den bekannten Gründen nicht an Fällen der ärztlichen Beobach-
    tung, sondern an Gestalten erörtern, die große Dichter aus der
    Fülle ihrer Seelenkenntnis erschaffen haben.

    Eine Person, die nach erreichtem Erfolge zusammenbricht, nach-
    dem sie mit unbeirrter Energie um ihn gerungen hat, ist Shake-
    speares Lady Macbeth. Es ist vorher kein Schwanken und kein
    Anzeichen eines inneren Kampfes in ihr, kein anderes Streben,
    als die Bedenken ihres ehrgeizigen und doch mildfühlenden Mannes
    zu besiegen. Dem Mordvorsatz will sie selbst ihre Weiblichkeit
    opfern, ohne zu erwägen, welche entscheidende Rolle dieser Weib-
    lichkeit zufallen muß, wenn es dann gelten soll, das durch Ver-
    brechen erreichte Ziel ihres Ehrgeizes zu behaupten.

    (Akt I, Szene 5):

    „Kommt, ihr Geister,
    Die ihr auf Mordgedanken lauscht, entweibt mich.
    – – – – – – – – An meine Brüste,
    Ihr Mordhelfer! Saugt mir Milch zu Galle!“

    (Akt I, Szene 7):

    „Ich gab die Brust und weiß,
    Wie zärtlich man das Kind liebt, das man tränkt.
    Und doch, dieweil es mir ins Antlitz lächelt,
    Wollt’ reißen ich von meinem Mutterbusen
    Sein zahnlos Mündlein, und sein Hirn ausschmettern,
    Hätt’ ich’s geschworen, wie du jenes schwurst!“

    Eine einzige leise Regung des Widerstrebens ergreift sie vor
    der Tat:

    (Akt II, Szene 2):

    „Hätt’ er geglichen meinem Vater nicht
    Als er so schlief, ich hätt’s getan.“

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    Nun, da sie Königin geworden durch den Mord an Duncan,
    meldet sich flüchtig etwas wie eine Enttäuschung, wie ein Über-
    druß. Wir wissen nicht, woher.

    (Akt III, Szene 2):

    „Nichts hat man, alles Lüge,
    Gelingt der Wunsch, und fehlt doch die Genüge,
    's ist sichrer das zu sein, was wir zerstören,
    Als durch Zerstörung ew'ger Angst zu schwören.“

    Doch hält sie aus. In der nach diesen Worten folgenden Szene
    des Banketts bewahrt sie allein die Besinnung, deckt die Ver-
    wirrung ihres Mannes, findet einen Vorwand, um die Gäste zu
    entlassen. Und dann entschwindet sie uns. Wir sehen sie (in der
    ersten Szene des fünften Aktes) als Somnambule wieder, an die
    Eindrücke jener Mordnacht fixiert. Sie spricht ihrem Manne wieder
    Mut zu wie damals:

    „Pfui, mein Gemahl, pfui, ein Soldat und furchtsam? – Was
    haben wir zu fürchten, wer es weiß? Niemand zieht unsere Macht
    zur Rechenschaft.“ – – –

    Sie hört das Klopfen ans Tor, das ihren Mann nach der Tat
    erschreckte. Daneben aber bemüht sie sich, „die Tat ungeschehen
    zu machen, die nicht mehr ungeschehen werden“ kann. Sie wäscht
    ihre Hände, die mit Blut befleckt sind und nach Blut riechen,
    und wird der Vergeblichkeit dieser Bemühung bewußt. Die Reue
    scheint sie niedergeworfen zu haben, die so reuelos schien. Als
    sie stirbt, findet Macbeth, der unterdes so unerbittlich geworden
    ist, wie sie sich anfänglich zeigte, nur die eine kurze Nachrede
    für sie:

    (Akt V, Szene 5):

    „Sie konnte später sterben.
    Es war noch Zeit genug für solch ein Wort.“

    Und nun fragt man sich, was hat diesen Charakter zerbrochen,
    der aus dem härtesten Metall geschmiedet schien? Ist’s nur die

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    Enttäuschung, das andere Gesicht, das die vollzogene Tat zeigt,
    sollen wir rückschließen, daß auch in der Lady Macbeth ein ur-
    sprünglich weiches und weiblich mildes Seelenleben sich zu einer
    Konzentration und Hochspannung emporgearbeitet hatte, der keine
    Andauer beschieden sein konnte, oder dürfen wir nach Anzeichen
    forschen, die uns diesen Zusammenbruch durch eine tiefere Moti-
    vierung menschlich näher bringen?

    Ich halte es für unmöglich, hier eine Entscheidung zu treffen.
    Shakespeares Macbeth ist ein Gelegenheitsstück, zur Thron-
    besteigung des bisherigen Schottenkönigs James gedichtet. Der
    Stoff war gegeben und gleichzeitig von anderen Autoren behan-
    delt worden, deren Arbeit Shakespeare wahrscheinlich in ge-
    wohnter Weise genützt hat. Er bot merkwürdige Anspielungen
    an die gegenwärtige Situation. Die „jungfräuliche“ Elisabeth, von
    der ein Gerede wissen wollte, daß sie nie imstande gewesen wäre,
    ein Kind zu gebären, die sich einst bei der Nachricht von James’
    Geburt im schmerzlichen Aufschrei als „einen dürren Stamm“
    bezeichnet hatte,1) war eben durch ihre Kinderlosigkeit genötigt
    worden, den Schottenkönig zu ihrem Nachfolger werden zu lassen.
    Der war aber der Sohn jener Maria, deren Hinrichtung sie, wenn
    auch widerwillig, angeordnet hatte, und die trotz aller Trübung
    der Beziehungen durch politische Rücksichten doch ihre Bluts-
    verwandte und ihr Gast genannt werden konnte.

    Die Thronbesteigung Jakobs I. war wie eine Demonstration
    des Fluches der Unfruchtbarkeit und der Segnungen der fort-
    laufenden Generation. Und auf diesen nämlichen Gegensatz ist
    die Entwicklung in Shakespeares Macbeth eingestellt. Die Schick-
    salsschwestern haben ihm verheißen, daß er selbst König werden,

    1)Vgl. Macbeth (Akt II, Szene 1):

    „Auf mein Haupt setzten sie unfruchtbar Gold,
    Ein dürres Zepter reichten sie der Faust,
    Daß es entgleite dann in fremde Hand,
    Da nicht mein Sohn mir nachfolgt.“ – – –

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    Macduffs bezeichnen, so sieht man das ganze Stück von Beziehungen
    auf das Vater-Kinderverhältnis durchsetzt. Der Mord des gütigen
    Duncan ist wenig anders als ein Vatermord; im Falle Banquos
    hat Macbeth den Vater getötet, während ihm der Sohn entgeht;
    bei Macduff tötet er die Kinder, weil ihm der Vater entflohen
    ist. Ein blutiges und gekröntes Kind lassen ihm die Schicksals-
    schwestern in der Beschwörungsszene erscheinen; das bewaffnete
    Haupt vorher ist wohl Macbeth selbst. Im Hintergrunde aber er-
    hebt sich die düstere Gestalt des Rächers Macduff, der selbst eine
    Ausnahme von den Gesetzen der Generation ist, da er nicht von
    seiner Mutter geboren, sondern aus ihrem Leib geschnitten wurde.
    Es wäre nun durchaus im Sinne der auf Talion aufgebauten
    poetischen Gerechtigkeit, wenn die Kinderlosigkeit Macbeths und
    die Unfruchtbarkeit seiner Lady die Strafe wären für ihre Ver-
    brechen gegen die Heiligkeit der Generation, wenn Macbeth nicht
    Vater werden könnte, weil er den Kindern den Vater und dem
    Vater die Kinder geraubt, und wenn sich so an der Lady Mac-
    beth die Entweibung vollzogen hätte, zu der sie die Geister des
    Mordes aufgerufen hat. Ich glaube, man verstünde ohneweiters
    die Erkrankung der Lady, die Verwandlung ihres Frevelmuts in
    Reue, als Reaktion auf ihre Kinderlosigkeit, durch die sie von
    ihrer Ohnmacht gegen die Satzungen der Natur überzeugt und
    gleichzeitig daran gemahnt wird, daß ihr Verbrechen durch ihr
    eigenes Verschulden um den besseren Teil seines Ertrags ge-
    bracht worden ist.
    In der Chronik von Holinshed (1577), aus welcher Shake-
    speare den Stoff des Macbeth schöpfte, findet die Lady nur
    eine einzige Erwähnung als Ehrgeizige, die ihren Mann zum
    Morde aufstachelt, um selbst Königin zu werden. Von ihren wei-
    teren Schicksalen und von einer Entwicklung ihres Charakters
    ist nicht die Rede. Dagegen scheint es, als ob dort die Wandlung
    im Charakter Macbeths zum blutigen Wüterich ähnlich moti-
    viert werden sollte, wie wir es eben versucht haben. Denn bei

  • S.

    301

    Holinshed liegen zwischen dem Morde an Duncan, durch den
    Macbeth König wird, und seinen weiteren Missetaten zehn Jahre,
    in denen er sich als strenger, aber gerechter Herrscher erweist.
    Erst nach diesem Zeitraume tritt bei ihm die Änderung ein, unter
    dem Einflusse der quälenden Befürchtung, daß die Banquo erteilte
    Prophezeiung sich ebenso erfüllen könne wie die seines eigenen
    Schicksals. Nun erst läßt er Banquo töten und wird wie bei
    Shakespeare von einem Verbrechen zum andern fortgerissen. Es
    wird auch bei Holinshed nicht ausdrücklich gesagt, daß es seine
    Kinderlosigkeit ist, welche ihn auf diesem Weg treibt, aber es
    bleibt Zeit und Raum für diese naheliegende Motivierung. Anders
    bei Shakespeare. In atemraubender Hast jagen in der Tragödie
    die Ereignisse an uns vorüber, so daß sich aus den Angaben der
    Personen im Stücke etwa eine Woche als die Zeitdauer ihres
    Ablaufes berechnen läßt.1) Durch diese Beschleunigung wird all
    unseren Konstruktionen über die Motivierung des Umschwungs
    im Charakter Macbeths und seiner Lady der Boden entzogen. Es
    fehlt die Zeit, innerhalb welcher die fortgesetzte Enttäuschung
    der Kinderhoffnung das Weib zermürben und den Mann in trotzige
    Raserei treiben könnte, und es bleibt der Widerspruch bestehen,
    daß so viele feine Zusammenhänge innerhalb des Stückes und
    zwischen ihm und seinem Anlaß ein Zusammentreffen im Motiv
    der Kinderlosigkeit anstreben, während die zeitliche Ökonomie
    der Tragödie eine Charakterentwicklung aus anderen als den inner-
    lichsten Motiven ausdrücklich ablehnt.

    Welches aber diese Motive sein können, die in so kurzer Zeit
    aus dem zaghaften Ehrgeizigen einen hemmungslosen Wüterich
    und aus der stahlharten Anstifterin eine von Reue zerknirschte
    Kranke machen, das läßt sich meines Erachtens nicht erraten.
    Ich meine, wir müssen darauf verzichten, das dreifach geschich-
    tete Dunkel zu durchdringen, zu dem sich die schlechte Erhal-
    tung des Textes, die unbekannte Intention des Dichters und der

    1) J. Darmstetter, Macbeth, Edition classique, p. LXXV, Paris 1887.

  • S.

    302

    geheime Sinn der Sage hier verdichtet haben. Ich möchte es auch
    nicht gelten lassen, daß jemand einwende, solche Untersuchungen
    seien müßig angesichts der großartigen Wirkung, die die Tragödie
    auf den Zuschauer ausübt. Der Dichter kann uns zwar durch
    seine Kunst während der Darstellung überwältigen und unser
    Denken dabei lähmen, aber er kann uns nicht daran hindern,
    daß wir uns nachträglich bemühen, diese Wirkung aus ihrem
    psychologischen Mechanismus zu begreifen. Auch die Bemerkung,
    es stehe dem Dichter frei, die natürliche Zeitfolge der von ihm
    vorgeführten Begebenheiten in beliebiger Weise zu verkürzen,
    wenn er durch das Opfer der gemeinen Wahrscheinlichkeit eine
    Steigerung des dramatischen Effekts erzielen kann, scheint mir
    hier nicht an ihrem Platze. Denn ein solches Opfer ist doch nur
    zu rechtfertigen, wo es bloß die Wahrscheinlichkeit stört,1)
    aber nicht, wo es die kausale Verknüpfung aufhebt, und der
    dramatischen Wirkung wäre kaum Abbruch geschehen, wenn der
    Zeitablauf unbestimmt gelassen wäre, anstatt durch ausdrückliche
    Äußerungen auf wenige Tage eingeengt zu werden.

    Es fällt so schwer, ein Problem wie das des Macbeth als un-
    lösbar zu verlassen, daß ich noch den Versuch wage, eine Bemer-
    kung anzufügen, die nach einem neuen Ausweg weist. Ludwig
    Jekels hat kürzlich in einer Shakespeare-Studie ein Stück der
    Technik des Dichters zu erraten geglaubt, welches auch für Mac-
    beth in Betracht kommen könnte. Er meint, daß Shakespeare
    häufig einen Charakter in zwei Personen zerlegt, von denen dann
    jede unvollkommen begreiflich erscheint, solange man sie nicht mit
    der anderen wiederum zur Einheit zusammensetzt. So könnte es
    auch mit Macbeth und der Lady sein, und dann würde es natür-
    lich zu nichts führen, wollte man sie als selbständige Person
    fassen und nach der Motivierung ihrer Umwandlung forschen,
    ohne auf den sie ergänzenden Macbeth Rücksicht zu nehmen.

    1)Wie in der Werbung Richards III. um Anna, an der Bahre des von ihm er-
    mordeten Königs.

  • S.

    303

    Ich folge dieser Spur nicht weiter, aber ich will doch anführen,
    was in so auffälliger Weise diese Auffassung stützt, daß die Angst-
    keime, die in der Mordnacht bei Macbeth hervorbrechen, nicht
    bei ihm, sondern bei der Lady zur Entwicklung gelangen.1) Er
    ist es, der vor der Tat die Halluzination des Dolches gehabt hat,
    aber sie, die später der geistigen Erkrankung verfällt; er hat nach
    dem Morde im Hause schreien gehört: Schlaf nicht mehr, Mac-
    beth mordet den Schlaf und also soll Macbeth nicht mehr schlafen,
    aber wir vernehmen nichts davon, daß König Macbeth nicht mehr
    schläft, während wir sehen, daß die Königin aus ihrem Schlafe
    aufsteht und nachtwandelnd ihre Schuld verrät; er stand hilflos
    da mit blutigen Händen und klagte, daß all des Meergottes Flut
    nicht reinwasche seine Hand; sie tröstete damals: Ein wenig
    Wasser spült uns ab die Tat, aber dann ist sie es, die eine Viertel-
    stunde lang ihre Hände wäscht und die Befleckung des Blutes
    nicht beseitigen kann. „Alle Wohlgerüche Arabiens machen nicht
    süßduftend diese kleine Hand.“ (Akt V, Szene 1.) So erfüllt sich
    an ihr, was er in seiner Gewissensangst gefürchtet; sie wird die
    Reue nach der Tat, er wird der Trotz, sie erschöpfen mitein-
    ander die Möglichkeiten der Reaktion auf das Verbrechen, wie
    zwei uneinige Anteile einer einzigen psychischen Individualität
    und vielleicht Nachbilder eines einzigen Vorbildes.

    Haben wir an der Gestalt der Lady Macbeth die Frage nicht
    beantworten können, warum sie nach dem Erfolge als Kranke
    zusammenbricht, so winkt uns vielleicht eine bessere Aussicht bei
    der Schöpfung eines anderen großen Dramatikers, der die Auf-
    gabe der psychologischen Rechenschaft mit unnachsichtiger Strenge
    zu verfolgen liebt.

    Rebekka Gamvik, die Tochter einer Hebamme, ist von ihrem
    Adoptivvater Doktor West zur Freidenkerin und Verächterin jener
    Fesseln erzogen worden, welche eine auf religiösem Glauben ge-
    gründete Sittlichkeit den Lebenswünschen anlegen möchte. Nach

    1)Vgl. Darmstetter a. a. O.

  • S.

    304

    dem Tode des Doktors verschafft sie sich Aufnahme in Rosmers-
    holm, dem Stammsitze eines alten Geschlechtes, dessen Mitglieder
    das Lachen nicht kennen und die Freude einer starren Pflicht-
    erfüllung geopfert haben. Auf Rosmersholm hausen der Pastor
    Johannes Rosmer und seine kränkliche, kinderlose Gattin Beate.
    „Von wildem, unbezwinglichem Gelüst“ nach der Liebe des ade-
    ligen Mannes ergriffen, beschließt Rebekka, die Frau, die ihr im
    Wege steht, wegzuräumen, und bedient sich dabei ihres „mutigen,
    freigeborenen“, durch keine Rücksichten gehemmten Willens. Sie
    spielt ihr ein ärztliches Buch in die Hand, in dem die Kinder-
    erzeugung als der Zweck der Ehe hingestellt wird, so daß die
    Arme an der Berechtigung ihrer Ehe irre wird, sie läßt sie erraten,
    daß Rosmer, dessen Lektüre und Gedankengänge sie teilt, im Be-
    griffe ist, sich vom alten Glauben loszumachen und die Partei der
    Aufklärung zu nehmen, und nachdem sie so das Vertrauen der
    Frau in die sittliche Verläßlichkeit ihres Mannes erschüttert hat,
    gibt sie ihr endlich zu verstehen, daß sie selbst, Rebekka, bald
    das Haus verlassen wird, um die Folgen eines unerlaubten Ver-
    kehrs mit Rosmer zu verheimlichen. Der verbrecherische Plan
    gelingt. Die arme Frau, die für schwermütig und unzurechnungs-
    fähig gegolten hat, stürzt sich vom Mühlensteg herab ins Wasser,
    im Gefühle des eigenen Unwertes und um dem Glücke des ge-
    liebten Mannes nicht im Wege zu sein.

    Seit Jahr und Tag leben nun Rebekka und Rosmer allein auf
    Rosmersholm in einem Verhältnis, welches er für eine rein geistige
    und ideelle Freundschaft halten will. Als aber von außen her die
    ersten Schatten der Nachrede auf dieses Verhältnis fallen, und
    gleichzeitig quälende Zweifel in Rosmer rege gemacht werden,
    aus welchen Motiven seine Frau in den Tod gegangen ist, bittet
    er Rebekka, seine zweite Frau zu werden, um der traurigen Ver-
    gangenheit eine neue lebendige Wirklichkeit entgegenstellen zu
    können. (Akt II.) Sie jubelt bei diesem Antrage einen Augenblick
    lang auf, aber schon im nächsten erklärt sie, es sei unmöglich,

  • S.

    305

    und wenn er weiter in sie dringe, werde sie „den Weg gehen,
    den Beate gegangen ist“. Verständnislos nimmt Rosmer die Ab-
    weisung entgegen; noch unverständlicher aber ist sie für uns, die
    wir mehr von Rebekkas Tun und Absichten wissen. Wir dürfen
    bloß nicht daran zweifeln, daß ihr Nein ernst gemeint ist.

    Wie konnte es kommen, daß die Abenteurerin mit dem mutigen,
    freigeborenen Willen, die sich ohne jede Rücksicht den Weg zur
    Verwirklichung ihrer Wünsche gebahnt, nun nicht zugreifen will,
    da ihr angeboten wird, die Frucht des Erfolges zu pflücken? Sie
    gibt uns selbst die Aufklärung im vierten Akt: „Das ist doch eben
    das Furchtbare, jetzt, da alles Glück der Welt mir mit vollen
    Händen geboten wird, – jetzt bin ich eine solche geworden,
    daß meine eigene Vergangenheit mir den Weg zum Glück ver-
    sperrt.“ Sie ist also eine andere geworden unterdes, ihr Gewissen
    ist erwacht, sie hat ein Schuldbewußtsein bekommen, welches ihr
    den Genuß versagt.

    Und wodurch wurde ihr Gewissen geweckt? Hören wir sie
    selbst und überlegen wir dann, ob wir ihr voll Glauben schenken
    dürfen: „Es ist die Lebensanschauung des Hauses Rosmer – oder
    wenigstens deine Lebensanschauung, – die meinen Willen ange-
    steckt hat … Und ihn krank gemacht hat. Ihn geknechtet hat
    mit Gesetzen, die früher für mich nicht gegolten haben. Das
    Zusammenleben mit dir, – du, das hat meinen Sinn geadelt.“

    Dieser Einfluß, ist hinzuzunehmen, hat sich erst geltend ge-
    macht, als sie mit Rosmer allein zusammenleben durfte: „– in
    Stille, – in Einsamkeit, – als du mir deine Gedanken alle ohne
    Vorbehalt gabst, – eine jegliche Stimmung, so weich und so fein
    wie du sie fühltest, – da trat die große Umwandlung ein.“

    Kurz vorher hatte sie die andere Seite dieser Wandlung beklagt:
    „Weil Rosmersholm mir die Kraft genommen hat, hier ist mein
    mutiger Wille gelähmt worden. Und verschandelt! Für mich ist
    die Zeit vorbei, da ich alles und jedes wagen durfte. Ich habe
    die Energie zum Handeln verloren, Rosmer.“

    Freud, X.

  • S.

    306

    Diese Erklärung gibt Rebekka, nachdem sie sich durch ein frei-
    williges Geständnis vor Rosmer und dem Rektor Kroll, dem Bruder
    der von ihr beseitigten Frau, als Verbrecherin bloßgestellt hat.
    Ibsen hat durch kleine Züge von meisterhafter Feinheit festgelegt,
    daß diese Rebekka nicht lügt, aber auch nie ganz aufrichtig ist.
    Wie sie trotz aller Freiheit von Vorurteilen ihr Alter um ein
    Jahr herabgesetzt hat, so ist auch ihr Geständnis vor den beiden
    Männern unvollständig und wird durch das Drängen Krolls in
    einigen wesentlichen Punkten ergänzt. Auch uns bleibt die Frei-
    heit anzunehmen, daß die Aufklärung ihres Verzichts das eine
    nur preisgibt, um ein anderes zu verschweigen.

    Gewiß, wir haben keinen Grund, ihrer Aussage zu mißtrauen,
    daß die Luft auf Rosmersholm, ihr Umgang mit dem edlen Rosmer,
    veredelnd und – lähmend auf sie gewirkt hat. Sie sagt damit,
    was sie weiß und empfunden hat. Aber es brauchte nicht alles
    zu sein, was in ihr vorgegangen ist; auch ist es nicht notwendig,
    daß sie sich über alles Rechenschaft geben konnte. Der Einfluß
    Rosmers konnte auch nur ein Deckmantel sein, hinter dem sich
    eine andere Wirkung verbirgt, und nach dieser anderen Richtung
    weist ein bemerkenswerter Zug.

    Noch nach ihrem Geständnis, in der letzten Unterredung, die
    das Stück beendet, bittet sie Rosmer nochmals, seine Frau zu
    werden. Er verzeiht ihr, was sie aus Liebe zu ihm verbrochen
    hat. Und nun antwortet sie nicht, was sie sollte, daß keine Ver-
    zeihung ihr das Schamgefühl nehmen könne, das sie durch den
    tückischen Betrug an der armen Beate erworben, sondern sie
    belastet sich mit einem anderen Vorwurf, der uns bei der Frei-
    denkerin fremdartig berühren muß, keinesfalls die Stelle verdient,
    an die er von Rebekka gesetzt wird: „Ach, mein Freund, –
    komm nie wieder darauf! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit –!
    Denn du mußt wissen, Rosmer, ich habe eine Vergangenheit.“
    Sie will natürlich andeuten, daß sie sexuelle Beziehungen zu einem
    anderen Manne gehabt hat, und wir wollen uns merken, daß ihr

  • S.

    307

    diese Beziehungen zu einer Zeit, da sie frei und niemandem ver-
    antwortlich war, ein stärkeres Hindernis der Vereinigung mit
    Rosmer dünken als ihr wirklich verbrecherisches Benehmen gegen
    seine Frau.

    Rosmer lehnt es ab, von dieser Vergangenheit zu hören. Wir
    können sie erraten, obwohl alles, was dahin weist, im Stücke
    sozusagen unterirdisch bleibt und aus Andeutungen erschlossen
    werden muß. Aus Andeutungen freilich, die mit solcher Kunst
    eingefügt sind, daß ein Mißverständnis derselben unmöglich wird.

    Zwischen Rebekkas erster Ablehnung und ihrem Geständnis
    geht etwas vor, was von entscheidender Bedeutung für ihr wei-
    teres Schicksal ist. Der Rektor Kroll besucht sie, um sie durch
    die Mitteilung zu demütigen, er wisse, daß sie ein illegitimes Kind
    sei, die Tochter eben jenes Doktors West, der sie nach dem Tode
    ihrer Mutter adoptiert hat. Der Haß hat seinen Spürsinn ge-
    schärft, aber er meint nicht, ihr damit etwas Neues zu sagen.
    „In der Tat, ich meinte, Sie wüßten ganz genau Bescheid. Es
    wäre doch sonst recht merkwürdig gewesen, daß Sie sich von
    Doktor West adoptieren ließen –.“ „Und da nimmt er Sie zu
    sich – gleich nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie
    hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen
    nicht einen Pfennig hinterlassen wird. Sie haben ja auch nur
    eine Kiste Bücher bekommen. Und doch halten Sie bei ihm aus.
    Ertragen seine Launen. Pflegen ihn bis zum letzten Augenblick.“ –
    „Was Sie für ihn getan haben, das leite ich aus dem natürlichen
    Instinkt der Tochter her. Ihr ganzes übriges Auftreten halte ich
    für ein natürliches Ergebnis Ihrer Herkunft.“

    Aber Kroll war im Irrtum. Rebekka hatte nichts davon gewußt,
    daß sie die Tochter des Doktors West sein sollte. Als Kroll mit
    dunklen Anspielungen auf ihre Vergangenheit begann, mußte sie
    annehmen, er meine etwas anderes. Nachdem sie begriffen hat,
    worauf er sich bezieht, kann sie noch eine Weile ihre Fassung
    bewahren, denn sie darf glauben, daß ihr Feind seiner Berechnung

  • S.

    308

    jenes Alter zugrunde gelegt hat, das sie ihm bei einem früheren
    Besuche fälschlich angegeben. Aber nachdem Kroll diese Einwendung
    siegreich zurückgewiesen: „Mag sein. Aber die Rechnung mag
    dennoch richtig sein, denn ein Jahr, ehe er angestellt wurde, ist
    West dort oben vorübergehend zu Besuch gewesen“, nach dieser
    neuen Mitteilung verliert sie jeden Halt. „Das ist nicht wahr.“ –
    Sie geht umher und ringt die Hände: „Es ist unmöglich. Sie
    wollen mir das bloß einreden. Das kann ja nun und nimmer-
    mehr wahr sein. Kann nicht wahr sein! Nun und nimmermehr –!“
    Ihre Ergriffenheit ist so arg, daß Kroll sie nicht auf seine Mit-
    teilung zurückzuführen vermag.

    Kroll: „Aber, meine Liebe, – warum um Gottes willen, werden Sie
    denn so heftig? Sie machen mir geradezu Angst? Was soll ich glauben
    und denken –!“

    Rebekka: „Nichts. Sie sollen weder etwas glauben noch etwas denken.“
    Kroll: „Dann müßten Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie sich
    diese Sache – diese Möglichkeit so zu Herzen nehmen.“

    Rebekka (faßt sich wieder): „Das ist doch sehr einfach, Herr Rektor.
    Ich habe doch keine Lust, für ein uneheliches Kind zu gelten.“

    Das Rätsel im Benehmen Rebekkas läßt nur eine Lösung zu.
    Die Mitteilung, daß Dr. West ihr Vater sein kann, ist der schwerste
    Schlag, der sie betreffen konnte, denn sie war nicht nur die
    Adoptivtochter, sondern auch die Geliebte dieses Mannes. Als Kroll
    seine Reden begann, meinte sie, er wolle auf diese Beziehungen
    anspielen, die sie wahrscheinlich unter Berufung auf ihre Freiheit
    einbekannt hätte. Aber das lag dem Rektor ferne; er wußte nichts
    von dem Liebesverhältnis mit Doktor West, wie sie nichts von
    dessen Vaterschaft. Nichts anderes als dieses Liebesverhältnis kann
    sie im Sinne haben, wenn sie bei der letzten Weigerung gegen
    Rosmer vorschützt, sie habe eine Vergangenheit, die sie unwürdig
    mache, seine Frau zu werden. Wahrscheinlich hätte sie Rosmer,
    wenn er gewollt hätte, auch nur die eine Hälfte ihres Geheim-
    nisses mitgeteilt und den schwereren Anteil desselben verschwiegen.

  • S.

    309

    Aber nun verstehen wir freilich, daß diese Vergangenheit ihr
    als das schwerere Hindernis der Eheschließung erscheint, als das
    schwerere – Verbrechen.

    Nachdem sie erfahren hat, daß sie die Geliebte ihres eigenen
    Vaters gewesen ist, unterwirft sie sich ihrem jetzt übermächtig
    hervorbrechenden Schuldgefühl. Sie legt vor Rosmer und Kroll
    das Geständnis ab, durch das sie sich zur Mörderin stempelt, ver-
    zichtet endgültig auf das Glück, zu dem sie sich durch Verbrechen
    den Weg gebahnt hatte, und rüstet zur Abreise. Aber das eigent-
    liche Motiv ihres Schuldbewußtseins, welches sie am Erfolge
    scheitern läßt, bleibt geheim. Wir haben gesehen, es ist noch
    etwas ganz anderes als die Atmosphäre von Rosmersholm und
    der sittigende Einfluß Rosmers.

    Wer uns so weit gefolgt ist, wird jetzt nicht versäumen, einen
    Einwand vorzubringen, der dann manchen Zweifel rechtfertigen
    kann. Die erste Abweisung Rosmers durch Rebekka erfolgt ja
    vor dem zweiten Besuch Krolls, also vor seiner Aufdeckung ihrer
    unehelichen Geburt, und zu einer Zeit, da sie um ihren Inzest
    noch nicht weiß, – wenn wir den Dichter richtig verstanden
    haben. Doch ist diese Abweisung energisch und ernst gemeint.
    Das Schuldbewußtsein, das sie auf den Gewinn aus ihren Taten
    verzichten heißt, ist also schon vor ihrer Kenntnis um ihr Kapital-
    verbrechen wirksam, und wenn wir so viel zugeben, dann ist der
    Inzest als Quelle des Schuldbewußtseins vielleicht überhaupt zu
    streichen.

    Wir haben bisher Rebekka West behandelt, als wäre sie eine
    lebende Person und nicht eine Schöpfung der von dem kritischesten
    Verstand geleiteten Phantasie des Dichters Ibsen. Wir dürfen ver-
    suchen, bei der Erledigung dieses Einwandes denselben Standpunkt
    festzuhalten. Der Einwand ist gut, ein Stück Gewissen war auch
    vor der Kenntnis des Inzests bei Rebekka erwacht. Es steht nichts
    im Wege, für diese Wandlung den Einfluß verantwortlich zu
    machen, den Rebekka selbst anerkennt und anklagt. Aber damit

  • S.

    310

    kommen wir von der Anerkennung des zweiten Motivs nicht frei.
    Das Benehmen Rebekkas bei der Mitteilung des Rektors, ihre
    unmittelbar darauffolgende Reaktion durch das Geständnis lassen
    keinen Zweifel daran, daß erst jetzt das stärkere und das ent-
    scheidende Motiv des Verzichts in Wirkung tritt. Es liegt eben
    ein Fall von mehrfacher Motivierung vor, bei dem hinter dem
    oberflächlicheren Motiv ein tieferes zum Vorschein kommt. Gebote
    der poetischen Ökonomie hießen den Fall so gestalten, denn dies
    tiefere Motiv sollte nicht laut erörtert werden, es mußte gedeckt
    bleiben, der bequemen Wahrnehmung des Zuhörers im Theater
    oder des Lesers entzogen, sonst hätten sich bei diesem schwere
    Widerstände erhoben, auf die peinlichsten Gefühle begründet,
    welche die Wirkung des Schauspiels in Frage stellen können.

    Mit Recht dürfen wir aber verlangen, daß das vorgeschobene
    Motiv nicht ohne inneren Zusammenhang mit dem von ihm ge-
    deckten sei, sondern sich als eine Milderung und Ableitung aus
    dem letzteren erweise. Und wenn wir dem Dichter zutrauen
    dürfen, daß seine bewußte poetische Kombination folgerichtig aus
    unbewußten Voraussetzungen hervorgegangen ist, so können wir
    auch den Versuch machen zu zeigen, daß er diese Forderung er-
    füllt hat. Rebekkas Schuldbewußtsein entspringt aus der Quelle
    des Inzestvorwurfs, noch ehe der Rektor ihr diesen mit analyti-
    scher Schärfe zum Bewußtsein gebracht hat. Wenn wir ausführ-
    rend und ergänzend ihre vom Dichter angedeutete Vergangenheit
    rekonstruieren, so werden wir sagen, sie kann nicht ohne Ahnung
    der intimen Beziehung zwischen ihrer Mutter und dem Doktor
    West gewesen sein. Es muß ihr einen großen Eindruck gemacht
    haben, als sie die Nachfolgerin der Mutter bei diesem Manne
    wurde, und sie stand unter der Herrschaft des Ödipus-Komplexes,
    auch wenn sie nicht wußte, daß diese allgemeine Phantasie in
    ihrem Falle zur Wirklichkeit geworden war. Als sie nach Rosmers-
    holm kam, trieb sie die innere Gewalt jenes ersten Erlebnisses
    dazu an, durch tatkräftiges Handeln dieselbe Situation herbei-

  • S.

    311

    zuführen, die sich das erstemal ohne ihr Dazutun verwirklicht
    hatte, die Frau und Mutter zu beseitigen, um beim Manne und
    Vater ihre Stelle einzunehmen. Sie schildert mit überzeugender
    Eindringlichkeit, wie sie gegen ihren Willen genötigt wurde,
    Schritt um Schritt zur Beseitigung Beatens zu tun.

    „Aber glaubt Ihr denn, ich ging und handelte mit kühler Überlegung!
    Damals war ich doch nicht, was ich heute bin, wo ich vor Euch stehe
    und erzähle. Und dann gibt es doch auch, sollte ich meinen, zwei Arten
    Willen in einem Menschen. Ich wollte Beate weg haben! Auf irgend eine
    Art. Aber ich glaubte doch nicht, es würde jemals dahin kommen. Bei
    jedem Schritt, den es mich reizte, vorwärts zu wagen, war es mir, als
    schrie etwas in mir: Nun nicht weiter! Keinen Schritt mehr! – Und
    doch konnte ich es nicht lassen. Ich mußte noch ein winziges Spürchen
    weiter. Und noch ein einziges Spürchen. Und dann noch eins – und
    immer noch eins –. Und so ist es geschehen. Auf diese Weise geht so
    etwas vor sich.“

    Das ist nicht Beschönigung, sondern wahrhafte Rechenschaft.
    Alles, was auf Rosmersholm mit ihr vorging, die Verliebtheit in
    Rosmer und die Feindseligkeit gegen seine Frau, war bereits Erfolg
    des Ödipus-Komplexes, erzwungene Nachbildung ihres Verhältnisses
    zu ihrer Mutter und zu Doktor West.

    Und darum ist das Schuldgefühl, das sie zuerst die Werbung
    Rosmers abweisen läßt, im Grunde nicht verschieden von jenem
    größeren, das sie nach der Mitteilung Krolls zum Geständnis
    zwingt. Wie sie aber unter dem Einfluß des Doktor West zur
    Freidenkerin und Verächterin der religiösen Moral geworden war,
    so
    wandelte sie sich durch die neue Liebe zu Rosmer zum Gewissens-
    und Adelsmenschen. Soviel verstand sie selbst von ihren inneren
    Vorgängen, und darum durfte sie mit Recht den Einfluß Rosmers
    als das ihr zugänglich gewordene Motiv ihrer Änderung be-
    zeichnen.

    Der psychoanalytisch arbeitende Arzt weiß, wie häufig oder
    wie regelmäßig das Mädchen, welches als Dienerin, Gesellschafterin,
    Erzieherin in ein Haus eintritt, dort bewußt oder unbewußt am

  • S.

    312

    Tagtraum spinnt, dessen Inhalt dem Ödipus-
    Komplex entnommen
    ist, daß die Frau des Hauses irgendwie wegfallen und der Herr
    an deren Stelle sie zur Frau nehmen wird. „Rosmersholm“ ist
    das höchste Kunstwerk der Gattung, welche diese alltägliche
    Phantasie der Mädchen behandelt. Es wird eine tragische Dichtung
    durch den Zusatz, daß dem Tagtraum der Heldin die ganz ent-
    sprechende Wirklichkeit in ihrer Vorgeschichte vorausgegangen ist.1)

    Nach langem Aufenthalte bei der Dichtung kehren wir nun
    zur ärztlichen Erfahrung zurück. Aber nur, um mit wenigen
    Worten die volle Übereinstimmung beider festzustellen. Die psycho-
    analytische Arbeit lehrt, daß die Gewissenskräfte, welche am Er-
    folg erkranken lassen anstatt wie sonst an der Versagung, in in-
    timer Weise mit dem Ödipus-Komplex zusammenhängen, mit dem
    Verhältnis zu Vater und Mutter, wie vielleicht unser Schuld-
    bewußtsein überhaupt.

    III

    Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein

    In den Mitteilungen über ihre Jugend, besonders über die Jahre
    der Vorpubertät, haben mir oft später sehr anständige Personen
    von unerlaubten Handlungen berichtet, die sie sich damals hatten
    zu Schulden kommen lassen, von Diebstählen, Betrügereien und
    selbst Brandstiftungen. Ich pflegte über diese Angaben mit der
    Auskunft hinwegzugehen, daß die Schwäche der moralischen
    Hemmungen in dieser Lebenszeit bekannt sei, und versuchte nicht,
    sie in einen bedeutsameren Zusammenhang einzureihen. Aber
    endlich wurde ich durch grelle und günstigere Fälle, bei denen
    solche Vergehen begangen wurden, während die Kranken sich in
    meiner Behandlung befanden, und wo es sich um Personen jen-
    seits jener jungen Jahre handelte, zum gründlicheren Studium


    1)Der Nachweis des Inzestthemas in „Rosmersholm“ ist bereits mit denselben
    Mitteln wie hier, in dem überaus reichhaltigen Werke von O. Rank, Das Inzest-
    motiv in Dichtung und Sage, 1912, erbracht worden.

  • S.

    313

    solcher Vorfälle aufgefordert. Die analytische Arbeit brachte dann
    das überraschende Ergebnis, daß solche Taten vor allem darum
    vollzogen wurden, weil sie verboten und weil mit ihrer Ausfüh-
    rung eine seelische Erleichterung für den Täter verbunden war.
    Er litt an einem drückenden Schuldbewußtsein unbekannter Her-
    kunft, und nachdem er ein Vergehen begangen hatte, war der
    Druck gemildert. Das Schuldbewußtsein war wenigstens irgendwie
    untergebracht.

    So paradox es klingen mag, ich muß behaupten, daß das Schuld-
    bewußtsein früher da war als das Vergehen, daß es nicht aus
    diesem hervorging, sondern umgekehrt, das Vergehen aus dem
    Schuldbewußtsein. Diese Personen durfte man mit gutem Recht
    als Verbrecher aus Schuldbewußtsein bezeichnen. Die Präexistenz
    des Schuldgefühls hatte sich natürlich durch eine ganze Reihe
    von anderen Äußerungen und Wirkungen nachweisen lassen.

    Die Feststellung eines Kuriosums setzt der wissenschaftlichen
    Arbeit aber kein Ziel. Es sind zwei weitere Fragen zu beant-
    worten, woher das dunkle Schuldgefühl vor der Tat stammt, und
    ob es wahrscheinlich ist, daß eine solche Art der Verursachung
    an den Verbrechen der Menschen einen größeren Anteil hat.

    Die Verfolgung der ersten Frage versprach eine Auskunft über
    die Quelle des menschlichen Schuldgefühls überhaupt. Das regel-
    mäßige Ergebnis der analytischen Arbeit lautete, daß dieses dunkle
    Schuldgefühl aus dem Ödipus-Komplex stamme, eine Reaktion
    sei auf die beiden großen verbrecherischen Absichten, den Vater
    zu töten und mit der Mutter sexuell zu verkehren. Im Vergleich
    mit diesen beiden waren allerdings die zur Fixierung des Schuld-
    gefühls begangenen Verbrechen Erleichterungen für den Gequälten.
    Man muß sich hier daran erinnern, daß Vatermord und Mutter-
    inzest die beiden großen Verbrechen der Menschen sind, die ein-
    zigen, die in primitiven Gesellschaften als solche verfolgt und ver-
    abscheut werden. Auch daran, wie nahe wir durch andere Unter-
    suchungen der Annahme gekommen sind, daß die Menschheit

  • S.

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    ihr Gewissen, das nun als vererbte Seelenmacht auftritt, am
    Ödipus-Komplex erworben hat.

    Die Beantwortung der zweiten Frage geht über die psycho-
    analytische Arbeit hinaus. Bei Kindern kann man ohneweiters
    beobachten, daß sie „schlimm“ werden, um Strafe zu provozieren,
    und nach der Bestrafung beruhigt und zufrieden sind. Eine spätere
    analytische Untersuchung führt oft auf die Spur des Schuldgefühls,
    welches sie die Strafe suchen hieß. Von den erwachsenen Ver-
    brechern muß man wohl alle die abziehen, die ohne Schuldgefühl
    Verbrechen begehen, die entweder keine moralischen Hemmungen
    entwickelt haben oder sich im Kampf mit der Gesellschaft zu
    ihrem Tun berechtigt glauben. Aber bei der Mehrzahl der an-
    deren Verbrecher, bei denen, für die die Strafsatzungen eigent-
    lich gemacht sind, könnte eine solche Motivierung des Verbrechens
    sehr wohl in Betracht kommen, manche dunkle Punkte in der
    Psychologie des Verbrechers erhellen, und der Strafe eine neue
    psychologische Fundierung geben.

    Ein Freund hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, daß der
    „Verbrecher aus Schuldgefühl“ auch Nietzsche bekannt war. Die
    Präexistenz des Schuldgefühls und die Verwendung der Tat zur
    Rationalisierung desselben schimmern uns aus den Reden Zara-
    thustras „Über den bleichen Verbrecher“ entgegen. Überlassen
    wir es zukünftiger Forschung zu entscheiden, wie viele von den
    Verbrechern zu diesen „bleichen“ zu rechnen sind.