Fortsetzung der Diskussion vom vorigen Male 1910-004/1909.02

Rank, Otto (1910-004/1909.02): Fortsetzung der Diskussion vom vorigen Male

Zurück zum Werk
  • S.

    28/81
    81






     

    28. Vortragsabend
    am 26. Mai 1909.






     

    Fortsetzung der Diskussion vom vorigen Male
              (Prof. Freud: Über einen Typus des männlichen Liebeslebens).

  • S.

    1

    Hitschmann begrüßt es freudig, dass man endlich einen Ausweg
    u. Anhaltspunkt gefunden habe aus dem immerwährenden Hinweis
    auf die Verliebtheit in Mutter. Man könne nun sagen, auf welche
    Art verliebt, wie lange, wann, ob krankhaft oder normal etc.

          Den Ausführungen selbst könne man natürlich nur anerkennend
    gegenüberstehen. Hätte ein anderer diesen Typus geschildert, so
    hätte man mit etwas mehr Selbstvertrauen einige Einwendungen vor-
    gebracht. So dass die vier Eigenschaften zum Teil Korrelate von-
    einander sind. Wenn einer nur vergebene Frauen lieben kann (1),
    so ist es begreiflich, dass er sich eher an anrüchige hält, dann ist
    aber wieder das Rettungswollen leicht verständlich. Und wenn er
    doch eine Reihenbildung erreicht, so liegt das teils in der Art
    dieser Unanständigen überhaupt teils in der Art des Jungge-
    sellenverkehrs. Und wenn man bedenkt, wie häufig Eheversprechen
    u. dgl. sind, so muss man sagen, dass auch die Ehephantasie
    vielleicht den Typus nicht so scharf charakterisiert. Aber alle diese
    Einwände ziehe er wieder zurück, da er überzeugt sei, dass die
    Sache viel fester gefügt sei als dass diese banalen Einwände
    Bedeutung hätten.

          Bei der Erzählung Lindaus, die er schon gekannt habe, habe er ver-
    mutet, dass die Liebe zur Gesellschafterin dadurch geweckt wurde, dass er
    sie nackt sah andererseits durch die häufige Vorliebe der Männer für unter-
    gebene Bediente. Unerklärlich sei, wieso gerade der Anblick der
    toten Mutter, die er doch gewiss schon früher geliebt habe, für ihn
    zur Bedingung werde.

          Übrigens habe ihn der Typus etwas an Molières Misanthrope er-
    innert.

    Reitler schickt zuerst einige Worte über die Diskussion voraus, deren
    Niveau zu dem des Vortrags in einem umgekehrten Verhältnis
    stehe. Das solle jedoch kein Vorwurf sein, denn Einwände ließen
    sich ja nicht vorbringen, sondern nur Bestätigungen.

  • S.

    2

    Vervollständigungen hätten nur Stekel und Adler bis jetzt gebracht.
    Stekel habe die Phantasie-Ergänzung der Neurotiker erwähnt u.
    es wäre interessant zu untersuchen, weshalb der Neurotiker vom
    idealen Typus abweicht. Wenn wir diese Differenzierung der Liebes-
    bedingungen zu ergründen imstande wären, so würden wir
    auch dem Grund der Neurosen sehr nahe rücken. Adlers Beitrag sei
    nur teilweise richtig gewesen u. deshalb unrichtig. Er scheine sich
    jetzt mit neuen Nomenklaturen zu beschäftigen, die im Grund
    nichts Neues sagen, denn was er Empfindlichkeit nenne, das
    bezeichnen wir als Egozentrizität oder als Einstellung des Neurotikers.

          Zum Thema selbst habe er schwere Widerstände, da er selbst ein
    solcher Typus sei, allerdings mit einigen Abweichungen:
    1. habe er geheiratet u. zw. sei, wie er jetzt erkenne, das Motiv der
    Rettung in sozialer Beziehung dafür bestimmend gewesen.
    2. die Bedingung der Anrüchigkeit sei verschoben, denn seine
    frau sei ein uneheliches Kind.


     

    Heller hat auch kritisch nichts zu sagen, sondern aus der Kenntnis
    seiner eigenen Person einen Beitrag zu liefern. Er sei sich
    nicht klar geworden darüber ob der Typus als sehr verbreiteter
    geschildert wurde, etwa als normaler oder nicht. Einzelne Züge
    desselben finden sich nämlich noch in seinem Seelenleben
    aber auch nur dann, wenn man die Merkmale weiter fasse.

          Punkt 4 Rettung sei stark bei ihm ausgeprägt; aber nicht in
    Bezug auf sexuelle Anrüchigkeit sondern es handle sich um
    die Rettung aus einer wirklichen oder eingebildeten Misere.
    Ebenso sei stark ausgeprägt das Symptom der Reihenbildung
    bei gleichzeitiger Treue zu einer Person. Der Hinweis Freuds, dass
    sich bei dieser Reihenbildung die Objekte ersetzen, sei ihm
    nicht klar geworden, da bei ihm die Objekte gerade sehr diffe-
    renziert seien und das eben das Motiv zur Reihenbildung ist.

  • S.

    3

    Ein Punkt würde gar nicht erwähnt, der auch eine große Rolle
    spiele: dass das Objekt in dem Maße an Wert verlor als die Möglich-
    keit seines Besitzes näher rückte.

    Joachim: Die Darlegungen in Bezug auf die Liebesbedingungen
    könnten auf den ersten Blick selbstverständlich erscheinen.
    Bei näherem Zusehen sieht man jedoch, dass etwas neues
    gezeigt wurde. Es handle sich nicht um Bedingungen im
    gewöhnlichen Sinne, die in der Person liegen, sondern
    um solche, die gleichsam außerhalb derselben liegen. So kann
    z. B. jemand eine Person, die er schon kennt oder die er auch noch gar
    nicht kennt, liebgewinnen, wenn ihm eine seiner Liebesbedingun-
    gen her zugetragen wird etc. Daraus erkläre sich vielleicht der
    oft Widersinnige mancher Liebschaften für die Betrachter,
    die nur die Personen in Betracht ziehen u. oft auf diese
    Bedingungen natürlich nicht achten. Nachträglich suchen
    die Leute allerdings oft einen solchen Liebesreflex und
    suchen ihn zu motivieren („Liebe auf den ersten Blick“).
    Verliebte Leute sind keine Philosophen, wie von vielen angenommen
    würde u. das Wesen u. die Wurzel der Liebe bestehe auch nicht im
    Eindringen in das Wesen der geliebten Person etc. Es liege viel-
    mehr eine gewisse Oberflächlichkeit der Verliebten darin, dass
    sie sich auf Dinge beziehen, die nicht die wesentlichen sind,
    da z. B. oft eine Namensgleichheit genüge um Liebe zu erwecken.
    Das ist natürlich nicht so aufzufassen, dass man sich bei Vor-
    handensein einer einzigen Bedingung u. sonstiger vollstän-
    diger Abneigung verlieben kann; aber dass bei sonstiger
    Sympathie eine solche Bedingung den Ausschlag geben kann.
    Als Beispiel erzählt J. die Geschichte eines Kollegen, der sich dreimal
    in sogenannte „Schwestern“ (Krankenpflegerinnen) verliebt. Auf die
    Kündigung, ob es sich nicht um eine Liebe zu seiner Schwester
    handle, teilt er mit, dass er mit seinen Schwestern in Feindschaft
    lebe. Seine letzte Liebe, auch eine Krankenschwester, hieß

  • S.

    4 a

    Nelly u. auch die Vermutung, dass vielleicht eine seiner Schwestern
    so geheißen habe, bestätigte sich nicht. Nun hatte er aber einen
    Traum, worin er die Hage„Schwester“ Nelly nennt. Das ist aber der Kosel-
    name seiner jüngsten Schwester u. der englische Name für Helene.
    Eine häufige Bedingung sei: dass jemand überrascht wird jemand
    anderes sei in ihn verliebt. Vielleicht geht auch das zurück auf die
    mütterliche Wurzel, denn die Mutter bringe ja dem Kind die Liebe
    entgegen.

          Ein häufiges Motiv in Legenden u. Mythen sei die erwachende Verliebt-
    heit des Helden in dem Augenblick, wo ihm das Mädchen einen Trank
    reicht. Damit hänge vielleicht auch der mittelalterliche Liebes-
    trank zusammen, in dem man Exkrete des weiblichen Körpers mischte.
    Es sei nicht unmöglich, dass diese Liebesbedingung zurückgehe
    auf das Trinken am mütterlichen Busen, auch einem Sekret
    des weiblichen Körpers.

          Es wurde hingewiesen darauf dass für den Verliebten das geliebte
    Gegenstand mit der Erreichbarkeit an Reiz verliere. Als Gegen-
    stück dazu müsse man erinnern dass der Verliebte sehr häufig das
    Objekt in seiner Phantasie immer höher zu stellen sucht, endlich
    so hoch, dass er sich dasselbe ganz entfremdet. So besingt Goethe
    in einem Sonett die Geliebte erst als Tochter dann als Schwester, als Geliebte
    u. schließlich als Fürstin, was wahrscheinlich auch auf die mütterliche
    Aetiologie zurückgehe; die Fürstin ist wahrscheinlich seine Mutter.
    Graf kann bestätigen, dass in vielen Fällen durch den Namensodr.
    etwas damit assoziativ Verbundenes das Verlieben erfolge.

    Rank kann aus seiner Untersuchung über „das Inzest-Motiv in
    Dichtung u. Sage“ aus der Psychologie der Dichter ausgleichende
    u. in allen Punkten zutreffende Bestätigung für die Richtig-
    keit u. Häufigkeit dieses Typus — wenn auch in seiner
    Phantasie mässigen Ausgestaltung — erbringen.

    1.) Typus: Don Karlos, wo es sich um die Liebe zur Frau eines anderen —
    nämlich des Vaters — handle. Nach diesem Muster sind eine Un-

  • S.

    4 b

    zahl von Dramen gearbeitet, ja es handle sich in der ganzen dramatischen
    Literatur immer um das Wegnehmen eines Weibes, was eben in der
    Regel den Konflikt ergebe.

    2. sei nicht so deutlich, da bei Dichtern Ausgaben auch nachge-
    wiesen.

    3. sei ein sehr sehr häufiges fast regelmäßiges Motiv in der Form der
    Spaltung in das reine Weib und in das anrüchige minder-
    wertige Objekt (das literargeschichtlich allgemein bekannte Motiv
    des Helden, der zwischen zwei Frauen steht: Karlos zwischen zwei
    Elisabeth u. Eboli, Hamlet zwischen Ophelia u. Gertrud, Emilia
    Galotti u. Orsina, Luise Millerin u. Milford etc. etc.).

    4 sei auch häufig, wie z. B. Stekel für Heine sein Leben nachge-
    wiesen habe. Eine die Auffassung Freuds vollkommen be-
    stätigende Form des Rettungsmotivs findet man in Raabe: u.
    Liebe II/6. —

          Eine typische Begründung der Unterrettung bei fast allen
    Dichtern sei der Glaube des sie liebenden Sohnes, sie sei
    in der Ehe mit dem alternden Vater unglücklich u. müsse
    aus dieser Ehe gerettet werden. —

    Wie schon dieser Überblick zeige, lasse sich diese Motivätiologie
    bei allen großen Dichtern nachweisen. Am reinsten vielleicht
    bei Schiller, in dessen Liebesleben u. Dichten der Inzest-
    komplex seinen vollendetsten Ausdruck gefunden habe, wie
    Rank an einzelnen Proben zeigt u. wie man in der erwähnten Arbeit
    bald sehen wird. —

          Wie sich vom Verhalten z. Mutter ein Typus des Liebeslebens
    ableiten lässt, so vom Verhalten zum Vater mehrere Typen des
    sozialen Verhalten (vgl. Mythus Narzissmus etc.). —

          Schließlich erwähnt Rank noch einen Fall, der zeigt, wie
    innerhalb dieses Typus die Abweichungen bis in die Verkehrung
    zum Gegenteil gehen können. Es handelt sich um den schon

  • S.

    5

    des öfteren erwähnten Don Juan, der in allen Punkten das genaue
    Gegenteil an Liebesbedingungen erfordert, die aber sicher
    auch, wie schon dieses Komplette Pendant beweist, auf die
    Mutter zurückgehen. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen,
    dass bei ihm die ursprüngliche Aggressive Komponente
    des Liebeslebens sich verstärkt habe, während sie bei den
    andern, bei beiden Neurotikern verdrängt ist und so die
    Sexualablehnung erreicht, die diese Menschen vor dem hohen
    Menschenobjekt fliehen lässt in Neurosen, die ihnen die
    Liebe entgegenbringen /Drogen/ oder in die Phantasie (Dichtung).

    Adler: Wenn man die Ausführungen Ranks im Zusammenhang mit
    denen des Herrn Professors betrachtet, ist es gestattet noch einmal da-
    rauf hinzuweisen, dass man mehr oder weniger deutliche Spuren
    dieser Beziehungen bei jedem finden wird. Also kann es uns
    nicht wundern, dass es auch bei den Dichtern zu finden ist. Er möchte
    also dafür plädieren, dass man sich nicht einen strengen Typus aus
    diesen Bedingungen schafft, sondern die Grenzen recht weit
    steckt. Einige Bedingungen möchte er noch hinzufügen ob-
    wohl man sie aus dem Material bereits konstruieren kann. So dass
    man einen auffälligen Scantandard bei den Vertretern dieses Typus
    finde, der sich ja mit manchen Punkten (z.B. 1) deckt. Ein schon
    schwerer verständlicher Charakterzug, der eine Abweichung dar-
    stellt, ist das Umschlagen in Keuschheit. Spuren davon finden
    sich bei jedem, der in der Sexualablehnung verharrt. Die Beziehung
    zur Mutter braucht nur einer Reaktion unterworfen zu werden, aus der
    sie auftaucht in der Form der Ablehnung gegen das Weib und es re-
    sultiert die Keuschheit, die so weit gehen kann, der der Betr. die Frauen
    von jedem Strafeinschliessen will. Von hier aus wäre ein Exkurs
    in die politische Stellungnahme überhaupt sehr interessant. Be-
    sonders über die Strömung der Antifeministen dürfte man von diesem
    Gesichtspunkt aus einige Aufklärung bekommen. Von da aus kann
    man dann weiter zu den homosexuellen Zügen dieser Personen

  • S.

    6

    es handelt sich dann darum, dass die Ablösung von der Mutter in der
    Reaktion auch erfolgen kann durch eine Person, die in unserer Kultur
    immer zur Verfügung steht, wie z.B. durch den Hauslehrer (einen solchen
    Fall konnte er verfolgen), einen Freund, den Vater etc.

          Schliesslich sei noch auf das Korrelat dieses Typus bei weiblichen
    Personen hinzuweisen, das vielleicht infolge der so verschiedenen weib-
    lichen Kultur nicht in allen Punkten entspricht, aber in manchen eklatant
    ist, besonders was die Forderung der Liebesbedingung betrifft.
    Adler ergänzt nun als Beispiel dafür, die Mitteilungen über die schon
    im ersten Teil der Disk. erwähnte Patientin, für die es eine Liebes-
    bedingung war, dass der Mann von einer andern, in ihr Fall von
    einer verheirateten Frau, einen Liebesantrag erhält.

    Stekel erwähnt, dass er die Rettungsphantasie kürzlich bei einem Knaben
    gefunden habe, der bei ihm in Behandlung stehe. Auch sei ihm ein
    Gedicht von Körner in die Hand gekommen, worin es sich um die Rettg.
    einer Frau u. um eine Hochzeitsphantasie handle. —

    Federn berichtet noch von einer auf den Vater gehenden Liebesbedingung
    bei einem jungen Mann, dessen Frau ganz seinem Vater ähnliche
    Augen hat. (Schlusswort)


    Prof. Freud begnügt sich damit, ein paar Bemerkungen hinzu-
    zufügen ohne auf alle Vorgebrachte einzugehen. Zunächst wollte
    er die Stellung des Vortrags im System präzisieren. Es handelt sich
    dabei um ein Heraushreifen von etwas Auffälligem aus einem
    analytisch noch nicht untersuchten Gebiet. Dieser Typus sei
    ihm einige Male entgegengetreten, u. er halte ihn nicht für
    sehr häufig u. möchte ihn keineswegs als normal bezeichnen.

          Aus den Modifikationen und Zusätzen, die angeführt wurden, lasse
    sich ersehen, dass das Gebotene nach keiner Richtung etwas Abge-
    schlossenes sei sondern eine Menge von Zusammenhängen gleich-
    sam angedeutet habe; es sollte eine Anregung geben, über das
    schon einigermassen öde Thema der Mutter hinauszugehen
    und die Reichhaltigkeit des psychischen Geschehens, welche die

  • S.

    7

    verschiedensten Resultate ergibt, nicht zu vergessen. Das Haupt-
    interesse wird sich bald von der Tatsache auf die Modifikationen u.
    die Wege, die zu ihnen führen, lenken. Es ist kein Zweifel, dass
    sich hier neurotisches u. normales Geschehen innig berühren u. dass
    man von da aus lohnende Einblicke in die verschiedensten Prozesse ergeben
    würden.

          Nur einzelne Bemerkungen: Hitschmann hat den scheinbaren
    Zusammenhang dieser Punkte geltend gemacht. Das sind die be-
    kannten Rationalisierungen, die zu vergleichen sind mit den schein-
    baren Zusammenhängen im Träume, die aber die unbewusste
    Begründung keineswegs ausschliessen. Die Frage, wieso gerade
    die Liebesbedingung an das Objekt geknüpft wird in der Erzählung
    Lindaus, erklärt sich so, dass das erst eine später dazugekommene
    Liebesbedingung ist; solange die Mutter lebte brauchte er über-
    haupt keine Liebesbedingung.

          Zum Allgemeinen sei hinzugefügt, dass für die vielen Variationen
    der Gesichtspunkt geltend zu machen ist, der für ein feineres Studium
    überhaupt der massgebende sein wird. Es handelt sich ja um die
    Schicksale der Libido u. darüber findet die Lokalisation derselben
    bes. Hervorhebung. Man könnte nun etwa nach folgenden polaren
    Gesichtspunkt gruppieren: ob in der Phantasie od. in der Wirklichkeit,
                                                      ob im Bewussten oder im Unbew. —

    Bei der Gestaltung der verschiedenen Formen handelt es sich dann
    um die Zeitdauer u. die Intensität.

          Dr. Reitler ist für die Aufrichtigkeit seiner Mitteilungen zu danken
    u. dabei an die selbstverständliche Pflicht der Diskretion zu erinnern.
    Heller hat eine f. interessante Modifikation erzählt, die als Be-
    reicherung ähnlich zu werten ist, wie die von Stekel, d.h. aus der
    Lokalisation der Libido. — Die Reihenbildung gehört zu den
    Modifikationen des Typus und nicht zu den Charakteren.

    Schliesslich noch ein paar Worte über die andern nur nebenbei gestreiften
    Themata, z.B. über die Liebesbedingungen. Die Kenntnis
    derselben wird für den Zustand der Verliebtheit von grosser Be-

  • S.

    8

    deutung u. ein Urteil über das Verlieben bei der Charakterisierung gestatten.
    Die Liebesbedingungen zeigen uns, dass das Verlieben darin besteht, ein
                                                                                            (Joachim)
    altes infantiles Ideal in der andern Person zu verwirklichen ) u. den er also
    einen Sinn hat zu sagen, die Ehen werden im Himmel geschlossen.

          Die Bedeutung der Namen könne man kulturhistorisch bestätigen. Bei
    den frommen Juden besteht das merkwürdige Verbot, dass der Sohn sich
    kein Mädchen wählen darf, welche denselben Namen wie die Mutter hat. —
    Der Gesetzgeber weiss offenbar, dass bei der Objektwahl die Mutter als Vor-
    bild dahinter steckt. Auch bei den Dichtern findet man die Liebesbeding-
    ungen in feiner Weise Rechnung tragen. So z.B. in Shakespeares Sommer-
    nachtstraum, wo ein auf die Augen getröpfelter Saft bewirkt, dass die
    Personen, das erste Weib, das sie beim Erwachen sehen, lieben müssen;
    das erste Weib, das man sieht, ist aber doch die Mutter. Derselbe Motiv, nur
    ins tragische gewendet, kommt in Die fechte Sage vor, wo der erste geopfert
    werden muss. — Aus dem ganzen Zusammenhang erklärt sich auch
    der Fall Linda Murri, wo der Bruder zum Mörder wird, weil er die Schwester
    „retten“ will.

          Der Übergang zur Homosexualität habe er in einigen Fällen anders
    erlebt. Ein Knabe, der bis in die Pubertät sehr an seiner Mutter hängt u.
    keine Freunde hat wirft plötzlich Hass u. Eifersucht auf andre Knaben, weil
    die geliebte Mutter einen Knaben in seiner Gegenwart gelobt hat. In der Pubertät
    wird die Mutter ins Unb. verdrängt was durch Identifizierung mit ihr ge-
    schieht: von da an gefallen ihm die Knaben auch. Wenn in einem Klärungs-
    verfahren im Bewusstsein ein Teil ins Unb. verdrängt wird, demgegenüber
    erwache am andern bew. Teil eine Veränderung: er verdrängt also zugleich
    seine Eifersucht gegen die Knaben u. verwandelt sie in Liebe. Derselbe
    zeigt ein Fall, ohne dass damit die Möglichkeit des Vorgangs wie ein Fall Adler
    bestritten werden soll.

          Schliesslich erzählt Professor Freud noch, um zur Vorsicht bei diesen
    fast psychologischen Dingen zu ermahnen ein persönliches Beispiel, wie
    der Name tatsächlich bei einer solchen Liebeswahl mitwirkt aber oft
    in viel feinerer Weise, durch eine inhaltliche Assoziation (die Vorliebe
    für den Namen Eva verursacht durch eine mit einem Apfel servierte
    Aufmerksamkeit).