Gesellschaft der Aerzte in Wien. 1886-412/1886.3

N. N. (/1886.3): Gesellschaft der Aerzte in Wien.

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    Hierauf hält Dozent Dr. Freud einen Vortrag

    Ueber männliche Hysterie.

    Auf seiner Studienreise nach Paris hatte Redner Gelegenheit, die
    neueren Arbeiten Charcot's, der sich jetzt fast ausschliesslich mit
    dem Stadium der Hysterie beschäftige, kennen zu lernen und er er-
    laube sich, dessen Ansichten, die ihm ebenso wichtig wie neu erscheinen,
    vorzutragen.

    Er hoffe, keinem Widerspruche zu begegnen, wenn er sage, dass
    die Aerzte im Allgemeinen mit Hysterie keinen recht festen wissen-
    schaftlichen Begriff verbinden. Die Bezeichnung „hysterisch“ werde oft
    gleichbedeutend mit „nervös“ gebraucht, es fehle eine scharfe Unter-
    scheidung dieser Krankheit von anderen Neurosen und die Diagnose
    werde zumeist auf Nebenumstände, Alter des Patienten, Geschlecht,
    Verlauf, Wandelbarkeit der Symptome etc., anstatt auf positive Symp-
    tome des ruhenden Krankheitsbildes gegründet. Es herrsche ferner
    fast allgemein ein Misstrauen gegen die Angaben der Kranken und
    Unlust, in das Detail der Erscheinungen einzugehen. Endlich gelte die
    Beziehung zum weiblichen Genitalsystem als charakterisch für die Hy-
    sterie. Charcot hat nun gerade sowie beim Studium anderer Krank-
    beitsbilder einen Typus für die Hysterie aufgestellt, eine extreme Form
    der Erkrankung, an welche man für die Diagnose der mehr rudi-
    mentären Formen anknüpfen könne.

    Dieser Typus, als „grande Hysterie“ bezeichnet, zeigt folgende
    Symptome:

    I. Eigenthümliche Anfälle, welche, durch eine besondere Aura
    eingeleitet, vier gesonderte Phasen erkennen lassen, Die erste Phase
    ist die der epileptoiden Zuckungen, welche vollständig einem epilepti-
    schen Anfalle gleicht. Hierauf folgen die „grande mouvements“, Be-
    wegungen von grossem Umfange, Grussbewegungen, Bogenstellungen
    u. s. w.; endlich das Stadium „attitudes passionelles", der affektvollen
    Geberdung, Aufhören der ungeordneten Bewegungen, der Kranke zeigt
    sich in Worten und Bewegungen von Halluzinationen beherrscht. Den
    Schluss macht das Delire terminal.

    II. Charakteristische Sensibilitätsstörungen, wie Hemianästhesie
    cerebraler Natur u. dgl.

    III. Eigenthümliche Störungen an Sinnesorganen, insbesondere
    am Auge, z. B. einseitige oder doppelseitige Amblyopie mit konzen-
    trischer Einengung des Gesichtsfeldes, Veränderungen des Farbensinnes.

    IV. Das Vorkommen von besonders empfindlichen Punkten,
    hysterogenen Plaques, welche in bemerkenswerther Beziehung zu den
    Anfällen stehen.

    V. Neigung zu motorischen Störungen, wie Lähmungen, Kon-
    trakturen, die in ihrem Detail absolut charakteristisch sind.

    Redner bemerkt, dass man allerdings nicht in jedem Falle alle
    diese Kennzeichen zu finden erwarten dürfe; es handle sich wie z. B.
    beim Morbus Basedowii um vollständige und rudimentäre Fülle, von
    denen die letzteren durch die Annäherung an erstere erkannt werden.

    Weiters hebt Redner als Verdienst Charcot's hervor, dass er
    das Vorurtheil, die Hysterischen seien alle Simulanten, durch seine
    Untersuchungen zerstört hat, dass er für die grosse Zahl von Er-
    scheinungen theils eine wissenschaftliche nüchterne Konstatirung, theils
    den Ansatz einer Erklärung gegeben hat.

    Ferners hat Charcot besonders durch seine Studien über die
    Hysterie der Männer und vorzüglich über die traumatische Hysterie
    gezeigt, dass der Zusammenhang der Neurose mit Reizungszuständen
    der Geschlechtsorgane in seiner Bedeutung überschätzt wurde, dass der-
    selbe nicht nothwendig zur Charakteristik der Krankheit gehört.

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    Redner bespricht nun die Hysterie der Männer, von der zwar
    einzelne Fälle bekannt waren, die aber doch für selten gilt, wie daraus
    hervorgeht, dass uns noch der etymologische Widersinn der Worte
    anstössig erscheint. Die Zeit der Pubertät, hereditäre Verhältnisse,
    Uebertragung der Anlage von der Mutter auf den Sohn ist wichtig,
    jedoch ist auch das reifere Alter nicht immun.

    Bezüglich der Symptome bestehen keine wesentlichen Unterschiede
    von der Hysterie der Frauen. So findet sich insbesondere bei Männern
    die grande hysterie mit allen charakteristischen Details, nur sind die
    Anfälle viel schreckenerrender, das Krankheitsbild mache einen ernsteren
    Eindruck. Auch bei der Hysterie der Männer lässt sich nur für einige
    Fälle der Zusammenhang mit der Geschlechtsthätigkeit nachweisen, für
    andere jedoch nicht, massgebend sind namentlich die auf Grund eines
    Trauma entstandenen.

    Dr. Freud erwähnt eines biehergehörigen Falles, den er noch
    bei Charcot unter vielen anderen gesehen: Zur Zeit, als Ch. diese
    Fälle zu studiren begann, kam ein junger, hereditär belasteter Mann,
    17 Jahre, Maurer, der bis dahin gesund gewesen, zur Beobachtung.
    Der Patient zeigte nach einem Sturz vom Gerüste eine leichte Kon-
    tusion, die Bewusstlosigkeit dauerte einige Minuten. Drei Tage später
    leichte Schwäche des linken Armes, Unempfindlichkeit der Hand. Am
    22. Tage vollkommene Lähmung und Anästhesie des Armes, das
    gleichzeitige Bestehen eines Herzfehlers legte es nahe, die Lähmung
    mit demselben in Zusammenhang zu bringen, doch waren die Symptome
    der Lähmung, auf welche er nicht näher einging, derartige, dass
    Charcot sich entschloss, organische Erkrankungen auszuschliessen
    und Hysterie zu vermuthen. Eine genaue Untersuchung zeigte auch in
    der That, dass Hemianästhesie und Analgesie links, Einschränkung des
    Gesichtsfeldes, Störung des Farbensinnes bestand, und bei einer Unter-
    suchung auf hysterogene Plaques löste Druck auf eine solche empfind-
    liche Stelle den ersten hystero-epileptischen Anfall aus, womit die
    Diagnose gesichert war. Die Beweglichkeit des Armes stellte sich nach
    einem Anfalle wieder her, die Hemianästhesie blieb.

    Diese Lehre von der Hysterie der Männer hat noch eine prak-
    tisch wichtige Seite, Charcot neige nämlich dahin, die nach Eisen-
    bahnunfällen entstandenen Zustände, die als Railway spine oder R. brain
    bekannt sind, nach Analogie mit seinen Fällen zum grossen Theile für
    Hysterie zu erklären, wobei er sich in Uebereinstimmung mit mehreren
    amerikanischen Forschern befinde. Wenn auch diese Behauptung, welche
    von deutschen Forschern Widerspruch erfahren habe, noch nicht völlig
    erwiesen sei, da Charcot nicht direkt solche Fälle studirt, so er-
    scheine ihm doch diese Andeutung der Beachtung der praktischen
    Aerzte in hohem Grade werth zu sein.

    Prof. Rosenthal erwähnt zweier Fälle von Hysterie bei Kna-
    ben, die er beobachtet hat, beschreibt ausführlich die Art der Krämpfe,
    den Typus des Ablaufes derselben und kommt zum Schlusse, dass bei
    einem grossen Theile der Fälle die Erregung offenbar vom Cortex aus-
    gehen müsse, womit aber nicht ausgeschlossen ist, dass nicht auch die
    Oblongata ihren Antheil daran haben könne,

    Prof. Meynert bemerkt, dass auf seiner Klinik seit Jahren
    Fälle beobachtet werden, in welchen meistens nach traumatischen In-
    sulten psychische Veränderungen mit epileptischen Krämpfen, Störun-
    gen des Bewusstseins aufgetreten sind, Zustände, die von ihm als
    epileptoide bezeichnet werden. Es wäre interessant, ob alle diese Fälle
    die Regelmässigkeit der Symptomenreihe, wie sie eben von Freud
    geschildert wurden, darbieten.

    Hofrath v. Bamberger meint, dass er in dem interessanten
    Vortrage bei all seiner Anerkennung für die Verdienste Charcot's
    nicht viel Neues anerkennen könne, mit Ausnahme des supponirten
    Zusammenhanges der Railway spine mit echter Hysterie, jedoch ent-
    sprächen die Beobachtungen, die Redner darüber machte, nicht diesem
    Bilde, wenngleich die Aehnlichkeit nicht zu läugnen ist, jedesfalls
    wäre es verfrüht, dieselben jetzt schon als Hysterie zu bezeichnen,

    Prof. Leidesdorf hat wiederholt Fälle auf seiner Klinik
    beobachtet, wo es sich um junge Leute handelte, bei welchen nach
    Eisenbahnunfällen schwere Erkrankungen des Rückenmarkes, progres-
    sive Paralyse auftraten, die gewiss nicht mit Hysterie zu verwechseln
    waren, womit nicht gesagt sein soll, dass nicht auch durch ein Trauma
    hysterische Zustände geschaffen werden können. Es sei bedenklich, das
    Trauma als eine Ursache hinzustellen, weil man den Umfang der Ver-
    änderungen nicht feststellen kann; treten doch bei jungen Leuten nach
    Schädeltraumen ohne sichtbare äussere Verletzung hinterher Verände-

  • S.

    rungen, wie Ueberempfindlichkeit, Schlaflosigkeit auf, die mit der Hy-
    sterie nichts zu thun haben, jedenfalls als Erschütterung des Nerven-
    systems aufzufassen sind.

     

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  • S.

    Sonnabend, den 23. Oktober 1886. Nr. 13. Sechsunddreissigster Jahrgang.

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    Wiener
    Medizinische Wochenschrift

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