S.
1445
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Hierauf hält Dozent Dr. Freud einen Vortrag
Ueber männliche Hysterie.
Auf seiner Studienreise nach Paris hatte Redner Gelegenheit, die
neueren Arbeiten Charcot's, der sich jetzt fast ausschliesslich mit
dem Stadium der Hysterie beschäftige, kennen zu lernen und er er-
laube sich, dessen Ansichten, die ihm ebenso wichtig wie neu erscheinen,
vorzutragen.Er hoffe, keinem Widerspruche zu begegnen, wenn er sage, dass
die Aerzte im Allgemeinen mit Hysterie keinen recht festen wissen-
schaftlichen Begriff verbinden. Die Bezeichnung „hysterisch“ werde oft
gleichbedeutend mit „nervös“ gebraucht, es fehle eine scharfe Unter-
scheidung dieser Krankheit von anderen Neurosen und die Diagnose
werde zumeist auf Nebenumstände, Alter des Patienten, Geschlecht,
Verlauf, Wandelbarkeit der Symptome etc., anstatt auf positive Symp-
tome des ruhenden Krankheitsbildes gegründet. Es herrsche ferner
fast allgemein ein Misstrauen gegen die Angaben der Kranken und
Unlust, in das Detail der Erscheinungen einzugehen. Endlich gelte die
Beziehung zum weiblichen Genitalsystem als charakterisch für die Hy-
sterie. Charcot hat nun gerade sowie beim Studium anderer Krank-
beitsbilder einen Typus für die Hysterie aufgestellt, eine extreme Form
der Erkrankung, an welche man für die Diagnose der mehr rudi-
mentären Formen anknüpfen könne.Dieser Typus, als „grande Hysterie“ bezeichnet, zeigt folgende
Symptome:I. Eigenthümliche Anfälle, welche, durch eine besondere Aura
eingeleitet, vier gesonderte Phasen erkennen lassen, Die erste Phase
ist die der epileptoiden Zuckungen, welche vollständig einem epilepti-
schen Anfalle gleicht. Hierauf folgen die „grande mouvements“, Be-
wegungen von grossem Umfange, Grussbewegungen, Bogenstellungen
u. s. w.; endlich das Stadium „attitudes passionelles", der affektvollen
Geberdung, Aufhören der ungeordneten Bewegungen, der Kranke zeigt
sich in Worten und Bewegungen von Halluzinationen beherrscht. Den
Schluss macht das Delire terminal.II. Charakteristische Sensibilitätsstörungen, wie Hemianästhesie
cerebraler Natur u. dgl.III. Eigenthümliche Störungen an Sinnesorganen, insbesondere
am Auge, z. B. einseitige oder doppelseitige Amblyopie mit konzen-
trischer Einengung des Gesichtsfeldes, Veränderungen des Farbensinnes.IV. Das Vorkommen von besonders empfindlichen Punkten,
hysterogenen Plaques, welche in bemerkenswerther Beziehung zu den
Anfällen stehen.V. Neigung zu motorischen Störungen, wie Lähmungen, Kon-
trakturen, die in ihrem Detail absolut charakteristisch sind.Redner bemerkt, dass man allerdings nicht in jedem Falle alle
diese Kennzeichen zu finden erwarten dürfe; es handle sich wie z. B.
beim Morbus Basedowii um vollständige und rudimentäre Fülle, von
denen die letzteren durch die Annäherung an erstere erkannt werden.Weiters hebt Redner als Verdienst Charcot's hervor, dass er
das Vorurtheil, die Hysterischen seien alle Simulanten, durch seine
Untersuchungen zerstört hat, dass er für die grosse Zahl von Er-
scheinungen theils eine wissenschaftliche nüchterne Konstatirung, theils
den Ansatz einer Erklärung gegeben hat.Ferners hat Charcot besonders durch seine Studien über die
Hysterie der Männer und vorzüglich über die traumatische Hysterie
gezeigt, dass der Zusammenhang der Neurose mit Reizungszuständen
der Geschlechtsorgane in seiner Bedeutung überschätzt wurde, dass der-
selbe nicht nothwendig zur Charakteristik der Krankheit gehört.1446
Redner bespricht nun die Hysterie der Männer, von der zwar
einzelne Fälle bekannt waren, die aber doch für selten gilt, wie daraus
hervorgeht, dass uns noch der etymologische Widersinn der Worte
anstössig erscheint. Die Zeit der Pubertät, hereditäre Verhältnisse,
Uebertragung der Anlage von der Mutter auf den Sohn ist wichtig,
jedoch ist auch das reifere Alter nicht immun.Bezüglich der Symptome bestehen keine wesentlichen Unterschiede
von der Hysterie der Frauen. So findet sich insbesondere bei Männern
die grande hysterie mit allen charakteristischen Details, nur sind die
Anfälle viel schreckenerrender, das Krankheitsbild mache einen ernsteren
Eindruck. Auch bei der Hysterie der Männer lässt sich nur für einige
Fälle der Zusammenhang mit der Geschlechtsthätigkeit nachweisen, für
andere jedoch nicht, massgebend sind namentlich die auf Grund eines
Trauma entstandenen.Dr. Freud erwähnt eines biehergehörigen Falles, den er noch
bei Charcot unter vielen anderen gesehen: Zur Zeit, als Ch. diese
Fälle zu studiren begann, kam ein junger, hereditär belasteter Mann,
17 Jahre, Maurer, der bis dahin gesund gewesen, zur Beobachtung.
Der Patient zeigte nach einem Sturz vom Gerüste eine leichte Kon-
tusion, die Bewusstlosigkeit dauerte einige Minuten. Drei Tage später
leichte Schwäche des linken Armes, Unempfindlichkeit der Hand. Am
22. Tage vollkommene Lähmung und Anästhesie des Armes, das
gleichzeitige Bestehen eines Herzfehlers legte es nahe, die Lähmung
mit demselben in Zusammenhang zu bringen, doch waren die Symptome
der Lähmung, auf welche er nicht näher einging, derartige, dass
Charcot sich entschloss, organische Erkrankungen auszuschliessen
und Hysterie zu vermuthen. Eine genaue Untersuchung zeigte auch in
der That, dass Hemianästhesie und Analgesie links, Einschränkung des
Gesichtsfeldes, Störung des Farbensinnes bestand, und bei einer Unter-
suchung auf hysterogene Plaques löste Druck auf eine solche empfind-
liche Stelle den ersten hystero-epileptischen Anfall aus, womit die
Diagnose gesichert war. Die Beweglichkeit des Armes stellte sich nach
einem Anfalle wieder her, die Hemianästhesie blieb.Diese Lehre von der Hysterie der Männer hat noch eine prak-
tisch wichtige Seite, Charcot neige nämlich dahin, die nach Eisen-
bahnunfällen entstandenen Zustände, die als Railway spine oder R. brain
bekannt sind, nach Analogie mit seinen Fällen zum grossen Theile für
Hysterie zu erklären, wobei er sich in Uebereinstimmung mit mehreren
amerikanischen Forschern befinde. Wenn auch diese Behauptung, welche
von deutschen Forschern Widerspruch erfahren habe, noch nicht völlig
erwiesen sei, da Charcot nicht direkt solche Fälle studirt, so er-
scheine ihm doch diese Andeutung der Beachtung der praktischen
Aerzte in hohem Grade werth zu sein.Prof. Rosenthal erwähnt zweier Fälle von Hysterie bei Kna-
ben, die er beobachtet hat, beschreibt ausführlich die Art der Krämpfe,
den Typus des Ablaufes derselben und kommt zum Schlusse, dass bei
einem grossen Theile der Fälle die Erregung offenbar vom Cortex aus-
gehen müsse, womit aber nicht ausgeschlossen ist, dass nicht auch die
Oblongata ihren Antheil daran haben könne,Prof. Meynert bemerkt, dass auf seiner Klinik seit Jahren
Fälle beobachtet werden, in welchen meistens nach traumatischen In-
sulten psychische Veränderungen mit epileptischen Krämpfen, Störun-
gen des Bewusstseins aufgetreten sind, Zustände, die von ihm als
epileptoide bezeichnet werden. Es wäre interessant, ob alle diese Fälle
die Regelmässigkeit der Symptomenreihe, wie sie eben von Freud
geschildert wurden, darbieten.Hofrath v. Bamberger meint, dass er in dem interessanten
Vortrage bei all seiner Anerkennung für die Verdienste Charcot's
nicht viel Neues anerkennen könne, mit Ausnahme des supponirten
Zusammenhanges der Railway spine mit echter Hysterie, jedoch ent-
sprächen die Beobachtungen, die Redner darüber machte, nicht diesem
Bilde, wenngleich die Aehnlichkeit nicht zu läugnen ist, jedesfalls
wäre es verfrüht, dieselben jetzt schon als Hysterie zu bezeichnen,Prof. Leidesdorf hat wiederholt Fälle auf seiner Klinik
beobachtet, wo es sich um junge Leute handelte, bei welchen nach
Eisenbahnunfällen schwere Erkrankungen des Rückenmarkes, progres-
sive Paralyse auftraten, die gewiss nicht mit Hysterie zu verwechseln
waren, womit nicht gesagt sein soll, dass nicht auch durch ein Trauma
hysterische Zustände geschaffen werden können. Es sei bedenklich, das
Trauma als eine Ursache hinzustellen, weil man den Umfang der Ver-
änderungen nicht feststellen kann; treten doch bei jungen Leuten nach
Schädeltraumen ohne sichtbare äussere Verletzung hinterher Verände-S.
S.
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Gesellschaft der Aerzte in Wien.
1886-412/1886.3