S.
22
die affektiv gebotene Ablehnung durch intellektuelle Be-
gründung zu motivieren verstanden, war nicht verwunderlich.
Es ereignete sich bei den Kranken ebenso häufig, und die
ins Feld geführten Argumente – Argumente sind so gemein
wie Brombeeren, mit Falstaff zu reden – waren die näm-
lichen und nicht gerade scharfsinnig. Der Unterschied war
nur, daß man bei den Kranken über Pressionsmittel verfügte,
um sie ihre Widerstände einsehen und überwinden zu lassen,
bei den angeblich Gesunden solcher Hilfen aber entbehrte.
Auf welche Weise man diese Gesunden zu einer kühlen, wis-
senschaftlich objektiven Überprüfung drängen könne, war ein
ungelöstes Problem, dessen Erledigung am besten der Zeit
vorbehalten blieb. Man hatte in der Geschichte der Wissen-
schaften oft feststellen können, daß dieselbe Behauptung, die
anfangs nur Widerspruch hervorgerufen hatte, eine Weile
später zur Anerkennung kam, ohne daß neue Beweise für sie
erbracht worden wären.Daß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psycho-
analyse vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urteil der
Welt oder ein Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei
mir entwickelt habe, wird wohl niemand erwarten dürfen.II.
Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer
Ärzte um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psycho-
analyse zu erlernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kol-
lege, welcher die gute Wirkung der analytischen Therapie
an sich selbst erfahren hatte, gab die Anregung dazu. Man
kam an bestimmten Abenden in meiner Wohnung zusammen,
diskutierte nach gewissen Regeln, suchte sich in dem be-S.
23
fremdlich neuen Forschungsgebiete zu orientieren und das
Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines Tages führte sich
ein absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manuskript bei uns
ein, welches außergewöhnliches Verständnis verriet. Wir be-
wogen ihn die Gymnasialstudien nachzuholen, die Univer-
sität zu besuchen und sich den nichtärztlichen Anwendungen
der Psychoanalyse zu widmen. Der kleine Verein erwarb so
einen eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich gewann an Otto
Rank den treuesten Helfer und Mitarbeiter.Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im
Laufe der nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung.
Im ganzen durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der
Mannigfaltigkeit der Begabungen, die er umschloß, stand er
kaum hinter dem Stab eines beliebigen klinischen Lehrers
zurück. Von Anfang an waren jene Männer darunter, die
in der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung später
so bedeutungsvolle, wenn auch nicht immer erfreuliche Rol-
len spielen sollten. Aber diese Entwicklung konnte man da-
mals noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, und ich
meine, ich tat alles, um den anderen zugänglich zu machen,
was ich wußte und erfahren hatte. Von übler Vorbedeutung
waren nur zwei Dinge, die mich endlich dem Kreise innerlich
entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter den Mitgliedern
jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, das unter
Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen
soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken,
zu denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit
reichlicher Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Un-
terweisung in der Ausübung der Psychoanalyse, die ganz be-
sonders groß sind und an vielen der heutigen Zerwürfnisse
die Schuld tragen, machten sich bereits in der privaten Wie-S.
24
ner psychoanalytischen Vereinigung geltend. Ich selbst wagte
es nicht, eine noch unfertige Technik und eine im steten
Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität vorzutragen, die
den anderen wahrscheinlich manche Irrwege und endliche
Entgleisungen erspart hätte. Die Selbständigkeit der geisti-
gen Arbeiter, ihre frühe Unabhängigkeit vom Lehrer, ist
psychologisch immer befriedigend; ein Gewinn in wissen-
schaftlicher Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, wenn bei die-
sen Arbeitern gewisse, nicht allzu häufig vorkommende per-
sönliche Bedingungen erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse
hätte eine lange und strenge Zucht und Erziehung zur Selbst-
zucht gefordert. Der Tapferkeit wegen, die sich in der Hin-
gabe an eine so verpönte und aussichtslose Sache erwies,
war ich geneigt, den Mitgliedern der Vereinigung mancherlei
angehen zu lassen, woran ich sonst Anstoß genommen hätte.
Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Ärzte, sondern auch
andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse etwas Be-
deutsames erkannt hatten, Schriftsteller, Künstler usw. Die
„Traumdeutung“, das Buch über den „Witz“ u. a. hatten von
vornherein gezeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht
auf das ärztliche Gebiet beschränkt bleiben können, sondern
der Anwendung auf verschiedenartige andere Geisteswissen-
schaften fähig sind.Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Er-
wartungen und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die
Psychoanalyse in aller Stille Interesse erweckt und Freunde
gefunden habe, ja, daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe,
welche bereit seien, sich zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift
von Bleuler hatte mich schon früher wissen lassen, daß
meine Arbeiten im Burghölzli studiert und verwertet wür-
den. Im Jänner 1907 kam der erste Angehörige der ZüricherS.
25
Klinik, Dr. Eitingon, nach Wien, es folgten bald andere
Besuche, die einen lebhaften Gedankenaustausch anbahnten;
endlich kam es über Einladung von C. G. Jung, damals
noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten Zusammen-
kunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die Freunde
der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten her
vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kon-
gresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahr-
buch für psychoanalytische und psychopatho-
logische Forschungen“, herausgegeben von Bleuler
und Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen
begann. Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und
Zürich fand in dieser Publikation ihren Ausdruck.Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatri-
schen Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des
besonderen die von Bleuler und Jung, wiederholt dankend
anerkannt und stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten
Verhältnissen, von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst
die Parteinahme der Züricher Schule, welche damals die
Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf die Psycho-
analyse richtete. Die Latenzzeit war eben abgelaufen und
an allen Orten wurde die Psychoanalyse Gegenstand eines
sich stetig steigernden Interesses. Aber an allen anderen
Orten ergab diese Zuwendung von Interesse zunächst nichts
anderes als eine meist leidenschaftlich akzentuierte Ableh-
nung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Übereinstim-
mung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen
Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von An-
hängern beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den
Dienst der psychoanalytischen Forschung gestellt werden,
oder war ein klinischer Lehrer zu sehen, der die psychoanaly-
S.
26
tische Lehre als integrieren-
den Bestandteil in den psychiatri-
schen Unterricht aufnahm. Die Züricher wurden so die Kern
truppe der kleinen, für die Würdigung der Analyse kämpfen-
den Schar. Bei ihnen allein war Gelegenheit, die neue Kunst
zu erlernen und Arbeiten in ihr auszuführen. Die meisten
meiner heutigen Anhänger und Mitarbeiter sind über Zürich
zu mir gekommen, selbst solche, die es geographisch weit
näher nach Wien hatten als nach der Schweiz. Wien liegt
exzentrisch für den Westen Europas, der die großen Zentren
unserer Kultur beherbergt; sein Ansehen wird seit vielen
Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt. In
der geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der be-
deutsamsten Nationen zusammen; ein Infektionsherd an die-
ser Stelle mußte für die Ausbreitung der psychischen Epi-
demie, wie Hoche in Freiburg sie genannt hatte, besonders
wichtig werden.Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung
im Burghölzli mitgemacht, kann man feststellen, daß die
Psychoanalyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte.
In Jungs 1902 veröffentlichter Schrift über okkulte Phäno-
mene findet sich bereits ein erster Hinweis auf die Traum-
deutung. Von 1903 oder 1904 an, berichtet mein Gewährs-
mann, stand die Psychoanalyse im Vordergrunde. Nach der
Anknüpfung persönlicher Beziehungen zwischen Wien und Zü-
rich bildete sich, Mitte des Jahres 1907, auch im Burg-
hölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen Zusam-
menkünften die Probleme der Psychoanalyse diskutierte. Bei
der Union, die sich zwischen der Wiener und der Züricher
Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß
empfangende Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wis-
senschaftliche Arbeit geleistet, deren Ergebnisse der Psycho-S.
27
I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG.
analyse zu gute kamen. Das von der Wundtschen Schule
angegebene Assoziationsexperiment war von ihnen im Sinne
der Psychoanalyse gedeutet worden und hatte ihnen uner-
wartete Verwertungen gestattet. Es war so möglich gewor-
den, rasche experimentelle Bestätigungen von psychoanaly-
tischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse
dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker
nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschla-
gen worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psycho-
analyse führte.Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psycho-
analytischen Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse
des Falles, leistet aber keinen wesentlichen Beitrag zur Tech-
nik und ist bei der Ausführung von Analysen eigentlich ent-
behrlich. Bedeutsamer noch war eine andere Leistung der
Züricher Schule oder ihrer beiden Führer Bleuler und
Jung. Der erstere wies nach, daß bei einer ganzen Anzahl
von rein psychiatrischen Fällen die Erklärung durch solche
Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit Hilfe der Psycho-
analyse für den Traum und die Neurosen erkannt worden
waren („Freudsche Mechanismen“). Jung wendete das
analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonder-
barsten und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an,
deren Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebens-
interessen der Kranken dann klar zu Tage trat. Von da an
war es den Psychiatern unmöglich gemacht, die Psychoana-
lyse noch länger zu ignorieren. Das große Werk von Bleuler
über die Schizophrenie (1911), in welchem die psychoanaly-
tische Betrachtungsweise gleichberechtigt neben die klinisch-
systematische hingestellt wurde, brachte diesen Erfolg zur
Vollendung.S.
28
Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hin-
zuweisen, der schon damals in der Arbeitsrichtung der bei-
den Schulen deutlich war. Ich hatte bereits im Jahre 1897
die Analyse eines Falles von Schizophrenie veröffentlicht,
der aber paranoides Gepräge trug, so daß seine Auflösung
den Eindruck der Jungschen Analysen nicht vorwegnehmen
konnte. Mir war aber nicht die Deutbarkeit der Symptome,
sondern der psychische Mechanismus der Erkrankung das
Wichtige gewesen, vor allem die Übereinstimmung dieses Me-
chanismus mit dem bereits erkannten der Hysterie. Auf die
Differenzen zwischen den beiden fiel damals noch kein Licht.
Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit auf eine Libidotheorie
der Neurosen hin, welche alle neurotischen wie psychoti-
schen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der Libido,
also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Verwen-
dung, erklären sollte. Dieser Gesichtspunkt ging den Schwei-
zer Forschern ab. Bleuler hält meines Wissens auch heute
an einer organischen Verursachung der Formen von Dementia
praecox fest, und Jung, dessen Buch über diese Erkrankung
1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem Salzburger Kon-
gresse die toxische Theorie derselben, die sich, allerdings
ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt.
An dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) geschei-
tert, indem er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er
sich vorher nicht bedienen wollte.Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der viel-
leicht ganz auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann
ich nicht so hoch einschätzen, wie es von Fernerstehenden
geschieht. Ich meine die Lehre von den Komplexen, die
aus den „Diagnostischen Assoziationsstudien“ (1906 bis 1910)
erwuchs. Sie hat weder selbst eine psychologische TheorieS.
29
ergeben noch eine zwanglose Einfügung in den Zusammen-
hang der psychoanalytischen Lehren gestattet. Hingegen hat
sich das Wort „Komplex“ als bequemer, oft unentbehrlicher
Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung psychologischer
Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse erworben. Kein
anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis neuge-
schaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich weit-
gehende Popularität erreicht und soviel mißbräuchliche Ver-
wendung zum Schaden schärferer Begriffsbildungen gefunden.
Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker
von „Komplexrückkehr“ zu reden, wo man die „Rückkehr
des Verdrängten“ meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen:
Ich habe einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lau-
ten konnte: einen Widerstand.In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß
der Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psycho-
analyse jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zei-
chen sie sich heute noch befindet, und der ebenso sicher
bezeugt ist durch die Verbreitung der ihr dienenden Schrif-
ten und die Zunahme der Ärzte, welche sie ausüben oder
erlernen wollen, wie durch die Häufung der Angriffe gegen
sie auf Kongressen und in gelehrten Gesellschaften. Sie
wanderte in die fernsten Länder, schreckte überall nicht
nur die Psychiater auf, sondern machte auch die gebildeten
Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten aufhor-
chen. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit Sym-
pathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu
nennen, schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiati-
schen medizinischen Kongreß: „Freud’s psychoanalysis is
now championed and carried out not only in Austria and in
Switzerland, but in the United States, in England, in India,S.
30
in Canada, and, I doubt not, in Australasia*)“. Ein (wahr-
scheinlich deutscher) Arzt aus Chile trat auf dem inter-
nationalen Kongreß in Buenos Aires 1910 für die Existenz
der infantilen Sexualität ein und lobte die Erfolge der psycho-
analytischen Therapie bei Zwangssymptomen**); ein engli-
scher Nervenarzt in Zentralindien ließ mir durch einen distin-
guierten Kollegen, der nach Europa reiste, mitteilen, daß die
mohammedanischen Hindus, an denen er die Analyse ausübe,
keine andere Ätiologie ihrer Neurosen erkennen ließen als
unsere europäischen Patienten.Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging
unter besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst
1909 wurden Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsi-
denten der Clark University in Worcester (bei Boston),
eingeladen, uns an der 20jährigen Gründungsfeier des Insti-
tutes durch Abhaltung von Vorträgen in deutscher Sprache
zu beteiligen. Wir fanden zu unserer großen Überraschung,
daß die vorurteilslosen Männer jener kleinen, aber angesehenen
pädagogisch-philosophischen Universität alle psychoanalyti-
schen Arbeiten kannten und in den Vorträgen für ihre Schüler
gewürdigt hatten. In dem so prüden Amerika konnte man
wenigstens in akademischen Kreisen alles, was im Leben
als anstößig galt, frei besprechen und wissenschaftlich be-
handeln. Die fünf Vorträge, die ich in Worcester im-
provisiert habe, erschienen dann im American Journ. of Psy-
chology in englischer Übersetzung, bald darauf deutsch un-
ter dem Titil „Über Psychoanalyse“; Jung las über diagno-
stische Assoziationsstudien und über „Konflikte der kind-
*) Havelock Ellis, The doctrines of the Freud School.
**) G. Greve. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos Estados
angustiosos. S. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 591.S.
31
I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG.
lichen Seele“. Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von
LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse
war während jener Festwoche in Worcester durch fünf
Personen vertreten, außer Jung und mir waren es Ferenczi,
der sich mir als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Ernest
Jones, damals an der Universität in Toronto (Canada),
jetzt in London, und A. Brill, der bereits in New York
analytische Praxis ausübte.Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in
Worcester noch ergab, war die zu James J. Putnam,
dem Lehrer der Neuropathologie an der Harvard Univer-
sity, der vor Jahren ein abfälliges Urteil über die Psycho-
analyse ausgesprochen hatte, sich jetzt aber rasch mit ihr
befreundete und sie in zahlreichen inhaltsreichen wie form-
schönen Vorträgen seinen Landsleuten und Fachgenossen
empfahl. Der Respekt, den sein Charakter ob seiner hohen
Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß,
kam der Psychoanalyse zu gute und deckte sie gegen die
Denunziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeitig er-
legen wäre. Putnam hat dann später dem großen ethischen
und philosophischen Bedürfnis seiner Natur allzusehr nach
gegeben und an die Psychoanalyse die, wie ich meine, un-
erfüllbare Forderung gestellt, daß sie sich in den Dienst
einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung
finden solle; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalyti-
schen Bewegung in seinem Heimatlande geblieben.Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann
Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren
Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu be-
obachtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes
und der Neurose immer wieder von neuem ihren LandsleutenS.
32
vor Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine
ärztliche Tätigkeit und durch die Übersetzung meiner Schrif-
ten, Jones durch lehrreiche Vorträge und schlagfertige Dis-
kussionen auf den amerikanischen Kongressen verstärkt.*)Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tra-
dition und die geringere Strammheit der offiziellen Autorität
sind der von Stanley Hall für Amerika gegebenen An-
regung entschieden vorteilhaft gewesen. Es war dort auch
von allem Anfang an charakteristisch, daß sich Professoren
und Leiter von Irrenanstalten in gleichem Maße wie selb-
ständige Praktiker an der Analyse beteiligt zeigten. Aber
gerade darum ist es klar, daß der Kampf um die Analyse
dort seine Entscheidung finden muß, wo sich die größere
Resistenz ergeben hat, auf dem Boden der alten Kultur-
zentren.Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich
sich am unempfänglichsten für die Psychoanalyse erwiesen,
obwohl verdienstvolle Arbeiten des Zürichers A. Maeder
dem französischen Leser einen bequemen Zugang zu deren
Lehren eröffnet hatten. Die ersten Regungen von Teilnahme
kamen aus der französischen Provinz. Morichau-Beauchant
(Poitiers) war der erste Franzose, der sich öffent-
lich zur Psychoanalyse bekannte. Régis und Hesnard
(Bordeaux) haben erst kürzlich (1913) in einer ausführ-
lichen und verständnisvollen Darstellung, die nur an der
Symbolik noch Anstoß nimmt, die Vorurteile ihrer Lands-
leute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. In Paris
selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der auf*)Die Publikationen beider Autoren sind gesammelt erschienen:
Brill, Psychanalysis, Its theories and practical applications, 1912 und
E. Jones, Papers on Psychoanalysis, 1913.S.
33
dem Londoner Kongreß 1913 Janet so beredten Ausdruck
gab, daß alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit ge-
ringen Abänderungen die Janetschen Ansichten wiederhole,
alles darüber hinaus aber sei von Übel. Janet mußte sich
noch auf diesem Kongreß selbst eine Reihe von Zurecht-
weisungen von E. Jones gefallen lassen, der ihm seine ge-
ringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seine Verdienste um
die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem nicht ver-
gessen, auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen.In Italien blieb nach einigen vielversprechenden An-
fängen die weitere Beteiligung aus. In Holland fand die
Analyse durch persönliche Beziehungen frühzeitig Eingang;
van Emden, van Ophuijsen, van Renterghem („FreudenzijnSchool“*)
und die beiden Stärke sind dort theo-
retisch und praktisch mit Erfolg tätig.*) Das Interesse der
wissenschaftlichen Kreise Englands für die Analyse hat sich
sehr langsam entwickelt, aber alle Anzeichen sprechen dafür,
daß ihr gerade dort, begünstigt von dem Sinn der Engländer
für Tatsächliches und ihrer leidenschaftlichen Parteinahme
für Gerechtigkeit, eine hohe Blüte bevorsteht.In Schweden hat P. Bjerre, der Nachfolger in der
ärztlichen Tätigkeit Wetterstrands, die hypnotische Sug-
gestion für die analytische Behandlung, wenigstens zeitweilig,
aufgegeben. R. Vogt (Kristiania) hat bereits 1907 die Psy-
choanalyse in seinem „Psykiatriensgrundtraek“ gewürdigt,
so daß das erste Lehrbuch der Psychiatrie, welches von der
Psychoanalyse Kenntnis nahm, ein in norwegischer Sprache
*)Die erste offizielle Anerkennung, welcher Traumdeutung und
Psychoanalyse in Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater
Jelgersma als Rektor der Universität Leiden in seiner Rektorsrede
vom 9. Februar 1914.Freud, Neurosenlehre, IV.
S.
34
geschriebenes war. In Rußland ist die Psychoanalyse sehr
allgemein bekannt und verbreitet worden; fast alle meine
Schriften sowie die anderer Anhänger der Analyse sind ins
Russische übersetzt. Ein tieferes Verständnis der analytischen
Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht ergeben. Die
Beiträge russischer Ärzte sind derzeit unbeträchtlich zu
nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff
einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psycho-
analyse in die polnische Wissenschaft und Literatur ist
hauptsächlich das Verdienst von L. Jekels. Das Österreich
geographisch so nahe verbundene, ihm wissenschaftlich so
entfremdete Ungarn hat der Psychoanalyse nur einen Mit-
arbeiter geschenkt, S. Ferenczi, aber einen solchen, der
wohl einen Verein aufwiegt.Den Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man
nicht anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie
stehe im Mittelpunkte der wissenschaftlichen Diskussion und
rufe bei Ärzten wie bei Laien Äußerungen entschiedenster
Ablehnung hervor, welche aber bisher kein Ende gefunden
haben, sondern sich immer wieder von neuem erheben und
zeitweise verstärken. Keine offizielle Lehranstalt hat bisher
die Psychoanalyse zugelassen, erfolgreiche Praktiker, die sie
ausüben, sind nur in geringer Anzahl vorhanden; nur wenige
Anstalten, wie die von Binswanger in Kreuzlingen
(auf Schweizer Boden), Marcinowski in Holstein, ha-
ben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden von Berlin
behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter der Ana-
lyse, K. Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler.
Man könnte sich verwundern, daß dieser Stand der Dinge
sich nun schon seit einer Reihe von Jahren unverändert er-
halten hat, wenn man nicht wüßte, daß die obige SchilderungS.
35
I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG.
nur den äußeren Anschein wieder-
gibt. Man darf die Ableh-
nung der offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der An-
staltsleiter sowie des von ihnen abhängigen Nachwuchses in
seiner Bedeutung nicht überschätzen. Es ist begreiflich, daß
die Gegner laut die Stimme erheben, während die Anhänger
eingeschüchtert Ruhe halten. Manche der letzteren, deren
erste Beiträge zur Analyse gute Erwartungen erwecken muß-
ten, haben sich denn auch unter dem Drucke der Verhält-
nisse von der Bewegung zurückgezogen. Aber diese selbst
schreitet im Stillen unaufhaltsam fort, wirbt immer neue
Anhänger unter den Psychiatern wie Laien, führt der psycho-
analytischen Literatur eine stetig sich steigernde Anzahl
von Lesern zu und nötigt eben darum die Gegner zu immer
heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein Dutzend
Male im Laufe dieser Jahre, in Berichten über die Verhand-
lungen bestimmter Kongresse, und wissenschaftlicher Ver-
einssitzungen oder in Referaten nach gewissen Publikationen
zu lesen bekommen: Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig
überwunden und erledigt! Die Antwort hätte ähnlich lauten
müssen wie das Telegramm Mark Twains an die Zeitung,
welche fälschlich seinen Tod gemeldet hatte: Nachricht
von meinem Ableben stark übertrieben. Nach je-
der dieser Totsagungen hat die Psychoanalyse neue Anhänger
und Mitarbeiter gewonnen oder sich neue Organe geschaffen.
Totgesagt war doch ein Fortschritt gegen Totgeschwiegen!Gleichzeitig mit der geschilderten räumlichen Expansion
der Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung
durch Übergreifen auf andere Wissensgebiete von der Neu-
rosenlehre und Psychiatrie her. Ich werde dieses Stück der
Entwicklungsgeschichte unserer Disziplin nicht eingehend be-
handeln, weil eine vortreffliche Arbeit von Rank und SachsS.
36
(in den Löwenfeldschen Grenzfragen) vorliegt, welche
gerade diese Leistungen der Analysenarbeit ausführlich dar-
stellt. Es ist hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig
ausgearbeitet, meist nur Ansätze und mitunter auch nichts
anderes als Vorsätze. Wer billig denkt, wird darin keinen
Grund zum Vorwurf finden. Den ungeheuren Mengen der Auf-
gaben steht eine kleine Zahl von Arbeitern gegenüber, von
denen die meisten ihre Hauptbeschäftigung anderswo haben
und die Fachprobleme der fremden Wissenschaft mit dilet-
tantischer Vorbereitung angreifen müssen. Diese von der
Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen aus ihrem
Dilettantentum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser und
Platzhalter für die Fachmänner sein, und ihnen die analyti-
schen Techniken und Voraussetzungen empfohlen haben, wenn
sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn die erzielten
Aufschlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, so
ist dies Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen
Methodik, anderseits dem Umstande zu danken, daß es auch
jetzt schon einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein,
die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenſchaf-
ten zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben.
Die meisten dieser Anwendungen gehen, wie begreiflich,
auf eine Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten
zurück. Die analytische Untersuchung der Nervösen und der
neurotischen Symptome Normaler nötigte zur Annahme psy-
chologischer Verhältnisse, welche unmöglich nur für das Ge-
biet gelten konnten, auf dem sie kenntlich geworden waren.
So schenkte uns die Analyse nicht nur die Aufklärung patho-
logischer Vorkommnisse, sondern zeigte auch deren Zusam-
menhang mit dem normalen Seelenleben auf und enthüllte
ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie und den ver-
S.
37
schiedensten anderen Wissenschaften, deren Inhalt eine Seelen-
tätigkeit war. Von gewissen typischen Träumen aus ergab
sich z. B. das Verständnis mancher Mythen und Märchen.
Riklin und Abraham folgten diesem Winke und leiteten
jene Forschungen über die Mythen ein, die dann in den allen
fachmännischen Ansprüchen gerechten Arbeiten Ranks zur
Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Verfolgung der
Traumsymbolik führte mitten in die Probleme der Mytho-
logie, des Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen
Abstraktionen. Auf einem der psychoanalytischen Kongresse
machte es allen Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein
Schüler Jungs die Übereinstimmung der schizophrenen Phan-
tasiebildungen mit den Kosmogonien primitiver Zeiten und
Völker nachwies. Eine nicht mehr einwandfreie, doch sehr
interessante Verarbeitung fand später das Material der Mytho-
logien in den Arbeiten Jungs, welche zwischen der Neu-
rotik, den religiösen und den mythologischen Phantasien ver-
mitteln wollten.Ein anderer Weg leitete von der Traumforschung zur
Analyse der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dich-
ter und Künstler selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich,
daß von Dichtern erfundene Träume sich oft der Analyse
gegenüber wie genuine verhalten (Gradiva). Die Auffas-
sung der unbewußten seelischen Tätigkeit gestattete eine
erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen Schöpfungs-
arbeit; die Würdigung der Triebregungen, zu der man in
der Neurotik genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen
Schaffens erkennen und stellte die Probleme auf, wie der
Künstler auf diese Anregungen reagiere und mit welchen
Mitteln er seine Reaktionen verkleide (Rank, Der Künstler,
Dichteranalysen von Sadger, Reik u. a., meine kleineS.
38
Schrift über eine Kindheitserinnerung des Leonardo da
Vinci, Abrahams Analyse von Segantini). Die meisten
Analytiker mit allgemeinen Interessen haben in ihren Ar-
beiten Beiträge zur Behandlung dieser Probleme geliefert,
der reizvollsten, die sich unter den Anwendungen der Psycho-
analyse ergeben. Natürlich blieb auch hier der Widerspruch
von Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten nicht aus
und äußerte sich in den nämlichen Mißverständnissen und
leidenschaftlichen Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden
der Psychoanalyse. Es stand ja von vornherein zu erwarten,
daß überall, wohin die Psychoanalyse dringe, sie den näm-
lichen Kampf mit den Ansässigen zu bestehen haben werde.
Nur, daß die Invasionsversuche noch nicht auf allen Ge-
bieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die ihnen in der
Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissenschaft-
lichen Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk
von Rank über das Inzestmotiv obenan, dessen Inhalt der
größten Unliebsamkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche
und historische Arbeiten auf Basis der Psychoanalyse sind
erst wenige vorhanden. Die erste Antastung der religions-
psychologischen Probleme habe ich 1910 selbst gewagt, in
dem ich das religiöse Zeremoniell in Vergleich mit dem neu-
rotischen zog. Der Pfarrer Dr. Pfister in Zürich hat in
seiner Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen von Zinzen-
dorf (sowie in anderen Beiträgen) die Zurückführung reli-
giöser Schwärmerei auf perverse Erotik durchgeführt; in den
letzten Arbeiten der Züricher Schule kommt eher eine Durch-
dringung der Analyse mit religiösen Vorstellungen als das
beabsichtigte Gegenteil zu stande.In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu“ habe
ich den Versuch gemacht, Probleme der VölkerpsychologieS.
39
I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG.
mittels der Analyse zu behandeln, welche unmittelbar zu den
Ursprüngen unserer wichtigsten Kulturinstitutionen führen,
der staatlichen Ordnungen, der Sittlichkeit, der Religion, aber
auch des Inzestverbotes und des Gewissens. Inwieweit die
Zusammenhänge, die sich dabei ergeben haben, der Kritik
standhalten werden, läßt sich heute wohl nicht angeben.Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästheti-
sche Themata hat mein Buch über den „Witz“ ein erstes
Beispiel gegeben. Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter,
die gerade auf diesem Gebiete reiche Ernte erwarten dürfen.
Es fehlt hier überall an den Arbeitskräften aus den entspre-
chenden Fachwissenschaften, zu deren Anlockung Hanns
Sachs 1912 die von ihm und Rank redigierte Zeitschrift
„Imago“ gegründet hat. Mit der psychoanalytischen Be-
leuchtung von philosophischen Systemen und Persönlich-
keiten haben Hitschmann und v. Winterstein da-
selbst einen Anfang gemacht, dem Fortführung und Vertie-
fung zu wünschen bleibt.Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psycho-
analyse über das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexu-
ellen Regungen in demselben (v. Hug-Hellmuth) und die
Schicksale solcher Anteile der Sexualität, welche für das
Fortpflanzungsgeschäft unbrauchbar werden, mußten früh-
zeitig die Aufmerksamkeit auf die Pädagogik lenken und
den Versuch anregen, auf diesem Gebiete analytische Ge-
sichtspunkte in den Vordergrund zu rücken. Es ist das Ver-
dienst des Pfarrers Pfister, diese Anwendung der Analyse
mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen und sie Seelsorgern
und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psychoanalytische
Methode, 1913. Erster Band des Pädagogiums von Meu-
mann und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze
S.
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Reihe von Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an
seinem Interesse zu gewinnen. Andere seiner Berufsgenos-
sen sollen angeblich seine Überzeugungen teilen, haben es
aber vorgezogen, sich vorsichtigerweise im Hintergrunde zu
verhalten. Ein Bruchteil der Wiener Analytiker scheint auf
dem Rückweg von der Psychoanalyse bei einer Art von ärzt-
lichen Pädagogik gelandet zu sein. (Adler und Furtmüller,
Heilen und Bilden, 1913.)In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich ver-
sucht, auf die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehun-
gen hinzuweisen, welche sich zwischen der ärztlichen Psycho-
analyse und anderen Gebieten der Wissenschaft ergeben haben.
Es ist da Stoff für die Arbeit einer Generation von Forschern
gegeben, und ich zweifle nicht, daß diese Arbeit geleistet
werden wird, wenn erst die Widerstände gegen die Analyse
auf ihrem Mutterboden überwunden sind.*)Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte
ich gegenwärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist
nicht sehr ruhmvoll für die Männer der Wissenschaft unserer
Tage. Ich will aber gleich hinzusetzen, es ist mir nie ein-
gefallen, die Gegner der Psychoanalyse bloß darum, weil sie
Gegner waren, in Bausch und Bogen verächtlich zu schimp-
fen. Von wenigen unwürdigen Individuen abgesehen, Glücks-
rittern und Beutehaschern, wie sie sich in Zeiten des Kamp-
fes auf beiden Seiten einzufinden pflegen. Ich wußte mir ja
das Benehmen dieser Gegner zu erklären und hatte überdies
erfahren, daß die Psychoanalyse das Schlechteste eines jeden
Menschen zum Vorschein bringt. Aber ich beschloß, nicht
zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte, auch andere*)Vgl. noch meine beiden Aufsätze in der „Scientia“ (vol. XIV,
1913). Das Interesse an der Psychoanalyse.S.
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von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen öffentlicher
oder literarischer Diskussion erschien mir unter den beson-
deren Bedingungen des Streites um die Psychoanalyse sehr
zweifelhaft, die Majorisierung auf Kongressen und in Vereins-
sitzungen sicher, und mein Zutrauen auf die Billigkeit oder
Vornehmheit der Herren Gegner war immer gering. Die Be-
obachtung zeigt, daß es den wenigsten Menschen möglich ist,
im wissenschaftlichen Streit manierlich, geschweige denn
sachlich zu bleiben, und der Eindruck eines wissenschaft-
lichen Gezänkes war mir von jeher eine Abschreckung. Viel-
leicht hat man dieses mein Benehmen mißverstanden, mich
für so gutmütig oder so eingeschüchtert gehalten, daß man
auf mich weiter keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Mit
Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten wie ein an-
derer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der zu-
grunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und dar-
um ziehe ich die völlige Enthaltung vor.Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser ge-
wesen, wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um
mich freien Lauf gelassen hätte. Wir haben alle den inter-
essanten Erklärungsversuch der Entstehung der Psychoana-
lyse aus dem Wiener Milieu vernommen; Janet hat es noch
1913 nicht verschmäht, sich seiner zu bedienen, obwohl er
gewiß stolz darauf ist, Pariser zu sein. Das Aperçu lautet,
die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen
führen sich auf Störungen des Sexuallebens zurück, könne
nur in einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer At-
mosphäre von Sinnlichkeit und Unsittlichkeit, wie sie anderen
Städten fremd sei, und stelle einfach das Abbild, sozusagen
die theoretische Projektion dieser besonderen Wiener Ver-
hältnisse dar. Nun, ich bin wahrhaftig kein Lokalpatriot,S.
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aber diese Theorie ist mir immer ganz besonders unsinnig
erschienen, so unsinnig, daß ich manchmal geneigt war, an-
zunehmen, der Vorwurf des Wienertums sei nur eine euphe-
mistische Vertretung für einen anderen, den man nicht gern
öffentlich vorbringen wolle. Wenn die Voraussetzungen die ge-
gensätzlichen wären, dann ließe sich die Sache hören. An-
genommen, es gäbe eine Stadt, deren Bewohner sich beson-
dere Einschränkungen in der sexuellen Befriedigung aufer-
legten und gleichzeitig eine besondere Neigung zu schweren
neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese Stadt
allerdings der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall
bekommen könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu
verknüpfen und die eine aus der anderen abzuleiten. Nun
trifft keine der beiden Voraussetzungen für Wien zu. Die
Wiener sind weder abstinenter noch nervöser als andere Groß-
städter. Die Geschlechtsbeziehungen sind etwas unbefan-
gener, die Prüderie ist geringer als in den auf ihre Keusch-
heit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese wie-
nerischen Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen Be-
obachter eher in die Irre führen als ihn über die Verursa-
chung der Neurosen aufklären.Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren
Anteil an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen.
An keinem anderen Orte ist die feindselige Indifferenz der
gelehrten und gebildeten Kreise dem Analytiker so deutlich
verspürbar wie gerade in Wien.Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine, die
breite Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veran-
laßt oder zugegeben hätte, daß die Psychoanalyse die ärzt-
lichen Gesellschaften Wiens in lärmenden Sitzungen beschäf-
tigte, wobei sich alle Leidenschaften entladen hätten, alleS.
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Vorwürfe und Invektiven laut geworden wären, die man ge-
geneinander auf der Zunge oder im Sinne trägt, vielleicht
wäre heute der Bann gegen die Psychoanalyse überwunden
und diese keine Fremde mehr in ihrer Heimatstadt. So aber
– mag der Dichter recht behalten, der seinen Wallenstein
sagen läßt:„Doch das vergeben mir die Wiener nicht,
daß ich um ein Spektakel sie betrog.“Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern
der Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre
Willkürlichkeiten vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in
seiner Schrift (Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung
und kritische Bemerkungen) aufgenommen und in ehren-
vollster Weise gelöst. Eine Anpreisung dieser nach zwei
Seiten hin kritischen Arbeit durch meine Person wäre so
selbstverständlich, daß ich mich beeilen will, zu sagen, was
ich an ihr auszusetzen habe. Sie scheint mir noch immer par-
teiisch zu sein, allzu nachsichtig gegen die Fehler der Gegner,
allzu scharf gegen die Verfehlungen der Anhänger. Dieser
Charakterzug mag dann auch erklären, warum das Urteil
eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von so unzweifel-
hafter Kompetenz und Unabhängigkeit nicht mehr Einfluß
auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affek-
tivität“ (1906) darf sich nicht darüber verwundern, wenn die
Wirkung einer Arbeit sich nicht von ihrem Argumentwert,
sondern von ihrem Affektton bestimmt zeigt. Einen anderen
Teil dieser Wirkung – die auf die Anhänger der Psycho-
analyse – hat Bleuler später selbst zerstört, indem er
in seiner „Kritik der Freudschen Theorie“ 1913 die Kehr-
seite seiner Einstellung zur Psychoanalyse zum Vorschein
brachte. Er trägt darin so viel von dem Gebäude der psycho-S.
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analytischen Lehre ab, daß die Gegner mit der Hilfeleistung
dieses Verteidigers wohl zufrieden sein könnten. Als Richt-
schnur dieser Verurteilungen Bleulers dienen aber nicht
neue Argumente oder bessere Beobachtungen, sondern einzig
die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis, deren
Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren Ar-
beiten selbst bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also
ein schwer zu verschmerzender Verlust zu drohen. Allein in
seiner letzten Äußerung (Die Kritiken der Schizophrenie 1914)
rafft sich Bleuler, angesichts der Angriffe, welche ihm
die Einführung der Psychoanalyse in sein Buch über die
Schizophrenie eingetragen haben, zu dem auf, was er selbst
eine „Überhebung“ heißt. „Jetzt aber will ich die Über-
hebung begehen: Ich meine, daß die verschiedenen bisherigen
Psychologien zur Erklärung der Zusammenhänge psychogene-
tischer Symptome und Krankheiten arg wenig geleistet haben,
daß aber die Tiefenpsychologie ein Stück derjenigen erst noch
zu schaffenden Psychologie gibt, welcher der Arzt bedarf,
um seine Kranken zu verstehen und rationell zu heilen, und
ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie einen ganz
kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die ersten
beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag
ein Irrtum sein.“Da mit der „Tiefenpsychologie“ nichts anderes gemeint
ist als die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekennt-
nis vorderhand zufrieden sein.
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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung1914-004/1922
1914-004/1922/2