S.
B. Synthetischer Teil.
IV. Der Lustmechanismus und die Psychogenese
des Witzes.Aus welchen Quellen die eigentümliche Lust fließt, welche
uns der Witz bereitet, das stellen wir nun als gesicherte Erkenntnis
voran. Wir wissen, daß wir der Täuschung unterliegen können,
unser Wohlgefallen am Gedankeninhalt des Satzes mit der eigent-
lichen Witzeslust zu verwechseln, daß aber diese selbst wesentlich
zwei Quellen hat, die Technik und die Tendenzen des Witzes.
Was wir nun erfahren möchten, ist, auf welche Weise sich die
Lust aus diesen Quellen ergibt, der Mechanismus dieser Lust-
wirkung.Es scheint uns, daß sich die gesuchte Aufklärung beim ten-
denziösen Witz viel leichter ergibt als beim harmlosen. Mit
ersterem werden wir also beginnen.Die Lust beim tendenziösen Witz ergibt sich daraus, daß eine
Tendenz befriedigt wird, deren Befriedigung sonst unterblieben
wäre. Daß solche Befriedigung eine Lustquelle ist, bedarf keiner
weiteren Ausführung. Aber die Art, wie der Witz die Befriedigung
herbeiführt, ist an besondere Bedingungen geknüpft, aus denen
vielleicht weiterer Aufschluß zu gewinnen ist. Es sind hier zwei
Fälle zu unterscheiden. Der einfachere Fall ist, daß der Be-
friedigung der Tendenz ein äußeres Hindernis im Wege steht,
welches durch den Witz umgangen wird. So fanden wir es z. B.
in der Antwort, die Serenissimus auf die Frage erhält, ob die
Mutter des Angesprochenen je in der Residenz gelebt habe, oder
in der Äußerung des Kunstkenners, dem die zwei reichen Gauner
ihre Portraits zeigen: And where is the Saviour? Die Tendenz
geht in dem einen Fall dahin, einen Schimpf mit Gleichem zu
erwidern, im anderen, eine Beschimpfung an Stelle des geforder-
ten Gutachtens von sich zu geben; was ihr entgegensteht, sind
rein äußerliche Momente, die Machtverhältnisse der Personen, die
von der Beschimpfung betroffen werden. Es mag uns immerhin
auffallen, daß diese und analoge Witze tendenziöser Natur, so
sehr sie uns auch befriedigen, doch nicht im stande sind, einen
starken Lacheffekt hervorzubringen.S.
Ersparung an Hemmungs- oder Unterdrückungsaufwand 99
Anders, wenn nicht äußere Momente, sondern ein innerliches
Hindernis der direkten Verwirklichung der Tendenz im Wege steht,
wenn eine innere Regung sich der Tendenz entgegenstellt. Diese
Bedingung wäre nach unserer Voraussetzung etwa in den aggres-
siven Witzen des Herrn N. verwirklicht, in dessen Person eine
starke Neigung zur Invektive durch hochentwickelte ästhetische
Kultur in Schach gehalten wird. Mit Hilfe des Witzes wird der
innere Widerstand für diesen speziellen Fall überwunden, die
Hemmung aufgehoben. Dadurch wird wie im Falle des äußeren
Hindernisses die Befriedigung der Tendenz ermöglicht, eine Unter-
drückung und die mit ihr verbundene „psychische Stauung“ ver-
mieden; der Mechanismus der Lustentwicklung wäre insoweit für
beide Fälle der nämliche.Wir verspüren an dieser Stelle allerdings die Neigung, in die
Unterschiede der psychologischen Situation für den Fall des äußeren
und des inneren Hindernisses tiefer einzugehen, da uns die Mög-
lichkeit vorschwebt, aus der Aufhebung des inneren Hindernisses
könne sich ein ungleich höherer Beitrag zur Lust ergeben. Aber
ich schlage vor, hier genügsam zu bleiben und uns vorläufig mit
der einen Feststellung zu bescheiden, welche bei dem für uns
Wesentlichen verbleibt. Die Fälle des äußerlichen und des inneren
Hindernisses unterscheiden sich nur darin, daß hier eine bereits
bestehende Hemmung aufgehoben, dort die Herstellung einer
neuen vermieden wird. Wir nehmen dann die Spekulation nicht
zu sehr in Anspruch, wenn wir behaupten, daß zur Herstellung
wie zur Erhaltung einer psychischen Hemmung ein „psychischer
Aufwand“ erfordert wird. Ergibt sich nun, daß in beiden Fällen
der Verwendung des tendenziösen Witzes Lust erzielt wird, so liegt
es nahe anzunehmen, daß solcher Lustgewinn dem er-
sparten psychischen Aufwand entspreche.Somit wären wir wiederum auf das Prinzip der Ersparung
gestoßen, dem wir zuerst bei der Technik des Wortwitzes begegnet
sind. Während wir aber zunächst die Ersparung in dem Gebrauch
von möglichst wenig oder möglichst den gleichen Worten zu finden
glaubten, ahnt uns hier der weit umfassendere Sinn einer Er-
sparung an psychischem Aufwand überhaupt, und wir müssen es
für möglich halten, durch nähere Bestimmung des noch sehr un-
klaren Begriffes „psychischer Aufwand“ dem Wesen des Witzes
näher zu kommen.Eine gewisse Unklarheit, die wir bei der Behandlung des
Lustmechanismus beim tendenziösen Witze nicht überwinden konn-
ten, nehmen wir als billige Strafe dafür, daß wir versucht haben,7*
S.
100 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.
das Kompliziertere vor dem Einfacheren, den tendenziösen Witz
vor dem harmlosen aufzuklären. Wir merken uns, daß „Er-
sparung an Hemmungs- oder Unterdrückungsauf-
wand“ das Geheimnis der Lustwirkung des tendenziösen Witzes
zu sein schien, und wenden uns dem Mechanismus der Lust beim
harmlosen Witze zu.Aus geeigneten Beispielen harmlosen Witzes, bei denen keine
Störung unseres Urteils durch Inhalt oder Tendenz zu befürchten
stand, mußten wir den Schluß ziehen, daß die Techniken des
Witzes selbst Lustquellen sind, und wollen nun prüfen, ob sich
diese Lust etwa auf Ersparung an psychischem Aufwand zurück-
führen lasse. In einer Gruppe dieser Witze (den Wortspielen)
bestand die Technik darin, unsere psychische Einstellung auf den
Wortklang anstatt auf den Sinn des Wortes zu richten, die
(akustische) Wortverstellung selbst an Stelle ihrer durch Rela-
tionen zu den Dingvorstellungen gegebenen Bedeutung treten zu
lassen. Wir dürfen wirklich vermuten, daß damit eine große
Erleichterung der psychischen Arbeit gegeben ist, und daß wir uns
bei der ernsthaften Verwendung der Worte durch eine gewisse
Anstrengung von diesem bequemen Verfahren abhalten müssen.Wir können beobachten, daß krankhafte Zustände der Denk-
tätigkeit, in denen die Möglichkeit, psychischen Aufwand auf eine
Stelle zu konzentrieren, wahrscheinlich eingeschränkt ist, tatsäch-
lich die Wortklangvorstellung solcher Art gegen die Wortbedeutung
in den Vordergrund rücken lassen, und daß solche Kranke in
ihren Reden nach den „äußeren“ anstatt nach den „inneren“
Assoziationen der Wortvorstellung, wie die Formel lautet, fort-
schreiten. Auch beim Kinde, welches ja die Worte noch als
Dinge zu behandeln gewohnt ist, bemerken wir die Neigung,
hinter gleichem oder ähnlichem Wortlaut gleichen Sinn zu suchen,
die zur Quelle vieler von den Erwachsenen belachter Irrtümer
wird. Wenn es uns dann im Witz ein unverkennbares Vergnügen
bereitet, durch den Gebrauch des nämlichen Wortes oder eines
ihm ähnlichen aus dem einen Vorstellungskreis in einen anderen
entfernten zu gelangen (wie bei Home-Roulard aus dem der Küche
in der der Politik), so ist dies Vergnügen wohl mit Recht auf
die Ersparung an psychischem Aufwand zurückzuführen. Die
Witzeslust aus solchem „Kurzschluß“ scheint auch um so größer
zu sein, je fremder die beiden durch das gleiche Wort in Ver-
bindung gebrachten Vorstellungskreise einander sind, je weiter ab
sie von einander liegen, je größer also die Ersparung an Gedanken-
weg durch das technische Mittel des Witzes ausfällt. Merken wirS.
Lust beim Wiederfinden des Bekannten. 101
übrigens an, daß sich der Witz hier eines Mittels der Verknüpfung
bedient, welches vom ernsthaften Denken verworfen und sorgfaltig
vermieden wird.*)Eine zweite Gruppe technischer Mittel des Witzes — Uni-
fizierung, Gleichklang, mehrfache Verwendung, Modifikation be-
kannter Redensarten, Anspielung auf Zitate — låBt als gemein-
samen Charakter herausheben, daB jedesmal etwas Bekanntes
wiedergefunden wird, wo man anstatt dessen etwas Neues håtte
erwarten können. Dieses Wiederfinden des Bekannten ist lust-
voll, und es kann uns wiederum nicht schwer fallen, solche Lust
als Ersparungslust zu erkennen, auf die Ersparung an psychischem
Aufwand zu beziehen.Daß das Wiederfinden des Bekannten, das , Wiedererkennen“
lustvoll ist, scheint allgemein zugestanden zu werden. Groos**)
sagt: (S. 153) ,Das Wiedererkennen ist nun iiberall, wo es nicht
allzusehr mechanisiert ist (wie etwa beim Ankleiden, wo..... )
mit Lustgefiihlen verbunden. Schon die bloBe Qualitåt der Be-
kanntheit ist leicht von jenem sanften Behagen begleitet, das
Faust erfüllt, wie er nach einer unheimlichen Begegnung wieder*) Wenn ich mir hier gestatten darf, der Darstellung im Texte vorzu-
greifen, so kann ich an dieser Stelle ein Licht auf die Bedingung werfen,
welche für den Sprachgebrauch maßgebend scheint, um einen Witz einen
„guten“ oder einen „schlechten“ zu heißen. Wenn ich mittels eines doppel-
sinnigen oder wenig modifizierten Wortes auf kurzem Wege aus einem
Vorstellungskreis in einen anderen geraten bin, während sich zwischen
den beiden Vorstellungskreisen nicht auch gleichzeitig eine sinnvolle Ver-
knüpfung ergibt, dann habe ich einen „schlechten Witz“ gemacht. In diesem
schlechten Witze ist das eine Wort, die „Pointe“, die einzig vorhandene
Verknüpfung zwischen den beiden disparaten Vorstellungen. Ein solcher
Fall ist das oben verwendete Beispiel: Home-Roulard. Ein „guter Witz“
kommt aber zu stande, wenn die Kindererwartung Recht behält und mit
der Ahnlichkeit der Worte wirklich gleichzeitig eine andere, wesentliche
Ähnlichkeit des Sinnes angezeigt ist wie im Beispiel: Traduttore-Traditore.
Die beiden disparaten Vorstellungen, die hier durch eine äußerliche Asso-
ziation verknüpft sind, stehen außerdem in einem sinnreichen Zusammen-
hang, welcher eine Wesensverwandtschaft von ihnen aussagt. Die äußer-
liche Assoziation ersetzt nur den innerlichen Zusammenhang; sie dient
dazu, ihn anzuzeigen oder klarzustellen. Der „Übersetzer“ heißt nicht nur
ähnlich wie der Verräter; er ist auch eine Art von Verräter, er führt
gleichsam mit Recht seinen Namen,Der hier entwickelte Unterschied fällt mit der später einzuführenden
Scheidung von „Scherz“ und „Witz“ zusammen. Es wire aber Unrecht,
Beispiele wie Home-Roulard von der Erörterung über die Natur des
Witzes auszuschließen. So wie wir die eigentiimliche Lust des Witzes in
Betracht ziehen, finden wir, daß die „schlechten“ Witze keineswegs als
Witze schlecht, d. h. ungeeignet zur Erzeugung von Lust sind,*) Die Spiele der Menschen, 1899.
S.
102 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.
in sein Studierzimmer tritt“ . . . . „Wenn so der Akt des Wieder-
erkennens lusterregend ist, so werden wir erwarten dürfen, daß
der Mensch darauf verfällt, diese Fähigkeit um ihrer selbst willen
zu üben, also spielend mit ihr zu experimentieren. In der Tat
hat Aristoteles in der Freude am Wiedererkennen die Grund-
lage des Kunstgenusses erblickt, und es läßt sich nicht leugnen,
daß dieses Prinzip nicht übersehen werden darf, wenn es auch
keine so weittragende Bedeutung hat, wie Aristoteles annimmt.“Groos erörtert dann die Spiele, deren Charakter darin be-
steht, die Freude am Wiedererkennen dadurch zu steigern, daß
man demselben Hindernisse in den Weg legt, also eine „psychische
Stauung“ herbeiführt, die mit dem Akt des Erkennens beseitigt
ist. Sein Erklärungsversuch verläßt aber die Annahme, daß das
Erkennen an sich lustvoll sei, indem er das Vergnügen am Er-
kennen mit Berufung auf diese Spiele auf die Freude an der
Macht, an der Überwindung einer Schwierigkeit zurückführt.
Ich halte dieses letztere Moment für sekundär und sehe keinen
Anlaß, von der einfacheren Auffassung abzuweichen, daß das
Erkennen an sich, d. h. durch Erleichterung des psychischen
Aufwands, lustvoll ist, und daß die auf diese Lust gegründeten
Spiele sich eben nur des Stauungsmechanismus bedienen, um
deren Betrag in die Höhe zu treiben.Daß Reim, Alliteration, Refrain und andere Formen der
Wiederholung ähnlicher Wortklänge in der Dichtung die näm-
liche Lustquelle, das Wiederfinden des Bekannten, ausnützen, ist
gleichfalls allgemein anerkannt. Ein „Machtgefühl“ spielt bei
diesen Techniken, die mit der „mehrfachen Verwendung“ beim
Witze so große Übereinstimmung zeigen, keine ersichtliche Rolle.Bei den nahen Beziehungen zwischen Erkennen und Erinnern
ist die Annahme nicht mehr gewagt, daß es auch eine Er-
innerungslust gebe, d. h. daß der Akt des Erinnerns an sich
von einem Lustgefühl ähnlicher Herkunft begleitet sei. Groos
scheint einer solchen Annahme nicht abgeneigt zu sein, aber er
leitet die Erinnerungslust wiederum vom „Machtgefühl“ ab, in
dem er den Hauptgrund des Genusses bei fast allen Spielen —
wie ich meine, mit Unrecht — sucht.Auf dem „Wiederfinden des Bekannten“ beruht auch die
Verwendung eines anderen technischen Hilfsmittels des Witzes, von
dem bisher noch nicht die Rede war. Ich meine das Moment
der Aktualität, das bei sehr vielen Witzen eine ausgiebige
Lustquelle darstellt und einige Eigentümlichkeiten in der Lebens-S.
Das Moment der Aktualität. 103
geschichte der Witze erklärt. Es gibt Witze, die von dieser Be-
dingung vollkommen frei sind, und in einer Abhandlung über den
Witz sind wir genötigt, uns fast ausschließlich solcher Beispiele
zu bedienen. Wir können aber nicht daran vergessen, daß wir
vielleicht noch stärker als über solche perennierende Witze über
andere gelacht haben, deren Verwendung uns jetzt schwer fällt,
weil sie lange Kommentare erfordern und auch mit deren Nach-
hilfe die einstige Wirkung nicht erreichen würden. Diese letzteren
Witze enthielten nun Anspielungen auf Personen und Begeben-
heiten, die zur Zeit „aktuell“ waren, das allgemeine Interesse
wach gerufen hatten und noch in Spannung erhielten. Nach dem
Erlöschen dieses Interesses, nach der Erledigung der betreffenden
Affäre hatten auch diese Witze einen Teil ihrer Lustwirkung, und
zwar einen recht beträchtlichen Teil, eingebüßt. So z. B. erscheint
mir der Witz, den mein freundlicher Gastgeber machte, als er
die herumgereichte Mehlspeise einen „Home-Roulard“ nannte,
heute lange nicht so gut wie damals, als Home Rule eine ständige
Rubrik in den politischen Nachrichten unserer Zeitungen war. Ver-
suche ich jetzt das Verdienst dieses Witzes durch die Beschreibung
zu würdigen, daß uns das eine Wort mit Ersparung eines großen
Denkumweges aus dem Vorstellungskreis der Küche in den so
ferne liegenden der Politik führe, so hätte ich diese Beschreibung
damals abändern müssen, „daß uns dieses Wort aus dem Vor-
stellungskreis der Küche in den ihm selbst so ferne liegenden
Kreis der Politik führe, der aber unseres lebhaften Interesses
sicher sei, weil er uns eigentlich unausgesetzt beschäftige.“ Ein
anderer Witz: „Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus; die
Armee glaubt nicht an ihre Unschuld“ ist heute, trotzdem alle
seine technischen Mittel unverändert geblieben sein müssen,
gleichfalls verblaßt. Die Verblüffung durch den Vergleich und
die Zweideutigkeit des Wortes „Unschuld“ können es nicht wett
machen, daß die Anspielung, die damals an eine mit frischer
Erregung besetzte Angelegenheit rührte, heute an ein erledigtes
Interesse erinnert. Ein noch aktueller Witz wie z. B. folgender:
„Kronprinzessin Louise hatte sich an das Krematorium in Gotha
mit der Anfrage gewendet, was eine Verbrennung koste. Die
Verwaltung gab ihr die Antwort: Sonst 5000 Mark, ihr werde
man aber nur 3000 Mark berechnen, da sie schon einmal durch-
gebrannt sei“; ein solcher Witz erscheint heute unwiderstehlich;
in einiger Zeit wird er in unserer Schätzung sehr erheblich ge-
sunken sein, und noch eine Weile später, wenn man ihn nicht
erzählen kann, ohne in einem Kommentar hinzuzusetzen, wer dieS.
104 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.
Prinzessin Louise war, und wie ihr „Durchgebranntsein* gemeint
ist, wird er trotz des guten Wortspiels wirkungslos bleiben.Eine groBe Zahl der im Umlauf befindlichen Witze gelangt
so zu einer gewissen Lebensdauer, eigentlich zu einem Lebens-
lauf, der sich aus einer Bliitezeit und einer Verfallzeit zusammen-
setzt und in völliger Vergessenheit endigt. Das Bedürfnis der
Menschen, Lust aus ihren Denkvorgången zu gewinnen, schafft
dann immer neue Witze unter Anlehnung an die neuen Interessen
des Tages. Die Lebenskraft der aktuellen Witze ist keine ihnen
eigene, sie wird auf dem Wege der Anspielung jenen anderen
Interessen entlehnt, deren Ablauf auch das Schicksal des Witzes
bestimmt. Das Moment der Aktualitåt, welches als eine ver-
gångliche Lustquelle zwar, aber als besonders ergiebige zu den
eigenen des Witzes hinzutritt, kann nicht einfach dem Wieder-
finden des Bekannten gleichgesetzt werden. Es handelt sich viel
mehr um cine besondere Qualifikation des Bekannten, dem die
Eigenschaft des Frischen, Rezenten, nicht vom Vergessen Be-
rührten zukommen muß. Auch bei der Traumbildung begegnet
man einer besonderen Bevorzugung des Rezenten und kann sich
der Vermutung nicht erwehren, daß die Assoziation mit dem
Rezenten durch eine eigenartige Lustpråmie belohnt, also er-
leichtert wird.Die Unifizierung, die ja nur die Wiederholung auf dem
Gebiete des Gedankenzusammenhanges anstatt des Materials ist,
hat bei G. Th. Fechner eine besondere Anerkennung als Lust-
quelle des Witzes gefunden. Fechner äußert (Vorschule der
Ästhetik I, XVII): „Meines Erachtens spielt in dem Felde, was
wir hier vor Augen haben, das Prinzip der einheitlichen Ver-
kniipfung des Mannigfaltigen die Hauptrolle, bedarf aber noch
unterstitzender Nebenbedingungen, um das Vergnügen, was die
hicher gehörigen Fille gewähren können, mit seinem eigentiimlichen
Charakter über die Schwelle zu treiben.“*)In allen diesen Fållen von Wiederholung des nåmlichen Zu-
sammenhanges oder des nåmlichen Materials von Worten, von
Wiederfinden des Bekannten und Rezenten, die dabei verspiirte
Lust von der Ersparung an psychischem Aufwand abzuleiten, kann
uns wohl nicht verwehrt werden, wenn dieser Gesichtspunkt sich
fruchtbar zur Aufklärung von Einzelheiten und zur Gewinnung
neuer Allgemeinheiten erweist. Wir wissen, daB wir noch die Art,*) Abschnitt XVII ist überschrieben: Von sinnreichen und witzigen
Vergleichen, Wortspielen u, a. Fällen, welche den Charakter der Ergötz-
lichkeit, Lustigkeit, Lächerlichkeit tragen.S.
Wortlust und Lust am Unsinn. 105
wie die Ersparung zu stande kommt, und den Sinn des Ausdrucks
„psychischer Aufwand" deutlich zu machen haben.Die dritte Gruppe der Techniken des Witzes — zumeist des Ge-
dankenwitzes —, welche die Denkfehler, Verschiebungen, den Wider-
sinn, die Darstellung durch das Gegenteil u. a. umfaßt, mag für
den ersten Anschein ein besonderes Gepräge tragen und keine Ver-
wandtschaf* mit den Techniken des Wiederfindens des Bekannten
oder des Ersatzes der Gegenstandsassoziationen durch die Wort-
assoziationen verraten; es ist nichts desto weniger gerade hier
sehr leicht, den Gesichtspunkt der Ersparung oder Erleichterung
des psychischen Aufwandes zur Geltung zu bringen.Daß es leichter und bequemer ist, von einem eingeschlagenen
Gedankenweg abzuweichen als ihn festzuhalten, Unterschiedenes
zusammenzuwerfen als es in Gegensatz zu bringen, und gar be-
sonders bequem, von der Logik verworfene Schlußweisen gelten
zu lassen, endlich bei der Zusammenfügung von Worten oder
Gedanken von der Bedingung abzusehen, daß sie auch einen Sinn
ergeben sollen: dies ist allerdings nicht zweifelhaft, und gerade
dies tun die in Rede stehenden Techniken des Witzes. Befremder
wird aber die Aufstellung erregen, daß solches Tun der Witz-
arbeit eine Quelle der Lust eröffnet, da wir gegen alle derartigen
Minderleistungen der Denktätigkeit außerhalb des Witzes nur un-
lustige Abwehrgefühle verspüren können.Die „Lust am Unsinn", wie wir abkürzend sagen können,
ist im ernsthaften Leben allerdings bis zum Verschwinden ver-
deckt. Um sie nachzuweisen, müssen wir auf zwei Fälle eingehen,
in denen sie noch sichtbar ist und wieder sichtbar wird, auf das
Verhalten des lernenden Kindes und das des Erwachsenen in
toxisch veränderter Stimmung. In der Zeit, da das Kind den
Wortschatz seiner Muttersprache handhaben lernt, bereitet es
ihm ein offenbares Vergnügen, mit diesem Material „spielend zu
experimentieren‘ (Groos), und es fügt die Worte, ohne sich an
die Sinnbedingung zu binden, zusammen, um den Lusteffekt des
Rhythmus oder des Reimes mit ihnen zu erzielen. Dieses Vergnügen
wird ihm allmählich verwehrt, bis ihm nur die sinnreichen Wort-
verbindungen als gestattete erübrigen. Noch in spätere Jahre
ragen dann die Bestrebungen, sich über die erlernten Einschrän-
kungen im Gebrauche der Worte hinauszusetzen, indem man die-
selben durch bestimmte Anhängsel verunstaltet, ihre Formen durch
gewisse Veranstaltungen verändert (Reduplikationen, Zittersprache)
oder sich sogar für den Gebrauch unter den Gespielen eine eigeneS.
106 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.
Sprache zurecht macht, Bemühungen, welche dann bei den Geistes-
kranken gewisser Kategorien wieder auftauchen.Ich meine, welches immer das Motiv war, dem das Kind
folgte, als es mit solchen Spielen begann, in weiterer Entwicklung
gibt es sich ihnen mit dem Bewußtsein, daß sie unsinnig sind,
hin und findet das Vergnügen in diesem Reiz des von der Ver-
nunft Verbotenen. Es benützt nun das Spiel dazu, sich dem
Drucke der kritischen Vernunft zu entziehen. Weit gewaltiger
sind aber die Einschränkungen, die bei der Erziehung zum rich-
tigen Denken und zur Sonderung des in der Realität Wahren
vom Falschen Platz greifen müssen, und darum ist die Auf-
lehnung gegen den Denk- und Realitätszwang eine tiefgreifende
und lang anhaltende; selbst die Phänomene der Phantasiebetätigung
fallen unter diesen Gesichtspunkt. Die Macht der Kritik ist in
dem späteren Abschnitt der Kindheit und in der über die Pubertät
hinausreichenden Periode des Lernens meist so sehr gewachsen,
daß die Lust am „befreiten Unsinn“ sich nur selten direkt zu
äußern wagt. Man getraut sich nicht, Widersinn auszusprechen;
aber die für den Buben charakteristische Neigung zu wider-
sinnigem, zweckwidrigem Tun scheint mir ein direkter Abkömm-
ling der Lust am Unsinn zu sein. In pathologischen Fällen sieht
man leicht diese Neigung soweit gesteigert, daß sie wieder die
Reden und Antworten des Schülers beherrscht; bei einigen in
Neurose verfallenen Gymnasiasten konnte ich mich überzeugen,
daß die unbewußt wirkende Lust an dem von ihnen produzierten
Unsinn an ihren Fehlleistungen nicht minderen Anteil hatte als
ihre wirkliche Unwissenheit.Der Student gibt es dann nicht auf, gegen den Denk- und
Realitätszwang zu demonstrieren, dessen Herrschaft er doch im-
mer unduldsamer und uneingeschränkter werden verspürt. Ein
guter Teil des studentischen Ulks gehört dieser Reaktion an.
Der Mensch ist eben ein „unermüdlicher Lustsucher“, — ich weiß
nicht mehr, bei welchem Autor ich diesen glücklichen Ausdruck
gefunden habe — und jeder Verzicht auf eine einmal genossene
Lust wird ihm sehr schwer. Mit dem heiteren Unsinn des Bier-
schwefels versucht der Student, sich die Lust aus der Freiheit
des Denkens zu retten, die ihm durch die Schulung des Kollegs
immer mehr verloren geht. Ja noch viel später, wenn er als
gereifter Mann mit anderen auf dem wissenschaftlichen Kongreß
zusammengetroffen ist und sich wieder als Lernender gefühlt hat,
muß nach Schluß der Sitzungen die Kneipzeitung, welche die neuS.
Wiederherstellung alter Freiheiten, 107
gewonnenen Einsichten in’s Unsinnige verzerrt, ihm für die neu
zugewachsene Denkhemmung Entschädigung bieten,
„Bierschwefel“ und „Kneipzeitung” legen in ihren Namen
Zeugnis dafür ab, daß die Kritik, welche die Lust am Unsinn
verdrängt hat, bereits so stark geworden ist, daß sie ohne toxische
Hilfsmittel auch nicht zeitweilig beiseite geschoben werden kann,
Die Veränderung der Stimmungslage ist das Wertvollste, was der
Alkohol dem Menschen leistet, und weshalb dieses „Gift“ nicht
für jeden gleich entbehrlich ist. Die heitere Stimmung, ob nun
endogen entstanden oder toxisch erzeugt, setzt die hemmenden
Kräfte, die Kritik unter ihnen, herab und macht damit Lustquellen
wieder zugänglich, auf denen die Unterdrückung lastete. Es ist
überaus lehrreich zu sehen, wie die Anforderungen an den Witz
mit einer Hebung der Stimmungslage sinken. Die Stimmung er-
setzt eben den Witz, wie der Witz sich bemühen muß, die
Stimmung zu ersetzen, in welcher sich sonst gehemmte Genuß-
möglichkeiten, unter ihnen die Lust am Unsinn, geltend machen.
„Mit wenig Witz und viel Behagen."Unter dem Einfluß des Alkohols wird der Erwachsene wieder
zum Kinde, dem die freie Verfügung über seinen Gedankenablauf
ohne Einhaltung des logischen Zwanges Lust bereitet.Wir hoffen nun auch dargetan zu haben, daß die Widersinns-
techniken des Witzes einer Lustquelle entsprechen. Daß diese
Lust aus Ersparung an psychischem Aufwand, Erleichterung vom
Zwange der Kritik, hervorgeht, brauchen wir nur zu wiederholen.Bei einem nochmaligen Rückblick auf die in drei Gruppen
gesonderten Techniken des Witzes bemerken wir, daß die erste
und dritte dieser Gruppen, die Ersetzung der Dingassoziationen
durch die Wortassoziationen und die Verwendung des Widersinns
als Wiederherstellungen alter Freiheiten und als Entlastungen von
dem Zwang der intellektuellen Erziehung zusammengefaßt werden
können; es sind psychische Erleichterungen, die man in einen
gewissen Gegensatz zur Ersparung bringen kann, welche die
Technik in der zweiten Gruppe ausmacht. Erleichterung des schon
bestehenden und Ersparung an erst aufzubietendem psychischem
Aufwand, auf diese beiden Prinzipien fiihrt sich also alle Technik
des Witzes und somit alle Lust aus diesen Techniken zuriick.
Die beiden Arten der Technik und der Lustgewinnung fallen
übrigens — im großen und ganzen wenigstens — mit der Scheidung
des Witzes in Wort- und Gedankenwitz zusammen.S.
108 IV. Die Psychogenese des Witzes.
Die vorstehenden Erörterungen haben uns unversehens zur
Einsicht in eine Entwicklungsgeschichte oder Psychogenese des
Witzes geführt, welcher wir nun näher treten wollen. Wir haben
Vorstufen des Witzes kennen gelernt, deren Entwicklung bis zum
tendenziösen Witz wahrscheinlich neue Beziehungen zwischen den
verschiedenen Charakteren des Witzes aufdecken kann. Vor allem
Witz gibt es etwas, was wir als Spiel oder ‚Scherz‘ bezeichnen
können. Das Spiel — verbleiben wir bei diesem Namen — tritt
beim Kinde auf, während es Worte verwenden und Gedanken an
einander fügen lernt. Dieses Spiel folgt wahrscheinlich einem der
Triebe, welche das Kind zur Übung seiner Fähigkeiten nötigen
(Groos); es stößt dabei auf Lustwirkungen, die sich aus der
Wiederholung des Ähnlichen, aus dem Wiederfinden des Bekannten,
dem Gleichklang usw. ergeben und als unvermutete Ersparungen
an psychischem Aufwand erklären. Es ist nicht zu verwundern,
daß diese Lusteffekte das Kind zur Pflege des Spieles antreiben
und es veranlassen, dieselben ohne Rücksicht auf die Bedeutung
der Worte und den Zusammenhang der Sätze fortzusetzen. Spiel
mit Worten und Gedanken, motiviert durch gewisse Lusteffekte
der Ersparung, wäre also die erste Vorstufe des Witzes.
Diesem Spiel macht die Erstarkung eines Moments ein Ende,
das als Kritik oder Vernünftigkeit bezeichnet zu werden verdient.
Das Spiel wird nun als sinnlos oder direkt widersinnig verworfen;
es wird infolge der Kritik unmöglich. Es ist nun auch ausge-
schlossen, anders als zufallsweise aus jenen Quellen des Wieder-
findens des Bekannten usw. Lust zu beziehen, es sei denn, daß den
Heranwachsenden eine lustvolle Stimmung befalle, welche der
Heiterkeit des Kindes ähnlich die kritische Hemmung aufhebt.
In diesem Falle allein wird das alte Spiel der Lustgewinnung
wieder ermöglicht, aber auf diesen Fall mag der Mensch nicht
warten und auf die ihm vertraute Lust nicht verzichten. Er sucht
also nach Mitteln, welche ihn von der lustvollen Stimmung un-
abhängig machen; die weitere Entwicklung zum Witze wird von
den beiden Bestrebungen, die Kritik zu vermeiden und die
Stimmung zu ersetzen, regiert.
Damit setzt die zweite Vorstufe des Witzes ein, der Scherz.
Es gilt nun den Lustgewinn des Spieles durchzusetzen und dabei
doch den Einspruch der Kritik, der das Lustgefühl nicht auf-
kommen ließe, zum Schweigen zu bringen. Zu diesem Ziele
führt nur ein einziger Weg. Die sinnlose Zusammenstellung
von Worten oder die widersinnige Anreihung von Gedanken muß
doch einen Sinn haben. Die ganze Kunst der Witzarbeit wirdS.
Spiel und Scherz. 109
aufgeboten, um solche Worte und solche Gedankenkonstellationen
aufzufinden, bei denen diese Bedingung erfüllt ist. Alle tech-
nischen Mittel des Witzes finden hier bereits, beim Scherz, Ver-
wendung; auch trifft der Sprachgebrauch zwischen Scherz und
Witz keine konsequente Unterscheidung. Was den Scherz vom
Witz unterscheidet, ist, daß der Sinn des der Kritik entzogenen
Satzes kein wertvoller, kein neuer oder auch nur guter zu sein
braucht; es muß sich eben nur so sagen lassen, wenngleich es
ungebräuchlich, überflüssig, nutzlos ist, es so zu sagen. Beim
Scherz steht die Befriedigung, das von der Kritik Verbotene
ermöglicht zu haben, im Vordergrunde.Ein bloßer Scherz ist es z. B., wenn Schleiermacher
die Eifersucht definiert als die Leidenschaft, die mit Eifer sucht,
was Leiden schafft. Ein Scherz ist es, wenn der Professor
Kästner, der im 16. Jahrhundert in Göttingen Physik lehrte —
und Witze machte, — einen Studenten namens Kriegk bei der
Inskription nach seinem Alter fragte und auf die Antwort, er sei
dreißig Jahre alt, meinte: Ei, so habe ich ja die Ehre, den 30-
jährigen Krieg zu sehen.*) Mit einem Scherz antwortete Meister
Rokitansky auf die Frage, welchen Berufen sich seine vier
Söhne zugewendet hätten: „Zwei heilen und zwei heulen“ (zwei
Ärzte und zwei Sänger). Die Auskunft war richtig und darum
nicht weiter angreifbar; aber sie fügte nichts hinzu, was nicht
in dem in Klammern stehenden Ausdruck enthalten gewesen wäre.
Es ist unverkennbar, daß die Antwort die andere Form nur wegen
der Lust angenommen hat, welche sich aus der Unifizierung und
aus dem Gleichklang der beiden Worte ableitet.Ich meine, wir sehen nun endlich klar. Es hat uns in der
Bewertung der Techniken des Witzes immer gestört, daß diese
nicht dem Witz allein zu eigen sind, und doch schien das Wesen
des Witzes an ihnen zu hängen, da mit ihrer Beseitigung durch
die Reduktion Witzcharakter und Witzeslust verloren waren. Nun
merken wir, was wir als die Techniken des Witzes beschrieben
haben — und in gewissem Sinne fortfahren müssen so zu nennen
— das sind vielmehr die Quellen, aus denen der Witz die Lust
bezieht, und wir finden es nicht befremdend, daß andere Ver-
fahren zum nämlichen Zweck aus den gleichen Quellen schöpfen.
Die dem Witze eigentümliche und ihm allein zukommende Technik
besteht aber in seinem Verfahren, die Anwendung dieser lust-
bereitenden Mittel gegen den Einspruch der Kritik sicher zu*) Kleinpaul. Die Rätsel der Sprache, 1890.
S.
110 IV. Die Psychogenese des Witzes,
stellen, welcher die Lust aufheben würde. Wir kônnen von diesem
Verfahren wenig Allgemeines aussagen; die Witzarbeit äußert sich,
wie schon erwähnt, in der Auswahl eines solchen Wortmaterials
und solcher Denksituationen, welche es gestatten, daß das
alte Spiel mit Worten und Gedanken die Prüfung der Kritik
bestehe, und zu diesem Zwecke müssen alle Eigentümlichkeiten
des Wortschatzes und alle Konstellationen des Gedankenzusammen-
hanges auf das Geschickteste ausgeniitzt werden. Vielleicht werden
wir späterhin noch in die Lage kommen, die Witzarbeit durch
eine bestimmte Eigenschaft zu charakterisieren; vorläufig bleibt
es unerklårt, wie die dem Witze erspricBliche Auswahl getroffen
werden kann. Die Tendenz und Leistung des Witzes, die lust-
bereitenden Wort- und Gedankenverbindungen vor der Kritik zu
schützen, stellt sich aber schon beim Scherz als sein wesentliches
Merkmal heraus. Von Anfang an besteht seine Leistung darin,
innere Hemmungen aufzuheben und durch sie unzugünglich ge-
wordene Lustquellen ergiebig zu machen, und wir werden finden,
daß er diesem Charakter durch seine ganze Entwicklung treu
bleibt.Wir sind nun auch in der Lage, dem Moment des „Sinnes
im Unsinn“ (vgl. Einleitung, S. 4), welchem von den Autoren
eine so groBe Bedeutung zur Kennzeichnung des Witzes und zur
Aufklårung der Lustwirkung beigemessen wird, seine richtige
Stellung anzuweisen. Die zwei festen Punkte in der Bedingtheit
des Witzes, seine Tendenz, das lustvolle Spiel durchzusetzen, und
seine Bemiihung, es vor der Kritik der Vernunft zu schiitzen,
erklåren ohne weiteres, warum der einzelne Witz, wenn er fiir
die eine Ansicht unsinnig erscheint, fiir eine andere sinnvoll oder
wenigstens zulässig erscheinen muß. Wie er dies macht, das
bleibt die Sache der Witzarbeit; wo es ihm nicht gelungen ist,
wird er eben als „Unsinn‘“ verworfen. Wir haben es aber auch
nicht nötig, die Lustwirkung des Witzes aus dem Widerstreit der
Gefühle abzuleiten, die aus dem Sinn und gleichzeitigen Unsinn
des Witzes, sei es direkt, sei es auf dem Wege der » Verblüffung
und Erleuchtung“, hervorgehen. Ebensowenig besteht für uns
eine Nötigung, der Frage näher zu treten, wieso Lust aus
der Abwechslung des fiir-sinnlos-Haltens und fiir-sinnreich-Er-
kennens des Witzes hervorgehen könne. Die Psychogenese des
Witzes hat uns belehrt, daB die Lust des Witzes aus dem Spiel
mit Worten oder aus der Entfesselung des Unsinns stammt, und
daß der Sinn des Witzes nur dazu bestimmt ist, diese Lust gegen
die Aufhebung durch die Kritik zu schützen.S.
Scherz und Witz. III
Somit wire das Problem des wesentlichen Charakters des
Witzes bereits am Scherz erklirt. Wir dürfen uns der weiteren
Entwicklung des Scherzes bis zu deren Höhe im tendenziösen
Witz zuwenden. Der Scherz stellt noch die Tendenz voran, uns
‚Vergnügen zu bereiten, und begniigt sich damit, daß seine Aus-
sage nicht unsinnig oder völlig gehaltlos erscheine. Wenn diese
Aussage selbst eine g.ehalt- und wertvolle ist, wandelt sich der
Scherz zum Witz. Ein Gedanke, der unseres Interesses würdig
gewesen wäre auch in schlichtester Form ausgedrückt, ist nun
in eine Form gekleidet, die an und für sich unser Wohlgefallen
erregen muß.*) Gewiß ist eine solche Vergesellschaftung nicht
ohne Absicht zu stande gekommen, müssen wir denken und
werden uns bemühen, die der Bildung des Witzes zu Grunde
liegende Absicht zu erraten. Eine bereits früher, wie beiläufig
gemachte Beobachtung wird uns auf die Spur führen. Wir haben
oben bemerkt, daß ein guter Witz uns sozusagen einen Gesamt-
eindruck von Wohlgefallen macht, ohne daß wir im stande wären,
‚unmittelbar zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust von der
witzigen Form, welcher von dem trefflichen Gedankeninhalt her-
rührt (S. 75). Wir täuschen uns beständig über diese Aufteilung,
überschätzen das eine Mal die Güte des Witzes infolge unserer
Bewunderung für den in ihm enthaltenen Gedanken, bald um-
gekehrt den Wert des Gedankens wegen des Vergnügens, das uns
die witzige Einkleidung bereitet. Wir wissen nicht, was uns Ver-
gnügen macht, und worüber wir lachen. Diese als tatsächlich an-
zunehmende Unsicherheit unseres Urteils mag das Motiv für die
Bildung des Witzes im eigentlichen Sinne abgegeben haben. Der
Gedanke sucht die Witzverkleidung, weil er durch sie sich unserer
Aufmerksamkeit empfiehlt, uns bedeutsamer, wertvoller erscheinen
kann, vor allem aber, weil dieses Kleid unsere Kritik besticht und
verwirrt. Wir haben die Neigung, dem Gedanken zu gute zu
schreiben, was uns an der witzigen Form gefallen hat, sind auch
nicht mehr geneigt, etwas unrichtig zu finden, was uns Vergnügen*) Als Beispiel, welches den Unterschied von Scherz und eigent-
lichem Witz erkennen läßt, diene das ausgezeichnete Witzwort, mit welchem
ein Mitglied des „Bürgerministeriums“ in Österreich die Frage nach der
Solidarität des Kabinetts beantwortete: „Wie sollen wir für einander ein-
stehen können, wenn wir einander nicht ausstehen können? Technik:
Verwendung des nämlichen Materials mit geringer (gegensätzlicher) Mo-
difikation ; der korrekte und treffende Gedanke: Es gibt keine Solidarität
ohne persönliches Einvernehmen. Die Gegensätzlichkeit der Modifikation
(einstehen—ausstehen) entspricht der vom Gedanken behaupteten Un-
vereinbarkeit und dient ihr als Darstellung.S.
112 IV. Die Psychogenese des Witzes.
bereitet hat, um uns so die Quelle einer Lust zu verschiitten.
Hat der Witz uns zum Lachen gebracht, so ist übrigens die fiir
die Kritik ungiinstigste Disposition in uns hergestellt, denn dann
ist uns von einem Punkte aus jene Stimmung aufgezwungen
worden, der bereits das Spiel geniigt hat, und die zu ersetzen
der Witz mit allen Mitteln bemiiht war. Wenngleich wir vorhin
festgesetzt haben, daß solcher Witz als harmloser, noch nicht
tendenziôser, zu bezeichnen sei, werden wir doch nicht verkennen
dürfen, daß streng genommen nur der Scherz tendenzlos ist, d. h.
allein der Absicht Lust zu erzeugen dient. Der Witz — mag der
in ihm enthaltene Gedanke auch tendenzlos sein, also bloß theo-
retischem Denkinteresse dienen 一 ist eigentlich nie tendenzlos;
er verfolgt die zweite Absicht, den Gedanken durch Vergrößerung
zu fördern und ihn gegen die Kritik zu sichern. Er äußert hier
wiederum seine ursprüngliche Natur, indem er sich einer hemmen-
den und einschränkenden Macht, nun dem kritischen Urteil,
entgegenstellt.Diese erste über die Lusterzeugung hinausgehende Ver-
wendung des Witzes weist den weiteren den Weg. Der Witz ist
nun als ein psychischer Machtfaktor erkannt, dessen Gewicht den
Ausschlag geben kann, wenn es in diese oder jene Wagschale
fällt. Die großen Tendenzen und Triebe des Seelenlebens nehmen
ihn für ihre Zwecke in Dienst. Der ursprünglich tendenzlose Witz,
der als ein Spiel begann, kommt sekundär in Beziehung zu
Tendenzen, denen sich nichts, was im Seelenleben gebildet wird,
auf die Dauer entziehen kann. Wir wissen bereits, was er im
Dienste der entblößenden, feindseligen, zynischen, skeptischen
Tendenz zu leisten vermag. Beim obszönen Witz, welcher aus der
Zote hervorgegangen ist, macht er aus dem ursprünglich die
sexuelle Situation störenden Dritten einen Bundesgenossen, vor
dem das Weib sich schämen muß, indem er ihn durch Mitteilung
seines Lustgewinnes besticht. Bei der aggressiven Tendenz ver-
wandelt er den anfänglich indifferenten Zuhörer durch das näm-
liche Mittel in einen Mithasser oder Mitverächter und schafft dem
Feind ein Heer von Gegnern, wo erst nur ein einziger war. Im
ersten Falle überwindet er die Hemmungen der Scham und der
Wohlanständigkeit durch die Lustprämie, die er bietet; im zweiten
aber wirft er wiederum das kritische Urteil um, welches sonst
den Streitfall geprüft hätte. Im dritten und vierten Falle, im
Dienste der zynischen und skeptischen Tendenz erschüttert er den
Respekt vor Institutionen und Wahrheiten, an die der Hörer ge-
glaubt hat, einerseits indem er das Argument verstärkt, ander-S.
Die Entwicklung zum tendenziösen Witz, 113
seits aber, indem er eine neue Art des Angriffs pflegt, Wo das
Argument die Kritik des Hörers auf seine Seite zu ziehen sucht,
ist der Witz bestrebt, diese Kritik zur Seite zu drängen. Es ist
kein Zweifel daß der Witz den psychologisch wirksameren Weg
gewählt hat,Bei dieser Übersicht über die Leistungen des tendenziösen
Witzes hat sich uns in den Vordergrund gedrängt, was leichter
zu sehen ist, die Wirkung des Witzes auf den, der ihn hört.
Für das Verständnis bedeutsamer sind die Leistungen, die der
Witz im Seelenleben desjenigen vollbringt, der ihn macht, oder,
wie man einzig richtig sagen sollte, dem er einfällt. Wir haben
schon einmal den Vorsatz gefaßt — und finden hier Anlaß ihn
zu erneuern —, daß wir die psychischen Vorgänge des Witzes
mit Rücksicht auf ihre Verteilung auf zwei Personen studieren
wollen, Vorläufig wollen wir der Vermutung Ausdruck geben,
daß der durch den Witz angeregte psychische Vorgang beim
Hörer den beim Schöpfer des Witzes in den meisten Fällen nach-
bildet. Dem äußerlichen Hindernis, welches beim Hörer über-
wunden werden soll, entspricht eine innere Hemmung beim
Witzigen. Zum mindesten ist beim Letzterem die Erwartung des
äußerlichen Hindernisses als hemmende Vorstellung vorhanden.
In einzelnen Fällen ist das innerliche Hindernis, das durch den
tendenziösen Witz überwunden wird, evident; von den Witzen des
Herrn N. (S. 85) dürfen wir z. B. annehmen, daß sie nicht nur
den Hörern den Genuß der Aggression durch Injurien, sondern
vor allem ihm die Produktion derselben ermöglichen. Unter den
Arten der innerlichen Hemmung oder Unterdrückung wird eine
unseres besonderen Interesses würdig sein, weil sie die weit-
gehendste ist; sie wird mit dem Namen der „Verdrängung“ be-
zeichnet und an ihrer Leistung erkannt, daß sie die ihr ver-
fallenen Regungen sowie deren Abkömmlinge vom Bewußt-
werden ausschließt, Wir werden hören, daß der tendenziöse Witz
selbst aus solchen der Verdrängung unterliegenden Quellen Lust
zu entbinden vermag. LåBt sich in solcher Art, wie oben an-
gedeutet wurde, die Überwindung äußerer Hindernisse auf die
innerer Hemmungen und Verdrängungen zurückführen, so darf
man sagen, daß der tendenziöse Witz den Hauptcharakter der
Witzarbeit, Lust frei zu machen durch Beseitigung von Hemmungen
am deutlichsten von allen Entwicklungsstufen des Witzes erweist.
Er verstärkt die Tendenzen, in deren Dienst er sich stellt, indem
er ihnen Hilfen aus unterdrückt gehaltenen Regungen zuführt,
oder er stellt sich überhaupt in den Dienst unterdrückter Tendenzen.Freud, Der Witz, 8
S.
114 IV. Die Psychogenese des Witzes.
Man kann gern zugeben, daß dies die Leistungen des ten-
denziösen Witzes sind, und wird sich doch besinnen müssen, daß
man nicht versteht, auf welche Weise ihm diese Leistungen ge-
lingen können. Seine Macht besteht in dem Lustgewinn, den er
aus den Quellen des Spieles mit Worten und des befreiten Un-
sinnes zieht, und wenn man nach den Eindrücken urteilen soll,
die man von den tendenzlosen Scherzen empfangen hat, kann
man den Betrag dieser Lust unmöglich für so groß halten, daß
man ihr die Kraft zur Aufhebung eingewurzelter Hemmungen und
Verdrängungen zutrauen könnte. Es liegt hier in der Tat keine
einfache Kraftwirkung, sondern ein verwickelteres Auslösungs-
verhältnis vor. Anstatt den weiten Umweg darzulegen, auf dem
ich zur Einsicht in dieses Verhältnis gelangt bin, werde ich es
auf kurzem synthetischem Wege darzustellen versuchen.G. Th. Fechner hat in seiner Vorschule der Ästhetik
(I. Bd., V) das „Prinzip der ästhetischen Hilfe oder Steigerung“
aufgestellt, das er in folgenden Worten ausführt: „Aus dem
widerspruchslosen Zusammentreffen von Lust-
bedingungen, die für sich wenig leisten, geht ein
größeres, oft viel größeres Lustresultat hervor,
als dem Lustwerte der einzelnen Bedingungen für
sich entspricht, ein größeres, als daß es als Summe
der Einzelwirkungen erklärt werden könnte; ja es
kann selbst durch ein Zusammentreffen dieser Art
ein positives Lustergebnis erzielt, die Schwelle
der Lust überstiegen werden, wo die einzelnen
Faktoren zu schwach dazu sind; nur daß sie ver-
gleichungsweise mit anderen einen Vorteil der
Wohlgefälligkeit spürbar werden lassen müssen.“*)
Ich meine, das Thema des Witzes gibt uns nicht viel Gelegenheit,
die Richtigkeit dieses Prinzips, das sich an vielen anderen künst-
lerischen Bildungen erweisen läßt, zu bestätigen. Am Witz haben
wir etwas anderes gelernt, was wenigstens in die Nähe dieses
Prinzips gehört, daß wir beim Zusammenwirken mehrerer lust-
erzeugender Faktoren nicht im stande sind, jedem derselben den
ihm am Ergebnis wirklich zukommenden Anteil zuzuweisen (siehe
S. 75). Mann kann aber die in dem Prinzip der Hilfe angenommene
Situation variieren und für diese neuen Bedingungen eine Reihe
von Fragestellungen erzielen, die der Beantwortung würdig wären.
*) S. 51. Der zweiten Auflage, Leipzig 1897. — Die Hervorhebung ist
die Fechner’s.S.
115
Das Prinzip der „Vorlust.“
Was geschieht allgemein, wenn in einer Konstellation Lust-
bedingungen mit Unlustbedingungen zusammentreffen? Wovon
hängt dann das Ergebnis und das Vorzeichen desselben ab? Der
Fall des tendenziösen Witzes ist ein spezieller unter diesen Mög-
lichkeiten. Es ist eine Regung oder Streburg vorhanden, welche
Lust aus einer bestimmten Quelle entbinden wollte und bei un-
gehindertem Gewähren auch entbinden würde, außerdem besteht
eine andere Strebung, welche dieser Lustentwicklung entgegen-
wirkt, sie also hemmt oder unterdrückt. Die unterdrückende
Strömung muß, wie der Erfolg zeigt, um ein Gewisses stärker
sein als die unterdrückte, die darum doch nicht aufgehoben ist.Nun trete eine zweite Strebung hinzu, die aus dem nämlichen
Vorgang Lust entbinden würde, wenn auch von anderen Quellen
her, die also der unterdrückten gleichsinnig wirkt. Welches kann
in solchem Falle der Erfolg sein? Ein Beispiel wird uns besser
orientieren, als diese Schematisierung es könnte. Es bestehe die
Strebung, eine gewisse Person zu beschimpfen; dieser stehe aber
das Anstandsgefühl, die ästhetische Kultur, so sehr im Wege, daß das
Schimpfen unterbleiben muß; könnte es z. B. infolge einer ver-
änderten Affektlage oder Stimmung durchbrechen, so würde dieser
Durchbruch der schimpfenden Tendenz nachträglich mit Unlust
empfunden werden. Das Schimpfen unterbleibt also. Es biete
sich aber die Möglichkeit, aus dem Material der zur Beschimpfung
dienenden Worte und Gedanken einen guten Witz zu ziehen, also
Lust aus anderen Quellen zu entbinden, denen die nämliche Unter-
drückung nicht im Wege steht. Doch müßte diese zweite Lust-
entwicklung unterbleiben, wenn nicht das Schimpfen zugelassen
würde; sowie letzteres aber zugelassen wird, ist mit ihm noch die
neue Lustentbindung verbunden. Die Erfahrung am tendenziösen
Witze zeigt, daß unter solchen Umständen die unterdrückte Ten-
denz durch die Hilfe der Witzeslust die Stärke bekommen kann,
die sonst stärkere Hemmung zu überwinden. Es wird geschimpft,
weil damit der Witz ermöglicht ist. Aber das erzielte Wohlgefallen
ist nicht nur das vom Witz erzeugte; es ist unvergleichlich größer,
um so viel größer als die Witzeslust, daß wir annehmen müssen,
es sei der vorhin unterdrückten Tendenz gelungen, sich etwa
ganz ohne Abzug durchzusetzen. Unter diesen Verhältnissen wird
beim tendenziösen Witz am ausgiebigsten gelacht.Vielleicht werden wir durch die Untersuchung der Bedingungen
des Lachens dazu kommen, uns eine anschaulichere Vorstellung
von dem Vorgang der Hilfe des Witzes gegen die Unterdrückung
zu bilden. Wir sehen aber auch jetzt, daß der Fall des tendenziösen8*
S.
116 IV. Die Psychogenese des Witzes.
Witzes ein Spezialfall des Prinzips der Hilfe ist. Eine Möglich-
keit der Lustentwicklung tritt zu einer Situation hinzu, in welcher
eine andere Lustmöglichkeit verhindert ist, so daß diese für sich
allein keine Lust ergeben würde; das Ergebnis ist eine Lust-
entwicklung, die weit größer ist als die der hinzugetretenen
Möglichkeit. Letztere hat gleichsam als Verlockungsprämie
gewirkt; mit Hilfe eines dargebotenen kleinen Betrages von Lust
ist ein sehr großer, sonst schwer zu erreichender gewonnen worden.
Ich habe guten Grund zu vermuten, daß dieses Prinzip einer Ein-
richtung entspricht, die sich auf vielen, fern von einander ge-
legenen Gebieten des Seelenlebens bewährt, und halte es für
zweckmäßig, die zur Auslösung der großen Lustentbindung
dienende Lust als Vorlust und das Prinzip als Vorlust-
prinzip zu bezeichnen.Wir können nun die Formel für die Wirkungsweise des
tendenziösen Witzes aussprechen: Er stellt sich in den Dienst von
Tendenzen, um vermittels der Witzeslust als Vorlust durch die
Aufhebung von Unterdrückungen und Verdrängungen neue Lust
zu erzeugen. Wenn wir nun seine Entwicklung überschauen,
dürfen wir sagen, daß der Witz seinem Wesen von Anfang an
bis zu seiner Vollendung treu geblieben ist. Er beginnt als ein
Spiel, um Lust aus der freien Verwendung von Worten und Ge-
danken zu ziehen. Sowie das Erstarken der Vernunft ihm dieses
Spiel mit Worten als sinnlos und mit Gedanken als unsinnig ver-
wehrt, wandelt er sich zum Scherz, um diese Lustquellen fest-
halten und aus der Befreiung des Unsinns neue Lust gewinnen
zu können. Als eigentlicher, noch tendenzloser, Witz leiht
er dann Gedanken seine Hilfe und stärkt sie gegen die Anfechtung
des kritischen Urteils, wobei ihm das Prinzip der Verwechslung
der Lustquellen dienlich ist, und endlich tritt er großen, mit der
Unterdrückung kämpfenden Tendenzen bei, um nach dem Prinzip
der Vorlust innere Hemmungen aufzuheben. Die Vernunft — das
kritische Urteil — die Unterdrückung, dies sind die Mächte, die
er der Reihe nach bekämpft; die ursprünglichen Wortlustquellen
hält er fest und eröffnet sich von der Stufe des Scherzes an neue
Lustquellen durch die Aufhebung von Hemmungen. Die Lust,
die er erzeugt, sei sie nun Spiellust oder Aufhebungslust, können
wir alle Male von Ersparung an psychischem Aufwand ableiten,
falls solche Auffassung nicht dem Wesen der Lust widerspricht
und sich noch anderweitig fruchtbar erweist.*)
*) Eine kurze nachträgliche Berücksichtigung verdienen noch die
Unsinnswitze, die in der Darstellung nicht zu ihrem vollen Recht gelangtS.
Spielslust und Aufhebungsbust.
117
sind. Bei der Bedeutung, die unsere Auffassung dem Moment „Sinn im
Unsinn“ zugesteht, könnte man versucht sein zu fordern, daß jeder Witz
ein Unsinnswitz sein müsse. Dies ist aber nicht notwendig, weil nur das
Spiel mit Gedanken unvermeidlich zum Unsinn führt, die andere Quelle
der Witzeslust, das Spiel mit Worten, diesen Eindruck nur gelegentlich
macht und die mit ihm verbundene Kritik nicht regelmäßig aufruft. Die
zweifache Wurzel der Witzeslust — aus dem Spiel mit Worten und aus
dem Spiel mit Gedanken, die der wichtigsten Einteilung in Wort- und
Gedankenwitzen entspricht —, tritt einer knappen Formulierung all-
gemeiner Sätze über den Witz als fühlbare Erschwerung entgegen. Das
Spielen mit Worten ergibt offenkundige Lust infolge der oben aufgezählten
Momente des Erkennens usw. und ist der Unterdrückung infolgedessen
nur in geringem Maße unterlegen. Das Spiel mit Gedanken kann durch
solche Lust nicht motiviert werden; es ist einer sehr energischen Unter-
drückung verfallen, und die Lust, die es liefern kann, ist nur die Lust
der aufgehobenen Hemmung; die Witzeslust kann man demnach sagen,
zeige einen Kern von ursprünglicher Spiellust und eine Hülle von Auf-
hebungsbust. — Wir nehmen es natürlich nicht wahr, daß die Lust beim
Unsinnswitz daher rührt, daß es uns gelungen ist, einen Unsinn der Unter-
drückung zum Trotz frei zu machen, während wir ohne weiteres merken,
daß das Spielen mit Worten uns Lust bereitet hat. — Der Unsinn, der
im Gedankenwitz stehen geblieben ist, erwirbt sekundär die Funktion,
unsere Aufmerksamkeit durch Verblüffung zu spannen, er dient als Ver-
stärkungsmittel für die Wirkung des Witzes, aber nur dann, wenn er
aufdringlich ist, so daß die Verblüffung dem Verständnis um ein deut-
liches Zeitteilchen voraneilen kann. Daß der Unsinn im Witze überdies
zur Darstellung eines im Gedanken enthaltenen Urteils verwendet werden
kann, ist an den Beispielen S. 44 gezeigt worden. Auch dies ist aber
nicht die primäre Bedeutung des Unsinns im Witze.
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B. Synthetischer Teil1905-003/1905/M2
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