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    Diese Aufgabe scheint übergroß, man darf seine
    Verzagtheit eingestehen. Hier das Wenige, was ich
    erraten konnte.

    Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es –
    wörtlich so verstanden – in seiner Hand lag, sein
    Los auf der Erde durch Arbeit zu verbessern, konnte
    es ihm nicht gleichgültig sein, ob ein anderer mit oder
    gegen ihn arbeitete. Der andere gewann für ihn den
    Wert des Mitarbeiters, mit dem zusammen zu leben
    nützlich war. Noch vorher, in seiner affenähnlichen
    Vorzeit, hatte er die Gewohnheit angenommen, Fami-
    lien zu bilden; die Mitglieder der Familie waren
    wahrscheinlich seine ersten Helfer. Vermutlich hing die
    Gründung der Familie damit zusammen, daß das Be-
    dürfnis genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein
    Gast auftrat, der plötzlich bei einem erscheint und
    nach seiner Abreise lange nichts mehr von sich hören
    läßt, sondern sich als Dauermieter beim Einzelnen
    niederließ. Damit bekam das Männchen ein Motiv,
    das Weib oder allgemeiner: die Sexualobjekte bei sich

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    zu behalten; die Weibchen, die sich von ihren hilf-
    losen Jungen nicht trennen wollten, mußten auch in
    deren Interesse beim stärkeren Männchen bleiben.1

    1)Die organische Periodizität des Sexualvorgangs ist zwar er-
    halten geblieben, aber ihr Einfluß auf die psychische Sexualerre-
    gung hat sich eher ins Gegenteil verkehrt. Diese Veränderung
    hängt am ehesten zusammen mit dem Zurücktreten der Geruchs-
    reize, durch welche der Menstruationsvorgang auf die männliche
    Psyche einwirkte. Deren Rolle wurde von Gesichtserregungen über-
    nommen, die im Gegensatz zu den intermittierenden Geruchsreizen
    eine permanente Wirkung unterhalten konnten. Das Tabu der
    Menstruation entstammt dieser „organischen Verdrängung“ als Ab-
    wehr einer überwundenen Entwicklungsphase; alle anderen Moti-
    vierungen sind wahrscheinlich sekundärer Natur. (Vgl. C. D.
    Daly, Hindumythologie und Kastrationskomplex, Imago XIII, 1927).
    Dieser Vorgang wiederholt sich auf anderem Niveau, wenn die
    Götter einer überholten Kulturperiode zu Dämonen werden. Das
    Zurücktreten der Geruchsreize scheint aber selbst Folge der Ab-
    wendung des Menschen von der Erde, des Entschlusses zum auf-
    rechten Gang, der nun die bisher gedeckten Genitalien sichtbar
    und schutzbedürftig macht und so das Schämen hervorruft. Am
    Beginne des verhängnisvollen Kulturprozesses stünde also die Auf-
    richtung des Menschen. Die Verkettung läuft von hier aus über
    die Entwertung der Geruchsreize und die Isolierung der Periode
    zum Übergewicht der Gesichtsreize, Sichtbarwerden der Genitalien,
    weiter zur Kontinuität der Sexualerregung, Gründung der Familie
    und damit zur Schwelle der menschlichen Kultur. Dies ist nur eine
    theoretische Spekulation, aber wichtig genug, um eine exakte Nach-
    prüfung an den Lebensverhältnissen der dem Menschen nahe-
    stehenden Tiere zu verdienen.

    Auch in dem Kulturstreben nach Reinlichkeit, das in hygieni-
    schen Rücksichten eine nachträgliche Rechtfertigung findet, aber sich
    bereits vor dieser Einsicht geäußert hat, ist ein soziales Moment

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    In dieser primitiven Familie vermissen wir noch einen
    wesentlichen Zug der Kultur; die Willkür des Ober-
    hauptes und Vaters war unbeschränkt. In „Totem und
    Tabu“ habe ich versucht, den Weg aufzuzeigen, der
    von dieser Familie zur nächsten Stufe des Zusammen-
    lebens in Form der Brüderbünde führte. Bei der Über-

    unverkennbar. Der Antrieb zur Reinlichkeit entspringt dem Drang
    nach Beseitigung der Exkremente, die der Sinneswahrnehmung
    unangenehm geworden sind. Wir wissen, daß es in der Kinder-
    stube anders ist. Die Exkremente erregen beim Kinde keinen Ab-
    scheu, erscheinen ihm als losgelöster Teil seines Körpers wertvoll.
    Die Erziehung dringt hier besonders energisch auf die Beschleuni-
    gung des bevorstehenden Entwicklungsganges, der die Exkremente
    wertlos, ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen soll. Eine solche
    Umwertung wäre kaum möglich, wenn diese dem Körper ent-
    zogenen Stoffe nicht durch ihre starken Gerüche verurteilt wären,
    an dem Schicksal teilzunehmen, das nach der Aufrichtung des
    Menschen vom Boden den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die
    Analerotik erliegt also zunächst der „organischen Verdrängung“,
    die den Weg zur Kultur gebahnt hat. Der soziale Faktor, der die
    weitere Umwandlung der Analerotik besorgt, bezeugt sich durch
    die Tatsache, daß trotz aller Entwicklungsfortschritte dem Menschen
    der Geruch der eigenen Exkremente kaum anstößig ist, immer nur
    der der Ausscheidungen des Anderen. Der Unreinliche, d. h. der,
    der seine Exkremente nicht verbirgt, beleidigt also den Anderen,
    zeigt keine Rücksicht für ihn und dasselbe besagen ja auch die
    kräftigsten, gebräuchlichsten Beschimpfungen. Es wäre auch unver-
    ständlich, daß der Mensch den Namen seines treuesten Freundes
    in der Tierwelt als Schimpfwort verwendet, wenn der Hund nicht
    durch zwei Eigenschaften die Verachtung des Menschen auf sich
    zöge, daß er ein Geruchstier ist, das sich vor Exkrementen nicht
    scheut, und daß er sich seiner sexuellen Funktionen nicht schämt.

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    wältigung des Vaters hatten die Söhne die Erfahrung
    gemacht, daß eine Vereinigung stärker sein kann als
    der Einzelne. Die totemistische Kultur ruht auf den
    Einschränkungen, die sie zur Aufrechterhaltung des neuen
    Zustandes einander auferlegen mußten. Die Tabuvor-
    schriften waren das erste „Recht“. Das Zusammenleben
    der Menschen war also zweifach begründet durch den
    Zwang zur Arbeit, den die äußere Not schuf, und
    durch die Macht der Liebe, die von Seiten des Man-
    nes das Sexualobjekt im Weibe, von Seiten des Weibes
    das von ihr abgelöste Teilstück des Kindes nicht ent-
    behren wollte. Eros und Ananke sind auch die Eltern
    der menschlichen Kultur geworden. Der erste Kultur-
    erfolg war, daß nun auch eine größere Anzahl von
    Menschen in Gemeinschaft bleiben konnten. Und da
    beide großen Mächte dabei zusammenwirkten, könnte
    man erwarten, daß sich die weitere Entwicklung glatt
    vollziehen würde, zu immer besserer Beherrschung der
    Außenwelt wie zur weiteren Ausdehnung der von der
    Gemeinschaft umfaßten Menschenzahl. Man versteht
    auch nicht leicht, wie diese Kultur auf ihre Teilnehmer
    anders als beglückend wirken kann.

    Ehe wir noch untersuchen, woher eine Störung
    kommen kann, lassen wir uns durch die Anerkennung
    der Liebe als einer Grundlage der Kultur ablenken,
    um eine Lücke in einer früheren Erörterung auszufüllen.
    Wir sagten, die Erfahrung, daß die geschlechtliche

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    (genitale) Liebe dem Menschen die stärksten Befriedi-
    gungserlebnisse gewähre, ihm eigentlich das Vorbild
    für alles Glück gebe, müßte es nahegelegt haben, die
    Glücksbefriedigung im Leben auch weiterhin auf dem
    Gebiet der geschlechtlichen Beziehungen zu suchen, die
    genitale Erotik in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen.
    Wir setzten fort, daß man sich auf diesem Wege in
    bedenklichster Weise von einem Stück der Außenwelt,
    nämlich vom gewählten Liebesobjekt, abhängig mache
    und dem stärksten Leiden aussetze, wenn man von
    diesem verschmäht werde oder es durch Untreue oder
    Tod verliere. Die Weisen aller Zeiten haben darum
    nachdrücklichst von diesem Lebensweg abgeraten; er
    hat dennoch für eine große Anzahl von Menschen-
    kindern seine Anziehung nicht verloren.

    Einer geringen Minderzahl wird es durch ihre Kon-
    stitution ermöglicht, das Glück doch auf dem Wege
    der Liebe zu finden, wobei aber weitgehende seelische
    Abänderungen der Liebesfunktion unerläßlich sind.
    Diese Personen machen sich von der Zustimmung des
    Objekts unabhängig, indem sie den Hauptwert vom
    Geliebtwerden auf das eigene Lieben verschieben, sie
    schützen sich gegen dessen Verlust, indem sie ihre
    Liebe nicht auf einzelne Objekte, sondern in gleichem
    Maße auf alle Menschen richten, und sie vermeiden die
    Schwankungen und Enttäuschungen der genitalen Liebe
    dadurch, daß sie von deren Sexualziel ablenken, den

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    Trieb in eine zielgehemmte Regung verwandeln.
    Was sie auf diese Art bei sich zustande bringen, der
    Zustand eines gleichschwebenden, unbeirrbaren, zärt-
    lichen Empfindens hat mit dem stürmisch bewegten,
    genitalen Liebesleben, von dem es doch abgeleitet ist,
    nicht mehr viel äußere Ähnlichkeit. Der heilige Fran-
    ciscus von Assisi mag es in dieser Ausnützung
    der Liebe für das innere Glücksgefühl am weitesten
    gebracht haben; was wir als eine der Techniken der
    Erfüllung des Lustprinzips erkennen, ist auch vielfach
    in Beziehung zur Religion gebracht worden, mit der
    es in jenen entlegenen Regionen zusammenhängen mag,
    wo die Unterscheidung des Ichs von den Objekten
    und dieser von einander vernachlässigt wird. Eine ethi-
    sche Betrachtung, deren tiefere Motivierung uns noch
    offenbar werden wird, will in dieser Bereitschaft zur
    allgemeinen Menschen- und Weltliebe die höchste Ein-
    stellung sehen, zu der sich der Mensch erheben kann.
    Wir möchten schon hier unsere zwei hauptsächlichen
    Bedenken nicht zurückhalten. Eine Liebe, die nicht
    auswählt, scheint uns einen Teil ihres eigenen Wertes
    einzubüßen, indem sie an dem Objekt ein Unrecht tut.
    Und weiter: es sind nicht alle Menschen liebenswert.
    Jene Liebe, welche die Familie gründete, bleibt in
    ihrer ursprünglichen Ausprägung, in der sie auf direkte
    sexuelle Befriedigung nicht verzichtet, und in ihrer
    Modifikation als zielgehemmte Zärtlichkeit in der Kultur
     

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    weiter wirksam. In beiden Formen setzt sie ihre Funk-
    tion fort, eine größere Anzahl von Menschen an einander
    zu binden und in intensiverer Art, als es dem Interesse
    der Arbeitsgemeinschaft gelingt. Die Nachlässigkeit der
    Sprache in der Anwendung des Wortes „Liebe“ findet
    eine genetische Rechtfertigung. Liebe nennt man die
    Beziehung zwischen Mann und Weib, die auf Grund
    ihrer genitalen Bedürfnisse eine Familie gegründet haben,
    Liebe aber auch die positiven Gefühle zwischen Eltern
    und Kindern, zwischen den Geschwistern in der Familie,
    obwohl wir diese Beziehung als zielgehemmte Liebe,
    als Zärtlichkeit, beschreiben müssen. Die zielgehemmte
    Liebe war eben ursprünglich vollsinnliche Liebe und
    ist es im Unbewußten des Menschen noch immer.
    Beide, vollsinnliche und zielgehemmte Liebe greifen
    über die Familie hinaus und stellen neue Bindungen
    an bisher Fremde her. Die genitale Liebe führt zu
    neuen Familienbildungen, die zielgehemmte zu „Freund-
    schaften“, welche kulturell wichtig werden, weil sie
    manchen Beschränkungen der genitalen Liebe, z. B.
    deren Ausschließlichkeit entgehen. Aber das Verhältnis der
    Liebe zur Kultur verliert im Verlaufe der Entwicklung
    seine Eindeutigkeit. Einerseits widersetzt sich die Liebe
    den Interessen der Kultur, andererseits bedroht die Kultur
    die Liebe mit empfindlichen Einschränkungen.

    Diese Entzweiung scheint unvermeidlich; ihr Grund
    ist nicht sofort zu erkennen. Sie äußert sich zunächst

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    als ein Konflikt zwischen der Fami-
    ren Gemeinschaft, der der Einzelne angehört. Wir
    haben bereits erraten, daß es eine der Hauptbestrebun-
    gen der Kultur ist, die Menschen zu großen Einheiten
    zusammenzuballen. Die Familie will aber das Indivi-
    duum nicht freigeben. Je inniger der Zusammenhalt
    der Familienmitglieder ist, desto mehr sind sie oft ge-
    neigt, sich von anderen abzuschließen, desto schwieri-
    ger wird ihnen der Eintritt in den größeren Lebens-
    kreis. Die phylogenetisch ältere, in der Kindheit allein
    bestehende Weise des Zusammenlebens wehrt sich,
    von der später erworbenen kulturellen abgelöst zu
    werden. Die Ablösung von der Familie wird für jeden
    Jugendlichen zu einer Aufgabe, bei deren Lösung ihn
    die Gesellschaft oft durch Pubertäts- und Aufnahms-
    riten unterstützt. Man gewinnt den Eindruck, dies
    seien Schwierigkeiten, die jeder psychischen, ja, im
    Grunde auch jeder organischen Entwicklung anhängen.
    Ferner treten bald die Frauen in einen Gegensatz
    zur Kulturströmung und entfalten ihren verzögernden
    und zurückhaltenden Einfluß, dieselben, die anfangs
    durch die Forderungen ihrer Liebe das Fundament der
    Kultur gelegt hatten. Die Frauen vertreten die Interes-
    sen der Familie und des Sexuallebens; die Kulturar-
    beit ist immer mehr Sache der Männer geworden,
    stellt ihnen immer schwierigere Aufgaben, nötigt sie
    zu Triebsublimierungen, denen die Frauen wenig ge-

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    wachsen sind. Da der Mensch nicht über unbegrenzte
    Quantitäten psychischer Energie verfügt, muß er seine
    Aufgaben durch zweckmäßige Verteilung der Libido
    erledigen. Was er für kulturelle Zwecke verbraucht,
    entzieht er großenteils den Frauen und dem Sexual-
    leben: das beständige Zusammensein mit Männern,
    seine Abhängigkeit von den Beziehungen zu ihnen
    entfremden ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann
    und Vater. So sieht sich die Frau durch die Ansprüche
    der Kultur in den Hintergrund gedrängt und tritt zu
    ihr in ein feindliches Verhältnis.

    Von Seiten der Kultur ist die Tendenz zur Ein-
    schränkung des Sexuallebens nicht minder deutlich als
    die andere zur Ausdehnung des Kulturkreises. Schon
    die erste Kulturphase, die des Totemismus, bringt das
    Verbot der inzestuösen Objektwahl mit sich, vielleicht
    die einschneidendste Verstümmelung, die das mensch-
    liche Liebesleben im Laufe der Zeiten erfahren hat.
    Durch Tabu, Gesetz und Sitte werden weitere Ein-
    schränkungen hergestellt, die sowohl die Männer als
    die Frauen betreffen. Nicht alle Kulturen gehen darin
    gleich weit; die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft
    beeinflußt auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit.
    Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang
    der ökonomischen Notwendigkeit folgt, da sie der
    Sexualität einen großen Betrag der psychischen Energie
    entziehen muß, die sie selbst verbraucht. Dabei be-
     

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    nimmt sich die Kultur gegen die Sexualität wie ein
    Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung, die
    eine andere ihrer Ausbeutung unterworfen hat. Die
    Angst vor dem Aufstand der Unterdrückten treibt zu
    strenger Vorsichtsmaßregeln. Einen Höhepunkt sol
    cher Entwicklung zeigt unsere westeuropäische Kultur.
    Es ist psychologisch durchaus berechtigt, daß sie da
    mit einsetzt, die Äußerungen des kindlichen Sexual-
    lebens zu verpönen, denn die Eindämmung der sexu-
    ellen Gelüste des Erwachsenen hat keine Aussicht,
    wenn ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet wurde.
    Nur läßt es sich auf keine Art rechtfertigen, daß die
    Kulturgesellschaft so weit gegangen ist, diese leicht
    nachweisbaren, ja auffälligen Phänomene auch zu leug
    nen. Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums
    wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt, die
    meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen
    untersagt. Die in diesen Verboten kundgegebene For
    derung eines für Alle gleichartigen Sexuallebens setzt
    sich über die Ungleichheiten in der angeborenen und
    erworbenen Sexualkonstitution der Menschen hinaus,
    schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexual-
    genuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerech
    tigkeit. Der Erfolg dieser einschränkenden Maßregeln
    könnte nun sein, daß bei denen, die normal, die nicht
    konstitutionell daran verhindert sind, alles Sexualinter-
    esse ohne Einbuße in die offen gelassenen Kanäle ein
     

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    strömt. Aber was von der Ächtung frei bleibt, die
    heterosexuelle, genitale Liebe wird durch die Be-
    schränkungen der Legitimität und der Ehe weiter
    beeinträchtigt. Die heutige Kultur gibt deutlich zu er-
    kennen, daß sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund
    einer einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes
    an ein Weib gestatten will, daß sie die Sexualität als
    selbständige Lustquelle nicht mag und sie nur als bis-
    her unersetzte Quelle für die Vermehrung der Men-
    schen zu dulden gesinnt ist.

    Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß
    es sich als undurchführbar, selbst für kürzere Zeiten, er-
    wiesen hat. Nur die Schwächlinge haben sich einem so
    weitgehenden Einbruch in ihre Sexualfreiheit gefügt,
    stärkere Naturen nur unter einer kompensierenden
    Bedingung, von der später die Rede sein kann. Die
    Kulturgesellschaft hat sich genötigt gesehen, viele Über-
    schreitungen stillschweigend zuzulassen, die sie nach
    ihren Satzungen hätte verfolgen müssen. Doch darf man
    nicht nach der anderen Seite irre gehen und annehmen,
    eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos,
    weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das Sexual-
    leben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es
    macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung
    befindlichen Funktion, wie unser Gebiß und unsere
    Kopfhaare als Organe zu sein scheinen. Man hat wahr-
    scheinlich ein Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung

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    als Quelle von Glücksempfindungen, also in der Er-
    füllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachge-
    lassen hat.1) Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei
    nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am
    Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Be-
    friedigung und dränge uns auf andere Wege. Es mag
    ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden.2)

    1)Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers J. Gals-
    worthy, der sich heute allgemeiner Anerkennung erfreut, schätzte
    ich früh eine kleine Geschichte, betitelt: „The Appletree“. Sie
    zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben des heutigen Kultur-
    menschen für die einfache, natürliche Liebe zweier Menschenkinder
    kein Raum mehr ist.

    2)Folgende Bemerkungen, um die oben ausgesprochene Ver-
    mutung zu stützen: Auch der Mensch ist ein Tierwesen von un-
    zweideutig bisexueller Anlage. Das Individuum entspricht einer
    Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften, von denen nach An-
    sicht mancher Forscher die eine rein männlich, die andere weib-
    lich ist. Ebensowohl ist es möglich, daß jede Hälfte ursprünglich
    hermaphroditisch war. Die Geschlechtlichkeit ist eine biologische
    Tatsache, die, obwohl von außerordentlicher Bedeutung für das
    Seelenleben, psychologisch schwer zu erfassen ist. Wir sind gewohnt
    zu sagen: jeder Mensch zeige sowohl männliche als weibliche
    Triebregungen, Bedürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter des
    Männlichen und Weiblichen kann zwar die Anatomie, aber nicht
    die Psychologie aufzeigen. Für sie verblaßt der geschlechtliche Gegen-
    satz zu dem von Aktivität und Passivität, wobei wir allzu unbe-
    denklich die Aktivität mit der Männlichkeit, die Passivität mit der