Josef Breuer † 1925-052/1928

Freud, Sigmund (1925-052/1928): Josef Breuer †

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    Josef Breuer †

    Erschienen in der „Internationalen Zeitschrift 
    für Psychoanalyse“, Bd. XI (!921), Heft 2.

    Am 20. Juni 1925 starb in Wien im vierundachtzigsten Lebensjahre 
    Dr. Josef Breuer, der Schöpfer der kathartischen Methode, dessen Name 
    darum unauslöschlich mit den Anfängen der Psychoanalyse verknüpft ist.

    Breuer war Internist, ein Schüler des Klinikers Oppolzer; in jüngeren 
    Jahren hatte er bei Ewald Hering über die Physiologie der Atmung ge-
    arbeitet, später noch, in den spärlichen Mußestunden einer ausgedehnten 

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    ärztlichen Praxis beschäftigte er sich erfolgreich mit Versuchen über die 
    Funktion des Vestibularapparates bei Tieren. Nichts an seiner Ausbildung 
    konnte die Erwartung wecken, daß er die erste entscheidende Einsicht in 
    das uralte Rätsel der hysterischen Neurose gewinnen und einen Beitrag von 
    unvergänglichem Wert zur Kenntnis des menschlichen Seelenlebens leisten 
    werde. Aber er war ein Mann von reicher, universeller Begabung und seine 
    Interessen griffen nach vielen Richtungen weit über seine fachliche Tätigkeit 
    hinaus.

    Es war im Jahre 1880, daß ihm der Zufall eine besondere Patientin 
    zuführte, ein ungewöhnlich intelligentes Mädchen, das während der Pflege 
    seines kranken Vaters in schwere Hysterie verfallen war. Was er an 
    diesem berühmten „ersten Fall“ getan, mit welch unsäglicher Mühe und Geduld 
    er die einmal gefundene Technik durchgeführt, bis die Kranke von all ihren 
    unbegreiflichen Leidenssymptomen befreit war, was für Verständnis für die 
    seelischen Mechanismen der Neurose er dabei gewonnen, das erfuhr die Welt 
    erst etwa vierzehn Jahre später aus unserer gemeinsamen Publikation „Studien 
    über Hysterie“ (1895), leider auch dann nur in stark verkürzter und durch 
    die Rücksicht auf ärztliche Diskretion zensurierter Form.

    Wir Psychoanalytiker, die längst damit vertraut sind, einem einzelnen 
    Kranken Hunderte von Stunden zu widmen, können uns nicht mehr vorstellen, 
    wie neuartig eine solche Bemühung vor 45 Jahren erschienen sein 
    muß. Es mag ein großes Stück persönlichen Interesses und ärztlicher Libido, 
    wenn man so sagen darf, dazugehört haben, aber auch ein ziemliches Ausmaß 
    von Freiheit des Denkens und unbeirrter Auffassung. Zur Zeit unserer „Studien“ 
    konnten wir uns bereits auf die Arbeiten von Charcot und auf die Unter-
    suchungen von Pierre Janetbeziehen, die damals einem Teil der Breuerschen 
    Entdeckungen die Priorität entzogen hatten. Aber als Breuer seinen ersten 
    Fall behandelte (1881/82), war von alledem noch nichts vorhanden. Janets
    „Automatisme Psychologique“ erschien 1889, sein anderes Werk „L’état mental 
    des Hystériques“ erst 1892. Es scheint, daß Breuer durchaus originell forschte, 
    nur durch die Anregungen geleitet, die ihm der Krankheitsfall bot. 

    Ich habe wiederholt – zuletzt in meiner „Selbstdarstellung“ (1925) in 
    Grotes Sammlung „Die Medizin der Gegenwart“ – meinen Anteil an den 
    gemeinsam veröffentlichten „Studien“ abzugrenzen versucht. Mein Verdienst 
    bestand im wesentlichen darin, bei Breuer ein Interesse, das erloschen schien, 
    wieder belebt und ihn dann zur Publikation gedrängt zu haben. Eine gewisse 
    Scheu, die ihm eigen war, eine innere Bescheidenheit, die an der glänzenden 
    Persönlichkeit des Mannes überraschen mußte, hatten ihn bewogen, seinen 

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    erstaunlichen Fund durch so lange Zeit geheimzuhalten, bis dann nicht
    mehr alles an ihm neu war. Ich bekam später Grund zur Annahme, daß
    auch ein rein affektives Moment ihm die weitere Arbeit an der Aufhellung
    der Neurose verleidet hatte. Er war mit der nie fehlenden Übertragung der
    Patientin auf den Arzt zusammengestoßen und hatte die unpersönliche Natur
    dieses Vorganges nicht erfaßt. Zur Zeit, als er meinem Einfluß nachgab
    und die Publikation der „Studien“ vorbereitete, schien sein Urteil über deren
    Bedeutung gefestigt. Er äußerte damals: Ich glaube, das ist das Wichtigste,
    was wir beide der Welt mitzuteilen haben werden.

    Außer der Krankengeschichte seines ersten Falles hat Breuer zu den
    „Studien“ einen theoretischen Aufsatz beigetragen, der weit davon entfernt,
    veraltet zu sein, vielmehr Gedanken und Anregungen birgt, die noch immer
    nicht genug ausgewertet worden sind. Wer sich in diese spekulative Ab-
    handlung vertieft, wird den richtigen Eindruck von dem geistigen Format
    des Mannes davontragen, dessen Forscherinteresse sich leider nur während
    einer kurzen Episode seines langen Lebens unserer Psychopathologie zu-
    gewendet hat.